p-4cr-2H. ProssE. MartinakA. StöhrOgden/RichardsMorris    
 
RICHARD GÄTSCHENBERG
Symbola
[Anfangsgründe einer Erkenntnistheorie]

 "Die Welt ist meine Vorstellung - das ist ein großer, imponierender und für viele auch sehr klarer Satz. Machen wir aber eine bescheidene Anwendung davon, so will er sich nicht mehr fügen. Der Satz ist eine Abkürzung für die Behauptung, daß Häuser, Menschen, Äpfel und alle anderen Gegenstände jemandes Vorstellung sind. Nun sage man mir klipp und klar, was da vor sich geht, wenn ich einen Apfel esse? Esse ich da die Vorstellung eines Apfels? Oder ißt die Vorstellung eines Ich die Vorstellung eines Apfels? Oder stellt die Vorstellung eines Ich sich vor, daß sie einen Apfel oder die Vorstellung eines Apfels ist?"

"Die Untersuchung der Beziehungen zwischen der Sprache und ihren Gegenständen ist die halbe Erkenntniskritik und die  Untersuchung der Beziehungen zwischen den Symbolen und ihren Gegenständen  ist die ganze."


Einleitung

Es besteht leider kein Zweifel und muß eingestanden werden, daß die Erkenntnistheorien der Gegenwart wenig Erfolg haben und am wenigsten da, wo sie ihn am meisten wünschen und ihre Prinzipien unter Dach bringen möchten: bei den Naturwissenschaften. Es herrscht bei den Vertretern der Naturwissenschaften ein großes Bedürfnis nach einer Erkenntnistheorie; aber was wir Philosophen bieten, können jene nicht brauchen, sie lehnen unsere Gaben dankend ab und bauen sich selbst ihre Erkenntnistheorien. Daß umgekehrt wir die Erkenntnistheorien der anderen nicht brauchen können, ist kein Trost für uns.

Offen gesagt: es gähnt eine  Kluft  zwischen Philosophie und Naturwissenschaften. Da nun die Naturwissenschaften unstreitig große Erfolge haben und nicht gerade die geringsten da, wo sie nicht ersehnt werden, nämlich bei den Philosophen, so drängt sich unabweislich die Frage auf, ob die Schuld an der Spaltung nicht auf  unserer  Seite liegt.

Ich habe die Frage ernsthaft erwogen und muß sie leider bejahen. Wir stecken immer noch zu tief im Mittelalter, hängen zu sehr an Traditionen, konservieren teils unter dem Zwang des klassischen Bildungsideals, teils unter theologischen Einflüssen  wurmstichige Altertümer,  unbrauchbare Worte mit unbrauchbarem Anhang, wie "Geist, Seele, Ich, Bewußtsein, Unbewußtes, Vernunft, Wille, Begriff, Urteil, Erscheinung, Ding-ansich, Assoziation, Gedächtnis, Instinkt, Erkenntnis, Irrtum, Wahrheit" und viele andere, die nicht mehr in die moderne Wissenschaft passen. Der Karren der Philosophie ist stecken geblieben, ihre "Begriffe" sind degeneriert, ihre Termini ersticken in Vieldeutigkeit, wir schreiten nicht vorwärts, sondern arbeiten uns immer tiefer in den Sumpf. Und allüberall herrscht  Unklarheit.  Und Unklarheit ist nicht etwa eine Schande, sondern gilt beinahe als guter Ton in der Philosophie. Wer sich dagegen auflehnt, der hat eben kein Talent zum Philosophen. Unklar zu sein und doch als gelehrt zu gelten, ist ein Vorrecht nicht nur der Theologen, sondern leider auch der Philosophen.

Eine Disziplin, die Logik, ist uns von den Mathematikern abgerungen worden. Wir sind da nicht mehr Sachverständige, wenn wir nicht zugleich Mathematiker sind. Überhaupt haben wir es nicht verstanden, die Mathematik, das Rückgrat der Naturwissenschaften, uns dienstbar zu machen, obwohl sie in der Gegenwart auf induktivem Weg uns entgegenkommt. Zumindest haben wir versäumt, die Klarheit der Mathematik zum Vorbild zu nehmen.

Ganz schweigen will ich von der Uneinigkeit.

Für alle unsere Mißerfolge finde ich nur eine Wurzel: den  Mangel an modernen Anfangsgründen.  Unsere Anfangsgründe sind, sofern von deren Vorhandensein überhaupt gesprochen werden kann, noch immer dieselben, die vor Jahrhunderten gut genug waren.  Wäre es nicht möglich, daß man mit Anfangsgründen, die der Wissenschaft von heute entsprechen, zu neuen Resultaten und zur Einigung käme? 

Weil die Antwort bejahend ausfallen konnte, habe ich es unternommen, den Ballast der Traditionen über Bord zu werfen und  von vorne anzufangen (1) wie einer, der nur die Naturwissenschaften kennengelernt hat und trotzdem philosophiert. Freilich war es nicht möglich, wörtlich genommen die Last einfach abzuwerfen. Ich mußte mühsam  umlernen.  Das war die schwerere Hälfte der Arbeit und hat viele Jahre gekostet. Jetzt habe ich es endlich so weit gebracht, daß mir die früher wohlvertrauten und halbverständlichen Autoren unverständlich geworden sind. Die zweite Hälfte der Arbeit war dagegen ein unterhaltendes Geduldsspiel, dessen Aufgabe darin bestand, die Summe der Annahmen zusammenzusetzen, die das Erkennen erklären und zugleich unter sich und mit den Naturwissenschaften harmonieren. Das wurde leicht von dem Augenblick an, da die Definition des Symbols gefunden war.  "Symbol"  lautet  das einigende Wort,  dessen Bedeutung auf beiden Seiten schon bekannt und anerkannt, nur noch nicht in voller Tragweite durchschaut ist. Ich habe es von allem mystischen Beigeschmack befreit und gründlich ausgenützt. So hat es mir nicht nur die Freude der Entdeckng von überraschend Neuem, sondern auch die Freude des Wiederentdeckens alter Weisheiten in einem neuen Gewand gebracht.

Aber auch alte als  Torheiten  verlästerte Annahmen, die man längst verworfen und begraben hat, und über die erhaben zu sein man sich brüstet, mußten in neuem Gewand wieder in Gnaden aufgenommen werden. Ich wage es, selbst auf die Gefahr hin, zur schlechten Gesellschaft gerechnet zu werden, die Rolle des armen Zöllners und Sünders zu übernehmen, der nicht weiß, was alles "schon längst widerlegt" ist. Ich wage es, weil ich mich als der Gründlichere fühle. Ich bin so gründlich vorgegangen, daß ich mich  kurz  fassen und mehr in Reserve behalten konnte, als ich herauszugeben brauchte. Das Buch ist nur durch seinen  negierenden  Inhalt, durch den Kampf gegen das Alte umfangreich geworden. Sein ponierender [maßgeblicher - wp] Inhalt ließe sich in einem kleinen Büchlein unterbringen (2).

Wenn ich auch erwarte, daß man mich einer vollständigen Verdrehung aller hergebrachten Theoreme und ihres Zusammenhangs beschuldigen wird, so habe ich doch einige Hoffnung, daß mir zumindest jene in den Grundzügen recht geben werden, für die "Entwicklung" das Losungswort ist. Das Programm für die ganze Verdrehung ist im 2. Kapitel ausgesprochen. Wer dem nicht beistimmt, mag das Buch getrost als verfehlt beiseite legen. Die Verdrehung, deren man mich beschuldigen wird, besteht für mich natürlich auf der Gegenseite.

Aber wie sind die Anfangsgründe zu finden? - Ich will es verraten.

Jeder Forscher kennt  die kleinen Unehrlichkeiten des Ausdrucks, die durch dunkle Punkte veranlaßt werden,  jeder weiß Redewendungen zu gebrauchen, wodurch Unklarheiten, die nebensächlich und unbedeutend scheinen, verhüllt und verschwiegen werden. Es sind Unklarheiten, denen man nicht den Wert ernster Probleme zuschreiben möchte, über die vielmehr mit einem geschmeidigen Wort hinwegzueilen, man sich berechtigt fühlt. Man hofft, der Leser werde es nicht merken, ja man merkt es selber kaum, daß da etwas nich in Ordnung ist (3).

Jene dunklen Punkte sind sehr häufig  keineswegs so nebensächlich,  wie es scheint, vielmehr stecken gerade darin die grundlegenden Probleme, deren Lösungen Anfangsgründe sind.

Um alle dunklen Punkte ans Licht zu ziehen, sich keiner, auch nicht der kleinsten Unehrlichkeit schuldig zu machen, bedarf es jahrzehntelanger Arbeit, ja man kann sein Leben lang zum Schweigen verurteilt sein, wenn man sich vornimmt, ganz ehrlich zu sein.

Ich bin den dunklen Punkten sowohl bei mir selbst, als bei anderen ernsthaft zu Leibe gerückt und habe sie geradezu als  Problemfallen  benützt. Mit überraschendem Erfolg. Denn es hat sich herausgestellt, daß die gefangenen Probleme gering an Zahl sind, aber viel häufiger, als sich ahnen läßt, und in unzähligen Verkleidungen ihr Unwesen treiben. Infolgedessen hat sich die Mühe ihrer Lösung durch Klarheit in großen Gebieten gelohnt. Und noch mehr: die Anfangsgründe setzen uns instand, sofort die schwierigsten Probleme in Angriff zu nehmen. Zwischen Anfang und Ende liegt fast keine Mitte.

Daß die Zahl der grundlegenden Probleme gering ist, scheint der Erfahrung zu widersprechen. Jedem Forscher ist es doch bekannt, daß ein Problem auf mehrere Probleme 2. Ordnung führt, jedes von diesen auf mehrere Probleme 3. Ordnung usw., gleichwie die Ahnentafel eines Menschen auf 2 Eltern, 4 Großeltern, 8 Urgroßeltern usw. führt. Es ist aber auch bekannt, daß der Gesamtzahl der Menschen nicht eine doppelt so große Zahl von Eltern und eine viermal so große Zahl von Großeltern vorhergeht, sondern daß im Gegenteil infolge des "Ahnenverlustes", d. h. der Identität der Ahnen mehrerer Menschen, die Gesamtzahl der Menschen in Richtung Vergangenheit abnimmt. So gibt es auch in der Problemtafel einen  Problemverlust  und eine Abnahme der Probleme bei immer weiterer Verfolgung. Ein ausgiebiger und angenehmer Problemverlust findet z. B. statt mit dem Eintritt in die Sematologie. Ja, meine Studien haben mich zu der Überzeugung geführt, daß die Lösung aller großen philosophischen Probleme von der Beantwortung einfacherer sematologischer, spezieller gesagt symbolologischer Fragen abhängt, wenn auch nicht hiervon allein.  Zu Ende denken  führt auf die Anfangsgründe. Es muß zu Ende gedacht werden nicht in dem Sinne, daß jedes gerade vorliegende Problem gelöst werden müßte, sondern in der Weise, daß festgestellt wird, welche anderen Probleme vor dem eben vorliegenden zu lösen sind.

Die  kleinen  Probleme waren also die Hauptquelle für meine Anfangsgründe. Die großen verloren dann an Schwierigkeit oder gewannen einen anderen Sinn oder verschwanden ganz.

Aber einige dunkle Punkte sind mir übrig geblieben. Auch ich bin nicht ganz ehrlich. Als Entschuldigung dafür kann ich nur anführen, daß ich nicht mein Leben lang schweigen wollte und Gründe habe, mit mit dem Reden zu beeilen.

Viele dunkle Punkte, vielleicht sogar die meisten, finden sich in den  Beziehungen der Sprache zu ihren Gegenständen Da nun die Sprache das Zeichensystem ist, wodurch man Erkenntnisse ausdrückt, so ist ein gut Teil der Erkenntniskritik eine Kritik dieser Beziehungen. Nicht etwa die Vieldeutigkeit der Namen war kritisch zu untersuchen - diese ist ja ziemlich bekannt -, sondern tief versteckte Mängel und Unklarheiten waren ans Licht zu ziehen. Dagegen war die Vieldeutigkeit im Verein mit den anderen Mängeln ein großes Hindernis für die Darstellung. Der Anfänger ahnt nicht, wie vieldeutig fast jedes Wort ist, wie weit wir vom LEIBNIZschen Ideal einer  Pasigraphie  entfernt sind, wie unmöglich eine mathematische Präzision des Ausdrucks ist, wie viele Mißverständnisse, Fehlschlüsse und besonders  Scheinprobleme  aus der Mangelhaftigkeit der Sprache hervorgehen. Für das alltägliche Leben genügt die Sprache eben noch zur Verständigung, sie ist aber das größte Hindernis des philosophischen Fortschritts. Die Uneinigkeit der Philsophen besteht zu einem großen Teil nicht in der Sache, sondern im Ausdruck. Das Märchen von der Herrlichkeit der Sprache hoffe ich gründlich zu zerstören.

Um den Mängeln der Sprache entgegenzuwirken, gibt es vorläufig nur ein Mittel: so wenig wie möglich allgemein, dagegen so viel wie möglich speziell und individuell sprechen. Mit anderen Worten:  Gegenstände möglichst niederer Ordnung nennen. Heruntersteigen, nicht hinauf.  Dazu gehört: so viele Beispiele bringen als nur möglich. Es gibt unzählige allgemeine und unbestimmte Sätze, die nach Belieben gedeutet werden können, durch ein einziges treffendes Beispiel aber eindeutig werden. Es ist oft besser, nur spezielle Sätze zu bringen und dem Leser die Verallgemeinerung zu überlassen, als - wie in der Philosophie üblich - allgemeine Sätze zu bringen und den Leser über deren spezielle Anwendung im unklaren lassen.

Umgekehrt kann ein einziges triviales Beispiel, worauf ein Satz anwendbar sein müßte, aber nicht anwendbar ist, den schönsten Satz umwerfen. "Die Welt ist meine Vorstellung" - das ist ein großer, imponierender und für viele auch sehr klarer Satz. Machen wir aber eine bescheidene Anwendung davon, so will er sich nicht mehr fügen. Der Satz ist eine Abkürzung für die Behauptung, daß Häuser, Menschen, Äpfel und alle anderen Gegenstände jemandes Vorstellung sind. Nun sage man mir klipp und klar, was da vor sich geht, wenn ich einen Apfel esse? Esse ich da die Vorstellung eines Apfels? Oder ißt die Vorstellung eines Ich die Vorstellung eines Apfels? Oder stellt die Vorstellung eines Ich sich vor, daß sie einen Apfel oder die Vorstellung eines Apfels ist? - Ein Satz, der solchen Fragen Raum gibt, ist doch nicht ganz in Ordnung. Es handelt sich da nicht nur um eine Schwäche des Ausdrucks, sondern der Ausdruck verhüllt  dunkle Punkte  in SCHOPENHAUERs Lehre.

Die Frage nach dem Ausdruck ist viel wichtiger, als man ahnt. Die Untersuchung der Beziehungen zwischen der Sprache und ihren Gegenständen ist die halbe Erkenntniskritik und die  Untersuchung der Beziehungen zwischen den Symbolen und ihren Gegenständen  ist die ganze.

Mit dem Titel soll nicht gesagt sein, daß es sich um leicht verständliche Untersuchungen handelt, die für Anfänger in der Philosophie oder gar in der Wissenschaft bestimmt wären. Doch glaube ich für jeden, der sich hinreichend vertieft, klarer zu sein als jeder andere philosophische Autor, weil eben zufolge der Entstehungsweise des Buches gerade jene Unklarheiten, die man in der Philosophie als unvermeidlich hinzunehmen pflegt, fortfallen. Vertiefung aber ist zum Verständnis aus folgendem Grund nötig. Hat ein Autor nur eine einzige landläufige Ansicht umzustoßen, durch eine neue zu ersetzen und mit dem Rest hergebrachter Ansichten in Einklang zu bringen, so kann sein Buch leicht verständlich sein. Sollen aber  mehrere  eingefleischte Ansichten zerstört, mehrere neue dafür eingeführt und sowohl unter sich, als auch mit dem Rest alter Ansichten in Einklang gebracht werden, so nimmt die Verständlichkeit ab, und zwar nicht proportional der Anzahl neuer Ansichten, sondern - weil philosophische Ansichten kombinierbar zu sein pflegen - nach Maßgabe der Kombinationsrechnung. Angenommen, ich hätte 12 neue und kombinierbare Ansichten vorzubringen, so wären 4095 Kombinationen möglich, deren jede als ein neuer Lehrsatz gelten könnte. Ließe man die Reziproke dieser Zahl als Maß der Verständlichkeit gelten, so fiele diese sehr gering aus. So schlimm steht es jedoch mit den vorliegenden Anfangsgründen nicht. Immerhin sind es mehrere teils neue, teils ungewöhnliche Leitmotive, welche dieses Buch in vielerlei Kombinationen beherrschen. Ich halte daher die Selbstverständlichkeit mehr für quantitativ als für qualitativ.

Ein besonderes Hindernis für das Verständnis könnte nur auf Seiten der Berufsphilosophen bestehen. Sie können das Buch kaum verstehen, wenn sie nicht wie ich  umlernen.  Je tiefer aber einer in die Philosophie schon eingedrungen ist, und je fester seine eigene Weltanschauung schon steht, desto weniger wird er geneigt und fähig sein umzulernen. Fertige Philosophen werden den gleichen Ingrimm über meine Verdrehungen empfinden, den mir die ihrigen verursachen. Sie werden mir zurufen: "Sprich in  unserer  Sprache, wenn wir dich lesen und verstehen sollen!" - Gerade in dieser Sprache  kann  ich aber nicht reden und berufe mich zur Rechtfertigung auf das 8. und 29. Kapitel. Somit erwarte ich volles Verständnis nur von Seiten der unfertigen, ringenden, suchenden Philosophen.

Mit dem Titel soll gesagt sein, daß vorzugsweise die  Erkenntnis einfachster Gegenstände  kritisiert, nicht aber eine Wissenschaftslehre geliefert werden soll. Solche einfachste Gegenstäne sind z. B. die Wahrnehmungen von Körpern. Indem ich mir aber die einfachsten Gegenstände vornehme, gedenke ich eine  Basis für eine Wissenschaftslehre  aufzustellen. Dasselbe will ich erreichen, indem ich das Gebiet in großen Zügen durcheile, statt den Leser mit Kleinarbeit zu ermüden und abzuziehen. Zur Kleinarbeit rechne ich die Behandlung undeutlicher Übergangsformen zwischen zwei manifesten Formen, wie zwischen "originaler" und "abbildlicher" Empfindung, zwischen kleinen Empfindungskomplexen und Wahrnehmungen, zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen usw. Die spezielleren und schwierigeren Gegenstände halte ich für implizit in diesen Anfangsgründen mitbehandelt. Spreche ich z. B. von Vorstellungen im allgemeinen, so handle ich auch von den Vorstellungen des Raumes, der Zeit und der Kausalität.

Polemik gegen einzelne Autoren werde ich nur insofern ausüben, als es für die Kritik wertvoll ist. Ich kann und will mich nicht mit allen Philosophen abfinden, weil ich Kritik an der Erkenntnis und nicht an vorhandenen Erkenntnistheorien üben will. Nur gegen eine seit KANT akut gewordene und heute wohl von allen Philosophen vertretene Unklarheit muß ich energisch und schonungslos vorgehen, nämlich gegen die teils offene, zum größten Teil aber versteckte  Annahme einer Erscheinung  im Sinne eines Etwas, das weder physisches Ding-ansich noch psychischer Vorgang ist, sondern zwischen beiden die Mittel hält. Ich gedenke zu zeigen, daß diese Annahme verborgen liegt in der doppelten Deutung der Namen "Bewußtseinsinhalt, Vorstellung, Erkenntnis, Begriff, Urteil" und anderer. Man sagt: Bewußtseinsinhalte sind  in einer Hinsicht  Gegenstände der Außenwelt, deren Untersuchung den Naturwissenschaften anheimfällt,  in  anderer Hinsicht Gegenstände der Innenwelt, die von der Psychologie zu untersuchen sind. Daß es  ein und dasselbe  ist, was  in beiden Hinsichten  untersucht wird, verschweigt man vorsichtigerweise. Das ist eine der typischen Unklarheiten moderner Erkenntnistheorie. Die Ausmerzung der Erscheinung und mehrerer Analoga betrachte ich als eine meiner wichtigsten Aufgaben.

Anfangsgründe  einer  Erkenntnistheorie lege ich vor, weil ich so wenig wie ein anderer Anfangsgründe  der  Erkenntnistheorie vorlegen kann. Soviel Köpfe, soviel Sinne!

Noch ein Wort für den Anfänger in Philosophie. Die ersten philosophischen Schritte sind nicht so schwierig, wie sie von den Philosophen gemacht werden. Der Anfänger gewinnt zu leicht den Eindruck, als müsse er sich, um Philosoph zu werden, zuerst und vor allem einen anderen Kopf aufsetzen und die Welt mit neuen Augen betrachten. Allerdings fordern das viele Philosophen und glauben selbst den anderen Kopf zu besitzen. Sieht man aber genauer zu, so haben sie  zwei Köpfe,  einen philosophischen und einen Alltagskopf, die einander widersprechen. So unmöglich wie die vollständige Verwandlung des alten Kopfes in einen neuen, ist auch die Verwandlung der laienhaften Weltanschauung in eine durchaus neue. Es kann sich nur um  Verbesserungen  an der Weltanschauung handeln, die jeder zum Studium der Philosophie mitbringt.



I. Teil
KRITIK

1. Kapitel
Bedeutungen des Wortes Erkenntnis.

Das Wort  Erkenntnis  ist mehrdeutig. Für unsere Zwecke sind vier Bedeutungen hervorzuheben.

Man sagt einmal: "Die Erkenntnis der Äquivalenz von Wärme und Arbeit kommt schon im 18. Jahrhundert vor." Ein andermal: "Die Äquivalenz von Wärme und Arbeit ist eine für die Lehre von der Energie wichtige Erkenntnis." Im ersten Fall kann unter "Erkenntnis" kaum etwas anderes verstanden werden als ein  Gedanke  oder eine Vorstellung, nämlich die Vorstellung der Äquivalenz von Wärme und Arbeit. Die Äquivalenz selbst ist der Gegenstand dieses Gedankens oder dieser Vorstellung, das Gedachte oder Vorgestellte oder Erkannte, und bestand nicht erst seit dem 18. Jahrhundert, sondern von jeher. Im zweiten Fall aber wird ausdrücklich dieser  Gegenstand des Gedankens  Erkenntnis genannt, jedoch mit der sonderbaren Einschränkung, als ob der Gegenstand, bevor man ihn kennen lernte, überhaupt kein Gegenstand gewesen wäre.

"Erkenntnis" bedeutet also erstens ein in Vorstellungsform Existierendes, die Vorstellung eines P-seins eines S, (4)  zweitens das Korrelat hierzu oder das Erkannte, das P-sein eines S. 

Die zweite Bedeutung kann häufig auch umschrieben werden mit dem Ausdruck "wissenschaftlich gesicherte Tatsache". Wenn man vom Entstehen und dem Wert der Erkenntnis spricht, so kann von diesen beiden Bedeutungen nur die erste gemeint sein. Denn es hat in der Erkenntniskritik keinen Sinn, nach dem Entstehen und dem Wert des Erkannten, z. B. nach dem Entstehen und dem Wert der Äquivalenz von Wärme und Arbeit zu fragen.

Wird dagegen von der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der Erkenntnis gesprochen, so kann nur die zweite oder keine dieser Bedeutungen gemeint sein. Denn weil die Vorstellungen ein und desselben Gegenstandes individuell und zeitlich sehr verschieden konstituierte Vorgänge sind (Kap. 24), so hat es keinen Sinn, die Vorstellung eines Erkannten, z. B. einer Äquivalenz, notwendig und allgemeingültig zu nennen.

Immer  zweideutig ist die Verbindung "die Erkenntnis,  daß  S P ist". Das kann erstens bedeuten: der Gedanke, der uns veranlaßt zu sagen "S ist P", zweitens das P-sein von  S  oder die Tatsache, daß  S P  ist.

Schon die beiden ersten Bedeutungen leiden an einem schweren Mißstand. Es ist eine sehr häufig vorkommende Erfahrung, daß, was wir heute mit Überzeugung  Erkenntnis  nennen, sich morgen als Irrtum erweist. Was da bald Erkenntnis, bald Irrtum genannt wird, ist aber  ein und dasselbe.  Es ist nun eine sehr berechtigte termionologische Maxime, demselben Gegenstand immer den gleichen oder doch zumindest einen gleichbedeutenden Namen zu geben. Dieser Maxime widersprich die Verwenung des Wortes  Erkenntnis  auf das Gröbste, indem derselbe Gegenstand nachträglich nicht nur einen anderen Namen, sondern sogar einen Namen von konträr entgegengesetzter Bedeutung erhält. Daraus geht hervor, daß "Erkenntnis" und "Irrtum" nicht die richtigen, zumindest nicht die praktischen Namen des fraglichen Gegenstandes sind. Dieser braucht einen unparteiischen,  indifferenten  Namen.

Ich weiß wohl, daß mancher Leser hier versuchen möchte, mich zu belehren, Erkenntnis sei eben ein "relativer Begriff". Aber dadurch wird die Sache nur noch schlimmer, wie das 34. Kapitel lehren wird.

Nicht immer lassen sich die beiden Bedeutungen so scharf trennen wie in den oben gegebenen Beispielen, sie verschwimmen und gehen in die dritte und Hauptbedeutung über, sie verschwimmen und gehen in die dritte und Hauptbedeutung über, deren wesentliche Eigentümlichkeit ihre Unklarheit ist. Man findet nämlich viele Aussagen, die nur dann einigen Sinn haben, wenn man unter "Erkenntnis" ein Mittelding oder ein Verschmelzungsprodukt von Gedanken und Gedachtem, einen Bastard aus Erkenntnis in erster und zweiter Bedeutung, einen Geistesvorgang und zugleich dem Geist Vorschwebendes versteht. Klarheit über die Unklarheit dieser Bedeutung kann erst gegeben werden, wenn wir die Erscheinung abhandeln. Denn Erkenntnis in dritter Bedeutung ist ein Analogon der Erscheinung und wie diese eine unsinnige Konstruktion der Phantasie.

Unter dieser Bedeutung lassen sich alle Aussagen friedlich vereinigen. Man kann vom Entstehen, dem Wert, der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der Erkenntnis sprechen und braucht keine Widersprüche zu befürchten, weil die Unklarheit alle Widersprüche verhüllt.

Drei analoge Bedeutungen kommen dem Wort  Irrtum  zu.

Mindestens drei Bedeutungen haben auch die Wörter "Gedanke, Vorstellung, Erinnerung, Wahrnehmung, Empfindung, Erfahrung, Wissen". Sie alle werden häufig gebraucht, wenn vom Gedachten, Vorgestellten, Erinnerten, Wahrgenommenen, Empfundenen, Erfahrenen, Gewußten die Rede ist, und hier sowohl im Sinne des Gegenstandes. Man fordert z. B. vom Schriftsteller, er soll "seine Gedanken ordnen", bevor er sie veröffentlicht. Seine Gedanken kann aber niemand ordnen, so folgen aufeinander in einer unabsehbaren Reihe, und denselben Gedanken kann man nicht zweimal erleben. Es kann im besten Fall nur das Gedachte geordnet werden, in den meisten Fällen aber muß man sich mit dem schriftlichen Ordnen der Namen und Symbole gedachter Gegenstände begnügen.

Eine in drei Unterbedeutungen, die den drei ersten Bedeutungen entsprechen, zerlegbar vierte Bedeutung des Wortes  Erkenntnis  ist die einer  Gesamtheit  und insbesondere eines irgendwo  aufgestapelten Gutes,  das stückweise bereichert und vermindert werden kann, sei es eine Gesamtheit "latenter" Gedanken oder wissenschaftlich gesicherter Tatsachen oder aufbewahrter Erscheinungen. Wo man sich diesen Schatz auch aufgespeichert denken mag, in Büchern und Manuskripten, in einem oder vielen menschlichen Gehirnen, in einer oder vielen Seelen, immer ist es, so behaupte ich, nur eine  bildliche Sprache,  wenn man von Erkenntnis in dieser Bedeutung spricht.

In Büchern sind eigentlich nur Buchstaben, Wörter, Sätze aufgestapelt. Diese sind zwar Fixierungsmittel für Tatsachen, aber keine Tatsachen. Sie sind auch Erregungsmittel für Gedanken, aber keine Gedanken, nicht einmal latente. Ein wertvolles Gut mögen die in Büchern gesammelten Zeichen aus Druckerschwärze immerhin sein, aber Erkenntnisse sind sie nicht und auch nicht Wissenschaft.

Im Gehirn mögen Bedingungen für die Wiederherstellung ähnlicher Erkenntnisse (1. Bedingung), wie man sie früher erlebt hat, aufbewahrt sein, es geht aber aus mehreren Gründen nicht an, diese Summe von Bedingungen Erkenntnis zu nennen. Die Gründe werde ich später angeben, vorläufig sei nur folgendes bemerkt. Berechtigt wäre die Annahme eines im Gehirn aufgestapelten Gutes nur dann, wenn nicht die Wiederherstellungsbedingungen, sondern die einzelnen Erkenntnisse selbst, also die Erkenntnis, daß  S1 P1 ist,  die Erkenntnis, daß  S2 P2 ist,  usw. bis in die Hunderttausende, im Gehirn irgendwie aufbewahrt wären, gleichwie in einem Buch die Sätze "S1 ist P1", "S2 ist P2" usw. aufbewahrt sind. In der Tat findet diese naive und rohe Annahme ihr Publikum. Zu einem solchen Schubladengehirn wird dann noch ein Apotheker erfunden, der unter dem Namen  Seele  oder  Geist  in den Schubladen kramt, aus dem Prämissen-Inhalt zweier Schubladen eine Konklusion braut, usw.

Und wer einen Erkenntnisschatz in der Seele aufbewahrt nennt, der denkt sich Unbekanntes in Unbekanntem auf unbekannte Weise aufbewahrt und braucht deshalb nicht ernst genommen zu werden.

Nimmt man schließlich an, die Erkenntnis sei aufgestapelt in einer Summe von Gehirnen oder Seelen, vielleicht in denen der gegenwärtigen Menschheit oder zumindest der Kulturmenschheit oder zum allerwenigsten in denen der Gelehrten, so läßt sich bestreiten, daß sie dann ein Gut ist. Jedenfalls befände sich dieses Gut in schlimmer Unordnung und wäre sehr schwer zugänglich. Wählt man nämlich die Summe von Gehirnen oder Seelen möglichst groß, so bestände die darin aufgestapelte Erkenntnis aus einander widersprechenden Stücken, und nur ein verschwindend kleiner Teil wäre in allen Gehirnen oder Seelen übereinstimmend. Je kleiner wir die Summe wählen, umso größer wird allerdings die Summe des Übereinstimmenden, umso mehr nähern wir uns aber dem schon besprochenen Fall des Einzelgehirns oder der Einzelseele. Und wer von diesem zweifelhaften Gut etwa als Schüler Gebrauch machen will, der muß möglichst viele Lehre hören und in heißer Arbeit den Kern des Übereinstimmenden herausschälen, je mehr er aber arbeitet, desto kleiner wird dieser Kern.

Wenn auch Erkenntnis in vierter Bedeutung nicht existiert, so hindert das nicht, daß man sich des Bildes bedient. Denn der Vergleich ist nicht schlecht. Es gibt sicherlich Ereignise, die den Eindruck machen, als ob ein Schatz entweder von Gedanken oder von Gedachtem irgendwo bereit liegt.

Auch die Namen Wissenschaft und Wissen haben häufig die Bedeutung eines irgendwo aufgestapelten Gutes.

Als eine fünfte Bedeutung ist noch zu erwähnen die Bedeutung einer Fähigkeit zu erkennen. So in den Sätzen: Die menschliche Erkenntnis ist beschränkt. Die Erkenntnis erhebt den Menschen über das Tier.

Es ist schwierig, aber auch nicht nötig, alle Bedeutungen des Wortes  Erkenntnis  ausfindig zu machen. Schwierig deshalb, weil noch nicht einmal die Bedeutung des Wortes  Bedeutung  feststeht.

Das Wort  Erkenntnis  wird mit Vorliebe im Singular gebraucht. Über die Verwendungsweise des Singulars belehrt das 6. Kapitel.

Als die relativ klarste der ersten vier Bedeutungen kann wohl die erste gelten, wonach Erkenntnisse zu den Gedanken oder Vorstellungen gehören. Aber was sind Gedanken oder Vorstellungen? Darüber gehen die Ansichten so weit auseinander, daß mit der Einordnung der Erkenntnisse unter die Gedanken sehr wenig zur Klärung der ersten Bedeutung geschehen ist. Und auch wenn man sich über die Definition des Gedankens geeinigt hätte, so wäre s immer noch aussichtslos erklären zu wollen, wie ein Gedanke beschaffen sein muß, damit er eine Erkenntnis und nicht ein Irrtum ist.

Angesichts einer solchen Vieldeutigkeit und Unklarheit wäre es korrekt, auf das Wort erkennen, dessen Ableitungen und deren sämtliche Bedeutungen in der Wissenschaft  ganz zu verzichten  (5) und sich zur Erkenntniskritik anderer Termini mit klarer Bedeutung zu bedienen. Daß dies durchführbar ist, soll dieses Buch beweisen. Ich habe das Wort  dennoch beibehalten  und zwar aus folgenden Gründen:
    Erstens  würde der Leser schwerlich glauben, daß das Buch eine Erkenntnistheorie enthält, wenn das Wort  Erkenntnis  nicht darin vorkommt. Zumindest würde es ihm schwer fallen meine Worte in seine Terminologie umzudeuten.

    Zweitens  ist das Wort brauchbar als  Brücke  zwischen der alten Anschauung und der neuen. Der Erfolg einer Erkenntniskritik, die glückliche Aufstellung einer Erkenntnistheorie, besteht eben darin, daß mit anderen Worten klar gesagt wird, was bisher mit Worten vom Stamm "erkenn" unklar gesagt wurde. Philosophieren ist Ringen nach dem besten Ausdruck.

    Drittens  kann die Verzichtleistung immer noch nachträglich stattfinden, indem das unbrauchbare Wort einfach gestrichen wird. Was dann übrig bleibt, ist immer noch die vollständige Erkenntnistheorie in anderen Worten.
Ich verwende also das Wort  Erkenntnis  in  allen  Bedeutungen und in allen herkömmlichen Redensarten, aber nur um alle Redensarten  ins Verständliche zu übersetzen.  Ich bestrebe mich jedoch, das Wort soviel wie möglich in der ersten Bedeutung zu verwenden.
LITERATUR: Richard Gätschenberger, Symbola, Karlsruhe 1920
    Anmerkungen
    1) Dieses Experiment konnte, wie ich glaube, nur unter weitgehender Beschränkung der philosophischen Lektüre gelingen. Man möge daher meine Unkenntnis in der neueren Literatur als  Versuchsbedingung  auffassen.
    2) Mit dessen Bearbeitung ich schon begonnen habe.
    3) Eine häufig vorkommende Unehrlichkeit ist z. B. die Unterdrückung der Fragen "wessen?", "woran?", "wozwischen?" usw., wenn von Eigenschaften, Vorgängen, Beziehungen usw. die Rede ist. "Der Wille ist frei." - Wovon?
    4) Man substituiere für  S  ein beliebiges Subjekt, für  P  ein dazu passendes Prädikatsnomen oder für "P-sein" ein passendes Prädikat.
    5) Man vgl. die 6. Maxime im 7. Kapitel