ra-3BuonarottiR. EuckenH. SettegastR. MohlH. Kantorowicz    
 
GEORG SIMMEL
Das Geheimnis und
die geheime Gesellschaft


"Was wir einem Andern mit Worten oder etwa auf sonstige Weise mitteilen, auch das Subjektivste, Impulsivste, Vertrauteste, ist eine Auswahl aus jenem seelisch-wirklichen Ganzen, dessen nach Inhalt und Reihenfolge absolut genaue Verlautbarung jeden Menschen  ins Irrenhaus  bringen würde. Es sind nicht nur in quantitativer Hinsicht Bruchstücke unseres tatsächlichen Innenlebens, die wir selbst dem nächsten Menschen allein offenbaren; sondern diese sind auch keine Auslese, die jene Tatsächlichkeit sozusagen auf Raten repräsentiert, sondern eine von einem  Gesichtspunkt der Vernunft, des Wertes,  der Beziehung zum Hörer, der Rücksicht auf sein Verstehen aus getroffene."

"In feinerern und weniger eindeutigen Formen, in fragmentarischen Ansätzen und Unausgesprochenheiten ruht der ganze Verkehr der Menschen darauf, daß jeder vom andern etwas mehr weiß, als dieser ihm willentlich offenbart. Während dies im individuellen Sinn als Indiskretion gelten kann, im sozialen aber erforderlich ist, als Bedingung für die bestehende Enge und Lebhaftigkeit des Verkehrs - ist die Rechtsgrenze dieses Einbruchs in das geistige Privateigentum außerordentlich schwer zu ziehen. Im allgemeinen spricht der Mensch sich das Recht zu, all das zu wissen, was er, ohne eine Anwendung äußerer illegaler Mittel, rein durch psychologische Beobachtung und Nachdenken ergründen kann. Tatsächlich aber kann die auf diese Weise geübte Indiskretion ebenso gewalttätig und moralisch unzulässig sein, wie das Horchen an verschlossenen Türen und das Hinschielen auf fremde Briefe."

"Das Geheimnis ist eine allgemeine soziologische Form, die völlig neutral über den Wertbedeutungen ihrer Inhalt steht. Sie nimmt einerseits die höchsten Werte in sich auf: so die feine Scham der vornehmen Seele, die gerade ihr Bestes verbirgt, um es sich nicht durch Lob oder Lohn bezahlen zu lassen; denn danach besitzt man gleichsam das Entgelt, aber nicht mehr den eigentlichen Welt selbst. Andererseits steht das Geheimnis zwar nicht mit dem Bösen, aber das Böse mit dem Geheimnis in einem unmittelbaren Zusammenhang. Denn aus naheliegenden Gründen verbirgt sich das Unsittliche - selbst da, wo sein Inhalt keine soziale Ahndung findet."

Alle Beziehungen von Menschen untereinander ruhen selbstverständlich darauf, daß sie etwas voneinander wissen. Der Kaufmann  weiß,  daß sein Kontrahent so billig wie möglich kaufen und so teuer wie möglich verkaufen will; der Lehrer  weiß,  daß er dem Schüler eine gewisse Qualität und Quantität an Lernstoff zumuten kann; innerhalb jeder Gesellschaftsschicht  weiß  der Einzelne, welches ungefähre Bildungsmaß er bei jedem anderen vorauszusetzen hat - und offenbar würden ohne solches Wissen die hiermit berührten Wirkungen zwischen Mensch und Mensch überhaupt nicht stattfinden können. An allen Verhältnissen persönlich differenzierter Art entwickelt sich - wie man leicht mit ersichtlichem Vorbehalt sagen kann - Intensität und Färbung in dem Maße, in dem jeder Teil sich dem anderen durch Worte und Leben offenbart. Wieviel Irrtum und bloßes Vorurteil in all diesem Kennen stecken mag, steht dahin. Wie aber unser Erkennen der äußeren Natur gegenüber neben seinen Täuschungen und Unzulänglichkeiten doch soweit Wahrheit erwirbt, wie für Leben und Fortschritt unserer Gattung erforderlich ist, so kennt jeder den anderen, mit dem er zu tun hat, im Großen und Ganzen insoweit richtig, daß Verkehr und Verhältnis möglich wird. Daß man weiß, mit  wem  man zu tun hat; die übliche gegenseitige Vorstellung bei irgendeiner länger dauernden Unterhaltung oder bei der Begegnung auf dem gleichen gesellschaftlichen Boden, ist, so sehr sie als hohle Form erscheint, ein zutreffendes Symbol jenes gegenseitigen Kennens, das ein Apriori jeder Beziehung ist. Dem Bewußtsein verbirgt sich dies vielfach, weil wir für eine außerordentlich große Zahl von Beziehungen nur die ganz typischen Tendenzen und Qualitäten gegenseitig vorhanden zu wissen brauchen, die in ihrer Notwendigkeit gewöhnlich erst dann bemerkt werden, wenn sie einmal fehlen. Eine spezielle Untersuchung würde sich lohnen, welche Art und Grad des gegenseitigen Kennens für die verschiedenen Verhältnisse unter Menschen erforderlich ist; wie sich allgemeine psychologische Voraussetzungen, mit denen jeder an jeden herantritt, mit den besonderen Erfahrungen über das Individuum, das uns gegenübersteht, verflechten; wie auf manchen Gebieten das gegenseitige Kennen kein beiderseitig gleiches zu sein braucht oder sein darf; wie bestehende Verhältnisse nur durch das auf beiden Seiten oder auf einer Seite wachsende Wissen um den anderen in ihrer Entwicklung bestimmt werden; endlich, umgekehrt: wie unser objektiv psychologisches Bild vom Andern durch die realen Beziehungen der Praxis und des Gemütes beeinflußt wird. Das letztere ist durchaus nicht nur im Sinne einer Fälschung gemeint. Sondern völlig legitimerweise ist die theoretische Vorstellung von einem bestimmten Individuum eine verschiedene je nach dem Standpunkt, von dem aus sie gefaßt wird und der durch die Gesamtbeziehung des Erkennenden zum Erkannten gegeben wird. Da man niemals einen andern  absolut  kennen kann, - was das Wissen um jeden einzelnen Gedanken und jede Stimmung bedeuten würde, - da man sich aber doch aus den Fragmenten von ihm, in denen allein er uns zugänglich ist, eine personale Einheit formt, so hängt die letztere von dem Teil seiner selbst ab, den unser Standpunkt ihm gegenüber uns zu sehen gestattet. Diese Unterschiede aber entstehen keineswegs nur durch solche in der Quantität des Erkennens. Keine psychologische Kenntnis ist ein Abklatsch ihres Objekts, sondern jede ist, wie die der äußeren Natur, von den Formen abhängig, die der erkennende Geist mitbringt und in die er das Gegebene aufnimmt. Diese Formen sind aber, wo es sich um die Erkenntnis von Individuum zu Individuum handelt, sehr individuelle differenziert, sie bringen es nicht zu der wissenschaftlichen Allgemeinheit und übersubjektiven Überzeugungskraft, die der äußeren Natur und den nur typischen Seelenvorgängen gegenüber erreichbar ist. Wenn  A  eine andere Vorstellung von  M  hat, als  B  sie besitzt, so braucht dies durchaus nicht Unvollkommenheit oder Täuschung zu bedeuten, sondern wie  A  nun einmal seinem Wesen und den gesamten Umständen nach zu  M  steht, ist dieses Bild von  M  für ihn Wahrheit, ebenso wie für  B  ein inhaltlich abweichendes. Es steht durchaus nicht über diesen beiden das objektiv richtige Wissen um  M,  von dem sie nach dem Maß ihrer Übereinstimmung mit ihm legitimiert würden. Das Wahrheitsideal vielmehr, dem sich freilich das Bild von  M  in der Vorstellung von  A  immer nur asymptotisch [annähernd, aber nie erreichend - wp] nähert, ist auch als  Ideal  ein anderes als das des  B,  es enthält als integrierende, gestaltende Voraussetzung die seelische Eigenart von  A  und das besondere Verhältnis, in das  A  und  M  durch ihre Charaktere und ihre Schicksale zueinander geraten. Jede Beziehung zwischen Mneschen läßt ein Bild des einen im anderen entstehen und dies steht ersichtlich in Wechselwirkung mit jener realen Beziehung: während sie die Voraussetzungen schafft, auf die hin die Vorstellung des einen vom andern so und so ausfällt und ihre für diesen Fall legitimierte Wahrheit besitzt, gründet sich andererseits die reale Wechselwirkung der Individuen auf dem Bild, das sie voneinander erwerben. Hier liegt einer der tiefgründigen Zirkel des geistigen Lebens vor, in denen eine Element ein zweites, dieses aber jenes voraussetzt. Während dies in engeren Gebieten ein Trugschluß ist, der das Ganze hinfällig macht, ist es auf einem allgemeineren und fundamentaleren der unvermeidliche Ausdruck der Einheit, zu der jene beiden Elemente zusammengehen, und die sich in unseren Denkformen nicht anders als ausdrücken läßt, als durch den Aufbau des ersten auf dem zweiten und gleichzeitig des zweiten auf dem ersten. So entwickeln sich unsere Verhältnisse auf der Basis eines gegenseitigen Wissens voneinander und dieses Wissen auf der Basis der tatsächlichen Verhältnisse, beides unlösbar ineinandergreifend und durch seine Alternierung [Änderung - wp] innerhalb der soziologischen Wechselwirkung diese als einen der Punkte erweisend, an dem das Sein und das Vorstellen ihre geheimnisvolle Einheit empirisch fühlbar machen.

Unser Wissen gegenüber dem Gesamtdasein, auf dem sich unser Handeln gründet, ist durch eigentümliche Einschränkungen und Abbiegungen bezeichnet. Daß "nur der Irrtum das Leben, das Wissen der Tod ist" kann prinzipiell natürlich nicht gelten, weil ein in fortwährenden Irrtümern befangenes Wesen fortwährend unzweckmäßig handeln und so unrettbar zugrunde gehen würde. Dennoch ist angesichts unserer zufälligen und mangelhaften Anpassungen an unsere Lebensbedingungen kein Zweifel, daß wir nicht nur so viel Wahrheit, sondern auch so viel Nichtwissen bewahren und so viel Irrtum erwerben, wie es für unser praktisches Tun zweckmäßig ist; anhebend bei den großen, das Menschheitsleben umgestaltenden Erkenntnissen, die aber ausbleiben oder unbeachtet bleiben, wenn nicht die gesamte Kulturlage diese Wendungen möglich und nützlich macht, bis zu der "Lebenslüge" des Individuums, das so oft der Täuschung über sein Können, ja, über sein Fühlen bedarf, des Aberglaubens im Hinblick auf Götter wie auf Menschen, um sich in seinem Sein und seinen Leistungsmöglichkeiten zu erhalten. In dieser psychologischen Hinsicht ist der Irrtum der Wahrheit koordiniert: die Zweckmäßigkeit [nutzen] des äußeren wie des inneren Lebens sorgt dafür, daß wir vom einen wie vom andern gerade  das  haben, was die Basis des für uns erforderlichen Verhaltens bildet - natürlich nur im Großen und Ganzen und mit einer weiten Latitüde für Schwankungen und mangelhafte Adaptionen [Anpassungen - wp].

Nun gibt es aber innerhalb des Objektkreises für Wahrheit und Täuschung einen bestimmten Ausschnitt, in dem beides einen sonst nirgends vorkommenden Charakter erwerben kann: das Innere des uns gegenüberstehenden Menschen, der uns die Wahrheit über sich mit Willen entweder offenbaren oder uns durch Lüge und Verheimlichung über sie täuschen kann. Kein anderes Objekt kann uns in dieser Weise von sich aus aufklären oder sich verstecken, wie der Mensch es kann, weil kein anderes sein Verhalten durch die Rücksicht auf sein Erkanntwerden modifiziert. Diese Modifikation findet natürlich nicht durchgängig statt: vielfach ist uns auch der andere Mensch prinzipiell nur wie ein Stück Natur, das unserer Erkenntnis sozusagen stillhält. Soweit dafür Äußerungen des Anderen in Betracht kommen, und eben solche, die von keinem anderen Gedanken an diese Verwertung ihrer modifiziert werden, sondern völlig unbefangene und unmittelbare Mitteilungen sind - wird ein prinzipielles Moment für die Bestimmung des Individuums durch seine Umgebung wichtig. Man hat es zu einem Problem erklärt, bzw. die weitgehendsten Folgerungen daraus gezogen, daß unser seelischer Prozeß, der rein naturhaft verläuft, doch in seinem Inhalt so gut wie immer zugleich den logischen Normen gemäß wäre; es ist in der Tat höchst merkwürdig, daß ein bloß von Naturursachen hervorgebrachtes Geschehen so vor sich geht, als ob es von den idealen Gesetzen der Logik regiert würde; denn es ist nicht anders, als ob ein Baumzweig, mit einem Telegraphenapparat so verbunden, daß seine Bewegungen im Wind diesen in Tätigkeit setzen, ihn damit zu Zeichen veranlaßte, die für uns einen vernünftigen Sinn ergeben. Diesem eigenartigen Problem gegenüber das als Ganzes hier nicht zur Diskussion steht, ist jedoch das eine zu bemerken: unsere tatsächlichen, psychologischen Prozesse sind in viel geringerem Grad logisch reguliert, als es nach ihren  Äußerungen  scheint. Achtet man genau auf die Vorstellungen, wie sie in der Zeitreihe kontinuierlich durch unser Bewußtsein gehen, so ist ihr Flackern, ihre Zickzackbewegungen, das Durcheinanderwirbeln sachlich zusammenhangloser Bilder und Ideen, ihre logisch gar nicht zu rechtfertigenden, sozusagen nur probeweisen Verbindungen - all das ist äußerst weit von einer vernunftmäßigen Normiertheit entfernt; nur werden wir uns dessen nicht häufig bewußt, weil unsere Interessenakzente nur auf dem "brauchbaren" Teil unseres Vorstellungslebens liegen, weil wir dessen Sprünge, seine Unvernünftigkeiten und sein Chaos, trotz der psychologischen Tatsächlichkeit all dessen, vor dem einigermaßen Logischen oder sonst Wertvollen rasch zu übergehen oder zu überhören pflegen. So ist nun all das, was wir einem Andern mit Worten oder etwa auf sonstige Weise mitteilen, auch das Subjektivste, Impulsivste, Vertrauteste, eine Auswahl aus jenem seelisch-wirklichen Ganzen, dessen nach Inhalt und Reihenfolge absolut genaue Verlautbarung jeden Menschen - wenn ein paradoxer Ausdruck erlaubt ist - ins Irrenhaus bringen würde. Es sind nicht nur in quantitativer Hinsicht Bruchstücke unseres tatsächlichen Innenlebens, die wir selbst dem nächsten Menschen allein offenbaren; sondern diese sind auch keine Auslese, die jene Tatsächlichkeit sozusagen  pro rata [auf Raten - wp] repräsentiert, sondern eine von einem Gesichtspunkt der Vernunft, des Wertes, der Beziehung zum Hörer, der Rücksicht auf sein Verstehen aus getroffene. Was wir auch sagen mögen, das über die Interjektion und das Mitteilungsminimum hinausgeht: wir stellen damit niemals unmittelbar und getreu dar, was nun wirklich in diesem Zeitabschnitt in uns vorgeht, sondern eine teleologisch gelenkte, aussparende und wieder zusammensetzende Umformung der inneren Wirklichkeit. Mit einem Instinkt, der das Gegenteil automatisch ausschließt, zeigen wir Niemandem den rein kausal wirklichen, vom Standpunkt der Logik, der Sachlichkeit, des Sinnes aus ganz inkohärenten und unvernünftigen Verlauf unserer Seelenvorgänge, sondern immer nur einen durch Selektion und Anordnung stilisierten Ausschnitt aus diesen; und es ist überhaupt kein anderer Verkehr und keine andere Gesellschaft denkbar, als die auf diesem teleologisch bestimmten Nichtwissen des einen um den andern beruth.

Von dieser selbstverständlichen, apriorischen, sozusagen absoluten Voraussetzung werden die relativen Unterschiede umfaßt, die wir als das aufrichtige Uns-Offenbaren und das lügenhafte Uns-Verbergen kennen.

Jede Lüge, wie sachlicher Natur auch ihr Gegenstand sein mag, ist ihrem inneren Wesen nach eine Irrtumserregung über das lügende  Subjekt:  denn sie besteht darin, daß der Lügner die wahre Vorstellung, die er besitzt, dem Andern verbirgt. Nicht, daß der Belogene über die  Sache  eine falsche Vorstellung hat, erschöpft das spezifische Wesen der Lüge - das teilt sie mit dem einfachen Irrtum; sondern daß er über die innere Meinung der  lügenden Person  in einer Täuschung erhalten wird. Wahrhaftigkeit und Lüge nun sind für die Verhältnisse der Menschen untereinander von der weittragendsten Bedeutung. Soziologische Strukturen unterscheiden sich auf das Charakteristischste durch das Maß der Lüge, das in ihnen wirksam ist. Zunächst ist in sehr einfachen Verhältnissen die Lüge für den Bestand der Gruppe vielfach harmloser als in komplizierten. Der primitive Mensch, in einem Kreis von geringem Umfang lebend, seine Bedürfnisse durch Eigenproduktion oder unmittelbare Kooperation beschaffend, seine geistigen Interessen auf eigene Erfahrungen oder einreihige Tradition beschränkend, überblickt und kontrolliert das Material seines Daseins leichter und vollständiger, als der Mensch höherer Kulturen. Die unzähligen Irrtümer und Abergläubischkeiten im Leben des primitiven Menschen sind ihm zwar verderblich genug, aber lange nicht so, wie die entsprechenden in fortgeschrittenen Epochen wären, weil die Praxis seines Lebens in der Hauptsache auf jene wenigen Tatsachen und Verhältnisse eingestellt ist, von denen sein enger Gesichtskreis ihm eine  richtige  Ansicht unmittelbar zu gewinnen erlaubt. Bei einem reicheren und weiteren Kulturleben dagegen steht das Leben auf tausend Voraussetzungen, die der Einzelne überhaupt nicht bsi zu ihrem Grund verfolgen und verifizieren kann, sondern die er auf Treu und Glauben hinnehmen muß. In einem viel weiteren Umfang, als man es sich klar zu machen pflegt, ruht unsere moderne Existenz - von Wirtschaft, die immer mehr zur Kreditwirtschaft wird, bis zum Wissenschaftsbetrieb, in dem die Mehrheit der Forscher unzählige, ihnen gar nicht nachprüfbare Resultate anderer verwenden muß - auf dem Glauben an die Ehrlichkeit des andern. Wir bauen unsere wichtigsten Entschlüsse auf ein kompliziertes System von Vorstellungen, deren Mehrzahl das Vertrauen, daß wir nicht betrogen sind, voraussetzt. Dadurch wird die Lüge in modernen Verhältnissen zu etwas viel verheerenderem, die Grundlagen des Lebens viel mehr in Frage stellenden, als es früher der Fall war. Wenn die Lüge noch heute bei uns als eine so läßliche Sünde erschiene, wie bei den griechischen Göttern, den jüdischen Erzvätern oder den Südseeinsulanern, wenn nicht die äußerste Streng des Moralgebotes davon abschrecken würde, so wäre der Aufbau des modernen Lebens schlechthin unmöglich, das in einem viel weiteren als dem ökonomischen Sinne "Kreditwirtscahft" ist. Dieses Verhältnis der Zeiten wiederholt sich an den Distanzen anderer Dimensionen. Je ferner dritte Personen dem Zentrum unserer Persönlichkeit stehen, desto eher können wir uns praktisch, aber auch innerlich mit ihrer Unwahrhaftigkeit abfinden: wenn die paar nächsten Menschen uns belügen, wird das Leben unerträglich. Diese Banalität muß dennoch soziologisch hervorgehoben werden, weil sie zeigt, daß die Maße von Wahrhaftigkeit und Lüge, die mit dem Bestand von Verhältnissen verträglich sind, eine Skala bilden, an der die Intensitätsmaße dieser Verhältnisse abzulesen sind.

Zu jener relativen soziologischen  Zulässigkeit  der Lüge in primitiven Zuständen aber kommt eine positive Zweckmäßigkeit derselben. Wo die erste Organisierung, Rangierung, Zentralisierung der Gruppe in Frage steht, wird sie durch eine Unterwerfung der Schwachen unter die körperlich und geistig Überlegenen stattfinden. Die Lüge, die sich durchsetzt, d. h. nicht durchschaut wird, ist zweifellos ein Mittel, geistige Überlegenheit zur Wirkung zu bringen und zur Lenkung und Unterdrückung der weniger Schlauen zu verwenden. Es ist ein geistiges Faustrecht, ebenso brutal, aber gelegentlich ebenso am Platz wie das physische, sei es als Selektion zur Züchtung der Intelligenz, sei es, um einigen Wenigen, für die nun Andere arbeiten müssen, die Muße zur Produktion höherer Kulturgüter zu schaffen, sei es, um den Gruppenkräften einen Anführer zu geben. Je mehr diese Zwecke mit den Mitteln von geringeren unerwünschten Nebenwirkungen erreicht werden, desto weniger bedarf es der Lüge und desto mehr Raum wird für das Bewußtsein ihrer ethischen Verwerflichkeit. Dieser Prozeß ist noch keineswegs abgeschlossen. Der Kleinhandel glaubt noch heute, gewisser lügenhafter Anpreisungen der Waren nicht entbehren zu können und übt sie deshalb mit gutem Gewissen. Der Großhandel und das Detailgeschäft wirklich großen Stils hat dieses Stadium überwunden und kann in der Darbietung seiner Waren mit vollkommener Aufrichtigkeit verfahren. Sobald die Betriebsart auch des kleinen und mittleren Kaufmanns die gleiche Vollkommenheit erreicht haben wird, werden die Übertreibungen und direkten Unwahrheiten in Reklame und Anempfehlung, die ihm heute im allgemeinen nicht übelgenommen werden, dieselbe ethische Verurteilung erfahren, die heute schon an den Stellen der praktischen Entbehrlichkeit jener stattfindet. Der auf Wahrhaftigkeit gebaute Verkehr wird innerhalb einer Gruppe im allgemeinen umso angemessener sein, je mehr das Wohl der Vielen statt der Wenigen ihre Norm bildet. Denn die Belogenen - also die durch die Lüge Geschädigten - werden immer gegenüber dem Lügner, der durch die Lüge seinen Vorteil findet, in der Mehrzahl sein. Deshalb ist die "Aufklärung", die auf die Beseitigung der im sozialen Leben wirksamen Unwahrheiten zielt, durchaus demokratischen Charakters.

Der Verkehr der Menschen ruht normalerweise darauf, daß ihren Vorstellungswelten gewisse Bestandteile gemeinsam sind, daß objektiv-geistige Inhalte das Material bilden, das durch ihre Beziehungen zu subjektivem Leben entwickelt wird; wovon der Typus und der wesentliche Träger die für Alle gleiche Sprache ist. Sieht man aber näher zu, so besteht die hiermit gemeinte Basis keineswegs nur in dem, was der eine und der andere weiß, bzw. was der eine als seelischen Inhalt des andern kennt, sondern dies ist von solchem durchwebt, was nur der eine, der andere aber nicht weiß. Und zwar werden sich an dieser Beschränkung noch positivere Bedeutsamkeiten erweisen, als jene früheren, die sich aus dem Gegensatz der unlogisch-zufälligen Wirklichkeit des Vorstellungsverlaufs zu dem ergaben, was wir davon logisch-teleologisch auswählen, um es Anderen zu offenbaren. Die Dualistik des menschlichen Wesens, die jede Äußerung desselben aus einer Mehrheit auseinanderliegender Quellen fließen, jedes Maß gleichzeitig als ein großes und als ein kleines empfinden läßt, je nachdem es mit einem Kleineren oder Größeren zusammen betrachtet wird - diese läßt auch die soziologischen Verhältnisse durchaus dualistisch bedingt sein: die Eintracht, Harmonie, Zusammenwirksamkeit, die als die schlechthin sozialisierenden Kräfte gelten, müssen von Distanz, Konkurrenz, Repulsion [Abstoßung - wp] durchbrochen werden, um die wirkliche Konfiguration der Gesellschaft zu ergeben; die festen organisierenden Formen, die die Gesellschaft als solche oder zu einer solchen zu bilden scheinen, müssen fortwährend durch individualistisch-irreguläre Kräfte zerstört, debalanziert, angenagt werden, um nachgebend und widerstehend die Lebendigkeit ihrer Reaktion und Entwicklung zu gewinnen; die Verhältnisse intimen Charakters, deren formaler Träger die körperlich-seelische Nähe ist, verlieren den Reiz, ja, den Inhalt ihrer Intimität, sobald das Nahverhältnis nicht, gleichzeitig und alternierend, auch Distanz und Pausen einschließt; schließlich, worauf es hier ankommt: das Wissen umeinander, das die Beziehungen positiv bedingt, tut dies doch nicht schon für sich allein - sondern, wie sie nun einmal sind, setzen sie ebenso ein gewisses Nichtwissen ein, freilich unermeßlich wechselndes Maß gegenseitiger Verborgenheit voraus. Die Lüge ist nur eine sehr rohe, im letzten Grund oft widerspruchsvolle Form, in der diese Notwendigkeit zutage tritt. So oft sie ein Verhältnis zerstören mag - solange es bestand, war sie doch ein integrierendes Element seinre Beschaffenheit. Man muß sich hüten, durch den in ethischer Hinsicht negativen Wert der Lüge über die soziologisch durchaus positive Bedeutung getäuscht zu werden, die sie in der Gestaltung gewisser konkreter Verhältnisse ausübt. Im Übrigen ist die Lüge in Bezug auf die jetzt fragliche soziologische Elementartatsache: die Einschränkung der Kenntnis des einen vom andern - hier nur  eines  der möglichen Mittel, die positive und sozusagen aggressive Technik, deren Zweck im allgemeinen durch ein bloßes Geheimhalten und Verbergen erreicht wird. Um diese allgemeineren und negativeren Formen handelt es sich im Folgenden.

Bevor das Geheimnis als bewußt gewolltes Verbergen in Frage kommt, bedarf es der Erwähnung, in wie verschiedenen Maßen verschiedene Verhältnisse die gegenseitige Kenntnis der Gesamtpersönlichkeiten außerhalb ihrer Grenzen lassen. Von den Vereinigungen, die überhaupt noch eine direkte Wechselwirkung in sich schließen, steht hier der Zweckverband obenan - und zwar derjenige, bei dem schlechthin objektive und durch die Zusammengehörigkeit zum Verband von vornherein bestimmte Leistungen der Mitglieder in Frage stehen - am entschiedensten also in der Form der reinen Geldbeiträge. Hier beruth die Wechselwirksamkeit, der Zusammenhalt, die gemeinsame Zweckverfolgung durchaus nicht darauf, daß einer den andern psychologisch kennt. Der Einzelne ist als Mitglied der Gruppe ausschließlich der Träger einer bestimmten Leistung, und welche individuellen Motive ihn zu dieser bestimmen oder welche Gesamtpersönlichkeit überhaupt sein Handeln trägt, ist hier völlig gleichgültig. Der Zweckverband ist die schlechthin  diskrete  soziologische Formung, seine Teilnehmer sind in psychologischer Hinsicht anonym und brauchen, um die Vereinigung zu bilden, voneinander eben nur zu wissen,  daß  sie sie bilden. Die steigende Objektivierung unserer Kultur, deren Gebilde immer mehr aus unpersönlichen Energien erwachsen und immer weniger die subjektive Ganzheit des Individuums in sich aufnehmen, wie es der Gegensatz der Handwerkerarbeit und der Fabrikarbeit am einfachsten expemplifiziert - diese Objektivierung ergreift auch die soziologischen Gebilde; so daß Vereinigungen, in die früher der ganze individuelle Mensch eintrat und die infolgedessen ein gegenseitiges Kennen über den unmittelbaren Sachgehalt der Beziehung hinaus forderten, jetzt auf diesen, reinlich herausdifferenzierten, ausschließlich gestellt sind.

Damit gewinnt auch jene Vor- oder Nachform des Wissens um einen Menschen: das Vertrauen zu ihm - ersichtlich eine der wichtigsten synthetischen Kräfte innerhalb der Gesellschaft - eine besondere Evolution. Vertrauen, als die Hypothese künftigen Verhaltens, die sicher genug ist, um praktisches Handeln darauf zu gründen, ist als Hypothese ein mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen um den Menschen. Der völlig Wissende braucht nicht zu  vertrauen,  der völlig  Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen. (1) Welche Maße von Wissen und Nichtwissen sich mischen müssen, um die einzelne, auf das Vertrauen gebaute praktische Entscheidung zu ermöglichen, das unterscheidet die Zeitalter, die Interessengebiete, die Individuen. Jene Objektivierung der Kultur hat die zum Vertrauen erforderlichen Wissens- und Nichtwissensquanta entschieden differenziert. Der moderne Kaufmann, der mit dem andern ein Geschäft entriert [anbahnt - wp]; der Gelehrte, der mit einem anderen zusammen eine Untersuchung unternimmt; der Führer einer politischen Partei, der mit dem einer andern ein Abkommen über Wahlangelegenheiten oder die Behandlung von Gesetzesvorschlägen trifft - alle diese wissen, von Ausnahmen und Unvollkommenheiten abgesehen, über ihren Partner genau das, was zu wissen für die zu knüpfende Beziehung erforderlich ist. Die Traditionen und Institutionen, die Macht der öffentlichen Meinung und die Umschriebenheit der Stellung, die den Einzelnen unentrinnbar präjudiziert, sind so fest und zuverlässig geworden, daß man vom andern nur gewisse Äußerlichkeiten zu wissen braucht, um das für die gemeinsame Aktion erforderliche Zutrauen zu haben. Das Fundament an persönlichen Qualitäten, von dem prinzipiell eine Modifikation des Verhaltens innerhalb der Beziehung ausgehen könnte, kommt nicht mehr in Betracht, die Motivierung und Regulierung dieses Verhaltens hat sich so versachlicht, daß das Vertrauen nicht mehr der eigentlich personalen Kenntnis bedarf. In primitiveren, weniger differenzierten Verhältnissen wußte man von seinem Partner sehr viel mehr - in persönlicher Hinsicht - und sehr viel weniger in Bezug auf die rein sachliche Zuverlässigkeit. Beides gehört zusammen: um angesichts des Mangels in letzterer Hinsicht das erforderliche Vertrauen zu erzeugen, bedurfte es eines viel höheren Maßes des Wissens in ersterer. Jenes rein generelle, nur das Sachliche an der Person betreffende Kennen ihrer, von dessen Grenze an ihr Persönlich-Individuelles ihr Geheimnis bleiben kann, muß sich nun erheblich durch das Kennen dieses Persönlichen ergänzen, sobald die Zweckvereinigung eine wesentliche Bedeutung für die  Gesamtexistenz  der Teilnehmer besitzt. Der Kaufmann, der einem anderen Getreide oder Petroleum verkauft, braucht nur zu wissen, ob dieser für den Betrag gut ist; sobald er aber einen anderen zum Teilhaber nimmt, muß er nicht nur die Vermögenslage und gewisse ganz allgemeine Qualitäten desselben kennen, sondern muß ihn als Persönlichkeit weitgehend durchschauen, muß seine Anständigkeit, seine Verträglichkeit, sein wagendes oder zagendes Temperament kennen; und auf einer solchen - gegenseitigen - Kenntnis ruht nicht nur das Eingehen des Verhältnisses, sondern seine gesamte Fortsetzung, die täglichen gemeinsamen Aktionen, die Funktionsteilung unter den Kompagnons. Das Geheimnis der Persönlichkeit ist jetzt soziologisch beschränkter, es ist ihr bei der Breite, in der das Gemeinsamkeitsinteresse von den persönlichen Beschaffenheiten getragen ist, kein so weitgehendes Fürsichsein mehr gestattet.

Jenseits der Zweckvereinigungen, aber ebenso jenseits der in der ganzen Persönlichkeit wurzelnden Verhältnisse, steht die soziologisch höchst eigentümliche Beziehung, die man in den höheren Kulturschichten jetzt als die "Bekanntschaft" schlechthin bezeichnet. Daß man sich gegenseitig "kennt", bedeutet in diesem Sinne durchaus nicht, daß man sich gegenseitig  kennt,  d. h. einen Einblick in das eigentlich Individuelle der Persönlichkeit hat; sondern nur, daß jeder sozusagen von der Existenz des andern Notiz genommen hat. Charakteristischerweise wird dem Begriff der Bekanntschaft schon durch die Namensnennung, die "Vorstellung", genügt: die Kenntnis des "Daß", nicht des "Was" der Persönlichkeit bedingt die "Bekanntschaft". Indem man aussagt, mit einer bestimmten Person bekannt, ja selbst gut bekannt zu sein, bezeichnet man doch sehr deutlich den Mangel eigentlich intimer Beziehungen; man kennt vom Andern unter dieser Rubrik nur das, was er nach außen hin ist: entweder in einem rein gesellschaftlich-repräsentativen Sinn, oder so, daß man eben nur kennt, was der andere uns zeigt; der Grad des Kennens, den das "Gut-miteinander-Bekanntsein" einschließt, bezieht sich gleichsam nicht auf das "Ansich" des andern, nicht auf das, was in der innerlichen Schicht, sondern nur was in der, dem Andern und der Welt zugewandten wesentlich ist. Deshalb ist die Bekanntschaft in diesem gesellschaftlichen Sinn der eigentliche Sitz der "Diskretion". Denn diese besteht keineswegs nur im Respekt vor dem  Geheimnis  des Andern, vor seinem direkten  Willen uns dies oder jenes zu verbergen; sondern schon darin, daß man sich von der Kenntnis all dessen am Andern fernhält, was er nicht positiv offenbart. Es handelt sich hier also prinzipiell nicht um  Bestimmtes,  das man nicht wissen darf, sondern um die ganz allgemeine, der Gesamtpersönlichkeit gegenüber geübte Reserve, und um eine Spezialform des typischen Gegensatzes der Imperative: was nicht verboten ist, ist erlaubt, und: was nicht erlaubt ist, ist verboten. So scheiden sich die Verhältnisse der Menschen an der Frage des Wissens um einander: was nicht verborgen wird, darf gewußt werden, und: was nicht offenbart wird, darf auch nicht gewußt werden. Die letztere Entscheidung entspricht der auch sonst wirkungsvollen Empfindung, daß um jeden Menschen eine ideelle Sphäre liegt, nach verschiedenen Richtungen und verschiedenen Personen gegenüber freilich ungleich groß, in die man nicht eindringen kann, ohne den Persönlichkeitswert des Individuums zu zerstören. Einen solchen Bezirk legt die Ehre um den Menschen; sehr fein bezeichnet die Sprache eine Ehrenkränkung als "zu nahe Treten", der Radius jener Sphäre sozusagen bezeichnet die Distanz, deren Überschreitung durch eine fremde Persönlichkeit die Ehre kränkt. Eine andere Sphäre der gleichen Form entspricht dem, was man als die "Bedeutung" einer Persönlichkeit bezeichnet. Dem "bedeutenden" Menschen gegenüber besteht ein innerer Zwang zum Distanzhalten, der selbst im intimen Verhältnis mit ihm nicht ohne weiteres verschwindet und der nur für denjenigen nicht vorhanden ist, der kein Organ zur Wahrnehmung der Bedeutung hat. Darum existiert jene Distanzsphäre nicht für den "Kammerdiener", weil es für ihn keinen "Helden" gibt, was aber nicht am Helden, sondern am Kammerdiener liegt. Darum ist auch alle Zudringlichkeit mit einem auffallenden Mangel an Gefühl für die Bedeutungsunterschiede der Menschen verbunden; wer einer bedeutenden Persönlichkeit gegenüber zudringlich ist, schätzt sie nicht - wie es oberflächlich scheinen könnte, - hoch oder zu hoch, sondern umgekehrt, er offenbart damit gerade das Fehlen der eigentlichen Achtung. Wie der Maler die Bedeutsamkeit einer Gestalt in einem vielfigurigen Bild oft dadurch nachdrücklich macht, daß er die andern in einem erheblichen Abstand um sie herum anordnet, so ist auch das soziologische Gleichnis der Bedeutung die Distanz, die den andren außerhalb einer bestimmten, von der Persönlichkeit mit ihrer Macht, ihrem Willen, ihrer Größe ausgefüllten Sphäre hält. Ein derartiger, wenn auch ganz anders wertbetonter Umkreis umgibt den Menschen, besetzt mit seinen Angelegenheiten und Beschaffenheiten, in die durch  Kenntnisnahme  einzudringen, eine Verletzung seiner Persönlichkeit bedeutet. Wie das materielle Eigentum gleichsam eine Ausdehnung des Ich ist - Besitz ist eben, was dem Willen des Besitzers gehorcht, wie, in nur gradueller Unterschiedenheit, der Leib, der unser erster "Besitz" ist - und wie deshalb jeder Eingriff in den Besitzstand als eine Vergewaltigung der Persönlichkeit empfunden wird, so gibt es ein geistiges Privateigentum, dessen Vergewaltigung eine Lädierung des Ich in seinem Zentrum bewirkt. Diskretion ist nichts anderes als das Rechtsgefühl in Bezug auf die Sphäre der unmittelbaren Lebensinhalte. Natürlich ist auch sie in ihrer Lage nach verschiedenen Persönlichkeiten hin sehr verschieden ausgedehnt, wie auch die der Ehre und des Eigentums den "nahe" stehenden Personen gegenüber einen ganz anderen Radius haben, als den Fremden und Gleichgültigen. Bei den vorhin behandelten, in einem engeren Sinn gesellschaftlichen Beziehungen, wie man sie am einfachsten als "Bekanntschaften" bezeichnet, handelt es sich zunächst um eine ganz typische Grenze, jenseits deren vielleicht gar keine gehüteten Geheimnisse liegen, über die aber der Andere konventionell-diskreterweise nicht durch Fragen oder sonstige Invasionen hindringt.

Die Frage, wo diese Grenze liegt, ist selbst nur prinzipiell keineswegs einfach zu beantworten, sondern führt in das feinste Gefüge der gesellschaftlichen Formung hinab. Es kann nämlich das Recht jenes geistigen Privateigentums ebensowenig in einem absoluten Sinn bejaht werden, wie das des materiellen. Wir wissen, daß das letztere innerhalb einer höheren Kultur nach den drei wesentlichen Seiten: Erwerb, Sicherung, Fruktifizierung [Verwertung - wp] - niemals auf den bloß eigenen Kräften des Individuums steht, sondern dazu der Zustände und Kräfte des gesellschaftlichen Milieus bedarf, und daß deshalb seine Einschränkung - sei es durch den Erwerb betreffende Prohibitionen [Verbote - wp], sei es durch Besteuerung - von vornherein das Recht des Ganzen ist; aber dieses Recht ist noch tiefer gegründet, als auf dem Prinzip der Leistung und Gegenleistung zwischen Gesellschaft und Individuum, nämlich auf dem viel elementareren, daß der Teil sich so viel Einschränkung seines Fürsichseins und -habens gefallen lassen muß, wie die Erhaltung und die Zwecke des Ganzen erfordern. Und dies gilt auch für die innere Sphäre des Menschen. Denn im Interesse des Verkehrs und des sozialen Zusammenhalts  muß  der Eine vom Andern gewisse Dinge wissen, und dieser Andere hat nicht das Recht, sich von einem moralischen Standpunkt aus dagegen zur Wehr zu setzen und die Diskretion des Ersten, d. h. den ungestört eigenen Besitz seines Seins und Bewußtseins auch da zu verlangen, wo die Diskretion die gesellschaftlichen Interessen schädigen würde. Der Geschäftsmann, der mit einem anderen langfristige Verpflichtungen kontrahiert, die Herrschaft, die einen Dienstboten engagiert, aber auch dieser letztere, bevor er sich in das Dienstverhältnis begibt; der Vorgesetzte, der einen Untergebenen avancieren [aufsteigen - wp] läßt; die Hausfrau, die eine neue Persönlichkeit in ihren Geselligkeitskreis aufnimmt - alle diese müssen berechtigt sein, von der Vergangenheit und Gegenwart des fraglichen Anderen, von seinem Temperament und seiner moralischen Beschaffenheit all das zu erfahren oder zu kombinieren, woraufhin sich die Aktion ihm gegenüber oder ihre Ablehnung vernünftigerweise gründen läßt. Dies sind ganz grobe Fälle, in denen die Diskretionspflicht: auf die Kenntnis all dessen, was der Andere uns nicht freiwillig zeigt, zu verzichten - vor den Erfordernissen für die Praxis zurücktreten muß. Aber in feinerern und weniger eindeutigen Formen, in fragmentarischen Ansätzen und Unausgesprochenheiten ruht der ganze Verkehr der Menschen darauf, daß jeder vom andern etwas mehr weiß, als dieser ihm willentlich offenbart, und vielfach solches, dessen Erkanntwerden durch den andern, wenn jener es wüßte, ihm unerwünscht wäre. Während dies im individuellen Sinn als Indiskretion gelten kann, im sozialen aber erforderlich ist, als Bedingung für die bestehende Enge und Lebhaftigkeit des Verkehrs - ist die Rechtsgrenze dieses Einbruchs in das geistige Privateigentum außerordentlich schwer zu ziehen. Im allgemeinen spricht der Mensch sich das Recht zu, all das zu wissen, was er, ohne eine Anwendung äußerer illegaler Mittel, rein durch psychologische Beobachtung und Nachdenken ergründen kann. Tatsächlich aber kann die auf diese Weise geübte Indiskretion ebenso gewalttätig und moralisch unzulässig sein, wie das Horchen an verschlossenen Türen und das Hinschielen auf fremde Briefe. Für den psychologisch Feinhörigen verraten die Menschen unzählige Male ihre geheimsten Gedanken und Beschaffenheiten, nicht nur obgleich, sondern oft gerade weil sie ängstlich bemüht sind, sie zu hüten. Das gierige, spionierende Auffangen jedes unbedachten Wortes, die bohrende Reflexion: was dieser Tonfall wohl zu bedeuten hat, wozu jene Äußerungen sich kombinieren lassen, was das Erröten bei der Nennung eines bestimmten Namens wohl verrät - all das überschreitet die Grenze der äußerlichen Diskretion nicht, ist durchaus die Arbeit des eigenen Intellekts und darum ein scheinbar unbestrittenes Recht des Subjekts; und dies umso mehr, als ein derartiger Mißbrauch der psychologischen Überlegenheit oft völlig unwillkürlich eintritt - wir können unserer Interpretation des Andern, der Konstruktion seiner Innerlichkeit, oft gar nicht Einhalt gebieten. So sehr der anständige Mensch sich jenes Nachgrübeln über die Verborgenheit des Andern, jene Ausnutzung seiner Unvorsichtigkeiten und Hilflosigkeiten verbieten wird, so vollzieht sich ein Erkenntnisprozeß dieses Gebietes oft so automatisch, sein Resultat steht oft so plötzlich und unübersehbar vor uns, daß der gute Wille gar nichts dagegen tun kann. Wo das zweifellos Unerlaubte jedoch unvermeidlich sein kann, ist die die Abgrenzung zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem umso deutlicher. Wie weit die Diskretion sich auch der geistigen Antastung "all dessen, was sein ist" zu enthalten hat, wie weit die Interessen des Verkehrs, das Aufeinander-Angewiesensein der Glieder derselben Gruppe diese Diskretionspflicht einschränken - das ist eine Frage, zu deren Beantwortung weder der sittliche Takt noch der Überblick über die objektiven Verhältnisse und ihre Forderungen allein genügt, da vielmehr beides durchaus zusammenwirken muß. Die Feinheit und Komplikation dieser Frage weist sie in viel höherem Grad auf die individuelle durch keine generelle Norm zu präjudizierende [vorwegnehmende - wp] Entscheidung, als es einer solchen für die Frage nach dem Privateigentum in einem materiellen Sinn bedarf.

Dieser Vorform oder dieser Ergänzung des Geheimnisses gegenüber, in der nicht das Verhalten des Geheimhaltenden, sondern das eines Andern in Frage steht, in der bei der Mischung gegenseitigen Kennens oder Nichtkennens der Akzent mehr auf dem Maß des ersteren als des letzteren liegt - ihr gegenüber kommen wir zu einer ganz neuen Wendung: in denjenigen Verhältnissen nämlich, die nicht wie die bisherigen um fest umschriebene und, wenn auch nur durch die Tatsache ihrer bloßen "Oberflächlichkeit", sachlich festzulegende Interessen zentrieren, sondern die sich, mindestens ihrer Idee nach, auf der ganze Breite der Persönlichkeiten aufbauen. Die hauptsächlichen Typen sind hier Freundschaft und Ehe. Soweit das Freundschaftsideal von der Antike her aufgenommen und eigentümlicherweise gerade im romantischen Sinn fortgebildet worden ist, geht es auf eine absolute seelische Vertrautheit, das Seitenstück dazu, daß den Freunden auch der materielle Besitz gemeinsam sein soll. Dieses Eintreten des ganzen, ungeteilten Ich in das Verhältnis mag in der Freundschaft deshalb plausibler sein als in der Liebe, weil ihr die einseitige Zuspitzung auf  ein  Element fehlt, die die Liebe durch ihre Sinnlichkeit erfährt. Freilich findet dadurch, daß im Gesamtumfang möglicher Verbindungsgründe einer gleichsam die  Tête [Kopf - wp] nimmt, eine gewisse Organisierung derselben statt, wie sie einer Gruppe durch die Führerschaft zuteil wird.  Ein  sehr starkes Beziehungsmoment bricht oft die Bahn, auf der ihm die andern, ohne dieses latent gebliebenen, folgen; und unleugbar öffnet bei den meisten Menschen die geschlechtliche Liebe die Tore der Gesamtpersönlichkeit am weitesten, ja, bei nicht wenigen ist die Liebe die einzige Form, in der sie ihr ganzes Ich geben können, wie dem Künstler die Form seiner jeweiligen Kunst die einzige Möglichkeit bietet, sein ganzes Inneres darzubieten. Besonders häufig dürfte dies bei Frauen beobachtet werden, - freilich soll auch die ganz anders gemeinte "christliche Liebe" das Entsprechende leisten - daß sie nicht nur, weil sie lieben, ihr sonstiges Sein und Haben rückhaltlos hingeben, sondern daß dieses gleichsam in der Liebe chemisch gelöst wird und nur und ganz in deren Färbung, Gestalt, Temperatur auf den andern überfließt. Andererseits aber, wo das Liebesgefühl nicht expansiv genug, die übrigen Seeleninhalte nicht bildsam genug sind, kann, wie ich andeutete, das Überwiegen der erotischen Verbindungslinie die übrigen, sowohl praktisch-sittlichen wie geistigen Berührungen, das Sich-Öffnen der jenseits des Erotischen liegenden Reservoire der Persönlichkeit unterdrücken. Die Freundschaft, der diese Heftigkeit, aber auch diese häufige Ungleichmäßigkeit der Hingabe fehlt, mag eher den ganzen Menschen mit dem ganzen Menschen verbinden, mag eher die Verschlossenheiten der Seele, zwar nicht so stürmisch, aber in einem breiteren Umfang und längeren Nacheinander lösen. Eine solche Vertrautheit dürfte jedoch mit der wachsenden Differenzierung der Menschen immer schwieriger werden. Vielleicht hat der moderne Mensch zuviel zu verbergen, um eine Freundschaft im antiken Sinn zu haben, vielleich sind die Persönlichkeiten auch, außer in sehr jungen Jahren, zu eigenartig individualisiert, um die volle Gegenseitigkeit des Verständnisses, des bloßen Aufnehmens, zu dem ja immer so viel ganz auf den andern eingestellte Divination [Heiligung - wp] und produktive Phantasie gehört, zu ermöglichen. Es scheint, daß deshalb die moderne Gefühlsweise sich mehr zu differenzierten Freundschaften neigt, d. h. zu solchen, die ihr Gebiet nur an je einer Seite der Persönlichkeiten haben und in die die übrigen nicht hineinspielen. Damit kommt ein ganz besonderer Typus der Freundschaft auf, der für unser Problem: das Maß des Eindringens oder der Reserve innerhalb des Freundschaftsverhältnisses - von größter Bedeutung ist. Diese differenzierten Freundschaften, die uns mit einem Menschen von der Seite des Gemütes, mit einem andern von der der geistigen Gemeinsamkeit her, mit einem Dritten um religiöser Impulse willen, mit einem vierten durch gemeinsame Erlebnisse verbinden - diese stellen im Hinblick auf die Diskretionsfrage, des Sich-Offenbarens und Sich-Verschweigens eine völlig eigenartige Synthese dar; sie fordern, daß die Freunde gegenseitig nicht in die Interessen- und Gefühlsgebiete hineinsehen, die nun einmal nicht in die Beziehung eingeschlossen sind und deren Berührung die Grenze des gegensetigen Sich-Verstehens schmerzlich fühlbar machen würde. Aber die so begrenzte und mit Diskretionen umgebende Beziehung kann dennoch aus dem Zentrum der ganzen Persönlichkeit kommen, von ihren letzten Wurzelsäften getränkt sein, so sehr sie sich nur in einen Abschnitt ihrer Peripherie ergießt; sie führt, ihrer Idee nach, in dieselbe Gemütstiefe und zu derselben Opferwilligkeit, wie undifferenziertere Epochen und Personen sie nur mit einer Gemeinsamkeit der gesamten Lebensperipherie verbinden, für die Reserven und Diskretion kein Problem sind.

Viel diffiziler liegt die Abmessung des Sich-Offenbarens und Sich-Zurückhaltens, mit ihren Komplementen, dem Eindringen und der Diskretion, in der Ehe. Hier gehört sie zu dem ganz allgemeinen, für die Soziologie des intimen Verhältnisses höchst wichtigen Problemgebiet: ob das Maximum von Gemeinsamkeitswerten dadurch erreicht wird, daß die Persönlichkeiten ihr Fürsichsein gänzlich aneinander aufgeben oder gerade umgekehrt durch ein Zurückbehalten - ob sie sich nicht etwa qualitativ  mehr  gehören, wenn sie sich quantitativ  weniger  gehören. Diese Frage des Maßes kann natürlich nur zugleich mit der andern beantwortet werden: wie denn innerhalb der Gesamtmitteilbarkeiten des Menschen die Grenze zu ziehen ist, an der eventuell die Zurückhaltung und der Respekt des andern beginnt. Der Vorzug der modernen Ehe - der beide Fragen freilich nur von Fall zu Fall beantwortbar macht - ist, daß diese Grenze nicht von vornherein festgelegt ist, wie es in andern und früheren Kulturen der Fall ist. In den letzteren namentlich ist die Ehe prinzipiell überhaupt kein erotisches, sondern nur ein ökonomisch-soziales Institut, die Befriedigung der Liebeswünsche ist nur akzidentiell [zufällig - wp] damit verbunden, sie wird, natürlich mit Ausnahmen, nicht aus der individuellen Attraktion, sondern aus Gründen der Familienverbindung, der Arbeitsverhältnisse, der Nachkommenschaft geschlossen. Zu einer äußerst klaren Differenzierung haben es in dieser Hinsicht die Griechen gebracht, laut DEMOSTHENES: "Wir haben Hetären für das Vergnügen, Konkubinen für die täglichen Bedürfnisse, Gattinnen aber, um uns rechtmäßige Kinder zu geben und für das Innere des Hauses zu sorgen." Offenbar wird bei einem so mechanischen, das seelische Zentrum außer Funktion setzenden Verhältnis - wie es übrigens, unter gewissen Modifikationen, die Geschichte und die Beobachtung der Ehe auf Schritt und Tritt zeigt - einerseits weder das Bedürfnis noch die Möglichkeit eines intimen gegenseitigen Sich-Erschließens vorliegen, andererseits werden aber auch manche Reserven des Zartgefühls und der Keuschheit wegfallen, die, trotz ihrer scheinbaren Negativität, doch gerade die Blüte eines ganz verinnerlichten, ganz persönlichen Nahverhältnisses sind. - Dieselbe Tendenz, von den Gemeinsamkeiten der Ehe bestimmte Lebensinhalte  a priori  und durch eine überindividuelle Satzung auszuschließen, liegt in der Mehrfachheit der Eheformen innerhalb eines Volkskreises, zwischen denen die Eheschließenden eine vorhergängige Wahl zu treffen haben, und die die ökonomischen, religiösen, familienrechtlichen Interessen in mannigfaltigen Weisen für die Ehe differenzieren: so bei vielen Naturvölkern, bei den Indern, bei den Römern. Nun wird niemand verkennen, daß auch innerhalb des modernen Lebens die Ehe wahrscheinlich überwiegend aus konventionellen oder materiellen Motiven eingegangen wird. Allein, gleichviel wie oft verwirklicht, die soziologische  Idee  der modernen Ehe ist die Gemeinsamkeit der Lebensinhalte, insoweit sie unmittelbar und durch ihre Wirkungen den Wert und das Schicksal der Persönlichkeit bestimmen. Und das Präjudiz dieser idealen Forderung ist durchaus nicht wirkungslos; es hat oft genug Raum und Anregung gegeben, eine ursprünglich sehr unvollkommene Gemeinsamkeit zu einer immer umfassenderen zu entwickeln. Aber während gerade die Unbeendbarkeit dieses Prozesses das Glück und die innere Lebendigkeit des Verhältnisses trägt, pflegt seine Umkehrung schwere Enttäuschungen zu bringen: wenn nämlich die absolute Einheit von vornherein antizipiert wird, Verlangen wie Darbieten keinerleit Zurückhaltung kennt, selbst diejenige nicht, die für alle feineren und tieferen Naturen auch dann noch immer in den dunklen Gründen der Seele bleibt, wenn sie sich ganz vor dem andern auszuschütten meint.

In der Ehe wie in eheartigen freien Verhältnissen liegt die Verführung sehr nahe, in der ersten Zeit völlig ineinander aufzugehen, die letzten Reserven der Seele denen der Körperlichkeit nachzuschicken, sich völlig vorbehaltlos aneinander zu verlieren. Dies aber wird meistens die Zukunft des Verhältnisses erheblich bedrohen. Ohne Gefahr können nur diejenigen Menschen sich  ganz  geben, die sich überhaupt nicht ganz geben  können,  weil der Reichtum ihrer Seele in fortwährenden Weiterentwicklungen beruth, die jeder Hingabe sogleich neue Schätze nachwachsen lassen; die eine Unerschöpflichkeit latenter seelischer Besitztümer haben, und diese deshalb so wenig mit einem Mal offenbaren und wegschenken können, wie mit den fortgegebenen Jahresfrüchten eines Baumes die des nächsten Jahres vergeben sind. Anders bei denen, die mit den Aufschwüngen des Gefühls, der Unbedingtheit einer Hingabe, der Offenbarung ihres Seelenlebens sozusagen vom Kapital nehmen, bei denen es an jener gar nicht zu offenbarenden und vom Ich gar nicht ablösbaren Quellkraft immer neuen seelischen Erwerbes fehlt. Da liegt dann die Chance nahe, daß man sich eines Tages mit leeren Händen gegenübersteht, daß die dionysische Schenkseligkeit eine Verarmung zurückläßt, die noch rückwirkend - ungerecht, aber darum nicht weniger bitter - sogar die genossenen Hingaben und ihr Glück Lügen straft. Wir sind nun einmal so eingerichtet, daß wir nicht nur, wie oben bemerkt. einer bestimmten Proportion von Wahrheit und Irrtum als Basis unseres Lebens bedürfen, sondern auch einer solchen von Deutlichkeit und Undeutlichkeit im Bilde unserer Lebenselemente. Was wir bis auf den letzten Grund deutlich durchschauen, zeigt uns eben damit die Grenze seines Reizes, und verbietet der Phantasie, ihre Möglichkeiten hinein zu weben, für deren Verlust keine Wirklichkeit uns entschädigen kann, weil jenes eben eine  Selbsttätigkeit  ist, die durch kein Empfangen und Genießen auf die Dauer ersetzt werden kann. Der Andere soll uns nicht nur eine hinzunehmende Gabe schenken, sondern auch die Möglichkeit, ihn zu beschenken, mit Hoffnungen und Idealisierungen, mit verborgenen Schönheiten und ihm selbst unbewußten Reizen. Der Ort aber, an dem wir all dies von uns, aber für ihn Hervorgebrachte, deponieren, ist der undeutliche Horizont seiner Persönlichkeit, das Zwischenreich, in dem der Glaube das Wissen ablöst. Es ist durchaus zu betonen, daß es sich dabei keineswegs nur um Jllusionen und einen optimistischen oder verliebten Selbstbetrug handelt, sondern einfach nur darum, daß uns ein Teil auch der nächsten Menschen, damit ihr Reiz für uns auf der Höhe bleibt, in der Form der Undeutlichkeit oder Unanschaulichkeit geboten werden muß; damit ersetzt die Mehrzahl der Menschen den Attraktionswert, den jene Minderzahl durch die Unerschöpflichkeit ihres inneren Lebens und Wachsens besitzt. Die bloße Tatsache des absoluten Kennens, des psychologischen Ausgeschöpfthabens ernüchtert uns auch ohne vorhergehenden Rausch, lähmt die Lebendigkeit der Beziehungen und läßt ihre Fortsetzung als etwas eigentlich Zweckloses erscheinen. Dies ist die Gefahr der restlosen und in einem mehr als äußeren Sinn schamlosen Hingabe, zu der die unbeschränkten Möglichkeiten intimer Beziehungen verführen, ja, die leicht als eine Art Pflicht empfunden werden - namentlich da, wo keine absolute Sicherheit des eigenen Gefühls besteht, und die Besorgnis, dem Andern nicht genug zu geben, dazu verleitet, ihm zuviel zu geben. An diesem Mangel gegenseitiger Diskretion, im Sinne des Nehmens wie des Gebens, gehen sicher viele Ehen zugrunde, d. h. verfallen in eine reizlos-banale Gewöhnung, in eine Selbstverständlichkeit, die keinen Raum für Überraschungen mehr hat. Die fruchtbare Tiefe der Beziehungen, die hinter jedem geoffenbarten Letzten noch ein Allerletztes ahnt und ehrt, die auch das sicher Besessene täglich von Neuem zu erobern reizt, ist nur der Lohn jener Zartheit und Selbstbeherrschung, die auch im engsten, den ganzen Menschen umfassenden Verhältnis noch das innere Privateigentum respektiert, die das Recht auf Frage durch das Recht auf Geheimnis begrenzen läßt.

Alle diese Kombinationen werden soziologisch dadurch bezeichnet, daß das Geheimnis des Einen vom Andern gewissermaßen anerkannt, daß das absichtlich oder unabsichtlich Verborgene absichtlich oder unabsichtlich respektiert wird. Die Absicht des Verbergens nimmt aber eine ganz andere Intensität an, sobald ihr die Absicht der Entschleierung gegenübersteht. Dann entsteht jenes tendenziöse Verstecken und Maskieren, jene sozusagen aggressive Defensive gegen den Dritten, die man erst eigentlich als Geheimnis bezeichnet. Das Geheimnis in diesem Sinne, das durch negative oder positive Mittel getragene Verbergen von Wirklichkeiten, ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit; gegenüber dem kindischen Zustand, in dem jede Vorstellung sofort ausgesprochen wird, jedes Unternehmen allen Blicken zugänglich ist, wird durch das Geheimnis eine ungeheure Erweiterung des Lebens erreicht, weil vielerlei Inhalte desselben bei völliger Publizität überhaupt nicht auftauchen können. Das Geheimnis bietet sozusagen die Möglichkeit einer zweiten Welt neben der offenbaren, und diese wird von jener auf das Stärkste beeinflußt. Es charakterisiert jedes Verhältnis zwischen zwei Menschen oder zwischen zwei Gruppen, ob und wieviel Geheimnis in ihm ist; denn auch wo der Andere das Vorliegen eines solchen nicht bemerkt, wird damit doch jedenfalls das Verhalten des Verbergenden, und so das ganze Verhältnis modifiziert (2). Die geschichtliche Entwicklung der Gesellschaft ist in vielen Teilen dadurch bezeichnet, daß früher Offenbares in den Schutz des Geheimnisses tritt, und daß umgekehrt früher Geheimes dieses Schutzes entbehren kann und sich offenbart - vergleichbar jener anderen Evolution des Geistes: daß zuerst bewußt Ausgeführtes zu unbewußt-mechanischer Übung herabsinkt, und andererseits früher Unbewußt-Instinktives in die Helle des Bewußtseins aufsteigt. Wie sich dies auf die verschiedenen Formungen des privaten wie des öffentlichen Lebens verteilt; wie jene Evolution zu immer zweckmäßigeren Zuständen führt, indem zuerst das Geheimnis oft, ungeschickt und undifferenziert, viel zu weit ausgedehnt wird, andererseits für Vieles der Nutzen der Verborgenheit erst spät erkannt wird; wie das Quantum des Geheimnisses in seinen Folgen durch die Wichtigkeit oder Indifferenz seines Inhaltes modifiziert wird - all dies läßt schon als bloße Frage die Bedeutung des Geheimnisses für die Struktur der menschlichen Wechselwirksamkeiten hervorleuchten. Darüber darf die vielfache ethische Negativität des Geheimnisses nicht täuschen; denn das Geheimnis ist eine allgemeine soziologische Form, die völlig neutral über den Wertbedeutungen ihrer Inhalt steht. Sie nimmt einerseits die höchsten Werte in sich auf: so die feine Scham der vornehmen Seele, die gerade ihr Bestes verbirgt, um es sich nicht durch Lob oder Lohn bezahlen zu lassen; denn danach besitzt man gleichsam das Entgelt, aber nicht mehr den eigentlichen Welt selbst. Andererseits steht das Geheimnis zwar nicht mit dem Bösen, aber das Böse mit dem Geheimnis in einem unmittelbaren Zusammenhang. Denn aus naheliegenden Gründen verbirgt sich das Unsittliche - selbst da, wo sein Inhalt keine soziale Ahndung findet, wie manche sexuelle Verfehlungen. Die innerlich isolierende Wirkung der Unsittlichkeit als solcher, noch abgesehen von aller primären sozialen Repulsion [Ablehnung - wp], ist, neben den vielen angeblichen Verflechtungen der ethischen und der sozialen Reihe, eine wirkliche und wichtige; das Geheimnis ist - unter anderem - auch der soziologische Ausdruck der sittlichen Schlechthigkeit, obgleich die klassische Sentenz: Niemand ist so schlecht, daß er auch noch schlecht scheinen will - den Tatsachen widerstreitet. Denn Trotz und Zynismus lassen es oft genug nicht zur Verhüllung der Schlechtigkeit kommen, ja, sie können dieselbe zu einer Steigerung der Persönlichkeit andern gegenüber ausnützen, bis zu dem Grad, daß gelegentlich mit gar nicht vorhandenen Immoralitäten renommiert wird.

Die Verwendung des Geheimnisses als einer soziologischen Technik, als einer Form des Handelns, ohne die angesichts unseres sozialen Umgebenseins gewisse Zwecke überhaupt nicht erreichbar sind - ist ohne weiteres einzusehen. Nicht ganz so offenbar sind die Reize und Werte, die es über diese Bedeutung als Mittel hinaus besitzt, die eigentümliche Attraktion des formal geheimnisvollen Verhaltens, abgesehen von seinem jeweiligen Inhalt. Zunächst gibt der stark betonte Ausschluß aller Draußenstehenden ein entsprechend stark betontes Eigentumsgefühl. Für viele Naturen gewinnt eben der Besitz seine rechte Bedeutung nicht schon durch das positive Haben, sondern bedarf des Bewußtseins, daß andere ihn entbehren müssen. Es ist ersichtlich die Reizbarkeit unseres Empfindens durch den  Unterschied die dies begründet. Außerdem, da das Ausgeschlossensein der Andern von einem Besitz insbesondere bei einem großen Wert desselben eintreten wird, liegt psychologisch die Umkehrung nahe, daß das Vielen Versagte etwas besonders Wertvolles sein muß. Und so gewinnt das innere Eigentum verschiedenster Art einen charakteristischen Wertakzent durch die Form des Geheimnisses, in der die inhaltliche Bedeutung der verschwiegenen Tatsache oft genug ganz davor zurücktritt, daß andere eben nichts von ihr wissen. Unter Kindern gründet sich oft ein Stolz und Sich-Berühmen darauf, daß das eine zum andern sagen kann: "Ich weiß was, was du nicht weißt" - und zwar so weitgehend, daß dies als formales Mittel der Prahlerei und Deklassierung des Andern geäußert wird, auch wo es ganz erlogen ist und gar kein Geheimnis besessen wird. Von den kleinsten bis in die größten Verhältnisse hinein zeigt sich diese Eifersucht auf das Wissen um eine Anderen verborgene Tatsache. Die englischen Parlamentsverhandlungen waren lange geheim, und noch unter GEORG III. wurden Mitteilungen über sie durch die Presse strafrechtlich verfolgt, und zwar ausdrücklich als Verletzung der parlamentarischen  Privilegien Das Geheimnis gibt der Persönlichkeit eine Ausnahmestellung, es wirkt als ein rein sozial bestimmter Reiz, prinzipiell unabhängig vom Inhalt, den es hütet, aber natürlich in dem Maße steigend, in dem das ausschließlich besessene Geheimnis bedeutsam und umfassend ist. Und dazu wirkt eine Umkehrung, analog der soeben erwähnten. Jede höhere Persönlichkeit und alle höheren Leistungen haben für den Durchschnitt der Menschen etwas Geheimnisvolles. Gewiß quillt alles menschliche Sein und Tun aus unenträtselten Kräften. Allein innerhalb qualitativer und wertmäßiger Niveaugleichheit macht dies noch nicht den Einen zum Problem für den Andern, insbesondere weil auf diese Gleichheit hin ein gewisses unmittelbares, nicht vom Intellekt getragenes Verstehen stattfindet. Wesentliche Ungleichheit aber läßt es zu so etwas nicht kommen, und in der Form des singulären Unterschiedes wird sogleich die generelle Rätselhaftigkeit wirksam - ungefähr wie man, immer in derselben Landschaft lebend, gar nicht auf das Problem unserer Beeinflußtheit durch das landschaftliche Milieu kommen mag, das sich aber aufdrängt, sobald wir die Umgebung wechseln, und der Unterschied des Lebensgefühls uns auf jenes verursachende Moment des letzteren überhaupt aufmerksam macht. Aus diesem Geheimnis, das alles Tiefere und Bedeutende überschattet, wächst die typische Irrung: alles Geheimnisvolle ist etwas Wesentliches und Bedeutsames. Der natürliche Idealisierungstrieb und die natürliche Furchtsamkeit des Menschen wirken dem Unbekannten gegenüber zu dem gleichen Ziel, es durch die Phantasie zu steigern und ihm eine Aufmerksamkeitsbetonung zuzuwenden, die die offenbarte Wirklichkeit meistens nicht gewonnen hätte.
LITERATUR: Georg Simmel, Soziologie - Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Leipzig 1908
    Anmerkungen
    1) Es gibt freilich noch einen anderen Typus des Vertrauens, der, weil er jenseits von Wissen und Nichtwissen steht, den jetzigen Zusammenhang nur mittelbar berührt: denjenigen, den man den  Glauben  des Menschen an einen andern nennt und der in die Kategorie des religiösen Glaubens gehört. Wie man niemals aufgrund der "Beweise für das Dasein Gottes" an ihn geglaubt hat, diese Beweise vielmehr nur die nachträgliche Rechtfertigung oder intellektuelle Spiegelung eines ganz unmittelbaren Verhaltens des Gemütes sind - so "glaubt" man an einen Menschen, ohne daß dieser Glaube sich durch Beweise für die Würdigkeit der Person rechtfertigt, ja, oft trotz der Beweise für das Gegenteil der Würdigkeit. Dieses Vertrauen, diese innere Vorbehaltlosigkeit einem Menschen gegenüber ist weder durch Erfahrungen noch durch Hypothesen vermittelt, sondern ein primäres Verhalten der Seele in Bezug auf den andern. In ganz reiner, von jeder empirischen Erwägung gelöster Form tritt dieser Zustand des Glaubens wahrscheinlich nur innerhalb der Religion auf, Menschen gegenüber wird er wohl immer einer Anregung oder einer Bestätigung durch das oben behandelte Wissen oder Vermuten bedürfen; während andererseits freilich auch in jenen sozialen Formen des Vertrauens, als so exakt oder intellektuell begründet sie auftreten, ein Zusatz jenes gefühlsmäßigen, ja, mystischen "Glaubens" des Menschen an den Menschen stecken mag. Vielleicht ist sogar das hiermit Bezeichnete eine Grundkategorie menschlichen Verhaltens, auf den metaphysischen Sinn unserer Beziehungen zurückgehend und durch die bewußten, singulären Gründe des Vertrauens nur empirisch, zufällig, fragmentarisch verwirklicht.
    2) Dieses Verbergen hat in manchen Fällen eine soziologische Folge von eigentümlicher ethischer Paradoxie. So zerstörend es nämlich oft für ein Verhältnis zwischen zweien ist, wenn der eine eine Schuld gegen den andern begangen hat, die beiden im Bewußtsein ist, so nützlich kann eben dasselbe für das Verhältnis sein, wenn der Schuldige allein darum weiß; denn dadurch wird er zur Rücksicht, Zartheiten, geheimen Wiedergutmachenwollen bewegt, zu Nachgiebigkeiten und Selbstlosigkeiten, die ihm bei völlig gutem Gewissen ganz fernlägen.