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LEO WEISGERBER
Die sprachliche
Gestaltung der Welt


Das Weltbild der Mundart
Das Worten der Welt
Erschließung der Natur
Was ist "sauer"? Sauer gibt es zunächst und primär nur als Wort in der neuhochdeutschen Sprache.

Aus dem Grundgedanken von der Sprache als einer geistgestaltenden Kraft folgt als erste Aufgabe, eine daraus gewonnene "geistige Welt" - von deren Vorhandensein ja kaum jemand etwas ahnt - überhaupt einmal aufzuzeigen, ihren "Bestand" festzustellen, ihren Aufbau bewußt zu machen. Auch die inhaltbezogene Betrachtungsweise steht unter der Bedingung, daß sie zunächst einmal "grammatisch" verfahren, Sprachinhalte "feststellen" muß.

Um solche uns noch recht ungewohnten Gedankengänge etwas zu illustrieren, soll an einem Beispiel die Entwicklung der Fragestellung aufgezeigt werden. Die Untersuchung des Wortschatzes möge etwa das deutsche Wortgut für Geschmacksempfindungen aufgegriffen haben. Sie hat dafür zunächst die lautbezogene Materialsammlung des alphabetischen Wörterbuchs ausgewertet, indem sie nach diesem Gesichtspunkt "sachlich" zusammengehörige Wörter zusammengestellt hat, etwa im Sinne von WEHRLE-EGGERS Nr. 390-397 (Gruppen Geschmacksempfindung, Geschmacklosigkeit, scharfer Geschmack, Würze, Schmackhaftigkeit, Unschmackhaftigkeit, Süße, Säure mit jeweils eingeordneten Substantiven, Verben und Adjektiven.)

Prüfen wir nun ein solches Verfahren an unserem Beispiel, so kommen wir zu recht aufschlußreichen Beobachtungen. Angenommen, die in der Feldgliederung  bitter  -  salzig  -  sauer  -  süß  beschlossene Ordnung sei "objektiv", mindestens außersprachlich begründet, dann müßte ihre Geltung aus außersprachlichen Verhältnissen und Bedingungen ausreichend ableitbar sein. Wo können diese Bedingungen vorliegen? In der Außenwelt, der uns umgebenden Natur? Das würde uns also in diesem Falle zu Naturerscheinungen führen, die die Chemie wissenschaftlich erforscht, und wir müßten die Chemie fragen, ob aus ihren Befunden die Ordnung der Geschmacksempfindungen in dem genannten Sinne ablesbar ist. Es ist bekannt, daß die Chemie das nicht kann. Weder ist sie in der Lage, chemisch abzuleiten, welche Stoffe als Geschmacksreize wirksam werden, noch läßt sich eine durchgehende Zuordnung von bestimmten chemischen Bedingungen zu bestimmten Qualitäten der Geschmacksempfindungen feststellen. Nun sollte uns das nicht unerwartet sein. Geschmacksempfindungen kann es nur geben, wo chemische Anstöße auf ein Sinnesorgan eines Lebewesens treffen, das diese Anstöße als Geschmacksreize aufzunehmen und diesen Reizen die Wirkung von Empfindungen zu verleihen vermag. Die Begründung für die menschliche Ordnung der Geschmacksempfindungen wird kaum im chemischen Aufbau der Stoffwelt, also in der Außenwelt als solcher, zu suchen sein.

Aber es liegt nun nahe, als entscheidenden Faktor den physiologischen Aufbau des Sinnesorgans einzubeziehen: sollten nicht die Aufnahmeorgane des menschlichen Geschmackssinnes so gebaut sein, daß sie notwendig auf die Qualitäten  süß, sauer usw.  hinführten? Damit wäre dann eine außersprachliche Begründung gewonnen und das Bild der "Sprachlichen Zwischenwelt" als Folgeerscheinung, als "Reflex" des Körperlich-Physischen zu werten. Das erscheint auf den ersten Blick einleuchtend, und niemand wird bestreiten, daß alle Geschmacksempfindungen gebunden sind an spezifische Reaktionen von sinnlichen Aufnahmeorganen auf chemische Reize (wobei auch auf die Wirkungsweise des auflösenden Speichels zu achten ist). Aber damit sind wir doch noch nicht im Besitze einer Erklärung für "Sinnesqualitäten", wie sie in Wörtern wie  bitter, süß  gefaßt sind. Ja, wir müssen im Hinblick auf unsere Ausgangsfrage nach der Stelle, an der eine Geschmacksqualität wie  bitter  begründet sein kann, sagen, daß bis hierhin noch nicht einmal der Ort erreicht ist, an dem diese Frage sinnvoll gestellt werden kann.

Wir müssen also zuerst das Problem methodisch richtig fassen, bevor wir die Stellung dieser Wörter sachgemäß beurteilen können. Der Hauptgrund, weshalb wir von der physiologischen Untersuchung des Geschmacksinnes keine unmittelbare Erklärung für die Geschmacks wörter  erwarten können, deutet sich schon darin an, daß die physiologische Forschung, soweit sie sich auf anatomische  Befunde  stützt, von sich aus gar nicht auf die Frage nach Qualitäten wie  bitter  käme. Denn es ist bisher nichts bekanntgeworden, wonach die Anatomie in der Struktur der Sinnesorgane selbst, im zellenmäßigen Aufbau der Geschmacksknospen, irgend etwas festgestellt hätte, was auf anatomisch begründbare Unterscheidungen von Grundqualitäten oder auf spezifische Zuordnungen von bestimmten Aufnahmeorganen zu bestimmten Reizen hinwiese.

Mit  physiologischen Methoden  kommt man gewiß weiter: man beobachtet verschiedene Reaktionen des Lebewesens auf verschiedene Reize und schließt daraus mit Recht auf spezifische Empfindungen. Aber auch von dieser Stelle aus läßt sich methodisch noch nicht die Frage nach der sinnlichen Grundlage von Qualitäten wie  bitter  ableiten. Denn wenn die Physiologie darangeht zu prüfen, ob die einzelnen (anatomisch nicht unterscheidbaren) Geschmacksknospen oder Papillen zu typisch verschiedenen Reaktionen führen, dann kann sie im Grunde nur charakteristische Wirkungen einzelner Schmeckstoffe feststellen; dagegen kann sie als Physiologie nichts ausagen über Sinnesqualitäten der genannten Art. Wenn sie aber nun, wie es meist geschieht, ihre Versuchspersonen darauf befragt, zu welchen Empfindungen die einzelnen Reize führen, dann macht sie einen  Sprung  in doppeltem Sinne. Einmal legt sie ihrer Versuchsanordnung eine Fragestellung zugrunde, auf die sie von ihren eigenen Erkenntnismöglichkeiten aus nicht käme (also etwa in der Versuchsanordnung, ob es Geschmacksknospen gibt, die nur auf süße oder nur auf sauere Reize reagieren: diese süßen oder saueren Reizstoffe sind auf keiner der bisherigen Stufen, der chemischen oder der anatomischen oder der physiologischen, begründbar). Sodann werden ihre Ergebnisse nun "vermittelt" durch sprachlich mitbedingte Reaktionen der Versuchspersonen (gleichgültig, ob diese "verlautbart" werden oder ob sie notwendig an irgendeiner Stelle eines Tests eingebaut sind).

Damit kommt also unvermeidlich Sprachliches in den Untersuchungsgang hinein, und es ist vor allem offensichtlich, daß die Frage nach Sinnesqualitäten überhaupt erst durch dieses Sprachliche möglich wird. Wenn die Physiologie nun ihren Gegenstand, hier also den Geschmackssinn, auf diese Qualitäten hin weiter untersucht, dann arbeitet sie nicht mehr auf rein physiologischer Grundlage, sondern sie hat in doppelter Weise Sprachliches in ihren Gegenstand einbezogen.

Das konnte man für unbedenklich halten, solange man Sprache nur als äußere Form, als bloße Lautmarke für Tatbestände oder Gehalte außersprachlicher Herkunft betrachtete. Wenn aber Sprache immer eine Ganzheit von Laut und Inhalt ist, wenn wir mit einer sprachlichen, ja sogar einer muttersprachlichen Zwischenwelt rechnen müssen, dann stoßen wir hier unvermeidlich auf die Frage: ja, wo gibt es denn  sauer,  wo gibt es  bitter?  in der Weise, daß wir eine ausreichende Begründung für die geistigen Gebilde finden können, die hier offenbar mitspielen. Die Natur konnte uns diese Begründung nicht liefern, weder die außermenschliche im Sinne des Chemischen noch die menschliche im Sinne des Anatomisch-Physiologischen.

Aber auch die einfache Zuflucht zum Psychischen kann nicht helfen. Denn auch mit psychologischen Methoden kommen wir zu keinen reinen Ergebnissen. Nicht nur gilt, daß die psychologischen Untersuchungsweisen noch stärker auf Sprachmittel angewiesen sind, und das heißt, in ihre Versuchsanordnungen noch viel mehr sprachliche Bedingungen aufnehmen müssen als die physiologischen (und bekanntlich hängen auch in der Wissenschaft die Antworten weithin von der Art der Fragestellung ab). Vor allem werden die Versuchspersonen selbst nun unmittelbar als "sprachgebildete" angesprochen, und zwar unvermeidbar in doppelter Weise: sie sind nicht "reine" Versuchspersonen, sondern Menschen, die durch die Erlernung der Muttersprache in einem gar nicht auszuschaltenden Umfang sprachlich geformt sind; und sie stehen fortgesetzt in der Notwendigkeit, über Psychisches unmittelbar oder mittelbar sprachlich Auskunft zu geben. Und damit ist die Sprache in einem solchen Umfang unter die Vorbedingungen des psychologischen Verfahrens eingegangen, daß gar keine reinen, d. h. nicht durch sprachliche Voraussetzungen mitbedingten Ergebnisse möglich sind. Eine Hoffnung also, durch psychologische Forschung unmittelbar festzustellen, ob eine Qualität wie  sauer  psychologisch etwa als allgemeinmenschlich nachgewiesen und damit in einer Sphäre des "Menschlich-Seelischen" begründet werden kann, ist nicht gegeben.

Man sieht deutlich, daß zu allen diesen Fragen erst der richtige methodische Zugang gebahnt werden muß. Und den Anfang des Weges, der uns dann wieder an das Psychische, an das Körperliche, an das Chemische, aber nun in richtiger Sehweise heranführen kann - den Anfang dieses Weges finden wir nur, wenn wir auf die Frage: Wo "gibt es"  sauer?  die einzig haltbare Antwort geben:  sauer  gibt es zunächst und primär als Wort in der nhd. Sprache. Man muß diesen Gedanken genau und vollständig durchdenken. Denn er erscheint auf den ersten Blick entweder banal oder absurd. Banal, wenn man unter Wort die Lautform versteht; daß die Lautform  sauer  zur nhd. Sprache gehört, ist so wenig bezweifelbar, daß es einer ausdrücklichen Feststellung nicht bedarf. Absurd, wenn man nur den "sachlichen" Untergrund des Sauern sieht, soweit er im Chemisch-Körperlichen liegt, dort sicher nichts mit der Sprache zu tun hat und als sinnlicher Gehalt von dem Wort  sauer  unabhängig erscheint. Aber diese Feststellung wird sinnvoll, sobald man Sprache als Ganzheit von Laut und Inhalt sieht, das Wort  sauer  also als Ganzheit eines sprachlichen Lautkörpers und eines sprachlichen Inhalts. Denn nun wird einsichtig, daß in der "selbstverständlichen" Zugehörigkeit des Wortes  sauer  zur nhd. Sprache das Wichtigste das sprachliche Dasein des Wortinhalts sauer ist. Das wird so gut wie immer übersehen, während man doch gerade diesen entscheidenden Punkt beachten muß, wenn man zum Ansatz einer Antwort auf die Frage "Wo gibt es  sauer?"  kommen will. Diese Feststellung der Zugehörigkeit der Wortinhalte zur Sprache muß hier nachdrücklich in Erinnerung gerufen werden, denn sie ermöglicht erst, die Frage nach dem Ort des Daseins solcher Gebilde weiterzuführen zu der Frage nach der Art ihres Daseins.

Damit nähern wir uns dem entscheidenden Punkt. Wer auf die Frage: "Wo gibt es  sauer?"  antwortet, daß  sauer  zunächst nur als lautlich-inhaltliche Ganzheit, als Wort der nhd. Sprache gefaßt werden kann, der muß sich auch auf die Frage Antwort suchen: Wie kann es denn  sauer  als Bestandstück der nhd. Sprache geben, wenn damit mehr als das Vorhandensein der Lautform  sauer  behauptet ist? Was ist das, ein "Wortinhalt"  sauer?  Was meinen wir damit, wenn wir sein "Dasein" in die nhd. Sprache verlegen? Allgemein: Wie ist das muttersprachliche Dasein von Wortinhalten zu verstehen?

Die Wandlung, die diese Fragestellung für die Sprachwissenschaft selbst mit sich bringt, läßt sich am besten so verstehen: Wir haben bisher von "sprachlichen Inhalten" in einem letztlich statischen Sinne gesprochen, und wenn wir sie als "geistige Gegenstände" begreiflich zu machen suchten, so waren gewiß diese "Gegenstände" der Seinsebene nach abgehoben von den "Dingen" und "Sachen"; aber die enge Parallelität von Lautform und Inhalt ließ beim grammatischen Bewußtmachen den Charakter des "Gegenständlichen" wieder allzusehr in die Nähe des "abgeschlossen Bestehenden" rücken. Nun sind wir aber mit erneutem Nachdruck darauf hingewiesen, daß wir hier noch allzusehr dem Grundzug grammatischer Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] folgen, etwas statisch festzulegen suchen, was seinem Wesen nach nur energetisch gesehen werden darf. "Sprachliche Inhalte", "geistige Gegenstände" gibt es immer nur im Sinne "sprachlicher Wirksamkeit", als Formen geistigen Zugriffes auf das Sein, als Wege sprachlicher Gestaltung der Welt. Das Beispiel, an dem wir unsere Fragen zu klären suchten, führt uns eindeutig zu dieser Folgerung. Unsere Suche nach der Begründung der Qualität  sauer  im Körperlichen oder Seelischen erwies sich vor allem deshalb als aussichtslos, weil wir nirgends eine Ableitung aus bereits bestehenden, reinen Verhältnissen des Physischen, des Psychischen gewinnen konnten, sondern in den Untersuchungen der Physiologie, der Psychologie bereits Wirkungen antrafen, in denen sich das Dasein des Wortes  sauer  bemerkbar machte.

Wir registrierten diese Wirkungen zunächst in der Form, daß wir den Wort"inhalt"  sauer  als in die Bedingungen der Fragestellungen der mit ihm arbeitenden Wissenschaften eingegangen feststellten. Und unsere zunehmende Beunruhigung rührte daher, daß wir nicht übersehen konnten, was mit diesen Sprach"mitteln" in die Fragen und Antworten dieser Wissenschaften hineingekommen ist. Es folgt also, daß wir Genaueres über die Struktur dieser Sprachmittel aussagen müssen, wenn wir ihre Rolle bei jenen wissenschaftlichen Untersuchungen, die ja zugleich eine Ein"wirkung" auf die wissenschaftlichen Ergebnisse umschließt, beurteilen wollen. "Wie gibt es in der Sprache  sauer?"  Im Sinne der inhaltbezogenen Grammatik konnten wir darauf erst antworten: als "geistigen Gegenstand", als Ergebnis geistiger Verarbeitung der Erscheinungen. Aber es ist offenbar, daß mit diesem "Feststellen eines Ergebnisses" der Sachverhalt als solcher noch nicht ausreichend gefaßt ist. Die wesentliche Frage ist ja, was hinter diesem Ergebnis steht, welche Kräfte das zustande bringen, was wir in einem festgestellten Ergebnis bewußt zu machen suchen. Und da ist es offenbar, daß wir ebenso wie die Wirkungen des "Seienden" auch die Kräfte des Sprachlichen selbst ins Auge zu fassen haben. Das besagt aber nichts anderes, als daß wir ansetzen müssen bei der sprachlichen Umwandlung von Seiendem in bewußtes Sein. Sprachinhalte dürfen wir nicht erwarten in der Daseinsform bloßer "Reflexe", als Spiegelungen irgendwo anders vorgegebener Strukturen, sondern immer nur als Vollzug der geistigen Auseinandersetzung gestaltender sprachlicher Kräfte mit dem "Seienden". Und damit sind wir bei der Sprache als Energeia, bei der energetischen Sprachbetrachtung, die uns eine Antwort ermöglicht auf die Frage, wie es sprachliche "Inhalte" in einer Muttersprache geben kann. Offenbar genügt es nicht, wenn wir auf dem Wege der inhaltbezogenen Grammatik den inhaltlichen, Bestand" einer Sprache feststellen.

So gewiß das eine Arbeit von unschätzbarer Bedeutung ist, so setzt nun gegenüber ihrem grammatischen Verfahren erst die eigentliche sprachwissenschaftliche Aufgabe ein, diesen "Bestand" zu verstehen als Wirkungsform sprachlicher Welterschließung: jedes Wort, jedes Redemittel mitbeteiligt an dem endlosen Vorgang des "Umschaffens der Welt in das Eigentum des Geistes". Dann verliert, um bei unserem Beispiel zu bleiben, die Feststellung, daß wir die Geschmacks"qualität"  sauer  zunächst einmal von ihrer sprachlichen Ausprägung her aufhellen müssen, den Anschein des Widerspruchsvollen. Wir müssen die unbezweifelbare Tatsache in Rechnung stellen, daß jede Sprachgemeinschaft in ihrer Muttersprache sich seit Jahrtausenden mit all den Bedingungen und Tatbeständen, die im Bereich der Geschmacksempfindungen eine Rolle spielen, geistig auseinandergesetzt hat, daß sie auch in diesem Bereich "geistige Gegenstände" geschaffen oder besser sprachliche Zugriffe gebahnt hat, nämlich Verfahrensweisen, durch die ihre Angehörigen den geistigen Zugang zu diesen Reizen und Empfindungen gewinnen, Wege, die jedem von uns mit der Spracherlernung so selbstverständlich geworden sind, daß er sie für natürlich hält und ihre Begründung überall anders sucht, nur nicht an der wichtigsten Stelle, in der Muttersprache.

Einen Einblick in diese Zusammenhänge und damit den richtigen Ansatz zur Lösung aller weiteren Probleme eröffnet erst die Frage nach dem "Wie" des Daseins der Sprachinhalte: wie kann es  sauer  als Bestandstück der muttersprachlichen Welterschließung geben? Dieser Gesichtspunkt, daß auch ein solches Wort primär in seinem "Inhalt" als Erscheinung sprachlicher Energeia zu fassen ist, gibt den Schlüssel zum Verständnis alles Sprachlichen - und alles hinter der Sprache Liegenden. Man verstehe das richtig: Wenn wir auf die Fragen, wo und wie es  sauer  gibt, antworten, daß es sauer zunächst einmal als Wort, und zwar als lautlich-inhaltliche Ganzheit, im Neuhochdeutschen gibt und daß der Inhalt  sauer  nur hier Dasein hat als Zugriff sprachlicher Welterschließung, dann soll damit in keiner Weise gesagt sein, daß der ganze Bereich des Geschmacklichen aus der Sprache herausgesponnen sei oder gar in diesem Sinne nur ein "sprachliches Dasein" habe.

Über Art und Aufbau des Physischen und Chemischen wird gar kein Urteil abgegeben. Behauptet wird nur, daß der Wortinhalt  sauer  ein "geistiger Gegenstand" ist, der sich nun als "geistige Energie" erweist in dem Sinne, daß sie dem menschlichen Bewußtsein gemäß der Gestaltungskraft der Sprache das Herübernehmen von Erscheinungen des Seienden in die Welt des Bewußt-Seins ermöglicht und daß dieses Herübernehmen nur vollziehbar ist im Sinne von HUMBOLDTs "Umschaffen der Welt in das Eigentum des Geistes". Diesen energetischen Charakter der sprachlichen "Zwischenwelt" muß man durchschauen, wenn man überhaupt die Frage nach dem "Sein" und seiner Eigengesetzlichkeit richtig stellen will. Und Vorbedingung auch nur für den Anfang einer Lösung ist dabei, daß man den Vollzug dieses "sprachlichen Umschaffens" beurteilen kann. Damit wird die systematische Stellung der Untersuchung der Sprache als geistgestaltender Kraft offenbar und die Forderung unabweisbar, daß wir von der statischen Fest-stellung von Sprachinhalten weiterschreiten zu einem Aufdecken der sich darin bekundenden Kraft sprachlicher Weltgestaltung.
LITERATUR - Leo Weisgerber, Die sprachliche Gestaltung der Welt, Düsseldorf 1973