p-4ra-1ra-3H. SteinthalE. Meumannvon Rozwandowski    
 
HEYMAN STEINTHAL
Grammatik, Logik und Psychologie
[und ihr Verhältnis zueinander]
[2/2]

"Ein organisches Ding ist ein von der Natur gesetzter und ausgeführter Zweck. So berechtigt nun auch diese Betrachtungsweise der Natur ist, oder vielmehr ganz abgesehen von der Berechtigung, auf die es uns hier nicht ankommt, ist aber das hervorzuheben, daß der Begriff des Organismus, auf der Kategorie des  Zwecks  beruhend, gar keinen materialen, sondern einen formalen Gehalt hat: daß er kein gegenständliches Merkmal am Ding, sondern eine Betrachtungsweise des Dings bezeichnet; daß er kein konstitutiver, sondern ein methologischer Begriff ist."

"Es ist ein allgemeines Gesetz der lebenden Natur, daß in ihr jede Tätigkeit in einem Stoff, jedes Geistige in einem Leiblichen in Erscheinung tritt und in der leiblichen Erscheinung seine Begrenzung und Gestaltung findet. Nach diesem Gesetz tritt auch der Gedanke notwendig in Erscheinung und wird ein Leibliches in der Sprache. Die Sprache ist nichts anderes als der in Erscheinung tretende Gedanke und beide sind innerlich nur ein und dasselbe."


Erster Teil
Die logische Grammatik

A. Becker
1. Beckers mangelhaftes Prinzip

BECKER legt überall das größte Gewicht auf den Satz:  Die Sprache  ist nach ihrem Ursprung wie in ihrer inneren Einrichtung und in allen ihren Verhältnissen  organisch;  er macht ihn zum Ausgangs-, Ziel- und Mittelpunkt seines Sprachsystems und glaubt dadurch die  neue  Sprachwissenschaft geschaffen zu haben. Prüfen wir also, was mit jenem Satz gesagt wird. Zunächst haben wir zu sehen, was Organismus überhaupt bei BECKER bedeutet; und dann, wie sich die Sprache organisch zeigt.


a) Organismus im Allgemeinen

§ 1. Grundbestimmung

BECKER eröffnet sein Werk "Organismus der Sprache" mit einer ausführlichen Darlegung der genannten beiden Punkte. Es heißt hinsichtlich des ersteren sogleich am Anfang (§ 1):
    "Es ist ein allgemeines Gesetz der lebenden Natur, daß in ihr jede Tätigkeit in einem Stoff, jedes Geistige in einem Leiblichen in die Erscheinung tritt, und in der leiblichen Erscheinung seine Begrenzung und Gestaltung findet."
Hierauf beruth nach BECKER, wie in § 4 bestimmter ausgesprochen wird das Wesen des Organismus:
    "Das allgemeine Leben der Natur wird zu einem  organischen  Leben, indem es in seinen Besonderheiten in Erscheinung tritt: jedes organische Ding ist als eine leiblich gewordene Besonderheit des allgemeinen Lebens, gleichsam als ein leiblich gewordener Gedanke der Natur anzusehen."
In beiden Sätzen ist offenbar dasselbe gesagt, mit dem Unterschied, daß was im ersten Satz als Gesetz innerhalb der Natur gilt, im anderen von der ganzen Natur als einer Einheit gesprochen wird. BECKER denkt sich die Natur, das All vielmehr, als  ein  lebendes Wesen. Wir haben es also hier mit der Anschauung von einem All-Leben zu tun, welches auch den Geist, das geistige Leben in sich schließt. Es will uns aber scheinen, als wenn BECKER seine Ansicht nicht recht scharf ausgedrückt hat. Wir nehmen Anstoß an den Worten: "das allgemeinen Leben  wird  zu einem organischen Leben." Ist denn das allgemeine Leben nicht schon ansich organisch? muß es das erst werden? ist etwa ein nicht oder noch nicht organisches Leben, ein Geistiges, eine Tätigkeit außerhalb eines Leiblichen, eines Stoffes, bevor sie in diese eingegangen sind, wirklich annehmbar? BECKERs Ansicht ist das schwerlich; und wir fürchten kaum zu irren, wenn wir ihn folgendermaßen verstehen. Wie aus dem Parallelismus der beiden angeführten Sätze und auch aus den Worten des letzteren: "jedes organische Ding ist als eine leiblich gewordene Besonderheit des allgemeinen Lebens, gleichsam als ein leiblich gewordener Gedanke der Natur anzusehen" - wie hieraus, sage ich, hervorgeht, ist nach BECKER unter einem allgemeinen Leben der  Natur  der bloß für unsere erkennende Auffassung geltende Gedanke der Natur, als vor ihrer Verwirklichung seiend, zu verstehen; oder die Natur, wie wir sie uns als vor ihrer Schöpfung sich selbst denkend vorstellen. Denn wenn BECKER das allgemeine Leben der Natur  organisch  nennt, so meint er damit sicherlich, dasselbe sei eben nur ansich organisch, also nur in seiner Besonderung und diese nur in der Verleiblichung. Um aber die Natur zu begreifen, haben wir eben den Vorgang der Verleiblichung zu betrachten und stellen uns diesen vor als gegenwärtig zustande kommend, und vor ihm also das Leben der Natur nur erst als noch bloßes Sich-Denken, als Gedanken der Natur. Das Organische dieses vor der Schöpfung der Natur angenommenen Denkens derselben besteht eben darin, daß sich der allgemeine Gedanke  Natur  in einzelne Gedanken sondert. Diese Besonderung aber ist zugleich und ansich die Verleiblichung des Gedankens, die Schöpfung der Natur. Die einzelnen Gedanken der Natur sind gar nicht möglich ohne die Verleiblichung; und das allgemeine Leben oder Denken der Natur nicht möglich ohne jene Besonderung in einzelne Gedanken: das ist das Wesen des Organismus der Natur, des Alls. Beruth also das Organische des allgemeinen Gedankens der Natur auf der Verleiblichung, und wird nun derselbe zum Zweck der Erkenntnis vor dieser gedacht, so wird er zunächst noch in seinem unorganischen Zustand gedacht, und es läßt sich sagen, er  wird  erst durch die Verleiblichung das, was er eigentlich ist, organisch. Denn Sinn von BECKERs Worten: "Das allgemeinen Leben in der Natur  wird  zu einem organischen,  indem  es" würden wir also glauben angemessener wiederzugeben durch:  ist  ein organisches,  insofern  es. So unscheinbar diese Änderung sein mag, so ist sie doch nicht bedeutunglos. Der von BECKER gebrauchte Ausdruck schließt eine Unklarheit in sich, auf die wir zurückkommen werden.


§ 2. Fernere Merkmale

Wenn wir schon BECKERs eigentlichen Grundsatz mehr Schärfe gewünscht hätten, so vermissen wir in der (§ 4) darauf folgenden näheren Darlegung der Merkmale des Organischen jede Entwicklung und Ableitung derselben voneinander und vom ersten Grundsatz. Die Sätze werden aneinenander geschoben, teils ohne Konjunktion, teil auch mit solchen, wie: "wie ... so", "daher", "aber", ohne daß man jedoch den durch diese Bindewörter angedeuteten Zusammenhang klar sehen würde. "Es ist nur  ein  allgemeines Leben," so fährt BECKER unmittelbar nach der angeführten Stelle fort, "das in den besonderen Organismuen in Erscheinung tritt; daher eine Übereinstimmung aller organischen Dinge in gewissen Grundtypen der Gestaltung und Entwicklung." Unmittelbar weiter heißt es: "Wie nun" hier eine Übereinstimmung ist, so auch wieder in den besonderen Organen des einzelnen organischen Dings, welche alle einen gemeinsamen, durch den Begriff, d. h. die Arteigentümlichkeit, des organischen Dinges bestimmten Typus an sich tragen, wie wir später noch näher betrachten wollen. Weiter heißt es:
    "Das besondere Organ hat aber nur Dasein und Bedeutung in und vom Ganzen, von dem es getragen wird; und das Ganze ist und besteht nur in der Verbindung der besonderen Organe. Darum ist in den organischen Dingen alles Besondere zugleich Mittel und Zweck."
So lose wird der so wichtige Zweckbegriff eingeführt! durch ein bloßes "aber"! und mit diesem Satz erledigt! BECKER fährt konjunktionslos fort:
    "In der Lebensfunktion (dem Begriff) des organischen Dings liegen schon ursprügnlich alle Besonderheiten derselben, im Ganzen alle besonderen Organe. Das organische Ding wird nicht durch eine Zusammensetzung der Organe von außen, sondern durch eine  Entwicklung  von innen. Das ganze Tier mit seinen mannigfaltigen Organen liegt schon vorgebildet im Ei" -
eingebildet, möchte ich sagen. Welche Unklarheit verbirgt sich hinter diesen Worten! Und abermals ohne Konjunktion fährt BECKER fort:
    "In der besonderen Lebensfunktion (dem Begriff, den spezifischen Merkmal) des organischen Dings und in den organischen Gegensätzen (z. B. Bewegung und Empfindung, Muskel und Nerv) nach denen sich diese Funktion in besondere Funktionen scheidet, liegt das Gesetz seiner Entwicklung:   darum  geschieht jede organische Entwicklung mit innerer Notwendigkeit."
Eine solche Darstellung des Organischen kann man doch wohl nur unorganisch nennen.


§ 3. Unbegrenztheit des Organischen
bei Becker.

Wir könnten jedoch zufrieden sein, wenn uns nur BECKER hier überhaupt hinlängliche Merkmale gegeben hätte, um uns einen so deutlichen Begriff bilden zu können, daß wir zu sagen vermöchten, dies ist organisch, jenes nicht. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Wir erfahren nicht bloß nicht, wo denn der Gegensatz zum Organischen liegt, durch welche andere Begriffe das Reich desselben begrenzt wird, sondern wir sind auch in Verlegenheit, wenn wir dies etwa aus dem von BECKER Gesagten erschließen wollten. Denn ist die Natur das All organisch, so ist alles organisch, und es gibt weder im Himmel noch auf Erden etwas Unorganisches. Organisch wird gleichbedeutend mit natürliche; Unnatürliches aber gibt es nirgends; nicht einmal der Unsinn wäre unnatürlich, sondern bloß die Vorstellung des Unnatürlichen, Unorganischen wäre Unsinn.

Sicherlicht hatte BECKER eine weit bestimmtere Vorstellung vom Wesen des Organischen, als im Obigen liegt, aber ist es denn gleichgültig, ob jemand sein Prinzip an der Stelle, wo er es erörtert, wirklich bestimmt darstellt oder nach allen Seiten unbegrenzt verschwimmen läßt? Wenn selbst hier, wo die ganze Kraft des Geistes auf das Prinzip allein gerichtet ist, dieses keine bestimmte Gestalt annehmen will, kann es bei der Entwicklung des Besonderen, wo die Aufmerksamkeit des Geistes über einen größeren Vorstellungskreis verbreitet ist, sich fester und klarer vergegenwärtigen? Schwerlich! nur wir, je nachdem die Gelegenheit es herbeiführt, diese oder jene Seite des Prinzips hervortreten, die vorher nicht erörtert war. Streng genommen würde diese Seite sogar unberechtigt sein; jedenfalls kann sie, gelöst aus dem Zusammenhang mit allen übrigen Seiten des Ganzen, nicht nach ihrer wahren Begrenzung auftreten. Sie verhilft uns jedoch dazu, uns BECKERs Anschauung des Organischen zu vervollständigen.


§ 4. Gegensatz des Organischen
zum Künstlichen.

So tritt nun gelegentlich (§ 6 Anfang) folgendes höchst wichtige Moment hervor:
    "Als Produkt eines Organischen, welches nicht mit Willkür hervorgebracht ist, sondern sich mit einer inneren Notwendigkeit entwickelt hat, unterscheidet sich die Sprache von jedem Werk menschlicher Erfindung und Kunst. Das Kunstwerk geht nicht mit innerer Notwendigkeit aus dem Leben selbst hervor, sondern aus eine durch ein äußeres Bedürfnis angeregten Reflexion. Es hat das Gesetz seiner Entwicklung und Gestaltung nicht in sich selbst, sondern empfängt es von der Intelligenz des Erfinders; und seine Einrichtung ist wandelbar, wie das Bedürfnis und die Erkenntnis des Künstlers."
Hieraus entnehmen wir, daß wenn das Natürliche organisch ist, den Gegensatz dazu das mit Willkür Geschaffene bildet: die Erfindung und Kunst des Menschen. Hier erkennt man aber auch sogleich alle Übelstände, welche dem Herausgreifen einer Seite des prinzips anzuhaften pflegen. Welche Berechtigung hat dieser Gegensatz? Das geistige Leben gehört zum All, ist eine besondere Art, eine Lebensfunktion des allgemeinen Lebens - wie spielt hier plötzlich das Unorganische hinein? wie ist Willkür, als Gegensatz zum Organischen, möglich? woher stammt im organischen All ein "äußeres Bedürfnis"? Das Kunstwerk hat das Gesetz seiner Entwicklung und Gestaltung nicht in sich, sondern empfängt es von der Intelligenz des Erfinders; aber die Intelligenz, wie BECKER so häufig wiederholt, ist organisch. Das Kunstwerk ist ein in der Materie verleiblichter Begriff oder Gedanke, also ist es organisch; es geht allerdings "mit innerer Notwendigkeit aus dem Leben selbst", nämlich aus dem geistigen Leben der Menschheit hervor. Der Künstler, der Denker ist das Erzeugnis seiner Vergangenheit; und auch seine einzelnen Werke, ihre Fehler und Tugenden, sind nicht willkürlich. SOPHOKLES konnte nicht wie SHAKESPEARE dichten wollen, und ARISTOTELES kein System schaffen wollen wie HEGEL. "Das Bedürfnis und die Erkenntnis" ist auch organisch entstehend und vergehend. Soll hier also das Kunstwerk vom organisch Natürlichen unterschieden werden, so geschieht das nur durch eine völlig unvorbereitete, und, wie wir sehen, unberechtigte Bestimmungen, die eben darum auch von BECKER gar nicht klar und bestimmt eingeführt werden können. Der einzige Satz aus der oben betrachteten Darlegung der Merkmale des Organischen, welcher die hier gemachte Scheidung begründen könnte, nämlich: "das organische Ding wird nicht durch eine Zusammensetzung der Organe von außen, sondern durch eine Entwicklung von innen", ist nicht nur ebenfalls unbegreiflich, da man gar nicht weiß, wo im lebenden, organischen All ein Außen sein soll; sondern auch, selbst diesen Satz zugestanden, so kann man immer die Maschine noch nicht vom Organismus unterscheiden. Denn einersetis wird auch die Maschine durch die Entwicklung aus dem innern des Denkens: sie ist von einem Gedanken geschaffen und besselt; jedes Rad nach seiner Form und seinen Beziehungen folgt aus dem Begriff, aus der Funktion, welche in der Maschine in Erscheinung tritt, sich verleiblicht, in Gegensätzen besondert; alles Besondere in ihr folgt also aus der Einheit, und also hat der Teil nur im Ganzen Bedeutung, das Ganze nur durch seine Teile; und die Teile sind alle in gegenseitiger Übereinstimmung, mit einem gleichartigen Typus aus dem Inneren des Gedankens heraus entworfen. Andererseits aber mag man noch so sehr von  innerer  Notwendigkeit des Organischen sprechen, von seiner Entwicklung von innen, es entwickelt und erhält sich doch nur durch die Aufnahme geeigneter Stoffe von außen; schneidet ihm nur Luft und Nahrung und Licht ab, und läßt es sich von  innen  entwickeln!

Indessen müssen wir es uns doch gefallen lassen, wenn BECKER, weil er nun einmal will, den geistigen oder künstlichen Organismus von der natürlichen Maschine - nach dem Obigen hat uns BECKER diese Ausdrucksweise nicht untersagt - unterscheidet und bloß die natürliche Maschine  Organismus  nennt, das geistig Organische aber als unorganisch ansieht.

Hierdurch ist etwas an Bestimmtheit gewonnen, doch nicht viel. BECKER hätte uns auch noch die Grenze zwischen Natur und Kunst ziehen sollen. Wir stehen vor einem blühenden Kornfeld - sehen wir Natur oder Kunst? Organisches oder Unorganisches? Dabei vergesse man dann auch nicht, daß vielleicht vor hundert, vor zehn Jahren dieser Boden noch wirklich unfruchtbar, unfähig war, den ihm vertrauten Samen reifen zu lassen. Hier hat, wie in vielen Fällen, die Kultur erst die Natur erzeugt. Ist es dann aber mit jener Bildsäule, die BECKER für unorganisch hält, so durchaus anders? Abgesehen vom schon Gesagten, daß auch hier ein verkörperter Gedanke, alles in Einheit ist, jeder Teil aus dem Ganzen fließt, so daß unsere Künstler die fehlenden Glieder eines antiken Standbildes aus dem Gegebenen ableitend ergänzen, welche Ableitung BECKER und TRENDELENBURG nach CUVIER für ein wesentliches Merkmal des Organischen halten, - abgesehen, sage ich, hiervor, trägt nicht auch der Marmorblock den  Apollo  "vorgebildet" in sich? Könnte der Künstler auch aus Flugsand, aus morschem Holz bilden? Wirken nicht Stein, Hammer und Meißel nach notwendigen ihnen innewohnenden Gesetzen? also mit innerer Notwendigkeit? Kurz kann die Kultur, die Kunst, um mich BACONs Ausdruck zu bedienen, die Natur anders beherrschen, als indem sie ihr folgt? kann sie dieselben zwingen, oder muß sie sie nach ihrer inneren Gesetzmäßigkeit wirken lassen?

Jedoch meint BECKER wohl, organisch sei das natürliche Ding auch nur, insoweit und insofern es ohne Hinzutun von menschlicher Absichtlichkeit entstanden ist und lebt. Die Wälder, Brennesseln und Dornengestrüpp sind durchaus organisch; das Kornfeld ist es nicht, insofern der Mensch gepflügt, gedüngt, gesät hat, aber insofern danach der Same durch Regen und Sonnenschein wächst. Die Bildsäule ist organisch geworden, indem der Meißel usw. nach notwendigen natürlichen Gesetzen gewirkt hat, aber nicht insofern die Hand des Künstlers die leitende war. So würden dann die Begriffe  organisch  und  natürlich  dem Umfang und Inhalt nach zusammenfallen und als das Notwendige und Gesetzmäßige der Freiheit gegenüberstehen. Es ist uns freilich eine seltsame Zumutung, den Geist als den Urheber des Unorganischen anzusehen, als ein Außen, welches in das innere Naturleben störend eingreift; es ist uns seltsam und abschreckend, den Geist, der als Ausfluß des allgemeinen Lebens doch auch eine notwendige, unfreie, gebundene Seite hat, hinsichtlich dieser seiner Unfreiheit als organisch, hinsichtlich seines Wesens und Wirkens aber, hinsichtlich seiner Freiheit als unorganisch zu betrachten. Wissenschaft, Kunst und Sittlichkeit sind unorganisch; aber die Brennessel ist organisch! BECKER mag es verantworten.


§ 5. Die Freiheit

Wie ist nun aber die Freiheit möglich? das müssen wir von BECKER hören. Nicht im "Organismus", aber im Werk "Das Wort" läßt sich BECKER über diesen nach allen Seiten so wichtigen Punkt folgendermaßen vernehmen (Seite 255):
    "Die Entwicklung der organischen Dinge geschieht nach einer inneren Notwendigkeit, indem bestimmte Kräfte und Tätigkeiten nach bestimmten inneren Gesetzen einander anregende und beschränkend zusammenwirken; und das Erzeugnis derselbe organischen Kräfte, welche nach denselben Gesetzen zusammenwirken, kann immer nur als ein und dasselbe in Erscheinung treten: daher in den organischen Dingen die Einheit der  Arten.  Je mehr sich aber in den organischen Dingen die Gegensätze von Kräften und Tätigkeiten vervielfältigen, und je mannigfaltiger insbesondere die Wechselwirkungen werden, in welche ein organisches Ding mit anderen Dingen tritt; desto mehr wird das Erzeugnis derselben Kräfte, welche nach denselben Gesetzen wirken, als ein Mannigfaltiges erscheinen: daher in den organischen Dingen mannigfaltige Unterschiede der Individuen in derselben Art." -
"Daher"? Niemals! Hier ist eine Täuschung, die auf dem schwankenden Sinn des Wortes "mannigfaltig" beruth. Wenn mannigfaltige Kräfte in mannigfaltigen Beziehungen wirken, so wird das Erzeugnis derselben, da alle jene Kräfte in allen jenen Beziehung in ihm wieder vorhanden sein müssen, ein in sich mannigfaltig gegliedertes Wesen sein, wie BECKER sagt, "als ein Mannigfaltiges erscheinen"; aber, wenn jene Kräfte nach unbeugsamen Gesetzen wirken, wird es immer dasselbe sein, ohne den geringsten Unterschied. Wenn zur Bildung und Entwicklung des tierischen Eies die mannigfaltigen Kräfte in den mannigfaltigsten Beziehungen zusammenwirken, so werden sie in der reifen tierischen Frucht abermals vorhanden sein, aber ganz ebenso wie sie in den Eltern waren, in der einen Frucht, wie in der anderen, und um kein Haar anders, wenn anders jene Gesetze der Kräfte und die Beziehungen der Kräfte unwandelbar sind. BECKER aber hat trüglich die Mannigfaltigkeit der Gliederung der Frucht in mannigfaltig unterschiedene Individuen umgewandelt. Die ganze weitere Darlegung BECKERs hat damit ihren Wert für uns verloren; doch wollen wir sie verfolgen.
    "Diese Mannigfaltigkeit der Erscheinungen bei Dingen derselben Art hat zwar ebenfalls ihren letzten Grund in den inneren Verhältnissen der Kräfte und in den äußeren Wechselwirkungen der Dinge" (wie elend wird hier ein Unterschied gemacht zwischen inneren und äußeren! als wenn die Dinge anders als durch innere Kräfte in Wechselwirkung treten könnten!), "und sie ist daher ebenfalls  eigentlich  notwendig: weil hier aber ein und dasselbe in der Erscheinung als ein Mannigfaltiges hervortritt und die mannigfaltigen Formen der Erscheingung gleichsam spielend untereinander wechseln, ohne daß wir einen Grund dieses Wechsels in den Formen der Erscheinung erkennen, so bezeichnen wir diese Mannigfaltigkeit der Erscheinung bei der Einheit der organischen Kräfte als ..."
Der Leser wird vielleicht die hier folgende Bezeichnung des Formspiels der organischen Dinge noch nicht erraten. Er wird es aber, wenn wir fortfahren:
    "So wechselt, um die Sache an einem Beispiel anschaulich zu machen, die Form der Efeublätter in mannigfaltigen Abstufungen zwischen der Pfeilform und der fast runden Form, obgleich sie Blätter ein und derselben Pflanze sind, und die eigentliche Struktur des Blattes, z. B. die die Anzahl und die Stellung der Blattrippen ein und dieselbe bleibt."
Jetzt, denken wir, wird mit uns jeder diesen völlig gleichgültigen Wechsel der bedeutungslosen Form als  Zufall  bezeichnen! BECKER aber bezeichnet ihn als  "organische  Freiheit!" BECKER fährt fort:
    "Je höher die Stufe des organischen Lebens ist, auf welche ein Ding gestellt ist," oder "der die Funktion angehört", "desto mehr vervielfältigen sich in ihm die Gegensätze und Beziehungen und desto mehr tritt die organische Freiheit hervor." So findet sich beim Menschen die hier als organische Freiheit bezeichnete Mannigfaltigkeit der Lebenserscheinungen"
in einem höheren Grad als bei den Tieren und hier mehr als in den Pflanzen, am wenigsten im Kristall; aber wiederum findet sie sich beim Menschen
    "in weit geringerem Maß in den Funktionen des Atmens, der Blutbewegung und der Ernährung, welche dem vegetativen Leben angehören, als in der Funktion der Willkürbewegung; und die größte Freiheit waltet in derjenigen Funktion, in welcher das organische Leben sich zu einem geistigen gesteigert hat, nämlich in der Funktion des Denkens, obgleich auch diese organische Notwendigkeit nicht gänzlich (d. h. nach Obigem:  nicht eigentlich)  ausschließt."
Über diese Blasphemie mögen wir nicht viele Worte machen; wir wollen sie eben nur anmerken und sie BECKER in Rechnung stellen. Für uns haben allerdings die ethischen Beziehungen der Wissenschaft einen hohen, den höchsten Wert. Man  leugne  die Freiheit, wie es SPINOZA tut; er läßt sie untergehen in der unendlichen Substanz: das ist erhaben; und die Erhabenheit, wie sehr sie auch die Nichtigkeit des Menschen betont, ist wesentlich erhebend. Daher hatten auch die Hebräer, von denen sie zuerst geschaffen wurde, indem sie den Menschen und das All vor  Jehova  als nichts setzten, eine erhebendere Vorstellung vom Wesen des Menschen, dem Ebenbild  Jehovas,  als die Griechen, die ihre Götter als Ebenbilder der Menschen schufen. Also man  leugne  die Freiheit spinozistisch! aber sie behaupten, doch so daß man sie "eigentlich" leugnet und, insofern man sie gelten läßt, sie als Wechselspiel bedeutungsloser Formen ansieht: das ist Blasphemie.


§ 6. Der Tod

Ein Mann, der so mit der Freiheit fertig wird, "spielend", wie sollte sich der vor dem Tod fürchten? BECKER würde also schwerlich in Verlegenheit kommen, wenn wir ihn fragen: wo ist der Tod, das Sterben? das hasst du ja ganz aus deinem lebenden All, deinem All-Leben gestrichen! Der sich auflösende animalische Leib kann doch nicht  tot  genannt werden; denn die darin sich bildenden Körper, wie Wasser, Ammoniak usw., entstehen hier in durchaus natürlicher, gesetzmäßiger Weise mit innerer Notwendigkeit: sie entwickeln sich im organischen Körper wie das Ei von innen heraus. Leben bleibt Leben; denn es gibt nur Leben und nur  ein  Leben nach BECKER. Was wir sterben nennen, ist nur der Wandel einer Art des Lebens in die andere. Tod ist ein Spiel des Lebens - eine Unsterblichkeitslehre, würdig der obigen Freiheitslehre.


§ 7. Formale Natur des Begriffs Organismus.

Kehren wir zu BECKERs Grundbestimmung des Organismus zurück. Diese beruhte darauf, daß BECKER im All einen verleiblichten Gedanken erkannte, daß er die Natur als sich nach einem Zweck bestimmend, daß er sie teleologisch ansah. Wir wollen und können BECKER nicht das Recht zu dieser Anschauungsweise bestreiten; sie ist nicht willkürlich subjektiv; sondern die objektiven Verhältnisse der Natur fordern dazu auf. BECKER setzt also den Gedanken der Natur vor ihrer Schöpfung als den Zweck der Natur. Der Zweck ist es, der jedem Organ seine besondere Gestalt gibt, und der Begriff einer Tierart verleiht als Zweck allen einzelnen Organen, wie Gebiß, Klaue usw., den bestimmten Typus. Die bestimmteste Definition, die sich nach BECKER vom organischen Ding geben läßt, wäre also: ein organisches Ding ist ein von der Natur gesetzter und ausgeführter Zweck. So berechtigt nun auch diese Betrachtungsweise der Natur ist, oder vielmehr ganz abgesehen von der Berechtigung, auf die es uns hier nicht ankommt, ist aber das hervorzuheben, daß BECKERs Begriff des Organismus, auf der Kategorie des Zwecks beruhend, gar keinen materialen, sondern einen formalen Gehalt hat: daß er kein gegenständliches Merkmal am Ding, sondern eine Betrachtungsweise des Dings bezeichnet; daß er kein konstitutiver, sondern ein methologischer Begriff ist. Wir leugnen hiermit nicht, daß die organische Anschauungsweise, die Betrachtung der Natur vom Gesichtspunkt des Zwecks aus, die Tatsachen innerlichst berührt; sie nämlich in veränderte Beziehungen versetzt; aber sie fügt nichts Neues, Tatsächliches hinzu und ist nur eine andere Auffassung der tatsächlich vorliegenden Beziehungen; sie sieht nicht mehr, auch nicht anderes, sondern sieht dasselbe, aber anders; sie verfährt mit denselben gegebenen Elementen auf andere Weise. Der Gegensatz zur teleologischen Betrachtung liegt in der kausalen. Die Elemente, wie gesagt, sind in dieser dieselben wie in jener; aber ihre Beziehung wird verändert, je nachdem das schöpferische Element als Ursache oder Zweck gefaßt wird. Der Zweck kann sich nie anders als mittels der Ursachen verwirklichen und reicht nicht weiter als sie. Wirkende Kräfte der Natur bilden einen Punkt  a,  gewirkte Erscheinungen einen anderen  b;  die Erkenntnis bewegt sich vom einen zum andern, entweder von  a  zu  b:  kausale Betrachtung; oder von  b  zu  a,  aber so daß sie  b  vor  a  setzt und nun vom vorgesetzten  b  durch  a  an die erste Stelle des  b  gelangt: teleologische Betrachtung. Der Weg von  a  zu  b  ist auch hier unvermeidlich. BECKER hat aber seinen Begriff des Organismus, sein Wesen verkennend, allerdings als gegenständlich genommen. Dies ist nun BECKERs Grundirrtum, aus dem seine vorzüglichsten materialen Fehler und methodischen Mängel mit Notwendigkeit erfolgen mußten. Diese Feler organisch zu entwickeln, wollen wir nun versuchen.

Der erste Punkt, der also hier zu betrachten wäre, ist, daß BECKER von organischen  Dingen  spricht und sie von unorganischen Dingen scheidet, während er nach seiner Auffassung des Organismus nur von einer organischen, teleologischen Betrachtung der Dinge reden sollte. Die Betrachtung nach Ursachen und die nach Zwecken haben nicht etwa jede einen bestimmten Kreis von Gegenständen besonders für sich; beide umfassen das All, nur nach verschiedener Hinsicht. Jetzt, denke ich, begreifen wir noch mehr, warum es BECKER unmöglich wird zu sagen, durch welches andere Reich von Dingen das Reich der organischen Dinge begrenzt wird, wo die unorganischen sind; denn es gibt wirklich keine, sondern nur eine unorganische Betrachtung der Dinge.


§ 8. Verdrehung der Merkmale des Organismus

Berücksichtigen wir aber nur ferner, daß BECKER dann doch den Begriff des Organismus auf die Natur beschränkt, so wollen wir ihm daraus, daß er den Zweck auf die Natur übertragen hat, keinen Vorwurf machen; aber er hat damit das Reich des Zwecks verkürzt. Dieser Punkt unserer Kritik ist zart, und man verstehe uns recht. Nimmt man Organismus in dieser Weise, wie z. B. auch TRENDELENBURG in seiner schönen und klaren Darstellung des Zwecks (Logische Untersuchungen II, Kapitel VIII) tut, so ist Organismus der von der Natur, die Maschine von der Kunst verwirklichte Zweck. Das meint auch BECKER eigentlich. Soll also der Organismus definiert werden, so ist der Zweck das Allgemeine und die Natur das Besondere desselben. BECKER aber in seiner Bestimmung des Organismus vom allgemeinen Leben der Natur ausgehend, hat das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem verdreht: ihm ist die Natur das allgemeine Merkmal des Organismus und der Zweckbegriff das besondere, wo bei diese Verdrehung freilich nicht vollkommen durchgeführt werden konnte, da der Zweck doch mindestens ebenso allgemein wie die Natur ist, weswegen aber auch keine feste Bestimmung des Organismus zustande kommen konnte. - Hierin liegt aber zugleich die Verdrehung des Begriffs  Organismus  selbst; er, der durch die Natur nach einer Besonderheit bestimmt werden sollte, wird jetzt durch sie gerade nach seiner Allgemeinheit, und durch den Zweck nach seiner Besonderheit bestimmt; er wird nicht so besonders, wie die Natur, sondern eine Besonderheit innerhalb der Natur, eine Art der Natur.

Diese Verdrehung war freilich, wie gesagt, gar nicht durchführbar, und sie erfährt nun durch eine andere ihr entgegengesetzte Verdrehung einen wundersamen Rückschlag. Der Zweckbegriff, allgemeiner als die Natur, wird zum spezifischen Merkmal des Organismus gemacht. Was folgt hieraus? daß Organismus weiter, umfassender wird, als die Natur; die Natur ist eine besondere Art des Organismus. Ein solcher Fehler muß sich natürliche in der Darstellung ausdrücken. Nun lese man den § 4. und frage sich, was darin gesagt ist? Sicherlich nicht sowohl, daß der Organismus ein natürlich gesetzter und ausgeführter Zweck, als vielmehr umgekehrt, daß die Natur organisch ist, mit einem, ich möchte sagen, unterdrückten "auch". Daß dieses ausgesprochen wird, läßt die erste Verdrehung nicht zu. Beide Verdrehungen hemmen sich in ihrer Wirkung und so liegt dann doch im Ergebnis die Gleichheit von  Organismus  und  Natur,  der gleiche Umfang sowohl, als auch derselbe Inhalt beider, wie sich aus jedem Satz von § 4. erhellt. Der Unterschied aber von der einfachen Ansicht der Sache, wie sie bei TRENDELENBURG vorliegt, ist dabei nicht zu verkennen. Während bei diesem die Natur das spezifische Merkmal des Organismus abgibt, der unter der Allgemeinheit des Zwecks steht, drückt bei BECKER  Organismus  das ganze Wesen der Natur aus, ist ihr eines umfassendes Attribut, die Darlegung ihres Begriffs. Doch dieser Unterschied ist nicht so sehr von Bedeutung wie die Unbestimmtheit, welche einem in solcher Weise wie der BECKERsche Organismus gebildeten Begriffe fortwährend anhaften muß. - Auch der Grund der doppelten Verdrehung liegt klar im ersten Fehler, daß ein rein formal bestimmter Begriff zur Abgrenzung der Dinge gebraucht wird. Nun bezeichnet man allerdings gewöhnlich mit dem Wort "Organismus" ein Reich bestimmter natürlicher Wesen: dies macht sich in der ersten Verdrehung geltend. Da aber ein bloß methodologischer, auf alle Dinge anwendbarer Begriff dieser Beschränkung Trotz bot, so entstand der Rückschlag, und BECKER erfuhr nur die Ironie, daß er mit der Absicht, den Organismus zu definieren, vielmehr ganz im Gegenteil die Natur als organisch erweist, indem er darstellt, wie auch in ihr der Gedanke, der Zweck herrscht. Hier erinnern wir an die schon oben besprochenen Worte: "Das allgemeine Leben  wird  zu einem organischen." Der Ausdruck "ist" würde vielleicht die Subsumtion des Alls unter die Kategorie des Organismue zu bestimmt ausgesprochen haben. Diese Rücksicht konnte einerseits, obwohl sie doch sogleich darauf durchgeführt wird, vom "ist" zurückschrecken. Andererseits könnte das "wird" durch eine doppelte Absicht, welche im Hintergrund des Bewußtseins dunkel wirkt, hervorgetrieben sein. Erstens die Absicht, nicht die ganze Natur, sondern nur einen Teil organisch sein zu lassen: indem hierbei vorgestellt wurde, das allgemeine Leben sei nicht ansich, sondern werde unter folgenden Bedingungen, also teilweise nur organisch; - dies wäre eine Wirkung der ersten Verdrehung. Zweitens aber könnte das "wird" auch gerade dies hervorheben, daß  Organismus  ein allgemeinerer, methodologisch formaler Begriff sein soll und das All, welches also nicht ansich organisch ist, wird es für unsere Betrachtung, indem usw. Wer das geheime Wirken dunkler Vorstellungen in der unbewußten Tiefe des Bewußtseins beobachtet hat, wird die Möglichkeit nicht leugnen, daß BECKER durch die dargelegten drei Rücksichten zugleich bewogen die Wendung "wird" ergriffen hat.

Aus den beiden entgegengesetzten Bewegungen seiner Gedanken erhielt Becker eine mittlere Ansicht als Ergebnis, wodurch Organismus und Natur identisch wurden. Dadurch war aber jede feste Grenzbestimmung des Reiches organischer Dinge unmöglich geworden, wie überhaupt jede Definition. Denn die Grenze kann doch nur durch das spezifische Merkmal des Organismus gezogen werden, d. h. die Natur. Diese wird aber nicht bloß zugleich zum Allgemeinen und zu einer Art des zu Definierenden gemacht und kann also nach keiner Seite als spezifisches Merkmal dienen, sondern auch nach dem mittleren Ergebnis ist sie dazu unfähig, da sie nun mit dem Organismus selbst das zu Definierende wird und nicht in die Definition eintreten darf. Welche Unklarheit muß einen Begriff umhüllen, dessen erklärendes Merkmal herausgerissen und als das zu Erklärende hingestellt ist. Und ein solcher Begriff soll als Prinzip dienen!


§ 9. Umschlag des Organismus in sein Gegenteil.

Wir haben bisher nur die Dunkelheit und Unbestimmtheit des BECKERschen Prinzips kennen gelernt, noch nicht sein Umschlagen, also noch nicht eigentlich Falsches. Doch dies kann unmöglich ausbleiben. Das Unbestimmte ist nicht festzuhalten. Begrenzt und bestimmt aber wird ein Begriff nur durch den entgegengesetzten; wird er von dem nicht scharf geschieden, so schlägt er in ihn um, da er mit ihm zu sehr verwandt, ja im Grunde genommen identisch ist. BECKERs Begriff des Organismus nun hat sein Wesen im Zweck, also seinen Gegensatz in der kausalen Naturbetrachtung. Die in letzterer hervortretenden Kategorien sind Ursache und Wirkung, Kraft und Äußerung; und gerade hier gelten besonders die Bestimmung von Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit. Bei SPINOZA, der nur die Ursache gelten läßt, herrscht darum auch ausschließlich die Notwendigkeit, welche sich wegen ihrer Unwandelbarkeit in Gesetze fassen läßt. Diese Momente aber gerade, die Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, sind es, welche bei BECKER fast ausschließlich als Merkmale des Organischen hervortreten; denn das Moment des Natürlichen wird nichtssagend, wenn es mit  organisch  gleichbedeutend wird, und der Zweck schwindet bis auf wenige Anklänge und hohle Phrasen gänzlich aus BECKERs Betrachtungsweise. So haben wir schon gelesen, daß das Organische vom Werk menschlicher Erfindung und Kunst dadurch geschieden wird, daß dieses durch Willkür, jenes aber mit Notwendigkeit entstanden ist.

Es kommt noch Folgendes hinzu. Die ursächliche Betrachtung wird vornehmlich dort angewendet werden, wo wir den Zweck nicht vollständig erkennen, oder wo er so niedrig ist, daß er die Ursachen in ihrer vereinzelten, blinden Wirkung wenig oder gar nicht hemmt; und sie wird auch absichtlich einseitig verfolgt werden müssen, um die Verhältnisse der ursächlichen Wirkungsweise, durch welche allein sich der Zweck verwirklichen kann, ansich genau zu erforschen. Wie will man begreifen, was sie im Dienst des Zwecks leisten, wenn man nicht weiß, was sie für sich, vereinzelt, also gewissermaßen in ihrer Autonomie wirken.

Physik und Chemie sind, mit Hinzuziehung der Mathematik, die Wissenschaften, welche die Natur nach ihren kausalen Verhältnissen, ohne Rücksicht auf einen Zweck derselben, betrachten. Ein wesentliches Merkmal dieser Wissenschaften, das aus dieser rein kausalen Betrachtungsweise erfolgt, besteht darin, daß sie die Elemente der Natur in möglichster Einfachheit, die Kräfte in möglichst vollständiger Vereinzelung, in ihrer reinen, durch keinen Zusammenstoß miteinander gehemmter oder abgelenkter und umgestalteter Wirkungsweise zu erforschen suchen. Das ist der unorganische Charakter dieser Wissenschaften, ihre ungeheure Abstraktion oder Analyse, ihr Ab- und Auslösen der einzelnen Kräfte aus der Verflechtung von Kräften, in welcher sie von der wirklichen Natur geboten werden. Mit den Ergebnissen der Physik und Chemie geht man sodann an die Wirklichkeit selbst, um, nachdem man die Elemente derselben analytisch erkannt hat, die wirkliche Synthesis oder die Wirklichkeit in der Synthesis der Kräfte zu begreifen. Hierbei zeigt sich nun aber ein ganz auffallender Unterschied, ob man mit jenen Wissenschaften an den sogenannten Erdorganismus, das organische Planeten- oder überhaupt Sternsystem tritt, oder aber an das Reich des eigentlich oder im engeren Sinne so genannten Lebens in der Pflanzen- und Tierwelt. Astronomie, Geologie, Meteorologie sind kaum oder wirklich gar nichts anderes als von der Natur gegebene oder gelöste mechanische Probleme, physikalische und chemische Experimente, die sich von den Experimenten und Problemen des Laboratoriums, des Lineals und Zirkels nur durch ihre großartige erhabene Darstellung unterscheiden. Die Resultate jener elementaren unorganischen Wissenschaften finden hier ihre unmittelbare Anwendung, offenbaren unmittelbar ihre erklärende Brauchbarkeit. Denn auf diesen Gebieten der Wirklichkeit herrschen die elementaren Kräfte noch in ihrer Vereinzelung, noch in reiner Kausalität, noch nicht gebändigt durch den Zweck, weil der hier waltende Zweck noch so gestaltlos ist, daß sie ihm dienen, sogar in ihrem selbständigen Wirken. Die Rücksicht auf den Zweck ist hier eine so unbestimmte - eben weil es der Zweck noch selbst ist; und das Unbestimmte läßt sich auch nur unbestimmt berücksichtigen - daß das Begreifen der hier auftretenden Erscheinungen und Verhältnisse aus der reinen Ursächlichkeit in voller Befriedigung gelingt, und erst neue tatsächlich gegebene, aber zunächst dem vorliegenden Gegenstand fernliegende, Elemente hinzugenommen werden müssen, um das Bedürfnis und die Möglichkeit der Zweckbetrachtung zu erzeugen. Die Gestaltung der Erde z. B. im Verhältnis ihres festen und flüssigen Elements oder von Land und Wasser zueinander, die bestimmte Form der Gebirgszüge und ihre Entstehung selbst und die Lage der Erdschichten, all das und vieles andere, was hierher gehört, läßt sich durch die ursächliche, physikalische und chemische Betrachtung begreifen, und wir haben kein Bedürfnis nach dem Zweck zu fragen. Nehmen wir aber die Geschichte hinzu, führen wir also ein neues, aus dem vorliegenden Gegenstand selbst sich noch nicht ergebendes Element ein, so entsteht die Zweckbetrachtung, indem wir etwa fragen, wie mußte das Land beschaffen sein, in welchem ein Volk solche Taten vollführen sollte. Die Entwicklung der Weltgeschichte, wie sie in den Küstenländern des Mittelmeers stattfindet, war durch die Beschaffenheit dieser Länder bedingt und hätte nicht bloß nicht im Innern Afrikas, in Hochasien, sondern auch nicht in Amerika so vor sich gehen können. Diese teleologische Betrachtung der Gestaltung der Erdoberfläche ist eine von den glänzendsten Seiten unseres Gründers der wissenschaftlichen Geographie, des geistvollen RITTER. Und so mag man die Erde, das All, immerhin nach allen Erscheinungen als Organismus, teleologisch ansehen: der Unterschied zwischen dieser Betrachtung und der des engeren Lebens in Pflanzen und Tieren ist darum doch auch für die Wissenschaft nicht minder klaffend wie für die gemeine Anschauung. Dem Erdorganismus ist der Zweck ein transzendenter, außerhalb seiner liegend, daher weist er nicht aus sich selbst auf ihn; dem lebendigen Wesen ist er immanent. Die Erdgestaltung zeigt einen Zweck, wenn sie in ihrem Verhältnis zur Geschichte betrachtet wird; aber das Auge kann gar nicht betrachtet, erkannt werden ohne Rücksicht auf den Zweck, auf das Sehen; denn dies ist ihm innewohnend, und das Auge ist ohne Sehen ein Nichts.

Diese einfache Betrachtung führt uns nun dennoch dazu, zu behaupten, was wiroben nach BECKERs Auffassung der Sache leugneten, daß mit dem Begriff des  Organismus,  weil er methodologisch bestimmt ist, ein Unterschied innerhalb der Dinge gemacht werden kann. Die Möglichkeit beruth zunächst darauf, daß sein formaler Inhalt nicht ein bloß subjektiver, sondern auf die objektive Beschaffenheit der Dinge gegründet ist. Genau genommen aber habe wir auch im Obigen noch gar nicht die Dinge in organische und unorganische eingeteilt, sondern nur in solche, auf welche die Zweckbetrachtung notwendig, und solche, auch welche sie nur mittelbar angewandt wird. Wir gehen nun aber allerdings nocht weiter und sagen: wenn gewisse Dinge unmittelbar aus sich auf einen Zweck weisen, den sie in sich tragen, und als solche organisch genannt werden, andere dies nicht tun und unorganische heißen, so kommt das daher, weil sie verschiedener Art sind. Nicht bloß die Zweckbetrachtung, sondern auch die ursächliche ist bei den organischen, d. h. im engeren Sinne lebenden Dingen eine ganz andere. Die Ergebnisse der einfachen Physik und Chemie sind auf die lebenden Pflanzen udn Tiere nicht anwendbar, sondern müssen erste eine Umgestaltung erfahren, wenn mit ihnen der organische Körper begriffen werden soll: weil die Kräfte in diesem gar nicht in der Vereinzelung wirken, wie sie in der Physik und Chemie betrachtet werden und wie sie im Erdkörper und im Planetensystem wirklich auftreten, sondern nur in einer so vielfach verschlungenen Verknüpfung, daß sie dadurch von ihrer ursprünglichen Bahn abgeleitet, in ihrer Wirkungsweise abgewandelt werden. So erkennt nun die Naturwissenschaft den Unterschied von organischen und unorganischen Dingen vollständig an, indem sie die Physiologie von der Physik und die organische Chemei von der unorganischen scheidet. Dieser von der Wissenschaft wie von der gemeinen Anschauung anerkannte, auf methodologische wie auch auf objektive und kausale Verhältnisse gegründete Unterschied von organischen und unorganischen Dingen innerhalb der Natur ist auch der eigentliche Grund der oben dargestellten ersten Verdrehung in BECKERs Anschauung. Nach dem eben Gesagten, hoffen wir, wird der Leser erkennen, wie berechtigt, wie tief sogar BECKERs Anschauung ihrem über sich selbst unbewußten dunklen  Streben  nach ist; aber zugleich auch, daß sie wirklich durchaus unklar geblieben ist, und ihre Elemente in Verwirrung geraten sind. Ein durchgreifender, bis auf den Grund zerstörender Fehler aber, der sich hier zunächst ergibt, und der auch von BECKER anerkannt werden muß, indem im Hintergrund seines Geistes ein unorganischer Teil der Natur einem organischen gegenübersteht, ist folgener.

Wenn man, wie BECKER in seiner Unklarheit tut, den Unterschied organischer und unorganischer Wesen in der Natur, toter und lebender, verwischt, und das All organisch lebend sein läßt, so hat man in Wahrheit nicht alles für die Anschauung belebt, sondern getötet. Oben sahen wir, daß BECKER den Tod aus dem All gestrichen hat; er hat vielmehr das Leben gestrichen; denn nur was stirbt, lebt. Wenn er das All organisch nennt, so kann er die Grundbestimmung des Organismus und seine wesentlichsten Merkmale nur dem Punkt entlehnen, der allen Dingen gemeinsam ist - und heißt das nicht das Leben zum Tod herabsetzen, wenn man es wesentlich von derselben Seite wie den Tod auffaßt? - Wenn BECKER als Grundbestimmung des Organismus den Zweck hervorhebt, so haben wir oben schon gesehen, in welche Verlegenheiten und Verwirrungen ihn dieser zu weite und zu enge Begriff führte, und werden das falsche Wesen dieses Begriffs bei BECKER bald noch gründlicher kennen lernen. Daß er mit den Merkmalen der Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit sogar in die kausale Betrachtung fällt, daß das des Natürlichen abermals zu eng und zu weit und nichtssagend ist, haben wir ebenfalls schon gesehen und werden wir noch bald mehr sehen. Hier aber wollen wir besonders das Merkmal des Gegensatzes als den oben bezeichneten wahrhaft zerstörenden Fehler betrachten. Dieses Merkmal nämlich ist wesentlich dem Erdorganismus, also wie wir jetzt wissen, dem Reich des Unorganischen entlehnt, dem Reich, wo die Kräfte in voller Einseitigkeit wirken und in ihrer Vereinzelung, wie sie eben sind, dem Zweck genügen, wo die Zweckbetrachtung noch keinen Raum hat, die reine Ursächlichkeit herrscht.  Polarität  ist die Gliederung dieser elementarsten Kräfte, und somit der Gegensatz die elementarste, also abstrakteste Form der Besonderung. wir nennen dieses gabelförmige Spalten in Gegensätze eben nur Besonderung, nicht etwa Gliederung, Entwicklung, welche wir ausschließlich für das engere Leben aufbewahren, wie für den Geist. Diese Polarität aber, der Gegensatz, ist bei BECKER die einzige Weise der Besonderung, und sie gerade ist der Tod aller organischen Gliederung und Entwicklung. - Indem BECKER den Gegensatz zum Charakter des organischen Lebens macht, wird ihm dieses zur leeren Phrase. Es heißt bei ihm in § 7 am Anfang:
    "Die Verbindung alles Besonderen und Einzelnen zu einem organischen Ganzen kommt durch diejenige Wechselbeziehung zustand, welche sich auf ein organisches Differenzverhältnis gründet.  Organisch different  nennt man nämlich in der Naturwissenschaft solche Tätigkeiten und Stoffe, welche einander  entgegengesetzt  sind, aber gerade durch den Gegensatz einander bedingen, und miteinander ein gegenseitiges Verhältnis eingehen, vermöge dessen  a  nur dadurch  a  ist, daß es einem  b  entgegengesetzt ist, und umgekehrt. Diese organischen Differenzverhältnisse treten in der Natur je nach den verschiedenen Arten der organischen Dinge unter verschiedenen Gestalten hervor, z. B. im Organismus der Erde als Differenzen der positiven und negativen Elektrizität, der Nord- und Südpolarität usw. -(warum sollten nicht auch die chemischen Differenzverhältnisse, das der Säuren und Basen, hierher gehören?)- in den Tierorganismen als Gegensatz von Kontraktion und Expansion -(wobei dieses Verhältnis aber auch in den unorganischen Dingen vorkommt, die vielfach durch Wärme Expansion, durch Kälte Kontraktion erleiden)- von Assimilation und Sekretion, von Muskel und Nerv usw."
Wer so über den Gegensatz, den die gemeine Anschauung wie die Wissenschaft zwischen toter und lebender, unorganischer und organischer Natur macht, hinweggeht, dem dürfen wir wohl sagen: gib sie nur Frei, diese sogenannt organischen Differenzverhältnisse im Tier- und Pflanzenkörper, und wenn du dann noch nicht weißt, was du an ihnen hast, so wirst du es bald riechen. Auch ARISTOTELES, dieser Gründer der Logik spricht sich, wo er auf das Reich des Organischen zu reden kommt, wie in seinem Werk über die Teile der Tiere, entschieden gegen die Dichotomisierung aus, weil sie den Organismus zerreißt. Wie willkürlich ist es, Muskel und Nerv aus dem organischen Zusammenhang mit den Knochen, den blutführenden Adern, mit dem ganzen Leib herauszureißen, um sie in einen polaren Gegensatz zu bringen!

Das eine allgemeine Leben der Natur ist der eine  Tod,  die eine Starrheit der Natur. Der Begriff des Organismus, des Lebens, hat nur Wert und Sinn im Gegensatz zu einem unorganischen, toten Teil der Natur, der dem organischen Teil fortwährend dient, den sich dieser fortwährend dienstbar zu machen, von dem er sich zu erhalten, zu ernähren, aus dem er Stoff und Kraft borgen, dessen polares Wirken er auszugleichen, dessen Gegensätze er zu fesseln, den er sich zu assimilieren, anzueignen hat. Er fällt dagegen ihm anheim, sobald er die Kraft ihn so zu beherrschen verloren hat. Es herrschen im Reich des Organismus nicht eigentlich andere Gesetze als in der unorganischen, mechanischen Natur; sie bestehen beide aus denselben elementaren Stoffen, und diese haben immer dieselben Kräfte. Aber die allgemeinen Gesetze der Natur, die im Reich des Mechanismus und Chemismus in ihrer Einfachheit und Selbständigkeit auftreten, sind im Organismus so kunstvoll ineinander verflochten, so eigentümlich aneinander gebunden, daß ihre Wirkungen, sich gegenseitig von der einfachen ihnen ursprünglich angehörenden Bahn ablenkend, durchaus andere werden. Durch die Weise ihres Zusammenwirkens können auch diese ansich rein mechanischen Kräfte nicht anders, als sich fortwährend aus der Vorratskammer der unorganischen Natur verstärken, zugleicht aber auch diese Verstärkungen wieder in die Vereinigung ziehen, in welcher sie selbst stehen, und also die neue Kraft sogleich mit der Aufnahme ihrer Selbständigkeit berauchen und ihre Wirkung in die Bahn lenken, welche durch die Zusammenfassung der Kräfte im Organismus geschaffen ist. Der Feind des Organismus liegt nicht mehr außerhalb seiner in der ihn umgebenden unorganischen Natur, sondern innerhalb seiner; denn alle Kräfte, die in ihm zusammengehalten, deren Verwandtschaft und gegenseitige Zuneidung, wie sie in der Gemäßheit ihrer Gegensätze stattfinden, unterdrück und unwirksam gemacht werden, und zwar so, daß sie sich selbst gegenseitig hemmen, tun dies doch nur mit Verleugnung und zum Trotz ihres selbständigen einzelnen Wirkens. Sie tun sich selbst diese Gewalt an, sich gegen ihre ursprüngliche Richtung und beckerisch "organischen Differenzverhältnisse" zu vereinen; aber diese Gewalt läßt der Spannung dieser Gegensätze gegenüber nach; umso stärker wird ihr Streben nach Selbständigkeit und Entfaltung ihrer elementaren polaren Wirksamkeit, bis sie dieselbe schließlich erlangen und der Organismus damit zerfällt.

Was also BECKER  Differenverhältnis, Gegensatz  nennt, das ist die polare, zwiespältige Wirkungsweise im Unorganischen. Selten auch nennt BECKER jene Namen ohne das Beiwort "organisch" hinzuzufügen, um sich und den Leser gewaltsam in der Täuschung zu erhalten, als habe man es hier mit Organischem zu tun. Ohne dieses Beiwort hätten jene Ausdrücke zu leicht und zu stark an die unorganische Natur erinnert; aber ein schönes Beiwort schläfert das eigene Gewissen wie den unachtsamen oder schwachen Leser ein. Diesen Schlaf wollen wir nun eben stören, indem wir darauf hinweisen, daß der Bestand des Organischen darauf beruth, die im Unorganischen herrschenden Gegensätze zur Gleichgültigkeit herabzusetzen, die chemischen Affinitäten oder Differenzverhältnisse zu bannen. Die elementaren Kräfte können die in ihnen liegenden, ihren Gehalt ausmachenden Gegensätze nur zur Geltung bringen, solange sie in ihrer Selbständigkeit vorhanden sind; aber einmal in eine organische Zusammenfassung von Kräften eingegangen, von einer umfassenden Einheit verschlungen, hört ihre eigentümliche Wirkungsweise auf; ihr Gehalt bleibt ihnen, aber nicht zu ihrer Verfügung; sie sind nur noch das, was sie in der Vereinigung gelten, nach der Umgestaltung, die sie sowohl leiden, als aufeinander üben. Und diese Umwandlung der Kräfte, dieses Umbiegen ihrer Wirkungsbahnen ist sogar ihr eigenes, den Gesetzen der Natur gemäßes Tun; denn täten sie es nicht aus sich, keine Macht könnte sie je organisch zusammenfassen.

Es ist hier nicht der Ort zur Lösung der sehr schwierigen Aufgabe, den Unterschied zwischen Organischem und Unorganischem darzustellen, wobei man, schon aus polemischer Rücksicht, sehr leicht in die Gefahr gerät, bald die Verschiedenheit, bald die Gleichheit zu übertreiben. Wir können nicht unterlassen, auf die klassische Abhandlung "Lotzes Leben und Lebenskraft" zu verweisen, welche RUDOLPH WAGNERs "Handwörterbuch der Physiologie" als Einleitung vorgesetzt ist, und auf desselben LOTZE "Allgemeine Physiologie". Aber auch sschon von ARISTOTELES hätte es sich BECKER können sagen lassen (Über die Teile der Tiere, Anfang), wie die Spaltung in Gegensätze den Organismus zerreißt.

Worauf es uns hier ankam, war, darauf hinzuweisen, daß die Entwicklung oder Gliederung des Organismus, dieser vielfachen Verbindung elementarer Kräfte, mannigfaltiger, verwickelter, beziehungsreicher ist, als die unorganische Gabelung in Gegensätze, diese elementare Besonderungsweise; jene ist nicht so geradlinig, überhaupt nicht bloß linienartig, sondern netzförmig, allseitig, auch nicht planimetrisch, sondern stereometrisch; aber auch nicht ruhend, sondern ewig bewegt, allseitig kreisend, so daß der Organismus sich selbst auf das mannigfachste dem Anblick darbietet, selbst die vielfältigsten Gesichtspunkte veranlaßt. Kein starres Oben und Unten, Hinten und Vorne, sondern alles zugleich, und eins oder das andere nur, je nachdem wo man gerade steht, wie es sich gerade zeigt; alles aus einem springenden Punkt geworden, aber nachdem es nun geworden ist, ohne Mittelpunkt und ohne Umfangslinie, sondern überall Mitte und überall Oberfläche; kein Punkt aus dem andern entstanden, alles mit und nebeneinander, oder vielmehr ineinander - kurz nichts als Gegensatz, aber nicht einfacher, sondern einheitlich vielfacher, allseitiger; sich ewig bekämpfend, ewig versöhnt - ewiges Spiel.


b) Organische Verrichtung

BECKER gibt auf der ersten Seite seines Werkes eine Definition der organischen Verrichtung. Aber welche Unmethodik liegt darin und welche Unklarheit verrät es, abgelöst von der Definition des Organismus überhaupt und noch vor einer solchen eine Definition der organischen Verrichtung zu geben! Doch sehen wir sie an:
    "eine organische Verrichtung, d. h. eine von denjenigen Verrichtungen lebender Wesen, welche aus dem Leben des Dings selbst mit einer inneren Notwendigkeit hervorgehen, und zugleich das Leben des Dings selbst zum Zweck haben, indem nur durch diese Verrichtungen das Ding in der ihm eigenen Art sein und bestehen kann."
Diese Definition setzt aber entweder voraus, daß das Leben, also der Organismus definiert ist, und ist dann, da dies noch nicht geschehen ist, völlig unverständlich, also nichtssagend; oder es wird beabsichtigt, mit der Definition der organischen Verrichtung zugleich die des Organismus zu geben, dann wäre sie eine lächerliche Tautologie, ein volles  idem per idem  [durch die selbe Sache - wp]. Jedenfalls kann diese Definion die Unbestimmtheit, welche wir bei der Bestimmung des Organismus überhaupt gefunden haben, nicht im mindesten heben. Mit den Worten "eine von denjenigen Verrichtungen" soll der Meinung nach die organische Verrichtung von unorganischen geschieden werden; aber wo wären unorganische Verrichtungen? Das ist aus BECKER nirgends zu ersehen. Denn erstens haben wir oben gesehen, daß es genau genommen nach ihm keine unorganischen Dinge gibt, deren Verrichtungen gemeint sein könnten; dann aber kann er auch nicht zeigen, wie das organische Dinge eine unorganische Verrichtung haben kann, was für die obige Definition, welche unorganische Verrichtungen organischer Dinge andeutet, noch wichtiger ist. Wir kommen hier wieder auf den schon betrachteten Punkt der "organischen Freiheit". Selbst zugestanden, jene Ableitung der Freiheit aus der Vielfältigkeit der Kräfte und ihrer Beziehungen ist nicht so spielerisch, wie sie ist, sondern stichhaltig; so würde sie nur viel Mannigfaltigkeit innerhalb der Verrichtung möglich machen, aber nicht den ganzen organischen Charakter derselben aufheben. Die Efeu-Blätter werden doch darum nicht unorganisch, weil in ihrer Form so viel organische Freiheit herrscht; die Sprache, wie ausdrücklich dort gelehrt wird, ist eine organische Verrichtung, obgleich im wirklichen Sprechen die Individualitäten der Völker und Personen freien Spielraum haben. Ebenso muß das Denken, wie so oft wiederholt wird, die Intelligenz, organisch bleiben, obgleich hier die organische Freiheit gegenüber der organischen Notwendigkeit so groß ist. Woher also irgendeine unorganische Verrichtung? Und also, um darauf zurückzukommen, wenn keine unorganische Verrichtung, woher das unorganische Ding? Das geistige Leben der Menschheit als Art des allgemeinen Lebens ist organisch, und das wissenschaftliche und künstlerische wie praktische Arbeiten, die Tätigkeiten der Intelligenz und Sittlichkeit,
    "gehen aus dem Leben des Geistes selbst hervor mit einer inneren Notwendigkeit und haben zugleich das Leben des Geistes selbst zum Zweck, indem nur durch diese Tätigkeiten der Geist in der ihm eigenen Art sein und bestehen kann."
Nach BECKER aber müßten wir einerseits das Fließen des Flusses seine organische Verrichtung nennen, und sagen, der Nil übt die organische Verrichtung der Bewässerung Ägyptens - denn wer verkennt in diesen Verhältnissen einen von der Natur durch vielfaches Zusammenfassen ursächlicher Wirkungen erreichten Zweck? - andererseits würde BECKERs Ausarbeitung seines Organismus eine unorganische Verrichtung gewesen sein, wie BECKER meint, und der Leser vielleicht auf. Aber der Leser wird sich vielleicht auch mit uns nicht dazu verstehen wollen, jeden Regentropfen, jede Schneeflocke, weil sie aus dem allgemeinen Leben der Natur stammt, als organisches Ding, und das Schmelzen des Schnees als organische Verrichtung, dagegen die Gruppe des  Laokoon  als unorganisches Ding anzusehen!

Wenn es so, wie wir im Obigen gezeigt haben, mit dem Prinzip steht, wie soll es mit der Entwicklung werden? Wird denn wohl aus einem so unklar gefaßten, so vielfältig verschobenen Begriff - verschoben nach seinem Wert und seiner Bedeutung: da er, ansich formal bestimmt, material genommen wird; verschoben nach Umfang: da er der Wahrheit und der Meinung BECKERs gemäß innerhalb der Natur eine Grenze ziehen sollte, der gegebenen Stimmung gemäß über die Natur hinausreicht, der Anwendung nach aber die Natur deckt; verschoben nach seinem Inhalt: da der Zweck als seine Grundbestimmung behauptet wird, seine Merkmale aber den ursächlichen unorganischen Verhältnissen entlehnt sind - wird aus ihm eine Entwicklung möglich sein? Wir können die Unmöglichkeit im Voraus befürchten; aber wir müssen das Gegebene prüfen. Vielleicht auch daß sich BECKER nachträglich korrigiert.


c) Die Sprache als organische Verrichtung
und als Organismus.


§ 10. Nominaldefinition der Sprache

BECKER beginnt sein Werk: "Man versteht unter  Sprache" - hiermit wird eine Worterklärung, eine Nominaldefinition angekündigt, die nur den Zweck haben kann, vor allem zu bestimmen, von welchem Gegenstand die Rede sein soll. Mit einer solchen zu beginnen, ist nicht nur durchaus erlaubt, sondern meist ratsam, oft unerläßlich; die Mathematik, die strengste Wissenschaft, beginnt mit Worterklärungen. Sie sind aber nicht ohne Gefahr des, wenn auch unbeabsichtigten, Mißbrauchs. Logisches Gesetz ist: sie dürfen nie mehr enthalten, als: unter diesem Wort sei folgender Begriff verstanden; sie dürfen nicht - und hierin liegt die Gefahr -, zu Realdefinitionen werdend, das Wesen der Sache aussprechen, welches eben erst im Verlauf der Arbeit zu erweisen ist. Sie sind ein Mittel zur Verständigung, sie ersetzen das materiale Zeigen eines Dings; aber sie können und dürfen keine Wahrheit aussprechen, keine Erkenntnis. Sie bestimmen den Sprachgebrauch des Schriftstellers, der allemal zugestanden werden muß, weiter nichts. Heutzutage, wo man vielfacht gewöhnt ist, verächtlich von der formalen Logik zu sprechen, hat man an ihre Regeln ausdrücklich zu erinnern.

Hören wir also BECKER:
    "Man versteht unter Sprache entweder das  Sprechen selbst  als diejenige Verrichtung des Menschen, in welcher der Gedanke in Erscheinung tritt, und durch welche ein gegenseitiger Austausch der Gedanken und eine Gemeinschaft des geistigen Lebens in einem ganzen Geschlecht zustande kommt, oder die  gesprochene  Sprache als ein Produkt der menschlichen Natur, in welchem die vom menschlichen Geist gebildete Weltansicht [whorf] ausgeprägt und niedergelegt ist."
Ist das die versprochene Nominaldefinition? Hier ist vielmehr in einer Realdefinition vorausgenommen, was das ganze Werk erst zu erweisen hätte. Wenn  man  das unter Sprache verstände, was BECKER hier voraussetzt, so bräuchte man seine Belehrung nicht mehr; sein Werk wäre überflüssig. - Was das Erzeugnis einer Entwicklung hätte sein sollen, wird dem Leser an den Kopf geworfen. Das ist nicht die ruhige Sicherheit der Wahrheit, welche den Leser Schritt für Schritt zu einem gewissen Ziel leitet; das ist die Angst, welche mißtrauisch gegen sich selbst ihre Weisheit nicht glaubt an den Mann bringen zu können, wenn sie nicht mit der Tür ins Haus fällt; die überraschen, im Sturm einnehmen will.

Das tiefste und das ganze Wesen der Sprache wird im ersten Satz ausgesprochen; aber wie? natürlich wie etwas ohne alle Vorbereitung Vorausgegriffenes nur gesagt sein kann: unbestimmt, nach allen Seiten überschwankend, nirgends eine bestimmte Grenze ziehend, zu eng und zu weit, mit einem Wort: nichtssagend. Ein solcher Satz kann bloß durch Achselzucken kritisiert werden, wird es aber dadurch auch wirklich. In Folgendem tun wir nicht mehr als dieses Achselzucken in Worte übersetzen. Daß durch irgendeine Verrichtung jemals der Gedanke, das rein Ideale, Immaterielle, in Erscheinung treten kann, und daß dies in der Sprache geschieht, begreift man zunächst nicht; "der gegenseitige Austausch der Gedanken" mag zugestanden, soll aber eben erst erklärt werden; "die Gemeinschaft des geistigen Lebens in einem ganzen Geschlecht" ist eine bombastische Phrase; daß die gesprochene Sprache ferner "ein Produkt der menschlichen Natur" ist, ist ein unbestimmter Ausdruck und bekanntlich zu allen Zeiten mindestens auch geleugnet worden; daß aber gar in diesem "Produkt der menschlichen  Natur"  die "vom menschlichen  Geist  gebildete Weltansich ausgeprägt und niedergelegt" ist, ist ein Widerspruch in sich selbst; denn wie soll der Geist im Produkt der Natur etwas niedergelegt haben? Schließlich und endlich stehen die beiden angegebenen Bedeutungen der Sprache, als Verrichtung und Produkt, im Widerspruch zueinander, und man begreift nicht, wie man ohne wesentliche Nachteile für die Erkenntnis mit  einem  Wort zwei entgegengesetzte Begriffe oder Sachen verbinden soll. Kurz in BECKERs Anfangssatz liegen mit dem Wesen der Sprache auch alle Schwierigkeiten dieses rätselhaften Wesens: während es Aufgabe gewesen wäre, diese Schwierigkeiten zu entwickeln, dem Leser zu zeigen.

Hat man so das Endergebnis unbegriffen und unbestimmt am Anfang vorausgenommen, so hat man ich damit schon die Möglichkeit abgeschnitten, dasselbe als eine schließliche Folge einer Reihe unleugbarer oder sich einander stützender Sätze zu erweisen und nach seinem vollen Umfang und mit klarer Übersicht der in ihm enthaltenen Momente zu begreifen. Oben fürchteten wir, die Unklarheit, die Verworrenheit des Begriffs  Organismus  bei BECKER, seines Prinzips, wird keine Entwicklung zustande kommen lassen; wir haben jetzt einen neuen Grund zur Befürchtung, der mit dem ersten gewiß in Zusammenhang steht. Die ursprüngliche Unklarheit des Prinzips und das Vorausgreifen des Ziels begünstigten einander, standen in einem organischen Wechselverhältnis.

Zunächst gesellen sich zu den erwähnten Widersprüchen neue, alle ungelöst, weil unbemerkt. "Die gesprochene Sprache ist aber ein durch die Verrichtung des Sprechens gewordenes" - das widerspricht dem, daß sie ein Produkt ist; denn etwas durch eine Verrichtung Entstandenes ist etwas Gemachtes, kein Produkt; Produkt aber ist dasjenige, was nicht gemacht, sondern von selbst gewachsen, geworden ist. Ferner ist die Sprache ein Produkt der Natur, so ist sie nicht durch die Verrichtung erst geworden; sondern die Verrichtung des Sprechens ist bloß die Anwendung der Sprache, des gegebenen Naturprodukts - "und eigentlich ein durch diese Verrichtung noch in jedem Augenblick werdendes" - aber wie ist das denkbar? Es ist hier gar nicht zu untersuchen, ob nicht diese Widersprüche objektiv im Wesen der Sache liegen; denn BECKER hat sie nicht als solche Widersprüche dargestellt, noch weniger gelöst oder zu lösen gesucht. Sie sind ihm selbst nicht zur Klarhei geworden; er kann die Widersprüche noch nicht einmal bestimmt aussprechen. Daß das Gewordene in jedem Augenblick noch wird, wer wüßte das nicht nach dem alten  panta rhei?  [alles fließt - wp] Was hätte hieran die Sprache Besonderes? In ihr aber herrscht wirklich dieser Gegensatz des Werdens und Gewordenseins in viel tieferer Weise als von BECKER gesagt und erkannt ist. - Doch hören wir weiter:
    "In der gegebenen Sprache wird nur die ihrer Natur nach flüchtige Erscheinung des Gedankens als ein Stetiggewordenes festgehalten" -
aber wie ist das möglich? denkbar? das seiner Natur nach Flüchtige festhalten, heißt das nicht, seine Natur zerstören? Und ist es dann wohl wahr, daß wir unter Sprache jeweils die stetig gewordene Erscheinung des Gedankens verstehen? oder was ist bei diesen Worten zu denken? - "und sie (die gesprochene Sprache) ist eigentlich nur die als Stetiggewordenes aufgefaßte Verrichtung des Sprechens" - ist das etwas anderes als das Vorangehende? Ist aber die gesprochene Sprache "eigentlich nur die als Stetiggewordenes  aufgefaßte  Verrichtung des Sprechens, so ist sie nicht, wie es doch soeben hieß, das aus dieser entstandene Produkt; denn dann ist sie überhaupt "eigentlich" nichts Objektives, Wirkliches, sondern nur ein Erzeugnis unseres Festhaltens und Auffassens, also ein subjektives Geschöpf unserer Reflexion, dessen Möglichkeit, Berechtigung, Notwendigkeit zu erweisen ist.

Die Wahrheit des in diesem Eingang Gesagten konnte nicht geprüft, nur die Unmethodik konnte dargelegt werden, welche aus Unklarheit entsprungen, den Nebel verstärkt. Schließlich jedoch noch folgende Bemerkung. Eine Nominal-Definition sollte gegeben werden; stattdessen wird man mit sowohl in sich selbst widerspruchsvollen als auch sich einander widersprechenden Sätzen, welche eine Realdefinition enthalten, überschüttet. Aber nicht bloß diese wird nicht erreicht, sondern auch nicht einmal das, was eine Nominaldefinition leisten sollte, den Gegenstand der Verhandlung zu bestimmen. Wie könnte man den aus der ganzen mitgeteilten Stelle erkennen? Man könnte bei allem Gesagten viel eher an Schreiben und Schrift, d. h. auch an Bilderschrift und Knotenschnüre, denken; ja auf Schreiben und Schrift paßt jener Unterschied von Verrichtung und Produkt und ihre Einheit, wie das von BECKER bestimmt ist, viel besser als auf Sprache. Hier ist zumindest Stetiggewordenes.

Wenn man so, wie BECKER es getan hat, das Ende an den Anfang setzt und sich dadurch den ganzen Weg der Entwicklung abschneidet, so ist natürlich Bewegung nur scheinbar möglich, man rückt nicht von der Stelle, man dreht sich im Kreis. Das ist die Tautologie: sie haftet an BECKERs Fersen wie ein Fluch; wir sind ihr wohl schon oben bei der Definition der Verrichtung begegnet und werden sie weiter nachweisen im Einzelnen und im Ganzen.


§ 11. Erstes Merkmal des Organischen
nachgewiesen in der Sprache.

Auf den betrachteten Eingang folgt die seiner würdige, oben schon besprochene, Definition der organischen Verrichtung; aus ihr will BECKER erweisen, daß auch die Sprache eine organische Verrichtung ist. Das kann nach der Beschaffenheit dieser Definition, wonach alles Mögliche organisch ist, nicht schwer sein. Schwer wäre nur das Gegenteil, wie es auch BECKER unterlassen hat, dieses Gegenteil, das Tote und die Freiheit, wirklich nachzuweisen. Das Anziehende im Folgenden liegt also nur darin, zu sehen, teils wie sich BECKER bei dieser Arbeit, die keine ist, benimmt, teils aber auch, als welche Art der organischen Verrichtung die Sprache von ihm bestimmt wird.

Es werden die beiden in der Definition gegebenen Merkmale: die aus dem Leben des Dings notwendig folgende Entstehung und die Rückbeziehung auf das Leben als den Zweck, jedes besonders hinsichtlich der Sprache untersucht. Zuerst heißt es:
    "Die Verrichtung des Sprechens  geht mit einer inneren Notwendigkeit aus dem organischen Leben des Menschen hervor:  denn der Mensch spricht, weil er denkt, und mit der Verrichtung des Denkens ist zugleich die Verrichtung des Sprechens gegeben. Es ist ein allgemeines Gesetz der lebenden Natur, daß in ihr jede Tätigkeit in einem Stoff, jedes Geistige in einem Leiblichen in Erscheinung tritt und in der leiblichen Erscheinung seine Begrenzung und Gestaltung findet. Nach diesem Gesetz tritt auch der Gedanke notwendig in Erscheinung und wird ein Leibliches in der Sprache. Die Sprache ist nichts anderes als der in Erscheinung tretende Gedanke und beide sind innerlich nur ein und dasselbe."
Das alles sollte aus jenem Gesetz folgen? Ist denn die Sprache ein Stoff? etwas Leibliches? Gesetzt aber, dies sei so, sagt denn jenes Gesetz, daß das Leibliche nichts anderes ist, als das in ihm erscheinende Geistige? der Stoff nichts anderes, als die in ihm erscheinende Tätigkeit? der Stein z. B. nichts anderes als die in ihm erscheinende Bewegung? oder Wärme? das Eisen bloß der in ihm erscheinende Magnetismus? Gedanke und Sprache sollen aber "innerlich ein und dasselbe" sein; äußerlich nicht? und was bedeutet denn hier innerlich ein und dasselbe? Doch weiter! "Auch erhält der Gedanke erst dadurch Gestalt und Vollendung, daß er ein gesprochener wird" (sollte das Wort "Vollendung" eine versteckte Bedeutung haben? oben hieß es nur, das Geistige erhält im Leiblichen "Begrenzung und Gestaltung"; soll Vollendung nichts mehr bedeuten als Begrenzung?);
    "denn die Objekte der  sinnlichen  Anschauung, welche die Verrichtung des Denkens im menschlichen Geist zuerst hervorrufen, werden gerade dadurch zu  Begriffen,  daß sie durch die Rückbildung des Geistes in Objekte einer  geistigen  Anschauung verwandelt, und als solche im ausgesprochenen Wort dem Geist gegenübergestellt werden."
Wissen wir nun, warum es BECKER, bewußt oder unbewußt, gefiel, Begrenzung durch Vollendung zu ersetzen? Wenn nur durch die Sprache die sinnliche Anschauung zum Begriff wird, so wird durch sie das Denken allerdings erst vollendet; aber keineswegs begrenzt; denn die sinnliche Anschauung hat gerade eine festere Gestaltung, eine bestimmtere Begrenzung als der in der Sprache ausgedrückte, immer allgemeine Begriff. Wir hätten also hier bei der Anwendung des allgemeinen Begriffs  Organismus  auf die Sprache etwas Unangemessenes gefunden. Durch die Sprache wird nämlich nicht, wie sonst durch die Verleiblichung geschieht, eine sinnlichere Gestaltung, eine festere Konkretion erzeugt, sondern, ganz im Gegenteil, eine Verringerung der Sinnlichkeit und wachsende Abstraktion. So hat aber BECKER die Sache nicht gemeint; sondern die sinnliche Anschauung wird durch die Selbsttätigkeit des Geistes zum Begriff, und dieser erhält erst im Wort eine Begrenzung und Gestalt; das Wort ist konkreter, sinnlicher als der Begriff. Hierauf werden wir zurückkommen. Jetzt nur die Frage, was ist denn das für eine "Rückwirkung des Geistes", durch welche die sinnliche Anschauung in eine geistige verwandelt wird? Soll etwa hiermit der Vorgang der Begriffsbildung dargelegt sein? Und ferner, was treibt den Geist, diese gebildete geistige Anschauung in das Wort zu legen? Was soll man schließlich zu einem Schriftsteller sagen, der zwei so schwierige Gegenstände, wie die Verleiblichung des Gedankens im Wort und die Begriffsbildung, in einem Werk, das diesen beiden Gegenständen gewidmet ist, im ersten Paragraph mit  einem  Satz, den man durch "auch" an das Vorangehende bindet, erledigt? ja, erledigt, denn BECKER sagt uns nirgends mehr, aber wiederholt es unzählige Male: "die Sprache ist der in Erscheinung tretende Gedanke, und das Wort der in Lauten leiblich gewordene Begriff;" weil ihn die Furcht nicht losläßt, man könnte ihm das nicht glauben; und er hat diese Furcht, weil er die Sache selbst nicht begriffen hat. Um sie sich selbst glaubhaft und annehmbar zu machen, spricht er sich jenen Satz fortwährend vor.


§ 12. Zweites Merkmal des Organischen
in der Sprache.

Die Erfahrungen, auf die sich BECKER beruft, um zu erweisen, daß das Denken erst im Sprechen seine Vollendung erreicht, werden wir später betrachten. Wir gehen also jetzt zum zweiten Merkmal des Organischen über, zum Zweckverhältnis und wollen sehen, wie BECKER dies in der Sprache nachweist. Wenn es leicht war, hinsichtlich der Sprache die notwendige Entstehung und den organischen Zusammenhang mit dem Wesen des Menschen nachzuweisen vermöge der Phrase der Erscheinung des Geistigen im Leiblichen, so ist der Nachweis dieses Zweckverhältnisses noch leichter. Denn BECKER durfte ja nur folgenden Schluß aufstellen: Der Mensch ist nur Mensch durch Denken; denken aber kann er vollkommen nicht, ohne zu sprechen; folglich geht die Sprache nicht bloß mit innerer Notwendigkeit aus dem Denken hervor, sondern hat auch nur das Denken, die eigentliche Menschlichekt im Menschen zum Zweck. So verfährt aber BECKER nicht. Je näher dieser Schluß jedoch lag, umso einfacher und natürlicher er sich darbot, und umso ferner das lag, was an seine Stelle tritt, umso mehr wird sich behaupten lassen, es sei kein Zufall, daß ihn BECKER liegen ließ und nach etwas anderem griff, er mag es übrigens mit oder ohne Absicht und Bewußtsein getan haben. Es ist ganz unleugbar und eine Tatsache, die der Psychologe zu entwickeln hat, daß sich im Gedankengang des Menschen Reflexionen durch eine wesentliche Leitung geltend machen, ohne in das Selbstbewußtsein zu treten. Diese unbewußten Führer der Gedanken ans Licht zu ziehen, ist das vorzüglichste Geschäft des Kritikers - ein Geschäft, gefahrvoll, aber nicht bloß unvermeidlich, sondern sogar möglich mit überzeugender Kraft durchgeführt zu werden. Was den obigen Schluß betrifft, so ist er nur scheinbar ein Schluß: das hat BECKER gefühlt, und dieses Gefühl hat ihn von demselben zurückgehakten. In demselben liegt nämlich gar kein Fortschritt; sondern seine drei Sätze sagen dasselbe mit anderen Worten. Da er aber eigentlich in BECKERs Definition der organischen Verrichtung liegt, so stoßen wir hier abermals, aber umfassender und tiefer, auf die Tautologie dieser Definition. Nicht bloß, daß in demselben das erst zu definierende Wort vielfach gebraucht wird; sondern die beiden Merkmale sind selbst wieder dasselbe. Oder wo ist der Unterschied, ob ich sage, es geht eine Verrichtung mit einer inneren Notwendigkeit aus dem Leben hervor; oder ob ich sage, eine Verrichtung hat das Leben zum Zweck? Denn, muß eine Verrichtung notwendig aus dem Leben hervorgehen, so wäre das Leben nicht eben dieses selbst, wenn jene nicht aus ihm hervorginge; damit also das Leben es selber ist, zu diesem Zweck geht jene Verrichtung aus ihm hervor; oder diese hat den Zweck das Leben erst zum Leben zu machen - d. h. es ist hier nur ein leeres logisches Formel-Spiel, in welchem die Verrichtung bald als Folge, bald als Mittel angesehen wird.

Sie ist aber nur darum beides, weil sie keins von beiden ist: sie ist scheinbar, beliebig nach subjektiver, sophistischer Auffassung, das eine wie das andere; sie ist aber in Wahrheit, in echt spekulativer Auffassung vielmehr eine von den vielen Seiten, welche zusammen das Ganze des vielseitigen Lebens bilden. Das Atmen z. B. ist weder eine notwendige Folge, noch Ursache des Lebens; ist weder Zweck des Lebens, noch hat es dasselbe zum Zweck; sonder es  ist  eben das Leben nach einer Seite seines Seins. Und so erkennen wir nun das  idem-per-idem  jener BECKERschen Definition auch im Ganzen: indem nicht nur die beiden Merkmale nur eins sind, sondern auch mit dem zu Definierenden zusammenfallen; so daß eigentlich nur gesagt wird: eine organische Verrichtung ist eine Verrichtung, welche organisch ist. Nach einer solchen Definition läßt sich natürlich alles als  organisch  erweisen. Das Fließen des Flusses z. B. ist eine organische Verrichtung; denn es geht mit innerer Notwendigkeit aus dem Leben des Flusses hervor und hat dieses Leben zum Zweck.

BECKER hat dies nicht erkannt; ein  horror vacui  [Schrecken vor der Leere - wp] aber, der dem Geist eingeprägt ist, hat ihn von unserem obigen Schluß zurückgehalten, in welchem das Vakuum seiner Tautologie klar an den Tag gekommen wäre. BECKER  will  doch nun aber einmal noch ein zweites Merkmal des Organischen aufgestellt haben,  will  doch nun einmal dieses in der Sprache finden; und was kann der Mensch nicht alles, wenn er will! Suchet, so werdet ihr finden! BECKER hat gefunden:
    "Die Verrichtung des Sprechens  hat das Leben selbst, und zwar das innerste Leben des Menschen zum Zweck  ... denn" -
nun nicht obiger Schluß, der das Verdienst hätte bei der Sache zu bleiben, freilich leer bei der leeren; sondern es wird um dieselbe herumgegangen -
    "das menschliche Leben fordert nicht bloß, wie das Leben der Tiere, ein instinktartiges Beisammensein, durch welches die Erhaltung der Gattung bedingt ist; es fordert als  menschliches  Leben zugleich eine gesellige Mitteilung der Gedanken, und eine Vereinbarung des individuellen Denkens zu einer Allen gemeinsamen Weltanschauung, durch welche auch das  geistige  Leben des Einzelnen zu einem Leben der ganzen Gattung wird. Wie bei den Geschlechtern der Tiere die Individuen durch instinktartige Verrichtungen auf leibliche Weise, so werden beim Menschen die Individuen durch die Sprache auf geistige Weise zu  einer  Gattung verbunden."
Es wird also hier von BECKER die andere Seite der Sprache hervorgehoben, wonach sie Werkzeug zur Mitteilung der Gedanken ist; und der Schein der Verschiedenheit der beiden Merkmale, welche in der Definition der organischen Verrichtung aufgestellt sind, wird dadurch aufrechterhalten, daß jedes derselben auf eine der beiden Seiten der Sprache angewandt wird.

Das ist nun aber erstens, wenn auch keine beabsichtigte, aber doch wirkliche Sophisterei. Wäre jene Definition zutreffend, so müßte jedes ihrer Merkmal auf jede Seite des Definierten passen, da diese Seiten doch in einer wirklichen Einheit liegen müssen. Unser obiger Schluß erfüllt diese Forderung; nämlich so: die Sprache ist organisch, nicht bloß nach der Seite ihres notwendigen Zusammenhangs mit dem Denken, sondern auch nach der andern, wonach sie die Gedankenmitteilung bewerkstelligt. Diese nämlich muß sein, folglich muß Sprache sein - das ist die Entstehung mit innerer Notwendigkeit -; und sie hat diese dem geistigen Leben unentbehrliche Mitteilung, also das geistige Leben selbst zum Zweck - das ist das organische Zweckverhältnis -: die Forderung ist erfüllt, aber im leersten Formalismus; und man wird durch solche Schlüssen SAPHIR erinnert. BECKER hat nicht so geschlossen; aber wie schlimm, daß es ihm noch zum Vorwurf gereicht, nicht einmal so geschlossen zu haben! Denn nicht bloß ist die Weise, wie BECKER stattdessen verfuhr, sophistisch; sondern zweitens fällt hier BECKER wieder aus seiner Anschauung des Organischen zurück; denn die Sprache als Werkzeug zur Mitteilung ansehen, heißt, sie als  ergon  [Werkzeug - wp], wie HUMBOLDT es nennt, d. h. sie unorganisch, als Ding betrachten. Denn als solches Werkzeug wirkt eben die Sprache nur wie ein Werkzeug, wie Gebärdensprache, Bilderschrift, und sogar wie willkürliche Zeichen. In der angeführten Stelle sagt auch BECKER weiter nichts, als daß die Sprache nicht bloß auf die Befriedigung äußerlicher Bedürfnisse gerichtet, sondern auch dem geistigen Leben notwendig ist. Dasselbe aber gilt von der Schrift, von der Buchdruckerei und sogar von gewissen sozialen Instituten für "gesellige Mitteilung der Gedanken und eine Vereinbarung des individuellen Denkens zu einer Allen gemeinsame Weltanschauung", wie Akademien oder Kaffeekränzchen usw.

Schließlich müssen wir noch den Schein aufheben, als sei im ganzen Verlauf des beinahe vier Seiten langen § 1. irgendeine fortschreitende Entwicklung gegeben, ein Begriff in seine Momente zerlegt, oder gar eine Reihe von Gedanken auseinander abgeleitet; denn alles Gesagte war ja schon vollständig im ersten Satz ausgesprochen:
    "Man versteht unter Sprache entweder das Sprechen selbst als diejenige Verrichtung des Menschen, 1) in welcher der Gedanke in Erscheinung tritt, und 2) durch welche ein gegenseitiger Austausch der Gedanken und eine Gemeinschaft des geistigen Lebens im ganzen Geschlecht zustande kommt."
Hat man im ganzen Paragraphen, das Wort  organisch  ausgenommen, mehr gehört? So sehen wir von neuem die Tautologie in noch umfangreicherer Weise.


§ 13. Die Sprache als gesprochene

Wir haben bisher die Sprache nur nach dem Entweder, d. h. als Sprechen, als Verrichtung betrachtet; welches Schicksal wird sie im Oder, d. h. als gesprochene Sprache haben? BECKER sagt § 3:
    "Weil aber die Sprache eine Verrichtung der Gattung ist, so muß das Wort Ausdruck des Gedankens werden nicht allein für das sprechende, oder nur für das sprechende und angesprochene Individuum, sondern für das ganze Geschlecht, und sogar für die nachkommenden Geschlechter. Das Werdende muß als ein  Gewordenes  festgehalten, und die flüchtige Erscheinung der organischen Verrichtung zu einem bleibenden Produkt werden. Fassen wir nun die Sprache nicht mehr als die Verrichtung des Sprechens, sondern als ein Gewordenes, als bleibendes Produkt der Verrichtung auf, so wird uns der Begriff der gesprochen Sprache."
Wir erfahren zwar hier nicht, wie es zugeht, daß die Verrichtung des Sprechens ein  Gewordenes,  ein Produkt wird, aber, warum das geschieht. Nämlich die Verrichtung muß zum Produkt werden - nicht bloß etwas Bleibendes hervorbringen, sondern selbst das Erzeugnis werden,  weil  das Wort für die ganze Menschheit sein muß. Hier sehe ich den ursächlichen Zusammenhang nicht; und warum muß das Wort für die ganze Menschheit sein? warum darf ich heute nicht anders reden als die alten Griechen?  Weil,  sagt BECKER, die Sprache eine Verrichtung der Gattung ist! BECKER fährt fort:
    "Dadurch, daß das einmal gesprochene Wort bleibend denselben Gedanken für die mitlebenden und nachkommenden Geschlechter ausdrückt, wird die gesprochene Sprache das allgemeine Medium der Gedankenmitteilung unter den Individuen."
Man beachte doch diesen Fortschritt des Gedankens! Nachdem zwei Sätze, man sieht nicht recht wie, durch "weil" verbunden wurden, werden sie umgestellt und durch die Konjunktion "dadurch daß" verknüpft. Was eben Ursache war, wird nun Wirkung. Das ist wahrscheinlich das organische Vorschreiten der Gedankenentwicklung! Hinter die angeführten Worte wird ein Kolon gesetzt und hinzugefügt: "sie ist verständlich für alle, weil sie der Ausdruck einer dem ganzen Geschlecht gemeinsamen Weltanschauung ist"; und vorher hieß es, daß man erst durch die Sprache zu dieser gemeinsamen Weltanschauung gelangt. Wer in solcher Weise, mit einem Paar solcher Sätze, die tiefsten Widersprüche, Rätsel der Sprache abfertigt; und alle die, welche glauben, daß wer dies tun könnte, der Schöpfer "der neuen Grammatik" sei, wie können die etwas von HUMBOLDTs gewaltiger Dialektik und tiefer Spekulation verstanden haben! Was können sie mit ihm gemein haben! Wie hat HUMBOLDT mit diesen Gegensätzen in der Natur der Sprache, daß sie ewig werdend und immer geworden, flüssig und fest, ganz und gar individuell und durchaus allgemein, Schöpfung des Einzelnen und doch des Geschlechts, durchaus menschlich und wesentlich über den Menschen hinausgreifend, vom Menschen geschaffen und doch unerschaffen - wie hat HUMBOLDT, sage ich, hiermit gerungen! Man muß es nicht bloß gelesen haben, sondern mitfühlen! Denn auch Begriffe, Dialektik und Spekulation wollen gefühlt sein! Und dann dagegen BECKER! -


§ 14. Entstehung der Sprache

Hiermit haben wir BECKERs Grundgedanken geprüft und nichts als leere Tautologien und Phrasen gefunden. Wir wollen aber noch, bevor wir weitergehen, seine Ansicht über die Entstehung der Sprache prüfen. Dieser Punkt ist schon bei der Gelegenheit des ersten organischen Merkmals der Sprache besprochen worden. Das dort Gesagte hat sich für uns in nichts aufgelöst. Da aber dieser Punkt so wichtig ist, so müssen wir sehen, ob vielleicht an einem anderen Ort, wo derselbe ausführlicher dargestellt wird, die Phrase der organischen Verleiblichung des Geistigen einen wahren Gehalt findet. BECKER sagt in seinem Werk "Das Wort" (Seite 252:
    "Wenn man in der Sprache eine organische Verrichtung erkennt, welche im menschlichen Organismus mit der Einheit des geistigen und leiblichen Lebens gegeben ist, und ebenso wie die anderen organischen Funktionen ein ergänzendes Glied in der Kette der menschlichen Lebensverrichtungen ist; so kann die Frage nach dem Ursprung der Sprache nur den Sinn haben, wie der Mensch zuerst zur Ausübung dieser Funktion gelangt sei. Die  Fähigkeit  zu einer organischen Funktion ist gegeben durch den Apparat der dieser Funktion angehörigen Organe, z. B. die Fähigkeit zum Atmen durch den Apparat der Respirationsorgane. Zur wirklichen Ausübung ist aber nach einem allgemeinen Gesetz außer einem Apparat von Organen erforderlich, daß irgendein  Reiz  von außen auf die Organe einwirkt und sie zur Tätigkeit anregt. Dieser Reiz ist z. B. für die Funktion des Atmens die atmosphärische Luft und für die Funktion der Verdauung Speise und Trank. Wenden wir dieses auf die Sprachfunktion an; so ist die  Fähigkeit  zum Sprechen gegeben durch den Apparat der Sprachorgane; und es fragt sich nur noch, was eigentlich der  Reiz  sei, der von außen auf die Organe einwirkend, die wirkliche Ausübung der Funktion hervorruft. Für die willkürlich beweglichen Organe ist eine geistige Tätigkeit derjenige Reiz, welcher mittels der Nerven auf die Organe einwirkt und sie zur Tätigkeit anregt. Da nun die Sprachorgane zu den Organen der willkürlichen Bewegung gehören, so kann der ihre Tätigkeit hervorrufende Reiz kein anderer sein, als eine auf sie einwirkende geistige Tätigkeit. Die Sprachorgane sind aber von den anderen Organen der Willkürbewegung darin unterschieden, daß die Tätigkeit der letzteren eigentlich durch die Einwirkung des Begehrungsvermögens (den Willen), die Tätigkeit der ersteren hingegen durch die Tätigkeit des Vorstellungsvermögens (den Gedanken) hervorgerufen wird: wie in den ersteren der Wille, so tritt in den letzteren der Gedanke in Erscheinung. Wie jedoch in der Einheit des menschlichen Geistes Empfinden und Wollen vom Erkennen und Denken nicht geschieden sind, so trott auch oft in der Funktion der Sprachorgane die Empfindung und der Wille in Erscheinung, und die anderen Organe der Willkürbewegung werden, z. B. in der Mienen- und Gebärdensprache zu Sprachorganen ... Der Mensch spricht notwendig, weil er denkt, wie er notwendig atmet, weil die atmosphärische Luft ihn berührt. Wie die Respiration die äußere Erscheinung eines inneren Bildungsvorgangs, und wie die Willkürbewegung die äußere Erscheinung der inneren Willenstätigkeit, so ist die Sprache die äußere Erscheinung des Gedankens."
Was haben wir nun in dieser Darstellung mehr als die Phrase der leiblichen Erscheinung des Gedankens? Die Analogie mit dem Atmen! Wenn dieselbe nur nicht gar zu mangelhaft wäre! Und wenn sie nur gründlich durchgeführt wäre! Daß durch die bloße Übertragung der beim Atmen erkannten Verhältnisse auf die Sprache eine Erklärung des Ursprungs derselben gewonnen wird, ist unmöglich. Analogien sind niemals unmittelbar erklärend. Sie sind aber anregend; sie geben Fingerweise. Wie BECKER sie hier anwendet, klagen sie ihn laut an als Phraseologen und Analogienjäger.

Denn ersten zeigt uns zwar der Physiologe, wie sowohl die Atemwerkzeuge zur Ausübung ihres Amtes und zur Aufnahme des Reizes durchaus geeignet sind, ganz in Gemäßheit schon anderweitig erkannter Gesetze; als auch wie die Luft nicht anders kann, als jene zu reizen. BECKER aber zeigt nicht, wie der Gedanke für die Tätigkeit der Sprachwerkzeuge ein Reiz sein kann, ihre Bewegungen zu beginnen, und wie diese geeignet sein sollen, jenen Reiz von den Gedanken aus aufzunehmen, um dadurch in eine so bestimmte Richtung ihrer Bewegungen zu gelangen. Man verlangt also, daß wie der Physiologe uns zeigt, inwiefern der bau der Lungen und des Brustkastens, die physikalische und chemische Beschaffenheit der Luft und des Blutes den Atmungsprozeß erzeugt, ebenso BECKER zeigen soll, wie vermöge ihrer eigentümlichen Natur und Konstruktion der Gedanke und die Sprachwerkzeuge zur Erzeugung der Sprache zusammenwirken müssen. In einem Nebensatz behaupten, die Wirkung dieses Reizes und die Empfänglichkeit dafür sei "mit der Einheit des geistigen und leiblichen Lebens gegeben", und tausendmal wiederholen: "der Geist erscheint organisch im Laut," das heißt eben nur die Sache in einer Phrase aussprechen, aber nicht eine Erklärung derselben geben; höchstens wird dadurch der Anfang zur Lösung gemacht, der Weg dazu gezeigt, nicht betreten. Wir verkennen BECKERs Verdienst nicht: wenn man früher fragte, wie sind diese beiden Dinge, Gedanke und Laut zusammengekommen? - eine unbeantwortbare, weil falsch gestellte Frage - so hat BECKER eben diese Falschheit erkannt und hat ausgesprochen: diese Dinge sind nicht erst zusammengekommen, nachdem sie getrennt vorhanden waren; sondern sie sind eben nur zusammen. Das Verdienst, die Frage so zurecht gerückt zu haben, ist bedeutend; es ist aber nur der Anfang zur Lösung der Aufgabe; denn man will wissen, inwiefern folgt es aus dem  Wesen  des Gedankes, daß er nur mit dem Laut verbunden wirklich ist? BECKER antwortet: "Es ist ein allgemeines Gesetz, daß usw." Wenn ein solcher allgemeiner Satz das Besondere erklären soll, so ist er eine sophistische Phrase.

Betrachten wir nun die Analogie zwischen Atmen und Sprechen näher, so sehen wir, daß sie zu unvollkommen ist, als daß eine genügende Durchführung möglich wäre. Denn erstens: während beim Atmen die Werkzeuge und die reizende Luft in demselben Bereich physischer Kräfte liegen, liegt bei der Sprache der Gedanke, welcher reizen soll, auf einem ganz anderen Gebiet als die Werkzeuge, die gereizt werden sollen. Das Atmen ist ein durchaus physischer Vorgang, durchaus im Gebiet der Stoffbewegung; es kommen dabei nur Gesetze in Betracht, die anderweitig vielfach angewandt und bestätigt sind. Dagegen sieht man gar nicht ein, was für ein Zusammenhang, was für eine Beziehung zwischen Gedanken und Stimmwerkzeug stattfindet, so daß jener als Reiz auf dieses wirken kann, daß es tönt, und auf die Mundhöhle und Zunge, daß sie den Ton artikulieren. Hier nur kurzweg von der äußeren Erscheinung eines Geistigen im Leiblichen reden, ist eine sophistische Phrase!

Hieraus folgt nun weiter, daß auch die ganze Weise, wie der Reiz wirkt und das Reizende in den Vorgang eingreift, und das Erzeugnis des Vorgangs auf beiden Seiten so verschieden ist, daß die Analogie schwindet. Luft, das Reizmittel, dringt in die Lungen; in Berührung mit dem Blut erfährt sie Veränderungen und wird hernach ausgetrieben - alles nach gemeinen Gesetzen. Geht etwa so der Gedanke in die Sprachwerkzeuge, wird er dort in bekannter Weise verändert und dann wieder entsendet? Verhält sich der Gedanke zur Tätigkeit und zum Erzeugnis der Sprachwerkzeuge, wie die Luft zu den Atmungswerkzeugen und dem, was sie entsenden? Bei BECKER aber sind äußerliche Wirkungen, Vollführungen des Willens, Darstellung eines Unsichtbaren durch Zeichen, alles leibliche Erscheinungen eines Geistigen - Phrasen!

Die größte Schwierigkeit schließlich, wodurch die Analogie nicht nur nichtssagend wird, sondern die Anschauung vom organischen Wesen der Sprache zerstört, liegt im Folgenden: Die Luft als Reizmittel für das Atmen, die Nahrung für die Verdauung sind vor der Lunge und dem Magen vorhanden und mögen wirken, sobald sie mit diesen Organen in Berührung kommen; so wie das Kind an die Luft tritt, ist diese bereit in die Lunge zu dringen, und die Nahrung wird dem Magen zugeführt: woher aber soll den Sprachorganen der Reiz kommen? da erst durch ihre Bewegung das was sie reizen soll, der Gedanke, entstehen kann? BECKER sagt:
    "Das Wort tritt notwendig sogleich hervor, so wie sich im Geist der Begriff gestaltet, der erregend auf die Sprachorgane einwirkt."
Kann der Begriff einwirken, bevor er ist? und kann er sein, bevor die Sprachorgane tätig sind? "Das Wort wird  mit  dem Begriff geboren"; also kann der Begriff nicht der Reiz für die Bewegung der Sprachorgane sein. Nun soll er dies aber dennoch sein nach BECKER; dann ist er auch, wie die Luft vor dem Atmen ist, vor der Schöpfung des Wortes; und hiermit sinkt also BECKER in die veraltete unorganische Anschauung zurück. Nun entsteht wieder die Frage: wie gelangt der existierende Begriff zum lautlichen Zeichen? Es ist also kein  zufälliges  Versehen, wenn BECKER (Seite 257) sagt:
    "Vermöge einer organischen Notwendigkeit wird der Begriff überhaupt leiblich im Laut; aber die  Wahl  des besonderen Lautes, in welchem er leiblich wird, geschieht mit organischer Freiheit."
Wenn hier BECKER plötzlich aus seiner Anschauung, wonach Laut und Begriff zusammen geboren werden sollten, vollständig heraustritt, und für den  vorhandenen  Begriff einen Laut  wählen  läßt, so tut er das, weil er mit Notwendigkeit aus seiner eigenen Anschauung heraus- und allerdings zurückgedrängt wurde. Die ganze Anschauung aber vom organischen Wesen der Sprache, von ihrer inneren Notwendigkeit, ist hiermit aufgelöst; denn kann der Mensch für einen Begriff einen Laut wählen, suchen, oder ist überhaupt nur der Begriff  vor  dem Wort vorhanden, so könnte man ja auch dieses Wählen unterlassen und die Bezeichnung des Begriffs überhaupt oder die durch den Laut verschmähen. Diese Auflösung seiner Ansicht mußte BECKER wegen ihrer Unbestimmtheit erdulden. Trotz des ewig wiederholten Epitheton ornans[entbehrlicher aber schmückender Zusatz - wp]  organisch  hat er die organische Natur des Wortes und des Begriffs, die Notwendigkeit jenes für die Entstehung dieses, nicht erkannt. Wir sind seiner falschen, veralteten Ansicht, wonach der Begriff  vor  dem Wort existiert, schon oben bei der Betrachtung des ersten Merkmals des Organischen in der Sprache begegnet. Der Fehler steckt also nicht bloß im Werk "das Wort" sondern auch im "Organismus". Denn er beruth auf der Grundbestimmung des Organismus bei BECKER, wonach dieser darin besteht, daß ein Gedanke einen Leib gewinnt, wobei allemal der Gedanke vor dem Leib gedacht wird.


§ 15. Schluß

Nach dieser Betrachtung des Grundgedankens der BECKERschen Sprachbetrachtung sind wir wohl schon berechtigt zu urteilen, daß BECKER, im anerkennenswerten Streben nach einer organischen Auffassungsweise der Sprache, sein Ziel so wenig erreicht hat, daß er zunächst in eine durchaus unorganische Anschauung verfällt, dann aberb sogar in die nichtssagendste Phrasenhaftigkeit. Wir werden dies jetzt bei der näheren Darlegung des BECKERschen Prinzips und seiner ersten Folgen noch ausführlicher nachweisen.
LITERATUR: Heyman Steinthal - Grammatik, Logik und Psychologie, Berlin 1855