ra-2Moritz SchlickOtto F. GruppeKatechismus der Philosophie    
 
ALOIS RIEHL
Die Philosophie
in der neueren Zeit


"Was war geschehen? - Die naive Anschauung der Sinne ist von der Wissenschaft berichtigt, ja widerlegt worden; das Denken feierte den ersten stolzen Triumph über die bloßen Tatsachen. Mehr noch: die Erde war aus ihrer zentralen Stellung in der Wert herausgenommen, Menschenart und Menschenschicksal hatten mit einem Mal die ungeheure Wichtigkeit eingebüßt, die sie aus nächster Nähe gesehen und für den Menschen selbst zu haben schienen."

Im Jahre 1543, dem Todesjahr des NIKOLAUS KOPERNIKUS, erschien dessen Werk: "de revolutionibus", von den Umwälzungen, -  "orbium coelestium":  der Himmelskreise, fügte der Herausgeber von sich aus hinzu. Eine neue Epoche der menschlichen Erkenntnis war damit eröffnet, und man sollte in der Geschichte der Wissenschaft nur mit einer vorkopernikanischen und einer kopernikanischen Aera rechnen.

Die Beobachtung der Regelmäßigkeit, womit sich die Himmelskörper bewegen, hat ohne Zweifel die ersten Regungen des wissenschaftlichen Denkens wachgerufen; an dieser Beobachtung hat sich zuerst der Begriff der Naturgesetzlichkeit entwickelt. Auch die Wissenschaft der Zahl knüpfte an das natürliche Zeitmaß im Kreislauf von Sonne und Mond an. Wir begreifen, wie gerade jene antike Naturphilosophie, die am Beispiel der musikalischen Intervalle die Abhängigkeit der Beschaffenheit der Sinneseindrücke von Zahlen und Größen erkannte und mit dieser Entdeckung den ersten Schritt zur quantitativen Erforschung der Natur zurücklegte, - wir begreifen, wie die  pythagoreische  Philosophie an der Ausbildung der Theorie über die Bewegungen der Himmelskörper mit Erfolg arbeiten konnte. ARISTARCH von Samos, ein pythagoreischer Philosophe des zweiten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, erfaßte sogar den Gedanken der Erdbewegung um die Sonne; er lehrte das heliozentrische System. Aber, wie alle wissenschaftlichen Gedanken, die zu früh geboren werden, blieb auch dieser kühne Gedanke nicht am Leben. Erst der deutsche Domherr aus Thorn mußte ihn wieder erneuern, er tat es mit bewußter Anlehnung an seine antiken Vorgänger. KOPERNIKUS wollte nur die pythagoreische Philosophie, wie man bis zu KEPLERs Zeit die Astronomie nannte, wieder ins Leben gerufen haben.

Was war geschehen? - Die neue Lehre, die allmählich zum Sieg geführt wurde, mit den edelsten Opfern, an die wir noch zu erinnern haben, - bedeutete sie nichts weiter als ein Mittel, die astronomischen Gleichungen bequemer anzuordnen, als es nach dem verwickelten ptolomäischen System geschehen konnte? Gewiß, dies war ihre nächste und beim damaligen Stand des Wissens vielleicht auch ihre einzige sichere Folge. Aber damit kann ihre universelle Bedeutung nicht erklärt, nicht erschöpft sein. Der heliozentrische Gedanke trägt unendlich weiter als alle seine rein astronomischen Konsequenzen.

Was war geschehen? - Die naive Anschauung der Sinne ist von der Wissenschaft berichtigt, ja widerlegt worden; das Denken feierte den ersten stolzen Triumph über die bloßen Tatsachen. Mehr noch: die Erde war aus ihrer zentralen Stellung in der Wert herausgenommen, Menschenart und Menschenschicksal hatten mit einem Mal die ungeheure Wichtigkeit eingebüßt, die sie aus nächster Nähe gesehen und für den Menschen selbst zu haben schienen. Und doch: alle Philosophie, alle Religionen der Welt waren bisher auf die einzigartige, bevorzugte Stellung des Menschen in der Natur eingerichtet, auf sie als ihren Grundton gestimmt. Gleichwie das Festeste von allem, ja das Urbild des Festen, die Erde plötzlich unter den Füßen zu wanken und fortzufliegen begann, so schienen auch alle menschlichen Werte schwankend und relativ geworden zu sein: - nur menschliche Werte. Die neue Lehre hat zunächst etwas an sich, das den menschen, die Geschichte des Menschen und die Schaubühne seiner Geschichte unendlich herabzudrücken scheint und den Menschen demütigt.

Aber, man kann es auch anders sehen. KOPERNIKUS hat einen neuen Stern entdeckt; er hat die Erde in den Himmel versetzt. Der alte, von ARISTOTELES gelehrte, vom Mittelalter geglaubte Gegensatz zwischen Himmel und Erde, himmlischer und irdischer Physik, ist auf einmal verschwunden. "Wie der Mond zum Himmel der Erde gehört, so, nicht anders gehört die Erde zum Himmel des Mondes; wie wir zum Mond emporblicken, blicken die Bewohner des Mondes zur Erde empor." Die Einheit der Sinnenwelt ist vor dem geistigen Auge des Menschen aufgegangen; der erste wissenschaftlich Beweis für ihre Einheit erbracht worden. Und selbst diese theoretischen Folgen erschöpfen noch nicht die ganze Bedeutung der neuen Anschauung. Zugleich mit der einheitlichen Betrachtung der Welt muß von innen her, im Menschen, die Teilnahme an allem Sein erwachen.
    "Dies ist die Philosophie, welche die Sinne auftut, den Geist befriedigt, den Verstand verherrlicht und den Menschen auf die wahre Glückseligkeit, die er als Mensch erreichen kann, hinweist, indem sie ihn von der mühevollen Sorge um Vergnüngungen und der blinden Furcht vor Schmerzen befreit."
Es sind die Worte GIORDANO BRUNOs, die ich entlehnt habe. So hat BRUNO die neue Lehre erfaßt; so wurde BRUNO von ihr erfaßt. Dieser Märtyrer der neuen Weltanschauung steht am Eingang der neueren Philosophie als Prophet der modernen Wissenschaft. Zwar in seinen philosophischen Spekulationen zeigt er sich noch abhängig von der Renaissance, oder bestimmter, abhängig von den Ideen des Neuplatonismus, dieser eigentümlichen Philosophie der Renaissance; auch teilte er bis zu einem gewissen Grad die Neigung seines Zeitalter zu abergläubischen, okkultistischen "Wissenschaften". In seinen kosmologischen Anschauungen dagegen ist er durchaus originell und sein eigener Gewährsmann; hier leitet ihn ein angeborener Sinn für das Wirkliche und Wahre. Er verallgemeinert die kopernikanische Anschauung. Im unermeßichen Raum sieht er zahllose Sonnen leuchten, jede von Planeten, oder wie er eindrucksvoller sagt: von "Erden" umkreist, die nur deshalb für uns nicht sichtbar sind, weil ihre Entfernung zu groß und ihr Körper zu klein ist. Gibt es doch auch, so erklärt er, in unserem Sonnensystem mehr Planeten, als die, welche bisher sichtbar geworden sind. Was aber heute für die meisten nur ein Objekt des Wissens ist, war für BRUNO Gegenstand eines feurigen Affektes, einer religiösen Stimmung und Ergriffenheit. BRUNO ist der Philosoph der Astronomie und wollen wir sehen, wie eine wissenschaftliche Wahrheit zu einer philosophischen wird, - dieses große Beispiel kann es uns zeigen: dadurch, daß sie unser ganzes Wesen anspricht und erfüllt, daß sie sich nicht bloß an den Verstand wendet, sondern mit dem ganzen Leben des Gemüts erfaßt wird.

Schon im Kloster (das Kloster war damals noch die Hauptstätte für wissenschaftliche Bildung), als Novize des Dominikaner-Ordens wurde BRUNO, als Jüngling, mit der Lehre des KOPERNIKUS bekannt. Sogleich fühlte sich sein Geist wie von Fesseln entledigt und befreit aus jenen erdichteten Sphären, die gleich Kerkermauern die Welt des Mittelalters umschlossen hielten. Die kristallnen Schalen, die Wölbungen droben, schwanden in ihr Nichts, - und "hell aufglänzte ihm nun die Schönheit der Welt". So lautet ein an KOPERNIKUS gerichteter Vers. Und noch zu einer weiteren und kühneren Verallgemeinerung dringt BRUNOs Denken vor. Wenn überall im Universum die nämliche stoffliche Natur vorhanden, überall dieselbe Kraft am Werk ist, muß dann nicht auch überall organisches Leben zur Entwicklung gelangen, zur Entwicklung gelangt sein? Schau hinauf zu den Sternen, - nein! Welten, und wisse, daß jede von ihnen Formen des Lebens trägt, ähnlich den irdischen und auch höher als diese, übermenschliche Formen, ja, daß jede als Ganzes selbst ein Lebewesen, ein erhabener Organismus ist.

Es ist die Lehre von den unzähligen bewohnten Welten, die BRUNO verkündet. Sie erst bedeutete den Zusammenbruch der mittelalterlichen Weltanschauung, welche in Trümmer fällt vor der Wirklichkeit, ja schon der Möglichkeit außerirdischen, organischen Lebens. Ließe sich mit der Theorie der Erdbewegung um die Sonne das offizielle, katholische Glaubenssystem zur Not noch vereinbaren, so gab und gibt es mit der Lehre von der Mehrheit der bewohnten Welten für das wörtlich verstandene Christentum überhaupt keinen Ausgleich, keine Aussöhnung: daher die Tragik im Leben BRUNOs.

Nicht nur die physische, auch die moralische Welt beruth auf gleichen Elementen und Gesetzen. Wie die Entwicklung in der gesamten Natur als wesentlich gleichartig vorauszusetzen ist und das organische Leben, wo immer es erscheinen mag, als von gleichen oder ähnlichen Gesetzen beherrscht, so müssen auch die Gesetze des geistigen Lebens überall von gleicher oder ähnlicher Art sein; sind sie doch der Sache nach von den Gesetzen des organischen nicht zu trennen. In BRUNOs Philosophie nimmt auch die Betrachtung des sittlichen Lebens die Wendung auf das Kosmische, Universelle. So ist seine großartige Allegorie: "die Reform des Himmels durch die "Austreibung der triumphierenden Bestie" zu deuten. Die sittlichen Gesetze sind allgemein geistige Naturgesetze, nicht Willkürsatzungen des Menschen, die sittlichen Werte allgemeingültige, nicht rein menschliche Werte. Mit dieser Anschauung durchbricht BRUNO die anthropologischen Schranken der Ethik. Und das ist der Art der Begründung nach etwas Neues und auch der Sache nach bis dahin kaum Erhörtes. Nur PLATO hat sich zu einer gleichen Höhe der Betrachtung erhoben und erst in KANTs Moral der reinen Vernunft treffen wir wieder auf Ansätze zur nämlichen großen Verallgemeinerung.

KOPERNIKUS verlegte den Mittelpunkt der Welt und nicht bloß des Planetensystems in die Sonne, seine Lehre ist ganz eigentlich heliozentrisch. BRUNO erkannte, daß es eine absolute Ortsbestimmung im Universum nicht geben kann, jedes Gestirn also Mittelpunkt der Welt ist; seine Lehre ist kosmozentrisch, - und mehr als das: sie ist theozentrisch. "Wir sind im Himmel und der Himmel ist in uns!" ruft er aus: wo immer wir sein mögen, überall sind wir unserem wahren Mittelpunkt, der Gottheit gleich nahe; ja, diese ist uns innerlicher gegenwärtig, als wir uns selbst innerlich gegenwärtig sind. Gott ist die Wesenheit in allem Sein, die Natur ansich; die schaffende Natur ist Gott in den Dingen. "Natura est deus in rebus" [Gott ist die Natur der Dinge. - wp]. In Worten, die einem Hymnus gleichen, feiert BRUNO die Einheit von Gott und Natur:
    "Wir suchen Gott im unveränderlichen, unbeugsamen Naturgesetz, in der ehrfurchtsvollen Stimmung eines nach diesem Gesetz sich richtenden Gemüts; wir suchen ihn im Glanz der Sonne, in der Schönheit der Dinge, die aus dem Schoß dieser unserer Mutter Erde hervorbrechen, im wahren Abglanz seines Wesens: dem Anblick unzähliger Gestirne, die am unermeßlichen Saum des einen Himmels leuchten, leben, fühlen, denken und dem All-Gültigen, All-Einen und Höchsten lobsingen."
Gedanken wie diese, Empfindungen gleich diesen nennt man pantheistisch; es sind die Empfindungen und Gedanken, die viele der erleuchtetsten Geister teilen. Auch GOETHE bekannte sich zum Glauben BRUNOs an eine "Gott-Natur".

"Verehrer des Unendlichen", so hat BRUNO sich selbst genannt. Die Unendlichkeit der Welt ist die Grundanschauung, die leitende Idee seiner Philosophie. Eine endliche Welt könnte Gottes Geschöpf sein, zur unendlichen Welt kann sich Gott nur verhalten wie die Ursache zu ihrer Wirkung. Und wie Ursache und Wirkung  eins  sind, sofern sich die Ursache in der Wirkung erhält, so sind Gott und Welt  eins,  so ist Gott das innerlich wirkende und in der Wirkung beharrende Prinzip von Welt und Natur. Das Universum in seiner äußeren, räumlichen und zeitlichen Grenzenlosigkeit erscheint so als das Abbild, das Ebenbild der inneren Unendlichkeit einer in ihm waltenden, schöpferischen Kraft, der wirkenden Kraft Gottes. Die Welt ist Gottes Offenbarung und von seinem Wesen nicht zu trennen.

Mit solchen Gedanken und dem Feuer, womit er sie verkündet, hat BRUNO der ihm folgenden metaphysischen Spekulation vorangeleuchtet. Wir begegnen ihnen namentlich bei SPINOZA wieder, nur abstrakter in der Form des Ausdrucks. BRUNO redet die Sprache der Empfindung und Poesie, SPINOZA sucht für philosophische Glaubenssätze "geometrische" Beweise. Auch läßt BRUNO das individuelle Sein nicht untergehen in die Einheit des Allgemeinen. Die Eine schaffende Kraft, die ihre Wesensfülle in Welten ohne Zahl zur Erscheinungen bringt, ist auch in jedem Individuum der Quellpunkt einer in's Unendliche gehenden Entwicklung. So aufgefaßt, heißt sie die Monade. - "Nichts wird zu nichts; Alles wird zu Allem. Wir selbst und die Dinge, die wir unser nennen, kommen und schwinden und kehren wieder, und es ist kein Ding, das uns nicht fremd wird, kein fremdes, das nicht unser eigen wird." Die Einheit im Sein und Wesen schließt Vielheit und Entwicklung nicht von sich aus.

BRUNO's Kosmologie, das Bild der Welt, das sein Geist zuerst erschaute, wurde von der Wissenschaft beinahe Zug für Zug bestätigt; BRUNOs Philosophie ist gleichsam das innere Leben, von dem sich alle weitere, dogmatische Philosophie der neueren Zeit, bewußt oder unbewußt, nährte. Die geistige Größe dieses Sehers einer neuen Welt und Apostels einer neuen Zeit ist selbst damit noch nicht erschöpft. Die Erinnerung an jenen am 17. Februar 1600 auf dem Campo die Fiore in Rom entflammten Scheiterhaufen wird in der Geschichte fortleuchten, als Mahnung und Vorbild, als unübertroffenes Zeugnis einer den Tod nicht achtenden Liebe zur Wahrheit.

Das Problem des wahren Weltsystems stand im Mittelpunkt der weiteren Entwicklung der modernen Wissenschaft, eine Zeit lang galt dieses Problem geradezu als die Frage der Wissenschaft überhaupt. KOPERNIKUS verbieten, schrieb GALILEI, heißt die Wissenschaft selbst verbieten.

Auch GALILEI hat für die neue Wahrheit gelitten, Verfolgung und Gefangenschaft um ihretwillen erduldet. Wir sollten nie vergessen, daß jede wissenschaftliche Wahrheit von allgemeiner, philosophischer Bedeutung bisher sich nur im Kampf durchzusetzen vermochte, daß sie Opfer erforderte, aber auch jede Aufopferung verdiente; und vielleicht war das notwendig, um uns ihren ganzen Wert eindringlich zu Bewußtsein zu bringen. Wir feiern GALILEI als den eigentlichen Schöpfer der Naturwissenschaft, denn er hat dieser ihre Methode gegeben; wir feiern ihn als den Entdecker der Fallgesetze, der mit dieser Entdeckung die Dynamik, die Wissenschaft der Bewegung begründet und so "die erste Pforte zur gesamten Physik aufgetan" hat; mit Bewunderung denken wir an seine astronomischen Beobachtungen, vor allem die Auffindung der Jupiters-Trabanten, der "mediceischen" Sterne; dieser kopernikanischen Welt im Kleinen: er selbst lebte und litt für die Lehre des KOPERNIKUS, für die Erkenntnis der wahren Verfassung, erklärt er, und es gibt sie auf eine einzige, wahre und so notwendige Art, daß sie nicht anders sein kann als sie ist." GALILEIs Kampf für die neue Weltanschauung, seine äußere Niederlage, der innere Sieg sind für die Geschichte der Befreiung des menschlichen Geistes in mehr als einer Hinsicht von größter Bedeutung und denkwürdig für alle Zeiten. Diesmal war es kein dem Kloster entwichener Mönch, an welchem Rom sich vergriff, sondern eine erlauchte Persönlichkeit, ein Fürst der Wissenschaft, von der Welt geehrt, vom Hof mit den höchsten Auszeichnungen bedacht, ehrwürdig durch sein Alter, wehrlos durch seine Krankheit, von dessen körperlicher Schwäche Rom schließlich den Widerruf erzwang. Aber ganz unbezwinglich ist die Wahrheit und ihrer Macht bleibt der Sieg. Es besteht, äußerte GALILEI, ein gewaltiger Unterschied zwischen jenen doktrinären, bloß wahrscheinlichen Disziplinen, in denen Rhetorik und Überredungskunst am Platz sein mögen, und den exakten, völlig genauen und sicheren Wissenschaften, deren Lehrsätze dem Beweis zugänglich sind und worüber man die Meinungen nicht nach Belieben oder auf Befehl ändern kann. "Denn es steht nicht in der Macht irgendeines Menschen oder einer menschlichen Institution, zu bewirken, daß sie wahr oder falsch werden, oder anders, als sie von Natur und de facto sind." Nie ist ein stolzeres, nie ein berechtigteres Wort über die wissenschaftliche Wahrheit und ihre Würde gesprochen worden.

Die Methode GALILEIs: die experimentelle Methode, welche Induktion und Deduktion, Erfahrung und Denken vereinigt, bedeutet, wie dies namentlich KANT betont hat, eine Revolution der wissenschaftlichen Denkart. Sie hat die antike Naturphilosophie für immer durch die moderne, die Naturwissenschaft ersetzt. Der ganze Gegensatz zwischen der alten und der neuen Wissenschaft, die Weite des Fortschritts von jener zu dieser lassen sich an einem einzigen kleinen Wort ermessen. Statt zu fragen:  warum  fallen die Körper, von welcher Art inneren Antriebs getrieben, aus welcher geheimen Ursache fragt GALILEI:  wie  fallen sie, in welcher Form, nach welchem  Gesetz?  Diese anscheinend so geringfügige Änderung in der wissenschaftlichen Fragestellung scheidet in Wahrheit zwei Zeitalter des menschlichen Erkennens. Sie setzte an die Stelle der vergeblichen und trügerischen Nachforschung nach dem Wesen der Ursachen die allein lösbare Aufgabe der Nachforschung und Ermittlung der Gesetze der Ursachen. Nichts aus Resignation, aus Einsicht in die Natur des Wissens haben wir auf den Traum verzichten gelernt, es liege im Vermögen unseres Geistes, in das Wesen der "Dinge ansich" einzudringen. Sind wir doch selbst von diesem Wesen getragen, ist doch dieses Wesen unserer eigenen Existenz vorausgesetzt; wie also sollten wir es mit unserem Denken erfassen, wie es in den Bezirk unserer Begriffe gleichsam einfangen können? Als Gipfel der Vermessenheit erschien GALILEI, die menschliche Fassungskraft zum Maß dessen zu machen, was die Natur ins Werk zu setzen vermag. Denn es gibt keine einzige Wirkung in ihr, sie sei so unscheinbar als man will, die vollständig zu erkennen, nicht das Vermögen, auch des erleuchtetsten Geistes übersteigt. Innerhalb der Grenzen aber, die der Wissenschaft gesetzt sind, die die Wissenschaft sich selbst setzt, wenn sie sich selbst begreift, ist das Wissen absolut oder vollkommen, nicht relativ; es gelangt zur Einsicht in die Notwendigkeit, und darüber hinaus ist nichts mehr zu erkennen, darüber hinaus verliert jede weitere Nachfrage einen angebbaren Sinn. Durch die Kenntnis der Gesetze der Ursachen beherrschen wir die Wirkungen und machen uns theoretisch wie praktisch zu Herren über die Kräfte der Natur.

Eine einzige ununterbrochene Entwicklung führt von GALILEI zu NEWTON; die Stetigkeit der wissenschaftlichen Forschung, nachdem einmal ihr Weg gefunden war, kommt dadurch unmittelbar zur Anschauung. Dasselbe Jahrhundert, in dessen Anfang mit den Untersuchungen und Berechnungen KEPLERs über die Planetenbahnen der Abschluß der mathematischen Astronomie fällt, sah an seinem Ende noch den Ausbau der physischen, das Werk NEWTONs. Um aber diesen Ausbau zu ermöglichen, mußte inzwischen GALILEI die Wissenschaft der Bewegung geschaffen und HUYGHENS, der würdige Nachfolger GALILEIs, dessen Werk fortgesetzt haben. Erst mußten die Gesetze des Fallens der irdischen Körper emittelt sein, ehe das Fallen der himmlischen dem Gesetz der allgemeinen Schwere untergeordnet werden konnte. Nichts anderes nämlich als die Interpretation der KEPLERschen Regeln der Planetenbahnen mit Hilfe der Fallgesetze GALILEIs und HUYGHENS Gesetze der Kreisbewegung ist die Gravitationstheorie NEWTONs. Der früheste Glaube der Wissenschaft: die Gesetzlichkeit des Kosmos war jetzt zur Anschauung geworden, das Problem, um das sich die Philosophie des Altertums unablässig bemüht hatte, gelöst und zwar in der erhabensten Gestalt; denn alles Erhabene ist einfach. Ein einziges Gesetz von einfacher mathematischer Form verbindet die Massen zur Einheit der Welt und beherrscht zugleich die Bewegungen aller Himmelskörper, aus diesem einzigen Gesetz sind alle ihre vergangenen und künftigen Stellungen im Weltraum zu berechnen.

Wir wissen, welche Bedeutung für die Philosophie die Schöpfung einer selbständigen, positiven Wissenschaft hatte. Das Verhältnis zur Wissenschaft bestimmt fortan den Charakter der Philosophie; nach diesem Verhältnis allein gliedern sich sachgemäß die Perioden ihrer neueren Geschichte.

In der ersten Zeit steht die Philosophie in Abhängigkeit von der Wissenschaft; sie identifiziert sich mit dieser und will nur ihr Werk fortführen und vollenden. Noch ergreift sie keine neue Aufgabe, sie verallgemeinert nur die Aufgabe der Wissenschaft, indem sie deren neue, mathematisch-mechanische Denkart auf alle Probleme des Erkennens auszudehnen sucht. Sie ist daher selbst eine universelle Mechanik, Mechanik als Universalwissenschaft. Es ist die Zeit der großen Systeme des siebzehnten Jahrhunderts; typisch für diese Zeit ist DESCARTES. In ihrer zweiten Epoche dagegen, die mit LOCKE beginnt, entdeckt die Philosophie das ihr eigentümliche Untersuchungsgebiet. Sie erfaßt den Gegenstand, dessen Natur sie befähigt, Einzelwissenschaft zu werden und die Strenge und Genauigkeit einer solchen zu befolgen und zugleich die Allgemeinwissenschaft zu bleiben, sofern sich ihr Gegenstand auf alle Wissenschaften in gleicher Weise bezieht und durch jede von ihnen gegeben wird. Sie wissen es bereits, dieses Untersuchungsgebiet der Philosophie ist die Erkenntnis selbst, ihr Gegenstand der Begriff des Wissens: die Erfahrung, nicht die Erfahrungen. Die Philosophie, soweit sie Wissenschaft ist, ist Wissenschaftslehre, die Prüfung des Wissens, die Selbsterkenntnis der Vernunft. Sie handelt von der Wahrheit unserer Vorstellungen der Dinge, nicht vom Wesen der Dinge und setzt die Wissenschaft, die ihr Objekt ist, voraus. Wie also sollte sie diese ersetzen wollen?

Was sich zwischen diese endgültige Epoche der Philosophie und ihre Wiedererneuerung in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eingeschoben hat, bedeutet, von rein wissenschaftlichem Standpunkt aus beurteilt, keinen Fortschritt, sondern viel eher eine Hemmung der Entwicklung. Der deutsche, sogenannte "Idealismus" setzt die Spekulation wieder an die Stelle von Forschung und Kritik und meinte, die Wissenschaft nicht etwas bloß meistern zu können, sondern sie ersetzen zu müssen. Es war dies eine Philosophie, die sich rühmte, die Erfahrung nicht zu brauchen: der Philosoph, erklärt FICHTE, bedarf zu seinem Geschäfte durchaus keiner Erfahrung, er treibt es ohne Rücksicht auf irgendeine Erfahrung und schlechthin a priori. Und wenn dieser Verzicht auf die Erfahrung bei der praktischen Bestimmung der Lehre FICHTEs noch eine gewisse Berechtigung haben mochte, für die theoretische Forschung bedeutet er die Verleitung zu Irrtum und Phantasterei. SCHELLING fand die Naturwissenschaft NEWTONs "ideenlos"; die Wissenschaft fand dafür SCHELLINGs ideenreiche Naturphilosophie sinnlos. Man konnte sich auf beiden Seiten nicht verstehen; denn während man auf der einen nach "Ideen", das heißt Wertbegriffen dort suchte, wo sie nicht hingehören, war man auf der anderen nur zu gern geneigt, den Wert der Ideen überhaupt zu verneinen. Und so stellt sich uns jene ganze Philosophie,  sofern sie sich als Wissenschaft ausgab,  als ein einziges großes Mißverständnis heraus. Sie ist damit von ihrer ursprünglichen, der ethisch schöpferischen Richtung abgekommen, die ihr FICHTE, einer der Erzieher unseres Volkes, geben wollte.

Wie sich in der ersten Periode ihrer neueren Entwicklung die Philosophie mit der Wissenschaft verbunden hat, zeigt die Geschichte der großen Systeme jener Zeit.

HOBBES, ein Zeitgenosse und Rivale DESCARTES, der erste exakte Denker über politische Dinge, läßt die neue Philosophie mit KOPERNIKUS beginnen und zählt GALILEI und HARVEY, den Entdecker des Kreislauf des Blutes, zu ihren Begründern; er verstand also unter der neuen Philosophie die neue Naturwissenschaft. Und eben dies ergibt sich auch aus seiner Erklärung: Philosophie sie die gewisse Erkenntnis der Wirkungen oder Phänomene aus den bekannten Ursachen oder Erzeugnisweisen und die wahrscheinliche Erkenntnis der Ursachen aus den bekannten Wirkungen. Der erste Teil dieser Erklärung, die den doppelten Weg der wissenschaftlichen Forschung angibt, bezieht sich auf die Mathematik, deren Prinzipien durch innere Anschauung gegeben werden, während der zweite die Gesamtheit der empirischen Wissenschaften umfaßt, für welche die Erscheinungen gegeben und die Prinzipien oder Ursachen zu suchen sind. Mathematik und Naturwissenschaft machen demnach für HOBBES die Philosophie aus. Gegenstand der Philosophie, sagt HOBBES, ist jeder Körper; das Wort  Körper  wird hier in einem sehr allgemeinen Sinn genommen: es steht für alles, was zusammengesetzt ist und eine Entstehung hat, vornehmlich für das, was wir selbst zusammensetzen, nach Prinzipien, die aus uns stammen, wie den geometrischen Körper, und den politischen "Körper", den Staat, sofern dieser durch den Willen des Menschen geschaffen und aus Verträgen und Gesetzen erzeugt wird. So ordnet HOBBES die Lehre vom Staat der deduktiven oder mathematischen Betrachtung unter, um das was vom Staat a priori zu erkennen ist vom Historischen abzusondern, und indem er die Philosophie als Körperlehre auffaßt, macht er sie zu einer universellen, alle Erkenntnisprobleme umfassenden Naturwissenschaft. Doch finden sich auch Gedanken bei ihm, die bereits Keime der Kritik der Erkenntnis enthalten; und in der Lehre vom Raum ist HOBBES ein Vorgänner KANTs.

Unter der Philosophie DESCARTES' hat man im achtzehnten Jahrhundert bei Anhängern wie Gegnern nie etwas anderes verstanden als die Physik DESCARTES', insbesondere die berühmte Wirbel-Hypothese, die der Lehre NEWTONs weichen mußte, weil die astronomischen Beobachtungen gegen sie entschieden, aber als Versuch die Schwere physikalisch zu erklären, geschichtlich überaus merkwürdig ist. Und auch DESCARTES selbst schätzte nicht seine metaphysischen Betrachtungen, die man gewöhnlich allein unter seiner Philosophie versteht, am höchsten, sondern seine physikalischen Forschungen. Nur für diese nahm er objektive Gültigkeit in Anspruch. Von jenen Spekulationen dagegen meinte er, sie gefielen ihm zwar ganz wohl, doch andere hätten auch  welche,  und diese gefielen ihnen vielleicht noch besser. Als er aber zu einigen allgemeinen Begriffen in der Physik gelangt war, glaubte er nicht länger im Verborgenen bleiben zu dürfen. Denn sie hätten ihm die Möglichkeit zu Ansichten gezeigt, die für das Leben fruchtbar und geeignet seien statt der theoretischen Schulphilosophie eine praktische Philosophie zu gewinnen, die uns zu Herren und Eigentümern der Natur macht. DESCARTES denkt an die Anwendung der Prinzipien der Meschanik auf alle Vorgänge in der äußeren natur; er denkt, um Einzelnes hervorzuheben, an die Entdeckung und physikalische Erklärung des Brechungsgesetzes des Lichts, an die Ableitung der Schwere aus der Fliehkraft und dem Druck der Wirbel, und vor allem an die seiner Zeit vorauseilenden Vorstellungen von der mechanischen Natur der Prozesse des Lebens. DESCARTES hat eine Revolution ebenso in der Physiologie und Medizin hervorgebracht wie in der Physik und Metaphysik. Er war zum Haupt der medizinischen Schule, die sich die iatromechanische nannte, weil sie aus dem Studium der Lebensvorgänge nach mechanischen Gesichtspunkten Mittel zur Heilung der Krankheiten gewinnen wollte. Die physiologischen Kenntnisse, über welche er verfügte, sind für seine Zeit von überraschender Genauigkeit. Er machte anatomische Beobachtungen, - ein zerlegtes Tier nannte er gelegentlich seine Bibliothek -, er stellte Tierversuche an und studierte die Entwicklungsgeschichte der Organismen. Er beschreibt die Reflexbewegung an Menschen und Tieren und weiß, daß die Wärme die einzige Quelle der tierischen Bewegung ist. Auf diese physiologischen Forschungen legte er selbst das Hauptgewicht; sie in ihrer Anwendung auf die Medizin erschienen ihm als das eigentliche Ziel seiner "Philosophie". Er habe beschlossen, schriebe er 1637, seine ganze noch übrige Lebenszeit dem Studium der Natur in der von ihm gefundenen Methode zu weihen, um dadurch zu sichereren Regeln für die Medizin zu gelangen, als es die bisherigen sind.

Wer es nicht wüßte, daß DESCARTES in erster Linie Naturforscher war, könnte sich allein schon durch eine Übersicht des Inhalts seiner Werke davon überezugen. Die Schrift über die Methode, keine Abhandlung, eine "Unterredung", von der KUNO FISCHER sagt, man erwarte einen Wegweise und lerne einen Menschen kennen, bildet die Einleitung zu einer Reihe von Arbeiten physisikalischen und mathematischen Inhalts, die unter dem gemeinsamen Titel "philosophische Versuche" erschienen. Es sind dies die Dioptrik, die Lehre von den Meteoren, die Geometrie - und alle diese Arbeiten nennt DESCARTES ohne Unterschied: philosophische. Eines weiteren Beweises, daß für ihn forschende Wissenschaft und theoretische Philosophie ein und dasselbe bedeuteten, daß er, wie seine ganze Zeit, beides völlig gleichsetzt, bedarf es nicht.

Und was schon die "philosophischen Versuche" zeigten: das Übergewicht der pysikalischen und mathematischen Forschungen DESCARTES über seine im engeren Sinne des Worts philosophischen bestätigen die "Prinzipien der Philosophie". Dieses Hauptwerk DESCARTES' ist die Ausführung eines älteren, unter dem Eindruck von GALILEIs Verurteilung zurückgelegten Werks und sollte die Titel: "die Welt" führen. Von den vier Büchern desselben beschäftigen sich drei mit naturwissenschaftlichen Fragen. DESCARTES gibt darin eine Gesamtdarstellung, das System seiner Physik. Der leitende Gedanke ist die mechanische Entwicklung der Körperwelt. "Mit Hilfe der Gesetze der Bewegung muß die Materie alle Gestalten, deren sie fähig ist, nach und nach annehmen und wenn wir diese Gestalten der Reihe nach betrachten, werden wir endlich zu derjenigen gelangen, welche die der gegenwärtigen Welt ist." Die Vorgänge in der Natur erscheinen sonach als eine geschlossene Kette von Bewegungen, dabei wird die Summe der Bewegung im Ganzen als unveränderlich vorausgesetzt; es ist der erste, wenngleich noch unvollkommene Ausdruck des Prinzips der Erhaltung der Energie. Und indem DESCARTES den Begriff der Kraft mit der Annahme verborgener Massen und Bewegungen umgeht, betritt schon er den Weg, den in unseren Tagen HEINRICH HERTZ wieder eingeschlagen hat. Auch die Hypothese der Wirbel, der kyklischen Bewegungen lebt in der Physik der Gegenwart wieder auf.

DESCARTES' Geist durchschweift die Welt in den "Prinzipien". Von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung erhebt sich seine Betrachtung zur Physik des Himmels, sie steigt von da zur Physik der Erde herab und dringt zu den Bewegungen in Nerv und Hirn vor, die die Empfindung begleiten. Hier aber macht sie Halt; ihr ableitendes Verfahren muß hier enden, da sie unvermerkt an den Ausgangspunkt aller Erfahrung zurückgelangt ist. Die Empfindung ist der unaufgeklärte Rest für DESCARTES, - für DUBOIS-REYMOND, für jede Naturauffassung, die aus der mechanischen Erscheinungsseite der Dinge das Wesen der Dinge ausmacht. Es ist lehrreich zu sehen, wie DESCARTES mit der Empfindung verfährt, mit ihr verfahren muß. Sie, das Element des für uns wirklichen, sollte eigentlich nach den Grundsätzen seiner Philosophie gar nicht existieren. Denn weder aus der Seele, deren Wesen im reinen Denken bestehen soll, läßt sie sich herleiten, noch ist sie aus dem Körper zu begreifen, dem keine anderen Wesensbestimmungen zugeschrieben werden als Ausdehnung und Bewegung. DESCARTES will sie daher aus der Vereinigung von Körper und Seele ableiten; es bleibt aber völlig unverständlich, wie aus der Verbindung von Faktoren ein Produkt hervorgehen soll, das in keinem enthalten, ja aus jedem, für sich genommen, als seinem Wesen widersprechend ausgeschlossen ist.

Mit den physikalischen Forschung DESCARTES' stehen auch seine grundlegenden Betrachtungen zur Metaphysik und Erkenntnislehre in einem unlösbaren Zusammenhang und erhalten erst in diesem Zusammenhang ihre eigentlichen authentischen Sinn. So vor allem das berühmte, nicht ebenso oft richtig verstandes als nachgesprochene:  cogito, ergo sum,  ich denke, als bin ich. DESCARTES will mit diesem Satz zur Voraussetzung aller, auch der naturwissenschaftlichen Erkenntnis: dem denkenden Subjekt zurückgreifen, um von da aus in einem metodischen Fortschritt und auf dem Weg einer lückenlosen Deduktion zu den Grundbegriffen des Wissens und den Elementen des Seins zu gelangen. Das Sein des Denkens erscheint nach seiner Lehre allein von unmittelbarer Gewißheit:  cogitatio est.  Hier sollen wir den archimedischen Punkt haben, von dem aus auch das Wissen von den Objekten in Bewegung zu versetzen ist; hier ist das Prinzip, in welchem Wahrheit und Wirklichkeit zusammentreffen, sofern es Existenz in sich einschließt und zugleich begreiflich, ja das Begreifen selbst ist. "Das Denken ist die Regel der Wahrheit der Dinge." Ein Maßstab soll uns damit gegeben werden für jegliche Erkenntnis, die zugleich wahr und wirklich ist; insbesondere aber die Naturerkenntnis erhält von da aus ihre Beglaubigung. Es ist der ausgesprochene und alleinige Zweck, den DESCARTES mit seinen metaphysischen Erwägungen verfolgt: die Realität der Begriffe zu beweisen,, aus denen die Physik ihre Hypothesen bildet. Nur was begreiflich ist, argumentiert DESCARTES, ist wirklich, nur das Mathematische ist von der äußeren Natur begreiflich; also ist auch nur das Mathematische in ihr ansich wirklich. Die Natur handelt mathematisch, daher ist sie gesetzmäßig, also klar und deutlich erkennbar und darum wirklich. Leicht erkennen wir in dieser Schlußweise einen Überrest des mittelalterlichen (und antiken) "Realismus" der Begriffe, von dem sich auch DESCARTES' freier Geist nicht völlig frei zu machen vermochte. Statt wie es in der Ordnung gewesen wäre, die Begreiflichkeit zum Maß der Erkenntnis der Dinge zu machen, machte sie DESCARTES zum Maß ihrer Wirklichkeit. Nur das Rationale ist ihm auch das Reelle; die Dinge sollen nur soweit reell sein, als sie zugleich rational sind. Und so verwandelte sich in seinem Geist diese sinnenfällige Welt mit ihrem unendlichen Reichtum an Qualitäten und Stufen von Qualitäten in ein bares mathematisches Objekt. Er sah nicht, daß dieses Objekt nichts als den Niederschlag seiner eigenen Abstraktion darstellte und daß nur als Abstraktion genommen sein Verfahren berechtigt war. Statt bloß die Begriffe zu unterscheiden, trennte er die Dinge und kam so zur Entgegensetzung seiner beiden "Substanzen", einer rein denkenden und einer nur ausgedehnten, zwischen welchen Abstraktionen die ganze konkrete Natur zu Boden fällt. Aber selbst dieser "Dualismus" des Philosophen zeigt sich noch beherrscht von Gesichtspunkten der exakten Forschung und durchdrungen von dem Geist der reinen Naturwissenschaft, welche DESCARTES gleichsam mit entdeckt hat. Doch ist sein Gegensatz zu GALILEI nicht zu übersehen. Während GALILEI nach den mathematischen Gesetzen der Naturvorgänge forschte, entwirft DESCARTES Bilder oder Modelle, welche die Vorgänge anschaulich machen sollen. Er besaß daher für GALILEIs anders gerichtetes Verfahren kein rechtes Verständnis und tadelt sogar, daß dieser Gesetze der Schwere aufstellte, ehe er das Wesen der Schwere bestimmt, das ist eine rein physikalische Theorie derselben gegeben habe. Wenn daher DESCARTES von seinen Landsleuten als der "Vater der Physik" gefeiert wird, so gebührt dieser Ehrenname GALILEI mit weit größerem Recht und sicher in anderer Bedeutung. Schuf GALILEI die Physik der Gesetze, so gab DESCARTES das erste, moderne Beispiel einer Physik der Hypothesen.

Der Metaphysiker in der Reihe der großen Systemphilosophen des 17. Jahrhunderts ist SPINOZA. Liegt nicht, wie schon die Form der Einkleidung seiner Gedanken, die "geometrische Ordnung" der Beweise zeigt, auch auf seinem System der Reflex der mathematisch-mechanischen Wissenschaft seiner Zeit? Es ist die Stellung SPINOZAs in der Geschichte der Philosophie, daß er mit der neu gewonnenen Einsicht in die Notwendigkeit allen Geschehens die höchsten Forderungen und Aspirationen des menschlichen Gemütes nicht bloß verbindet und versöhnt, sondern eben jene Einsicht selbst zur Grundlage der wahren Gotteserkenntnis und Quelle des Seelenfriedens macht. Man weiß, wie entschieden SPINOZAs Geist auf GOETHE wirkte, welchen Einfluß er auf GOETHEs ganze Denkweise nahm. HEINE fand dafür das anmutige Wort: "die Lehre SPINOZAs hat sich aus ihrer mathematischen Hülle entpuppt und umflattert uns als GOETHE'sches Lied." Eine Friedensluft schien GOETHE aus der Ethik des lange verkannten Denkers entgegenzuwehen, hier fand er eine Beruhigung seiner Leidenschaften; eine große und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt schien sich ihm aufzutun.

Wir zählen die Lehre SPINOZAs zu den Grundgestalten der philosophischen Weltanschauung und wir wir von Platonismus reden als einer typischen Art, Welt und Leben zu betrachten, die in ihrer Bedeutung über die historische Ausprägung im System PLATOs hinausreicht, ebenso reden wir auch von Spinozismus, gleich unpersönlich und das Wesentliche über das Geschichtliche stellend. Und wir haben dazu noch ein besonderes Recht. Die Selbstlosigkeit des Philosophen, die "grenzenlose Uneigennützigkeit", die GOETHE besonders an ihn fesselte, wollte nicht zugeben, daß die Lehre, die er hinterließ, von ihm den Namen führt. Nicht er, war seine Meinung, sondern Gottes Denkkraft in ihm, durch ihn habe sein Werk geschaffen. Nur mit den Initialen seines Namens, und auch dies nicht mit seinem Willen, erschien posthum die Ethik.

Der leitende Begriff bei SPINOZA ist der Begriff des Naturgesetzes. Nach der Analogie mit der Naturgesetzlichkeit denkt sich SPINOZA die Abhängigkeit der Einzeldingen von einem unendlichen göttlichen Sein. "Gott handelt nach den Gesetzen seiner Natur." Und da Gott allein ansich wirklich ist, und es außer ihm keine "Substanz" gibt nocht eine solche begriffen werden kann, so sind die Gesetze der Natur Gottes, die Gesetze der Natur überhaupt. Gott ist die Natur ansich (deus sive natura). Er offenbart sich daher in den Naturgesetzen. Diese seine eine Form, Gottes Wesen zu erkennen. Denn sie erstrecken sich auf Unendliches, nämlich alle die zahllosen Fälle, in denen sie gelten, gegolten haben, gelten werden, auch werden sie von uns "unter einer gewissen Form der Ewigkeit" gedacht, sofern sie das Unveränderliche und von aller Zeit Unabhängige im Veränderlichene ausdrücken und heute nicht anders sind, als sie von jeher gewesen ind und immer sein werden; und "so zeigen sie selbst uns auf gewisse Weise die Unendlichkeit, Ewigkeit und Unveränderlichkeit Gottes an." Zwar kennt SPINOZA noch eine höhere Stufe der Erkenntnis. Hier aber wird er zum Mystiker. Er denkt an eine Vernunftanschauung, ein unmittelbares Bewußtwerden des Menschen mitsamt allen Dingen ewig in Gottes Wesen enthalten und gegründet zu sein. Das ist jene von ihm so hoch gepriesene, aber niemals klar gemachte, noch klar zu machende "dritte Erkenntnisart", die er die intuitive nennt. Wo er als Philosoph redet und nur der Denker, nicht der Mystiker in ihm zu Worte kommt, da kann es seiner ausdrücklichen Erklärung nach "nur eine Weise geben, die Natur irgendwelcher Dinge zu erkennen, nämlich durch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Natur". "Denn die Natur ist immer dieselbe und ihre Kraft und Macht zu wirken überall ein und dieselbe, d. h. die Gesetze und Regeln der Natur, denen gemäß alle Dinge geschehen und aus den einen Formen in die anderen verwandelt werden, sind überall und immer die nämlicen." Diese Erkenntnisart durch die Naturgesetz heißt bei SPINOZA  ratio,  und dies bedeutet in seiner Zeit so viel als Erkennen nach dem Muster der Mathematik, in der Weise der mathematischen, daher "rationalen" Naturwissenschaft. "Wie aus dem Begriff des Dreiescks von Ewigkeit zu Ewigkeit folgt, daß die drei Winkel des Dreiecks gleich sind zwei rechten, so folgt aus der unendlichen Natur Gottes unendlich Vieles, in unendlich vielen Weisen, nämlich Alles", nämlich die Gesamtheit der Dinge, die nichts sind, als die Besonderungen oder Affektionen des einen und höchsten Seins. Dieses unendliche, durchaus tätige Wesen, die "actuosa essentia" Gottes ist ununterbrochen schaffend am Werk und die Ordnung seines Schaffens ist fest und unabänderlich. Nichts kann zu den Naturgesetzen hinzugefügt, nichts von ihnen genommen werden. "Die Dinge konnten auf keine andere Weise, in keiner anderen Ordnung von Gott hervorgebracht werden, als sie von ihm hervorgebracht worden sind." Sollte die Naturordnung eine andere sein können, als sie ist, so müßte Gott ein anderer sein können, als er ist: eine andere Natur - ein anderer Gott. Annehmen, daß eine zweite Ordnung der Natur außer der tatsächlich gegebenen möglich sei, hieße Gottes Wesen verdoppeln, hieße an zwei Götter glauben; jene Annahme ist daher ansich widersinnung und bedeutet überdies einen Abfall vom wahren Glauben an das alleinige göttliche Wesen und Sein. So folgt für SPINOZA aus der Einheit und Einzigkeit Gottes die Einheit und Einzigkeit der Natur. Die mathematische Notwendigkeit, mit der die Naturgesetze gelten, schließt Zweck und Zufall vom Wesen der Dinge aus. Die Natur hat keinen ihr vorgesteckten Zweck, noch handelt sie um eines inneren Zweckes willen. Die Zweckbetrachtung reicht nicht bis zum Grund der Naturvorgänge hinab; sie ist eine oberflächliche und relative, eine rein menschliche Betrachtungsweise, ein Geschöpft der Einbildungskraft des Menschen, der damit eine Folge seiner Natur, seine Triebe und sein Verlangen, zur Ursache der Natur macht. "Gott regiert die Natur wie es deren allgemeinen Gesetze, nicht wie es die besonderen Gesetze der menschlichen Natur erfordern." Zufall aber bedeutet nichts als einen Mangel unserer Erkenntnis; zufällig erscheinen uns Dinge, deren Ursachen wir nicht kennen, aus demselben Grund erscheint uns unser Wille frei. "In der Natur der Dinge selbst gibt es nichts Zufälliges (in rerum natura nullum datur contingens) alles ist vielmehr aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisse Weise zu sein und zu wirken." Kein Ding, das nicht von Gott bestimmt ist, etwas zu wirken, kann sich selbst zum Wirken bestimmen; keines, das von Gott dazu bestimmt ist, sich selbst unbestimmt machen.

Diese Lehre nun hat bei SPINOZA einen anderen als rein wissenschaftlichen "Zweck", so wollen wir sagen, einen anderen, zur Lebensführung gehörenden Sinn. Sie soll die Anleitung zur Seelenstärke sein, zur Macht des Menschen über sich und die Dinge. Sie ist eine Freiheitslehre, sie weist den Menschen auf den Weg zu seiner wahren Freiheit, welche die innere Notwendigkeit des Handelns nicht aufhebt, sondern voraussetzt. Sie ist die Lehre vom höchsten Gut und darum heißt sie auch nicht Physik oder Metaphysik, sondern Ethik.

"Alles, wovon der Mensch selbst die wirkende Ursache ist, das ist alles, was durch die bloßen Gesetze seiner eigenen Natur begriffen werden kann, ist notwendig gut, und es kann dem Menschen kein Übel widerfahren als nur von äußeren Ursachen, sofern er nämlich ein Teil der ganzen Natur ist, deren Gesetzen die menschliche Natur zu gehorchen und der sich der Mensch auf fast unendliche Weisen anzupassen genötigt ist." Böse kann nur die Überwältigung des menschlichen Geistes durch Affekte genannt werden, welche Leidenschaften (passiones) sind und die tätigen Affekte des Menschen, seine Handlungen, beschränken. Wäre der Mensch frei geboren, könnte er von Anbeginn an kraft seines eigenen Wesens handeln, ohne von Leidenschaften getrieben zu werden, so würde er keinen Begriff von gut oder böse bilden; er wäre in gewissem Sinne "jenseits von Gut und Böse". Notwendig gut ist also das absolut Machtvolle. Tugend und Macht sind ein und dasselbe, - dasselbe ist: vollständig aus eigener Tatkraft handeln und gut handeln. Die Glückseligkeit ist daher nicht der Lohn der Tugend, sondern die Kraft der Tugend selbst. So lehrte SPINOZA. Seine Lehre weist uns an, das doppelte Antlitz des Schicksals, Gutes und Schlimmes, mit Gleichmut zu ertragen und nicht etwa nur resignierend zu ertragen, sondern ja sagend dazu, übereinstimmend damit, denn überall ist die nämliche Macht und Kraft Gottes am Werk. Wir handeln nur auf den Wink des höchsten, allwirksamen Seins, in ihm leben, weben und sind wir: - dies die Essenz der Lebensweisheit SPINOZAs.

Daß dieses vollkommenste Muster irgendeiner dogmatischen Philosophie, die wir kennen, daß SPINOZAs Ethik, solange man noch keine kritische Philosophie besaß und nachdem man sie wieder vergessen hatte, den mächtigsten Einfluß ausüben mußte, kann uns nicht auffallend erscheinen. Und nicht KANT, sondern SPINOZA ist, wie die Geschichte bezeugt, der Vater der deutschen idealistischen Spekulation, deren wesentlichste Ideen eine Nachbildung, öfter auch eine Abschwächung spinozistischer Gedanken sind.

Am Schluß dieser Betrachtung ist wohl die Frage nach dem wahren Wert der großen philosophischen Systeme des siebzehnten Jahrhunderts (zu denen auch dasjenige von LEIBNIZ gehört) dem Wert der philosophischen Systembildung überhaupt am Platz. Hätten diese Schöpfungen großer Denker auch nichts weiter bewirkt, als das Bewußtsein vom Endziel, nach welchem die Wege der Forschung weisen und wohin ihre Linien sich neigen, wach erhalten oder erneuert zu haben; ihr Verdienst wäre auch dann nicht gering, und, was sie damit geleistet haben, durch positive Forschung allein nicht zu ersetzen. Die Wissenschaften insgesamt, sagt DESCARTES, sind nichts anderes als die menschliche Erkenntnis und diese ist immer ein und dieselbe, auf wie verschiedene Gegenstände sie auch angewandt werden mag; so bleibt das Licht der Sonne immer eines, wie verschieden auch die Dinge sind, die es erleuchtet. Was uns aber in jenen von der wissenschaftlichen Erkenntnis ausgehenden, aber deren Grenzen überschreitenden Versuchen als das Wertvollste erscheint, was im Wechsel der philosophischen Systeme, dem Wandel ihrer Lehren, der Entwicklung ihrer Anschauungen das Bleibende darstellt, ist nicht das Finden oder das angebliche Gefundenhaben des Systems, sondern das Suchen selbst: das Streben nach einer Gesamtauffassung der Dinge und des Lebens, weit genug, um uns unsere Stellung in der Welt überblicken zu lassen, tief und lebendig genug, um unser ganzes Wesen zu ergreifen, unsere Gesinnung zu veredeln und unser Handeln zu leiten, - das Streben, um es zusammenfassend zu sagen, nach einer Erkenntnis, die sich in Weisheit verwandeln kann, wovon eben die Philosophie ihren Namen führt.
LITERATUR stopper Alois Riehl, Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart - 8 Vorträge, Leipzig 1903