ra-2E. MeyersonM. SchlickA. TrebitschB. Erdmannvon Aster    
 
ALOIS RIEHL
Kausalität und Identität

"Helmholtz  macht die treffende und weittragende Bemerkung, daß das Kausalgesetz den Charakter eines rein logischen Gesetzes an sich trägt, weil die aus ihm gezogenen Folgerungen nicht die wirkliche Erfahrung betreffen, sondern deren  Verständnis.  Somit ist das Gesetz vom zureichenden Grund eigentlich nichts anderes als der  Trieb  unseres Verstandes, alle unsere Wahrnehmungen seiner eigenen Herrschaft zu unterwerfen,  nicht ein Naturgesetz." 

"Statt die Kausalität den Obersatz unserer Schlüsse über Tatsachen zu nennen, werden wir sie als die  Maxime zu schließen,  als den  Drang und Entschluß zu folgern,  betrachten. Sie wird nach unserer Meinung unsere Schlüsse nicht unmittelbar objektiv begründen können, sondern subjektiv antreiben."

"Ursache und Wirkung sind die Objekte, wenn sie als Teile eines Schlusses betrachtet werden. Sie sind es nicht ansich, sondern nur beziehungsweise zum Verstand."

"Wir schließen durch Substitution von Gleichem für Gleiches. Die Voraussetzung ist das Stattfinden einer Gleichung zwischen Begriffen, Größen, Funktionen von Größen usw., die Voraussetzung also für die kausalen Schlüsse ist eine Gleichung zwischen dem  Vorhergehenden  und dem  Nachfolgenden." 

"Entweder sind die Kausalitäts schlüsse  von der Zeitreihe unabhängig zu gestalten, dadurch, daß sie auf das in der Zeit Identische, das Allgemeine, gegründet werden; oder es gibt keine Schlüsse der Kausalität."

"Gleichungen sind jederzeit rein umkehrbar. Kann es einen besseren Beweis dafür geben, daß das begriffliche Wesen der Kausalität von der Zeitfolge unabhängig ist, als die Möglichkeit, Ursache und Wirkung ihre Plätze in der Zeitreihe vertauschen zu lassen?"

"Was uns bestimmt, zu jeder Begebenheit eine Ursache zu suchen, ist dies, daß uns eine Tatsache stets als ein Fragment oder ein Teil erscheint, zu dem uns das Ganze fehlt, das wir doch der Kontinuität und Einheit des Bewußtseins zufolge voraussetzen  müssen." 

"Wegen des Zusammenhangs der Kausalität mit der Einheit und Identität des Bewußtseins kann man mit  Kant,  wenn auch in einem geänderten Sinn, die Kausalität eine Funktion des Selbstbewußtseins (der synthetischen Einheit der Apperzeption) nennen."

Der Fortschritt des wissenschaftlichen Erkennens läßt sich am Besten aus der Größe der Veränderung ermessen, welche die Bedeutung sehr lange und sehr allgemein gebrauchter wissenschaftlicher Ausdrücke erfahren hat. Der Terminus  Kausalität  diente ursprünglich dazu denjenigen Bestandteil der Ursache zu bezeichnen, der diese befähigt, die Wirkung hervorzubringen, - die Macht oder Kraft also, durch welche die Ursache ihre Ursächlichkeit ausübt. Diese Bedeutung des Begriffs erscheint auch ganz naturgemäß, wenn wir bedenken, daß der Begriff der Verursachung wahrscheinlich aus der Erfahrung unseres zweckmäßigen Handelns abstrahiert und auf die Vorgänge der Außenwelt übertragen worden ist. Nicht die Erfahrung der Veränderung, sondern bestimmter die Erfahrung der Hervorbringung von Veränderung gemäß unserem zielbewußten Streben scheint den Gedanken der ursächlichen Verbindung erweckt zu haben. Der erste Kausalitätsbegriff ist der Begriff des Zwecks, die  causa finalis,  welche die  causa efficiens  einschließt; aber selbst heute sind die Spuren dieser anthropomorphistischen Auffassung des Kausalverhältnisses nicht völlig getilgt. Nicht nur die populäre Vorstellungsweise faßt dieses Verhältnis im Sinne des Zweckbegriffs auf, aus dem die bewußte Absicht weggedacht wird, anstelle welcher, wie wir wissen, ein unbewußter Wille oder die abstraktere Vorstellung von Kraft, Notwendigkeit und dgl. treten. Ist diese Ableitung des Begriffs richtig, so wäre der Umstand bemerkenswert, daß nicht die Erfahrung der gleichförmigen und beständigen Folge der Vorgänge, noch die der Veränderung, sondern die Erfahrung der menschlichen Macht über die Dinge, welche durch Erweiterung und Übertragung zur Vorstellung der göttlichen Macht wird, die Quelle der unwissenschaftlichen Kausalitätsvorstellung ist. Diese Vorstellung scheint nicht einfach nur eine empirische, sondern sogar eine experimentelle zu sein; daher das zähe Festhalten an dieser psychologisch notwendigen, aber vom kritischen Standpunkt sehr zweifelhaften Konzeption.

Seit HUMEs einschneidender Kritik darf als erwiesen gelten, daß wir eine Wahrnehmung von wirkender Kraft oder Macht in keinem Fall besitzen. Die Empfindung unserer Anstrengung hat gewöhnlich die Bewegung unserer Gliedmaßen zur Folge, eine Bewegung, der eine Reihe von nicht in die Wahrnehmung tretenden Vorgängen in den Zentralorganen vorangeht, so daß am Anfangspunkt dieser Reihe Wille und molekulare Veränderung wahrscheinlich zusammenfallen. Man muß selbst zugeben, daß in normalen Fällen die Intensität jener Empfindung zur geleisteten Arbeit im Verhältnis steht. Aber Nichts ist in der Wahrnehmung jener Affektion des Bewußtseins, die wir Wille nennen, enthalten, was das Hervorgehen der Bewegung aus ihr verständlich machen könnte. Die Vorstellung des Willens enthält das Gefühl der Bestrebung in Verbindung mit der Vorstellung einer gewissen Richtung derselben; aber sie schließt die Vorstellung der davon verschiedenen und äußeren Wirkung des Willens nicht ein. Der Wille kann vorhanden sein und die Bewegung dennoch ausbleiben, ohne daß wir es dem empfundenen Willen gleichsam ansehen könnten, warum im Fall der Lähmung unserer Glieder der gewöhnliche Erfolg ausbleibt. Hätten wir in unserem Willen eine Wahrnehmung der Hervorbringung, die Wahrnehmung eines erzeugenden Prinzips, so müßten wir den erfolglosen Willen ohne weiteres vom bewirkenden Willen unterscheiden können. Unsere Idee von Macht oder Erzeugung ist mithin keine Wahrnehmung, sondern ein Schluß, der über das unmittelbar Gewußte hinausgeht und der das Verhältnis der Kausalität vielmehr voraussetzt, als begründet.

Muß demnach die Vorstellung einer  causa efficiens,  weil sie nur aus eine ungenauen Interpretaion der Erfahrung stammt, beseitigt werden, welcher Inhalt bleibt dann noch für den Kausalitätsbegriff bestehen, und wie läßt sich die Gültigkeit dieses Begriffs beweisen? Beide Fragen hat HUME zu beantworten versucht. Er widerlegt die zu seiner Zeit gegebenen apriorischen Beweise des allgemeinen Kausalitätsgesetzes und er gibt eine Definition des Kausalitätsbegriffs, welche mir, obschon sie in der positiven Philosophie zu fast unbestrittener Geltung gelangt ist, gerade in einem wesentlichen Punkt ungenügend zu sein scheint. Von den Beweisen, die HUME seiner Prüfung unterzog, halte ich besonder zwei noch gegenwärtig der Beachtung wert. Einige Philosophen (HOBBES nämlich) argumentieren: Weil alle Punkte der Zeit und des Raums, in welchen wir annehmen können, daß Objekte anfangen zu sein, an und für sich gleich sind, so muß, wenn nicht eine Ursache da ist, welche zu einer Zeit und einem Ort besonders gehört und dadurch das Dasein bestimmt und fixiert, dieses Dasein ewig  in suspenso  [in der Schwebe - wp] bleiben, folglich kann das Objekt nicht anfangen zu sein, wenn nichts da ist, was seine Existenz bestimmt. Dieser Beweisgang hat offenbar Ähnlichkeit mit demjenigen, den KANT einschlägt; nur handelt HOBBES von der Ordnung der Dinge selbst, während KANT seinen Beweis der Grundsätze der Koexistenz (Wechselwirkung) und Sukzession (Kausalität und Abhängigkeit) auf die Ordnung der Erscheinungen einschränkt. Nur wenn die Erscheinungen in Raum und Zeit durch eine allgemeine  Regel  ihrer Wechselwirkung und Folge bestimmt sind, werden sie zu Gegenständen der  Erfahrung,  im Unterschied von der subjektiven und ansich unbestimmten Wahrnehmung. Die Regel gibt den Hinweis der Erscheinung auf ein  Objekt;  sie ist mithin der Grund einer gegenständlichen Vorstellung überhaupt. Kausalität und Wechselwirkung gehören a priori zu der Vorstellung eines Objekts, nicht, weil sie von diesem abstrahiert wären, sondern weil sie Bedingungen oder Elemente seiner Vorstellung sind. - Ein Teil der Gegenargumente HUMEs trifft auch diese  kantische  Beweisführung. Die erste Frage ist immer:  ob  ein Ding existiert, erst die zweite:  wann  und  wo  es existiert. Wenn nun die Wegnahme einer Ursache im ersten Fall nicht ohne Beweis für ungereimt erklärt werden kann - was sie auch in der Tat nicht ist, zumindest nicht, wenn wir die Allgemeinheit der Kausalität, die wir beweisen wollen, nicht voraussetzen - so noch weniger im zweiten, der vom ersteren abhängt. Es gibt, wie MILL auseinandersetzt, kein Gesetz für die ursprüngliche Kollokation [Anordnung der Reihenfolge - wp] der Dinge; wir suchen vernünftigerweise nur Gesetze für solche Arten der Koexistenz, welche wir als sekundäre Folgen von Gesetzen der Sukzession anzusehen haben, d. h. als  Veränderungen  der anfänglichen Kollokationen begreifen. Die Allgemeinheit des Kausalitätsgesetzes in Bezug auf die Ordnung der Dinge oder der Erscheinungen im Raum erleidet mithin wenigstens in einem wichtigen Fall eine Ausnahme, wie sie eine solche auch bezüglich der zeitlichen Ordnung erleidet, da nicht die bloße Stelle der Objekte in der Zeit, ihre reine Sukzession, sondern einzig und allein die  Veränderung  der Sukzession eine Ursache erfordert. - Ein zweiter Beweis, den ich erwähnenswert finde, stützt sich auf das korrelative Verhältnis der Begriffe Ursache und Wirkung, aus welchem allerdings a priori gefolgert werden muß, daß jede Wirkung eine Ursache, jede Ursache eine Wirkung hat. Aber folgt daraus, wendet HUME ein, daß jeder Vorgang eine  Wirkung  sein muß? Es ist zweifellos, daß jeder Ehemann eine Frau hat; wer wird aber daraus schließen, daß jeder Mann ein Ehemann sein muß? Besteht dieselbe Korrelation, die sicher zwischen den Begriffen besteht, auch zwischen den Dingen? Wenn ich eine Begebenheit als Wirkung bezeichne, so habe ich sie freilich als supplementär zu einer anderen aufgefaßt, die ich ihre Ursache nenne. Aber was zwingt mich, jede Begebenheit in dieser Weise aufzufassen? Warum kann ich sie nicht als selbständig und in sich abgeschlossen betrachten? Nichtsdestoweniger ist die Hervorhebung der Relativität der Begriffe  Ursache  und  Wirkung  von großer Wichtigkeit. Wenn sie auch Nichts für die objektive Gültigkeit der Kausalität beweisen kann, so befähigt sie uns doch zu einer richtigen Definition des Begriffs.

Ich vermisse in der Erklärung, welche HUME von der Kausalität gibt, den entscheidenden Punkt. Ursache soll nichts als das konstante Antezendens [das Vorausgehende - wp], Wirkung nur das beständige Consequens [das Nachfolgende - wp], das ursächliche Verhältnis mithin nur die beständige Angrenzung (Kontiguität) zweier Vorgänge in der Zeit sein, oder, wie MILL sagt, ihre beständige und unbedingte Folge. Gegen diese Begriffsbestimmung, deren anderweitige Mängel sich aus dem Folgenden erhellen werden, bleibt der Einwand KANTs aufrecht: es wäre uns nach derselben nicht möglich, auf gewisse Vorgänge in der Natur zu  schließen,  wir könnten nur ähnliche Vorgänge  erwarten.  Unser Schließen würde nichts sein als ein Fall von Erwartung. Ist es dies wirklich? Liegt nichts weiteres in der Natur und Form unseres Folgerns, als diese Erwartung? Die häufige Verbindung zweier Ereignisse könnte zufällig sein und unsere Erwartung schon in einem nächsten Fall getäuscht werden. Gesetzt, wir stehen vor einer Urne, deren Inhalt wir nicht sehen können, und ziehen mit einer gewissen Häufigkeit weiße, mit einer gewissen rote und blaue Bälle heraus; besteht dann unser Wahrscheinlichkeits schluß  auf künftige Fälle einzig nur in der Erwartung oder ist nicht vielmehr diese Erwartung in einer Annahme oder Hypothese über das Arrangement der Bälle  gegründet?  Ich will nicht von den Fällen reden, in denen die Beständigkeit der Wiederholung die davon unabhängige Überzeugung von einem gesetzmäßigen Zusammenhang nicht zu verstärken vermag, sondern nur bemerken, daß der anscheinend negative Ausdruck die  unbedingte  Folge in MILLs Definition den positiven Begriff der Kausalität voraussetzt, also nicht geeignet sein kann, diesen Begriff zu definieren. Die Folge zweier Ereignisse kann  unmittelbar  sein, ohne deshalb  unbedingt  zu sein, wenn beide von einer beständigen dritten Ursache abhängen. Es ist daher falsch, unmittelbare und unbedingte Folge einfach gleichzusetzen, wie es MILL getan hat. Unbedingt ist die Folge, welche von keiner weiteren Ursache abhängt -  was also ist Ursache? 

Man pflegt an die Spitze irgendeiner Theorie, sei es der Natur, sei es des Geistes, gleich einem Axiom, dessen Autorität und Gewißheit demselben einen Rang verleihen, höher, als die besondere Erfahrung ihn geben kann, den Grundsatz der Kausalität zu stellen. Dieses Prinzip soll stillschweigend oder ausdrücklich der Obersatz aller und jeder Erfahrungsschlüsse sein. Es soll deren gesamte Beweislast tragen. Wie sehr man in der Frage, wie wir zum Bewußtsein dieses Prinzips gelangen, uneinig ist, an der Gültigkeit desselben hegt man kaum einen Zweifel; ebensowenig daran, daß durch Subsumtion der Erfahrungserkenntnisse unter das Prinzip der Kausalität diese Erkenntnisse eine weit größere Sicherheit und Gewißheit erlangen. Selbst der Empirismus eines HELMHOLTZ macht vor diesem Prinzip Halt, obschon gerade HELMHOLTZ die treffende und weittragende Bemerkung macht, daß das Kausalgesetz den Charakter eines rein logischen Gesetzes an sich trägt, weil die aus ihm gezogenen Folgerungen nicht die wirkliche Erfahrung betreffen, sondern deren  Verständnis.  "Somit ist das Gesetz vom zureichenden Grund eigentlich nichts anderes als der  Trieb  unseres Verstandes, alle unsere Wahrnehmungen seiner eigenen Herrschaft zu unterwerfen,  nicht ein Naturgesetz."  Ist die Kausalität nichts als die Forderung der Begreiflichkeit, mit welcher wir an die Natur herantreten müssen, so oft wir sie erkennen wollen, so muß sie freilich in allen besonderen Versuchen des Begreifens oder Erklärens mit enthalten sein. Ihre Allgemeinheit wird unbestreitbar und ebenso unfruchtbar sein. Sie ist zugleich mit dem Selbstbewußtsein gegeben und aller wissenschaftlichen Erfahrung vorauszusetzen, nicht aber aus dieser abzuleiten. Allein sie ist dann auch rein subjektiv, der Ausdruck des Erkennen- und Erklären wollens,  nicht ein  Erkenntnisprinzip. 

In der Tat ist die Kausalität kein eigentliches Gesetz, sondern die allgemeine Formel, ein Gesetz zu suchen. Sie ist ein Problem der Vernunft, oder in KANTs Sprache eine  Idee deren Verwandtschaft mit dem Zweckbegriff KANT selbst hervorgehoben hat. Denn wir können a priori nicht wissen oder entscheiden, wie weit die Gesetzmäßigkeit der Erfahrung geht, wenn wir schon a priori wissen, daß uns die Erfahrung nur so weit begreiflich ist, als ihre Gesetzmäßigkeit geht. Wenn wir daher von  allgemeiner  Gesetzlichkeit reden, so antizipiern wir nur in Gedanken die Lösung des Problems, die uns in Wirklichkeit nur Schritt für Schritt und niemals vollständig gelingt. In welchem Sinne wir dennoch  subjektiv  genötigt sind, die Allgemeinheit der Gesetzlichkeit der  Veränderung  der Dinge (nicht der Dinge oder des Geschehens überhaupt!) zu postulieren, soll unten gezeigt werden, wo wir die Notwendigkeit der Kausalvorstellung erörtern. Es gibt kein  "Gesetz  der Gesetzmäßigkeit", das mehr wäre, als die subjektive Zusammenfassung der wirklich ermittelten Gesetze. Durch Subsumtion dieser Gesetze unter die allgemeine Formel, daß es überhaupt für jedes Ereignis ein Gesetz gibt, wird ihre Gewißheit in Nichts verstärkt. Ein Gesetz kann in  einem  Fall mit logischer Sicherheit erkannt oder es kann selbst nach sehr zahlreichen Fällen noch zweifelhaft sein, ohne daß weder im ersteren noch im letzteren Fall die Subsumtion des Gesetzes unter das sogenannte Kausalitätsgesetz das Mindeste zur Verstärkung der Überzeugung, bzw. zur Hebung des Zweifels beiträgt. Oder soll deshalb ein Gesetz, das ich erst vermute, weniger zweifelhaft sein, wenn ich behaupte: es gibt, oder genauer, es  soll  Gesetze geben? Ich habe öfter den Ausdruck Gesetz gebraucht, der recht offenkundig den Ursprung der Kausalität aus dem Willen verrät und ein Rest des Anthropomorphismus in der Wissenschaft, oder, wie HUXLEY sagte, eine sehr schlechte Metapher ist.

Statt die Kausalität den Obersatz unserer Schlüsse über Tatsachen zu nennen, werden wir sie als die Maxime: zu schließen, als den Drang und Entschluß: zu folgern, betrachten. Sie wird nach unserer Meinung unsere Schlüsse nicht unmittelbar objektiv begründen können, sondern subjektiv antreiben. Ebensowenig also, wie wir in die Definition der Ursächlichkeit einen Ausdruck für das "efficiens" aufnehmen dürfen, da uns dasselbe durchaus und in jedem Fall unbekannt ist, ebensowenig dürfen wir einen Ausdruck der Notwendigkeit einführen, welche durchaus subjektiv ist. Das Moment der zeitlichen Folge wird zwar in die Definition aufgenommen werden müssen, um die  Ursache  von anderen  Gründen  zu unterscheiden; da aber diese Unterscheidung unwesentlich ist, ja geradezu nur vom Standpunkt unserer Betrachtung abhängt, so dürfen wir auf das zeitliche Moment nicht das Hauptgewicht legen. Wir nennen als  Ursache:  die Summe oder den Teil der gleichviel ob unmittelbaren oder mittelbaren, positiven oder negativen Antezedentien, aus denen auf  begreifliche  (logisch gültige) Weise auf diejenige Summe oder denjenigen Teil der in der Zeit folgenen Umstände  geschlossen  werden kann, die wir zufolge  dieses Schlusses  in Bezug auf die Antezendentien  Wirkung  nennen.

Man sieht aus dieser definition, daß kein Ding und auch kein Vorgang, für sich genommen, Ursache sind; sie sind es auch nicht insofern nur, als sie in der Zeit aufeinanderfolgen, sondern einzig, insofern das Folgende aus dem Vorhergehenden begriffen, d. h. durch eine wahre Schlußoperation aus ihm entwickelt werden kann. Ursache und Wirkung sind die Objekte, wenn sie als Teile eines Schlusses betrachtet werden. Sie sind es nicht ansich, sondern nur beziehungsweise zum Verstand. Was aber dagegen spricht, daß wir diesem Satz sofort zustimmen, ist der heimliche Hintergedanke an die  wirkenden  Ursachen, die sicher kein Gegenstand unseres Erkennens sind. Der wesentiche Teil des kausalen Verhältnisses ist nicht sein zeitliches, sondern sein  logisches  Moment. Der Nachdruck der Kausalität liegt in der Möglichkeit, die Vorgänge, welche zeitlich getrennt sind, durch einen Schluß zu verbinden. Mit dieser Bestimmung ist zugleich der Übergang gefunden von der subjektiven Bedeutung der Kausalität zu ihrer objektiven. Dieser Übergang erfolgt mittels des Prinzips der  Identität,  das allgemein unsere Schlüsse beherrscht, mithin auch von den kausalen, die Zeitfolge der Erscheinungen verbindenden Schlüssen gültig ist. Wir schließen durch Substitution von Gleichem für Gleiches. Die Voraussetzung ist das Stattfinden einer Gleichung zwischen Begriffen, Größen, Funktionen von Größen usw., die Voraussetzung also für die kausalen Schlüsse ist eine Gleichung zwischen dem  Antecedens  und dem  Consequens.  Beide Vorgänge, das Antecedens aus dem wir schließen und das Consequens, auf welches wir schließen, müssen  gleichartig  sein, damit wir überhaupt schließen und eine reine Folge von einer kausalen Folge unterscheiden können. Sie müssen, vom Unterschied der Zeit abgesehen, Identität besitzen; soweit sie identisch sind, genauso weit reicht die Möglichkeit, sie durch einen Schluß zu verbinden, soweit reicht ihr kausales Band. Die Forderung der Begreiflichkeit, die Kausalität im subjektiven Sinn, wird erfüllt durch die Identität der Vorgänge, die Kausalität in objektiver Bedeutung. Die Reduktion der im Hinblick auf die Zeit verschiedenen Vorgänge oder Veränderungen auf identische Gründe ist das Geschäft des kausalen Schließens. Wir erklären eine Veränderung, wenn und in dem Maß wie es uns gelingt, sie auf Unveränderliches, Identisches - sei es ein unveränderliches Sein oder eine identische Folge (z. B. gleichförmige geradlinige Bewegung) - zurückzuführen. Daher können wir auch die Kausalität als die Anwendung des Identitätsprinzips auf die Zeit, oder genauer auf die Veränderung in der Folge der Begebenheiten definieren, woraus sich wieder ergibt, daß die Kausalität keineswegs ein besonderes, ursprüngliches Erkenntnisprinzip ist.

Der Irrtum, daß die Kausalität ein besonderes Schlußprinzip neben der Identität darstellt, rührt von LEIBNIZ her: während sie von SPINOZA, wie schon dessen Gleichsetzung von  causa  und  ratio  beweist, ganz richtig als eine Schlußweise, die auf Identität gegründet ist, aufgefaßt wird.
    "Von Dingen, die Nichts unter sich gemein haben, kann nicht das eine die Ursache des anderen sein. Denn Dinge, die Nichts miteinander gemein haben, können auch nicht wechselseitig durch sich erkannt werden, d. h. der Begriff des einen schließt nicht den Begriff des anderen ein. Die Erkenntnis der Wirkung aber hängt von der Erkenntnis der Ursache ab und schließt dieselbe ein."
Folgerichtig lehrt SPINOZA, daß zwischen Wille und Bewegung kein ursächliches Verhältnis besteht, weil zwischen beiden kein begreifliches Verhältnis (ratio) besteht. Es liegt mir fern, dem dogmatischen Gebrauch das Wort zu reden, den SPINOZA von seiner Kausalitätslehre macht; aber ich will ihre logische Richtigkeit betonen. LEIBNIZ dagegen behauptet, unsere Folgerungen seien auf zwei große Prinzipien gegründet, das Prinzip des Widerspruchs und das des zureichenden Grundes. Das letztere leitet unsere Schlüsse in Bezug auf die "zufälligen Wahrheiten" oder  Tatsachen.  Wir betrachten diesem Prinzip zufolge eine Tatsache als wahr und existierend, ein Urteil als gültig, wenn ein zureichender Grund vorhanden war, kraft welchem die Tatsache so und nicht vielmehr anders bestimmt ist. Diese Formel drückt nur die subjektive Bedeutung der Kausalität, die Forderung der Begreiflichkeit, aus. LEIBNIZ unterläßt anzugeben, ob der geforderte Grund als Grund verschieden ist von einem rein begrifflichen Beweisgrund. Was bedeutet jedoch die nähere Bestimmung des geforderten Grundes als eines zureichenden anders, als der Grund darf bezüglich seiner Folge weder zuviel, noch zuwenig enthalten, d. h. er muß ein relativ zur Folge identischer Grund sein?

Blicken wir vom Standpunkt dieser Entwicklung auf die Kausalitätslehre KANTs und MILLs zurück. Beide stimmen darin überein, daß sie das Wesen des kausalen Verhältnisses in der zeitlichen Folge suchen, während sie allerdings in der Frage über den Ursprung und die Tragweite des Gesetzes weit voneinander abweichen. KANT betrachtet es als Grundsatz, MILL als Ergebnis der Erfahrung. Doch ist der Satz MILLs: zwischen den Naturerscheinungen, die in irgendeinem Augenblick vorhanden sind und den Erscheinungen des folgenden Augenblicks besteht eine unveränderliche Ordnung der Folge, ganz im Sinne KANTs, der gleichfalls die Kausalität als Regel der objektiven Folge erklärte, wenn schon nicht geleugnet werden soll, daß seine Lehre durch die Anknüpfung der Zeitordnung an die hypothetische Urteilsfunktion über die von ihm selbst entwickelten Folgerungen hinausweist. Das hypothetische Urteil vereinigt zwei Sätze nach dem Verhältnis von Grund und Folge, es drückt die Konsequenz aus, durch die die beiden Sätze verbunden sind, und welche logisch genommen auf der Identität des Grundes in der Folge beruth. Gegen die Beschränkung des kausalen Verhältnisses auf eine objektive Zeitbestimmung hat schon RIEMANN (Gesammelte Werke, Seite 493) eingewendet, es könnte unter dieser Voraussetzung mit jeder Wahrnehmung als Ursache  jede beliebige  andere als Wirkung verknüpft sein. In der Wissenschaft schließt man nicht aus dem "post hoc" [danach - wp] auf das "propter hoc" [deswegen - wp]; die Lehre KANTs und MILLs läuft aber im Grunde auf eine solche Schlußweise hinaus. Die bloße Sukzession, selbst wenn sie beständig ist, gilt uns erst als ein Hinweis auf ein kausales, d. h. identisches Verhältnis zwischen den einander folgenden Vorgängen, keineswegs aber schon als ein Beweis, geschweige als erschöpfender Ausdruck für dasselbe. Wir wissen im Gegenteil, daß bei der äußersten Mannigfaltigkeit und Zusammengesetztheit aller Erscheinungen jede Sequenz, die wir beobachten, aus einem Bündel von ursächlichen Verhältnissen besteh, das wir in Gedanken und durch wissenschaftliche Methoden auseinandernehmen müssen, um die wahren kausalen Beziehungen zu entdecken. Darauf gründet sich die Unterscheidung zwischen einer empirischen Regel und dem logisch-empirischen Gesetz. - Auf einige weitere Mängel in der Auffassung MILLs hat VENN hingewiesen (Logic of Chance, Chapter IX, Seite 224 der zweiten Auflage). Wird die Ursache als die totale Summe der unmittelbaren Antezedentien erklärt, so ist zu bedenken, daß die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Natur zu groß ist, als daß die Summe genau und vollständig in Rechnung gezogen werden könnte. Gewöhnlich müssen wir mehrere der Elemente übergehen, deren Verbindung doch erst das unveränderliche Antezedens sein soll. Wird also diese Definition genau genommen, so erscheint sie unanwendbar; sie darf nur eine hypothetische Form haben. Wir müßten sagen: Ursache soll eine solche Verbindung von Antezedentien sein, die,  wenn  sie sich wiederholt, das Consequens von neuem zur Folge haben würde. Aber wird sie sich wiederholen? Sehr selten - vielleicht niemals! Die präzise Kombination von Umständen ist allgemein gesprochen ein Unikum. Ähnliche Bedenken erhebt VENN gegen den zweiten Punkt der Definition MILLs, die Forderung nämlich, daß die Folge eine  unmittelbare  ist. Reden wir von einer unmittelbaren Verbindung von Antezedens und Consequens, so müssen wir streng genommen verstehen, daß beide sozusagen in Kontakt miteinander sind, d. h. nicht getrennt durch irgendein angebbares Intervall der Zeit. Lassen wir dagegen ein solches Intervall zu, so verlieren wir sofort jede Sicherheit sowohl gegen die Dazwischenkunft entgegenwirkender Agentien, wie auch gegen die Fluktuaktion und Veränderung der Antezedentien selbst. Welches Antezedens  ist  aber nun  unmittelbar?  Wir wir zwischen zwei noch so nahen Punkten einen dritten Punkt setzen können, so können wir auch, wenn wir zwei sehr nahe Zustände in der Aufeinanderfolge der Phänomene betrachten, jede Zahl mehr von Zwischenzuständen begreifen. Der Begriff eines unmittelbaren Antezedens kann, wird er genau verstanden, nichts als die Tendenz und Größe der Kräfte in dem Zeitpunkt, der in Frage steht, angeben, aber nicht die Bedingung für Erscheinungen in irgendeiner ausgedehnten Zeit. - Augenscheinlich tritt damit der Begriff der Ursache aus der Zeitreihe und mithin aus der direkten Erfahrung heraus. Ich habe schon erwähnt, daß uns die Wahrnehmung niemals von einer unbedingten Folge belehren kann; es zeigt sich, daß sie uns ebensowenig von einer unmittelbaren belehren kann. Jeder Zustand geht durch unwahrnehmbare Grade in den nächsten über, er ist, wie VENN sagt, in diesen gleichsam eingetaucht, und die Vorgänge der Natur gleichen nicht einer Kette mit gesonderten Gliedern, vielmehr einer stetigen Entwicklung. Es gibt keine noch so kleinen Teil der Zeit, der nicht wieder eingeteilt, also wieder in  antecedens  und  consequens  zerlegt werden könnte. Entweder also sind die Kausalitäts schlüsse  von der Zeitreihe unabhängig zu gestalten, dadurch, daß sie auf das in der Zeit Identische, das Allgemeine, gegründet werden; oder es gibt keine Schlüsse der Kausalität.

Es ist eine Konsequenz unserer Auffassung, daß Ursache und  Grund,  abgesehen, daß jene die Zeit mitbezeicnet, dasselbe sind und daß auch zwischen Ursache und Wirkung keine  begriffliche  Differenz besteht. Wie die Gesamtheit der Folgen identisch ist mit dem Grund, so ist auch die vollständige Wirkung äquivalent ihrer Ursache. In der Tat liefert die entscheidende Probe für ein kausales Verhältnis die Inversion [Umkehrung - wp] von Ursache und Wirkung. Wir wandeln eine Form von Kraft in diejenige zurück, aus welcher wir sie früher hervorgebracht haben. Alle auf die materiellen Erscheinungen bezüglichen Kausalsätze lassen sich in der Form von Größengleichungen aussprechen, und vielleicht wird es gelingen, auch die Kausalverhältnisse zwischen psychischen Vorgängen auf eine mathematische Form zu bringen. Gleichungen aber sind jederzeit rein umkehrbar. Kann es einen besseren Beweis dafür geben, daß das begriffliche Wesen der Kausalität von der Zeitfolge unabhängig ist, als die Möglichkeit, Ursache und Wirkung ihre Plätze in der Zeitreihe vertauschen zu lassen? Der Grund, warum in unserer Vorstellung gerade die Ursache eine höhere Dignität, einen Vorrang zu besitzen scheint, ist, wie VENN richtig bemerkt, kein wissenschaftlicher, sondern ein populärer Grund. Wir leben vorwärts, nicht rückwärts, die Praxis nötigt uns, mehr auf das Künftige zu achten, auf das Vorausgehende aber nur so weit Rücksicht zu nehmen, als es unerläßlich ist, um unerwünschten Folgen zuvorzukommen. Die Ursache erscheint uns wichtiger, als die Wirkung, nur weil uns ihre Kenntnis befähigt, über die Wirkung in einem gewissen Umfang zu gebieten.

Die Kausalität ist das Postulat der Begründung der Veränderung, das Prinzip dieser Begründung - der Grundsatz der Identität. Demnach ist die Kausalität in zwei verschiedene Bestandteile aufzulösen, einen psychologischen: den Trieb oder das Bedürfnis, die Veränderung zu erklären und einen logischen: den Grundsatz, welcher allein geeignet sein kann, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Woher stammt aber die Notwendigkeit, zu jeder Veränderung eine Ursache zu suchen, und wie läßt sich die objektive Gültigkeit der Kausalität beweisen, wie weit also der begreifliche Zusammenhang der Erscheinungen verfolgen? Beide Fragen sind getrennt zu behandeln. Denn die subjektive Notwendigkeit ist niemals ein Beweis für die objektive Allgemeinheit.

Würde sich die Kausalität auf die Folge überhaupt und nicht auf die Veränderung der Folge beziehen, so könnten wir HUME Recht geben, welcher die Überzeugung von der ursächlichen Verknüpfung aus der Erfahrung der beständigen und gleichförmigen Folge zweier bestimmter Erscheinungen ableitet. Die Beständigkeit derselben Folge wird sicher zwischen den Vorstellungen der Phänomene eine untrennbare Assoziation stiften, so daß wir gezwungen sind, so oft uns das eine von Neuem, sei es zur Wahrnehmung, sei es in Gedanken, kommt, an das andere zu denken. Aber werden wir diesen Zwang auch  empfinden?  Die Assoziation bewirkt, daß unser Gedankenlauf automatisch und mechanisch wird. Die Gewohnheit, weit entfernt einen lebhaften und starken Eindruck zu machen, wie es derjenige des Glaubens an eine Kausalität ist, macht unser Gemüt vielmehr gleichgültig. Je fester die assoziative Verbindung unter den Vorstellungen geworden ist, desto weniger werden wir etwas, wie Zwang oder Notwendigkeit fühlen. Dieses Gefühl wird sich dagegen sofort einstellen, wenn ein Ereignis eintritt, oder eine Vorstellung gebildet wird, die im Widerspruch zur gewohnten Aufeinanderfolge der Dinge und Vorstellungen stehen, und zwar wird das Gefühl in dem Verhältnis intensiver sein, wie die Abweichung vom Gewohnten größer ist. Beim Widerstreit des Ungewöhnlichen mit dem Gewohnheitsmäßigen kommt das Letztere überhaupt erst zu Bewußtsein. Das Gleichgewicht der Gemütskräfte, das die Gewohnheit erhält und befestigt, muß empfindlich gestört werden, damit das Bedürfnis nach seiner Herstellung erwacht. Ich glaube daher, daß nicht die Gewohnheit, sondern die Unterbrechung derselben durch ungewöhnliche Ereignisse den Impuls zur Nachforschung nach einer Ursache gegeben hat und daß die subjektive Notwendigkeit der Kausalität in dem dadurch erweckten, starken Bedürfnis nach einem Ausgleich des Ungewohnten mit dem der Gewohnheit gemäßen besteht. Kausalität ist subjektiv betrachtet das Bedürfnis, das Neue und Außergewöhnliche, also die Veränderung im Lauf der Dinge, an das Gewohnte und Bekannte auf irgendeine begreifliche Weise anzuknüpfen. Dabei wird es lediglich von der Höhe der Entwicklung, die das Bewußtsein erreicht hat, abhängen, wie beschaffen die Gründe und Mittel sind, dieses Bedürfnis zu stillen. Die "wilde Metaphysik" gibt sich mit ihren von Not und Erstaunen hervorgerufenen animistischen Kausalitätstheorien zufrieden. Dies beweist abermals, daß die Kausalität für sich genommen kein  Erkenntnis prinzip ist. - Eine andere Theorie, die wir der Bedeutung ihrer Vertreter wegen hier erwähnen müssen, schreibt der Kausalität eine Wirksamkeit im Bewußtsein, die aller Erfahrung vorausgeht, zu; indem sie ihr die Rolle überträgt, die Wahrnehmung der Objekte zu ermöglichen. Durch einen unbewußten Schluß nach dem Leitfaden der Kausalität sollen wir von den subjektiven Empfindungen, die wir als Wirkungen auffassen, zu den Objekten, ihren Ursachen gelangen, und auf diese Weise wird die Außenwelt konstruiert oder zumindest erkannt. Da aber dieser Schluß unbewußt bleibt, so entzieht sich die Theorie der Bestätigung durch Erfahrung. Ihre Annahmen sind überdies nichts weniger als einfach. Sie muß davon ausgehen, daß wir jederzeit eine doppelte Wahrnehmung haben, eine unbewußte der Empfindungen (z. B. des Netzhautbildchens) und eine bewußte der Objekte, welche durch einen abermals unbewußten Schluß (oder ein unbewußtes Urteil) mit einander verknüpft werden. Allein das unmittelbare, empfindende und wahrnehmende Bewußtsein weiß nichts von einer Subjektivität der Empfindungen und hat daher keinen Anlaß, dieselben als Wirkungen aufzufassen. Die Empfindungen, oder vielmehr ihre Komplexionen, sind selber die Objekte der Erfahrung. Erst das wissenschaftliche Nachdenken erklärt einen Teil oder genauer eine Seite der Empfindung für subjektiv. Jene Theorie trägt also die Ergebnisse dieses Nachdenkens, welche übrigens nur teilweise eine Richtigkeit haben, in den Vorgang der Empfindung und Wahrnehmung hinein. Übrigens hängt die ganze in Rede stehende Hypothese zu eng mit dem Problem der Raumvorstellung zusammen, als daß wir sie hier ihrem ganzen Umfang nach erörtern könnten. Wenn die Extension entweder eine Empfindung oder eine Anschauungsform ist, die Vorstellung der Entfernung aber durch Assoziationen der Gesichtseindrücke mit Tastempfindungen entsteht, so bedarf es nicht weiter der Hilfe einer "unbewußten" Kausalität. - Der wissenschaftliche Kausalitätsbegriff hat keinen anderen Ursprung als der populäre, den der Mechanismus des Bewußtseins hervortreibt; wie sehr er auch von diesem in seinen weiteren Zielen verschieden ist. Das unwissenschaftliche Bewußtsein apperzipiert nämlich das Unbekannte durch Bekanntes, das wissenschaftliche dagegen durch anscheinend noch weniger Bekanntes, durch abstrakte Begriffe und unsinnliche Gesetze; jenes geht in seinen Erklärungsversuchen auf das "Frühere für uns", dieses auf das "der Natur nach Frühere", auf das begrifflich Allgemeine zurück.

Die Voraussetzung für den wissenschaftlichen Kausalbegriff ist die Vorstellung eines einheitlichen  Ganzen,  des Universums der Gegenstände. Diese Behauptung mag auffallen, in der Tat aber war der Begriff der früheste, zu dem das Nachdenken gelangte, was durchaus begreiflich wird, wenn wir bedenken, daß synthetische Einheit die Grundform des Bewußtseins ist. Im Verhältnis zu diesem Begriff erscheinen die besonderen Ereignisse und Dinge als abhänige Teile, und es entsteht die Forderung, ihre Existenz auf die Präexistenz des Ganzen zurückzuführen. Nichts vermieden nach dem Bericht des ARISTOTELES die alten Physiologen sorgfältiger, als die Annahme, etwas sei aus einem nicht vorher Vorhandenen entstanden und ihre gemeinschaftliche Überzeugung war, daß Nichts aus Nichts entsteht und Nichts in Nichts vergeht. Augenscheinlich ist dies der Satz vom Grunde in negativer Form ausgedrückt, wie der Satz des Widerspruchs der negativ ausgesprochene Identitätssatz ist. Dasselbe, wie jene Alten, hatte SOPHIE GERMAIN im Sinn, als sie sagte: was uns bestimmt, zu jeder Begebenheit eine Ursache zu suchen, ist dies, daß uns eine Tatsache stets als ein Fragment oder ein Teil erscheint, zu dem uns das Ganze fehlt, das wir doch (wie ich hinzusetze) der Kontinuität und Einheit des Bewußtseins zufolge voraussetzen  müssen.  Am vollständigsten und wie ich glaube am richtigsten hat RIEMANN den Begriff der Kausalität deduziert. Ich erlaube mir daher seine Ableitung, an der ich nur Unwesentliches zu modifizieren habe, herzusetzen.
    "Nachdem der Begriff für sich bestehender Dinge gebildet worden ist (und dieser Begriff wird zugleich mit der Ichvorstellung gebildet), entsteht nun beim Nachdenken über die  Veränderung,  welche dem Begriff des für sich Bestehens widerspricht, die Aufgae, diesen schon bewährten Begriff so weit wie möglich (d. h. prinzipiell genommen  allgemein)  aufrechtzuerhalten. Hieraus entspringen gleichzeitig der Begriff der stetigen Veränderung und der Begriff der Kausalität. Beobachtet wird nur ein Übergang eines Dings aus einem Zustand in einen anderen .... Bei der Ergänzung der Wahrnehmungen (zu welcher die Kontinuität unseres Bewußtseins uns nötigt) kann man nun entweder annehmen, daß der Übergang durch eine sehr große, aber endliche Zahl für unsere Sinne unmerklicher Sprünge geschieht, oder daß das Ding durch alle Zwischenstufen aus dem einen Zustand in den anderen übergeht. Der stärkste Grund für die letztere Annahme liegt in der Forderung, den schon bewährten Begriff des für sich Bestehens der Dinge so weit wie möglich aufrechtzuerhalten ... Zugleich aber wird nach dem früher gebildeten und in der Erfahrung bewährten Begriff des für sich Bestehens der Dinge geschlossen:  das Ding würde bleiben, was es ist, wenn nichts anderes hinzukäme. Hierin liegt der Antrieb, zu jeder Veränderung eine Ursache zu suchen."  (a. a. O., Seite 490)
Der Begriff der Kausalität stammt also nicht von einer ursprünglichen, selbständigen Urteilsfunktion ab, wie KANT lehrte, er wird auch nicht von aller Erfahrung unabhängig erzeugt; vielmehr ist es die Erfahrung der Veränderung, welche in Verbindung mit dem Begriff des sich selbst gleichbleibenden Dings, dessen Begriff wir unmittelbar in der Ichvorstellung haben, jenen Begriff ergibt. Wegen dieses Zusammenhangs der Kausalität mit der Einheit und Identität des Bewußtseins kann man jedoch mit KANT, obgleich in einem geänderten Sinn, die Kausalität eine Funktion des Selbstbewußtseins (der synthetischen Einheit der Apperzeption) nennen.

Die Veränderung stellt dem Ichbewußtsein die Aufgabe, sie mit dem Unveränderlichen, Identischen, in eine einheitliche Erfahrung zu verknüpfen. Bei der Lösung dieser Aufgabe wird das Bewußtsein durchweg von den einfachsten Annahmen geleitet - es steht auch hier unter dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes - weil nur diese Annahmen der Einfachheit des Denkgesetzes gemäß sind. Eine Folge knüpft daer das Bewußtsein an die Verbindung, an das "Zusammen" zweier Dinge, oder abstrakt gesprochen, zweier Elemente; d. h. es verlegt die Ursache zwar außerhalb jedes einzelnen, für sich gedachten Elementes, aber nicht außerhalb ihrer Verbindung. Ursache und Wirkung werden dabei streng korrelativ gedacht, d. h. als Wechselwirkung. Die einfachste Annahme der Verteilung dieses Begriffsverhältnisses auf die beiden Elemente ist offenbar die der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung. Die sinnenfällige Veränderung der Bewegung wird auf unwahrnehmbare, punktuelle Antriebe zurückgeführt, die im Zeitpunkt die Tendenz der gleichförmigen, geradlinigen Bewegung haben. Dabei ist selbst der Begriff der Geraden, der Identität der Richtung im Raum, eine logische, keine sinnliche Raumbestimmung. Es soll durch diese Betrachtung keineswegs eine Deduktion der mechanischen Prinzipien gegeben werden. Wir räumen ein, daß diese Prinzipien ganz andere und weniger mit der Natur unseres Verstandes konforme sein könnten, als sie es  tatsächlich  sind. Sie sind auch in Wahrheit zunächst nichts als Hypothesen, die der in den Zusammenhang der Erscheinungen eindringende Verstand zufolge seiner eigenen Natur macht, das Trägheitsgesetz z. B. ist die Hypothese, daß ein materieller Punkt, der sich allein im Raum befindet, entweder seinen Ort in demselben nicht verändern, oder sich mit unveränderlicher Geschwindigkeit in gerader Linie durch denselben bewegen würde. Glücklicherweise jedoch, oder wie wir lieber sagen würden, aus einem uns nicht näher erkennbaren metaphysischen Grund, stimmen die allgemeinen Tatsachen der Natur mit den logischen Annahmen, die wir zum Zweck ihres Begreifens machen müssen, überein. Und auf dieser Übereinstimmung allein, nicht aber auf einer Apriorität der kausalen Begriffe, gründet sich die  objektive Gültigkeit  der letzteren.

Wir beweisen, daß eine kausale Abhängigkeit objektiv stattfindet, in besonderen Fällen durch das Experiment, indem wir durch eine Veränderung der Umstände die Wirkung verändert und die quantitative Übereinstimmung der Veränderung der Folge mit der Veränderung des Grundes nachweisen. Wir beweisen es allgemein aufgrund der Allgemeinheit der mechanischen Eigenschaften, welche uns gestattet, durch fortgesetzte Substitution des Identischen alle äußeren Vorgänge auf die obersten Prinzipien der Mechanik, voran die logisch-empirischen Erhaltungsprinzipien, zurückzuführen. Und weil derjenige Teil der Erfahrung, den wir materielle Außenwelt nennen, mit demjenigen, den wir als unser eigenes Bewußtsein - aufgrund unserer Lust- und Unlustgefühle - davon absondern, einheitlich verknüpft ist, so schließen wir auf dieselbe Allgemeinheit des kausalen Zusammenhangs, die dort nachweisbar ist, auch für das Gebiet der psychischen Erscheinungen. Doch muß zugegeben werden, daß uns für dieses gebiet die besonderen kausalen Begriffe meist noch fehlen. SPINOZAs Beispiel der Theorie der Affekte ist ohne Nachahmung geblieben. -

Der Zusammenhang der Dinge,  gleichsam die Art, wie die Natur folgert,  und die logische Verbindung der Begriffe entsprechen sich. Unser Verstand ist sozusagen das Gegenstück der Natur; auf dieser Korrelation, die überall auf eine tiefere, aber für uns transzendente Einheit hindeutet, beruth die Möglichkeit, unser Kausalitätsbedürfnis, dem das Prinzip des Denkens die Identität, die Norm gibt, zu befriedigen.
LITERATUR stopper Alois Riehl, Kausalität und Identität, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 1, Leipzig 1877