ra-2p-3 Moritz SchlickOtto F. GruppeKatechismus der Philosophie    
 
ALOIS RIEHL
Gegenwart und
Zukunft der Philosophie


"Aus reiner Erfahrung kann nie Wissenschaft entspringen. Denn reine Erfahrung ist nichts Gegebenes; sie ist ein Produkt der Abstraktion, ein Edukt, ein Auszug aus der wirklich gegebenen Erfahrung. Diese aber ist empfangen in den Formen des Anschauens und entwickelt sich nach den Formen des Denkens. Sich auf reine Erfahrung zurückziehen heißt einfach den verbindenden Faden aller Tatsachen durchschneiden; übrig bleibt ein ungeordnetes Gemenge, ein Aggregat von Sinneseindrücken."

"Das Gesetz der Gravitation ist mit allen Bewegungen der Himmelskörper und irdischen Fallerscheinungen noch nicht gegeben, obgleich es in jeder Fallbewegung enthalten ist. Kein Gesetz kann in eine Tatsache rein aufgehen, keines mit der bloßen Summe von Tatsachen gegeben sein, obschon es von allen Tatsachen gilt, die unter ihm stehen. Jedes Gesetz ist ein Satz mit einem Wenn: zwei Massenpunkte würden sich genau nach dem Gesetz der Gravitation annähern,  wenn  sie allein in der Welt wären. Würden also auch alle Tatsachen offen daliegen, unser Verstand könnte, um ihre allgemeingültigen Beziehungen oder ihre Gesetze zu ermitteln, nicht anders verfahren, als er bei einer unvollkommenen Kenntnis des Tatsächlichen verfährt."

Mit dem Hinweis auf die wiedererwachte Teilnahme der Zeit an philosophischen Fragen und Untersuchungen konnte ich die Reihe dieser Betrachtungen beginnen; ich kehre nur zu ihrem Ausgangspunkt zurück, wenn ich nun derselben einen Blick auf den gegenwärtigen Stand jener Fragen richte und versuche, Anschauungen über die Zukunft der Philosophie zu entwickeln.

Wer sich allein nach den Werken der Fachphilosophen ein Bild von der gegenwärtigen Verfassung der wissenschaftlichen Philosophie machen wollte, würde Mühe haben, seinem Bild Einheit und Geschlossenheit zu geben, so tiefgehend ist noch immer der Streit der Meinungen in der Philosophie, so weit gespannt der Gegensatz der Richtungen und es scheint, als solle die Anarchie auf diesem Gebiet nicht so bald enden. Eines würde ihm aber sogleich auffallen, und zwar das starke Hervortreten der philosophiegeschichtlichen Untersuchungen vor den systematischen, die an der Fortbildung der Philosophie selbst arbeiten wollen. Sehen wir von der Psychologie ab, die sich jedoch immer bestimmter zu einer positiven Wissenschaft konstituiert, so hat die reproduktive Arbeit in der Philosophie auch heute noch das Übergewicht über die produktive. Freilich sind in gewisser Hinsicht auch jene historisch-kritischen Untersuchungen produktiv. Sie haben aus der Geschichte der Philosophie eine Wissenschaft gemacht und Wesen und Aufgabe der Philosophie aus dem gesamten Prozeß ihrer Entwicklung bestimmt. Ihnen verdanken wir auch, daß das philosophische Denken trotz des Nachlassens des philosophischen Schaffens nicht unterbrochen wurde. Sie haben an dem Faden weitergesponnen, der zeitweilig abgerissen schien, sei es, daß sie in mehr freier und gleichsam künstlerischer Form die großen Gedankensysteme der Vergangenheit nachzuschaffen, oder in strengerer Methode den Inhalt jener Systeme im Einzelnen zu erschöpfen suchten.

Nicht von rein historischer, sondern zugleich unmittelbar sachlicher Bedeutung ist das Studium KANTs. Es beginnt um die Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, nachdem früher bereits HELMHOLTZ auf KANT aufmerksam gemacht hatte, und heute gebührt ihm eine nach Umfang und Vertiefung entscheidende Stelle in der Philosophie der Gegenwart.

 "Zurück zu Kant! lautete die Forderung in jenen Jahren und sie war vollkommen berechtigt, ging sie doch aus einem richtigen Verständnis der Lage der Philosophie und ihres Verhältnisses zur Wissenschaft hervor. KANT war der letzte unter den deutschen Philosophen, der, mit der positiven Wissenschaft völlig vertraut, nicht nur deren Ergebnisse kannte, sondern sie auch mit seinen eigenen Forschungen bereicherte. Der Schöpfer der Kritik der reinen Vernunft ist auch der Verfasser der Naturgeschichte des Himmels. Und noch im Nachlaß KANTs besitzen wir den Entwurf zu eine Werk: "Von dem Übergange von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik". So viel lassen die daraus veröffentlichten Proben schon jetzt erkennen, daß es sich dabei um die Entwicklung einer Hypothese handeln sollte, welche den neuesten Anschauungen der Wissenschaft nicht sehr fern steht. KANT sucht darin den Mechanismus in der Natur energetisch, wie wir heute sagen würden, zu erklären, ihm aus einem beständig wirksamen Agens abzuleiten. Aber mehr als dieser vermutliche Inhalt der Schrift, die KANT zu seinen Hauptschriften zählte, erscheint uns die Tatsache von Wichtigkeit, daß der kritische Philosoph seine Lehre statt nach oben in das Abstraktere nach unten, zum Konkreten hin auszubauen, von der Metaphysik zur Physik überzugehen dachte.  Zurück zu Kant!  bedeutet die Wiederanknüpfung der Verbindung zwischen Wissenschaft und Philosophie, die, zum Nachteil beider, längere Zeit hindurch abgebrochen war. Nicht aber darf darunter die Forderung verstanden werden, bei KANT stehen zu bleiben. Das Werk KANTs ist über ein Jahrhundert alt, und die Wissenschaft seither nicht stehen geblieben, und so darf auch die Philosophie nicht bei KANT stehen bleiben.

Außer den allgemeinen logischen und mathematischen Grundlagen der Erfahrung, die für alle Zeiten feststehen, weil sie die Definition der Erkenntnis selbst ausmachen, d. h. ihren Begriff bestimmen, sind alle übrigen Bestandteile und Aufgaben der Erkenntnislehre, oder Philosophie der Wissenschaft in Fluß und fortschreitender Entwicklung begriffen. Mit der Wissenschaft ändert sich auch ihre Philosophie. Die besonderen Probleme der Erkenntnistheorie, heute z. b. die Fragen nach den Prinzipien der Physik, werden der Philosophie von der forschenden Wissenschaft selbst geliefert, sie gehen aus dem Zusammenhang und den Betrieb der wissenschaftlichen Arbeit hervor. Zum Beweis dafür brauchen wir uns nur noch einmal an den Satz der Erhaltung der Energie und seine Bedeutung für eine philosophische Auffassung der Natur zu erinnern. Wie der verbindende Gedanke, den dieser Satz zum Ausdruck bringt, aus der Physik erst ein wirkliches System gemacht, ihre zerstreuten Erkenntnisse einheitlich wie zu einem einzigen Ring zusammengeschlossen hat, so hatte er selbst wieder eine veränderte, völlig präzise Vorstellung von dem ursächlichen Zusammenhang in der äußeren Natur zur Voraussetzung. Der Begriff der Größenübereinstimmung zwischen Ursache und Wirkung, der Konstanz der Größe der Ursache in der Wirkung ist die neue Anschauung von der Kausalität, welche alles, was der früheren Auffassung dieses Begriffs an Hypothetischem, Unbekanntem und Anthropomorphem anhaftete, endgültig beseitigt hat. Sie hat die beiden Grundsätze der Beharrlichkeit und der Verursachung der Veränderungen in  ein  Prinzip verschmolzen; es ist der größte Fortschritt der allgemeinen Wissenschaftslehre seit der Kritik der reinen Vernunft.

Neben den Grundgedanken der kritischen Philosophie sind es auch Ideen FICHTEs und namentlich, wenn auch in mehr mittelbarer Weise, HEGELs, welche in der gegenwärtigen Philosophie eine Art von Renaissance erleben. Ich denke dabei nicht an die Neu-Hegelsche Bewegung in der englischen und amerikanischen Philosophie; denn diese verfolgt rein spekulative Interessen. Ich denke an die innere Verwandtschaft der modernen Geschichtswissenschaft mit dem Geist, mit welchem HEGEL die Geschichte erfaßte. Bekanntlich ist das Gedankensystem HEGELs am Anspruch gescheitert, die ganze Welt und nicht bloß die im engeren Sinn des Wortes historischen Erscheinungen als Entwicklung des absoluten Geistes verstehen zu können. Sie ist gescheitert, wie jede so anspruchsvolle Philosophie immer wieder scheitern muß. Die Naturphilosophie HEGELs ist als Irrweg erkannt und niemand wird diesen Weg je wieder betreten; seine Geschichtsphilosophie dagegen, wozu auch seine Betrachtungen über die Entwicklung der Kunst zu zählen sind, ist auch für unsere Zeit noch von anregender Bedeutung. Zwischen dieser Philosophie und unserer Kulturwissenschaft besteht sogar ein analoges Verhältnis, wie es zwischen KANT und unserer Naturwissenschaft besteht; und eigentlich hat erst die HEGELsche Auffassung der Geschichte die Möglichkeit einer Kulturwissenschaft im Unterschied von der Naturwissenschaft ersichtlich gemacht. Auch hier hat die Philosophie der nachfolgenden Wissenschaft Aufgaben gestellt, auch hier aber ist sie in den nämlichen Fehler verfallen, den sie bisher in ihren Systemen immer und immer wieder beging: die Aufgaben für die Lösung zu halten, den allgemeinen Gesichtspunkt, unter den sie die Probleme brachte, schon für die gewonnene Einsicht selbst zu nehmen. Zwar folgt die moderne Geschichtswissenschaft nicht bewußt den Spuren HEGELs, aber sie befindet sich doch auf dem Weg, den die Gedanken des Philosophen zeigten und ungeduldig ans Ende durchlaufen wollten; sie ist Geist von seinem Geiste. Schon allein die Kühnheit, mit welcher der absolute Philosoph voraussetzte, nichts im Leben des Geistes könne sich dem eindringenden Verständnis versagen, alles müsse sich dem Begriff erschließen, mußte von mächtig erregender Wirkung sein. HEGEL erstrebte dieselbe Objektivität dem historischen Stoff gegenüber, welche der Positivismus den Tatsachen in der Natur gegenüber bewährt; er will die Geschichte begreifen, nicht sie meistern und hierin liegt ein Punkt der Berührung zwischen seiner Spekulation und der wissenschaftlichen Forschung. "Eine Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken erfaßt", die Geschichte der Philosophie der Prozeß, worin der gedankliche Gehalt des menschlichen Kulturlebens zum Ausdruck gelangt, zum deutenden Wort, - ein Satz wie dieser wird unvergessen bleiben, wenn auch nichts sonst vom Hegelschen System übrig bleiben wird.

Die wissenschaftliche Philosophie der Gegenwart ist nur zu einem geringen Teil in den Arbeiten der Fachphilosophen niedergelegt. Wir haben sie vornehmlich auch in den allgemein-wissenschaftlichen Anschauungen der großen Naturforscher unserer Zeit zu suchen: diese, die wahren Nachfolger der Naturphilosophen, sind unsere Philosophen. Und wer der Gegenwart eine maßgebliche Bedeutung in der Geschichte der Philosophie abspricht, hat die Bäume gesehen aber nicht den Wald, er hat nicht gesehen, wo gegenwärtig die Philosophie lebt. Sie lebt in den Werken von ROBERT MAYER, von HELMHOLTZ, von HEINRICH HERTZ. Aus der kleinen, aber gedankenreichen Schrift ROBERT MAYERs: "Bemerkungen über das mechanische Äquivalent der Wärme", lassen sich die ganze Aufgabe und das ganze Verfahren des Naturerkennens entwickeln und zugleich die Grenzen dieses Erkennens bestimmen. Und bis in die letzte Zeit seines umfassenden wissenschaftlichen Wirkens hat HERMANN HELMHOLTZ den erkenntnistheoretischen Fragen seine Aufmerksamkeit zugewendet. Er trennte die Voraussetzungen für die Begreiflichkeit der Tatsachen von den zu begreifenden Tatsachen selbst und suchte, erst auf dem Weg KANTs, dann von diesem sich weiter entfernend, mit kritischem Verständnis, die theoretischen Grundlagen der Naturwissenschaft zu prüfen. Wir müssen ihn daher zugleich zu den Philosophen zählen, wie er einer der hervorragendsten Forscher war. Ein mustergültiges Beispiel aber von der ARt, wie Philosophie und Wissenschaft zusammenhängen und wie sie zusammenwirken sollen, hat HEINRICH HERTZ in den "Prinzipien der Mechanik" aufgestellt, schon durch das Verfahren, das er in diesem Werk einhält. Er zerlegt dasselbe in zwei symmetrisch aufgebaute Teile. Im ersten entwickelt er, ganz im Sinne KANTs und unter ausdrücklicher Berufung auf diesen, alle zur Darstellung der Tatsachen, hier der Bewegungserscheinungen, erforderlichen Begriffe, welche, wie er sagt, schon durch die innere Anschauung gegeben werden, oder, wie KANT es ausdrückt, aus reiner Anschauung hervorgehen. Aus diesen Begriffen entsteht ein in sich geschlossenes, rein logisch-mathematisches Lehrgebäude, an dessen Sicherheit und absoluter Festigkeit ein Zweifel nicht möglich ist. Im zweiten Teil führt HERTZ dann eine Hypothese ein, welche etwas über den Inhalt der Erfahrung aussagen soll, daher auch allein durch die Erfahrung geprüft werden kann und soll. Indem er nun diese Hypothese: sein "Grundgesetz", demzufolge "jedes freie System in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung in einer geradesten Bahn beharrt", mit den zuvor definierten kinematischen [bewegungstechnischen - wp] Begriffen in Verbindung bringt, entsteht das, was wir Erklärung nennen, nämlich die einfachste und vollständige Beschreibung der Tatsachen, wobei diese Beschreibung zugleich Einsicht mit sich bringt, weil der notwendige Zusammenhang der Elemente, deren sie sich bedient, evident, d. h. von anschaulicher Gewißheit ist. Dies eben heißt wissenschaftliche Philosophie, dies ist Philosophie innerhalb der wissenschaftlichen Forschung selbst.

Der Weg der Mechanik von HERTZ ist der allgemeine Weg der theoretischen Naturwissenschaft, und GALILEI hat ihn dieser eröffnet. Er hält die rechte Mitte von bloßer Spekulation und reiner Erfahrung. Tatsachen in der Wahrnehmung (sensate esperienze) genügen nach GALILEI nicht, um Wissen zu erzeugen. Sie sind nur die eine Quelle des Erkennens, die andere nicht minder ursprüngliche, nicht weniger wesentliche ist "das Wissen, das der Geist von sich aus hat", das logisch-mathematische Wissen. Indem beide Quellen zusammenfließen, die Tatsachen der Sinne durch Induktion und Experiment unter Begriffe a priori gebracht werden, vereinigen sie sich zum Strom des Erkennens. Nicht anders dachte MAYER vom Wesen des Erkennens, nicht anders dachte von KIRCHHOFF. Wenn MAYER eine Tatsache als  erklärt  betrachtet, sobald sie "nach allen ihren Seiten hin  bekannt  ist", so haben wir zu bedenken, daß diese allseitige Bekanntheit einer Tatsache nach MAYER die Kenntnis ihrer konstanten Größenbeziehungen zu den anderen Tatsachen einschließt und damit ist in der Tat "die Aufgabe der Wissenschaft beendet". Und wenn KIRCHHOFF es als die Aufgabe der Naturwissenschaft bezeichnet, die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen "vollständig und auf die einfachste Weise zu  beschreiben",  so liegt schon in der Forderung der Einfachheit, der Vereinfachung der Beschreibung und zwar ihrer möglichsten Vereinfachung, das begrifflich Verallgemeinernde dieser Aufgabe. Auch konnte es nicht die Meinung KIRCHHOFFs sein, jede besondere Bewegung in der Natur solle für sich genommen beschrieben werden; sie sind alle mitbeschrieben, wenn die Gesetze der Bewegung dargestellt, d. h. mathematisch entwickelt sind. Eine solche Beschreibung aber mit Hilfe mathematischer Begriffe ist Erklärung, und Erklärung kann nichts anderes sein als eine solche Beschreibung.

Aus reiner Erfahrung kann nie Wissenschaft entspringen. Denn reine Erfahrung ist nichts Gegebenes; sie ist ein Produkt der Abstraktion, ein Edukt, ein Auszug aus der wirklich gegebenen Erfahrung. Diese aber ist empfangen in den Formen des Anschauens und entwickelt sich nach den Formen des Denkens. Sich auf reine Erfahrung zurückziehen heißt einfach den verbindenden Faden aller Tatsachen durchschneiden; übrig bleibt ein ungeordnetes Gemenge, ein Aggregat von Sinneseindrücken. Denn selbst die ihnen eigenen Verhältnisse, in denen die Tatsachen der Wahrnehmung gegeben werden, müssen, um erkannt zu sein, durch das Denken nachgeschaffen werden. Noch einmal: das Denken ist die Voraussetzung aller Erfahrung; eine Erfahrung ohne Denken ist nicht möglich. Nehmen wir an, alle überhaupt vorkommenden Tatsachen seien uns bekannt und werden uns immer wieder bekannt, sobald sie sich weiter entwickeln, in der Zeit vorrücken: wäre damit allein schon Wissenschaft gegeben, wäre Wissenschaft dadurch entbehrlich geworden? Soll die Aufgabe der Erkenntnis wirklich nur darin bestehen, die Tatsachen, die wir aus Unvollkommenheit unserer Sinne nicht kennen, mit solchen zu verbinden, die wir kennen, um damit die Erfahrung jener zu ersetzen, oder eine weitere Erfahrung zu ersparen? Gewiß sind "Gesetze" der Natur  auch  Ableitungsformeln für Tatsachen; aber sie sind dies nicht allein, noch ist dies ihre wichtigste, ihre wertvollste Funktion. Kenntnis und Erkenntnis bleibt zweierlei und wer alle Tatsachen in der Welt kennte, wüßte dadurch allein noch nichts von den Gesetzen der Tatsachen. Das Gesetz der Gravitation ist mit allen Bewegungen der Himmelskörper und irdischen Fallerscheinungen noch nicht gegeben, obgleich es in jeder Fallbewegung enthalten ist. Kein Gesetz kann in eine Tatsache rein aufgehen, keines mit der bloßen Summe von Tatsachen gegeben sein, obschon es von allen Tatsachen gilt, die unter ihm stehen. Jedes Gesetz ist ein Satz mit einem Wenn: zwei Massenpunkte würden sich genau nach dem Gesetz der Gravitation annähern,  wenn  sie allein in der Welt wären. Würden also auch alle Tatsachen offen daliegen, unser Verstand könnte, um ihre allgemeingültigen Beziehungen oder ihre Gesetze zu ermitteln, nicht anders verfahren, als er bei einer unvollkommenen Kenntnis des Tatsächlichen verfährt. Wir suchen die Tatsachen der reinen Erfahrung durch das Denken zu ergänzen, um sie zu verstehen, wir suchen die Beziehungen mathematisch darzustellen, um Einsicht in die Form ihrer Verhältnisse zu gewinnen.

Es gibt eine Denkrichtung in der Philosophie der Gegenwart, die von HUME ausgeht und sich ihres Gegensatzes zu der von KANT ausgehenden bewußt ist und diese bekämpft. Sie nennt sich "Positivismus", sollte aber eigentlich "Impressionismus" heißen, denn das einzig Reale, das sie gelten läßt, sind Sinneseindrücke. Ein merkwürdiges Buch, das sich selbst als  "Kritik der reinen Erfahrung einführe, in Wahrheit aber die Vernunft kritisiert, nämlich durch die reine Erfahurng wegkritisieren will, ist zur selben Zeit entstanden und veröffentlicht worden, in welcher auch in der Kunst eine Richtung vorübergehend zur Herrschaft gelangt war, die analog der in jenem Buch vertretenen wissenschaftlichen bloß das Tatsächliche als solches wiedergeben zu sollen meinte. Dem künstlerischen Impressionismus entspricht auch der Zeit nach der wissenschaftliche Impressionismus, und auch unser Urteil über beide hat ein entsprechendes zu sein. So unmöglich es ist, in der künstlerischen Wiedergabe der Erscheinung die reinen Sinneseindrücke zu wiederholen und die Vorstellung, die die Eindrücke ordnet, auswählt und klärt, auszuschließen und doch dabei künstlerisch zu wirken; so unmöglich und ohne allen Erkenntniswert ist es, von der wissenschaftlichen Darstellung der Tatsachen durch die Einheit des Denkens auszuschließen.

Überdenken wir, ohne hier auf Einzelnes eingehen zu können, die Gesamtlage der Wissenschaft unserer Zeit, so müssen wir, wie paradox dies auch klingen mag, sagen: nie hat es ein philosophischeres Zeitalter in der Wissenschaft gegeben, als das gegenwärtige. Denn es ist dies das Zeitalter der immer weiter fortschreitenden wissenschaftlichen Arbeitsvereinigung, des wahren Endzwecks und der Rechtfertigung der vorausgegangenen unentbehrlichen Arbeitsteilung. Es ist das Zeitalter der synthetischen Wissenschaft, und synthetisch ist nur ein anderes Wort für philosophisch. Die Beispiele solcher synthetischer Wissenschaften liegen uns nahe. Wir brauchen nur an die physikalische Chemie oder die physiologische Psychologie zu denken, zwei Schöpfungen dieses philosophischen Geistes der Wissenschaft der Gegenwart.

Nie kann es wieder eine Zeit geben, in welcher die Wissenschaft ihr Ziel erreicht glaubte, wenn sie nur Tatsachen über Tatsachen anhäufte, nie auch eine Zeit, in welcher die Philosophie auf diese notwendige Vorarbeit zur Wissenschaft wieder mit Geringschätzung herabblicken wird. Das Formen und Herbeischaffen der Ziegel halten wir für die Herstellung eines Baus gleich wesentlich, wie das Werk des Architekten, den den Plan entwirft und die Ausführung des Baus leitet. Wie es der Erkenntnis ohne die geduldige und entsagungsvolle Arbeit der rein empirischen Forschung an Material gebrechen würde, so würde es ihrem Bau ohne das denkende Durchdringen des Tatsachenstoffes am Plan fehlen. Die Wissenschaft braucht die Philosophie; sie schafft sich daher eine, wenn sie keine vorzufinden glaubt. Dabei kann es ihr geschehen, daß sie dort Grenzen des Erkennens sucht, wo dessen Voraussetzungen liegen, oder Zeichen für Dinge mit den Dingen selbst verwechselt. Und ebenso kann auch die Philosophie die Wissenschaft nicht entbehren, soll sie sich nicht entweder in leere Spekulationen verlieren, oder auf rein formale Erkenntnistheorie beschränkt sehen, die den Kern des Wissens, die in der Erfahrung gegebenen Tatsachen, nicht zu ergreifen vermag. Das beständige Zusammenwirken von Forschung und Philosophie, ihre wechselseitige Ergänzung ist das Eine, das beiden not tut. Über dem Hörsaal PLATOs stand, wie berichtet wird, zu lesen: Keiner, der nicht Geometrie versteht, oder, was für jene Zeit dasselbe bedeutete: der nicht exakte Wissenschaft getrieben hat, darf eintreten. Die analoge Überschrift über dem Eingang in unsere naturwissenschaftlichen Hörsäle und Laboratorien müßte lauten: dem ist der Eintritt verwehrt, der nicht Philosophie getrieben hat. Philosophische Bildung gehört zur Fachbildung jedes Naturforschers; sie lehrt ihn das Instrument seiner Instrumente verstehen und gibt ihm den Maßstab für seine Forschung.

Die Zukunft der wissenschaftlichen Philosohie ist die Erhebung der Wissenschaft zur Philosophie. Wie die Wissenschaften aus der Philosophie, ihrer anfänglichen Einheit, durch Auseinanderlegung derselben hervorgegangen sind, so sehen wir sie auch in der Spirale allen geschichtlichen Werdens auf einer höheren Stufe ihrer Entwicklung zur Einheit zurücklenken. Sind sie doch nur die verschiedenen Ströme des Wissens und also bestimmt, in die  eine  Wissenschaft, in das System der menschlichen Erkenntnis zurückzufließen. Die Wissenschaft, äußert van t'HOFF, ist wie die Natur, welche sie abspiegelt, ein großes Ganzes und alle Einteilungsprinzipien haben im Grunde etwas Willkürliches. - Nicht, daß wir glaubten, jene eine Gesamtwissenschaft werde an einem bestimmten Tag vollendet sein. Wir glauben nur, nie werde die wissenschaftliche Forschung die Richtung auf dieses  eine  höchste Ziel wieder verlieren, vielmehr mit Bewußtsein und nicht nur wie zufällig am werdenden System des Wissens arbeiten, das heißt aber: sie werde sich mit philosophischem Geist erfüllen. Auch dann brauchen wir noch "Spezialisten des Allgemeinen" (so ungefähr nannte AUGUSTE COMTE die Philosophen); wir werden aber keine von der Wissenschaft losgelöste Philosophie mehr kennen, keine der Philosophie entfremdete Wissenschaft.

Wird jemals ein Weltbild der Wissenschaft das definitive sein? Wir müssen es bezweifeln. Darum aber gleicht das Werk der Wissenschaft noch nicht dem "nächtlichen" Werk der PENELOPE; ihr Gewebe wird nicht immer wieder aufgelöst, ihre Arbeit nicht immer wieder zerstört. Die  aufeinander  folgenden Bilder der Welt, welche von der Wissenschaft entworfen werden, folgen auch  auseinander.  Kein Schritt in der Erkenntnis der Welt braucht wieder zurückgetan zu werden. Keiner; was die Wissenschaft einmal ermittelt hat, hat sie für immer ermittelt; es ist zu einem unveränderlichen Bestandteil der Wahrheit geworden, welche selbst unveränderlich ist. In diesem Sinne ist jedes ihrer Gesetze streng allgemeingültig; keines hat, wie wohl behauptet wird, nur präsumtive [mutmaßliche - wp] Allgemeinheit. Die Ausnahmslosigkeit gehört zum Begriff eines Naturgesetzes, und nicht, daß solche Gesetze gegeben sind, kann einem Zweifel unterliegen, sondern nur, ob wir in einem bestimmten Fall das Gesetz wirklich erkannt haben. Nur wer sein Denken vorzugsweise an Sprachen erzogen und an die Regeln der Grammatik gewöhnt hat, mag auch von den Regeln des Geschehens in der natur Ausnahmen für möglich halten, oder die Naturgesetze bloß als Text-Interpretationen der Naturforscher betrachten. Prüfen wir selbst ein Gesetz, wie das der Graviation noch an der Erfahrung, so wollen wir nur wissen, ob es nicht vielleicht Teil eines noch umfassenderen Gesetzes sei oder seine Wirkung durch andere Gesetze modifiziert werde, das heißt, ob nicht eine Erscheinung, die darunter fällt, noch anderen Gesetzen folge. Ein Naturgesetz ist immer zugleich, nämlich seiner Form nach, eine mathematische Wahrheit. Unser Wissen von diesen Wahrheiten aber ist Einsicht in ihre Notwendigkeit und eine höhere Zukunft der Gewißheit, als diese Einsicht, kann es nicht geben, erklärt der Schöpfer unserer Wissenschaft. Hier komme sogar, fährt GALILEI fort, die menschliche Erkenntnis der göttlichen gleich; unser Begreifen ist hierin vollkommen und so unbedingt gewiß, wie es nur die Natur selbst sein kann.

Das künftige System des Wissens erwächst aus Kritik und Forschung zugleich; es sucht daher die Wahrheit nicht in einem inneren Wesen der Welt, es findet sie in den beharrlichen Verhältnissen der Dinge, den Gesetzen ihrer Erscheinung.

Unsere Ausführungen haben gezeigt, daß unter Philosophie im ganzen Verlauf ihrer Geschichte niemals nur eine Wissenschaft allein verstanden worden ist; indem sich die Philosophie von Anfang an an das höchste Bewußtsein des Menschen wandte, an das Ganze seines Geistes, konnte sie nicht Wissenschaft allein sein. Auch das vollendet gedachte System des Wissens würde nirgends auf die "Werte" des geistigen Lebens treffen können; die Wissenschaft schließt schon ihrem Begriff nach jedes Werturteil als solches aus ihrem eigensten Bereich aus, obschon sie als Ganzes betrachtet selbst Gegenstand der Bewertung ist, ja einen der höchsten geistigen Werte bildet. Wissenschaft und wissenschaftliche Philosophie können die Kunst nicht ersetzen, auch nicht die philosophische Kunst der Geistesführung, welche sich mit ihren Lebensanschauungen an den Willen wendet, an die praktische Vernunft, nicht an das theoretische Erkennen. Fragen wir nun nach der Gegenwart und Zukunft dieser anderen Philosophie, welche nicht selbst Wissenschaft ist, obschon sie diese voraussetzt und zur Basis nimmt, so ist die Antwort auf den zweiten Teil unserer Frage nicht zu verfehlen. Hier, wo es sich um Werte und Formen des Lebens handelt, kommt die Persönlichkeit des Philosophen entscheidend zur Geltung; seine Gesinnung, die Größe des Charakters, das Vorzügliche seiner Natur leben in seinem Werk: die Zukunft der Philosophie als Geistesführung ist der große Philosoph, - und auf sein kommen müssen wir warten.

Einige unserer jüngeren Zeitgenossen glauben, er sei schon erschienen, sein Geist lebe mitten unter uns, in mächtiger Gegenwart. Was uns dagegen verwehrt in FRIEDRICH NIETZSCHE einen Geistesführer zu sehen, ist der jähe Wandel seiner Anschauungen, das rastlose Fortgetriebenwerden seines Geistes, die unstete Folge immer neuer "Loslösungen", die ihn bei keiner Sache verweilen, auf keiner fest beruhen ließen. Man kann sich den nicht zum Führer wählen, der "stets ein andrer ward, sich selber fremd" und "sich selbst entsprungen" ist. Wer ihm folgen will, er sagt es selbst, muß sich beständig wandeln: "nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt." Nicht dies ist sein Mangel, daß es seinem Denken an einem "System" fehlt, - auch SOKRATES hatte keines; wohl aber vermissen wir die sichere, feste Position seiner Gedanken, die Folgerichtigkeit in seinem Empfinden. Er zerstörte, was er eben gebaut, und lästerte, wo er eben noch angebetet hatte. Seine zwiespältige Natur neigte zur Verehrung und zwang ihn zugleich zu zersetzender Kritik. Er ist der beständig Suchende, der große Fragende, ein Geschöpf und mehr noch: das Kompendium der Zeit, die selber eine fragende und suchende ist.

Überaus empfänglichen Geistes ließ sich NIETZSCHE von allen Strömungen, jeder Stimmung der Zeit ergreifen. Er hat jede durchlebt, an jeder gelitten und sich aus allen "losgelöst". Er beginnt mit SCHOPENHAUER und sucht in der Kunst die Rettung vor der Verneinung des Willens. Gleich darauf schwärmt er für WAGNER und sieht schon aus der Verbindung der SCHOPENHAUERischen Philosophie mit dem "Kunstwerk der Zukunft" eine neue Kultur erstehen. Von dieser "Romantik" seiner Jugend wendet er sich, scheinbar unvermittelt, zu Aufklärung und Intellektualismus; es war nur eine neue Art von Schwärmerei. "Der Blick durch das Tor der Wissenschaft" wirkte auf ihn wie der "Zauber aller Zauber" und er wird an der Wissenschaft zum "Phantasten". Auch in dieser "wissenschaftlichen" Periode blieb er, der er war, der trunkene, "dionysische" Dichter und Prophet. Ihn ziehen nur die ästhetischen Seiten des Erkennens an, die Strenge der Form, das Persönliche in den "freien Geistern" und Denkern. Nicht lange - und er empfindet, wie die Zeit selbst, Ungenügen am bloßen Wissen, am "Glück des Erkennenden". Er kommt dahin, den Wert der Wahrheit "umzuwerten", zu verneinen und stürzt sich in den Abgrund des Nihilismus. Alle bisherigen Werte schienen ihm entwertet zu sein, dem Leben jeder Sinn, jedes Wozu genommen. Aber die Grundtriebe seiner Natur, die auf die Bejahung des Lebens gerichtet waren, wollen auf allen Wegen ans Licht. Er will wieder ein Ziel, ein Warum, einen Glauben setzen: eine Gegenbewegung gegen den Nihilismus sollte der "Wille zur Macht", sollte die "Umwertung aller Werte" zum Ausdruck bringen.

NIETZSCHEs Entwicklung ist ohne Abschluß; wir haben eigentlich nicht sein Werk, sondern Ansätze, Bruchstücke seines Werkes, die wie Trümmer eines großen Geistes, eines großen Wollens vor uns liegen. Auch diese aphoristische Fom seines Schaffens, zu der ihn die Krankheit zwang, das Abgerissene, Blitzartige der Gedanken, ist wie ein Symbol der Zeit, ihrer Unrast, ihres Entbehrens einer einheitlichen, geschlossenen Lebensanschauung. NIETZSCHEs Schriften sind Dokumente ihres inneren Lebens; ihr Führer, ein Führer wollte er nicht sein. Er wollte nur den "züchtenden" Gedanken aussäen, der Lehrer der "ewigen Wiederkunft" sein und die Entwicklung des "höheren" Menschen dann dem neuen Glauben überlassen. Einst, in seiner ersten Zeit, hatte auch er nach Genossen ausgeblickt und kein junges Gemüt kann, ohne sich begeistert zu fühlen, die worte hören: "Ich sehe etwas Höheres, Menschlicheres über mir, als ich selber bin, helft mir alle, es zu erreichen, wie ich jedem helfen will, wer Gleiches erkennt und an Gleichem leidet." Dann aber wird sein Pfad immer einsamer, ferner von den Zeitgenossen; er geht nach "Abenteuern der Erkenntnis" aus, sucht das Abseitsliegende auf, das gerade ihm Wehtuende, daher, wie er meint Nötige; er hatte den Weg zu sich selber gefunden und gibt es auf, Anhänger zu werben, Proselyten zu machen: "das ist  mein  Weg, welches ist der eure?  Den  Weg nämlich gibt es nicht!"

Viele seiner Aussprüche im Einzelnen und seine Tendenzen im Ganzen haben - auch dies will ich wiederholen - gerade das, was der Zeit not tut: sein Jasagen zu allem, "was stärkt, was Kraft aufspeichert, das Gefühl der Kraft rechtfertigt", mit einem Wort sein "corroberierendes [tumultartiges - wp] System" mußte auf eine willensschwache Zeit stählend und wie ein frischer Zug aus der großen, freien Natur wirken. Alle seine Anschauungen aber verraten ein Grundgebrechen: den Mangel an historischem Sinn. NIETZSCHE meinte, man könne,  er  könne Kultur absichtlich schaffen, Kultur gleichsam improvisieren; man könne die Geschichte neu machen, überhaupt Geschichte  machen.  Daß das Produktive mit dem Historischen verbunden werden müsse, um wirklich produktiv zu sein, wie GOETHE es forderte, beachtete er nicht. Neue Lebensanschauungen gehen hervor aus alten Lebensanschauungen und sie beseitigen diese niemals vollständig, sie entwickeln sie nur. Darum ist die Aufgabe alle Werte umzuwerten, nicht bloß eine vermessene, verstiegene, sondern eine unmögliche Aufgabe; denn sie ist durch und durch unhistorisch. In Wahrheit hat es sich auch bei NIETZSCHE nicht um die Schöpfung neuer, sondern um eine Neuordnung der alten Werte gehandelt.

Wozu aber auf den kommenden großen Philosophen warten? bereiten wir ihm die Wege, ihn zu empfangen, wenn er kommt. Das alte Gute faß' es an! auch das neue Gute ist nur eine Entwicklung des alten.

Kunstwerke sind, solange sie nur der Zeit widerstehen, also für sich betrachtet, für immer da. Kein Fortschritt der bloßen Technik kann sie töten. Sie sind wie lebende Wesen und wie alles wahrhaft Geschichtliche, in der Geschichte Wertvolle, geschehen sie fortwährend; sie wirken fort, mit jeder neuen Zeit neue Verbindungen eingehend. Solchen Werken der Kunst gleichen die Lebensanschauungen der großen Denker; nie kann, solange die Menschheit lebt und die Erinnerung an sie bewahrt, ihre Wirkung erlöschen. SOKRATES lebt mit seiner Gesinnung fort; auch wir bemühen uns noch, die Tat seines Sterbens zu begreifen und ihrer Größe würdig zu werden. Der Platonismus, der Spinozismus sind nicht vergangen, sie gehören dem Leben an, das wir leben. KANTs Gedanke, daß das Sittengesetz aus der  vernünftigen  Natur des Menschen stammt, nicht aus seiner besonderen, menschlichen Natur, daß das Sittengesetz das Naturgesetz vernünftiger Wesen als solcher ist, - dieser große Gedanke seiner Ethik, der erst eine sittliche  Welt anschauung begründet hat, ist noch nicht ausgeschöpft, kaum erst in seiner ganzen Höhe verstanden. Und wer nicht wüßte, wie heilsam auch der strenge Pflichtbegriff der Kantischen Moral gewirkt hat, kann es von GOETHE erfahren. "Die Moral war gegen Ende des letzten Jahrhunderts schlaff und knechtisch geworden, als man sie dem schwankenden Kalkül einer bloßen Glückseligkeitstheorie unterwerfen wollte; KANT faßte sie zuerst in ihrer übersinnlichen Bedeutung auf, und wie überstreng er sie auch in seinem kategorischen Imperativ ausprägen wollte, so hat er doch das unsterbliche Verdienst, uns von jener Weichlichkeit, in die wir versunken waren, zurückgebracht zu haben."

Lebensweisheit suchen wir nicht bloß bei den eigentlichen Philosophen, in ihren Lehren, ihrem Vorbild; wir finden sie auch bei den großen Dichtern, bei jedem Erzieher der Menschheit. Auch sie zählen zu den Philosophen, wenn wir auch nicht gewohnt sind, sie Philosophen zu nennen. Ein solcher Philosoph und Erzieher der Menschheit ist GOETHE, - der GOETHE der "Wanderjahre" und des zweiten Teils des "Faust".

"Sinn und Bedeutung meiner Schriften und meines Lebens ist der Triumph des Reinmenschlichen," so faßt GOETHE selbst Geist und Ziel seines Schaffens und Wirkens zusammen. "Ein innerlich bewahrtes, nach außen tätiges, höheres Menschentum" war sein eigentliches Lebensgeheimnis, Menschenildung seine Lebenstendenz. Er sinnt beständig, wie man "vorzügliche Menschen zu vollendeter Bildung" bringen könne, so daß sie bis ans Ende eine immer höhere und reinere Tätigkeit entfalten. Die Bestimmung des Menschen ist Handeln, in seinem Denken dagegen soll er sich bescheiden, "das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren." Denn der Mensch ist kein lehrendes, er ist ein lebendes und wirkendes Wesen; nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuen wir uns. Das erste und letzte am Menschen sei Tätigkeit, - sein Leben sei Tat um Tat. "Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein." Handeln aber heißt: "die Mittel der äußeren Welt an sich heranziehen und unseren höheren Zwecken dienstbar machen." "Jedes tüchtige Bestreben wendet sich aus dem Innern hinaus auf die Welt; wie man in allen großen Epochen sieht, die wirklich im Streben und Vorschreiten begriffen und alle objektiver Natur waren". Es sind nach GOETHEs Bezeichnung die  gläubigen  Epochen. Wer handelt, darf nicht verzweifeln, er muß vom Glauben an seine Zwecke, seine Ideale erfüllt und getrieben sein. Glaube ist unentbehrlich für die Zeiten wahrer Kultur; Glaube schafft selber Kultur. Diese Überzeugung GOETHEs ist auch die Lehre unserer Geschichtsphilosophie, und jeder tiefere Blick in die Kulturgeschichte sieht sie überall bestätigt.

Den Wert der pong1.htmlPersönlichkeit hat keiner höher geschätzt, als GOETHE, der sie als das höchste Glück der Erdenkinder preist; aber er kannte und verehrte auch ein Überpersönliches, Übermenschliches und achtete die Grenzen der Menschheit. "Das Wesen der Welt läßt sich nie in eine Formel fassen, wohl aber stellt es sich in großen Persönlichkeiten kräftig und deutlich dar." "Gott ist fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen". "Es ist eigentlich die große Persönlichkeit, welche in die Kultur ihres Volkes übergeht." Und wie GOETHE groß dachte von der großen Persönlichkeit, so wußte er zugleich, daß auch der höchste Mensch nichts durch sich selber ist, nicht für sich selbst allein lebt. "Was der Mensch auch angreife und handhabe, der Einzelne ist sich nicht hinreichend. Denn im Grunde sind wir alle kollektive Wesen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen. Wie weniges haben und sind wir, das wir im reinsten Sinn unser Eigentum nennen. Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, wie auch von denen, die mit uns sind. - Die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und Beharrlichkeit, es auszuführen." "Mache aus dir ein Organ!" - dieses Wort gilt allen, auch den höheren Naturen. "Es ist im Menschen auch ein Dienenwollendes". Mag auch die große Persönlichkeit alles, was außer ihr ist, zu ihrer Selbstbildung, ihrer Selbstvollendung gebrauchen, mögen ihr Gesellschaft, Staat, ja die übrige Menschheit selbst zu Mitteln und Werkzeugen werden, die ihrem höchsten Wohl dienen; sie kann nicht anders, als die "Seligkeit ihrer Natur auch auf andere" ausgießen, und indem sie so den Reichtum ihres Innern erschließt, wird sie selbst zum Organ des Ganzen und wie das Ganze in ihr lebt, lebt sie selbst für das Ganze. Zwischen dem aristokratischen Individualismus, den NIETZSCHE lehrte, und dem Kollektivismus, der die sozialen Lehren der Gegenwart beherrscht, hat bereits GOETHE die reinste Aussöhnung gefunden, die schönste Verbindung gestiftet.

Die Zeit ruft alle ihre geistigen Kräfte auf, um einen neuen inneren Gehalt des Lebens zu erringen. In diesem Kampf um einen neuen Lebensinhalt muß sie sich mti den großen Geistesführern der Vergangenheit verbünden. Und ihre Lebensanschauungen zu erneuern, ihre Gesinnung lebendig zu erhalten, ihr Werk fortzuführen ist der nächst und wesentlichste Beruf der Philosophie als Geistesführung, - ist die Gegenwart dieser Philosophie.

Und so ist die Philosophie keine Sache bloß der Schule, sie ist eine Angelegenheit der Menschheit selbst und darum hat sie sich nicht überlebt und wird sich nie überleben. Umsonst, daß der Mensch sich gleichgültig verhalten wollte zu den Problemen der Philosophie; sind es doch die wahren und wesentlichen Probleme seines Wissens und seines Lebens. Stetig muß die Menschheit fortschreiten in der Selbsterkenntnis der Vernunft und der Erkenntnis der Welt, im Streben nach einer auf dieser doppelten Erkenntnis beruhenden Weisheit, fortschreiten in philosophischer Wissenschaft und philosophischer Gesinnung. Neben der Forschung, welche die Gesetze der Erscheinungen ermittelt, neben der Kunst, welche den Wert der Erscheinungen erhöht und zu anschauender Empfindung bringt, ist die Philosophie eine der geistigen Lebensmächte der Menschheit, eine der kulturschaffenden Mächte.
LITERATUR stopper Alois Riehl, Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart - 8 Vorträge, Leipzig 1903