p-4 H. SteinthalH. Paulvon RozwandoA. StöhrE. Martinak    
 
HERMANN SCHMITT
Psychologie und Logik in
ihrem Verhältnis zur Sprache


"Denn in der Sprache ist die Verbindung des Lautes mit seiner Bedeutung etwas Unerforschliches. Man kann Begriffe spalten, Wörter zergliedern, soweit man es vermag und man tritt darum dem Geheimnis nicht näher, wie eigentlich der Gedanke sich mit dem Wort verbindet."

"Der wahre Vorzug einer Sprache ist nur der, sich aus einem Prinzip und in einer Freiheit zu entwickeln, die es ihr möglich machen, alle intellektuellen Vermögen des Menschen in reger Tätigkeit zu erhalten, ihnen zum genügenden Organ zu dienen und durch die sinnliche Fülle und geistige Gesetzmäßigkeit, welche sie bewahrt, ewig anregend auf sein einzuwirken."
- Wilhelm von Humboldt


Jeder sprachlichen Äußerung liegt ein Erlebnis zugrunde und kommt in ihr irgendwie zum Ausdruck. Das "Wie" ist die fundamentale Frage, zu deren Beantwortung alle Sprachuntersuchung beizutragen hat.

Das Erlebnis konstituiert sich in Beziehungen logischer, ethischer, ästhetischer Art. Ob, wie weit, mit welchen Mitteln sich derartige Beziehungsmöglichkeiten in der Sprache bieten, sind Fragen, die in allgemeiner Erörterung die Sprachphilosophie beschäftigen Un daß eine solche allgemeine Betrachtung der Mittel sprachlicher Äußerung - im Sinne einer allgemeinen Grammatik - überhaupt möglich ist, hat seinen Grun im allgemeinen Charakter des Spracherlebnisses als Tatsache des menschlichen Bewußtseins.
    "Denn so wundervoll ist in der Sprache die Individualisierung innerhalb der allgemeinen Übereinstimmung, daß man ebenso richtig sagen kann, daß das ganze Menschengeschlecht nur eine Sprache, als daß jeder Mensch eine besondere besitzt." (1)
Auch die Erwägung stellen wir hierher, ob etwa unter den drei erwähnten Beziehungen, die sich psychologisch als drei verschiedene Seiten an einem in sich einheitlichen Erlebnis darstellen, im Element der Sprache einer grundlegenden Bedeutung für die Veräußerlichung zukommt.

Wir gehen von dem Faktum aus, daß alle sprachliche Äußerung ein Erlebnis zur Quelle hat und daß das Ziel, auf das sie ihrer ganzen Intention als Mitteilung und künstlerische Schöpfung entsprechend hinweist, gleichfalls ein Erlebnis, ein Inneres, ist. Die sprachliche Schöpfung aber ist nicht mehr das Innere, vielmehr eben seine Veräußerlichung. Un diese Darstellung vollzieht sich aufgrund einer Konzession [Zugeständnis - wp] des konkreten flüssigen Inneren an die konstruktiven Mittel des abstrakten stationären Äußeren. Diese konstruktiven Mittel aber sind Denkakte, nicht im Sinne eines erkenntniskritischen, sondern eines mythologischen Denkens. Wenn danach alles, was in der Sprache zum Ausdruck gebracht wird, ein Gedachtes ist, so heißt das, daß es nur als Gegenstand unseres Denkens, nur aufgrund eines Denkaktes ausgedrückt werden kann.

Es ist nicht richtig, die Sprache als Quelle aller Begriffsbilung anzusehen. Vielmehr hat sie die Begriffsbildung zur Voraussetzung.
    "Das Bedürfnis eines Begriffs und seine daraus entstehende Verdeutlichung muß immer dem Wort, das bloß der Ausdruck seiner vollendeten Klarheit ist, vorausgehen." (2)
An und für sich kann die Sprache den Vollzug des Begriffs nicht erzeugen, sie will ihn nur bezeugen.
    "Die Sprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist, ihr Geist ihre Sprache; man kann sich beide nie identisch genug denken. Wie sie in Wahrheit miteinander in ein und ebenderselben, unserem Begreifen unzugänglichen Quelle zusammenkommen, bleibt uns unerklärlich verborgen." (3)
Der "Übergang" nun vom sprachlosen Erlebnis zum sprachlichen Ausdruck - wenn diese bildliche Ausdrucksweise gestattet ist - weist einen Akt logischen Denkens als "Durchgangspunkt" auf, der für die Sprache konstitutive Bedeutung hat. In ihm gründet jedes Nacherleben.
    "Denn indem die Sprache den Menschen bis auf den ihm erreichbaren Punkt intellektualisiert, wird immer mehr den dunklen Regien der unentwickelten Empfindung entzogen." (4)
Auch den Willenssätzen glauben wir einen Akt logischen Denkens der oben charakterisierten Art als Voraussetzung zuschreiben zu sollen. Wir sehen darin die logische Beschreibung des Prozesses, den die herrschende Psychologie bei der Erörterung des Willensproblems bezeichnet als
    "die geistige Vorwegnahme eines Endgliedes der empfundenen Tätigkeiten, das zugleich als lustvolle Beendigung der gegenwärtigen Unlust oder als lustvolle Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Lust vorgestellt wird." (5)
Während das Erlebnis im Konkreten unserer Vorstellungen verläuft, stellt sich die sprachliche Äußerung im Abstrakten einer begrifflichen Fixierung dar. Das Fixierungsprodukt mag mit einer perspektivischen Zeichnung verglichen werden, so daß das Erlebnis, entsprechend der Nachschaffung des Gegenstandes in seiner dimensionalen Entwicklung, als die Aktualisierung psychischer Wertigkeiten zu betrachten ist. Wir wollen - so wenig passen der Vergleich auch sein mag - noch hinzufügen: Wie hier das Kind auch in verhältnismäßig einfachen Fällen nicht ausmahmslos imstande ist, zum wirklichen Gegenstand zu kommen, so gelingt auch dem in Sachen der Sprache Unentwickelten und Unerfahrenen nicht stets gleich glücklich die Aktualisierung möglicher Wertigkeiten und damit das vollständige Erlebnis. Der Schritt von der sprachlichen Äußerung zu dem in ihr intendierten und durch sie ermöglichten Erlebnis erweist sich als eine Funktion der Einbildungskraft, als wirkliche "Einbildung" und als eine, wenn auch primitive, künstlerische Tat, die zugleich eine momentane Befreiung von der Krücke des Gedankens, von einem sprachlichen Ausdruck darstellt.
    "Der Begriff vermag sich aber ebensowenig von einem Wort abzulösen, wie er Mensch seine Gesichtszüge ablegen kann. Das Wort ist seine individuelle Gestaltung, und er kann, wenn er diese verlassen will, sich selbst nur in anderen Worten wiederfinden. Dennoch muß die Seele immerfort versuchen, sich vom Gebiet der Sprache unabhängig zu machen, da das Wort allerdings eine Schranke ihres inneren, immer mehr enthaltenden Empfindens ist, und oft gerade sehr eigentümliche Nuancen desselben durch seine im Laut mehr materielle, in der Bedeutung zu allgemeine Natur zu ersticken droht. Sie muß das Wort mehr wie einen Anhaltspunkt ihrer inneren Tätigkeit behandeln, als sich in seinen Grenzen gefangen halten zu lassen. Was sie aber auf diesem Weg schützt und erringt, fügt sie wieer dem Wort hinzu; und so geht aus diesem ihrem fortwährenden Streben und Gegenstreben, bei gehöriger Lebendigkeit der geistigen Kräfte, eine immer größere Verfeinerung der Sprache, eine wachsende Bereicherung derselben an seelenvollem Gehalt hervor, die ihre Forderungen in eben dem Grad höher steigert, in dem sie besser befriedigt werden. Die Wörter erhalten, wie man an allen hochgebildeten Sprachen sehen kann, in dem Grad, in welchem Gedanke und Empfindung einen höheren Schwung nehmen, eine mehr umfassende, oder tiefer eingreifende Bedeutung." (6)
Mitgegeben sind die ethischen und ästhetischen Beziehungen, die das allseitige Erlebnis ermöglichen, in der Welt der Sprache ebensowenig wie in der natürlichen Welt. Garantiert wird das Erlebnis in weitem Umfang erst durch die Wirkung der sprachlichen Äußerung auf einen Resonanzboden, auf ein "Milieu", die Weltanschauung eines Individuums, wie sehr bescheiden sie auch sein oder gewesen sein mag.

Es gehört zum Wesen des sprachlichen Ausdrucks, daß er Lautung und Bedeutung zugleich ist.
    "Der Laut würde an und für sich der passiven, Form empfangenden Materie gleichen. Allein, vermöge der Durchdringung durch den Sprachsinn, in einen artikulierten umgewandelt und dadurch in einer untrennbaren Einheit und immer gegenseitiger Wechselwirkung, zugleich eine intellektuelle und sinnliche Kraft in sich fassend, wird er zu einem in beständig symbolisierender Tätigkeit wahrhaft und scheinbar sogar selbständig, schaffenden Prinzip in der Sprache." (7)
Im normalen Sprachgebrauch zeichnet sich das Wort dadurch aus, daß in ihm nie das Lautbild das sprachliche Interesse in Anspruch nimmt. Vielmehr tritt die Lautung als sinnerfülltes oder sinnerfüllbares Zeichen im Bewußtsein auf. Nur in Fällen überraschender Unsicherheit oder irgendwelcher Störung (8) richtet sich vielleicht die Aufmerksamkeit zum Zweck der Kontrolle usw. vorübergehend auf das Lautbild. Soll eine bedeutungsvolle Sprache vorliegen, so ist ein - vorbereitender - Akt der Synthesis unerläßlich, in dem die Lautung zugleich mit dem Index der Sinnerfüllbarkeit existiert, oder anders ausgedrückt: in dem sich eine Bedeutungstendenz konstituiert.
    "Denn die Absicht und die Fähigkeit zur Bedeutsamkeit [rich1] und zwar nicht zu dieser überhaupt, sondern zur bestimmten durch Darstellung eines Gedachten, macht allein den artikulierten Laut aus, und es läßt sich nichts anderes angeben, um seinen Unterschied auf der einen Seite vom tierischen Geschrei, auf der anderen vom musikalischen Ton zu bezeichnen." (9)
Ihrem Wesen nach ist die Bedeutungstendenz generell, nicht individuell. Ihr allgemeiner Charakter dokumentiert sich gewissermaßen im Umfassen einer Spezies, im Hindeuten auf Verschiedenes.
    "Das Verfahren der Sprache ist aber nicht bloß ein solches, wodurch eine einzelne Erscheinung zustande kommt; es muß derselben zugleich die Möglichkeit eröffnen, eine unbestimmbare Menge solcher Erscheinungen, und unter allen ihr vom Gedanen gestellten Bedingungen hervorzubringen." (10)
Die Bedeutung also ist nicht allgemein und deutet nicht auf ein Allgemeines hin. Nur ihr Hindeuten ist seinem Auftreten und seiner Funktion nach allgemein, nicht an ein bestimmtes Einzelnes gebunden.
    "Das Wort ... enthält auch nicht einen schon geschlossenen Begriff, sondern regt bloß an, diesen mit selbständiger Kraft, nur auf bestimmte Weise zu bilden. Die Menschen verstehen einander nicht dadurch, daß sie sich Zeichen der Dinge wirklich hingeben, auch nicht dadurch, daß sie sich gegenseitig bestimmen, genau und vollständig denselben Begriff hervorzubringen, sondern dadurch, daß sie gegenseitig ineinander dasselbe Glied der Kette ihrer sinnlichen Vorstellungen und inneren Begriffserzeugungen berühren, dieselbe Taste ihres geistigen Instruments anschlagen, worauf sodann in jedem entsprechende, nicht aber dieselben Begriffe hervorspringen." (11)
Der generelle Charakter der Bedeutungstendenz ist in der okkasionellen [gelegentlichen - wp] Bedeutung wie im Bedeutungswandel wirksam und erweist sich als grundlegend für den Reichtum eines Ausdrucks an Bedeutungen und damit an Funktionsmöglichen. POTT (12) redet in einem treffenden Bild von einer
    "elastischen Dehnbarkeit von Sprachzeichen", "indem deren eins, auch ohne irgendeine äußere Veränderung, jedoch nicht schlechthin nach Willkür, sondern infolge von Ideenverknüpfung und Begriffsverwandtschaft, eine Mannigfaltigkeit der Anwendbarkeit zuläßt, je nach dem verschiedenen Redezusammenhang und somit je nach Verschiedenheit der Bezogenheit auf anderes und anderes."
Es ist der Bedeutungstendenz eigentümlich, daß sie auf ein Ziel gerichtet ist. Und seine Erfüllung findet das sprachliche Erlebnis beim jeweiligen Gebrauch (13) der Sprache in einem abschließenden Akt der Bedeutungsbestimmung. In ihm wird die Beziehung des sprachlichen Ausdrucks auf das "Bedeutete" aktualisiert, sei es wahrgenommen oder vorgestellt, wirklich oder phantasiert. Das Bedeutete nun ist ein Gegenstand oder Sachverhalt, aber nicht in seiner konkreten Existenz, sondern als Abbreviatur [Abkürzung - wp] der Wirklichkeit erfaßt und in die Sprache eingekleidet.
    "Die Sprache stellt niemals die Gegenstände, sondern immer die durch den Geist in der Spracherzeugung selbsttägig von ihnen gebildeten Begriffe dar; und von dieser Bildung, insofern sie als innerlich, gleichsam dem Artikulationssinn vorausgehende angesehen werden muß, ist hier (bei der inneren Form der Sprache) die Rede." (14)
In dieser Abstraktion gilt es, den spezifischen Weg zu erkennen, "welchen die Sprache und mit ihr die Nation, der sie angehört, zum Gedankenausdruck einschlägt." (15) Die eigentümliche Auffassung, Gliederung und Abbreviierung der Wirklichkeit durch die sprachbildende Geistestätigkeit bedingt zugleich eine besondere Art, die Daten der Abstraktion durch denkendes Beziehen zu verbinden.
    "Die grammatische Formung entspringt aus den Gesetzen des Denkens durch Sprache, und beruth auf der Kongruenz [Deckungsgleichheit - wp] der Lautformen mit denselben. Eine solche Kongruenz muß auf irgendeine Weise in jeder Sprache vorhanden sein; der Unterschied liegt nur in den Graden, und die Schuld mangelnder Vollendung kann das nicht gehörig deutliche Hervorspringen jener Gesetze in der Seele oder die nicht ausreichende Geschmeidigkeit des Lautsystems treffen." (16)
Beim Lesen und Reden kann man introspektiv beobachten, daß im Akt der Bedeutungsbestimmung das Bedeutete, mit dem die sprachliche Äußerung zur Einheit verschmilzt, gar nicht der Gegenstand oder Sachverhalt selbst, auch nicht die Vorstellung davon, ist. Der regelmäßige und phänomenologisch wichtigste Fall im Gebrauch der Sprache gründet sich vielmehr auf die Tatsache, daß jedes Erlebnis als Bewußtseinsfaktum in irgendeiner Art den Stempel der Wertung trägt, eines Gefühlswertes, sei es des Begehrens oder des Widerstrebens in irgendeinem Grad. Und was im sprachlichen Erlebnis bewußt wird und das Verständnis vermittelt, ist gerade dieses gefühlsmäßige Adäquat des Gegenstandes, vermehrt und bereichert durch den lautlich-akzentuellen Gehalt der Veräußerlichung selbst, doch so, daß beide - aus Gründen, die sich später bei Akzent und Rhythmus zeigen werden - zur Einheit der Wirkung in der entwickelten Sprache verschmelzen (17). In ihr gibt das Wortgefühl oder im Bild gesprochen: das bloße Anklingen der Unter- und Obertöne, die Klangfarbe, den Ausschlag; der Grundton selbst bleibt latent. So sicher es ist, daß die Sprache aus der Anschauung heraus geboren ist, so gewiß ist, daß der Weg ihrer Vervollkommnung ins Unanschauliche, Abstrahierende der Darstellung und zum gefühlsmäßigen Erfassen und Verstehen führt.
    "Sie (die Sprache) ist erst fertiges Mittel des Geistes, seit sie die Anschauung hinter sich gelassen hat." (18)
Die Intensität eines gegenwärtigen Spracherlebnisses hängt demnach vom Reichtum und der Reproduktionsmöglichkeit früherer Erlebnisgefühle ab und der "außergegenständliche" Sprachgebrauch geht mit der Entwicklung der individuellen Weltanschauung Hand in hand.
    "Wenn eine Sprache bloß und ausschließlich zu den Alltagsbedürfnisse des Lebens gebraucht würde, so gälten die Worte bloß als Repräsentanten es auszudrückenden Entschlusses oder Begehrens, und es wäre von einer inneren, die Möglichkeit einer Verschiedenheit zulassenden, Auffassung gar nicht die Rede. Die materielle Sache oder Handlung träte in der Vorstellung des Sprechenden und Erwidernden sogleich und unmittelbar an die Stelle des Wortes. Eine solche wirkliche Sprache kann es nun glücklicherweise unter den immer doch denkenden und empfindenden Menschen nicht geben." (19)
Nach all diesen Erörterungen haben wir einen Überblick über die Möglichkeiten sprachlicher Untersuchung gewonnen. Die Tatsache, daß überhaupt ein Erlebnis in einer sprachlichen Veräußerung gemeint ist und gemeint sein kann, ist das phänomenologisch Eigentümliche der Sprache überhaupt. Davor macht jede Untersuchung für immer Halt.
    "Denn in ihr (der Sprache) ist die Verbindung des Lautes mit seiner Bedeutung etwas mit jener Anlage (20) gleich Unerforschliches. Man kann Begriffe spalten, Wörter zergliedern, soweit man es vermag und man tritt darum dem Geheimnis nicht näher, wie eigentlich der Gedanke sich mit dem Wort verbindet." (21)
Wie aber steht es mit der etwaigen Erörterung der Synthese aus der bestimmten Lautung l1 und der bestimmten Bedeutung b1?
    "Daß ein Zusammenhang zwischen dem Laut und dessen BEeutung vorhanden ist, scheint gewiß; die Beschaffenheit dieses Zusammenhangs aber läßt sich selten vollständig angeben, oft nur ahnen und noch viel öfter gar nicht erraten." (22)
Das fruchtbare Gebiet sprachlicher Untersuchung betreten wir, wenn wir
    "die Sprache nicht sowohl wie ein totes Erzeugtes, sondern weit mehr wie eine Erzeugung ansehen, mehr von demjenigen abstrahieren, was die Bezeichnung der Gegenstände und Vermittlung des Verständnisses wirkt und dagegen sorgfältiger auf ihren mit der inneren Geistestätigkeit eng verwebten Ursprung und ihren gegenseitigen Einfluß darauf zurückzugehen." (23)
Zur Voraussetzung hat die Sprache denkende Wesen als Glieder einer Gemeinschaft. Das ergibt sich einmal aus dem Wesen der Sprache als Objektivierung, Verstandesarbeit, die eben Sache und Leistung des Begriffs ist; zum anderen aus der Sprache als Mitteilung. Wir können uns nicht dazu entschließen, von einem doppelten Zweck der Sprache zu reden: von der Affektentladung und der Verständigung. Vielmehr ist die Mitteilung der Zweck, der sich in der Sprache geltend mach und der Gesichtspunkt, unter dem sie zu betrachten ist. (24) Dagegen hat die Affektentladung für sich in der Sprache keine maß- und zielgebende Bedeutung. Sie führt wohl zu reflexartigen Lautbildungen. Diese haben aber,
    "da sie bei allen möglichen Gelegenheiten und ohne jede Absicht der Mitteilung hervorgebracht werden, noch durchaus nicht die Bedeutung von Sprachlauten." (25)
Also obwohl Ausdrucksbewegungen, sind diese affektartigen Gebilde noch nicht sprachliche Phänomene. Sprache ist eben mehr als Ausdrucksbewegung. Dasselbe aber ist von der Interjektion [wortähnliche Lautäußerungen oh, pfui, pst - wp] zu sagen - wenn es überhaupt einen Sinn hat, sie neben den eben erwähnten Reflexlauten als eine besondere Art der Affektentladung zu untersuchen. Erst wenn wir die Interjektion als Mitteilung, d. h. in ihrem Dasein für und in ihrer Wirkung auf einen Hörenden betrachten, stellt sie sich als embryonale sprachliche Äußerung dar. Für sich betrachtet liegt natürlich der Interjektion ein Erlebnis zugrunde. Der Veräußerlichung aber fehlt das Fundement der begrifflichen Läuterung und Klärung. Das Erlebnis wird nicht durch Isolierung charakterisiert und hervorgehoben, eben nicht begrifflich fixiert. Der Lautreflex ist berhaupt nur "bedeutend" nach seiner akzentuellen Seite hin, nach dem durch eine Melodie gleichsam vermittelten Gefühlsgehalt, während der Träger des Akzents überhaupt nicht in Betracht kommt. Die ganze Verstandesleistung also, die für jede sprachliche Äußerung conditio sine qua non [Grundvoraussetzung - wp] ist, findet sich hier auf seiten des Hörenden, des Verstehenden.

Schließlich soll auch die einfache Darstellung unter dem Gesichtspunkt der Mitteilung zu erörtern sein. Sinn bekommt sie eben dadurch, daß sie sich jemandem darstellt, also durch einen Gemeinschaftsbezug. Und daß der Monolog nicht zur Mitteilung als dem Zweck sprachlicher Äußerung im Widerspruch steht, liegt an seiner Verknüpfung an ein aktuelles Doppel-Ich.

Das Verhältnis zwischen Erlebnis und Sprachäußerung, die wir beide in der Synthese des Spracherlebnisses irgendwie fassen, läßt naturgemäß zwei einander entgegengesetzte, aber zugleich, wegen der gemeinsamen Grenzpunkte, einander ergänzende Richtung der Betrachtung zu: vom Erlebnis zur sprachlichen Äußerung un umgekehrt von ihr zum Erlebnis. Die zwei Disziplinen, die dieser doppelten Aufgabe gerecht werden, sind die Syntax und die Stilistik. Ihre beiderseitigen Funktionen treten dann in folgender Weise einander gegenüber. Für den sprachlichen Vorgang sind drei Momente bestimmend: das Erlebnis, die Mittel, in denen sich die Veräußerung darstellt, und, wie wir aus früheren Überlegungen wissen, das Milieu. Für beide, Syntax und Stilistik, ist das Milieu jeweils gegeben. Die Syntax nun hat, vom Erlebnis ausgehend, die Mittel seiner Veräußerlichung zur Erkenntnis zu bringen. Die Stilistik dagegen entwickelt ihre Untersuchungen in umgekehrter Richtung. Mit Hilfe der von der Syntax bereitgestellten Mittel sucht sie aus einem so un so gearteten Milieu heraus ein Erlebnis seiner Entstehung und Gestaltung nach wissenschaftlich zu diskutieren. So tritt durch die und in der Stilistik die Syntax gleichsam unter einen höheren Gesichtspunkt. Sie stellt die Mittel für einen künstlerischen Akt zur Verfügung, der im Erlebnis seinen - subjektiv variablen - Abschluß findet.
    "Es soll nur darauf aufmerksam gemacht werden, daß jenes Reich der Formen nicht das einzige Gebiet ist, welches der Sprachforscher zu bearbeiten hat, und daß er zumindest nicht verkennen darf, daß es noch etwas Höheres und Ursprünglicheres in der Sprache gibt, von dem er, wo das Erkennen nicht mehr ausreicht, doch eine Ahnung in sich tragen muß." (26)
Die Syntax faßt die Aufgabe der *Objektivierung ins Auge, die Stilistik die der Subjektivierung. Diese interessiert die Äußerung als Erlebnis, jene das Erlebnis als Äußerung. Die Syntax führt zur äußeren Gestalt, die Stilistik zum inneren Gehalt. Die Methode der Syntax ist analytisch, die der Stilistik synthetisch. Die Syntax sucht die formale Gestaltung einer Äußerung zur Erkenntnis zu bringen - mit Rücksicht auf den konstruktiven Faktor, der sich in ihr auswirkt (worüber später Genaueres). Die Stilistik entscheidet darüber, ob und wie weit der Aufwand an Darstellungsmitteln der Erreichung des beabsichtigten Ziels (Erlebnis) angemessen ist. Beide müssen zusammenwirken, wenn ein sprachlicher Ausdruck interpretiert werden soll. Es wird im einzelnen den syntaktischen Erwägungen eine stilistische Deutung zur Seite treten.

Wenn wir nach diesen allgemeinen Bemerkungen der Sprache nähertreten, so ist es notwendig, daß wir den Satz ins Auge fassen, denn er ist die relativ (27) - das bedeutet für die Syntax: im Zusammenhang der Rede; für die Stilistik: im Milieu - selbständigste sprachliche Einheit (28). Es gilt zunächst zu bestimmen, was der Satz ist.

Am einflußreichsten unter den in neuerer Zeit vorgelegten Satzdefinitionen sind wohl die von WUNDT und PAUL gewesen. Wir wollen zusehen, was wir ihnen entnehmen können.

WUNDT definiert den Satz als den "sprachlichen Ausdruck für die willkürliche Gliederung einer Gesamtvorstellung in ihre in logische Beziehungen zueinander gesetzten Bestandteil" ("Völkerpsychologie, Teil 1: Die Sprache, II, Seite 245). Da erst kürzlich wieder ELSTER (29) die Definition ganz kritiklos übernommen hat, wollen wir sie noch einmal näher betrachten. Die Hauptmomente, auf die es uns ankommt, sind: die Gliederung einer primären Gesamtvorstellung und die logischen Beziehungen der Elemente des Ganzen. Um die erste Forderung stellen zu können, mußte WUNDT mit Rücksicht auf die Tatsachen der sogenannten "offenen Verbindungen", bei denen nicht selten dem Sprechenden selbst "eine hinzutretende Vorstellung als etwas Neues, Unerwartetes erscheint, das von der unmittelbar vorangegangenen erst angeregt worden ist" (WUNDT, a. a. O., II, Seite 320), den sogenannten "geschlossenen Verbindungen" gegenüberstellen, die sich dadurch auszeichnen, "daß ihre Teile Elemente der ursprünglichen Gesamtvorstellung sind, die der Bildung des Satzes zugrunde liegt" (II, 320). Soll nun die Satzdefinition Sinn und Berechtigung haben, so muß sich die geschlossene Verbindung als die ursprüngliche erweisen, die selbst der offenen Verbindung als Fundament dient. Beim einfachen Satz charakterisiert sich dann auch nach WUNDT (II, 322) der Schritt von der geschlossenen zur offenen Verbindung als das "Werk einer sukzessiven Assoziation", wobei die geschlossene Verbindung gleichsam "der Kristallisationskern für die weiteren Glieder ist". Hieraus entnehmen wir also, daß die geschlossene Verbindung, die wir der "apperzeptiven" Denktätigkeit verdanken, grundlegend ist für die offene Verbindung, die der "assoziativen" Verstandestätigkeit entspringt. Dem aber widerspricht, was WUNDT an einer anderen Stelle ("Sprachgeschichte und Sprachpsychologie", Seite 78) sagt:
    "Nicht minder wurde die Annahme, daß die attributive die ursprünglichere, die prädikative die später entwickelte Satzform ist, ebensowohl durch die genannten Eigentümlichkeiten der Sprachen, in denen die erstere vorwaltet, wie besonders durch die Tatsache gefordert, daß die attributive Form zu den offenen, die prädikative zu den geschlossenen Wortverbindungen tendiert oder psychologisch ausgedrückt, daß jene noch unter der Vorherrschaft der Assoziation steht, diese dagegen durchaus von der apperzeptiven Gliederung der Gesamtvorstellung beherrscht ist."
In demselben Sinn heißt es auch bei der Charakteristik der zusammengesetzten Sätze (II, 335):
    "Gerade die Entstehung des zusammengesetzten Satzes in seinen verschiedenen Formen weist aber bereits darauf hin, daß die rein apperzeptive Form des Denkens nicht die ausschließlich, und daß sie namentlich nicht die ursprüngliche ist, vielmehr selbst auf jenen offenen, auf Assoziationen beruhenden Verknüpfungen erwächst, wie uns solche vor allem auch in den parataktischen Satzverbindungen begegnen."
Demgegenüber wird wieder der fundamentale Charakter der "primären geschlossenen Verbindung" betont, wenn es heißt (II, 312):
    "Die Grundgestalt des Satzes, die in einem prädikativen Verhältnis zum Ausdruck kommt, beruth durchaus auf einer geschlossenen Verbindung."
Ist demnach die geschlossene Verbindung Grundlage und Ausgangspunkt, dann wird man von WUNDTs Standpunkt aus die Gliederung der Gesamtvorstellung mit Fug als eine "willkürliche" bezeichnen. Ist aber nach den vorhergehenden Bemerkungen die in der assoziativen Denktätigkeit wurzelnde offene Verbindung das Ursprüngliche, dann hat dieses Datum in der Definition keinen Sinn. Denn wir wissen, "daß die passive Apperzeption (30) ihrem wesentlichen Charakter nach einer Triebhandlung, die aktive einer Willkürhandlung entspricht." (31) Widerspruchsfrei ist danach die erste Forderung nicht.

Bleibt noch die zweite Hauptbestimmung in der Definition des Satzes: die "in logische Beziehungen zueinander gesetzten Bestandteil". Die aus der ihrem Wesen nach binären Gliederung des Satzes hervorgehenden Teile treten zueinander in logische Beziehungen im Sinn attributiver und prädikativer Verbindungen. Denn sie sind es, "die einerseits als die charakteristischen Ausdrucksformen logischer Beziehungen erscheinen, und in denen sich andererseits die analytische Funktion der Gesamtvorstellung betätigt" (II, 243). Und wenn es heißt ("Grundriß", Seite 309): "Die elementarste aller Funktionen der Apperzeption ist die Beziehung zweier psychischer Inhalte aufeinander", und weiter "die Grundlagen solcher Beziehungen sind überall in den einzelnen psychischen Gebilden und ihren Assoziationen gegeben", so kann das allenfalls einen Ausdruck für das analytische Urteil KANTs liefern. Die Urteilstätigkeit aber dahin zu charakterisieren, "daß dieselbe nicht als eine synthetische, sondern als eine analytische Funktion aufzufassen ist" ("Grundriß", Seite 327; vgl. "Essais", Seite 313), schließt die Unzulänglichkeit der sprachpsychologischen Konsequenzen ein. Dem eingliedrigen Satz kann man so nicht gerecht werden. Lautliche Gliederung ist dann Bedingung für alles, was Satz sein will. Und die Annahme von unvollständigen Sätzen, Satzfragmenten, Satzäquivalenten wird unumgänglich. All dem gegenüber muß die Beachtung eines Doppelten betont werden: einmal, daß am Aufbau unserer Vorstellungen logische Funktionen, Urteilsakte beteiligt sind, so daß sprachliche Äußerungen wie "- es blitzt!" oder " - ein Baum!" den adäquaten Ausdruck unserer elementarsten Urteilsfunktionen darstellen (32); zum zweiten bleibt zu bedenken, daß die Situation dem einzelnen Satz seine Bedeutung eigentlich erst gibt (33), daß wir fast immer auf Ergänzungen angewiesen sind, als in allen solchen Fällen von Satzäquivalenten zu reden hätten.
LITERATUR: Hermann Schmitt, Psychologie und Logik in ihrem Verhältnis zur Sprache und zur Methode sprachlicher Untersuchung, Archiv für die gesamte Psychologie, Leipzig 1913, Bd. 27
    Anmerkungen
    1) WILHELM von HUMBOLDT, Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlecht, Bd. II, Berlin 1880, Seite 62 (hg. von AUGUST FRIEDRICH POTT)
    2) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 34
    3) HUMBOLDT, ebd. Seite 52
    4) HUMBOLDT, ebd. Seite 211
    5) HERMANN EBBINGHAUS, Abriß der Psychologie, Seite 79 (wo das ganze Zitat im Sperrdruck gegeben ist).
    6) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 120f.
    7) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 307
    8) und beim Schulübersetzen in die fremde Sprache, wenn im Anschluß an ein Paradigma eine Wortform mühsam konstruiert wird!
    9) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 79f.
    10) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 119.
    11) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 209
    12) POTT, Einleitung zu HUMBOLDT, a. a. O.
    13) "Sie ist selbst kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholenden Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen." (HUMBOLT, a. a. O., Seite 56)
    14) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 109
    15) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 61
    16) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 193
    17) "Die Verschiedenheit der auffassenden Stimmung gibt denselben Lauten eine auf verschiedene Weise gesteigerte Geltung, und es ist, wie wenn bei jedem Ausdruck etwas durch ihn nicht absolut bestimmtes gleichsam überschwankt." (HUMBOLDT, a. a. O., Seite 216)
    18) THEODOR ALEXANDER MEYER, Das Stilgesetz der Poesie, Leipzig 1901, Seite 43.
    19) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 215f.
    20) Nämlich mit der "Verknüpfung des Körpers mit der geistigen Kraft, welche das Wesen jeder menschlichen Individualität ausmacht".
    21) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 210: "Die unzertrennliche Verbindung des Gedankens, der Stimmwerkzeuge und des Gehörs zur Sprache liegt unabänderlich in der ursprünglichen, nicht weiter zu erklärenden Einrichtung der menschlichen Natur."
    22) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 92
    23) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 54
    24) "Die Sprache verlangt, an ein äußeres, sie verstehendes Wesen gerichtet zu werden." (HUMBOLDT, a. a. O., Seite 45)
    25) WILHELM WUNDT, Grundriß der Psychologie, 1907, Seite 358 (Der Sperrdruck ist nicht aus dem Original.)
    26) HUMBOLDT, a. a. O., Seite 205
    27) "Die verbundene Rede ... muß man sich überhaupt in allen Untersuchungen, welche in die lebendige Wesenheit der Sprache eindringen sollen, immer als das Wahre und Erste denken." (HUMBOLDT, a. a. O., Seite 56)
    28) "Denn die Rede enthält auch in Absicht der Geltung ihrer einzelnen Elemente und in den Nuancen ihrer Fügungen, welche sich nicht gerade auf grammatische Regeln zurückführen lassen, unendlich viel, was, wenn sie in diese Elemente zerschlagen ist, man nicht mehr an denselben erkennbar zu fassen vermag. Ein Wort hat meistenteils seine vollständige Geltung erst durch die Verbindung, in der es erscheint." (HUMBOLDT, a. a. O., Seite 213.
    29) ERNST ELSTER, Stilistik, 1911
    30) = Assoziation ("Grundriß", Seite 271)
    31) WUNDT, Grundriß der Psychologie, 1907, Seite 266.
    32) Nach WUNDT (Grundriß, Seite 311) folgt das Urteilen den Empfindungen erst nach und ist von diesen durchaus zu trennen.
    33) WUNDTs Ausführungen erwecken bisweilen Bedenken, daß hierauf nicht gebührend Rücksicht genommen wird; so wenn er (II, 232f) sagt: "Hat z. B. jemand auf einer Tafel das Wort Karl gelesen, ohne sich irgendetwas Weiteres hinzuzudenken, so ist nicht einzusehen, warum man sich nicht damit begnügen sollte, ein so gelesenes Wort eben ein Wort zu nennen, ihm aber den Charakter eines Satzes abzusprechen." Dagegen ist zu sagen, daß es sich für uns nicht um ein Wort auf der Tafel handelt, daß vielmehr nur seine Stellung in der Situation, in der lebendigen Rede gemeint sein kann. STEINTHAL hat nicht ohne Grund bei der Erörterung der Entstehungs- und Entwicklungsverhältnisse der Sprache an Frage und Antwort zugleich demonstriert.