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ERNST TOPITSCH
Sprachkritik und Ideologiekritik

"Ähnlich wie die Kirchenscholastik verfährt die Staatsscholastik. Auch sie sucht mit Hilfe von Scheinbegründungen jeweils schon vorausgesetzter Wertungen und Willensziele die Berechtigung nicht nur des Staates als solchen darzutun..."

Die Tradition der sprachkritischen Methode in England ist alt. Sie geht auf den spätmittelalterlichen Nominalismus, vor allem aber auf FRANCIS BACON zurück, der als Politiker und als Wissenschaftler sehr wohl erkannt hat, wie große Hindernisse die Sprache dem Erkenntnisstreben in den Weg legt. Weit davon entfernt, ein Wegweiser zur Wahrheit zu sein, verstrickt sie vielmehr den Menschen in ein fast unentwirrbares Netz von Schwierigkeiten und Irrtümern.

Der Lordkanzler war sich der Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft ebenso bewußt wie der Tatsachen, daß die Anschauungen der breiten Menge mittels der Sprache das Denken - und zwar auch das philosophische Denken - erheblich beeinflußen: "Die Menschen gesellen sich mit Hilfe der Rede zueinander; aber die Worte werden den Dingen nach der Auffassung der Menge beigelegt. Daher behindert die ungeeignete Namengebung den Geist in merkwürdiger Weise ... Die Worte tun dem Geist Gewalt an, stören alles und verleiten den Menschen zu zahllosen nichtigen Debatten und Trugschlüssen."(1)

Besonders verderblich wirkt sich die Macht der Sprache in der Philosophie aus, deren traditionelle Formen Bacon abschätzig als dramatische Begriffsdichtungen - um für das von ihm Gemeinte einen späteren Ausdruck zu gebrauchen - beurteilt. Fälschlicherweise glauben die Menschen, ihre Vernunft regiere über die Wörter, in Wirklichkeit aber übt die Sprache ihrerseits Macht über das Denken aus. Doch die philosophische Kritik hat die Aufgabe und Fähigkeit, diese Einflüße aufzudecken und unschädlich zu machen.

Die sprachkritische Einstellung BACONs hat in der englischen Philosophie nachhaltig fortgewirkt, und vor allem die aus mythischen und magischen Überlieferungen stammende Überzeugung, daß zwischen einem Wort und der dadurch bezeichneten Sache vorgegebene Wesensbeziehungen bestünden, ist von den Briten immer wieder bekämpft worden. So hat auch THOMAS HOBBES die Sprache als ein durch Tradition und Konvention entstandenes Zeichensystem betrachtet, und schließlich hat JOHN LOCKE das ganze dritte Buch seines  Versuches über den menschlichen Verstand  der Theorie und Kritik der sprachlichen Ausdrucksformen gewidmet. Je ein Kapitel behandelt bezeichnenderweise die Unvollkommenheit und den Mißbrauch der Wörter, bei welch letzterem die  insignificant terms,  die "inhaltslosen Audrücke", eine besonders unerfreuliche Rolle spielen.

LOCKEerhebt vor allem gegen die Schulphilosophen und die Metaphysiker den Vorwurf, derartige Ausdrücke zu prägen und zu benützen und sich ganz bewußt in die Obskurität unklarer Formulierungen zu flüchten: "Denn da der Menschengeist alle Unwahrheit ablehnt, so bleibt dem Unsinn kein anderer Schutz als die Dunkelheit."(2)

Die englische Sprachkritik, die sich mit besonderer Vorliebe gegen metaphysische Spekulationen richtete, hat nach dem ersten Weltkrieg in dem Werk von C.K. OGDEN und I.A. RICHARDS:  The Meaning of Meaning  einen neuen Höhepunkt erreicht. Dieses Buch ist 1923 erstmalig erschienen und hat inzwischen ein Dutzend Neuauflagen bzw. Neudrucke erlebt. Es stellt auch eine Pionierleistung dar und hat eine ganze Generation angelsächsischer Studenten der Philosophie und Linguistik wesentlich beeinflußt, doch ist es leider nicht in deutscher Sprache zugänglich - obwohl heute in mancher Hinsicht veraltet, könnte es bei uns noch immer eine höchst heilsame Wirkung ausüben.

Wie BACON, so stehen auch OGDEN und RICHARDS der Sprache mit tiefem Mißtrauen gegenüber. Sie wissen um ihre gewaltige Macht über das menschliche Denken, aber sie empfinden diese Macht als verhängnisvoll und suchen nach Wegen, ihr zu entrinnen. Die Macht der Worte ist die konservativste Kraft in unserem Leben: sie zwingt dem Menschen unbewußt und darum unentrinnbar eine vorgegebene Weltauffassung auf, noch ehe er selbst einen eigenen Gedanken fassen kann. "Zehntausende von Jahren sind vergangen, seit wir unseren Schwanz abgelegt haben, aber wir verkehren miteinander noch immer durch ein Medium, das gemäß den Bedürfnissen der baumbewohnenden Menschen entwickelt wurde. Und wie die Laute und Zeichen der Sprache Zeugnis für ihre urtümliche Herkunft ablegen, so legen offenbar die Verbindungen dieser Laute und Zeichen die Denkgewohnheiten, welche mit ihrem Gebrauch und mit den von unseren Ureltern der Sprache einverleibten Vorstellungen und Strukturen entstanden sind, für eine ebenso bedeutsame Kontinuität Zeugnis ab."(3) Der Emanzipation, von dem in der Sprache konservierten archaischen Weltbild dient die moderne Sprachkritik.

Sie macht bewußt, daß die Sprache nichts schlechthin Gegebenes ist, sondern als Instrument betrachtet werden kann, das der Mensch in verschiedenen Lebenssituationen zu verschiedenen Zwecken gebraucht und diesen Zwecken entsprechend auch zu ändern vermag. Die Kenntnis und Analyse jener Situationen ist die wesentlichste Voraussetzung für das Verständnis der Funktion der Sprache, und diese Situationen sind ihrerseits durch das Kulturniveau und die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensformen bedingt.

So trägt also die Sprache in erster Linie einen praktischen, sozialen und emotionalen Charakter, während sie nur sekundär als Mittel objektiver, wertfreier Darstellung verwendet wird. Daß dieser Sachverhalt fast immer übersehen wird, führt zu tiefgreifenden Mißverständnissen, zumal da Werturteile und Handlungsanweisungen häufig in denselben grammatischen Formen auftreten wie Tatsachenfeststellungen. Im Alltagsleben bereiten die dadurch entstehenden Äquivokationen (Mehrdeutigkeiten) freilich nicht so große Schwierigkeiten wie in der Philosophie, wo immer wieder - und zwar gerade an systematischen Schlüsselstellen - werthaft-emotionale- Gehalte als "ewige, objektive Wahrheiten" auftreten. Oft genug wird dann die metaphysische Spekulation zu einer bloßen Art von musikalischer Sprache, die Gefühle und Emotionen erregt.

Doch war die Sprachkritik schon damals keine englische Domäne. Eine Reihe glänzender, freilich nie zu einem systematischen Ganzen verbundener Beobachtungen betreffend die suggestive Macht der Sprache über das Denken findet sich bei NIETZSCHE, FRANZ BRENTANO und seine Schüler haben diesen Fragen ihr Augenmerk zugewendet und schließlich hat ihnen FRITZ MAUTHNER bedeutsame Untersuchungen gewidmet.

Daß leerlaufende sprachliche Formeln selbst bei aufmerksamen, aber unkritischen Zuhörern den Anschein echten Denkens erwecken können, hat der leider zu wenig bekannt Wiener Philosoph ADOLF STÖHR dargetan, wobei ihm gerade die Philosophie durch solche  glossomorphe  Leerläufe besonders gefährdet erscheint: "Zum andernmal ist die Glossomorphie ein Zeichen des Niederganges; ein Zeichen, daß das Reden immer stärker und das Denken immer schwächer wird. Die Glossomorphie kann leicht einmal das Ende der Philosophie werden, denn ihre Macht scheint von Tag zu Tag zuzunehmen."(4)

Im Sinne dieser sprachkritischen Tradition hat später der  Wiener Kreis  gewirkt, der insbesondere die Metaphysik als Anhäufung theoretisch sinnleerer Sprachgebilde bekämpfte. Zu den spezifischen linguistischen Problemen der Politik und der politischen Theorie hatten die meist mathematisch-naturwissenschaftlichen vorgebildeten und interessierten Mitglieder dieser Gruppe nur wenig Beziehung; dies gilt auch für LUDWIG WITTGENSTEIN, dessen Gedanken zur Sprache und Logik dem  Wiener Kreis  entscheidende Anregungen gegeben haben.

Wissenschaftliche Kontakte zwischen dem Neopositivismus und der angelsächsischen Philosophie hatten schon früher bestanden, sie verstärkten sich aber, als ALFRED J. AYER mit seinem Buch  Language, Truth and Logic  (1936) als temperamentvoller Herold der Gedanken des  Wiener Kreises  auftrat und schließlich viele Neopositivisten und verwandte Denker - unter ihnen WITTGENSTEIN, CARNAP und K.R. POPPER - ihre Wirksamkeit nach England und den Vereinigten Staaten verlegten. Inzwischen sind aber die Methoden der  analytischen  Sprachphilosophie auf angelsächsischem Boden weiterentwickelt und abgewandelt worden, aber die seinerzeit vom  Wiener Kreis  empfangenen Anregungen wirken bis heute in ihnen fort.

Etwa gleichzeitig mit dem Wirksamwerden der neopositivistischem Gedanken wurde VILFREDO PARETOs zyklopischer "Trattato die Sociologica Generale" ins Englische übersetzt. PARETO war, wenngleich wesentlich älter, in vieler Hinsicht ein Geistesverwandter der Männer des  Wiener Kreises  und hat gerade den von diesen vernachlässigten Problemen der Sprache und des wissenschaftlichen Charakters politischer Theorien besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Seine Einstellung zur traditionellen politischen Philosophie ist äußerst kritisch: er sucht zu zeigen, daß ein Großteil dieser Spekulationen lediglich "derivazioni" sind, das heißt Scheinbegründungen oder Scheinrechtfertigungen jeweils schon vorausgesetzter, bestehender oder erwünschter Sozialordnungen und Verhaltensnormen.

Die wissenschaftliche Nichtigkeit dieser  Begründungen  geht daraus hervor, daß ein und dieselbe "Derivation" in den Dienst völlig verschiedener, ja einander ausschließender politisch-moralischer Anschauungen und Ziele gestellt werden kann, wofür die Geschichte der Naturrechtstheorien eine reiche Fülle von Beispielen liefert. Umgekehrt ist es möglich, dieselbe Norm mit den verschiedensten Scheinbegründungen zu versehen: "Ein Chinese, ein Mohammedaner, ein Calvinist, ein Katholik, ein Kantianer, ein Hegelianer, ein Materialist - sie alle enthalten sich gleicherweise des Diebstahls, aber jeder gibt dafür eine andere Begründung."(5) Freilich wollen die Theologen, Metaphysiker, Philosophen und Theoretiker der Politik, des Rechtes und der Moral diesen Sachverhalt nicht wahrhaben, sondern wollen die in Wirklichkeit vorausgesetzten Ziele, Dogmen und Axiome als echte Ergebnisse einer vorurteilslosen Beweisführung erscheinen lassen.(6)

In einem ähnlichen Sinn hat auch der Rechtsphilosoph HANS KELSEN an den traditionellen Lehren vom Naturrecht und der Gerechtigkeit scharfte Kritik geübt. Er sieht in ihnen eine Sammlung von leeren oder ganz vagen Formeln, die geeignet sind, jeder beliebigen moralischen oder politischen Forderung den Anschein einer höheren Legitimation zu geben, und die eben dieser Brauchbarkeit ihren großen historischen Erfolg verdanken.(7)

Aus diesen und verwandten Wurzeln (es wäre noch der Pragmatismus von WILLIAM JAMES und JOHN DEWEY zu nennen) ist in den letzten Jahrzehnten bei den Angelsachsen eine beachtliche Literatur über die mit Moral und Politik zusammenhängenden Sprachprobleme erwachsen. Aus dieser sind Werke zu erwähnen wie C.L. STEVENSON: "Ethics and Language" (1944) und R.M.HARE: "The Language of Morals" (1952), aber auch mehr populärwissenschaftliche Bücher wie STUART CHASE: "The Tyranny of Words" (1938) und S.I. HAYAKAWA: Language in Thought and Action" (1949). Unter den zahlreichen Aufsätzen zu der vorliegenden Thematik sind vielleicht die von Margaret MacDonald am aufschlußreichsten und am leichtesten zugänglich. Ein vergleichbares Schrifttum gibt es im deutschen Sprachgebiet nicht, doch soll auf die Artikel in Zeitschriften und Sammelbänden hingewiesen werden, in denen HANS ALBERT (Köln) die methodologischen und sprachkritischen Positionen der Angelsachsen dem deutschen Publikum zu vermitteln und selbständig weiterzuentwickeln bemüht ist.

Ihre volle Durchschlagskraft vermag die Sprachanalyse allerdings nur dann entfalten, wenn man das sprachliche Verhalten des Menschen in den Zusammenhang seines gesamten sozialen Verhaltens hineinstellt. Häufig finden nämlich in der Sprache spezifische Formen der Weltauffassung ihren Ausdruck, die für eine bestimmte Stufe der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung bezeichnend und nur in ihrem Rahmen verständlich sind.

Für die Kritik der Naturrechts- bzw. Vernunftrechtsideologien hat HANS KELSEN nicht nur in systematischer, sonder auch in historisch -soziologischer Hinsicht Pionierarbeit geleistet. In seinem Werk "Society and Nature" (1943) hat er - zum Teil in der Fortführung der Gedanken EMILE DURKHEIMs und seiner Schule nachgewiesen, daß bei den Naturvölkern, aber auch in den archaischen Hochkulturen des Alten Orients und schließlich noch bei den Griechen das Naturgeschehen häufig nach Analogie der Gesellschaftsordnung aufgefaßt wurde, insbesondere aber die Beziehung von Ursache und Folge nach dem Muster derjenigen zwischen Schuld und Sühne. Oft hat man dabei die Struktur des menschlichen Staates in das Universum projiziert, das dann seinerseits als ein (von einem weisen Gesetzgeber und Herrscher organisierter und regierter sowie durch ein unverbrüchliches Gesetz geordneter) Staat erscheint. So entsteht die Vorstellung eines kosmischen, von der  Natur  oder der  Vernunft  gegebenen und sanktionierten  Weltgesetzes,  welches das Vorbild und die Norm für die nunmehr als "bloß menschlich" erscheinender Gesetze des irdischen Staates bilden soll.

Dieses ganze Verfahren bewegt sich in einem Zirkel: erst werden bestimmte soziale Modellvorstellungen in den Kosmos projiziert und dann wird das auf diese Weise "soziomorph" gedeutete Universum auf die wirkliche menschliche Gesellschaft rückbezogen. Man kann daher der Welt praktisch jede beliebige Verfassung zuschreiben - etwa die der orientalischen Monarchie oder der griechischen Polis - und in der Umkehrung der ursprünglichen Projektion die betreffende Verfassung aus der Struktur des Universums ableiten oder das "menschliche Gesetz" in dem angeblichen "Weltgesetz" verankern.

In entsprechender Weise lassen sich soziale Modellvorstellungen auch in das menschliche Individuum und seine "Seele" introjizieren, wie etwa PLATON die Ständeordnung seines Idealstaates in die Seele hineingelesen hat, und dann kann durch den so zustande gekommenen "hierarchischen Aufbau der Menschennatur" die Notwendigkeit einer bestimmten, jeweils schon vorausgesetzten Sozialordnung rechtfertigen.

Eine andere Gruppe von Scheinbegründungen moralisch-politischer Normen nimmt ihren Ausgang von der Übertragung künstlerisch-handwerklicher ("technomorpher") Modellvorstellungen auf Lebenserscheinungen, insbesondere auf die Entwicklung der äußeren Form der Lebenwesen und die Konstanz der Arten. Die Entwicklung der Organismen wird als Ausführung eines vorgegebenen "Werkplanes" aufgefaßt, nach welchem sie ihrer "artgemäßen Vollendung" zugeführt werden, ähnlich wie etwa der Baumeister seinen Bauplan in dem fertigen, vollendeten Haus verwirklicht. Dabei gilt in der Regel bei den übrigen Lebewesen die erreichte physische Reife und Funktionstüchtigkeit als Erfüllung dieses "Wesenszweckes", während beim Menschen noch die moralische "Vollendung", nämlich die Herrschaft der Seele über den Leib und die der Vernunft innerhalb der Seele, hinzukommt.

Was freilich das moralisch "Vernünftige" und damit dem Menschen "Wesensgemäße" ist, kann nicht aus biologischen Invarianzen entnommen werden, und so ergeben auch diese Versuche, mit Hilfe einer "Teleologie der natürlichen Wesenszwecke" ethische oder politische Normen zu begründen, nur Leerformeln, die mit beliebigen, jeweils vorausgesetzten Werten und Zielsetzungen erfüllt werden können.

Diese Naturrechtslehren, die vor allem durch PLATON, ARISTOTELES und die Stoiker philosophisch formuliert und später vom Christentum übernomen und institutionell geschützt worden sind, bis sich schließlich auch die Aufklärung ihrer bediente, stellen also im wesentlichen Systeme von Zirkelschlüssen und Leerformeln dar, die zur Verteidigung oder Bekämpfung jeder nur denkbaren Rechts- und Sozialordnung gebraucht werden können und dieser ihrer uneingeschränkten Manipulierbarkeit ihren großen geschichtlichen Erfolg verdanken.

Das gleiche gilt für die Dialektik, wie sie seit HEGEL und MARX in der Sozialphilosophie und politischen Theorie häufig angewendet wird. Wie die Naturrechtslehren, so leitet auch sie sich aus archaischem Vorstellungsgut her, und zwar besonders aus den Mythen von Fall und Erlösung, wie wir sie schon in der Lehre vom Sturz und Wiederaufstieg der Seelen bei PLATON finden. Bei den Neuplatonikern und Gnostikern wurde dieser Mythos dahingehend fortentwickelt, daß die ganze Welt durch einen Fall aus Gott hervorgegangen sei und sich von ihm getrennt habe, aber durch einen Erlösungsakt wieder zu ihm zurückgeführt und mit ihm versöhnt werden würde. Dieses Schema vom Hervorgehen der Welt aus Gott und ihrer heilsnotwendigen Rückkehr zu ihm hat durch zahlreiche Traditionsstränge bis in die europäische Neuzeit fortgewirkt.

Auf dem Wege über die pietistische Theosophie Schwabens hat es noch die aus dem Tübinger Stift hervorgegangenen Philosophen entscheidend beeinflußt und ist schließlich durch die Vermittlung Hegels in den Marxismus eingedrungen. Der Glaube an den dialektisch geordneten Heilsprozess verdankt seinen großen geschichtlichen Erfolg vor allem der Tatsache, daß er es dem Menschen ermöglicht, alles Böse und Bedrückende als "negative" Durchgangsphase zu erklären, die im Rahmen einer guten und gerechten Gesamtordnung des Universums zwar notwendig ist, aber auch notwendigerweise dazu bestimmt ist, überwunden zu werden.

Seine spezifisch ideologische Verwendbarkeit erlangte das dialektische Heilsschema jedoch vor allem dadurch, daß man jedem sozialen Zustand, dessen Beseitigung man erhoffte oder anstrebte, in das zweite, negative Stadium verlegen und sich dadurch den Glauben an dessen unausbleibliche Überwindung verschaffen konnte, andererseits aber auch imstande war, die schon bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung, wenn man sie bejahte, als dritte, abschließende und krönende Phase der Dialektik zu verklären. So stand und steht die Dialektik genau wie die Naturrechtsdoktrin den schon in der Herrschaft Sitzenden und den noch zur Herrschaft Drängenden als ein ihren Wünschen gefälliges Ideologem unterschiedslos zur Verfügung.

Doch liegt die Ursache des gewaltigen Erfolges der mit naturrechtlichen, dialektischen oder anderen - etwa der "organischen" oder "ganzheitlichen" Leerformeln arbeitenden Doktrinen nicht nur in ihrer praktisch uneingeschränkten Anpassungsfähigkeit und Manipulierbarkeit. Vielmehr sind jene Gedankengebilde sehr häufig auch Bestandteile institutionell geschützter Ideologien oder - um den Ausdruck von Paul Honigsheim zu gebrauchen - "Scholastiken" gewesen. Mit dieser letzteren Bezeichnung zielt Honigsheim nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie auf die als Scholastik bekannte philosophisch-theologische Richtung des Mittelalters. Vielmehr wird der Begriff wesentlich erweitert und umfaßt eine Gruppe von geistigen Gebilden, die eine Zwischenstellung zwischen Mythos und Wissenschaft einnehmen und zumeist dort auftreten, wo der schlichte reflexionslose Glaube von den leitenden Schichten einer Gesellschaft als nicht mehr genügend angesehen wird.

In einfachen, schriftlosen Kulturen herrscht in der Regel ein solcher Glaube vor, in komplizierteren dagegen - etwa den altindischen, altasiatischen und okzidentalen - gibt es innerhalb oder außerhalb der Gruppe Gegner, die deren Glauben anzweifeln. Diesen Zweiflern und Feinden, aber auch konkurrierenden Institutionen gegenüber sollen die eignen, nicht primär auf verstandesmäßigem Wege erkannten, sondern durch autoritative Personen oder Bücher bzw. durch geheiligte Traditionen festgelegten Glaubens- und Verhaltenslehren legitimiert werden, indem man ihnen eine scheinbar verstandesmäßige und allgemeingültige Begründung gibt.

Solche Verfahren der pseudorationalen Rechtfertigung vorgegebener außerrationaler Überzeugungen nennt HONIGSHEIM  Scholastiken,  und er findet scholastische Elemente innerhalb der Ideologien, die durch Kirchen Staaten oder Wirtschaftsverbände vom Beginn komplizierter gesellschaftlicher Gebilde bis in unsere Zeit hinein gelehrt und in der Erziehungsarbeit verwendet worden sind. Dies gilt für die altamerikanischen und altasiatischen Kulturen ebenso wie etwa für die christliche, mohammedanische und jüdische Welt des Mittelalters.

Ähnlich wie die Kirchenscholastik verfährt die Staatsscholastik. Auch sie sucht mit Hilfe von Scheinbegründungen jeweils schon vorausgesetzter Wertungen und Willensziele die Berechtigung nicht nur des Staates als solchen darzutun, sondern - und vor allem - auch die einer besonderen Staatsform, z.B. der absoluten Monarchie, sowie die Ebenbürtigkeit oder Höherwertigkeit des Staates im Vergleich mit anderen Institutionen, etwa der Kirche.

Als der europäische Staat im vorigen Jahrhundert mehr als zuvor national wurde, entwickelte sich eine nationalistische Scholastik, welche das Nationalbewußtsein, die machiavellistische Machtpolitik und die Bereitschaft, sich für das Vaterland aufzuopfern, philosophisch legitimierte und verherrlichte. Scholastische Elemente finden sich auch in der ökonomischen Theorie. So hat die merkantilistische Lehre staatliche Eingriffe in die Wirtschaft gefordert, die liberalistische solche Eingriffe verurteilt. Ähnlich hat später der Sozialdarwinismus der Hochkapitalismus gerechtfertigt, während der Marxismus ihn verdammte und der Arbeiterklasse die Welterlösungsmission zuschrieb.

Wo derartige Scholastiken auftreten, wirken sie meist der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung entgegen, und zwar besonders dann, wenn sie im Dienste der herrschenden Gruppen stehen. In diesem Falle entwickelt sich meist ein Erziehungssystem, das ausgesprochen autoritären Charakter trägt und die Zöglinge nicht zur Kritik und Selbstständigkeit anhält, sondern zur Ergebenheit gegenüber den Institutionen, in deren Händen die Erziehung liegt. Während die Absolventen dieser Ausbildung (meist Söhne der Oberschicht, aber mitunter auch Kandidaten "niedrigerer" Herkunft, die ihre Begabung, Brauchbarkeit und Loyalität erwiesen haben) in die angesehenen intellektuellen Führungsgruppen nachrücken, genießt das Volk zumeist nur eine einfache Erziehung und wird dadurch im Zustand eines "beschränkten Untertanenverstandes" erhalten. Doch da die Zugehörigkeit zur Führungsschicht in der Regel mit einem weitgehenden Verzicht auf Originalität und geistigen Wagemut erkauft wird, erhält jedes mit scholastischen Elementen verknüpfte Erziehungssystem einen stark konservativen Zug.

Was die Scholastiker anstreben, ist nicht wissenschaftliche Einsicht, sondern praktische Menschenführung. Gerade dazu sind die behandelten Leerformeln besonders geeignet, denn sie spiegeln den Beherrschten die unverbrüchliche Stetigkeit der obersten sittlichen und gesellschaftlichen Grundsätze oder die Unfehlbarkeit der offiziellen Erkenntnismethode vor, während sie die Herrschenden in ihren praktischen Entscheidungen nicht behindern und mit jedem möglichen empirischen Sachverhalt vereinbar sind.

Dennoch ist die wissenschaftlich-technische und wissenschaftlich-soziale Revolution an jenen Gedankengebilden nicht spurlos vorübergegangen. Der Bedarf der modernen Industriegesellschaft an intellektuell geschulten Kräften machte die Beschränkung der Bildung auf eine dünne Oberschicht unmöglich und die wissenschaftstheoretische Reflexion mußte alsbald die Mängel der mit Leerformeln arbeitenden politischen Theorien bloßlegen und bloßstellen.
LITERATUR - Ernst Topitsch, Einleitung zu T.D.Weldon, Kritik der politischen Sprache, Neuwied 1962
    Anmerkungen
  1. FRANCIS BACON: Novum Organum I, 43
  2. JOHN LOCKE: Versuch über den menschlichen Verstand, III, 10,9
  3. C.K.OGDEN / I.A.RICHARDS: The Meaning of Meaning, London 1926, Seite 26
  4. ADOLF STÖHR: Psychologie, Leipzig 1917, Seite 435
  5. VILFREDO PARETO: Allgemeine Soziologie, Tübingen 1955, § 1416
  6. VILFREDO PARETO: Allgemeine Soziologie, Tübingen 1955, §1415
  7. HANS KELSEN: Was ist Gerechtigkeit?, Wien 1953