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GOSWIN KARL UPHUES
Erkenntniskritische Psychologie

"Es leuchtet ein, daß wir auch die Bewußtseinsvorgänge nur kennenlernen können, indem wir sie mit unserem Bewußtsein erfassen, also nur durch das Bewußtsein, das sich auf einen Gegenstand bezieht. In diesem besonderen Fall bilden die Bewußtseinsvorgänge selbst den Gegenstand des Bewußtseins. Daraus ergibt sich, daß auch in der Psychologie die Beziehung des Bewußtseins auf Gegenstände in Frage kommt, ja, daß diese Beziehung die Grundlage der ganzen psychologischen Forschung ausmacht. Deshalb müssen wir in einem ersten Teil der Psychologie darüber handeln, wie die  Beziehung des Bewußtseins auf Gegenstände  zustande kommt; das ist  die große Frage der Erkenntniskritik." 

"So zeigt sich, daß wir bei allen Benennungen, bei allen Urteilen über die Erscheinungswelt über das Flüchtige und Vergängliche, das sich jeden Augenblick in die Vergangenheit verschiebt, hinausgehen zu einem Beharrlichen, das dasselbe ist für alle Denkenden.  Dieses beharrlich dasselbe Bleibende ist der Gegenstand.  Er ist allgemeingültig für alle Denkenden und das Gesetz der Gegenständlichkeit oder der beharrlichen Dieselbigkeit funktioniert oder beherrscht alle unsere Benennungen, alle unsere Urteile, alle unsere ernst gemeinten Wahrnehmungen."

E i n l e i t u n g

Gemeinschaftsgüter und Ideale

1. Die Psychologie ist eine philosophische Disziplin; deshalb setzt sie die Beantwortung der Frage voraus:  Was ist Philosophie?  Wir erklären die Philosophie als  Wissenschaft vom Denken.  Der Forscher wird dadurch Philosoph, daß er, wie ZELLER sagt, die Weihe des Gedankens erhält. Durch das Denken lernen wir in erster Linie das Allgemeingültige auf dem Gebiet des Denkens, Fühlens und Wollens kennen. So erklären wir die Philosophie zweitens als  Wissenschaft vom Allgemeingültigen.  Noch eine dritte Definition können wir von der Philosophie geben, die uns unmittelbar in Berührung bringt mit dem Gegenstand, den wir behandeln wollen, mit der Psychologie. Wir können die Philosophie auch erklären als  Wissenschaft vom Bewußtsein,  insofern es  Voraussetzung aller anderen Wissenschaften und des eigentlich menschlichen Lebens  ist. Die Wissenschaft kommt nur zustande durch das Bewußtsein; das ist also ihre Voraussetzung. Diese Voraussetzung kommt aber in keiner der Wissenschaften zur Erörterung. Es bedarf darum einer besonderen Wissenschaft, die die Voraussetzung aller Wissenschaften zum Gegenstand hat; das ist die Philosophie. (Vgl. meine Schrift "Vom Bewußtsein", 1904, Einleitung)

2. Aber Philosophie ist nicht nur Wissenschaft vom Bewußtsein, insofern es die Voraussetzung aller Wissenschaft ist, sondern auch, insofern es die Voraussetzung aller Wissenschaft ist, sondern auch, insofern es die Voraussetzung des eigentlich menschlichen Lebens ist.  Was ist  denn eigentlich  menschliches Leben?  Um diese Frage zu beantworten, unterscheiden wir  Güter des Einzelwillens, Güter des Gemeinschaftswillens und Ideale Unter einem Gut verstehen wir im allgemeinen das, was den Bestand unseres Daseins sichert. Gut des Einzelwillens ist also das, was den Bestand des Einzelnen sichert, Gut des Gemeinschaftswillens dasjenige, was den Bestand der Gemeinschaft sichert. Als Güter des Einzelwillens bezeichnen wir  1. Gesundheit. 2. Geschicklichkeit, 3. Wohlstand.  Diese Güter gehören der körperlichen Seite des Daseins an und haben insofern das Bewußtsein nicht zu ihrer Grundlage. Güter der Gemeinschaft sind  1. die Sprache, 2. die Geschichte, 3. die Sitte, 4. das Recht Sie bilden die Grundlage dessen, was wir Volk, Nation, Gesellschaft und Staat nennen. An ihnen können wir uns nur durch das Bewußtsein beteiligen; insofern bildet das Bewußtsein ihre Voraussetzung. (Vgl. meine Schriften "Die Pädagogik als Bildungswissenschaft", 1901, Seite 6 - 8 ).

3. Wir unterscheiden endlich Ideale und verstehen darunter im Gegensatz zu den Gütern alles das, was uns der Vollkommenheit unserer Natur näher bringt. Wir unterscheiden vier verschiedene Ideale: die  Wissenschaft die  Sittlichkeit,  die  Kunst  und die  Religion Die Ideale haben ihren Ursprung und ihre Quelle im Bewußtsein. Dadurch unterscheiden sie sich von den Gütern, an denen wir nur mit unserem Bewußtsein teilnehmen (Vgl. meine Schrift "Über die Idee einer Philosophie des Christentums", 1901, Seite 24 - 28).

4. Auf diesem Weg sind wir dazu gelangt, den Begriff des menschlichen Lebens näher zu bestimmen. Die alte Unterscheidung zwischen  actus hominis  (schlafen, gehen, essen, trinken usw.) und actus humani genügt hierzu nicht. Es frage sich, was unter dem Humanen zu verstehen ist. Wir verstehen unter dem Humanen oder dem menschlichen Leben alle Vorgänge, an denen wir entweder nur mit unserem Bewußtsein teilnehmen können, wie das von den Gemeinschaftsgütern gilt, oder die wie die Ideale ihren Ursprung und ihre Quelle im Bewußtsein haben.


Begriff der Psychologie

5. Nachdem wir so unsere zuletzt gegebene Definition der Philosophie gerechtfertigt haben, betrachten wir den  Begriff des Bewußtseins  näher. In erster Linie ist das Bewußtsein immer das  Bewußtsein von Etwas,  von einem Gegenstand. In diesem Sinne sagen wir: Ich bin mir dessen nicht bewußt, d. h. ich weiß nichts davon. Für dieses Bewußtsein von Etwas, das also in der Beziehung auf den Gegenstand besteht, ist  charakteristisch, daß es in dieser Beziehung aufgeht.  Wir verweilen mit diesem Bewußtsein nur beim Gegenstand. Die Beziehung auf den Gegenstand, in der es besteht, wird nur durch den Gegenstand bestimmt; darum geht es in dieser Beziehung auf. Wenn dem auch so ist, so darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Beziehung des Bewußtseins auf den Gegenstand immer das Bewußtsein selbst voraussetzt. Die Beziehung des Bewußtseins auf den Gegenstand erörtert die Logik.  Das Bewußtsein selbst  aber, das von der Beziehung vorausgesetzt wird,  erörtert die Psychologie.  Wir behaupten im Gegensatz zu anderen Autoren, daß das Bewußtsein, auch abgesehen von seiner Beziehung auf den Gegenstand einen besonderen Inhalt hat. Wir freuen uns, sind traurig, begehren, verabscheuen, in jedem Fall hat das Bewußtsein auch abgesehen von seiner Beziehung auf Gegenstände einen eigentümlichen Inhalt. Diesen herauszustellen und festzulegen, ist insbesondere die Aufgabe der Psychologie.

6. Das Bewußtsein tritt uns nur im  Einzelbewußtsein  der Menschen entgegen. So sprechen wir von meinem, deinem usw. Bewußtsein. Charakteristisch ist nur, daß wie diese Einzelbewußtseins, wie wir später zeigen werden, nur dadurch voneinander unterscheiden können, daß sie jedes einem einzelnen Körper verbunden sind. Ich und du haben unter Umständen denselben Gedanken; dann unterscheiden sich die Gedanken nur dadurch, daß sie zu verschiedenen Bewußtseinen gehören und diese Bewußtseins nur dadurch, daß sie mit verschiedenen Körpern verbunden sind. Hier zeigt sich schon die  enge Berührung des Bewußtseins mit dem Körper.  Wir können auch eine Abhängigkeit von körperlichen Vorgängen und Bewußtseinsvorgängen konstatieren: z. B. ein Druck auf die Hand erzeugt eine Empfindung, ein Verlangen setzt unsere Hand in Bewegung. So besteht also zwischen vielen Bewußtseinsvorgängen und körperlichen Vorgängen ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Dieses wechselseitige  Abhängigkeitsverhältnis erörtert die physiologische Psychologie,  die zuerst von WILHELM WUNDT in umfassender Weise behandelt worden ist. Manchmal läßt sich dieses Abhängigkeitsverhältnis rechnerisch, mathematisch exakt bestimmen. Das sanfte Streicheln der Wange hat eine andere Empfindung zur Folge als eine Ohrfeige. Die  Psychophysik  ist der Zweig der physiologischen Psychologie, die sich mit der  rechnerischen,  exakten Bestimmung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen körperlichen Vorgängen und den Bewußtseinsvorgängen beschäftigt.  Physiologische Psychologie und Psychophysik  sind  Zweige der allgemeinen Psychologie,  die nicht entbehrt werden können; aber sie machen nicht das Ganze der Psychologie aus. Ganz falsch definiert darum ein Autor die Psychologie als Wissenschaft der Beziehung von körperlichen Vorgängen und Bewußtseinsvorgängen. Er behauptet, daß wir die Bewußtseinsvorgänge nur in ihrer Beziehung zu den körperlichen konstatieren können. Es liegt auf der Hand, wie auch WUNDT ihm nachweist, daß wir die Beziehung erst dann zu konstatieren imstande sind, wenn wir die Bewußtseinsvorgänge für sich kennen gelernt haben. Wir lernen aber die Bewußtseinsvorgänge für sich nur durch einen Einblick in unser Inneres, d. h. nur durch die  introspektive Psychologie  kennen. Die introspektive Psychologie, von der die physiologischen Psychologen, die Psychologisten, meist nichts wissen wollen, ist deshalb der  wichtigste Bestandteil der Psychologie. 

7. Es leuchtet ein, daß wir auch die Bewußtseinsvorgänge nur kennen lernen können, indem wir sie mit unserem Bewußtsein erfassen, also nur durch das Bewußtsein, das sich auf einen Gegenstand bezieht. In diesem besonderen Fall bilden die Bewußtseinsvorgänge selbst den Gegenstand des Bewußtseins. Daraus ergibt sich, daß auch in der Psychologie die Beziehung des Bewußtseins auf Gegenstände in Frage kommt, ja, daß diese Beziehung die Grundlage der ganzen psychologischen Forschung ausmacht. Deshalb müssen wir in einem ersten Teil der Psychologie darüber handeln, wie die  Beziehung des Bewußtseins auf Gegenstände  zustande kommt; das ist  die große Frage der Erkenntniskritik.  Ihre Beantwortung ist für unsere ganze Behandlung der Psychologie maßgebend und entscheidend. Deshalb bezeichnen wir unsere Psychologie als  erkenntniskritische Psychologie.  Wir beginnen deshalb mit einer erkenntniskritischen Grundlegung. (Vgl. meine Schrift "Kant und seine Vorgänger", 1904).



Erkenntniskritische Grundlegung

Erscheinungs- und Ideenwelt nach Platon

8. Wir gehen davon aus, daß wir  von den Gegenständen Bilder  haben, ganz abgesehen davon, ob diese von uns angenommenen Bilder mit den Gegenständen übereinstimmen, und auch abgesehen davon, ob ihnen auch Gegenstände entsprechen. Wir wenden nur für das ursprünglich dem Bewußtsein Gegebene den Namen "Bilder" an. Von diesen Bildern steht nun fest, 1. daß  so viele Bilder  vorhanden sind  als sehende Augen  vorhanden sind, und zwar von jedem Gegenstand so viele Bilder; 2. daß diese  Bilder verschieden  sind je  nach der verschiedenen Organisation der sehenden Augen,  also verschieden von einem sehenden Individuum zu andern sehenden Individuum; 3. daß diese  Bilder  nur  so lange  vorhanden sind  als die Augen offen  und auf den Gegenstand gerichtet sind; 4. daß diese  Bilder  sich  jeden Augenblick in die Vergangenheit  verschieben, - z. B. die vor uns stehende scheinbar immer dieselbe bleibende Wand ist auch zunächst nur ein Gesichtsbild; und wie der Zeitpunkt  t1  im folgenden Zeitpunkt  t2  nicht mehr vorhanden ist, sondern ins Nichts versank, so gilt das gleiche auch vom Gesichtsbild, daß wir im Zeitpunkt  t1  von der Wand hatten, wenn wir von diesem Zeitpunkt zum Zeitpunkt  t2  übergehen. Sicher ist, daß, wenn wir unsere Augen beständig auf denselben Gegenstand richten, das gleiche Gesichtsbild wiederkehrt; aber dieses gleiche Gesichtsbild ist nicht dasselbe mit dem eben verschwundenen.  Gleichheit und Dieselbheit muß  sorgfältig voneinander  unterschieden werden. 

9. Die Tatsache, daß unsere ganze Bilderwelt sich jeden Augenblick in die Vergangenheit verschiebt, immer andere Bilder, wenn auch die gleichen, an die Stelle der früheren treten, ist schon früh bemerkt worden. HERAKLIT (536 v. Chr.) spricht von einem beständigen Entstehen und Vergehen der Dinge, von  einem Fluß derselben,  und insofern er unsere Bilderwelt im Auge gehabt hat, mit vollem Recht. Sein Jünger KRATYLUS, der Lehrer PLATONs, behauptete, die Dinge blieben nicht einmal solange dieselben, daß man nur mit dem Finger auf sie hinweisen könnte, und er leugnete deshalb, daß eine Erkenntnis der Dinge möglich sei.  Kein Ding hält  nach ihm  so lange stand, um erkannt werden zu können. 

10. Dem gegenüber fragte sich PLATON:  Unter welchen Bedingungen  kann die  Möglichkeit einer Erkenntnis  der Dinge, die wir doch nicht leugnen können, aufrecht erhalten werden? Und er antwortete: Nur unter der Bedingung, daß außer diesen Bildern noch beharrliche, dasselbe bleibende Gegenstände vorhanden sind. In diesen Bildern erscheinen uns die Gegenstände; aber sie sind von den vergänglichen, flüchtigen Bildern ganz und gar verschieden. So nannte er die Bilderwelt  Erscheinungswelt,  die er als flüchtig und vergänglich bezeichnete, und stellt ihr gegenüber die  Ideenwelt,  die ihm als beharrlich dasselbe bleibend, als ein  aei on  [ewiges Sein - wp] galt. Diese  Ideenwelt  ist also nach PLATON die  Möglichkeitsbedingung des Erkennens. 

11. Aber mit welchem Recht kann PLATON behaupten, daß es außer den flüchtigen und vergänglichen Erscheinungen noch ewas, das beharrlich dasselbe Bleibende, gibt, seine Ideenwelt? Ist das nicht eine verstiegene und übertriebene Annahme? Keineswegs. Es ist die Annahme, die wir alle unwillkürlich machen. Von dem vor uns stehenden Dozenten hat jeder von den Zuhörern ein besonderes Bild, das nur so lange dauert, als eine Augen offen sind, sich, der Organisation der Augen entsprechend, bei den verschiedenen Sehenden verschieden gestaltet und sich jeden Augenblick in die Vergangenheit verschiebt. Fragen wir die Zuhörer, ob diese mannigfaltigen und verschiedenen Bilder as sind, was sie meinen, wenn sie von dem einen vor ihnen stehenden Dozenten sprechen! Alle werden das leugnen und behaupten, daß der Dozent ein und dasselbe sei für alle Sehenden und auch dann derselbe bleibe, wenn er von keinem gesehen werde. Was wir so vom Dozenten sagen, gilt von allen Dingen, die wir sehen.

12. Der  Name,  unter dem wir Worte verstehen, die, je für sich allein genommen, eine besondere Bedeutung haben, übt eine  dreifache Funktion  aus: 1. er ist der  Ausdruck der Vorstellung des Sprechenden; 2. weckt er im Hörer die gleiche Vorstellung;  3. ist er die Bezeichnung eines Etwas, das von den Vorstellungen des Sprechenden und Hörenden ganz verschieden ist; er ist  Name des Gegenstandes.  Wir können den Gegenstand mit Namen von verschiedener Bedeutung bezeichnen, von einem Hofhund, Wachhund, Kettenhund sprechen, je nachdem uns der Gegenstand unter diesem oder jenem Merkmal erscheint. Der Gegenstand bleibt derselbe und ist etwas von den verschiedenen Namen und ihren Bedeutungen Verschiedenes, - das,  abgesehen von seiner Erscheinung,  gar nicht so ist, wie es nach der Bedeutung der Namen vorgestellt wird, für das also diese Vorstellungen nur uneigentliche Vorstellungen oder bloß stellvertretende Zeichen sein können.


Erscheinung und Ding ansich nach Kant

13.  Im englischen Empirismus  war man von LOCKE bis HUME zu dem Ergebnis gelangt, daß wir es eigentlich nur mit Vorstellungen zu tun haben, mit  Vorstellungen,  die nicht etwas von ihnen Verschiedenes, sondern  nur sich selbst vorstellen.  Wenn wir von den Vorstellungen, so sagte man, die Gegenstände unterscheiden, die in ihnen vorgestellt werden, so ist das nur dadurch möglich, daß uns die Gegenstände wieder in Vorstellungen zum Bewußtsein kommen. So kommen wir über die Vorstellungen nie hinaus. KANT erkannte, daß auf diese Weise alle Erkenntnis unmöglich gemacht werde. Andererseits wußte er aber auch, daß wir uns die Gegenstände nur durch Vorstellungen zu Bewußtsein bringen können und so stellte er dann die Frage:  Wie ist die Beziehung dessen, was wir Vorstellungen nennen, auf Gegenstände möglich?  (Brief an Markus Herz vom 28. Februar 1772). Das ist die Grundfrage seiner "Kritik der reinen Vernunft", zu deren Beantwortung sie geschrieben wurde. KANT hat auch von diesen Gegenständen eine bestimmte Erklärung gegeben. Gegenstand ist nach ihm nur das, was allgemeingültig ist für alle Denkenden. ("Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik" § 19.)  Zu Gegenständen  kommer wir erst  durch die Urteile.  In den Urteilen aber unterscheiden wir sorgfältig von den im Urteil verbundenen  Vorstellungen das mit diesen Vorstellungen Gemeinte  oder den Gegenstand des Urteils und nehmen für diesen, wenn wir dem Urteil Erkenntniswert beilegen, immer Allgemeingültigkeit in Anspruch oder verlangen, daß alle ihn anerkennen. Sagen wir: "Der Baum ist grün", so meinen wir damit nicht, daß die Vorstellung "Baum" mit der Vorstellung "grün" verbunden sei, sondern nur, daß das mit dieser Vorstellungsverbindung Gemeinte allgemeingültig ist oder von allen Denkenden anerkannt werden muß. Die  Vorstellungen  machen für KANT die  Erscheinungen  aus, und  das  in den Urteilen  Gemeinte,  das Allgemeingültige, nennt KANT  "Ding ansich".  Ausgenommen, wo es sich, wie bei den Erinnerungen um Urteile über unsere Empfindungen und Vorstellungen handelt, von denen wir eigentliche Vorstellungen und nicht bloß stellvertretende Zeichen haben. Die Unterscheidung kommt also bei KANT auf dasselbe hinaus wie bei PLATON.


Raum und Zeit nach Kant

14. Die Bilder, die wir von den Dingen haben, sind bei uns Sehenden Gesichtsbilder, bei den Blinden Tastbilder. Sie bestehen aus Gesichtsempfindungen im ersten Fall und aus Tastempfindungen im zweiten Fall. Merkwürdig ist nun, daß wir diese  Bilder in den Raum hineinverlegen,  und, wenn es sich um die Bewegung der Dinge handelt,  in die Zeit. Raum und Zeit  werden  also,  wie schon die Mathematiker NEWTON und EULER erkannten und KANT in Übereinstimmung mit ihnen behauptete,  für die Auffassung der Bilderwelt vorausgesetzt.  Sie sind, wie KANT sagt, apriorisch. Sie machen sich immer geltend, wo immer wir diese Bilderwelt auffassen. Wenn wir Raum und Zeit für uns ein  anschauliches Gebilde.  Wenn wir diese Bilder von den Dingen und ihren Bewegungen hinwegdenken, dann bleibt der  leere Raum  und die  leere Zeit  übrig. Aber was ist dieser leere Raum und diese leere Zeit? NEWTON und EULER betrachten sie als Wirklichkeiten, etwa als leere Behälter. KANT sah ein, daß Behälter Umfassungswände voraussetzen und deshalb wieder in neue Behälter hineingelegt werden müßten und so fort bis ins Unendliche. Das erkannte er als unmöglich. Deshalb behauptet er,  Raum und Zeit  seien nur  Formen der Anschauung.  Das müssen wir näher erklären.

15. Was KANT damit sagen will, ergibt sich aus folgendem: 1. duch Raum und Zeit erhalten die Bilder von den Dingen und ihrer Bewegung je einen bestimmten Ort, eine bestimmte Stelle im Raum und in der Zeit. Aus dem  Chaos der Empfindungen  wird dadurch schon eine  geordnete Menge.  2. Aber auch die Bilder von den Dingen und ihrer Bewegung bilden je ein Nebeneinander und ein Nacheinander von Teilen, und auch jeder dieser Teile hat seine bestimmte Stelle im Raum und in der Zeit. So ist  Raum und Zeit  also  auch bestimmend für die Zusammenordnung der Teile,  welche die Bilder von den Dingen und ihrer Bewegung ausmachen. Diese Zusammenordnungen machen für die Bilder von den Dingen ihre Größe und Gestalt aus. Die  Größe und Gestalt der Bilder ist also durch den Raum bedingt.  Sie machen für die Bilder der Bewegung der Dinge ihre Weite und bestimmte Form aus.  Die Weite und bestimmte Form der Bewegung  nach vorwärts oder rückwärts, nach rechts oder nach links,  ist also durch die Zeit bedingt.  So sind Raum und Zeit für die Größe und Gestalt der Bilder von den Dingen wie für die Weite und Form ihrer Bewegung gestaltend, maßgebend, entscheidend. Durch Raum und Zeit erhalten wir die bestimmt umrissenen Gestalten der Bilder von den Dingen und die festgerichteten Formen ihrer Bewegung. Raum und Zeit sind somit für unsere ganze Erscheinungswelt das formierende, gestaltende Prinzip, sie sind ihr Gesetz, und nur dadurch, daß sie ihr Gesetz sind, werden aus den ursprünglich chaotischen Empfindungen Anschauungen.  "Formen der Anschauungen",  wie KANT Raum und Zeit nennt, heißt also:  formierendes, gestaltendes Prinzip der Anschauungen,  heißt Gesetz der Anschauungen und damit  Gesetz der Erscheinungswelt. 

16. 3. Wir alle orientieren uns in Raum und Zeit in der gleichen Weise. Wir legen die Bilder von den Dingen und ihrer Bewegung immer in dieselbe Stelle des Raumes und in denselben Punkt der Zeit hinein.  Raum und Zeit  sind, wie sich hieraus ergibt, für alle Wesen, die Empfindungen haben, wie die unsrigen,  das gleiche für alle geltende Gesetz.  Sie haben für alle gleich mit uns empfindenden Wesen einen allgemeingültigen Charakter. 4. Das läßt sich noch in umfassenderer Weise zeigen:  Das Allgemeingültige  für alle Denkenden lernen wir zuerst  in der Raum- und Bewegungslehre  kennen. Der pythagoreische Lehrsatz, der Satz, daß die Winkelsumme im Dreieck zwei rechte Winkel beträgt, sind streng bewiesene und darum allgemeingültige Sätze. Das Gleiche gilt von der Bewegung, von der Geschwindigkeit eines Punktes beim Durchlaufen eines Raumes, daß sie nicht zugleich vorwärts und rückwärts, links und rechts geschehen kann; lauter allgemeingültige Sätze.  Allgemeingültig  sind vor allem  die Zahlengesetze.  Jede Zahl schließt eine unabsehbare Menge von allgemeingültigen Gesetzen, die für alle Denkenden gelten, ein.  12  ist z. B.  13 - 1, 2 x 6, 24 : 2  usw. Da nun die Raum- und Bewegungsgrößen aus einer Vielheit von Teilen bestehen, so wiederholen sich in diesen Raum und Bewegungsgrößen diese streng allgemeingültigen Zahlengesetze. KANT frägt nun: Worin hat die Allgemeingültigkeit der Gesetze der Raum- und Bewegungslehre ihren Grund? Und er findet diesen Grund mit Recht im gesetzmäßigen Charakter von Raum und Zeit.  Durch Raum und Zeit gewinnen wir  demnach  Gesetze, die eine strenge Allgemeingültigkeit haben,  und zwar eine Allgemeingültigkeit für alle Denkenden, nicht bloß für Diejenigen, welche die gleichen Empfindungen mit uns haben.

17. Zunächst sind die Zahlengesetze doch offenbar Gesetze, die nicht bloß für alle Empfindungen und Empfindenden sondern für alle Denkenden gelten. Aber auch die Raum- und Bewegungsgesetze sind, wenn sie allgemeingültig sein sollen allgemeingültig für alle Denkenden. Wenn die Mathematiker uns entgegnen, daß der pythagoräische Lehrsatz, die Raumgesetze und die Gesetze der Geometrie überhaupt nur unter der Voraussetzung des dreidimensionalen Raums gelten, so sit gewiß, daß für den vier- oder n-dimensionalen Raum, andere Gesetze gelten. Daraus folgt aber nicht, daß diese Gesetze ihre Gültigkeit erst dadurch erlangen, daß sie auf unsere Empfindungen angewendet werden. Wäre dies der Fall, dann würden diese Gesetze ebenso wie unsere Empfindungen etwas Veränderliches, Individuelles, von Subjekt zu Subjekt, von Zeit zu Zeit sich Änderndes sein.  Sie haben ihren allgemeingültigen Charakter durch sich  und erlangen eben dadurch auch den Gebilden der angewandten Mathematik gegenüber, die wirkliche Empfindungen voraussetzen, einen allgemeingültigen Charakter.

18. Raum und Zeit und die besonderen Raumgesetze der Geometrie wie die besonderen Zeitgesetze der Mechanik oder Bewegungslehre sind Gesetze für die Empfindungen. Wir müssen sogar eine besondere Beschaffenheit der Empfindungen voraussetzen, die uns veranlaßt, bald das Raumgesetz, bald das Zeitgesetz, bald die eine Besonderung des Raum- und Zeitgesetzes bald die andere anzuwenden und diese besondere Beschaffenheit der Empfindungen muß natürlich eine andere sein für unseren dreidimensionalen Raum, eine andere für den vier- oder n-dimensionalen Raum. Die Beziehung auf die Empfindungen gehört also notwendig zum Begriff der Raum- und Zeitgesetze, die ohne sie nicht gedacht werden können. Aber es ist nur eine Beziehung auf  gedachte  Empfindungen, die hier in Frage kommt. Die Allgemeingültigkeit der Raum- und Zeitgesetze kann darum wegen dieser Beziehung nicht beanstandet oder bezweifelt werden.


Das Substanzgesetz

19. Der  anschauliche Raum  bildet  ein Nebeneinander von Teilen.  Es leuchtet aber ein, daß dieses Nebeneinander nur unter der Voraussetzung zustande kommt, daß die nebeneinanderliegenden Teile je einen Ort einnehmen, der nicht zugleich mit ihnen von den anderen Teilen eingenommen werden kann, daß sie, wie wir gewöhnlich sagen, dem Eindringen in ihren Ort einen Widerstand entgegensetzen oder eigenörtlich sind. Diese  Eigenörtlichkeit  ist die  notwendige Voraussetzung für das Zustandekommen und Bestehen des Nebeneinander im anschaulichen Raum.  Nun ist aber das Eigenörtliche das, was wir  Materie  nennen. Durch die Tastempfindungen lernen wir kennen, was uns einen Widerstand entgegensetzt, aber daß es uns einen Widerstand entgegensetzt, hängt lediglich vom Raumgesetz ab, vermöge dessen das Ding und seine Teile einen bestimmten je nur ihnen eigentümlichen Ort einnehmen.  Mit  der  Materie ist dasselbe die Substanz.  So ergibt sich, daß das Gesetz der Materie oder Substanz im Raumgesetzt enthalten und von ihm untrennbar ist.

20. Der leere Raum und die leere Zeit - diese für wirklich gehaltenen Nichtse - werden nur dadurch zu Anschauungen, daß wir sie mit Dingen und ihren Bewegungen erfüllen. Wor wir keine Empfindungen mehr haben, also an der Grenze des erfüllten Raumes und dem Anfang der erfüllten Zeit angelangt sind, da ruft unsere Phantasie von früheren Empfindungen wieder auflebende Empfindungsstoffe herbei, die wir gemäß dem Raum- und Zeitgesetz als Nebeneinander und Nacheinander anschauen. So wird dann auch das Leere zum Anschauungsgegenstand zu einem dunkel halbhell oder grau Gefärbten. Da sich dies bei jeder Voraussetzung der Grenze des Raumes und des Anfangs der Zeit wiederholt, so dehnen wir Raum und Zeit über die Grenzen und den Anfang aus, erweitern beide zu einem Unbegrenzten und Anfangslosen, scheinbar Unendlichen. Natürlich ist das kein wirklich oder aktuell Unendliches, sondern nur ein bis ins Unendliche Erweiterbares. Wir verselbigen den anschaulichen Raum mit der Materie im Anschluß an DESCARTES gegen LOCKE. Der Einwand gegen diese Auffassung, daß die Bewegung notwendig den leeren Raum voraussetzt und im erfüllten unmöglich ist, erledigt sich dadurch, daß der erfüllte Raum kein wirklich unendlicher, sondern ein bis ins Unendliche erweiterbarer ist.

21. KANT stellt nun  die beiden Gesetze  auf: Die Materie in der Welt wird weder vermehrt noch vermindert, und: Substanzen entstehen und vergehen nicht. Schon die  Erfahrung  scheint dieses Gesetz zu bestätigen. Wenn ein Ding entsteht oder zunimmt, wächst, so muß es dafür seine Materie oder seinen Stoff anderswoher nehmen aus der Natur, und wenn es vergeht, so löst es sich in seine Teile auf; aber diese seine Teile, sein Stoff geht wieder in die Gesamtnatur über. Indessen sind  diese Gesetze keine bloßen Erfahrungssätze, sondern  sie sind  streng apriorisch  wie das Raumgesetz selbst. Wir treten mit dem anschaulichen Raum, den wir dem Raumgesetz verdanken, an die Dinge heran und legen sie in den Raum hinein; aber dieser anschauliche Raum mit seinem Nebeneinander kann nur zustande kommen und bestehen, wenn seine Teile materiell sind oder je einen Ort einnehmen, der nicht zugleich mit ihnen von anderen Dingen oder ihren Teilen eingenommen werden kann. So ist nicht eigentlich der leere Raum, sondern  der mit Materie erfüllte Raum das Apriorische, mit dem wir an die Empfindungswelt herantreten,  sie auffassen und zu Anschauungen gestalten. Auch die beiden Gesetze:  ex nihil fit nihil  [Aus Nichts wird nichts. - wp] und  nihil in nihilum redigitur  [Nichts kann nicht zu Nichts werden. - wp]  ergeben sich unmittelbar aus dem Substanzgesetz.  Wenn etwas entstehen soll, so ist ein Stoff vorauszusetzen, aus dem es gebildet wird; und wenn es vergeht, bleibt dieser Stoff bestehen. Natürlich gelten alle diese Gesetze zunächst für die Erscheinungswelt; ob die beiden zuletzt genannten auch ausschließlich für die Erscheinungswelt gelten, darüber später. - Wichtig ist, daß wir auf unsere Empfindungen  zuerst  imer das  Raumgesetz anwenden  müssen und  dann erst  das  Zeitgesetz  anwenden können. Wir können uns  keine Bewegung  denken  ohne Dinge, die sich bewegen,  und wie wir  die Bewegung nur durch das Zeitgesetz  gewinnen, so gewinnen wir  die Dinge nur durch das Raumgesetz.  Es ist ferner wichtig zu beachten, daß sich weder die Zeit auf den Raum noch der Raum auf die Zeit zurückführen läßt, d. h. weder die Bewegung auf die Materie noch umgekehrt die Materie mit ihren Widerstandskräften auf Bewegung. Das letztere versucht der Autor der Energetiklehre, das erstere versucht ein anderer Autor, nach dessen Ansicht als das einzige Beharrliche die unveränderliche Größe der Materie übrig bleibt.

22. Wir können aus dem Raum und der Zeit die Dinge hinwegdenken, dann bleibt uns der leere Raum und die leere Zeit übrig, die wir zunächst nur erst denken könne. Wir denken dann das Wort Raum und seine Bedeutung, die wir kennen. Wollen wir sie anschauen, so bedürfen wir dafür immer gewisser, von der Phantasie aus der Erinnerung herbeigeschaffener Empfindungsstoffe (Farbenempfindungsstoffe von Halbhellem, Grauem), auf die wir dann sofort das Gesetz des Raumes anwenden. Das ist der Grund, warum wir uns auch keine Grenzen des Raumes denken können. Sofort schafft die Phantasie jenseits der angenommenen Grenzen Empfindungsstoffe herbei, auf die das Gesetz des Raumes dann wieder angewandt wird. So kommen wir zur  Anschauung des Raumes ohne Grenzen.  Natürlich sind das alles nur unsere Vorstellungen wie die ganze Erscheinungswelt; es sind Bilder, wie wir ursprünglich sagten.

23. Das Raumgesetzt (und das Gleiche gilt auch vom Zeitgesetz) kann nur mit dem Denken erfaßt werden, obgleich die Beziehung auf die Empfindungen zu seinem Begriff gehört, da es ja Gesetz der Empfindungen ist. Verschieden vom Raumgesetz ist der anschauliche Raum, der durch die Anwendung des Raumgesetzes nicht bloß auf die wirklichen Empfindungen angewendet, sondern auch auf die durch die Phantasie herbeigerufenen Empfindungsstoffe, so erhalten wir den bis ins Unendliche erweiterbaren anschaulichen Raum, der gewöhnlich als absoluter Raum bezeichnet wird.

Wir können auch von der Materie, die der Größe und Gestalt der Dinge und ihren verschieden gerichteten Bewegungen zugrunde liegt, abstrahieren; dann gewinnen wir die Größe und Gestalt und die Bewegungsformen, mit denen es die reine Geometrie und die reine Bewegungslehre zu tun hat. Aber das sind nur Abstraktionen, nur Gedanken, keine Wirklichkeiten in dem Sinne, wie wir auch der Erscheinungswelt eine Wirklichkeit nicht absprechen.


Das Assoziationsgesetz

24. Was haben wir nun gewonnen? Die Dinge der Erscheinungswelt haben 1.  sinnliche Eigenschaften.  (Farben, Gerüche, Geschmäcke, Wärme, Kälte). Sie haben 2.  mathematische Eigenschaften  (Größe, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung). Durch Anwendung von Raum und Zeit auf die Empfindungen erzeugen wir diese mathematischen Eigenschaften. Sie haben 3.  mechanische  Eigenschaften (Undurchdringlichkeit, Schwere, Eigenörtlichkeit), und diese Eigenschaften erzeugen wir durch die  Anwendung des Substanzgesetzes  auf die Empfindungen.  Diese letzteren Eigenschaften  machen für uns das erscheinende Ding aus; ihnen haften die mathematischen und die sinnlichen Eigenschaften an. Sie  sind die "Substanz" des Dinges, die mathematischen und sinnlichen Eigenschaften "Akzidenzien", die der Substanz inhärieren.  Auch die mechanischen Eigenschaften (Substanzialität, Materialität) gehören zur Erscheinungswelt, sind im Grunde Empfindungen und Vorstellungen. Sie verschieben sich ebenso wie diese jeden Augenblick in die Vergangenheit. Wenn wir die Wand vor uns sehen, haben wir nicht nur Gesichtsbilder von der Wand, sondern zugleich mit ihnen verbundene Tastbilder von ihrer Materialität, von ihrer Widerstandskraft.  Gesichts- und Tastbilder assoziieren miteinander.  Wenn wir einen Gegenstand sehen, dann wachen die Tastbilder, die wir von ihm hatten, wenn wir ihn berührten, wieder auf. Gesichts- und Tastbilder sind miteinander assoziiert. Wenn wir Samt oder Marmor sehen, wissen wir genau, wie sie sich anfühlen. Wenn wir einen Apfel, eine Birne im Finstern berühren, tritt uns sofort das Gesichtsbild der Birne und des Apfels entgegen. Das beruth auf dem  Assoziationsgesetz.  Es lautet also: Wenn unter den früheren Vorstellungen und Empfindungen solche vorhanden waren, die mit einer gegenwärtigen entweder  a)  ähnlich sind oder  b)  mit ihr zusammen auftraten oder  c)  ihr vorangingen oder nachfolgten, so erstehen diese früheren Vorstellungen oder Empfindungen aufs neue im gegenwärtigen Bewußtsein. Sie werden durch die gegenwärtigen Vorstellungen geweckt, reproduziert. Das soll nicht heißen, daß die früheren Vorstellungen als solche selbst in unserem Bewußtsein wieder auftreten; sie sind in die Vergangenheit, ins Nichts versunken und kehren nicht wieder: es heißt nur, daß durch die gegenwärtigen Vorstellungen den früheren Vorstellungen ähnliche im Bewußtsein geweckt werden. ARISTOTELES hat noch ein  viertes Assoziationsgesetz.  Er meint, daß sich auch entgegengesetzte Vorstellungen oder Empfindungen wecken. Der Gedanke oder die Vorstellung eines Zwerges, eines Greisen, soll die eines Riesen und eines Kindes wecken. Dieses vierte Assoziationsgesetz scheint die Erfahrung nicht zu bestätigen.


Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien

25. DEMOKRIT lehrte schon, daß die sogenannten  sinnlichen Eigenschaften nur unsere Empfindungen  sind, und daß nur die mathematischen und mechanischen den Dingen wirklich zukommen. Dieselbe Anschauung tritt uns dann in der neueren Philosophie bei DESCARTES und vorher schon bei GALILEI, FRANCISCO SANCHEZ und HOBBES entgegen. Wir wissen, daß auch die mathematischen und mechanischen Eigenschaften in letzter Instanz dadurch zustande kommen, daß wir auf die Empfindungen das Gesetz des Raums und der Substanz anwenden, und daß sie sich von den sinnlichen Eigenschaften nur dadurch unterscheiden, daß sie eben durch dieses Gesetz eine feste, bestimmte Gestalt und Form erhalten.

26. In der jüngsten Zeit ist der Lehre von der Subjektivität der Sinnesempfindungen eine neue Grundlage gegeben worden durch das Gesetz von den spezifischen Sinnesenergien (JOHANNES MÜLLER). Man unterscheidet  adäquate und inadäquate Reize.  Jene sind die äußeren Einwirkungen auf unsere Sinnesorgane, durch welche Empfindungen erzeugt werden, für deren Aufnahme unsere Sinnesorgane eine besondere Einrichtung haben. Für die Ätherschwinungen, durch die Gesichtsempfindungen erzeugt werden, hat das Auge, für die Luftschwingungen, durch welche Gehörsempfindungen erzeugt werden, hat das Ohr eine besondere Einrichtung. Sie sind adäquate Reize. Nun zeigt sich aber, daß auch ein Schlag aufs Auge und aufs Ohr, die offenbar inadäquate Reize sind, Gesichts- und Gehörsempfindungen erzeugen. Daher  das Gesetz:  Welche Reize auch immer auf die Sinnesorgane ausgeübt werden mögen, sie antworten nur mit den Empfindungen, nach denen sie benannt sind. Jedes Sinnesorgan hat eine spezifische Energie.

27. Wir haben dieses Gesetz, so weit es durch die Erfahrung bestätigt wird, nichts einzuwenden. Wenn aber daraus geschlossen werden soll, daß die Sinnesempfindungen im Gegensatz zu den mathematischen und mechanischen Eigenschaften rein subjektiv seien, dann müssen wir dem widersprechen. Auch die mathematischen und mechanischen Eigenschaften entstehen und bestehen in letzter Instanz aus Empfindungen und haben insofern vor den sinnlichen Eigenschaften keinerlei Vorzug.


Das Ernst Heinrich Weber - Fechnersche Gesetz

28. Es ist begreiflich, daß von den Naturforschern auf die mechanischen Eigenschaften das Hauptgewicht gelegt wird. Zunächst machen diese ja die Substanz der Dinge aus. Dann aber sind sie wie die mathematischen Eigenschaften einer exakten Berechnung zugänglich. Wir können beide einem einheitlichen Maßstab unterwerfen. Die Größe können wir messen, die Schwere kann gewogen werden. Auch die Gestalten der Körper sind mathematisch berechenbar. Auf die exakte mathematische Behandlung der Erscheinungswelt legt darum die Naturwissenschaft das größte Gewicht. In ihr besteht die sogenannte mechanische Weltanschauung, und auf die mechanische Weltanschauung sucht sie alles zurückzuführen; sofern es sich um die mathematischen und mechanischen Eigenschaften handelt, mit vollem Recht. Bei diesen gibt es nur quantitative oder Größenunterschiede, und diese lassen sich exakt bestimmen. Anders ist es bei den  sinnlichen Eigenschaften oder Empfindungen.  Die verschiedenen Farben, die verschieden hohen Töne, die verschiedenen Gerüche und Geschmäcke sind alle  qualitativ verschieden. Sie bilden  insofern  die unübersteigliche "Schranke" der mechanischen Naturwissenschaft. 

29. Daß die Empfindungen und sinnlichen Eigenschaften nicht wie die mathematischen und mechanischen Eigenschaften gemessen werden können, leuchtet unmittelbar ein. Treten wir in ein Zimmer ein, das von einer Kerze erleuchtet ist, und lassen es dann durch neun weitere Kerzen erleuchten, so sind wir geneigt zu sagen, daß die Stärke der Lichtempfindungen jetzt zehnmal so groß ist wie vorher. Aber wenn wir nicht wissen, daß vorher  eine  Kerze angezündet war und nachher zehn, so können wir auch nicht sagen, daß die Stärke der Lichtempfindungen um das zehnfache zugenommen hat. Sicher ist: Das Streicheln der Wange erzeugt eine schwächere Empfindung als eine Ohrfeige; aber um wieviel die letztere Empfindung stärker ist als die erstere, können wir nicht sagen.  Wir können uns den Stärkeunterschied der verschiedenen Empfindungen nicht für sich vorstellen.  Das liegt daran, daß wir keinen einheitlichen Maßstab haben, mit dem wir die Stärke der Empfindungen messen können, wie wir bei Linien, Flächen, Gewicht und Größe einheitliche Maßstäbe besitzen. Nun hat man versucht, auch die Empfindungen, die diesbezüglich ihrer Stärke nicht unmittelbar gemessen werden können, doch in ihrem Verhältnis zu den entsprechenden Reizen einem Maß zu unterwerfen. ERNST HEINRICH WEBER  und nach ihm  FECHNER  in Leipzig fanden,  daß die Empfindungsstärke nicht proportional der Reizstärke ist, sondern  daß die Reize um ein Drittel ihrer ursprünglichen Stärke zunehmen müssen, wenn eine ebenmerkliche Stärkesteigerung der Empfindungen eintreten soll.  Die Reizstärken bilden mit anderen Worten eine geometrische, und die zu ihnen gehörigen Empfindungsstärken bilden eine arithmetische Reihe oder: die Empfindungen verhalten sich rücksichtlich ihrer Stärke zueinander wie die Logarithmen der zugehörigen Reize. Wir anerkennen dieses Hauptgesetz der physiologischen Psychologie gern, müssen aber betonen, daß dadurch die Empfindungen ihrer qualitativen Verschiedenheit gar nicht entkleidet sind, und daß somit die Empfindungen, trotzdem ihr Verhältnis zu den zugehörigen Reizen mathematisch bestimmt werden kann, an und für sich genommen, einer mathematischen Behandlung nicht fähig sind und also eine Schranke der mechanischen Weltanschauung bilden.


Widersprüche in der Erscheinungswelt

30. Das, was wir Erscheinungswelt nennen, kommt durch die Anwendung der Gesetze von Raum und Zeit auf die Empfindungen zustande. durch diese Anwendung der Gesetze von Raum und Zeit entstehen aus den Empfindungen der anschauliche Raum und die anschauliche Zeit, und diese bestehen in einem Nebeneinander und Nacheinander der Empfindungen. Dieses Neben- und Nacheinander bildet ein Kontinuum. Die Ausdehnung, die durch dasselbe zustande kommt, ist eine kontinuierliche Größe. Von diesen kontinuierlichen Größen sind die diskreten (Zahlen-)Größen sorgfältig zu unterscheiden. Das Eigentümliche der kontinuierlichen Größen besteht darin, daß ihre aneinander liegenden oder aufeinander folgenden Teile sich berühren oder ineinander übergehen müssen, was voraussetzt, daß diese Teile bei ihrer Berührung und bei ihrem Übergehen ineinander in einem Punkt zusammenfallen. Was von den Grenzen dieser Teile gilt, daß sie in einem Punkt zusammenfallen, gilt auch von den Grenzen der Teile dieser Teile und so fällt bei den kontinuierlichen Größen, also im Nebeneinander des Raumes und dem Nacheinander der Zeit, eben wegen ihrer Kontinuität alles in einem Punkt zusammen. Mit anderen Worten:  damit das kontinuierliche Neben- und Nacheinander zustande kommt, muß es aufgehoben werden.  Das ist der erste Widerspruch, der der Erscheinungswelt anhaftet. Er ist scharfsinnigen Mathematikern nicht entgangen. Sie haben deshalb, wie KRONECKER, den Versuch gemacht, die kontinuierlichen Größen in diskrete (Zahlen-) Größen zu verwandeln, freilich bis jetzt vergebens.

31. Wir haben gesehen, daß durch Raum und Zeit alle Dinge und Bewegungen eine bestimmte, nur ihnen je eigentümliche, unübertragbare und unveräußerliche Stelle innerhalb des Raumes und der Zeit erhalten. Wenn wir nun aber diese Stelle näher zu bestimmen suchen, den Ort  a  und den Zeitpunkt  a,  so müssen wir uns auf einen anderen Ort  b  und auf einen anderen Zeitpunkt  b  beziehen und sagen:  a  ist so weit von  b  entfernt oder ihm so nah, und wollen wir  b  näher bestimmen, so müssen wir uns auf einen Punkt  c  berufen und so fort. - Bei der Bestimmung der festen Punkte in Raum und Zeit ergibt sich, daß sie nur dadurch möglich ist, daß wir uns immer wieder auf andere feste Punkte berufen und für diese wieder auf andere. So zeigt sich, daß es gar keine  festen Punkte in Raum und Zeit  gibt, daß sie sich vielmehr in Beziehungen auflösen. Da es ohne feste Punkte keine Beziehungen geben kann, so erweist sich die Erscheinungswelt auch hier wieder als in sich widersprechend.

32. Der bedeutendste Widerspruch in der Erscheinungswelt ist der folgende: Die Kontinuität des anschaulichen Raumes und der anschaulichen Zeit hat notwendig zur Folge, daß wir uns keinen Anfang in der Zeit und keine Grenze im Raum vorstellen können. Der Anfangspunkt und Grenzpunkt ist auch ein Kontinuum und setzt deshalb notwendig einen neben ihm liegenden Teil voraus, mit dem er kontinuierlich zusammenhängt. Das gilt von allen Punkten des Raums und der Zeit, und so kommen wir notwendig zur Vorstellung eines unbegrenzten Raumes und einer unbegrenzten Zeit. Natürlich über die Grenzen hinaus, wo wir noch Empfindungen haben, die wir nach dem Raum- und Zeitgesetz anschaulich gestalten können, ist dieser Raum und diese Zeit leer. So entsteht die Vorstellung des leeren Raums und der leeren Zeit, die wir anscheinend notwendig als eine Wirklichkeit fassen müssen, während sie doch in Wirklichkeit nur ein Nichts ist. Aber wichtiger ist noch, daß wir bei der Auffassung der Dinge, die der Erscheinungswelt angehören, sie in den leeren Raum und in die leere Zeit hineinversetzen müssen, und noch mehr, daß wir uns eine Bewegung, wie die Physiker alle annehmen, ohne Voraussetzung eines leeren Raumes nicht denken können. EMPEDOKLES und ANAXAGORAS glaubten durch eine bis ins Unendliche fortgehende Teilung der Materie und Verschiebung dieser Teilchen untereinander der Voraussetzung eines leeren Raumes für die Bewegung enthoben zu sein. Allein jenseits der unendlichen Masse dieser Teilchen muß die Verschiebung doch ins Leere hinein geschehen. Anders können wir es uns für die Erscheinungswelt nicht denken.  Der leere Raum, dieses in sich widersprechende, für wirklich gehaltene, wahrhafte Nichts ist so die Voraussetzung unserer Vorstellungen und Anschauungen der Erscheinungswelt.  Dsa ist der höchste Widerspruch, den sie enthält.


Das Gesetz der Gegenständlichkeit
oder der beharrlichen Dieselbheit.

33. Die in der Erscheinungswelt enthaltenen Widersprüche nötigen uns, über sie hinauszugehen. Tatsächlich gehen wir aber auch schon bei allen unseren Benennungen der Dinge, mit all unseren Urteilen, selbst mit allen ernst gemeinten Wahrnehmungen über die Erscheinungswelt hinaus. Das Wort, mit dem wir die Dinge benennen, hat eine dreifache Bedeutung: 1. ist es der Ausdruck der Vorstellung des Sprechenden; 2. weckt es die gleich Vorstellung im Hörenden und 3. ist es Name eines Etwas, das von beiden Vorstellungen ganz verschieden ist,  Name des Gegenstandes,  der für den Hörenden und Sprechenden derselbe ist.

Mit jedem Urteil verbindet sich ferner das Bewußtsein des mit dem Urteil Gemeinten. Dieses mit dem Urteil Gemeinte ist das eigentliche logische Subjekt des Urteils, und das grammatische Subjekt ist auch nur eben sein Prädikat. Dieses mit den Vorstellungen des Urteils Gemeinte ist nun derart, daß wir für dasselbe eine allgemeine Anerkennung in Anspruch nehmen oder ihm Allgemeingültigkeit zusprechen. Auch bei den ernst gemeinten nicht nur flüchtigen Wahrnehmungen, auf Grund deren wir behaupten: "Es ist so, ich habe es gesehen"; gehen wir immer über die Empfindungen von Gegenständen hinaus zu einem Etwas, das von diesen Empfindungen ganz und gar verschieden ist, und für das wir Allgemeingültigkeit in Anspruch nehmen. So zeigt sich, daß wir bei allen Benennungen, bei allen Urteilen, bei allen ernst gemeinten Wahrnehmungen mit unserem Bewußtsein über die Erscheinungswelt, zu der unsere Benennungen, die im Urteil verbundenen Vorstellungen und die Wahrnehmungen gehören, mit anderen Worten, über das Flüchtige und Vergängliche, das sich jeden Augenblick in die Vergangenheit verschiebt, hinausgehen zu einem Beharrlichen, das dasselbe ist für alle Denkenden.  Dieses beharrlich dasselbe Bleibende ist der Gegenstand.  Er ist allgemeingültig für alle Denkenden und das Gesetz der Gegenständlichkeit oder der beharrlichen Dieselbigkeit funktioniert oder beherrscht alle unsere Benennungen, alle unsere Urteile, alle unsere ernst gemeinten Wahrnehmungen.

34. Es gilt: Was immer sinnliche Eigenschaften hat (Farbe, Geruch, Geschmack), das hat auch mathematische Eigenschaften (Größe, Gestalt), und was immer mathematische Eigenschaften hat, hat auch mechanische Eigenschaften (Undurchdringlichkeit, Eigenörtlichkeit, Substanzialität, Materialität), und was immer mechanische Eigenschaften hat, dem liegt ein Etwas zugrunde, das sich von der Erscheinungswelt und von diesen mathematischen und mechanischen Eigenschaften ganz und gar unterscheidet, nicht wie sie subjektiv, flüchtig und vergänglich ist, sondern beharrlich dasselbe bleibt und für alle Denkenden gilt. Es ist  das "Ding-ansich KANTs. Die sinnlichen und mathematischen Eigenschaften stehen im Verhältnis der Inhärenz [Innenwohnhaftigkeit - wp] zu den mechanischen Eigenschaften der Substanzialität und Materialität; aber es ist wohl zu beachten, daß weder die sinnlichen und mathematischen Eigenschaften noch auch die mechanischen irgendwie als den Dingen ansich inhärierende Eigenschaften betrachtet werden können. So wissen wir also von Dingen-ansich so gut wie nichts; wir wissen nur, daß sie existieren;  "was" sie sind, können wir nicht bestimmen.  Sie erscheinen uns in den sinnlichen, mathematischen und mechanischen Eigenschaften, aber diese dürfen und können wir als Eigenschaften dieser Dinge-ansich nicht betrachten.


Die beiden Grundirrtümer
des vorkritischen Bewußtseins

35. Wir wissen jetzt, daß wir die Erscheinungsdinge durch die Anwendung der Gesetze von Raum, Substanz und Zeit auf die Empfindungen selbst erzeugen. Diese Erscheinungsdinge sind nun die Sinnenbilder, von denen wir ausgingen.  Vom vorkritischen Bewußtsein werden diese Sinnenbilder ohne weiteres für die beharrlich dasselbe bleibenden und allgemeingültigen Dinge selbst gehalten,  oder zumindest kommt es nicht zu Bewußtsein, daß wir mit diesen Sinnenbildern etwas von ihnen Verschiedenes benennen und das beharrlich dasselbe Bleibende, Allgemeingültige mitdenken, wie das bei allen Benennungen, bei allen Urteilen, bei allen ernst gemeinten Wahrnehmungen der Fall ist. Darin besteht  der erste Irrtum  [proton pseudos - wp] des vorkritischen Bewußtseins. Aber wir bleiben bei den Einzeldingen der Sinnenwelt nicht stehen, sondern wir bringen sie miteinander in Verbindung, setzen sie miteinander in Beziehung.  Wir betrachten das eine Ding und seine Bewegung als Ursache der Bewegung eines anderen Dings,  die Axtschläge als Ursache des Fallens eines Baumes, Digitalis als Ursache der Herabsetzung des Pulses, Brot als Ursache der Ernährung des Körpers. In allen diesen Fällen nehmen wir an, daß das vorangehende Ding mit seiner Bewegung die Bewegung des folgenden erzeugt, hervorbringt. Wir glauben, das unmittelbar zu sehen. Das ist  der zweite Irrtum  des vorkritischen Bewußtseins. HUME hat gezeigt, daß wir nur wahrnehmen können, daß das eine Ding dem anderen vorangeht, niemals aber, daß das eine Ding das andere bewirkt, hervorbringt, erzeugt. In der Tat ist die Vorstellung einer hervorbringenden, erzeugenden Ursache eine dunkle unklare, oder wissen wir es denn, wie die Axtschläge es machen, daß der Baum umfällt, wie Digitalis es macht, daß der Puls herabgesetzt wird? Wir können nicht einmal unseren Willen als hervorbringende Ursache der Fingerbewegungen denken: wenn nich das Scheitelhirn gereizt wird und der Reiz durch die Pyramidalbahn fortgeleitet und weiter fortgeleitet wird zu den Bewegungsnerven der Finger, wenn eines dieser Mittelglieder fehlt oder erkrankt, kann der Wille keine Bewegung erzeugen, und andererseits kommt diese Bewegung oft genug unwillkürlich ohne die Mitbeteiligung des Willens zustande.  Jedenfalls  können wir, wie HUME mit Recht sagt, das Hervorbringen und Erzeugung der Wirkung niemals wahrnehmen.  HUME betont weiter, daß die Regelmäßigkeit der Aufeianderfolge zwischen Axtschlägen und Baumfällen, zwischen Brotspeis und Körperernährung zunächst eine Gewohnheit in uns erzeugt, und daß wir aufgrund dieser Gewohnheit in blinder Weise annehmen, zwischen dem Vorangehenden und Nachfolgenden bestehe ein Notwendigkeitsverhältnis. Das Richtige hieran ist nur dies, daß in der Tat das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung" auf ein solches Notwendigkeitsverhältnis zurückgeführt werden mß; aber es ist ein gesetzmäßiges; es beruth nicht auf blinder Annahme, auf bloßer Einbildung, wie HUME meint. Das ist zu zeigen.


Das Kausalitätsgesetz

36. Wir können uns für die anschauliche Zeit wegen der Kontinuität ihrer Teile keinen Anfang und kein Ende vorstellen; wir können uns auch keine Lücken in derselben denken. Die Zeit würde innerhalb der Lücken fortfließen. Alles, was in der Zeit geschieht, setzt deshalb ein unmittelbar Vorangehendes voraus, mit dem es notwendig zusammenhängt. Dies verlangt das Gesetz der Zeit. Wir müssen aber, wie wir gesehen haben, dem Vorangehenden und Nachfolgenden immer eine Materie, eine Substanz zugrunde legen. Bewegungen und Veränderungen können wir uns nicht vorstellen, nicht denken ohne ein Etwas, das sich bewegt und verändert. Das verlangt das Raumgesetz. Nun können wir uns aber auch keine Lücken im Raum vorstellen. Die Kontinuität der Raumteile setzt voraus, daß neben jedem Raumteil ein anderer liegt, der mit ihm kontinuierlich zusammenhängt. Auch das verlangt das Raumgesetz. So ergibt sich das weitere Gesetz:  Allem, was in der Zeit geschieht, geht ein anderes voran, das unmittelbar mit ihm zusammenhängt und sich mit ihm im Raum berührt.  Die Materie des Vorangehenden und Nachfolgenden muß auch unmittelbar im Raum zusammenhängen; sonst würde, wie KANT sagt, die Zeitreihe abbrechen. Zwischen dem unmittelbar Aufeinanderfolgenden in der Zeit, das sich zugleich unmittelbar im Raum berührt, besteht also ein Notwendigkeitsverhältnis. Dieses Notwendigkeitsverhältnis, das durch die Gesetze der Zeit und des Raumes gefordert wird, ist das Kausalitätsgesetz. So läßt sich das Kausalitätsgesetz aus dem Zeitgesetz ableiten, wie wir das Substanzgesetz aus dem Raumgesetz abgeleitet haben.

37. NEWTON nahm noch an, daß es eine actio in distans, eine Fernwirkung, gebe, daß das eine Ding auf das andere durch den leeren Raum hindurch wirken könne. Wir wissen, daß es keine Lücken im Raum gibt, daß deshalb von einer solchen Fernwirkung nicht die Rede sein kann. NEWTON nahm die Gravitation als eine Fernwirkung an und behauptete deshalb, sie geschehe zeitlos. HEINRICH HERTZ in Bonn hat den Versuch gemacht, auch für die Gravitation die erforderliche Zeit zu bestimmen.


Schranken des Kausalitätsgesetzes

38. Ist alles in der Zeit Aufeinanderfolgende durch ein Notwendigkeitsverhältnis miteinander verknüpft? Nein. Was eben in China geschah und jetzt hier geschieht, steht nicht in diesem Verhältnis. Die verschiedenen Farben konnten je nach der Beleuchtung auch in umkehrter Reihenfolge auftreten; und daß das Ding beim Wachsen die nebeneinanderliegenden Räume der Reihe nach berühren muß, hat seinen Grund im Raumgesetz, nach dem es eben im Raum keine Lücken gibt.  Das Kausalitätsgesetz,  wie wir es nach HUME allein festhalten können,  setzt voraus, daß dem Vorangehenden und Nachfolgenden verschiedene Materien oder Dinge zugrunde liegen, und daß diese Materien oder Dinge sich nach dem Zeitgesetz im Raum unmittelbar berühren.  Wo immer das der Fall ist, da besteht zwischen dem Vorangehenden und Nachfolgenden das Notwendigkeitsverhältnis.

39. Da wir  das Kausalitätsgesetz  aus dem Zeitgesetz ableiten, so ist es natürlich ebenfalls  apriorisch  wie dieses. Aber nur dieses allgemeine Gesetz, daß allem, was in der Zeit geschieht, notwendigerweise ein anderes unmittelbar vorangeht, das mit ihm räumlich unmittelbar zusammenhängt, ist apriorisch; daß immer ein Vorangehendes in diesem Sinne vorhanden sein muß, wissen wir apriori.  Was  aber  im einzelnen Fall dieses Vorangehende ist, das lernen wir nur durch Erfahrung kennen.  Nur durch Erfahrung wissen wir, daß Brot nährt, Arsen tötet, Digitalis den Puls senkt usw. Oft kann uns auch erst die Erfahrung darüber belehren, was das Vorangehende und was das Nachfolgende ist. Ofen - und Zimmerwärme, Sonnen- und Luftwärme erscheinen uns als gleichzeitig, und doch wissen wir aus Erfahrung, daß die Sonnen- der Luftwärme und die Ofen- der Zimmerwärme vorangeht. Zuerst sehen wir die Soldaten marschieren, dann hören wir das Kommando, wenn es in weiter Ferne geschieht, und doch wissen wir, daß das Kommando das Frühere ist.


Tatsächliche Notwendigkeit
und begriffliche Notwendigkeit

40. Durch das Kausalitätsgesetz im Sinne HUMEs gelangen wir nur zu tatsächlichen Notwendigkeiten. Aber diese genügen uns nicht. Wenn wir den EULERschen Satz  E + F = K + 2  auch an allen regelmäßigen Vielflächnern, an Tetraedern, Hexaedern, Oktaedern, Dodekaedern, Ikosaedern ausprobiert haben, wenn wir auch bei allen Münzen von verschiedener Größe gefunden haben, daß um eine Münze nur sechs von der gleichen Größe herumgelegt werden können, so genügt uns diese tatsächliche Notwendigkeit nicht. Nicht das Ausprobieren tut unserem Vernunftbedürfnis Genüge, wir wollen einen Beweis dafür haben. Wir suchen zunächst, um uns die tatsächliche Notwendigkeit begreiflich zu machen, das Vorangehende als hervorbringede, erzeugende Ursache des Nachfolgenden zu betrachten. Aber das geht nicht an, wie HUME gezeigt hat. Eher könnte man denken, daß es begründet wäre, daß das gleiche Vorangehende auch das gleiche Nachfolgende notwendigerweise zur Folge hat, am ehesten wenn sich die Größe des gleichen Vorangehenden und des gleichen Nachfolgenden ziffernmäßig bestimmen läßt, wie wir ja wissen, daß der stoßende Billardball so viel an Bewegung verliert, als der gestoßene gewinnt. Aber die Gleichheit des Vorangehenden und Nachfolgenden genügt uns auch nicht, um das zwischen beiden bestehende Notwendigkeitsverhältnis zu begreifen. Wir fragen: Wie ist denn der Übergang von der Sonnen- zur Luftwärme, von der Ofen- zur Zimmerwärme, von einem Billardball zum andern möglich, denkbar? Wandert etwa die vorangehende Veränderung, losgetrennt vom Ding, dem sie anhaftet, zum nachfolgenden Ding hinüber? Oder, wenn es sich um eine mathematisch berechenbare Bestimmung des Vorangehenden und Nachfolgenden handelt, wie beim Billardball, versinkt etwa das, was der erste Billardball an Bewegung verliert, ins Nichts, und wird das, was der zweite Billardball gewinnt, aus dem Nichts erzeugt?  Die Erklärung, welche das Begreifen des Notwendigkeitsverhältnisses der Aufeinanderfolge verlangt, wird uns durch die Gleichheit des Vorangehenden und Nachfolgenden in keiner Weise gegeben. 
LITERATUR: Goswin Karl Uphues, Erkenntniskritische Psychologie, Leitfaden für Vorlesungen, Halle/Saale 1909