tb-1 Kant und das Ding ansichKant und die EpigonenKants Anhänger und Gegner    
 
GOSWIN KARL UPHUES
Kant und seine Vorgänger

"Von Christian Wolff hat Kant auch die Auffassung der Metaphysik als einer Wissenschaft aus bloßen Begriffen übernommen, an der er bis zu seinem Tod festgehalten hat. Es ist die Auffassung des Rationalismus nicht bloß Wolffs, sondern auch seiner Vorgänger Descartes, Spinoza, Leibniz, dessen Grunddogma lautet:  Es gibt eine Erkenntnis von Tatsachen aus reiner Vernunft,  mit anderen Worten eine Metaphysik aus bloßen Begriffen. Kant hat mit Recht die Metaphysik in diesem Sinne bekämpft und ist insofern über den Rationalismus seiner Zeit hinausgegangen."

"Kant betont, daß nichts in der Philosophie schädlicher gewesen sei, als die Mathematik, nämlich die Nachahmung ihrer Methode in der Philosophie, wie sie von den  more mathematico  demonstrierenden Rationalisten, z. B. Spinoza, gehandhabt wurde. Später erhält gerade die Methode der Mathematik, für die der Begriff das erste ist und der Gegenstand nach ihm gebildet wird, in seiner Kritik der reinen Vernunft eine entscheidende Bedeutung."

Vorwort

Mit PLATON und KANT stellen wir die für alle Wissenschaft entscheidende Frage: Gibt es etwas Allgemeingültiges für alle Denkenden? und suchen diese Frage nach der Methode, die beiden Denkern gemeinsam ist, zu beantworten. Indem wir im Sinne beider das Allgemeingültige für alle Denkenden als Wert bezeichnen, fragen wir weiter: Gibt es Erkenntniswerte auf dem Gebiet der Wahrnehmung, der Erfahrung, des Bewußtseins? Gibt es Willenswerte? Gibt es Gefühlswerte unter den Willensgefühlen, insbesondere religiöse Gefühle, die alle anerkennen müssen? Gibt es Gefühlswerte unter den Erkenntnisgefühlen, insbesondere ästhetische Gefühle, die alle anerkennen müssen? Ich glaube alle diese Fragen nach der Methode KANTs bejahend beantworten zu können. KANTs Lehren vom Ding ansich, vom Ich der Apperzeption, von der Autonomie des Willens und von der Teleologie bedürfen einer Berichtigung und Ergänzung, die ich zu geben versuche. Nur die Fragen nach dem Allgemeingültigen auf dem Gebiet der Erfahrung und des Willens werden von KANT bejahend beantwortet. Das hängt mit seiner Lehre vom Ding ansich zusammen. Der Berichtigung und Ergänzung dieser Lehre sind deshalb zwei Drittel meiner Schrift gewidmet. Ich konnte diese Berichtigung und Ergänzung nur geben, indem ich das Substanzgesetz auf das Raumgesetz, das Kausalitätsgesetz auf das Zeitgesetz zurückführte und über jenes hinaus das Gesetz der beharrlichen Dieselbheit, über dieses hinaus das Gesetz des zureichenden Grundes geltend machte. Man wird diese Gesetze, die in allen unseren Wahrnehmungen und Erfahrungen funktionieren, anerkennen müssen, aber auch gegen die Zurückführung von Substanz und Kausalität auf Raum und Zeit keine begründeten Einwendungen erheben können.

Alles kommt auf die Frage nach der Wahrnehmung zurück und die Beantwortung dieser Frage hängt von der Frage nach dem Erkennen ab. Was heißt Erkennen? war der Titel meiner Probevorlesung, mit der ich 1884 meine Vorlesungen an der hiesigen Universität begann. Auch die gegenwärtigen Untersuchungen führen mich immer wieder auf diese Frage zurück. Die Beseitigung des aus dem englischen Empirismus stammenden falschen Begriffs des Erkennens ist ein Hauptziel derselben. Der Wahrnehmung waren meine Schriften "Wahrnehmung und Empfindung" (1888) und "Psychologie des Erkennens" (1893) gewidmet, denen in den folgenden Jahren eine größere Zahl von Abhandlungen über denselben Gegenstand folgten. Es hat lange gedauert, bis ich erkannte, daß sich die Wahrnehmungsfrage nicht nach der psychologischen Methode, sondern nur nach der transzendentalen Metode KANTs lösen läßt. Hier gebe ich diese Lösung.

Die Unterscheidung der Gesetze des Widerspruchs und der Kausalität, wie ich sie hier entwickle, war Gegenstand meines ersten öffentlichen Vortrages 1862. Das, was ich hier Antinomie von Raum und Zeit nenne, wurde bereits in meinen Schriften 1874 und 1876 hervorgehoben. Die Freiheit als Möglichkeitsbedingung der Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung, von der ich hier rede, wurde zuerst in meiner Abhandlung über PESTALOZZIs "Psychologie und Ethik" (1899) anerkannt. So haben mich die Gedanken der gegenwärtigen Schrift viele Jahre hindurch begleitet. Ich habe immer wieder auf dieselben zurückkommen müssen - für mich natürlich ein Grund mehr an ihnen festzuhalten.

Die ablehnende Haltung vieler wissenschaftlicher Forscher gegenüber der Religiösität, die immer und notwendig eine nicht bloß geschichtlich orientierte, sondern auch geschichtlich gebundene ist, hat ihren Grund in einer falschen Naturphilosophie, wie die ablehnende Haltung vieler unserer Zeitgenossen gegenüber der Rechtsordnung des Staates in einer falschen Geschichtsphilosophie. Diese falsche Geschichtsphilosophie ist glänzend widerlegt. Ich suche hier die falsche Naturphilosophie zu widerlegen durch den Nachweis, daß auch der Teleologie eine wissenschaftliche Berechtigung zuerkannt werden muß.

Unseren Psychologisten, die aus den Empfindungen die Welt aufbauen zu können glauben, und unseren Formalisten, die neben den Empfindungen noch allgemeingültige Gesetze annehmen, sie aber nur auf die Empfindung angewendet wissen wollen und, abgesehen davon, für nichts halten, habe ich nicht zu Dank schreiben können, auch nicht schreiben wollen. Wir sind alle Metaphysiker, im Denken wie im Leben. Ein Philosoph, der das wissenschaftliche Recht der Metaphysik verkennt, sägt den Ast ab, auf dem er sitzt. Das kann man vor allem von KANT lernen.



Kant und Christian Wolff

IMMANUEL KANT ist ein Kind seiner Zeit wie wir alle. Er geht aus der deutschen Aufklärung hervor und gehört ihr an. Der Apostel der Aufklärung CHRISTIAN WOLFF, der ein Menschenalter hindurch die Gedankenwelt Deutschlands beherrscht, wird von KANT wiederholt als der "berühmte Wolff" bezeichnet und als "Urheber der Gründlichkeit in den Geisteswissenschaften" gepriesen. Das ist begreiflich: die Bücher WOLFFs lagen damals dem philosophischen Unterricht zugrunde, der Wolffianer MARTIN KNUTZEN war KANTs Lehre in der Philosophie und von ihm hoch geschätzt. Selbst ein FRIEDRICH der Große, der Philosoph auf dem Thron, stand in dieser Hinsicht unter dem Bann seiner Zeit. Den von seinem Vater vertriebenen Philosophen rief er gleich bei seinem Regierungsantritt zurück und überhäufte ihn mit Ehren; er ließ sich sogar aus seinen nach unserer Ansicht sehr seichten philosophischen Werken einen Auszug in französischer Sprache anfertigen "zum eigenen Gebrauch".

CHRISTIAN WOLFF hat die tiefen Gedanken von LEIBNIZ zu einer öden Schulweisheit verflacht, seine Philosophie ist darum ihrem Gehalt nach typisch für das, was man als Scholastizismus brandmarkt, nicht die Systeme der großen Denker des Mittelalters, die in einem anderen Verhältnis zu ihrem Lehrer ARISTOTELES stehen. Auch ihrer Form nach trägt die Philosophie WOLFFs das Gepräge einer Schulweisheit, und in dieser Hinsicht hat sich KANT bei der Darstellung seiner epochemachenden neuen und großen Gedanken dem Einfluß WOLFFs nicht entziehen können. Der für Schulzwecke manchmal nützliche, aber wie eine Schablone wirkende Rubrizierungs- und Schematisierungseifer mit den gleichmäßig sich wiederholenden oft nutzlosen Definitionen und Einteilungen - die charakteristischen Kennzeichen des echten Scholastierks - sind von WOLFF auch auf KANT übergegangen und haben die Lektüre seiner Hauptwerke, insbesondere der Kritik, dem Leser nicht bloß erschwert, sondern auch ungenießbar gemacht. Von CHRISTIAN WOLFF hat KANT auch die Auffassung der Metaphysik als einer Wissenschaft aus bloßen Begriffen übernommen, an der er bis zu seinem Tod festgehalten hat. Es ist die Auffassung des Rationalismus nicht bloß WOLFFs, sondern auch seiner Vorgänger DESCARTES, SPINOZAs, LEIBNIZ', dessen Grunddogma lautet: Es gibt eine Erkenntnis von Tatsachen aus reiner Vernunft, mit anderen Worten eine Metaphysik aus bloßen Begriffen. KANT hat mit Recht die Metaphysik in diesem Sinne bekämpft und ist insofern über den Rationalismus seiner Zeit hinausgegangen. Ob er aber auch ein Recht hatte, die Metaphysik der Aristoteliker des Mittelalters ohne weiteres mit der Metaphysik der Rationalisten auf eine Stufe zu stellen und in der Voraussetzung, daß es keine andere Metaphysik als diese geben könne, alle Metaphysik als Wissenschaft für unmöglich zu erklären, das ist eine andere Frage, die einer näheren Untersuchung bedarf.


Der ontologische Beweis
für das Dasein Gottes

Den klassischen Belegt für die Richtigkeit ihres Grunddogmas fanden die Rationalisten DESCARTES, SPINOZA, LEIBNIZ und insbesondere WOLFF im sogenannten ontologischen Beweis für das Dasein Gottes. Dieser zuerst von ANSELM von CANTERBURY aufgestellte und von den großen Philosophen und Theologen des Mittelalters nachdrücklich bekämpfte Beweis war im Mittelalter völlig von der philosophischen Tagesordnung verschwunden, wurde aber von den Koryphäen des Rationalismus in der Philosophie der neueren Zeit wieder aufgefrischt und in naiv gläubiger Weise vorgetragen, offenbar weil die Widerlegungen der mittelalterlichen Philosophen wie überhaupt die mittelalterliche Philosophie der Vergessenheit anheimgefallen war. Nach dem ontologischen Beweis soll aus der unendlichen Vollkommenheit Gottes auf die Notwendigkeit seiner Existenz geschlossen werden. Würde das allervollkommenste Wesen nicht existieren, so könnte es ein vollkommeneres Wesen geben, das alle seine Vollkommenheiten besäße und dazu noch die Existenz. Die Einwendung, daß auf diese Weise auch die Existenz einer allervollkommensten Insel, wie jedes anderen beliebigen Dinges dargetan werden können, wurde mit der richtigen Bemerkung zurückgewiesen, daß es sich bei Gott als dem Wesen, von dem alles andere abhängt und der von keinem anderen abhängen kann, also durch sich selbst existiert, doch anders verhalte als bei den übrigen Dingen. An diese richtige Bemerkung knüpft dann die endgültige Widerlegung des ontologischen Beweises an, wie sie von den großen Denkern des Mittelalters vorgetragen wurde. Gott, der von keinem andern abhängt, ist das durchsichseiende Wesen. Was der Megariker DIODOROS KRONOS irrigerweise von allem möglichen behauptet, daß es nämlich nur möglich ist, weil es wirklich ist, das gilt in der Tat von Gott. Wäre Gott nicht wirklich, so wäre er auch nicht möglich, er wäre vielmehr unmöglich. Insofern kommt Gott als dem durchsichseienden Wesen die Existenz notwendig zu, sie ist mit dem Begriff des durchsichseienden Wesens gegeben. Aber von einer Notwendigkeit der Existenz kann erst geredet werden, wenn die Existenz bewiesen ist. Zuerst muß bewiesen werden, daß es ein durchsichseiendes Wesen gibt, dann erst kann die Notwendigkeit dieser Existenz aus dem Begriff des durchsichseienden Wesens abgeleitet werden. Dieser Beweis aber kann nur geführt werden, indem wir von den wirklich existierenden abhängigen und bewegten Dingen, die eine Ursache und einen Beweger voraussetzen, ausgehen und so auf eine letzte Ursache und einen letzten Beweger schließen, der keine weitere Ursache, keinen weiteren Beweger voraussetzt und insofern ein durchsichselbstseiendes Wesen bildet. Aber die Existenz abhängiger und bewegter Dinge vorausgesetzt muß eine letzte Ursache oder ein letzter Beweger, also ein durchsichseiendes Wesen, angenommen werden. Denn wenn wir die Zahl der von den abhängigen und bewegten Dingen geforderten Ursachen und Beweger auch als unendlich denken, so würde diese unendliche Reihe doch aus lauter abhängigen Gliedern bestehen, also so lange ohne Halt und Bestand in der Luft schweben, als nicht ein über ihnen stehendes, sie alle umfassendes, verursachendes und bewegendes, aber selbst nicht mehr verursachtes und bewegtes Wesen, also ein durchsichseiendes Wesen zu ihnen hinzugedacht würde. Das ist der kosmologische Beweis für das Dasein Gottes, den die Denker des Mittelalters gegen den ontologischen Beweis ins Feld führen, und man wird dem Gedankengang desselben, insofern er seine Spitze gegen den ontologischen Beweis richtet, Anerkennung zollen müssen.


Kant und der ontologische Beweis
für das Dasein Gottes

KANT macht sich mit dem ontologischen Beweis merkwürdig viel zu schaffen. In seiner Doktordissertation vom Jahr 1755 hält er offenbar noch an diesem Beweis fest. Aus der Möglichkeit, daß überhaupt etwas ist, wird hier auf die Existenz eines notwendigen Wesens, aus der Denkbarkeit der Dinge auf die Notwendigkeit göttlicher Existenz geschlossen. Ebenso in seiner acht Jahre später (1763) erschienenen Schrift "Einzig möglicher Beweisgrund für das Dasein Gottes". Hier schließt er: Dasjenige, mit dessen Verneinung alle Möglichkeit des Seins aufgehoben würde, muß notwendig existieren. Von allem außer ihm ist denkbar, daß es nicht wäre, von ihm allein ist das undenkbar, es muß notwendig existieren. Man sieht, KANT begnügt sich nicht mit der einfachen Wiederholung des ontologischen Beweises, er sucht demselben eine andere Gestalt zu geben, aber der zugrunde liegende Gedankengang bleibt derselbe. An die Stelle des Begriffs der Vollkommenheit tritt hier der Begriff der Möglichkeit, und aus ihm wird die Notwendigkeit der Existenz eines Grundes der Möglichkeit ganz in ontologischer oder rationalistischer Weise abgeleitet. daß wir von der Existenz eines Etwas, das auch nicht sein kann, und insofern bloß möglich ist, ausgehen müssen und so erst auf einen Grund seines Seinskönnens oder seiner Möglichkeit schließen und daraus die Unmöglichkeit des NIchtseins oder die Notwendigkeit des Seins dieses Grundes, falls er nämlich letzter Grund ist, ableiten können, wie es von den Gegnern des ontologischen Beweises immer behauptet wurde, entgeht KANT. Er steht noch auf dem Boden des Rationalismus und hält an dem Dogma fest, daß es eine Erkenntnis von Tatsachen aus reiner Vernunft oder aus bloßen Begriffen gibt. Erst in der Kritik der reinen Vernunft vollzieht sich bei KANT die entschiedene Abkehr von diesem Dogma. Aus bloßen Begriffen - so ist hier seine Überzeugung - läßt sich die Existenz nicht herausklauben. Sie steht überhaupt nicht auf einer Stufe mit den in den Begriffen gegebenen Prädikaten der Dinge. In diesem Sinne heißt es: Durch Anschauungen werden uns Gegenstände gegeben, durch Begriffe werden sie gedacht. Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen leer. Die Empfindungen sind das Kriterium der Wirklichkeit (nach dem zweiten Postulat des empirischen Denkens). Der ontologische Beweis kann jetzt auch in seiner Umformung nicht mehr festgehalten werden, er wird völlig preisgegeben. Es ist eben ein großer Unterschied, wie KANT drastisch sagt, ob ich hundert Taler im Kopf oder in der Tasche habe. Daß die von den Gegner des ontologischen Beweises erbrachte Widerlegung ihm unbekannt ist, zeigt sich hier recht deutlich. Er versucht nämlich den kosmologischen Beweis auf den ontologischen zurückzuführen und glaubt ihn dadurch als falsch erweisen zu können, während gerade umgekehrt die mittelalterlichen Gegner des ontologischen Beweises zeigen, daß der ontologische Beweis nur unter Voraussetzung des kosmologischen als Schluß von der durch den kosmologischen Beweis begründeten Existenz eines letzten Grundes auf die Notwendigkeit dieser Existenz irgendeine Bedeutung hat oder irgendeine Geltung in Anspruch nehmen kann.


Der kosmologische Beweis
für das Dasein Gottes.

Auf dem von KANT versuchten Weg läßt sich der kosmologische Beweis für das Dasein Gottes nicht umstoßen, wohl aber können wir ganz  in seinem Sinne  Einwendungen gegen denselben geltend machen, die das um eine Begründung des Daseins Gottes und um die Aufrechterhaltung der Metaphysik bemühte Denken in eine ganz andere Richtung weisen. Der kosmologische Beweis geht davon aus, daß es entstehende, sich ändernde, bewegte, also abhängige und zufällige Dinge wirklich gibt. Und das heißt doch, daß sie unabhängig von uns nicht bloß, sondern von allen Denkenden vorhanden sind und somit vom Erkennen weder erzeugt noch verändert werden. Unabhängigkeit von uns ist dasselbe mit Objektivität und diese dasselbe mit Allgemeingültigkeit für jedermann, wie ohne weiteres einleuchtet, und KANT in den "Prolegomena zu einer künftigen Metaphysik" ausdrücklich erklärt. Was heißt das aber Allgemeingültigkeit für jedermann? Für jedermann der Vergangenheit und der Zukunft, für alle Zeit. Also hat das, was wirklich unabhängig von uns vorhanden ist, eben deswegen eine Bedeutung für alle Zeit, es ist um dieser seiner Wirklichkeit willen überzeitlich oder hat einen Ewigkeitscharakter, wie immer das mit seinem zeitlichen Entstehen, seinem Verändert- und Bewegtwerden in Einklang gebracht werden kann. Woher erhalten aber diese entstehenden, veränderlichen und beweglichen, abhängigen und zufälligen Dinge diese überzeitliche Bedeutung und diesen Ewigkeitscharakter, den sie haben müssen, um wirklich von uns und allen andern Denkenden unabhängig vorhanden sein zu können, wie es im kosmologischen Beweis vorausgesetzt wird? Aus sich selbst können sie ihn nicht haben, woher anders soll also diese ihre Bedeutung und dieser ihr Charakter stammen, als aus einem Überzeitlichen und Ewigen, in dem sie ihren Grund haben, eben jenem durchsichseienden Wesen, das durch den kosmologischen Beweis erschlossen werden soll? Wer erwägt, daß in der Annahme wirklicher von uns und allen Denkenden unabhängiger Dinge schon die Überzeitlichkeit und Ewigkeit ihrer Bedeutung und Geltung mitgedacht wird, kann sich kaum der Folgerung entziehen, daß das, was aus ihnen im kosmologischen Beweis erschlossen werden soll, eigentlich schon in der Annahme dieser Dinge enthalten ist, ja den Möglichkeitsgrund dieser Annahme bildet. Die folgende Erwägung weist in dieselbe Richtung. die Begriffe des Abhängigen und Zufälligen als des Auchnichtseinkönnenden oder Auchandersseinkönnenden, von denen die kosmologische Beweisführung ausgeht, sind offenbar abgeleitet, wie allein schon die negativen Bestimmungen, die sie enthalten, zeigen. Die Begriffe der Unabhängigkeit und Notwendigkeit sind früher als sie in unserem Denken und gehen ihnen voran. Mit jedem Erkenntnisvorgang verbindet sich das Bewußtsein der Objektivität und das heißt der Unabhängigkeit des Erkenntnisgegenstande und ebenso das Bewußtsein des  hic et nunc  [hier und jetzt - wp] Nichtandersseinkönnens oder der Notwendigkeit des Erkenntnisgegenstandes mit seiner Abhängigkeit und Zufälligkeit vertragen mag. Es fragt sich, ob wir diese ursprünglichen Begriffe der Unabhängigkeit und Notwendigkeit nicht als Maßstab anlegen, wenn wir die Dinge als abhängig und zufällig beurteilen. PLATON würde diese Frage bejaht haben, wer sie aber bejaht und den Grund der Unabhängigkeit und Notwendigkeit in einem durchsichseienden Wesen findet, das durch den kosmologischen Beweis erschlossen wird, kann KANT nicht unrecht geben, wenn er gegen die ganze alte Metaphysik, welche ihren Mittelpunkt im kosmologischen Beweis hat, den Vorwurf erhebt, daß sie eine Wissenschaft aus bloßen Begriffen sei und insofern als Wissenschaft nicht anerkannt werden könne. Denn unter Voraussetzung der Richtigkeit unserer Darlegung werden in der Tat die Begriffe der Unabhängigkeit und Notwendigkeit im kosmologischen Beweis hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp], es wird aus ihnen selbst auf die Existenz eines entsprechenden, nämlich des durch sich seienden Wesens geschlossen.


Die neue Metaphysik

Können wir, wie es scheint, mit der alten Metaphysik nicht von den als existierend aufgefaßten Dingen zu ihrem letzten Grund aufsteigen und müssen wir die Metaphysik in diesem Sinne preisgeben, so fragt sich darum doch noch, ob wir alle metaphysischen über die Erfahrung hinausgehenden Denkbemühungen als unzulänglich und unstatthaft verwerfen müssen, oder nicht vielmehr die Metaphysik der Alten durch eine andersartige und neue ersetzen dürfen. KANT selbst gibt uns den Fingerzeig zu diesem Weg, auf dem eine neue Metaphysik in Angriff genommen werden kann. Er geht von der Voraussetzung aus, daß es objektive für alle Denkenden gültige Erkenntnisse, insbesondere in der Mathematik und den erklärenden Naturwissenschaften, wirklich gibt und sucht nun die Möglichkeitsbedingungen der Objektivität und Allgemeingültigkeit dieser Erkenntnisse festzustellen. Nicht um das Zustandekommen des Bewußtseins der Objektivität und Allgemeingültigkeit handelt es sich für KANT. Das wäre Gegenstand einer bloß psychologischen Forschung, die über die Berechtigung dieses Bewußtseins keine Auskunft geben kann. KANT will den objektiven und allgemeingültigen Grund und das Recht dieses Bewußtseins erforschen, immer voraussetzend, daß wir in den Wissenschaften, namentlich in der Mathematik und den erklärenden Naturwissenschaften, objektive und allgemeingültige Erkenntnisse wirklich besitzen. In diesem Sinne will er die Allgemeingültigkeit und Objektivität unserer Erkenntnisse begründen und rechtfertigen oder, was dasselbe heißt, die Möglichkeitsbedingungen derselben feststellen. Das ist offenbar keine bloß psychologische, sondern eine erkenntnistheoretische Untersuchung. KANT bezeichnet sie als metaphysische Deduktion darum, weil diese Möglichkeitsbedingungen der Objektivität und Allgemeingültigkeit unserer Erkenntnisse auch die Erfahrung allererst möglich machen und deshalb nicht aus der Erfahrung stammen können oder, wie er es ausdrückt, apriorisch sind. Das ist der Weg zu einer neuen Metaphysik, für den uns KANT einen Fingerzeig gibt. Er hat auch in seiner Inauguraldissertation "De mundi sensibilis et intelligibilis forma et principiis" aus dem Jahr 1770 ganz im Sinne dieser neuen Metaphysik einen Beweis für das Dasein Gottes versucht, in einer Schrift, mit der er den ersten und wesentlichsten Schritt zur Kritik der reinen Vernunft tat, wie allgemein anerkannt wird. Mit dieser Schrift und diesem Beweis haben wir uns später zu beschäftigen.

Man kann die alte Metaphysik als die Wissenschaft von den Möglichkeitsbedingungen des Seins der Dinge, wofür gewöhnlich gesagt wird Wissenschaft von den letzten Gründen des Seienden, bezeichnen und muß dem gegenüber die neue Metaphysik für die Wissenschaft von den Möglichkeitsbedingungen unserer Erkenntnis, ihrer Objektivität und Allgemeingültigkeit erklären.


Kant und Wolff
über das Kausalitätsgesetz

Nicht bloß durch Bekämpfung der Metaphysik als einer Wissenschaft aus bloßen Begriffen ist KANT über den Rationalismus WOLFFs hinausgegangen, sondern noch in einem anderen Punkt hat er sich von den Anschauungen CHRISTIAN WOLFFs freigemacht und ihnen gegenüber eine selbständige Stellung eingenommen schon in seinen vorkritischen Schriften. WOLFF führte wie, soviel ich sehe, auch die mittelalterlichen Philosophen das Gesetz der Kausalität: Was geschieht, entsteht, anfängt, hat eine Ursache auf das Gesetz des Widerspruchs zurück. Der Satz: Alles hat seinen Grund entweder in sich oder außer sich ergibt sich freilich nach der in ihm enthaltenen Disjunktion sofort aus dem Gesetz des Widerspruchs, da das Außersichsein gleich Nichtinsich ist. Aber er setzt eben voraus, daß alles einen Grund haben muß. Will man deshalb auch das Gesetz der Kausalität mit diesem Satz verselbigen, - wogegen wir allerdings Einwendungen erheben müssen - so ist damit doch keineswegs bewiesen, daß sich das Gesetz der Kausalität auf das Gesetz des Widerspruchs zurückführen läßt. KANT hat deshalb mit vollem Recht in seiner Kritik der reinen Vernunft das Kausalitätsgesetz für einen synthetischen Satz erklärt, bei dem das Prädikat nicht im Subjekt enthalten ist und also auch nicht nach dem Gesetz des Widerspruchs oder der Identität aus ihm abgeleitet werden kann. Aber schon lange vorher in seiner vorkritischen Zeit hat ihm die Anschauung WOLFFs über das Kausalitätsgesetz Bedenken erregt und Schwierigkeiten gemacht. Das zeigt die 1763 von KANT herausgegebene Schrift "Versuch die negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen", in der KANT sich in einer der Anschauung WOLFFs ganz entgegengesetzten Weise äußert. Ausgehend vom Unterschied der logischen Repugnanz (Sein und Nichtsein) und der Realentgegensetzung (Kapital und Schulden) kommt er hier auf die wichtige Frage: "Wie etwas aus etwas anderem, aber nicht nach der Regel der Identität (des Enthaltenseins des letzteren im ersteren) fließe, das möchte ich mir gerne deutlich machen können. Durch die Worte "Ursache", "Kraft" läßt sich KANT, wie er hier sagt, nicht abspeisen; denn "wenn ich etwas als Ursache auffasse, dann ist es leicht, die Folge nach der Regel der Identität einzusehen". Der Einfluß HUMEs, den KANT schon 1762 kennen gelernt hatte, und für dessen Denken die Kausalität den Mittelpunkt bildete, ist hier unverkennbar.

Deutlicher noch macht sich dieser Einfluß in der durch ihre Darstellung ausgezeichneten 1766 erschienenen Schrift KANTs geltend, die den Titel hat "Träume eines Geistersehers". Hier erklärt er, wie etwas die Ursache eines andern sein kann, das sei unmöglich jemals aus der Vernunft einzusehen, dieses Verhältnis müsse lediglich aus der Erfahrung gewonnen werden. HUME fand bekanntlich den Grund für die Annahme eines ursächlichen Verhältnisses zwischen den Dingen in der Wiederholung der Aufeinanderfolge, der dadurch erzeugten Gewöhnung und dem mit ihr verbundenen Gefühl der Notwendigkeit der Aufeinanderfolge. Alle Erfahrung wir dadurch für HUME rein subjektiv, sie hat keinerlei logischen oder Erkenntniswert, was natürlich ihren biologischen oder Lebenswert nicht beeinträchtigt. Wie KANT es sich gedacht hat, daß das ursächliche Verhältnis aus der Erfahrung gewonnen werden müsse, ist nicht klar. Wenn er aber behauptet, daß das ursächliche Verhältnis nicht aus der Vernunft eingesehen werden könne, so meint er damit offenbar, daß die Wirkung nicht in der Ursache enthalten sein und also auch nicht aus ihr nach der Regel der Identität abgeleitet werden könne. Sicher hält KANT ebenso in den "Träumen eines Geistersehers" wie im "Versuch die negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen, daran fest, daß das Kausalitätsgesetz nicht, wie der Rationalist WOLFF wollte, auf das Gesetz des Widerspruchs zurückgeführt werden kann. Anscheinend sucht er in dieser Schrift eine Stellung über dem Gegensatz des Empirismus eines HUME und des Rationalismus WOLFFs zu gewinnen. Verspottet er doch hier ebenso diejenigen, welche "sich grausamer Erfahrungserkenntnisse rühmen und den Aal der Wissenschaft beim Schwanz zu erwischen suchen", wie diejenigen, welche "von der Vernunft ausgehen und das aus ihr Abgeleitete durch ein Hinschielen auf die Erfahrung mit ihr in Einklang zu bringen suchen". Ganz klar ist die Stellung KANTs zum Kausalitätsgesetz erst in der "Kritik der reinen Vernunft". Hier betont er: Das, was aufeinanderfolgt, was im einzelnen Fall Ursache und Wirkung ist, daß Brot z. B. den Körper nährt, kann nur aus der Erfahrung entnommen werden; daß aber allem, was entsteht oder anfängt, ein anderes vorangeht, auf das es nach einer Regel folgt oder, daß das Entstehende oder Anfangende notwendig eine Ursache haben muß, wird nicht aus der Erfahrung, sondern apriori oder durch reine Vernunft erkannt.


Kant und die Mathematik

KANT sagt von sich, er sei von jeher in die Metaphysik verliebt gewesen. Mit größerem Recht kann man ihn einen Liebhaber der Mathematik und Naturwissenschaften nennen. Neben den philosophischen Schriften verfaßte er eine Reihe von naturwissenschaftlichen Arbeiten, und auch in seinen philosophischen Schriften spielten Mathematik und Naturwissenschaft keine geringe Rolle. Sie vor allem gelten ihm als unumstößliche Errungenschaften und Besitztümer des menschlichen Geistes, ihren Sätzen glaubt er unbedingt Objektivität und Allgemeingültigkeit beilegen zu können. In seiner 1763 verfaßten,1764 erschienenen Schrift "Über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral" - einer Preisarbeit, für die der Preis nicht KANT, sondern seinem Mitbewerber MENDELSSOHN zuerkannt wurde - vergleicht KANT in einer für seine Entwicklung bedeutungsvollen Weise die mathematische Methode mit der philosophischen. Die Mathematik, so setzt er hier auseinander, betrachtet das Allgemeine unter den Zeichen  in concreto,  die Philosophie hingegen die Dinge unter den Zeichen  in abstracto.  Eben darum gilt dem Mathematiker eine bestimmte gezeichnete Figur für alle Figuren derselben Art und der an dieser Figur geführte Beweis für allgemeingültig. Was KANT sagen will, ist ganz klar. In der Mathematik ist der Begriff z. B. eines Dreiecks das erste, nach ihm werden die verschiedenen Figuren konstruiert, gezeichnet oder bloß vorgestellt. ganz anders in der Philosophie. Hier gehen wir von den Dingen oder Gegenständen aus, die wir mit Worten, d. h. Symbolen allgemeiner oder abstrakter Begriffe bezeichnen. In der Mathematik ist die Übereinstimmung der Begriffe mit dem Gegenstand (den gezeichneten oder vorgestellten Figuren) von vornherein sicher, in der Philosophie ist sie zweifelhaft. Auf den von ihm entdeckten synthetischen Charakter der Mathematik hindeutend fügt er freilich nicht ganz selbstverständlich hinzu: In der Mathematik werden die Begriffe durch Synthese gewonnen, in der Philosophie sind sie gegeben (?) und werden durch Analyse näher bestimmt. Wie nahe kommt KANT schon hier dem Gedanken PLATONs, nach dem "die Mathematiker sich in der Geometrie der sichtbaren Gestalten des Dreiecks, der Diagonale nur als Bilder oder Schatten bedienen, indem sie  vom Dreieck oder Viereck selbst  ihren Beweis führen und auf das  beständig Seiende  hinschauen, das man nicht wohl anders sehen kann als mit dem Verstand". Freilich betont KANT hier noch mit Bischof WARBURTON, daß nichts in der Philosophie schädlicher gewesen sei, als die Mathematik, nämlich die Nachahmung ihrer Methode in der Philosophie, wie sie von den  more mathematico  demonstrierenden Rationalisten, z. B. SPINOZA, gehandhabt wurde. Später erhält gerade die Methode der Mathematik, für die der Begriff das erste ist und der Gegenstand nach ihm gebildet wird, in seiner Kritik der reinen Vernunft eine entscheidende Bedeutung, wenngleich sich KANT niemals zur Höhe der platonischen für die Erkenntnistheorie höchst fruchtbaren Auffassung der Mathematik erhoben hat. Immerhin ist KANT, wie diese Schrift zeigt, weit entfernt von der Auffassung HUMEs, der in seinem 1738 erschienenen "Treatise" die Allgemeingültigkeit der mathematischen Erkenntnisse preisgibt. (Im 1748 erschienenen "Inquiry" kehrt HUME wieder zu der allgemein menschlichen Überzeugung von der Allgemeingültigkeit der mathematischen Erkenntnisse zurück.) Merkwürdig, daß KANT LOCKE nicht erwähnt, der doch in seinen Essays (Buch IV, Kapitel III, 29) die mathematischen Wahrheiten, den Dreiecksatz z. B., für absolut notwendig erklärt und Kapitel VI, 6 hinzufügt, daß dieser Satz auch von den wirklichen Dingen gilt, die wir unter dem Gesichtspunkt der mathematischen Ideen betrachten, mögen wir auch nie Dinge finden, die den mathematischen Ideen genau entsprechen. Freilich war LOCKE kein Mathematiker; ließ er sich doch von seinem Freund NEWTON einen Auszug aus seiner "Philosophia naturalis" machen mit Ausschluß der mathematischen Beweisführunen. Andererseits legte KANT der Philosophie LOCKEs auch kein allzugroßes Gewicht bei. Er rühmt von ihm, daß er die eingeborenen Ideen bekämpfte; den Ausdruck  Ding ansich  nimmt er von LOCKE an, aber er hält doch seine Arbeit für bloß empirische Psychologie.


Kant und das Raumproblem

Die Mathematik, die KANT schon in der Schrift "Versuch die negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen", gestreift hatte, sollte sein Nachdenken noch länger beschäftigen. Sie trat nunmehr in der Gestalt des Raumproblems in seinen Gesichtskreis. EULER hatte 1748 im Gegensatz zu LEIBNIZ, der Raum und Zeit für das Nebeneinander und Nacheinander der Dinge, also für ein bloßes Verhältnis erklärte, in Übereinstimmung mit NEWTON behauptet, der Raum habe unabhängig von aller Materie eine eigene Realität. Mit Bezug hierauf schrieb KANT 1768 seine Schrift "Von dem ersten Grund des Unterschieds der Gegenden im Raume", in der er "nnicht bloß den Mechanikern, wie EULER vorhatte, sondern sogar den Meßkünstlern einen überzeugenden Grund an die Hand geben will, mit der ihnen gewöhnlichen Evidenz die Wirklichkeit des absoluten Raumes behaupten zu können". Die Apriorität des Raumes und der Zeit hatten schon vor KANT EULER und NEWTON eingesehen. Das Neben- und Nacheinander, in dem der Raum und die Zeit nach LEIBNIZ bestehen soll, kann ja gar nicht zustande kommen, wenn nicht die nebeneinanderliegenden und aufeinanderfolgenden Teile im Raum und in der Zeit sind. Dasselbe gilt von den nebeneinanderliegenden und aufeinanderfolgenden Gesichts- und Tastempfindungen, aus denen unsere Empiristen Raum und Zeit ableiten zu können glauben. Das Neben- und Nacheinander ist also weit entfernt Raum und Zeit bilden zu können, setzt vielmehr zu seinem Zustandekommen Raum und Zeit voraus. KANT führt nun in seiner Schrift für die Apriorität des Raumes in der Tat einen neuen, sehr augenscheinlichen Beweis ins Feld. Man kann den rechten Handschuh nicht an der linken Hand anziehen, die rechte und linke Hand trotz genauer Übereinstimmung ihrer Teile nicht miteinander zur Deckung bringen. Allgemein ausgedrückt: Symmetrische Gebilde zeigen, daß ihr vollständiger Bestimmungsgrund nicht in der Lage ihrer Teile zueinander, sondern überdies in der Beziehung zum allgemeinen Raum besteht. Soweit die Ausführungen dieser neuen Schrift KANTs.

Aber was soll der absolute, d. h. von den Dingen unabhängige Raum und die absolute Zeit sein? Das ist die Frage, die KANT nach dem Erscheinen dieser Schrift schwer auf die Seele fällt. Nach neueren Untersuchungen, die sich auf einen Brief KANTs an GARVE aus dem Jahr 1798 stützen, kommt er zu einer Beantwortung dieser Frage durch Erwägungen, die der ersten Antinomie der "Kritik der reinen Vernunft" entsprechen. Nach dieser Antinomie führt sowohl die Annahme, daß der Raum keine Grenze und die Zeit keinen Anfang hat, wie die entgegengesetzte, daß der Raum eine Grenze und die Zeit einen Anfang hat, zum Widerspruch, wenn wir unter Raum und Zeit mit NEWTON und EULER für sich bestehende Dinge denken. Die erstere Annahme schließt die Unendlichkeit des erfüllten Raums und der erfüllten Zeit ein, aber diese Unendlichkeit ist eine einseitige, die in allen ihren Teilen den jeweils vorausliegenden und als unendlich vorausgesetzten Raum wie die jeweils vorausliegende und als unendlich vorausgesetzte Zeit begrenzt, also eine endliche oder begrenzte Unendlichkeit, die sich selbst widerspricht. Die letztere Annahme schließt den leeren Raum und die leere Zeit ein. Da wir aber nur durch das, was Raum und Zeit erfüllt, Räume und Zeiten unterscheiden können, so ist man unter dieser Voraussetzung außerstande, den Anfang der Zeit und die Grenze des Raums zu bestimmen. So führt auch diese Annahme zum Widerspruch. KANT findet darin einen Beleg dafür, daß man aus bloßen Begriffen alles beweisen kann oder daß die Metaphysik in diesem Sinne dialektisch ist, d. h. sich selbst widerspricht, was er als Dialektik der reinen Vernunft bezeichnet. Was hat KANT nun mit dieser Antinomie bewiesen? Ohne Zweifel, daß Raum und Zeit nicht mit EULER und NEWTON als für sich bestehende Dinge betrachtet werden können. Der Gedanke liegt nahe, daß Raum und Zeit, wenn sie nicht für sich bestehende Dinge sein können, bloße Formen der Anschauung sein müssen. Diesen Gedanken hat KANT sich zu eigen gemacht, und so ist er, wie es scheint, zu der Annahme gekommen, Raum und Zeit seien bloße Formen der Anschauung, einer Annahme, der er zuerst in der 1770 erschienenen Schrift "De mundi sensibilis et intelligibilis forma et principiis Ausdruck verleiht.
LITERATUR: Goswin K. Uphues, Kant und seine Vorgänger [Was wir von ihnen lernen können], Berlin 1906