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WOLFGANG STEGMÜLLER
Glauben, Wissen
und Erkennen


Erkenntnis des Wirklichen
Geschichtliches
Vertritt man die Ansicht, daß die Wörter ihre Bedeutung mit sich führen, so kann man gar nicht angeben, wieso eine Bedeutungsanalyse auf Schwierigkeiten stoßen sollte.

Philosophische Differenzen bestehen seltener in einer Verschiedenheit theoretischer Anschauungen, weit häufiger entspringen sie einem Unterschied im ersten Ansatz, einer Verschiedenartigkeit der Methode des Zuganges zu den Problemen.

Welche Methode gewählt wird, bestimmt maßgebend die theoretische Anschauung, welche aus den Untersuchungen resultiert. Man glaubte, die Fraglichkeit jeder Ausgangsbasis dadurch überwinden zu können, daß man sich zunächst nur an "das Gegebene", an "die Phänomene" hielt. An ihre Beschreibung erst sollte die philosophische Aporetik  (die Kunst, schwer lösbare Probleme zu bewältigen)  anknüpfen.

Die Annahme erwies sich als fiktiv. Empiristen verstehen unter dem Gegebenen etwas ganz anderes als Phänomenologen; auch konnten sich weder die Empiristen noch die Phänomenologen untereinander über dasjenige einigen, was als gegeben anzusehen ist. Die scheinbare Unschlichtbarkeit dieser Diskussion ist nicht weiter verwunderlich; denn sie hat ihre Wurzel in einem fundamentalen Irrtum. Dieser Irrtum ist sprachlichen Ursprungs.

Man nimmt an, es genüge, einen Ausdruck der Alltagssprache oder einer fachwissenschaftlichen Sprache aufzugreifen, um die Aufmerksamkeit sofort auf das lenken zu können, was mit der Sprache selbst nicht mehr zu tun hat. Was  glauben und erkennen  heißt, weiß ja im Grund jeder! Es gilt nur, dasjenige, was alle wissen, genau zu beschreiben:
    "Die Worte interessieren uns nicht,
    wir wollen uns den Sachen selbst zuwenden!"
So wendet man sich vom Wort ab und dem vermeintlichen Phänomen zu. Bei der "Phänomenanalyse" halten uns sofort bestimmte Bilder gefangen und führen uns zu allerlei merkwürdigen Fragestellungen: Wie vermag das erkennende Subjekt (der unsichtbare Mensch im unsichtbaren Menschen) die Objekte der Außenwelt in seine Sphäre "einzuholen" - das Bild von den unsichtbaren Armen, die der unsichtbare Mensch in die Welt hinausstreckt, um die Objekte zu erfassen - oder wie vermag dieses Subjekt seine Bewußtseinssphäre zu  transzendieren? 

Man orientiert seine ganze Problemstellung an solchen Bildern, die nicht nur gänzlich schief sind, sondern hinter denen sich schwerste  grammatikali- sche Fehler  verbergen (im Falle des Erkennens z.B. in der Gestalt der Assimilation von  erkennen und sehen). 

Verantwortlich für eine solche Einstellung ist ein primitives Bild von der Funktionsweise der Sprache. Es läßt sich schematisch so charakterisieren: Da sind die Dinge und da die Wörter; die Wörter bezeichnen die Dinge und dienen uns dazu, über die Dinge zu reden. Das Reden wird psychologisch dadurch möglich, daß wir mit den Wörtern Vorstellungen, der ihnen entsprechenden Dinge assoziieren. Diese Dinge sind Einzelgegenstände, sofern es sich um Eigennamen oder etwas diesen Ähnliches handelt, sie sind allgemeine Gegenstände (platonische Ideen), sofern es sich um Prädikate handelt. Wenn man nicht mit allgemeinen Gegenständen vorlieb nehmen will, ersetzt man sie durch Allgemeinbegriffe im menschlichen Geiste.

Entscheidend für diese Einstellung ist jedenfalls, daß das Reden über die Dinge die einzige Funktion der Sprache sei. Diese Dinge können Beliebiges sein: Atome, Pflanzen, Menschen, Farben, Schmerzen und vor allem auch geistige Vorgänge wie  Glauben, Wissen und Erkennen. 

Die Wirklichkeit ist ein riesiges Mosaik; die einzelnen Steine des Mosaiks werden durch Wörter bezeichnet, und durch Aneinanderreihung von Wörtern zu Sätzen schneidet der Sprechende aus diesem Mosaik einen ihn und den Hörenden gerade interessierenden Komplex: einen Sachverhalt, heraus. Die eineindeutige Entsprechung zwischen Wörtern und Dingen macht das Sprechen selbst zu einem Mosaikspiel im Kleinen: durch Sprachmosaike, die wir von Fall zu Fall erzeugen, beziehen wir uns auf die entsprechenden Teile des Riesenmosaiks der Wirklichkeit.

Die Sprache aber ist keinem Mosaik, sondern einem Spiel mit komplizierten Regeln zu vergleichen, z.B. dem Schachspiel. Der Gebrauch von Wörtern und Sätzen entspricht den Zügen in einem solchen Spiel. Der erste Schritt zur Gewinnung eines richtigen Bildes vom Bau der Sprache wurde getan, als man sich im Rahmen logischer Untersuchungen genötigt sah, den sogenannten logischen Ausdrücken  nicht, und, oder, alle, es gibt  usw. eine größere Aufmerksamkeit zuzuwenden als bisher.

Empiristische Erkenntnistheoretiker und Logiker hatten mit diesen Ausdrücken ursprünglich nichts Rechtes anzufangen gewußt; sie paßten nicht in ihr Mosaikbild von der Sprache. Noch nach J.St. MILL müßten diese Wörter in einer idealen Sprache vollkommen verschwinden; denn diese ideale Sprache bestünde nur mehr in einer Aneinanderreihung von Namen. Heute weiß man, daß eine der wichtigsten Funktionen der Sprache, nämlich die Möglichkeit des  Argumentierens,  der Bildung logischer Ableitungen und Beweisführungen, auf diesen Zeichen und ihrer Funktion beruht.

Eine "Darstellungsfunktion" der Sprache gäbe es bis zu einem gewissen Grade auch, wenn das Mosaikbild zutreffend wäre (und es ist z.B. für die Sprache der Bienen annähernd zutreffend, in der es ebenfalls eine "Darstellungsfunktion" gibt); eine Argumentationsfunktion der Sprache fällt aus diesem Bilde heraus (in der Bienensprache z.B. kann man nicht argumentieren). Die logischen Ausdrücke bezeichnen nichts; es hat keinen Sinn, zu fragen, worauf sich das "nicht", das "und" oder das "alle" beziehen. Eine solche Frage stellen hieße, der falschen Idee huldigen, wonach all Ausdrücke Namen sind. Das, was diesen Ausdrücken Bedeutung verleiht, sind einzig und allein bestimmte  Operationsregeln,  welche für sie gelten.

Die Operationsregel für die Negation besagt, daß der negierte Satz den gegenteiligen Wahrheitswert hat als der unnegierte, die Operationsregel für das "alle", daß ein mit Hilfe dieses Wortes gebildeter Satz nur dann wahr ist, wenn sämtliche Sätze wahr sind, die durch Ersetzung des "alle" durch beliebige Gegenstandsnamen zustande kommen usw. So gelangte man dazu, zwischen den logischen Ausdrücken und den deskriptiven Ausdrücken zu unterscheiden. Die ersteren bezeichnen nichts, daher sind für ihre Bedeutung nur die für sie geltenden Gebrauchsregeln maßgebend, die letzteren hingegen "bezeichnen Gegenständliches".

Doch auch mit den deskriptiven Zeichen verhält es sich im Prinzip nicht anders. Auch für ihre Bedeutung sind allein die  Regeln für ihren Gebrauch  maßgebend, nicht hingegen die "durch sie bezeichneten" individuellen oder allgemeinen Gegenstände und auch nicht die mit ihnen assoziierten Vorstellungen. Diese Einsicht mag zuerst den Nominalisten gedämmert haben, als sie leugneten, daß die generellen Prädikatsausdrücke als Namen platonischer Wesenheiten aufgefaßt werden dürften. Immerhin wurden diese Ausdrücke auch von den mittelalterlichen Nominalisten als  "allgemeine Namen"  bezeichnet; sie schienen danach Namen ohne Namensträger zu sein, eigentlich Wörter ohne Existenzberechtigung.

Die Situation änderte sich, als man erkannte, daß es synkategorematische Ausdrücke gibt, die erst  innerhalb eines Kontextes  einen Sinn ergeben. Ein zweiter Schritt bestand dann darin, alle generellen Prädikatausdrücke, nämlich offene Sätze, z.B. "x ist rot", zu konstruieren.

Lehre ich jemandem die Bedeutung eines solchen Ausdrucks, dann beginne ich nicht damit, ihm meinen Geisteszustand zu schildern, und in ihm einen ähnlichen Geisteszustand hervorzurufen - was ich tun müßte, wenn es auf die mit dem Wort verbundene Vorstellung ankäme -, ich bemühe mich auch nicht, ihm eine Schau allgemeiner Wesenheiten wie der Röter zu vermitteln, sondern ich trachte danach, in ihm die Fähigkeit zu erzeugen, das Wort in der Zukunft richtig zu gebrauchen.

Das Erlernen des Gebrauches von generellen Ausdrücken kann in gewissem Sinne als ein Induktionsvorgang bezeichnet werden; denn nie kann ich alle Fälle der Anwendung des Ausdruckes anführen, ich kann nur gewisse positive Fälle angeben, in denen der Ausdruck zu gebrauchen ist und gewissen negative, in denen er nicht zu gebrauchen ist. Ob der Lernende mich verstanden hat, kann nur die nachträgliche Anwendung zeigen, die er von dem Ausdruck macht.

Auch für die Namen und die sonstigen Bezeichnungen von Einzelgegenständen gilt, daß die ihren Gebrauch bestimmenden Regeln ihre Bedeutung ausmachen, und nicht die mit ihnen verbundenen Vorstellungen oder sonstigen "intentionalen Akte". Solche psychischen Begleitvorgänge können zwar den richtigen Gebrauch erleichtern, sie sind aber für ihn nicht wesentlich. Somit erweist sich die ganze Sprache als von einem System von Regeln beherrscht. Daher ist das Bild vom Schachspiel als eine erste Annäherung geeignet.

Wird mit dieser Vorstellung von der Sprache als einem mehr oder weniger komplizierten Spiel nicht der eigentliche geistige Gehalt der Sprache vernichtet? Ganz im Gegenteil. Solange man glaubt, daß die einzelnen Wörter die Bedeutungen wie ein ätherische Wolke mit sich führen, die jederzeit durch geeignete intentionale Akte reproduzierbar sind, liegt im sinnvollen Reden überhaupt keine Leistung (warum sollten z.B. die Tiere  zu dumm sein,  um solche Akte zu vollziehen?). Erst dadurch, daß sie ein Spiel auf Grund eines Systems von Regeln darstellt, die "beherrscht werden müssen, wird die Sprache zu jenem einzigartigen geistigen Phänomen, durch das sie den Menschen über das Tierreich emporhebt.

Vertritt man die Ansicht, daß die Wörter ihre Bedeutung mit sich führen, so kann man gar nicht angeben, wieso eine Bedeutungsanalyse auf Schwierigkeiten stoßen sollte. Das wiederholte Aussprechen des Wortes müßte bei normalem Funktionieren des Gedächtnisses das Hervorrufen der vollen Bedeutung bewirken können. Bestehen die Bedeutungen jedoch in Regeln, die in nicht explizit formulierter Gestalt vorliegen, so muß man, um die Bedeutungen zu enthüllen, diesen Regeln nachgehen; und dies kann bisweilen ein ziemlich mühsames Unterfangen sein, da man dazu alle charakteristischen Vorkommnisse jenes Wortes, dessen Bedeutung zu analysieren ist, zusammentragen und miteinander vergleichen muß. Denn die Verwendungen der Ausdrücke stehen uns nicht mit einem Schlage vor Augen. Der Wert einer derartigen Untersuchung wird erhöht, wenn man mehr oder weniger verwandte Ausdrücke betrachtet, d.h. solche, für welche die Regeln bisweilen parallel verlaufen, bisweilen divergieren.

Der Vergleich mit dem Schachspiel ist nur ein Bild, das der ersten Annäherung dient. In vielen Hinsichten bestehen entscheidende Unterschiede zwischen der Sprache und einem derartigen Spiel. Einige dieser Unterschiede mögen kurz erwähnt werden:
  • Ein derartiges Spiel ist für sich isoliert, die Sprache nicht. Sie ist verwoben mit dem System unserer Handlungen, ja, sie kann bisweilen selbst reinen Handlungscharakter annehmen. Diese Tatsache wird sich in unserer späteren Betrachtung vor allem bei der Frage der Bedeutung des Wortes "wissen" als von großer Wichtigkeit erweisen.

  • Die Regeln des Schachspiels können zunächst besser mit jenen für einen mathematischen Kalkül verglichen werden: Sie sind vollkommen eindeutig, lassen keinen Vagheits- und Unbestimmtheitsspielraum offen. Die Gebrauchsregeln für sprachliche Ausdrücke führen zu keiner so strengen Fixierung: einmal belassen sie den Ausdrücken einen Vagheitsspielraum und zum anderen lassen sie die Bedeutungen der Ausdrücke stets nach unvorhersehbar viele Situationen in der Welt ergeben, wo diese Regeln versagen (wenn wir auch meist mit solchen Situationen nicht rechnen.

  • Die Sprache ist nicht  ein Spiel,  sondern ein Gewebe von zahllosen Spielen. "Über die Dinge reden" ist nur eines dieser Sprachspiele. WITTGENSTEIN hat auf die verschiedenen Sprachspiele hingewiesen wie: Märchen erzählen, Rätsel raten, Witze machen, in einer Schlacht Befehle erteilen und Meldungen entgegennehmen, aus einer Sprache in eine andere übersetzen, fluchen, grüßen, beten usw.

  • Das System der sprachlichen Verwendungsregeln ist nicht ein für allemal festgelegt, sondern ständig im Fluß. Es ist kein statisches, sondern ein dynamisches System. Die Dynamik ist eine doppelte: neue Spiele entstehen und vergehen und Regeln für Ausdrücke, die einem Spiel angehören, werden geändert. Dies drückt man dann so aus, daß man sagt, unser Begriffssystem unterliege einem ständigen Wandel.

LITERATUR - Wolfgang Stegmüller, Das Universalienproblem einst und jetzt, Darmstadt 1965