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ALOIS RIEHL
Das Grundproblem
der Philosophie

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Die kritische Philosophie "Wer es unternimmt aus Begriffen, gleich wissenschaftlichen Bausteinen, den Weltbegriff zu konstruieren, setzt sich der Gefahr aus, von der  Kritik der Begriffe,  dieser wissenschaftlichen Baupolizei, gezwungen zu werden, sein ganzes Gebäude wieder abzutragen."

Damit die Wahrnehmung sich in wissenschaftliche Erkenntnis verwandle, muß sie erst in die  Form des Gedankens  umgesetzt werden. Erfahrungswissenschaft, ja Erfahrung selbst entstehen und vollenden sich nur durch Anwendung vermittelnder  Grundbegriffe.  Dabei werden Gültigkeit und Denkbarkeit dieser Begriffe unbesehens vorausgesetzt; ihre Anwendung geschieht sogar meist ohne deutliches Bewußtsein. Nun fordern aber die Gewißheit und Notwendigkeit, wonach alles menschliche Denken strebt, daß der "Ursprung und die Bedeutung der formellen Begriffe, welche die Erfahrung vermitteln, einer besonderen Prüfung unterzogen werden.

Diese Untersuchung darf nicht als eine überflüssige oder grüblerische angesehen werden; denn der Antrieb zu ihr würde selbst dann seine Berechtigung behalten, sollten sich auch die zu untersuchenden Begriffe hinterher als schlechthin gültig, und keiner Ergänzung oder Umformung bedürftig erweisen. Vorurteil und Voreiligkeit haben in der Wissenschaft von je am meisten geschadet. Vielleicht aber entziehen sich diese problematischen Begriffe nur um so mehr der Denkbarkeit, je schärfer man sie denken will; und verwickeln in ähnliche Ungereimtheiten, wie die Unendlichkeitsgrößen und irrationalen Zahlen in der Mathematik. In der Tat hat HERBART versucht, in den Grundbegriffen der Erfahrung  Widersprüche  nachzuweisen.

Sollten freilich diese Widersprüche, wie HERBART will, ursprüngliche, unvermeidliche und förmliche im strengen Sinn des Wortes sein, so müßte die natürliche Logik selbst mit der unheilbaren Krankheit behaftet sein, Unlogisches zu erzeugen. Soviel darf aber zugegeben werden, daß die funktionellen Begriffe, diese Organe des Denkens, in der Form, in welcher sie gewöhnlich ausgebildet werden, zu Widersprüchen führen, und daher einer Erläuterung und Ergänzung bedürfen. Zu ihnen zählen gerade die landläufigsten, von denen in populären Schriften die meiste Anwendung geschieht als:  Stoff,   Kraft,   Ursache, Veränderung, Bewegung. 

Wer diese Begriffe als selbstverständlich betrachtet, und es unternimmt aus ihnen, gleich wissenschaftlichen Bausteinen, den Weltbegriff zu konstruieren, verfährt zum mindesten voreilig, und setzt sich der Gefahr aus, von der  Kritik der Begriffe,  dieser wissenschaftlichen Baupolizei, gezwungen zu werden, sein ganzes Gebäude wieder abzutragen.

Da jene Begriffe die allgemeinsten und gleichsam grundlegenden sind, kraft welcher überall zusammenhängende Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis hervorgebracht werden, so entsteht aus dem Antriebe zu ihrer Untersuchung die Idee einer "Fundamentalwissenschaft, deren Ziel die Denkbarkeit der Grundbegriffe der Erfahrung", und eben dadurch die "denkende Vollendung der empirischen Wissenschaft" selbst ist. Diese Wissenschaft heißt "theoretische Philosophie", und ist so alt, wie das wissenschaftliche Denken überhaupt.


Das reine Denken und die Methode der Philosophie

Aus der Anschauung entwickelt sich, und von ihr hebt sich ab - das reine Denken.

Wie im einzelnen Subjekt, so hat das Denken auch in der menschlichen Gattung seine Entwicklungsgeschichte. Es entsteht zufolge innern Geschehens durch einen Prozeß, den man mit zutreffender Analogie "psychischen Mechanismus" genannt hat. Denn unwillkürlich und unaufhaltsam, wie aus mechanischen Kräftebeziehungen sich höhere Formen des Geschehens bilden, so entstehen aus Anschauungen durch gegenseitige Verknüpfung und Verschmelzung Begriffe.

Auf dieser höheren Stufe der geistigen Entwicklung angelangt, setzt der psychische Prozeß sein Werk fort, und wie zuvor Anschauungen, so werden jetzt "Begriffe" in wirkende Verbindung gesetzt. Von Stufe zu Stufe steigert sich der durch alle diese Vorgänge durchgreifende Prozeß des Vorstellens. Das Denken, in seinem Ursprung noch mit dem Anschauen verwachsen, löst sich von dem Boden seiner Entstehung ab, und gewinnt die Macht eigener Wirksamkeit.

Wie die höheren Stufen der äußeren Naturvorgänge zwar nicht aus dem Zusammenhange mit den niederen und gleichsam überwundenen treten (so daß z.B. elektrische, chemische und optische Erscheinungen immer auch  zugleich  mechanische Formen zeigen), dabei aber doch ihre eigene Gesetzmäßigkeit und besondere Erscheinungsform gewinnen: so hat das Denken einen durchgreifenden Zusammenhang mit den primitiven Formen des Vorstellens bewahrt, aber auch sein eigenes Gesetz und eine freiere Form des Wirkens erlangt. Mit eigener Leuchtkraft durchdringt es seinen Weg, den es von der Anschauung aus zurückgelegt hat. Begriffe treten mit Begriffen zu erweiternden,  synthetischen Urteilen  zusammen, wie Dinge mit Dingen zu neuen Komplexionen sich verbinden.

So wird das Denken, das ja selbst ein natürlicher (wenngleich der höchste natürliche) Prozeß ist, zum Abbild des natürlichen Geschehens überhaupt; und es entsteht die Möglichkeit, das Wirkliche in Begriffen nachzubilden. Diese Selbstständigkeit und freie Wirksamkeit des reinen Denkens befähigt es auch solche Beziehungen der Dinge zu erkennen, die nicht in die Erscheinung treten.

Philosophie, als allgemeine Begriffswissenschaft, ist das höchste Erzeugnis des reinen Denkens. In seinen Formen ihren Weg und ihr Gesetz findend, soll die Philosophie das empirische Denken ergänzen, und zu durchgängier Übereinstimmung bringen. Doch nähert sich diese "erste Wissenschaft", wie jede andere, nur durch zeitliche Entwicklung der Lösung ihrer Aufgabe. Die Geschichte der Philosohie ist keine Instanz gegen das Recht ihres Bestehens; obschon die Bewegung im reinen Äther notwendig schwankender sein muß, als in irdischer Luft und auf starrem Grunde.

Aus einzelnen Anschauungen hervorgegangen, können Begriffe, die nur einzelne, oder abgerissene Seiten der empirischen Wirklichkeit bezeichnen, in ihrer ursprünglichen Form denkbar und gültig erscheinen. An anderen Begriffen aber gemessen, und mit ihnen in notwendige Verbindung tretend, muß ihr anfänglicher Inhalt eine Veränderung erfahren. Begriffe äußern auf Begriffe einen gegenseitigen Einfluß. Doch darf diese Beziehung keine zufällige sein, sondern muß durch die Natur des Gedachten selbst herbeigeführt werden.

In der wirkenden Beziehung der Begriffe liegt die Macht und der Fortschritt des reinen Denkens. So ist z.B. die Beziehung der Begriffe:  Sein  und  Veränderung,  eine von der Natur der Dinge selbst gestellte Aufgabe, welche seit HERAKLIT und den Eleaten ein Grundproblem der Philosophie bildet. Für sich und losgebunden sind beide Begriffe in der ursprünglichen Form ihrer Ausbildung denkbar. Wie aber läßt sich die Veränderung mit dem Sein zusammendenken? In notwendige Verbindung gebracht, können die beiden Begriffe nicht merh so, wie sie anfänglich konzipiert wurden, festgehalten werden. Der schlechthin prädikatlose, einfache Begriff  Sein  übt seine Funktion auf den Begriff der  Veränderung  aus. Am  Sein  gemessen, muß die  Veränderung  im Denken umgestaltet werden.

So erweist sich die Beziehung der Begriffe wirkend, und unser Denken erweiternd. Ihre Frucht ist die Ergänzung der Begriffe, und deren Verknüpfung zur Einheit des Systems des Wissens. Dieses System des Wissens ist die Philosophie, und ihre Methode ist das beziehende Denken.


Das Grundproblem der Philosophie

Die Bearbeitung der allgemeinen Erfahrungsbegriffe, die sich als die nächste Aufgabe der Philosophie zeigt, hat den einzigen Zweck, das Reale durch seine sinnliche Erscheinung und Verhüllung hindurch denkend zu erreichen und in abstrakter Form darzustellen.

Das Wissen um das Reale ist die Absicht der Forschung überhaupt, und auch die Philosophie sucht im Realismus ihren Abschluß zu gewinnen. Ausgehend von der empirischen Auffassung der Dinge, die ihr nicht genügen kann; hindurchgehend durch skeptische und idealistische Annahmen, von denen sie mehr angetrieben, als befriedigt wird: sucht die Philosophie zu einem realistisch ausgebildeten Weltbegriff zu gelangen. Wie weit dieselbe auch von diesem Ziel noch entfernt sein mag, ihren Durchgang durch den Idealismus scheint sie wenigsten hinter sich zu haben.

Die dauernde Welt der realen Dinge ließ sich nicht im Fokus des hinfälligen Ich sammeln, und konnte weder aus dessen Bewußtseinsformen, noch aus seinem blinden Willen erklärt werden. Zu deutlich zeigte sich jene enge  Ich  selber als Produkt realer, innerer und äußerer Voraussetzungen; um sich auf die Dauer in die Rolle des Weltproduzenten, oder auch nur in die bescheidenere eines Weltformers zu schicken.

Vom "ersten Augenöffnen eines Insektes" läßt sich wohl das dumpfe Bewußtwerden einer Welt in ihm herleiten; nimmer aber, wie SCHOPENHAUER wollte, die ganze Reihe der bis dahin unausgesetzten Veränderungen, das Dasein dieser ganzen Welt wirklicher Vorgänge. Die wirkenden Gestalten der Dinge können nicht ohne Rest in bloße Vorstellungen aufgelöst werden; und wenig mehr als eine Metapher war in jener kühnen Willenslehre enthalten, die sich für das Endziel menschlicher Weisheit ausgab. Die hochgehende Flut welterzeugender und weltverneinender Theorien hat sich verlaufen. An die Philosophie ergeht die nicht so hoch tönende, aber schwieriger zu erfüllende Forderung: das Reale, von dem die übrigen Wissenschaften zerstreute Glieder sammeln, denkend zu erfassen.

Seit KANT den Dogmatismus zerbrach, ist die Frage nach der Realität der Außenwelt das wichtigste, ja das eigentliche Grundproblem der Philosophie. Zwar der Empirismus ist mit der Entscheidung dieser Frage schnell zur Hand. Ohne Untersuchung der Grundbegriffe der Erfahrung, dieser Auffassungsnormen des Wirklichen, weist er auf die Dinge hin, die gerade so seien, wie sie eben sind.

Aber zwischen jener Frage, und dieser eilfertigen, naiv gläubigen Entscheidung liegt der Kritizismus, dessen Entdeckung wohl berichtigt und ergänzt, doch nicht beseitigt, oder umgangen werden können. Doch sind in der kritischen Philosophie mehr realistische Elemente verborgen, als ihre nächste Konsequenz wohl vermuten ließe. Die empirische Wissenschaft sucht die Verhältnisse der Dinge aus der Gesetzmäßigkeit ihrer Erscheinungen immer eingehender zu erkennen: der Realismus will das Erscheinende selbst in Begriffen darstellen, und so die Erfahrung denkend vollenden. Mit dem Gegebenen in genauem Zusammenhange bleibend, ist der Realismus die mit der Erfahrungswissenschaft fortschreitende Philosophie.

Die Beantwortung der Frage: "Wie das Reale zu denken sei?" ist nicht bloß von höchster, theoretischer Bedeutung, als Befriedigung des Wissenstriebes, sondern überdies von den wichtigsten  praktischen  Folgen. Wenn die Vernunft, das  an sich Seiende  in die Form des Gedankens zu bringen vermag, wenn demnach das System der Begriffe und Bewußtseinsmodifikationen dem Systeme der Dinge und ihrer Veränderungen in geregelter Weise entspricht, so verliert die dualistische Hypothese von einer der ganzen Art nach verschiedenen Ordnung der Dinge, von einer zweiten Welt außer der Welt, jede Scheinbarkeit. Diese Hypothese aber ist es, welche den Zug des Denkens aufhält, und den Antrieb zum sittlichen Handeln hemmt.

Die realistische Philosophie überwindet also den vagen Traumidealismus und seinen Verbündeten, den schlaffen Quietismus, zugleich.


Sein, Kraft und Materie

§ 1.  Dasein  schreibt der Mensch den Gegenständen seiner Wahrnehmung zu, an welche er seine Empfindungen heftet. In der unwillkürlichen, durch psychischen Mechanismus vollzogenen Entäußerung der Sinnestätigkeit in ihrer Zurückbeziehung zum Quellpunkt des Reizes hin, ist der erste Akt der Anerkennung des unabhängig vom wahrnehmenden Subjekte vorhandenen enthalten, das im Verhältnis zu ihm Objekt ist. Die Projektion der Empfindung nach außen ist der Ansatz zur Entwicklung des Seinsbegriffes.

Die Empfindung ist gegeben. Die Bestimmtheit, in der sie gegeben ist, hängt nicht am Belieben des empfindenden Subjektes; sie kein freies Spiel seiner Sinnesorgane. Der Zwang ihres Ein- und Austrittes kündet die objektve Einwirkung an, und erzeugt zuerst das Gefühl des Unterschiedes des eigenen vom fremden Dasein. So wird die Empfindung der erste Anlaß, den Begriff  Sein  auszubilden. Ihre ganze Relativität verwehrt aber, bei ihr stehen zu bleiben. Denn die Empfindung ist von der Form und Einrichtung des Sinnesorganes, der spezifischen Energie des Sinnesnerven und dessen Beziehung zu einem psychischen Träger, und von der Form des äußern Impulses selbst abhängig.

Sie wird in gleichem Maße durch Einwirkung von außen und Gegenwirkung von subjektiver Seite her bestimmt, und bildet gleichsam die Grenze des Objektiven und Subjektiven, durch deren Zusammentreffen sie zustande kommt. Die Frage nach dem Sein der Empfindung spaltet sich somit nach zwei Seiten, und nach beiden hin beginnt der Begriff Sein "zu wandern". Das Objektive an der Empfindung kann als bestimmte Bewegungsform gedacht werden, und nach dieser Seite ergeht die Frage nach dem:  was bewegt,  und nach dem:  was bewegt wird .

Das Subjektive der Empfindung ist die Perzeption eines Reizzustandes; daher wird hier nach dem  Sein des perzipierenden Subjekts  gefragt. Doch kann die doppelte Reihe dieser Fragen keine unendliche sein; denn die Erfahrung ist kein leeres Traumgebilde. Wenn wir daher eine unaufhebbare Grundlage derselben voraussetzen, so liegt dies nicht an der Ermüdung unserer Vorstellungskraft. Der Begriff  Sein  muß irgendwo einen festen Halt gewinnen; sonst könnte er nicht einmal im Denken erzeugt werden.

Wie jeder Begriff kann auch dieser abstrakteste aller nur in seiner Beziehung zum vorstellenden Subjekte dargestellt werden. Für dasselbe bedeutet er die Anerkennung eines Absoluten, unabhängig Vorhandenen, Freien, für sich Bestehenden und Beständigen.  Sein  ist die Voraussetzung eines Ersten und Ursprünglichen, rein Tatsächlichen, nicht aus Gründen Ableitbaren, nicht Aufzuhebenden; mithin die unbedingte Verzichtleistung des weitern Aufhebens.

Dieser Begriff spricht daher die Erkenntnistätigkeit aus, durch welch über die Vorstellung zur Existenz der Sache hinausgegangen wird. Die Überzeugung, daß beides nicht zusammenfalle, gibt ihm seine  objektive  Bedeutung. Aus seinem Umfange ist zunächst alles Relative und Negative schlechthin ausgeschlossen. Daß Relatives nicht an sich sei, versteht sich von selbst; es können wohl die Glieder der Relation einzeln genommen absolut gesetzt sein, ihre gegenseitige Beziehung ist stets nur  mitgesetzt.  Dieser analytische Satz erleidet eine wichtige Anwendung auf den Kraftbegriff, welcher seinem Wesen nach relativ ist. Auch das Negative ist nicht wirklich, sondern bloß gedacht. Entgegengesetzte Bewegungsrichtungen sind beide positiv; absolut leerer Raum existiert nicht.

Dasjenige, dessen Qualität einer Zergliederung in Bedingungen, oder elementare Beziehungen fähig ist (wie die Empfindung), widerspricht der Position als an sich Seiendes. Das Seiende an sich ist ein  einfach Beschaffenes:  die reale Einheit. Die Einfachheit des Seienden bedeutet nichts anderes, als seine absolute Einheit, das reine Für sich Sein - und schließt eine Mehrheit von Bestimmungen des einigen Wesens in seinen Verhältnissen zu andern nicht aus.

Da jeder Größenbegriff eine Relation enthält, und erst aus Vergleichung und Zusammenfassung sich ergibt, so hat das Seiende für sich betrachtet keine Größe. Es wäre widersinnig etwa dem Menschen mehr Sein an sich zuzuschreiben, als dem Sauerstoffatom. Der Begriff  Sein  erweist sich überall, wo er anwendbar ist, identisch, und gestattet keine Spaltung, noch Vermehrung oder Verminderung; er bezieht sich nur auf Absolutes, Positives und Einfaches.

Doch fehlt viel daran, daß dieser Begriff in so strenger Reinheit, wie er sich im Fortschritte des Denkens zu dessen abstraktester Stufe ausbildet und befestigt, auch schon ursrünglich auf den Anlaß der Erfahrung hin sich entwickle, und überall in der denkenden Betrachtung derselben festgehalten werde. Gewöhnlich sprach man auch dem  Werden  ein  Sein  zu; ohne den Widerspruch, der darin liegt, gewahr zu werden. Ja, der Begriff Sein verwandelt sich zu einem bloßen Bindegliede von Wahrnehmungen und Gedanken, in welcher Bedeutung er die logische Kopula darstellt.

Die Erscheinung des Werdens und alle Formen des Wirkens sind an den Gegensatz und die Übereinstimmung der Qualitäten der an sich seienden Wesen gebunden. Daher kann wohl im populären, nicht aber im metaphysischen Verstande vom  Sein des Werdens  und Wirkens geredet werden.

In der Erfahrung, d.i. der erscheinenden Wirklichkeit, kann das an sich Seiende nicht aufgezeigt werden, um dadurch den Begriff  Sein  gleichsam zu illustrieren; es wird vielmehr dem Wirkenden und Werdenden, das allein Gegenstand der Erfahrung ist, notwendig vorausgesetzt. Diese Voraussetzung muß sich streng nach dem Gegebenen richten, da sie zu dessen Erklärung geschieht. Die Vielheit der gegebenen Erscheinungen nötigt demnach, auch die Voraussetzung eines an sich Seienden zu wiederholen.

Selbst jene idealistischen Systeme, welche die Erfahrungswirklichkeit dem Traume gleichsetzen, und den Dingen ein Sein  nur  in der Vorstellung zuerkennen, können sich nicht der Nötigung entziehen: wenigsten die Träumenden ihres Traumes, die Urheber ihrer Welt als bloßer Vorstellung mehrfach zu setzen. Denn ihr Gegebenes ist die Mehrheit vorstellender Wesen, und nicht ein erschlichenes Subjekt an sich. Soll, wie die Erfahrung will, nicht eine Vielheit bloß der Zahl, sondern muß eine solche auch dem Wesen nach sein. Denn die Erfahrung zeigt nicht bloße Wiederholungen  gleichartiger,  sondern eine Mannigfaltigkeit verschiedener Dinge.

Zu deren denkender Erklärung ist somit eine Mehrheit unter sich verschiedener, und in diesem Sinne entgegengesetzter Wesen vorauszusetzen, welche der Erscheinungswirklichkeit als ihre konstitutiven Elemente zugrunde liegen. Als oberster Grundbegriff der Erfahrung erweist der Begriff  Sein seine logische Macht im beziehenden Denken durch die Umgestaltung und Ergänzung der übrigen Grundbegriffe. Als Denkform ausgesprochen ist er der Satz der Identität.

§ 1. Am Sein gemessen verliert der  Kraftbegriff  die Ursprünglichkeit. Das Sein an sich wird nicht den Kräften, sondern den krafthabenden Subjekten, den Trägern und Aussendern der Kräfte zuerkannt. Die Empfindung des Widerstandes bei äußerer Einwirkung, und die der Anstrengung in der Gegenwirkung nach außen geben die Veranlassung zur Ausbildung des Kraftbegriffes.

Die Vorstellung: Kraft und Arbeit oder Leistung, Arbeit und Anstrengung verschmelzen; und selbst das Verhältnis des Grundes und der Folge schwankt zwischen ihnen, so daß bald die Kraft als Wirkung der Anstrengung, bald die Anstrengung als Folge der Kraft angesehen wird.

In dieser Form enthält der Kraftbegriff noch eine psychologische Beimischung von seinem Ursprung und hat zum Teil bloß metaphorische Bedeutung, welche er ablegen muß, um in logischer Reinheit zu erscheinen.

Solange in die mechanischen Vorgänge die Empfindung einer Anstrengung hineinverlegt wird, oder diese als Leistung und Arbeit im eigentlichen Sinne des Wortes gelten, ist von  klarer  Auffassung nicht die Rede. Ebensowenig hieße es die Natur erklären, wollte man den auf Vorstellungskraft allein beruhenden Willen zuerst von dieser gewaltsam isolieren, und sodann überall in die natürlichen Vorgänge und Intensitäten hineindenken, oder gar als absoluten Willen hinter dieselben versetzen.

Von Vorstellungskraft und Wille darf überhaupt nich im Sinne von fertigen, für sich bestehenden Mächten, oder Wesenheiten geredet werden, denn es sind Verallgemeinerungen psychischer Verhältnisse, aber keine Kräfte. Vielmehr hat jede Sensation und Vorstellung ihre eigene Kraft, d.i. ihren besonderen Grad der Wirksamkeit, und die Willensakte sind als einzelne Erscheinungen des inneren Geschehens an die Form des Zusammenwirkens der Vorstellungen gebunden.

Die Wirkung einer Naturkraft erscheint gewöhnlich als Veränderung des räumlichen Verhältnisses der Dinge in kürzerer oder längerer Zeit.  Bewegung  ist die häufigste Erscheinungsform der Kraft. Durch Verallgemeinerung wird die Tätigkeit der Kräft überhaupt als Bewegung erzeugend gedacht, ja Bewegung und Kraft werden sogar gleichgesetzt. Demnach müßte das Wesen jeder Kraft bloß aus der Form ihrer Erscheinung bestehen. Von den psychischen Kräften kann nur in sehr kühner Umschreibung als einer Art Bewegung geredet werden. Die Gleichung: Kraft = Bewegung gilt nur, soweit Kräftewirkungen in die Sinne fallen. Die Verschiedenheit der Kräfte tritt in die Erscheinung als eine Verschiedenheit von Bewegungen.

Nun können aber diese, wie die Beobachtung lehrt, ineinander übergeführt werden, wobei eine gewisse Größe der einen Bewegungsform einer bestimmten Quantität Bewegung der anderen Form entspricht, so daß ihre Werte vertauscht, und ihre Wirkungen verwandelt werden können. Daraus wird mit Recht auf die Einheit und den Zusammenhang der Kräfte geschlossen, doch darf ihre Einheit nicht als Einzigkeit der Kraft aufgefaßt werden.
"Es kann nicht eine  einzige  unendliche Kraft gleichsam als Urkraft geben, denn diese könnte keinen wirklichen Widerstand leisten, sie könnte nicht tatsächlich gehemmt werden, sondern sich nur selbst hemmen, sie könnte daher nur retardieren (verzögern)." (1)
Der Umtausch von Kräftewirkungen nötigt uns, aus der Vorstellung der Kräfte selbst jede starre Grenze, durch welche die eine Kraft von der andern geschieden sei, zu entfernen, und dagegen einen durchgreifenden Zusammenhang zwischen ihnen anzunehmen.

Zu dieser Verbesserung des Kraftbegriffes bestimmt uns auch rein logische Erwägung. Alle natürlichen Vorgänge sind individuell. Unter denselben Umständen entstehen sowohl ähnliche, aber nie absolut gleiche Wirkungen, weil sich die Umstände selbst nicht absolut identisch wiederholen. Die Regelmäßigkeit in der Natur reicht nicht bis ins Kleinste.

Die Naturgesetze, als Ausdrücke der wiederkehrenden Formen des Geschehens, sind zunächst Gebilde des zusammenfassenden Denkens. In der Natur herrscht überall das Einzelne, Diskrete, Individuelle, das nur im Denken die Form des Allgemeinen, Zusammenhängenden, der Gattung annimmt. Den  ähnlichen  Wirkungen werden  gleiche  Gesetze als Ursachen supponiert (untergeschoben). Nach ihrer logischen Bedeutung ist die  Kraft  ein Hilfsbegriff, das wirkliche Geschehen denkbar zu machen, und zeigt mithin einen formellen Charakter. Es heißt aus Gedanken Dinge zu machen, wenn die Kräfte als physische, oder metaphysische Wesenheiten angesehen und absolut gesetzt werden, so daß die Wirklichkeit ein bloßes Spiel derselben bildet.

Dieses Spiel wechselt beständig, und setzt hier und dort aus; daher muß in weiterer Folge jener Voraussetzung von ruhenden, abwartenden Kräften geredet werden; von Kräften, die nichts tun, aber doch zur Tätigkeit immer bereit seien; von Kräften als Vermögen, die im rechten Moment aus der peinlichen Spannung der Möglichkeit in die volle Wirklichkeit überspringen.
"Alle Tatsachen sind etwas Individuelles, sie sind weder Gattung, noch Arten." (2)
Die organischen Gattungen und Arten gelten seit DARWIN nicht mehr als Wesenheiten: von einer Seite bloße Gedankengebilde, haben sie aufgehört als erzeugende Gründe hinter den Individuen zu stehen. Dagegen ist nur noch zu viel von den anorganischen Gattungen die Rede. Und doch brauchen die komplizierten Erscheinungsweisen der unorganischen Natur ebensowenig aus besonderen, fertig vorhandenen Kräften erklärt zu werden, die auf ihre Wirkung gleichsam lauern, als dies bei den höheren Lebensformen, oder dem Leben selbst zu geschehen braucht.

Aus dem Zusammentreffen und der Erhaltung einfacher Wirkungen müssen sich die zusammengesetzten und deshalb auffallenderen Erscheinungen erklären lassen. Es kann keine Elektrizität an sich geben. Je nach der Modifikation der Anordnung und infolge davon der Wirkung der kleinsten Teile gehen bald mechanische bald elektrische Phänomene hervor. Zwar fehlt noch vieles an der Durchführung einer konsequenten Naturbetrachtung, doch sind manche bedeutende Vorarbeiten dazu geleistet.

Neben der logischen hat der Begriff  Kraft,  wie jeder auf Veranlassung der Erfahrung  notwendig  erzeugte, unleugbar auch seine reale Bedeutung. Sie läßt sich zeigen, wenn die Begriffe  Kraft  und  Sein  in Beziehung gesetzt werden. Den Kräften kann kein Sein an sich zugesprochen werden, Repulsion an sich, Attraktion an sich, Bewegung an sich sind widersprechend, und versucht man es dennoch Bewegungsformen absolut zu setzen; so wird bald die Nötigung fühlbar, diese absolute Position wieder aufzuheben.

Der Bewegung muß ein Bewegendes und ein Bewegliches, den Kräften müssen krafthabende Träger vorausgesetzt werden, auf daß diese Begriffe nicht dem Denken entschlüpfen. Aus der Unmöglichkeit, die Kraft ohne die Voraussetzung des Seienden zu denken, folgt die Notwendigkeit, die Begriffe  Sein  und  Kraft  zusammenzudenken, da dieser an jenem allererst Halt und reale Bedeutung gewinnt. Denn sollen die Kräfte nicht bloße Gedankendinge sein, und dürfen sie andererseits auch nicht unbedingt gesetzt werden, so bleibt nur übrig, sie als Bestimmungen des Seienden zu setzen.

Das Seiende verträgt aber für sich keinerlei Bestimmung, daher können die Kräfte nur Bestimmungen desselben sein durch seine Beziehung auf anderes Seiendes. In seinem Verhältnis zu andern Realen ist das Seiende Kraft. Die Kräfte sind als die Beziehungen der realen Wesen zu denken. Aus dem Gegensatz oder der Übereinstimmung ihrer Beschaffenheit gehen die wirkenden Beziehungen oder Kräfte der Dinge hervor.
LITERATUR - Alois Riehl, Philosophische Studien aus vier Jahrzehnten, Leipzig 1925