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ERNST TROELTSCH
Die Logik des
historischen Entwicklungsbegriffs

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"Besonders die Spencersche und neu-Humesche Schule faßt den Entwicklungsbegriff so allgemein, daß er zu einer Weltformel wird. Allein bei der genaueren Durchführung solcher Konzeptionen führt dann doch kein Weg zu den wirklichen Besonderheiten der eigentlichen Geschichte d. h. der menschlichen."

Neben der Logik des naturwissenschaftlichen, seinerseits wieder nach der mathematisch - physikalisch - chemischen und der biologischen Seite geteilten, Erkennens ist die Logik des historischen Erkennens immer ein eigentümliches Problem gewesen. Der Kern aller historischen Logik ist nun aber der historische Entwicklungsbegriff, der sich zumindest zunächst von den auf anderen Gebieten gebrauchten Entwicklungsbegriffen wesentlich durch seine unmittelbare Phantasie-Anschaulichkeit unterscheidet. Da sich an diesen Entwicklungsbegriff weiterhin alle ethischen und kulturphilosophischen Probleme anschließen, so ist er zugleich ein Hauptbestandteil aller Geschichtsphilosophie und wird von Philosophen wie Historikern gleicherweise immer neu untersucht und überdacht. Bei der logischen natur des Begriffs und der engen Verbindung mit den allgemeinsten Kulturproblemen ist in diesem Überdenken der Anteil der Philosophen naturgemäß der stärkere. Ich habe daher in einer Reihe von Untersuchungen die Begründung und Sinndeutung des Entwicklungsbegriffs, der bei den Philosophen zumeist in eine Konstruktion der Universalgeschichte hinausläuft, eingehend untersucht. (1) An die Ergebnisse der Untersuchungen ist der weitere Gedankengang anzuschließen und zwar zunächst an die Ergebnisse derjenigen Denker, die in der historischen Entwicklung des Menschentum eine eigentümliche und besondere Gestaltung und Bedeutung des Entwicklungsbegriffs sehen. Von der empirischen Historie aus ist das jedenfalls die zunächst geforderte Einstellung auf das Problem.

Das Ergebnis von alledem ist daher in erster Linie diese Sonderstellung und Sonderbedeutung eines  spezifisch historischen Entwicklungsbegriffes selbst.  Er ist erstens im Wesen des menschlichen Geistes begründet, aus keimhaften Ideen oder Tendenzen heraus zu schaffen und deren innere Konsequenzen in der beständigen Auseinandersetzung mit den geographischen und biologischen Voraussetzungen und mit allerhand zufälligen Kreuzungen in einer logisch begreiflichen Folge auszuwirken. Er ist zweitens in der Fähigkeit desselben Geistes begründet, bestimmte dauernde oder wechselnde, naturhafte oder soziale oder historische Bedingungen aufzunehmen und in der Anpassung an sie gleichfalls Wege einzuschlagen, die durch die Auswirkung einer darin ergriffenen Richtung den Eindruck eines logisch fortschreitenden Zusammenhangs machen. Von beiden sich meist irgendwie verbindenden Richtungen aus entsteht das Bild relativ logisch konstruierbarer Entwicklungen anfänglicher Tendenzen zu größeren oder kleineren Werdezusammenängen. Die innere Logik dieses Werdens besteht in der beständigen und immer neu einsetzenden, instinktiven oder bewußten Einordnung bedeutender, massenhafter und entscheidender Handlungen unter das in diesen Tendenzen vorschwebende Ziel eines Sinnes oder Zweckes oder Bedeutungszusammenhanges, wobei die Handelnden auch oft durch Konsequenzen ihres eigenen Handelns überrascht und die späteren Auswirkungen den ersten Instinkten oft geradezu zu widersprechen scheinen können. (2) Hiermit ist auch die Eigentümlichkeit historischen Zeit gesetzt, die durch Gedächtnis, Trieb und Zielsetzung über Vergangenheit und Zukunft disponiert und im schöpferischen Augenblick produktiv wird, ebenso der Begriff des Unbewußten, der gerade das Überschießen der logischen Konsequenzen über das im aktuellen Bewußtsein Enthaltenen bedeutet. Die Auswirkungen der Konsequenzen bildet einen überindividuellen Zusammenhang und ist als solcher erst nach Vollendung der Entwicklung verständlich; aber die Individuen sind dabei nicht das bloße Medium oder die Stützpunkte, durch die sich der logische Prozeß hindurch vollzieht, so schließt er die verschiedengradige Aktivität der Individuen und die Möglichkeit bestimmter Hemmungen oder Beschleunigungen, Abbiegungen oder Umformungen, Klärungen oder Verwirrungen durch diese ein. Der Entwicklungsbegriff in diesem Sinne ist zunächst auf die Erfassung einzelner, abgeschlossener und quellenmäßig hinreichend übersehbarer Kreise eingeschränkt. Die allgemein, gern oder ungern, vollständig oder unvollständig vollzogene Folge von alledem ist die Anerkennung, daß die Methode der Erforschung der Entwicklung oder der durch die Individuen hindurchgehenden allgemeinen Zusammenhänge nicht den Methoden der Naturwissenschaft nachgebildeten Methoden der Experimentalpsychologie, Sozialpsychologie und Soziologie sein können, die die zwischen  einzelnen  Elementen oder einzelnen Vorgängen sich abspielenden gesetzlichen Wirkungsverhältnisse suchen. Es muß eine Methode sein, die von vornherein auf das Allgemeine als auf innere Kontinuität, als flüssige Einheit, als Lebensprinzip oder als Bewegungseinheit abgestellt ist. HEGELs Dialektik und ihr Gegensatz gegen die Reflexionsphilosophie ist der schärfste Ausdruck für diesen Sachverhalt, BERGSONs Lehre von der Dauer und der Bewegung der anschaulichste. Aber der erste reduziert die Logik dieser Bewegung auf die allgemeine, ins Metalogische erhobene Bewegung des rein theoretischen Denkens, das angeblich die Realität und dieses ihr zugleich praktisches Bewegungsgesetz aus sich hervorbringen und bestimmen soll. Dem widerspricht jedoch der wirkliche Charakter des Geschehens. HEGELs Gedanke ist nur der schärfste und klarste Hinweis auf das Problem, aber nicht seine Lösung. Umgekehrt zeigt BERGSON nur die Flüssigkeit und alles Einzelne in Leben auflösende Bewegung im Gegensatz gegen die davon sich abscheidende und niederschlagende tote Materie, aber keine Möglichkeiten der Gliederung der Bewegung, am allerwenigsten gerade auf historischem Gebiet. Auch er stellt das Problem in aller Schärfe und weist auf das Anschauliche hin, das darin liegt und das nur durch Anschauung ergriffen werden kann. Aber er läßt dann diese Anschauung selber unbestimmt und sieht mir ihrer Hilfe nichts, was einen inneren Zusammenhang geistigen Lebens begründen könnte. DILTHEY meint mit seinem historischen Strukturzusammenhang dasselbe. Indem er sich aber darauf kapriziert, diesen Strukturzusammenhang mit Hilfe der Psychologie zu fassen, kommt er in fortwährenden Konflikt mit jeder noch irgendwie Psychologie darstellenden Wissenschaft vom Psychischen oder er verwandelt die Psychologie geradezu in Geschichte und verliert mit der Psychologie auch jede methodische Grundlage, SIMMEL von Gestalten und beide meinen damit wiederum dasselbe, versuchen aber gar nicht den Zugang zu solcher Erkenntnis und damit diese selbst aufzuhellen. Sie weisen das Problem der Metaphysik zu. Diejenigen, welche wie RICKERT, XENOPOL, WUNDT zweierlei Kausalitäten, eine naturwissenschaftliche und eine entwicklungswissenschaftliche oder auch psychologische unterscheiden, meinen gleichfalls dasselbe, können es aber von einer im Grunde doch immer der Naturwissenschaft analogen Kausalität aus überhaupt nur durch starke Inkonsequenzen erreichen. Es muß also der Erfassung des Entwicklungsbegriffs eine eigene und selbständige Logik zugrunde liegen, die das Anschauliche mit Ideellem durchwirkt. Die Neukantianer, deren Theorie von der Erzeugung des Gegenstandes durch Denken in der Historie vollends unerträglich ist, haben doch Recht darin, wenn sie, wie im Naturbegriff, auch in diesem Anschauen ein logisch-autonomes Element enthalten wissen wollen. Wie ist nun aber unter diesen Umständen dieses anschauliche Denken oder denkende Anschauen zu verstehen? Ist hier überhaupt mehr als ein bloß praktisch-intuitives, durch Erfahrung und Vergleichung geschultes und verfeinertes Verfahren der Historiker selbst festzustellen?

Diese Frage erinnert uns daran, daß doch nur ein Teil der geschilderten Denker so eine Stellung einnimmt. Andere, vor allem die aus der Schule SPENCERs Stammenden und Angeregten erklären, daß dieses Problem von einer isolierten Betrachtung der menschlichen Geschichte aus unlösbar sei und daß jede Logik eines Einzelgebietes nur aus einer allgemeinen, das ganze Universum oder das All des Denkbaren umfassenden logischen Theorie erst hervorgehen könne. (3) Das aber sei in unserem Falle die allgemeine kosmische Entwicklungstheorie, welche die Logik des für das Universum geltenden Entwicklungsgedankens nur für dieses besondere Gebiet genauer bestimme. So denken im Grund schon HEGEL, SCHELLING, E. v. HARTMANN, WUNDT, XENOPOL und BERGSON. Bei den drei ersten läuft der Gedanke allerdings darauf hinaus, die Entwicklung des Universums unter die Formeln der menschlichen Entwicklung zu bringen, bei den drei letztern umgekehrt darauf, die menschliche Entwicklung unter die der physikalischen und biologischen zu bringen. Aber der Gedanke einer kosmischen Entwicklung besteht und sicherlich im allgemeinen nicht zu Unrecht. Auch ist es logisch verlockend, die menschliche Historie derart auf eine Logik der Weltentwicklung und damit auf ein letztes und allgemeinstes logisches Prinzip zu begründen. Das Verfahren gilt heute vielfach fast für selbstverständlich. Insbesondere die SPENCERsche und neu-HUMEsche Schule faßt den Entwicklungsbegriff so allgemein, daß er zu einer Weltformel wird. Allein bei der genaueren Durchführung solcher Konzeptionen führt dann doch kein Weg zu den wirklichen Besonderheiten der eigentlichen Geschichte d. h. der menschlichen. In Wahrheit ist jener  allgemeine Evolutionsbegriff,  soweit er sich von den HEGELschen Gedanken gelöst hat, überhaupt kein Entwicklungs-, sondern ein bloßer Veränderungsbegriff, der die wirkliche Entwicklung, die Entfaltung eines individuellen Ganzen aus eigenen in seiner Anlage liegenden Triebkräften, mit den bloßen Anhäufungen oder Kumulationen oder Schein-Entwicklungen auf eine Stufe stellt, der das Beharrende und die Tatsache der Neuentstehung oder den Sprung und vor allem die Sonderart des Geistes und des geistigen Werdens gegenüber den bloßen Assoziationen und Dissoziationen nicht beachtet, auch Aufstieg und Abstieg, Gutes und Böses gemeinsam der Entwicklungsformel unterstellt. Das heißt: das in Wahrheit Entwicklungslose, von rein kausalen, physikalischen und chemischen Veränderungs- und Verschmelzungsformeln Beherrschte zum Wesen der Entwicklung und das, was echte Entwicklung ist, zum Zufall machen. (4) Derartige phantastische und sinnzerstörende Auswirkungen des Entwicklungsbegriffs sind unmöglich; will man, einem allgemeinen Eindruck in der Welt folgend diese Kumulationen trotzdem zur Entwicklung machen, so ist das nicht durch die diese Gebiete beherrschende Logik, sondern nur durch metaphysische und religiöse Deutungen möglich, wie das EDUARD von HARTMANN und LOTZE, jeder auf seine Weise, getan haben. Soll daher schon der historische Entwicklungsbegriff einem allgemeineren logischen Prinzip unterstellt werden, so bleibt nur die  Biologie  übrig. Allein auch hier ist es wieder nur ein bestimmter Punkt innerhalb ihrer, an dem allein der Entwicklungsbegriff ernstlich in Frage kommt, die Ontogenie [Wesensentstehung, wp], da es sich bei ihr allein sich bei ihr allein um gesetzlich darstellbare, die individuelle Einheit des Ganzen hervorbringende und auswirkende Veränderungen handelt. Der Streit um die rein mechanistische oder vitalistisch-entelechische [das Lebensziel in sich tragend, wp] oder psychovitalistische Auffassung der Ontogenie kann hier auf sich beruhen. Die Hauptsache ist, daß die historischen Entwicklungen nicht der Ontogenie, sondern der Phylogenie [Stammesgeschichte, wp] analog sind. Für diese aber, also für die Herausbildung der verschiedenen Arten aus ontogenetischen Anfängen, ist ein Gesetz bis heute nicht gefunden, das wirklich eine Entwicklung bedeutete. Die von der Biologie ausgehenden Logiker pflegen darum die menschliche Geschichte als Teil und Fortsetzung der Phylogenie zu betrachten und dann hier begreiflicherweise noch weniger ein solches Gesetz zu finden. So glauben DRIESCH und WIESNER die Geschichte wesentlich als bloße Kumulation und Scheinentwicklung, d. h. als Häufung von Veränderungen betrachten zu dürfen, wobei DRIESCH nur offen läßt, daß spätere Forschungen vielleicht - etwa im Unterbewußten - ein solches Gesetz finden könnten, das den Gesetzmäßigkeiten der Ontogenie vergleichbar wäre. Im übrigen verweist er das Problem aus der Logik hinaus in die deren Gesetze und Inhalte ausdeutende Metaphysik, wo die in der Erfahrung und ihrer Logik sehr fragliche Bedeutung der historischen Entwicklung in den Gedanken einer lebensjenseitigen inneren Bewegung des göttlichen Willens zum Wissen und zur Wissenseinheit, sozusagen in die Wissens-Biologie des absoluten Ich, aufgenommen wird. Allein all das ist dann doch - logisch genommen - eine Unterwerfung der Historie unter die ihr ganz fremdartige Biologie und besonders unter das für sie in der Tat ganz unmögliche Ideal der Aufhellung der Ontogenie, wie sie auf den Arbeiten von K. E. von BÄR, bis heute beruth. Man kann von vornherein sagen, daß auf diesem Weg allerdings an die Geschichte nicht heranzukommen ist. Das Eigentümliche der Historie besteht im Auftauchen der Geist- und Wertwelt und ihren individuellen, reiche Konsequenzen aus den Ansätzen entfaltenden Auswirkungen, überhaupt im logisch-teleologischen Charakter der die Einzelheiten verbindenden und durchwaltenden Sinn-Zusammenhänge oder Tendenzen. Darauf bezieht sich in ihr der Entwicklungsbegriff. Daher schließt er hier auch Selbständigkeit und Unberechenbarkeit der in diesen Zusammenhängen handelnden Individuen und den Kampf wie die engste Verwachsung mit der bloß naturhaften Unterlage des geistigen Lebens ein. Das alles ist mit der Biologie ganz unvergleichbar und schließt ganz andere logische Prinzipien ein. (5) Gerade dieser Umstand hatte die älteren, vom modernen Naturalismus weniger gebundenen Denker dazu geführt, vielmehr umgekehrt, diese, sei es logische, sei es teleologische, Bewegtheit des Geistes nun ihrerseits zu verallgemeiner und zur Weltformel zu machen oder den so schwierigen Begriff überhaupt nicht der Logik, sondern den kunstvollen Verknüpfungen der Metaphysik zuzuweisen, die ihn dann aus Verbindungen von Seinserkenntnissen, logischen Regeln und ethischen Postulaten herstellt. Allein, das erste scheitert an den Naturwissenschaften und das zweite stimmt mit der Einfachheit des praktischen historischen Verfahrens nicht überein, wie das ja auch von der Metaphysik DRIESCHs gilt. Der letztere ignoriert die empirisch-historische Forschung vollständig und hält sich nur an TAINE und BUCKLE, LAMPRECHT und BREYSIG, indem er alle sonstige Historie zu Erbauungsbüchern erklärt. Annähernde Entwicklung gibt es bei ihm nur auf dem Gebiet des Wissens und allenfalls der Moral, von wo aus er dann gleich in seine Metaphysik des jenseitigen "Gottes- oder Wissensstaates" überspringt. Allein für wirkliche Empirie liegen die Dinge ganz anders. Die in der Historie den Entwicklungseinheiten zugrunde liegenden Tendenzen sind ansich völlig anschaulich und klar und bedürfen und ertragen keine Erläuterung aus ganz allgemeinen, die entferntesten Dinge verknüpfenden Spekulationen. Sie geben umgekehrt allen metaphysischen Annahmen erst ihrerseits die Unterlage und das Material, wenn man überhaupt zu jenen fortschreiten will. Die Frage ist wirklich ganz einfach lediglich die, wie diese anschaulich, aus dem Leben aufgenommenen Bilder zugleich Erkenntnis realer Zusammenhänge sein können und nicht bloß subjektiv und praktisch bedingte Verkürzungen und Zusammenschauungen. Das ist aber eine Frage, die sich lediglich vom Boden der empirisch-historischen, auf das Menschliche bezogenen Forschung aus lösen läßt.

Damit soll die Möglichkeit, die historische Entwicklung in eine kosmische einzureihen, ansich gar nicht bestritten werden. Aber aus dieser Einreihbarkeit ergibt sich nichts für die Logik des historischen Entwicklungsbegriffs selbst. Die Idee des kosmischen Fortschritts mag den Weg von der Emporhebung des organischen Lebens aus dem anorganischen, des menschlichen aus dem biologischen und des Geistig-Übermenschlichen oder Ewigen aus dem Bloß-Menschlichen zeigen und entspricht damit sicherlich einem gewissen Eindruck der Dinge. Aber für die Erkenntnis der Historie selbst nützt das gar nichts. In ihr erscheint der Fortschritt immer nur als Glaube und Pflicht des Handelnden zu höherer Erhebung, wodurch eben diese Erhebung selbst zustande kommt. Aber über den empirischen Verlauf und den Zusammenhang, vor allem auch über die jeweils konkret zu schaffenden, aus der bisherigen Entwicklung zu schöpfenden gegenwärtigen Kultursynthese selbst ist damit gar nichts gesagt. (6) Ebensowenig hilft der Gedanke der bloßen kosmischen Kontinuierlichkeit und der Sammlung kleinster Wirkungen in unendlichen Zeiträumen. Einerlei, wie weit eine solche Kontinuierlichkeit auch schon für die außermenschliche Wirklichkeit lückenlose Geltung hat, in der Historie ist die Frage, in welchen Zusammenhängen diese Kontinuierlichkeit sich konkret äußert und ist ihre Erklärung aus bloßen kausalen Summierungen kleinster Veränderungn in unendlichen Zeiträumen einfach ausgeschlossen. Die Frage ist vielmehr bei ihr, worauf die in ihren Tendenzen und Ideen erkennbare, in logischen Konstruktionen darstellbare Kontinuierlichkeit konkret beruhe und wie man dieser Kontinuierlichkeit habhaft werde, da sie aus bloßen Summierungen und bloßen Kausalmethoden nicht zu gewinnen ist. (7) Ebensowenig hilft zu diesem Ziel der Gedanke der Reihenbildung, sei es daß man mit ihm einfach die in den Tatsachen liegenden Reihen bloß abzubilden glaubt, sei es daß man sie teleologisch deutet, als ob sie einen Sinn oder Zweck verwirklichten, sei es, daß man gar in ihnen die "Evolution" wie eine Kraft d. h. im Grunde wie eine Gottheit sich auswirkend denkt. Es mag ja nahe liegend scheinen, neben den allgemeinen die Zeit grundsätzlich aufhebenden Gesetzen der Physik und Chemie das Universum als Sukzession qualitativer Zuständlichkeiten zu denken und diese Sukzession in Reihen darzustellen. Aber abgesehen von den sich daran anschließenden, soeben angedeuteten Fragen, sind doch die Reihen des Alters und der Größe der Gesteine oder Erdschichten oder der biologischen Arten oder der Lebensalter der Individuen etwas völlig anderes, als die Reihe, die sich etwa in Entstehung und Ausbildung des Kapitalismus mit allen möglichen Verfilzungen, Knickungen und Neu-Ansätzen darstellt. Oder vielmehr das letztere ist überhaupt keine Reihe, sondern eben eine menschlich- historische Entwicklung, die sich nur nach den oben entwickelten Grundsätzen darstellen läßt. Eine einfache Abbildung und nachträgliche Deutung der empirisch vorfindbaren, sukzessiven Tatsächlichkeiten liegt hier eben gerade nicht vor und eben deshalb ist es die Frage, wie ein solches Entwicklungsbild zu verstehen sei, ob es ein logisches Arrangement oder, wofür es sich zumeist hält, ein aus dem Gang der Dinge herausgeschauter innerer Zusammenhang sei. (8)
LITERATUR - Ernst Troeltsch, Die Logik des historischen Entwicklungsbegriffs, Kant-Studien 27, Berlin 1922
    Anmerkungen
    1) Vgl. "Über den Begriff einer historischen Dialektik", Historische Zeitung 1917; "Die Dynamik in der Geschichtsphilosophie des Positivismus", Ergänzungsheft der Kant-Studien 1920; "Der historische Entwicklungsbegriff in der modernen Geistes- und Lebensphilosophie", Historische Zeitung 1921-22
    2) Zu diesen in den historischen Tendenzen sich äußernden logischen Zusammenhängen siehe vor allem HEINRICH MAIER, "Die Psychologie des emotionalen Denkens", 1908, der das kognitive und das emotionale Denken unterscheidet. Nur vom letzteren aus gibt es eine innere Logik der historischen Tendenzen. Wer nur eine kognitive Logik anerkennt wie DRIESCH, der kann historische Entwicklungstendenzen nur wie COMTE und DRIESCH in der Entwicklung der Wissenschaft anerkennen und wird dann wie der letztere nur im Wachstum des Wissens, das dann nebenbei "lust- und wertbetont" sein mag, Wesen und Ziel der Geschichte sehen. Doch haben die beiden Denker diesen Standpunkt nicht festhalten können und eine innere Logik des Affektlebens, der Moral, der Soziabilität, der künstlerischen Phantasie daneben anerkennen müssen.
    3) Auch bei RICKERT findet sich die Tendenz, die individualisierende Logik durch das ganz Universum hindurch der allgemein-gesetzlichen parallel gehen zu lassen, im gleichen Motiv begründet und kommt mit seiner faktischen Sonderbedeutung des Individuellen auf dem Boden der menschlichen Geschichte, die RICKERT im Grunde der romantischen Metaphysik und der Praxis des Historikers entnimmt, vielfach in Konflikt. Im Grunde ist schon SCHELLING damit vorausgegangen, dem HEGEL und CROCE scharf widersprechen, dann vor allem SPENCER. Gegen solche Auflösung der Logik der menschlichen Geschichte in die der kosmischen sind außerdem GOTTL, "Die Grenzen der Geschichte", 1904.
    4) O. MAX ROSENTHAL, "Tendenzen der Entwicklung und Gesetze", Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 34, 1910. Die Tendenzen sind hier von vornherein lediglich die von der Statistik aufweisbaren Richtungen und sind praktisch-brauchbare Formeln für relativ dauernde Reihen von Tatbeständen, die an sich aus den kausalen Wechselwirkungen fest begrenzbarer kleinster Elemente resultieren, aber wegen der Kompliziertheit bis in diese letzten Gründe nicht verfolgt werden können. - Aus der Atmosphäre von ERNST MACH stammt inbesondere L. M. HARTMANN, "Über historische Entwicklung". Sechs Vorträge zur Einleitung in eine historische Soziologie, 1905. Hier wird von vornherein jedes "metaphysische und psychologische Vorurteil" ausgeschaltet, also Gott, das Ich, die Freiheit, die Initiative geistiger Kräfte und jeder Zielgedanke, aus dem immer nur animistische Allgemeinbegriffe als überindividuelle Zusammenhänge und Vordatierungen der Bewußtseinsanpassung an gegebene Verhältnisse schon in das Geschehen selbst hervorgehen. Alles erklärt sich aus dem Kampf ums Dasein, Selektion und Anpassung der körperlichen Vorgänge (samt der ihnen zugeordneten psychischen Korrelate) aneinander. Entwicklung ist der tatsächliche Verlauf der Veränderung und die Richtung, welche dieser faktisch nimmt. Daß sie tatsächlich in der  Richtung  auf "fortschreitende Vergesellschaftung, Produktivität und  Differenzierung"  verläuft, ist eben darum nicht mehr als reine Tatsache. Verliefe sie umgekehrt zum Chaos oder zur Zusammenhangslosigkeit, so wäre eben das die "Entwicklung". Nur deshalb könne es heißen: "In dieser Dreieinigkeit muß der gesamte  Inhalt  der historischen Entwicklung verlaufen, während ihre  Form  durch direkte Anpassung und Auslese bedingt", Seite 62. Durch diese Tatsache oder diesen Zufall erweist sich die Marxistische Lehre als wesentlich berechtigt. Ideologie, Ziele, Zwecke, Wünsche, auch die Moral sind Anpassungsformen des Bewußtseins an die bereits vollzogene Entwicklung und haben auf diese keine Einwirkung. "Die Geschichtswissenschaft schleppt zu ihrem Nachteil das menschliche Bewußtsein als schwere Bürde mit sich", Seite 7. "Es ist selbstverständlich, daß die Anhänger dieser Auffassung, die nicht durchaus passend als  materialistische Geschichtsauffassung  bezeichnet wird, von den gegnerischen Argumenten, die aus der Psychologie gewonnen werden, nicht getroffen werden können, wenn ... in sehr vielen Einzelfällen nachgewiesen wird, daß bestimmte menschliche Handlungen, welche wirtschaftliche Folgen hatten, ganz anders, als durch den wirtschaftlichen Zweck, sei es durch religiösen Fanatismus oder durch nationale begeisterung oder durch ethische Ideen  motiviert  sind. Alle diese Einwendungen beziehen sich auf ein  Gebiet, das für den Forscher zunächst gar nicht in Betracht kommt,  solange er sich eben mit den menschlichen Handlungen und ihrem Zusammenhang und nicht mit der  Motivation,  d. h. mit der Frage beschäftigt, wie sich die menschlichen Handlungen im Bewußtsein  widerspiegeln ... Die Motivierung dieser Handlungen ist irrelevant", Seite 30f. Dieser "Empirismus" scheint mir das volle Gegenteil aller Empirie zu sein. - Gleichfalls aus Wien stammt das sehr besonnene und kritische Buch des Botanikers, J. v. WIESNER, "Erschaffung, Entstehung, Entwicklung", 1916, dessen Ergebnisse oben im Text verwertet sind. Er weist sie von vornherein der Phylogenie zu und diskutiert sie nur in der Form, die LAMPRECHT ihr gegeben hat, während er von HEGEL und SCHELLING meint, "diese Anfänge einer Geschichtsentwicklung hätten in ihrer zu allgemeinen und zu spekulativen, der tatsächlichen Begründung noch entbehrenden Fassung keine tieferen Wurzeln geschlagen", Seite 195. Für die Ethik verweist er als etwas ganz Außerhistorisches und Außernaturwissenschaftliches auf KANT. Jedenfalls hat WIESNER das Verdient, den Entwicklungsbegriff genau bestimmt zu haben, indem er diesen als auf eine individuelle Totalität, auf ein nachweisbares Gesetz der Folge und eine innere Zielstrebigkeit bezogen betrachtet und davon alles übrige mit DRIESCH als bloße Veränderung, Kumulation oder Pseudo-Entwicklung unterscheidet, indem er ihn ferner von der sprungweisen Entstehung als einer innerhalb ihrer und auch sonst stattfindenden wichtigen Erscheinung unterscheidet und Entwicklung mit Wiederauflösung unter einen gemeinsamen Begriff zu fassen warnt. Im übrigen ist sie selber ihm ein bis heute unauflösliches Geheimnis, dem man nur durch Deskription nahe kommen könne und das er durch Metaphysik nicht wie DRIESCH auflösen möchte.
    5) Siehe HANS DRIESCH, "Logische Studien über Entwicklung", Abhandlungen der Heidelberger Akademie, 1918 und "Das Problem der Geschichte", Annalen der Naturphilosophie VII: Zusammenfassungen und Auszüge aus den großen Werken: "Ordnungslehre" 1912, "Wirklichkeitslehre" 1917 und "Philosophie des Organischen" 1909, 2. Auflage 1921. Auch er geht für die Geschichte von der Biologie und innerhalb dieser vom einzig klaren Entwicklungsfall, der Ontogenie, aus. Sie bildet den vierten Fall der logisch möglichen Entwicklungsbegriffe, von denen die drei ersten mechanische Veränderungen einer zählbaren Mannigfaltigkeit bei Erhaltung des Ganzen, also Kumulationen, sind, während der vierte ein unräumliches Agens, die Entelechie, voraussetzt. Ob es in der Phylogenie "eine" Entwicklung gibt, sei bis heute noch nicht zu sagen, aber möglich. Noch weniger sei das von der Historie bis jetzt zu sagen, wenn auch nicht unmögich. Es könnte noch einmal "eine" Entwicklung im Unterbewußten nachgewiesen werden. Neuerdings ist er geneigt auf dem Gebiet der Wissenschaft und Moral eine solche anzunehmen; das setzt dann eine suprapersonale, die persönlichen einbefassenden Entelechie oder ein Psychoid [nach C. G. Jung seelenähnliche Triebschicht, wp] der Menschheit voraus. Von der Historie nimmt er nur BUCKLE, TAINE und LAMPRECHT ernst, meint aber, daß auch sie nur Kumulaton in der Historie nachgewiesen hätten, die ein Bestandteil der Phylogenie sei. So kann man natürlich niemals zum Verständnis des in der Historie befolgten Entwicklungsbegriffs kommen, welches immer die Verdienste des scharfsinnigen Denkers um der Biologie sein mögen. "Es gibt wirklich nichts Evolutionsistisches, das sich auf die Generationen der Menschheit als solche bezöge. Wenigstens ist bis jetzt nichts nachgewiesen." Evolutionistisch erklärbar seien auch in der Geschichte nur die Individuen, die geschichtlichen Bildungen aber nur als Kumulationen von derart erklärbaren Individuen. "Staats- und Rechtsphilosophie im Sinne HEGELs ist daher nur Philosophie zweiter Klasse. Sie verhält sich zur Philosophie der (psychologisch erklärbaren) Handlung wie Geologie zur Physik und Chemie", Annalen der Naturphilosophie VII, Seite 212f. Das ist trotz aller ontogenetischen Entelechien und Vitalismen in allem übrigen genau die Stellung des Positivismus. Dem entsprechend schätzt DRIESCH den philosophischen Wert der Geschichte als sehr gering ein. Historische Bildung  könne  praktisch nützlich sein, retardiere [verzögern, wp] aber meistens den Fortschritt. "Man kann aus der Geschichte die größten Persönlichkeiten streichen, die Weltanschauung, die Philosophie wird dadurch nicht berührt. Die stammt aus der Naturwissenschaft. Von einer philosophischen Gleichwertigkeit der Geschichte und der Naturwissenschaften ist gar keine Rede", Seite 223. Den Schluß bildet ein scharfer Angriff auf die humanistisch-historische Bildung, die mit dem "Ewigen" garnichts zu tun habe, aber auch nichts mit dem Praktischen. RICKERT wird gelobt, weil er wenigstens nichts von "einer" Entwicklung in der Geschichte wissen will, im übrigen wird sein Buch als bedenkliche Galvanisierung der überlebten historischen Bildung abgelehnt. Die späteren Arbeiten zeigen allerdings eine etwas achtungs- und hoffnungsvollere Betrachtung der Geschichte und preisen JAKOB BURKHARDTs "Weltgeschichtliche Betrachtungen" als bedeutendstes geschichtstheoretisches Buch (Wirklichkeitslehre, Seite 332); der Grund ist BURKHARDTs vermeintliche Abneigung gegen Staat und Macht. Damit tritt die Entwicklung des Wissens als irdische Spur einer in der Menschengeschichte vielleicht wirkenden suprapersonalen Entwicklungseinheit stärker hervor und nimmt die Geschichte auf in die Entwicklung des Geistes zu einer Art Nirvana oder Gottesreich, das grundsätzlich nicht von dieser Welt ist. Da ergeben sich dann Anklänge an SCHOPENHAUER (siehe Wirklichkeitslehre, Seite 334, 173f und 106). Vom Staat heißt es: "Einzelstaat ist also ein durch den Inhalt gewisser Bücher geregeltes seelisches Verhalten einer Zahl von Einzelmenschen; sie haben den Inhalt dieser auf sie zurückwirkenden Bücher so gewollt, wie er ist." (Seite 204) Man wird dem scharfsinnigen und originellen Denker nicht zu nahe treten, wenn man sagt, daß ihm die empirisch-historische Forschung ebenso unbekannt als widerwärtig ist. Nicht umsonst erklärt er seinen Anschluß an einen Doktrinär wie F. W. FÖRSTER.
    6) Siehe HERMANN SIEBECK, "Zur Religionsphilosophie", 1907. Der Titel ist unpassend. Es sind drei sehr feine Betrachtungen über Fortschritt und Entwicklung, denen ich zustimme, die aber die Einorndung der konkreten Historie in diese Gedanken noch ganz frei lassen. Das aber ist erst das eigentliche Problem.
    7) Siehe F. RETZAL, Die Zeitforderung in den Entwicklungswissenschaften, Annalen der Naturphilosophie I, 1902. Er weist vor allem auf die Geologen HUTTON und LYELL und auf DARWIN hin. Er sieht aber selbst, daß darin kein positives organisierendes Prinzip enthalten ist, wie es das Leben und die Geschichte verlangen, fügt daher den "äußeren Variationen" die "inneren" hinzu, zu denen dann die "Mutationen" gehören. Er unterscheidet  geschichtliche Bewegung  durch äußere Variationen und geschichtliche  Entwicklung  durch inner und verlangt für die erstere "kausale Gesetze", für die zweite bloß "empirische". Dann hätte nach RETZAL der ganze Streit um die Gesetze in der Geschichte keinen Sinn mehr, Seite 340f.
    8) Ganz kindlich ALEX BRÜCKNER, Über Tatsachenreihen in der Geschichte, Dorpater Festrede 1886. - Von dem Reihenbegriff aus, den er aus dem Wesen des Kosmos als Reihe von  faits de succession  allgemein konstruiert, erfaßt auch XENOPOL den Entwicklungsbegriff. Danach soll streng sukzessionskausal ohne jede Einmischung von Werten und Zwecken die Reihenfolge der individuellen, sich immer stärker komplizierenden Tatsachen vom Geschichtsforscher wiedergegeben werden. Auf einmal aber verwandelt sich die darin sich ausdrückende Evolution in eine treibende Bewegungskraft, wird hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] zu einer Art Gottheit, die mit Hilfsmitteln des Mechanismus, des Kampfes ums Dasein, des Milieu usw. arbeitet und mit diesen Mitteln den Aufstieg von der anorganischen Welt zur organischen, von da zum Menschen und von da zum Geist in großen Sprüngen bewirkt. In der Geistesgeschichte bewirke die Evolution mit Hilfe der Tendenzen auf das Wahre, Schöne und Gerechte die Verwirklichung der Ideale der fortschrittlich sozial gesinnten Bourgeoisie als Weltzweck! In der Entwicklung des Geistes d. h. in der menschlichen Geschichte benutzt die Evolution die Ideen als Mittel, aber nicht die flüchtigen und kleinen, sondern die großen, generellen, objektiven. - Über RICKERTs Ersetzung des Entwicklungsbegriffs durch den Reihenbegriff siehe "Historische Zeitung" 1918. Bei ihm ist die Entwicklung "Wertverwirklichung" in Reihen individual-kausal verbundener Tatsachen. Alles Interesse liegt dann an der Beziehung der historischen Entwicklungswerte auf die überhistorischen absoluten Werte.