tb-2Wilhelm von OckhamNominalismusModernes Denken   
 
WOLFGANG STEGMÜLLER
Geschichtliches
zum Universalienstreit


Glauben, Wissen und Erkennen
Erkenntnis des Wirklichen
...daß die Wissenschaft auf Täuschung beruhen würde, wenn es das Allgemeine nicht gäbe.

Von Belang ist der Gegensatz zwischen dem Konkreten und Nichtkonkreten, nicht jedoch der zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen.

PLATO war der erste abendländische Philosoph, welcher die Entdeckung machte, daß wir neben den konkreten Dingenn der raumzeitlichen Welt ideale Gegenstände annehmen können. Diese Möglichkeit wurde von ihm allerdings sogleich als eine Notwendigkeit ausgelegt: die Existenz der Ideen ist für ihn eine durch philosophische Einsicht zu gewinnende Urtatsache, ohne welche die feststellbaren Ähnlichkeiten und Gleichheiten zwischen den realen Dingen unerklärlich bleiben.

Diese Auslegung einer möglichen Annahme von Ideen als schlechthinnige Tatsache wurde außerdem durch den mit seiner Lehre verwobenen Mythos gestützt, wonach die Ideen das "Ewige", "wahrhaft Seiende" und somit ein Seiendes von höherer Ordnung darstellten als die sich verändernden, entstehenden und vergehenden Einzeldinge, welche nur ein von den Ideen abgeleitetes schattenhaftes Dasein besitzen. Dieser Mythos ist für uns heute nicht mehr von erkenntnistheoretischem Interesse, obwohl er in historischer Hinsicht einen großen Einfluß auf die metaphysischen Diskussionen der Folgezeit ausübte.

Viel folgenschwerer als dieser Mythos war jedoch die Identifizierung des idealen Seins mit dem allgemeinen Sein, der Ideen mit  allgemeinen  Wesenheiten. Eine derartige Gleichsetzung ist irreführend: Auf der einen Seite sind die idealen Objekte, wenn man sie überhaupt annimmt, ebensolche Individualitäten wie die realen und auf der anderen Seite kann das Allgemeine durchaus auch im Rahmen des Nominalismus, der ideale Gegenstände leugnet, Anerkennung findet, da der Nominalist ja sowohl von generellen Prädikaten wie von generellen Aussagen Gebrauch machen kann.

Wurde hingegen das ideale Sein einmal mit dem Allgemeinen gleichgesetzt, so konnte der gegenteilige Standpunkt, der die idealen Objekte leugnet, solange nicht aufkommen, als er diese Identifizierung nicht bestritt; denn der Wissenschaft geht es ja auch nach der heutigen Auffassung sogar ausschließlich um Allgemeinerkenntnisse. Dies ist auch der Grund dafür, warum die Ansätze zu einer nominalistischen Philosophie im Mittelalter immer wieder zum Scheitern verurteilt waren; die Nominalisten konnten durch ihre Gegner stets sehr leicht durch den Hinweis darauf lächerlich gemacht werden, daß der Nominalismus zu einer Leugnung der Allgemeinerkenntnis und damit zu einer Leugnung von Philosophie und Wissenschaft überhaupt, also zum Skeptizismus, führen müsse.

Logisch betrachtet ist die Sachlage, wenn wir wieder den extensionalen Fall zur Illustration heranziehen, die folgende:

Ein genereller Prädikatsausdruck wie "rot" ist deshalb allgemein, weil er auf beliebige physische Objekte anwendbar ist (und dann einen wahren oder falschen Satz ergibt). Dieser sein Gebrauch als generelles Prädikat setzt jedoch in keiner Weise die Anerkennung einer Wesenheit Röte voraus. Ebensowenig ist eine solche Voraussetzung in der Bildung von Allaussagen beschlossen, in denen dieses Prädikat vorkommt, da wir uns mit dem "alle" auf einen Bereich konkreter Objekte beziehen wie z.B. im Fall der Aussage "alle Rubine sind rot". Wird hingegen wie bei PLATO eine Wesenheit "Röte" neben den einzelnen roten Dingen angenommen, so ist es gerade nicht der generelle Term "rot", welcher sie bezeichnet, sondern der entsprechende abstrakte singuläre Term "Röte".

Ein solcher Term hat eine analoge Funktion wie z.B. der Eigenname "Sokrates"; der Unterschied ist nur der, daß in diesem letzteren Falle ein raum-zeitliches konkretes Ding benannt wird, weshalb man auch diesen Namen einen konkreten singulären Term nennt, während im ersten Falle ein idealer Gegenstand das Objekt der Benennung bildet, weshalb man denn auch von einem abstrakten singulären Term spricht.

Von Belang ist also der Gegensatz zwischen dem Konkreten und Nichtkonkreten, nicht jedoch der zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen. Klassen von Dingen sind zwar meist in dem Sinne allgemein, daß sie mehrere oder viele konkrete Objekte enthalten; aber erstens muß dies nicht der Fall sein, daß es auch Einerklassen gibt, die nur ein einziges Element enthalten, denen somit diese Art von Allgemeinheit abgeht, und zweitens ist eine Klasse, selbst wo dies der Fall ist, ungeachtet dessen eine bestimmte Individualität, wenn auch eine nichtkonkrte, und ihre Allgemeinheit besteht nur in der Relation zu ihren vielen Elementen.

Die Gleichsetzung des idealen Seins mit dem Allgemeinen war also ein Fehler und zwar ein so folgenschwerer Fehler, da auf diese Weise für die nächsten 2000 Jahre das eigentliche Anliegen PLATOs überflüßigerweise in den erkenntnistheoretischen Gegensatz zwischen "Allgemeinerkenntnis" und "auf Sinneswahrnehmung beruhender Einzelerkenntnis" hineingezwängt wurde. Die Nominalisten waren in der Folgezeit fast immer Sensualisten oder zumindest solche Denker, die den Wert der Einzelerkenntnis gegenüber der Allgemeinerkenntnis betonten.

Das in der mittelalterlichen Philosophie so viel erörterte Individuationsproblem ist ein Beispiel für eine metaphysische Konsequenz der Gleichsetzung von idealem Sein und Allgemeinem, wobei jedoch auch noch außerdem der platonische Mythos hereinspielt. Es handelt sich hier darum, die Frage zu beantworten, worin das Individuationsprinzip zu erblicken sei, d.h. jenes Prinzip, welches den Übergang von den allgemeinen Ideen zu den realen Einzeldingen bewirkt.

Diese Fragestellung setzt erstens die irrtümliche Gleichsetzung der Ideen mit allgemeinen Gegenständen voraus und zweitens den Mythos, wonach die Ideen das Primäre, die Einzelobjekte hingegen nur etwas sekundär Seiendes sind, weshalb ihre Existenz aus der des idealen Seins irgendwie "abgeleitet" werden müsse.

War somit in Bezug auf das Verhältnis "Idee - Allgemeines" ein verhängnisvoller Irrtum begangen worden, so ist es auf der anderen Seite wieder ein unberechtigter Vorwurf gegen PLATO, wenn gesagt wird, seine Ideen seien nichts anderes als "hypostasierte [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] Begriffe", wie dies in den meisten Lehrbüchern der Philosophiegeschichte geschieht. Das Wort "Begriff" ist nicht im geringsten klarer als die Ausdrücke "idea" oder "eidos".

Versteht man unter einem Begriff dasjenige, was in der traditionellen Logik auch Begriffsumfang genannt wird, also eine Extension, d.h. eine Klasse, dann ist PLATO vollkommen im Recht, wenn er dieses ideale Objekt von den Einzeldingen absondert; versteht man darunter dasjenige, was gewöhnlich Begriffsinhalt genannt wird, also eine Intension, dann ist PLATO ebenfalls wieder im Recht; denn auch hier haben wir es mit idealen Gegenständen zu tun, die nicht im Konkreten aufgehen, immer vorausgesetzt natürlich, daß wir derartige ideale Objekte überhaupt anerkennen und sie nicht wie der Nominalist leugnen.

Den Anlaß für die mittelalterliche Diskussion der Universalienauffassungen bildete die Einleitung zu den Kategorien des ARISTOTELES von PORPHYRIUS. Es wurden dort drei Fragen aufgeworfen, ob die Gattungen und Arten von Substanzen seien oder bloß in Gedanken existierten, ob sie körperlich oder unkörperlich seien und schließlich, ob sie von den wahrnehmbaren Objekten gesondert seien oder nur in diesen existierten. Daß PORPHYRIUS selbst auf diese Fragen mit einem  dicere recusabo  ("Aussageverweigerung") reagierte, war nur umso mehr ein Anreiz für künftige Auseinandersetzungen, weil infolge der Verweigerung einer Anwort durch PORPHYRIUS die Fragen den Anstrich einer ganz besonderen Schwierigkeit erhielten.

Nur aus der ersten Sache läßt sich ein wissenschaftlicher Sinn herausschälen, obzwar es natürlich irreführend ist von Substanzen zu reden, und außerdem der Begriff einer bloß gedanklichen Existenz zuvor geklärt werden müßte. Die zweite Frage entspringt zur Gänze einer Verdinglichung und die dritte nimmt genau auf den Gegensatz "universalia ante res" (der Sache) und "universalia in Rebus" (als Bild) Bezug, den wir ebenfalls als fiktiv erkannt haben.

Von den verschiedenen Antworten, die auf die Fragen des PORPHYRIUS gegeben wurden, ist zunächst die des BOETHIUS erwähnenswert, weil hier eine Denkweise zutage tritt, die zu demjenigen führt, was ich den psychologischen Konzeptualismus (1) nennen möchte. Sowohl die Annahme, daß die Arten und Gattungen Substanzen seien, wie die andere, daß sie nur im Denken Bestand hätten, führen nach BOETHIUS zu großen Schwierigkeiten.

Im ersten Falle würde das den einzelnen Individuen Gemeinsame selbst zu einem Individuum gemacht werden und im zweiten Falle würde den Universalien nichts in der Welt entsprechen, die Gedanken von ihnen wären daher eigentlich Gedanken von nichts. Als Lösung schlägt er eine Abstraktionstheorie vor, in welcher er lehrt, daß unser Geist die Fähigkeit besitze, dasjenige, was in der Welt ungetrennt vorkomme, voneinander zu sondern. Dadurch werden wir in den Stand gesetzt, die "unkörperliche Natur", zu der auch die Arten und Gattung gehören, für sich zu betrachten.

Wie sehr das verdinglichende Denken, welches die Universalien in konkrete Substanzen verwandelte, nicht nur zu unfruchtbaren erkenntnistheoretischen Diskussionen führte, sondern bisweilen scholastische Philosophen zu Folgerungen verleitete, die sie notwendig mit ihren weltanschaulichen Grundintentionen in Konflikt bringen mußten, zeigt das Beispiel des JOHANN SCOTUS ERIGUENA. Er lehrte, daß die Einzeldinge den Spezies und diese wieder den Gattungen als ihren Substanzen inhärierten, übertrug also die Substanz-Akzidens- Relation auf die Beziehung zwischen den allgemeinen Wesenheiten und den Einzeldingen.

Diese Auffassung mußte in die pantheistische These einmünden daß es überhaupt nur eine einzige Substanz geben könne, welcher alles andere inhäriere. Eine solche Theorie lag gewissermaßen ständig "in der Luft", solange man die  universalia-ante-res  oder  universalia-in-rebus  -Kontroverse ernst nahm, d.h. die Gattungen und Arten für konkrete Gegenstände hielt.

Ein Ansatz für einen radikalen Nominalismus findet sich erstmals bei ROSCELINUS, dem der Satz zugeschrieben wird "universale est vox" (Das Allgemeine ist nur ein Wort). Wirklich existieren danach nur die Einzeldinge, das Allgemeine besitzt keine Realität und tritt bloß in der Gestalt "gemeinsamer Namen", also genereller Prädikatausdrücke, in Erscheinung; was die Einzeldinge verbindet, ist somit der gemeinsame Name, hingegen kein reales Band. Überflüssigerweise scheint ROSCELINUS seine Skepsis auf die Relation Teil-Ganzes ausgedehnt zu haben: auch die Teile eines Dinges existieren nicht wirklich.

Tatsächlich jedoch braucht der Nominalist nicht nur nicht die Relation zwischen einem Ganzen und seinen Teilen für fiktiv zu erklären, sondern diese Relation tritt sogar für ihn überall dort in den Vordergrund, wo es darum geht, platonistische Aussagen über die Zugehörigkeit von Dingen zu Klassen in eine vom Platonismus freie Sprache zu übersetzen: die Element-Klassen- Relation ist in die Teil-Ganzes- Relation umzuformen.

So wie die späteren Nominalisten scheint auch ROSCELINUS seine Theorie durch eine sensualistische Erkenntnistheorie unterbaut zu haben. Darum mußten die Nominalisten von ihren Gegnern immer wieder den Vorwurf über sich ergehen lassen, daß ihre Lehre nur der Unfähigkeit entspringe, von der sinnlichen Einzelerkenntnis loszukommen und zu einer geistigen Allgemeinerkenntnis emporzusteigen.

Da man über keine ausgebaute Theorie der synsemantischen Ausdrücke verfügte, mußte man sich fragen, warum wir auf generelle Ausdrücke, wenn sie nichts bezeichnen, nicht überhaupt verzichten können. Die Sprache müßte gänzlich auf das Aussprechen von Namen konkreter Objekte reduzierbar sein, eine Auffassung, die mit Recht als zu absurd erscheinen mußte, um überhaupt diskutabel zu sein.

Dennoch ist der scharfsinnige PETER ABAELARD von ROSCELLINIschen Gedanken stark beeinflußt worden. Gegeben sind uns nach ihm zunächst nur Einzeldinge; wir stellen Ähnlichkeiten zwischen ihnen fest und dies veranlaßt uns, ihnen einen gemeinsamen Namen zu geben. Nicht einmal diese Ähnlichkeit wird von ihm als objektiv in den Dingen bestehend anerkannt, sondern als eine "res ficta", eine Erdichtung des Verstandes, bezeichnet.

Mit dieser Theorie der allgemeinen Namen ist eine Theorie des Allgemeinbegriffs verknüpft, die ebenfalls an neuere psychologische Theorien erinnert: Da es in der Wirklichkeit nur Einzelnes gibt, ist auch nur mit den Eigennamen ein deutliches Vorstellungsbild verbunden, das einem wirklichen Ding entspricht. Mit allgemeinen Namen (also Prädikaten) ist dagegen ein Bild verknüpft, das aus einer Übereinanderlagerung von Einzelwahrnehmungen entstanden und daher unbestimmt, eine "confusa imago", ist; diesem Bild entspricht ja auch nichts in der Welt.

Daraus zieht er die unmittelbare erkenntnistheoretische Konsequenz, daß nur das Wissen vom Einzelnen ein eigentliches Wissen sei, die sogenannte Allgemeinerkenntnis dagegen zur bloßen Meinung gerechnet werden müsse. Dies bedeutet eine völlige Umkehrung der platonisch- aristotelischen Auffassung, wonach es gerade der echten Wissenschaft nur um Allgemeinerkenntnisse geht, die Einzelerkenntnis hingegen gar keine wirkliche Erkenntnis ist, sondern zur bloßen Doxa gerechnet werden müsse.

Die Stellungnahme zum Erkenntnisproblem kann von uns stets als ein Symptom für das Niveau und die wissenschaftliche Vertretbarkeit des Nominalismus gewertet werden; denn ob ein vertretbarer Nominalismus vorliegt oder nicht, zeigt sich nicht an den Bemerkungen des betreffenden Denkers zu den generellen Prädikaten allein - diese Bemerkungen sind denen moderner Nominalisten oft ganz ähnlich -, sondern daran, wie man mit dem Problem der generellen Wahrheiten fertig zu werden versucht.

Solange der Nominalist glaubt, den Wert der Allgemeinerkenntnis herabsetzen oder diese Allgemeinerkenntnis überhaupt in Abrede stellen zu müssen, liegt keine brauchbare Theorie vor. Erst wenn der Nominalist imstande ist, seine Leugnung der Existenz von Universalien in widerspruchsfreier Weise mit einer Anerkennung der Gleichwertigkeit von Einzel- und Allgemeinerkenntnis zu verknüpfen, kann von einem philosophisch haltbaren Standpunkt gesprochen werden. Dazu ist es aber, trotz der Bildung einer "Schule der Nominales", im ganzen Mittelalter überhaupt nicht gekommen.

Der Nominalismus hob sich entweder selbst auf oder verflüchtigte sich in einen vagen, nur bildhaft beschreibbaren Konzeptualismus, in welchem den Universalien ein "Stein im Geiste" zugeschrieben wurde, ohne daß das "Wie" dieses Seins im Geiste näher beschrieben worden wäre.

Wenn wir einige Jahrhunderte überspringen, so finden wir einen psychologischen Konzeptualismus in der Abstraktionstheorie von JOHN LOCKE. vertrat die Doktrin, daß wir imstande seien, abstrakte Ideen zu formen ("to frame abstract ideas"). wenn ich verschiedene rote Dinge erblicke, so kann ich von all jenen Hinsichten absehen, in welchen sich diese Objekte voneinander unterscheiden (Gestalt, Lage usw). Auf diese Weise bilde ich eine Idee von dem, worin sie sich alle gleichen: die Idee des Roten. Haben wir derartige abstrakte Ideen einmal gebildet, dann können wir ihnen Namen geben.

Es ist also auch für JOHN LOCKE charakteristisch, alle generellen Prädikate als Namen von etwas zu deuten. So ist z.B. das Wort "rot" nicht der Name eines konkreten Objektes, sondern ist als Name der von uns gebildeten Idee des Roten aufzufassen. Was ist nun aber die genaue Bedeutung des Ausdruckes "eine abstrakte Idee bilden"? Offenbar soll die Aussage, daß jemand eine abstrakte Idee gebildet habe, nach LOCKE nicht einfach synonym sein mit der Feststellung, daß er einen generellen Prädikatausdruck verstehe.

LOCKEs Meinung ist ja gerade die, daß der Hinweis auf die Abstraktion eine  Erklärung  dafür gebe, daß der Betreffende ein Verständnis des generellen Ausdrucks erlangt hat. Die Ausführungen Lockes über das Wesen dieser Abstraktion zeichnen sich nicht durch Klarheit aus. Die Unklarheit liegt bereits in dem Ausdruck "abstrakte Idee". Sie ist nach seinen Bemerkungen als "Stellvertreter" der vielen Einzeldinge, "etwas Unvollkommenes, das nicht existieren kann" (womit er wohl meint, daß kein existierendes reales Ding einer solchen Idee gleichen könne; denn als  Idee  soll sie ja nach seiner Theorie gerade existieren). Mit derartigen negativen Bestimmungen ist nicht viel gewonnen.

GEORGE BERKELEY hat in seiner Kritik an LOCKE diesen nicht in seine Vagheiten entkommen lassen, sondern ihn durch die Bemerkung festgenagelt, daß die Wendung "Ideen bilden" nur einen einzigen klaren Sinn haben könne, nämlich die Bedeutung von "vorstellen"  (imagining).  Im Anschluß daran wirft BERKELEY die Frage auf, ob wir uns wirklich dasjenige vorstellen können, wovon LOCKE behauptet, wir müßten es uns vorstellen, wenn wir die Bedeutung genereller Ausdrücke verstehen wollen.

Angenommen etwa, ich versuche, die abstrakte Idee des Menschen zu bilden. Nach der Theorie von LOCKE muß ich von allen jenen speziellen Hinsichten absehen, in welchen sich die Menschen voneinander unterscheiden: Größe, Gestalt, Gesichtszüge, Haarfarbe, Hautfarbe usw. Ich darf nur dasjenige herausgreifen, in bezug worauf alle Menschen einander gleichen. Was sehe ich dann mit meinem geistigen Auge, wenn ich diesen Abstraktionsprozeß vorgenommen habe? Offenbar gar nichts; es ist unmöglich, sich einen Menschen im allgemeinen vorzustellen, einen Menschen ohne spezielle Gestalt, ohne spezielle Hautfarbe usw. Analog verhält es sich mit allen übrigen Prädikaten, z.B. einem Prädikat wie "schnell".

Ich kann mir ein schnell fahrendes Schiff vorstellen, einen schnell gehenden Menschen, einen schnell dahingleitenden Schlitten; wenn ich jedoch vom Schiff, vom Menschen, vom Schlitten sowie von jedem sonstigen Objekt abstrahiere, da diese Gegenstände für die eigentliche Bedeutung des Wortes "schnell" irrelevant sind, dann bleibt für mich nicht die Idee der Schnelligkeit zurück, sondern überhaupt nichts.

Den "tödlichen Schlag", wie BERKELEY dies selbst nennt, führt er aber gegen eine andere Darstellung bei LOCKE. Bisweilen sagt LOCKE, daß wir, um abstrakte Ideen zu bilden, nicht von Einzelheiten abzusehen haben, in denen die verschiedenen Dinge voneinander abweichen, sondern daß wir alle diese Einzelheiten in die abstrakte Idee einschließen müssen. So gelangen wir z.B. zur allgemeinen Idee eines Dreiecks, welche weder recht-, noch stumpf-, noch spitzwinkligist, sondern all dies und keines davon auf einmal.

BERKELEY bemerkt dazu, daß man von uns nicht verlangen kann, uns Dinge vorzustellen, welche den Regeln der Logik widersprechen. Gerade dies verlangt LOCKE: Wir sollen die Idee von etwas bilden, dessen Beschreibung nur mittels einander logisch widersprechender Ausdrücke möglich ist. BERKELEY ist wohl mit seiner Kritik etwas über das Ziel hinaus geschossen, wenn er sagte, daß wir uns immer nur ganz bestimmte Dinge mit allen Einzelheiten vorstellen können; denn ohne Zweifel sind unsere Vorstellungen häufig oder sogar meistens lückenhaft, vage, flüchtig und verschwommen.

Aber da diese Unbestimmtheit unseres Vorstellens gewiß nicht die Allgemeinheit ausmachen kann - denn auch unsere Vorstellungen von konkreten Einzelobjekten leiden an Unbestimmtheit -, so besteht seine Kritik als solche zu Recht. Und diese seine Kritik ist im Grunde eine Kritik am gesamten Konzeptualismus. Solange die Rede vom "allgemeinen Sein im Geiste" im Bildhaften verblieb, konnte man glauben, eine Antwort auf das Universalienproblem gefunden zu haben; sobald man versuchte, solche allgemeinen Ideen aufzuzeigen, mußte es sich herausstellen, daß es derartige Ideen überhaupt nicht gibt, genauer: daß es sie nicht geben kann.

Was für eine Lösung schlägt BERKELEY selbst vor? Nach BERKELEY gibt es keine abstrakten Ideen; müßte man generelle Ausdrücke als Namen von solchen Ideen auffassen, dann wären die alle sinnlos. Sie sind es nicht, weil sie überhaupt keine Namen sind. Ein Ausdruck kann sinnvoll sein, ohne etwas zu benennen. Die Generalität erhält ein Prädikatausdruck wie "rot" oder "Mensch" nicht durch eine mit ihm verbundene generelle Idee, sondern  durch den Gebrauch, den wir mit diesem Ausdruck machen. 

Die WITTGENSTEINsche These "die Bedeutung eines Ausdrucks ist sein Gebrauch" findet sich bei BERKELEY bereits angedeutet. Nicht eine abstrakte Vorstellung zu bilden muß jener lernen, der ein Verständnis der Bedeutung eines generellen Terms erlangen will, sondern er muß die Regeln für den Gebrauch dieses Ausdrucks erlernen. Für einen Eigennamen ist es charakteristisch, daß er auf ein bestimmtes Objekt anwendbar ist, für einen generellen Ausdruck, daß er auf ein beliebiges Objekt einer bestimmten Art angewendet werden kann.

Wenn man sagt, daß das Wort "Gerade" auf beliebige Gerade angewendet werden kann, dann impliziert dies nicht, daß dieses Wort der Name einer allgemein gegebenen Geraden ist; es ist überhaupt kein Name. BERKELEY hat somit den für einen wissenschaftlich vertretbaren Nominalismus ungeheuer wichtigen Schritt getan:
    Wenn wir sagen, daß ein Wort generell ist, dann geben wir damit nicht an, was für eine Art von Gegenständen es benennt, sondern wir sagen damit nur, in welcher Weise dieses Wort in der Alltagssprache benützt wird.
Mit dieser Erkenntnis, daß die Sprache nicht eine Aneinanderreihung von Namens sei, war auch, das möge nur nebenher erwähnt werden, der Weg bereitet für ein richtiges Verständnis der sogenannten logischen Ausdrücke "nicht", "und", "wenn...dann" usw. Denn diese Ausdrücke bezeichnen ebenfalls nichts, und dennoch sind sie von grundlegender Wichtigkeit, ist doch eine logische Argumentation ohne sie ausgeschlossen.

BERKELEY scheint der erste abendländische Philosoph gewesen zu sein, der eine logisch einwandfreie Deutung der Sprache auf einer Grundlage vornahm, die nach unserer früheren Begriffsbestimmung nominalistisch zu nennen ist. Zugleich tritt hier auch ein wichtiges Motiv für die Annahme einer nominalistischen Position in Erscheinung: die Vermeidung von Scheinproblemen.

Aus der Sprachtheorie JOHN LOCKEs folgt, daß wir im Falle des Verstehens eines Satzes eine Aufeinanderfolge von Ideen haben, deren Zeichen die ausgesprochenen Worte sind. Dann müßte es möglich sein, Wort für Wort die Idee herauszugreifen, welche durch das betreffende Wort bezeichnet wird. BERKELEY wendet dagegen ein, daß Worte nicht in dieser Weise aus dem Kontext, in welchem sie stehen, herausisoliert werden können. Wenn ich jemandem sage, daß ich ihn zu der und der Zeit an dem und dem Ort treffen wolle, so findet niemand darin eine Schwierigkeit, diesen Satz zu verstehen. Wenn ich aber so fortfahre, wie man nach LOCKE fortfahren müßte, und frage, welche "Ideen" durch die Worte "Zeit" und "Ort" nun eigentlich bezeichnet werden, so werde ich, sagt BERKELEY, selbst einen Philosophen in Verlegenheit bringen.

Wir verstehen sehr gut Sätze, in denen diese beiden Worte "Zeit" und "Ort" vorkommen; unsere Schwierigkeiten treten erst auf, wenn wir aufgefordert werden, die Bedeutung dieser Worte für sich selbst zu geben, losgelöst von den Sätzen, in welchen sie vorkommen. Derartige Schwierigkeiten sowie das ganze Universalienproblem entspringen nur eine linguistischen Konfusion: Wir überblicken nicht, in welcher Weise die Wörter unserer Sprache funktionieren, und wir formulieren Scheinfragen, die es nicht zu lösen gibt, sondern von denen wir uns selbst erlösen müssen, indem wir die Frage als unsinnig erkennen und aus unserer Diskussion entfernen.

Im vorliegenden Falle ist es vor allem die irrige Annahme, daß die Wörter in einem Satz in ein und derselben Weise, nämlich als Namen, funktionieren, die hier Verwirrung stiftet. Wörter funktionieren nicht alle in derselben Weise; sie sind nicht alle Namen. Daß nur sehr wenige Ausdrücke der Sprache als Eigennamen von üblichen Gegenständen gedeutet werden dürfen, wußte man in der Philosophie bereits seit langem. Daher entstanden endlose Streitigkeiten über das Wesen der unüblichen Gegenstände, für welche die anderen Wörter Namen sein sollten; denn daß alle Wörter Namen sind, blieb dabei eine stillschweigende Voraussetzung. Die Schwierigkeiten, auf welche LOCKE stieß, haben nach BERKELEY ebenfalls ihre Wurzel in dem einen Fehler, alle Arten von Ausdrücken als Namen von etwas zu deuten.

Der Gegensatz zwischen der Theorie JOHN LOCKEs und jener von BERKELEY ist also keineswegs von nur untergeordneter Bedeutung, wie dies meist angenommen wird; es ist nichts Geringeres als  der  Gegensatz zwischen einem unhaltbaren psychologischen Konzeptualismus und einem widerspruchsfrei vertretbaren Nominalismus. Vertretbar war dieser Nominalismus BERKELEYs erstmals deswegen, weil für ihn die Schwierigkeiten wegfielen, die man sonst im Zusammenhang mit der Allgemeinerkenntnis zu sehen glaubte. Wer das ideale Sein leugnete, der schien das Allgemeine und damit die Wissenschaft zu leugnen.

BERKELEY leugnet das ideale Sein, die abstrakten Ideen, aber er leugnet nicht das Allgemeine; dieses wird vielmehr reduziert auf Regeln des Gebrauches genereller Ausdrücke. LOCKE fragte, wovon die allgemeinen Wörter Namen seien; BERKELEYs Erwiderung darauf ist, daß diese Frage selbst ganz falsch gestellt sei; denn in der Form dieser Fragestellung liegt bereits die Anerkennung dessen beschlossen, daß jedes Wort  für etwas  stehen,  etwas bezeichnen,  der  Name von etwas  sein muß. Diese stillschweigende Voraussetzung, die LOCKE gar nicht zur Diskussion stellte, ist es gerade, welche BERKELEY verwirft.
LITERATUR - Wolfgang Stegmüller, Das Universalienproblem einst und jetzt, Darmstadt 1965
    Anmerkungen

    1) Der Nominalismus als Anschauung gesehen, wonach dem Allgemeinbegriff, den Universalien, außerhalb des Denkens nichts Wirkliches entspricht, die Begriffe also nur subjektive Bedeutungsgebilde sind, und zwar entweder selbstständige Denkgebilde, was der Konzeptualismus annimmt, oder bloße sprachliche Namen, was der strenge Nominalismus lehrt.