p-3A. RichterRickertWindelbandA. MartyK. T. Österreich    
 
EDUARD LOEWENTHAL
Geschichte der Philosophie
im Umriß


"Die  Haeckelsche  Schöpfungsgeschichte, die von einem  Urschleim  ausgeht und die  Darwinsche  Theorie, welche Tiere und Menschen aus der  Urzelle  sich entwickeln läßt, repräsentiert gegenüber den Anschauungen der alten Phönizier keinen besonderen Fortschritt. Auch die  Darwinsche  Theorie von der  Fortdauer des Geeignetsten  scheint den Phöniziern schon geläufig gewesen zu sein, indem sie Schwächlinge, besonders schwache Kinder ihrem Moloch opferten."


Vorwort

Der Philosophie, d. h. der Wissenschaft, welche die Erforschung des wahren Wesens und des letzten Grundes der Dinge zum Zweck hat, gehört augenblicklich nicht das Interesse der Menschheit, welches mehr denn je von einem Kampf um das materielle Dasein in Anspruch genommen wird. Trotzdem würde man fehlgehen mit der Annahme, daß die Rolle der Philosophie für immer ausgespielt ist und daß sie bloß noch der Geschichte angehört. Die Tage des Glanzes und der Herrschaft werden sicher auch für sie wiederkommen und ihre Bedeutung als Königin der Wissenschaften wird ihr auch in fernster Zukunft nicht bestritten werden, zumal nicht nach der Verrichtung  neuer Großtaten,  die geeignet sind, uns den geistigen Zielen der Menschheit näher zu bringen und unserem  Wissen neue Gestade  zu eröffnen.

Inzwischen ist das große Werk, welches die Philosophie seit drei Jahrtausenden zutage gefördert hat und das wir unter dem Begriff der  Geschichte der Philosophie  zusammenfassen, als Leistung des Menschengeistes von höchster Bedeutung anzusehen. Denn es sind hier, neben vielem Verfehlten, immerhin Schätze aufgehäuft, die dem tiefsten Schacht menschlicher Forschung entstammen, - Schätze, wei sie keine Spezialwissenschaft, soweit es sich um Gedankentiefe und Gedankenschärfe handelt, aufzuweisen hat.

Von diesen Schätzen der Philosophie einige Kenntnis zu haben, dürfte mehr und mehr zu einem  Erfordernis  menschlicher Durchschnittsbildung werden. Hiervon ausgehend, entschloß ich mich, die Geschichte der Philosophie in ihren Hauptgrundzügen und ihren Hauptbestandteilen derartig zu entwickeln und dem großen Publikum vorzuführen, daß dieses sich damit befreunden kann, während die dabei geübte Kritik auch dem Fachgelehrten Interesse bieten dürfte.

Das wachsende Interesse für die Geschichte der Philosophie kann nicht verfehlen, auch der philosophischen Produktion neuen Antrieb zu verleihen und damit wieder eine idealere Zeitrichtung anzubahnen.

Jedenfalls aber wird das Studium der Geschichte der Philosophie dazu dienen, die Geschichte der Menschheit selbst ihrem Ursprung, ihrem Zusammenhang und ihren Zielen nach tiefer erfassen zu lernen und das Verständnis für die Bedürfnisse der Gegenwart und Zukunft zu erweitern.



I. Altertum

Philosophie der Inder

Die Weltanschauung der alten Inder basierte auf der Annahme eines übersinnlichen, unbegreiflichen, ewigen Urwesens, aus welchem angeblich alles übrige Dasein emanierte. Erkannt werden kann dieses Urwesen nur durch die Anschauung, die in ihm selber stattfindet. Dieser göttlichen Selbstanschauung kann sich der Mensch nur durch eine stufenweise Entsinnlichung nähern. Vor dem wirklichen Dasein der Dinge war der unendliche Gott in Selbstanschauung verloren.

Die drei ersten Emanationen von denen die  Veda  handelt, waren die drei Naturgottheiten:  Indra, Waruni  und  Agni,  die Götter des Firmaments, der Nacht und des Feuers.

Später wurden in erster Linie die drei Gottheiten verehrt, welche die indische  Trimurti  (Dreigestalt oder Trinität) bilden:  Brahma  als Weltschöpfer (Demiurg), - die Substanz;  Vishnu  als Erhalter und Regierer der Dinge;  Shiva  als Zerstörer, als Gott der Zeit und der Auflösung des Zeitlichen. (1)

Das täuschende Spiegelbild der Welt im Geistes  Brahmas  war  Maja,  die buddhistische  Maria  oder Mutter Gottes. Nach der 600 v. Chr. von einem indischen Königssohn ( Gautama  oder BUDDHA) gestifteten  Buddhalehre  ist die Urmaterie (Parakriti) das einzig wirklich Seiende, göttlich an und für sich. In dieser Materie wohnen zweierlei Kräfte, welche zwei verschiedene Zustände derselben bewirken können, die Ruhe und die Tätigkeit. Danach bleibt sie einerseits ruhend mit Bewußtsein in einer absoluten und tätigkeitslosen Leerheit und dies ist der Zustand der Seligkeit oder des uranfänglichen Nichts (Cunja). Andererseits aber will die Materie kraft ihrer Tätigkeit aus sich selber heraustreten. Sie wird somit tätig und tritt zu endlichen und werdenden Gebilden zusammen. Indem sie dies tut, verliert sie zugleich ihr Bewußtsein. Erst im Menschen erreicht sie dasselbe wieder, und es gibt auf diese Weise ein  ursprüngliches  und ein gewordenes Bewußtsein. Der  Mensch hat die Aufgabe,  dieses ursprüngliche Bewußtsein zu reproduzieren mit dem materiellen  Nichts identisch  zu werden und die Qual der Seelenwanderung auf Erden durch den Eingang in das Nirvana d. h. in die bewußtlose Einheit mit dem Urwesen oder dem All aufzuheben.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß wir im Buddhismus nicht nur das Vorbild des  Christentums  mit seiner Dreifaltigkeitslehre, sondern auch den Prototyp der  pessimistischen  Weltanschauung der Neuzeit vor uns haben. Es darf daher auch angenommen werden, daß sich die Geschichte der Philosophie künftig etwas eingehender mit dem Buddhismus zu befassen haben wird, als es bisher, selbst in den größeren Geschichtswerken der Philosophie, der Fall war.


Philosophie der Perser

Als Philosophie der Perser ist uns besonders die Lehre ZOROASTERs oder ZARDUSCHTs, eines Meders, bekannt. Derselbe ist im  Zendavesta  ("Lebendiges Wort") niedergelegt, einem Werk, welches in der Ursprache (Zend und Phelvi) erst in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts von ANQUETIL du PERON ermittelt worden ist. - Nach der Lehre des ZOROASTER gibt es ein allerhöchstes, unbegreifliches Urwesen, welches teillos, unerzeugt und ohne Gleichnis ist. Von diesem Urwesen gingen von Ewigkeit her die beiden gleichfalls ewigen Wesen ORMUZD und AHRIMAN aus, - jener das Prinzip des Guten und des  Lichts,  - dieser das Prinzip des Böse und der  Finsternis.  AHRIMAN war Anfangs gut, aber der Neid gegen den erstgeborenen ORMUZD machte ihn arg (Dew), so daß er der Quell alles Unreinen und Bösen wurde. Diese Zerrüttung der Natur AHRIMANs ging also nicht vom Urwesen aus. Diesen beiden Geistern entsprechen auch unter den Menschen die guten Geister ersten und zweiten Rangs (Fervers und Izeds), sowie die bösen Geister (Dews). - Schließlich werden sich die guten und bösen Geister versöhnen, die Natur sich erneuern, die Finsternis wird zum Licht - die Hölle zum Paradies. Es erfolgt eine allgemeine Auferstehung der Menschen zu ewiger Seligkeit. ORMUZD und AHRIMAN bringen dem Urwesen - der grenzenlosen Zeit (Zeruane, Akerene) - ein Opfer ewigen Preises und dieses Opfer ist die irdische, zeitlich Welt, welche damit zuende geht.


Philosophie der Phönizier

Die Phönizier nahmen nach SANCHUNIATHON (1250 v. Chr.) die Urnacht und den geistigen Hauch, - nach anderen die Feuerluft (den Äther) und die Wasserluft (die Aura) als Prinzipien oder Quellen des Daseins an. Aus der Vereinigung der Urnacht und des geistigen Hauches ging der  Urschlamm  (Mot) hervor, aus diesem die vernunftlosen Tiere und aus diesen hernach der Mensch. Wir sehen hieraus, daß die HAECKELsche Schöpfungsgeschichte, die von einem  Urschleim  ausgeht und die DARWINsche Theorie, welche Tiere und Menschen aus der  Urzelle  sich entwickeln läßt, gegenüber den Anschauungen der alten Phönizier keinen besonderen Fortschritt. Auch die DARWINsche Theorie von der "Fortdauer des Geeignetsten" scheint den Phöniziern schon geläufig gewesen zu sein, indem sie Schwächlinge, besonders schwache Kinder ihrem Moloch opferten.


Philosophie der Ägypter

Auch die Ägypter gingen in ihrer Religionsphilosophie von einem Urwesen aus, welches als Inbegriff aller Wesen aufgefaßt wurde. Dieses Urwesen teilte sich in zwei Hälften, in die himmliche und eine irdische Natur. Jene wurde im Gott  Osiris  (der Sonne), diese in der Götting  Isis  personifiziert. - Das Interessanteste an der Religionsphilosophie der Ägypter ist jedenfalls, daß sie laut HERODOT (I, II c. 123) zuerst die Unsterblichkeit der Seele und speziell die Seelenwanderung (Metempsychose) gelehrt haben.


Philosophie der Griechen

Die Philosophie der Griechen trug ursprünglich ganz den anthropomorphen und symbolischen Charakter der orientalischen Philosopheme an sich. Inbesondere gilt dies von der sogenannten  orphischen oder in den Gesängen des  Orpheus  niedergelegten Naturphilosophie. Etwas rationaler und klarer erscheint schon die in den  homerischen  Dichtungen zutage tretende Weltanschauung.

Als erste eigentliche Philosophenschule der Griechen ist die  ionische  und als ihr Gründer THALES (640 v. Chr) anzusehen, einer der sogenannten sieben Weisen Griechenlands. Derselbe soll, wie die Aufzeichnungen späterer Philosophen ergeben, das  Wasser  als das Urelement (arche) oder das Erste aller Dinge bezeichnet haben und die feuchte Wärme als das belebende und bewegende Prinzip als die Weltseele oder das Göttliche. Eigene Aufzeichnungen von THALES sind uns nicht überliefert. ANAXIMANDER, ein Schüler des THALES, bezeichnete das Unendliche (to apeiron) als Urgrund aller Dinge. Er verstand darunter etwas Physisches, welches alle Wesen durchdringen soll.

Ein Schüler ANAXIMANDERs, - ANAXIMENES - erklärte speziell die  Luft  für das Unendliche, aus dem alles (auch Götter und Menschen) entspringen und zu dem Alles zurückkehrt. DIOGENES aus Apollonia (der Physiker) bildete diese "pneumatische" Lehre später weiter aus.

Den ersten bestimmten Schritt von den bloßen physikalischen Spekulationen zu den Untersuchungen über das Denkprinzip selbst tat HERMOTIMUS aus Klazomenae. Derselbe unterschied laut ARISTOTELES (Metaphysik I, c. 3) zuerst zwischen der Natur als solcher und dem  göttlichen  Prinzip. Die eigentliche Durcharbeitung und Entwicklung dieser Lehre gebührt dem Klazomenier ANAXAGORAS. Dieser unterschied zuerst unter den griechischen Philosophen zwischen Bewegtem und Bewegendem und erblickte das Letztere im  ewigen Weltgeist  (nous). Dieser stand natürlich im Widerspruch mit der Vielgötterei seiner Landsleute. Den Urbestandteilen der Materie schreibt ANAXAGORAS Gleichartigkeit zu und nennt sie daher Homoiomeren. Den Dualismus zwischen Geist und Materie, zwischen Idealem und Realem führt er in seinem System konsequent durch, aber er baut ihn bloß auf den Satz: "Aus Nichts wird Nichts", was bald für ungenügend befunden wurde, ebenso wie der Umstand, daß ANAXAGORAS seinen Dualismus gar nicht auszugleichen sucht, vielmehr den Gegensatz als die Norm besteheb läßt.

Die Schule des PYTHAGORAS aus Samos (582 v. Chr.), mit Rücksicht auf dessen Ansiedlung zu Kroton in Unteritalien und seine dortigen Anhänger auch die  italische  Schule genannt, erblickte in den  Zahlen  die  Urbilder  der Dinge und ging von der Einheit (monas), von einem  proton en  [ersten Sein - wp], dem Ureins, bzw. der Viereinigkeit (tetraktys) von Urgeist, Urstoff, Urraum und Urzeit aus. Alles löst sich schließlich in ein Ureins auf. Das Eins enthält das Gleiche oder Unendliche und das Ungleiche oder Endliche, das Gerade und das Ungerade, das Männliche und Weibliche, das Ruhende und Bewegte, das Gute und das Böse. Auf letzterem Gegensatz beruhen die Bedingungen der Form. Die vollkommenste Zahl ist die Dekas (Zehn), denn sie ist zur Gestaltung der Harmonie am Fähigsten. PYTHAGORAS nahm daher auch 10 Weltkörper an, die sie um das Zentralfeuer als Mittelpunkt bewegen. Diese Bewegung ist als Sphärenmusik vernehmbar. Die Harmonie beruth nämlich auf Musik, auf dem Einklang des Universums. Die Abstände der himmlischen Sphären entsprechen den Längenverhältnissen der Saiten bei harmonischen Tönen. Die vollkommenste Form ist nach PYTHAGORAS die  runde,  der auch die Gestalt des Universums entspricht. - Die Seelen sind nach PYTHAGORAS  unvergängliche Funken der Weltseele,  die bald in Menschen bald in Tieren zum Vorschein und zur Entwicklung kommen (Seelenwanderung). Der Körper ist das Strafgefängnis der Seele. - Die Harmonie im Ureins ist der Grund aller Weisheit und alles Guten. Sie spricht sich im sozialen Leben aus als Billigkeit und Humanität (dikaiosyne). Die Vergeltungsidee wird mit der Quadratzahl in Verbindung gebracht. - Offenbar hat man es in PYTHAGORAS mit einem genialen und tiefsinnigen Denker zu tun. Sein Rechenfehler besteht nur darin, daß er alles zu einseitig aus der Form und ihrem Symbol, - der Zahl - erklären will, was ihm natürlich nicht gelingen konnte. Über den Hauptfaktor - das leben- und formgebende Prinzip des Ureins gibt seine Lehre keinen Aufschluß. Direkte Aufzeichnungen besitzen wir auch von PYTHAGORAS nicht, wenngleich man versucht hat, ihm eine Sammlung von Sinnsprüchen (Aurea carmina) und eine Schrift "Sphaera divinatoria de decubitu aegrotorum" zuzuschreiben.

Die Schule der  älteren Eleaten  (XENOPHANES, ZENO aus Elea, PARMENIDES, MELISSOS) ging davon aus, daß nur die Vernunftspekulation zur Wahrheit und zum Wissen, die sinnliche Wahrnehmung aber nur zum Meinen führt. Die Vielheit der Dinge ist Schein, alles ist Eins und Eins alles. Das absolute All-Eins ist Gott. Ihre Philosophie läßt sich als  absoluter Idealismus  bezeichnen, als dessen erste Repräsentanten sie vielen späteren Philosophen bis auf die Neuzeit als Vorbilder gedient haben. HEGEL hat bekanntlich das System des absoluten Idealismus zur vollendetsten Darstellung - aber gleichwohl nicht zur entscheidenden Anerkennung gebracht.

Die  jüngeren Eleaten  (LEUKIPP und DEMOKRIT) schlugen wieder eine anti-idealistische Richtung ein und erblickten nur in der Materie das reale Sein. - LEUKIPP speziell nahm drei Prinzipien des Seins an: das Leere, das Volle und die stoffliche Verbindung derselben. Das Volle dachte er sich aus  Atomen  zusammengesetzt, die sich von Ewigkeit her in  wirbelnder  Bewegung nebeneinander befanden, bis durch Zufall ein Atom aus der Bahn seiner Bewegung kam, wodurch dann die Aggregierungen der Weltkörper etc. entstanden sein sollen. Dieser Hypothese begegnen wir später wieder bei CARTESIUS. - DEMOKRIT spricht von einer Weltseele, einem feurigen Urelement, das alles durchdringen und beleben soll. Die Götter bezeichnet derselbe als luftige Bilder (eidola, chimara, idea).

Die vorangegangenen Schulen wurden teilweise weiter entwickelt von HERAKLIT und EMPEDOKLES. - HERAKLIT fand nur in der Allgemeinheit einer Vernunftansicht und in einem  consensus omnium  [allgemeiner Übereinstimmung - wp] das Kriterium der Wahrheit. Die Sinne sind nach ihm  nur relativ  (infolge des schnellen und beständigen Flusses der Erscheinungen) und  unfähig  zur Erkenntnis der Wahrheit. Als Urstoff gilt ihm das  Feuer.  Aus ihm entsteht alles, zu ihm kehrt alles zurück, und zwar nach dem doppelten Gesetz der Harmonie und des Widerstreits (eris). Dem Gesetz des Widerstreits entspricht das Aufhören der Individualitäten, als solcher, - dem Gesetz der Harmonie entspricht die Rückkehr zur Unreinheit. Das Wirken dieser Gesetze geht vom Fatum (dike) oder der Notwendigkeit aus. Einst wird alles durch einen allgemeinen Weltbrand zu dem einen, ewig gleichen Urfeuer zurückkehren, um daraus in neuer Gestalt aufs Neue hervorzugehen. Die Seelen sind nach HERAKLIT Teile der allgemeinen feurigen Weltseele, die trockenste Seele gilt ihm als die weiseste und beste, die feuchte Seele des Trunkenen als unweise. Die Lehre HERAKLITs hat viel Ähnlichkeit mit der des ZARATHUSTRA. Sie ist nicht ohne Interesse in kosmophysischer Hinsicht, aber zu lückenhaft und dürftig in Bezug auf die metaphysischen und psychischen Fragen. - EMPEDOKLES nahm ein ursprüngliches Eins (monas, en) an, welches die Möglichkeit des Vielen in sich schließt, speziell die vier Urbestandteile oder Elemente der Dinge (Feuer, Wasser, Luft und Erde). Die Bildung der Dinge aus diesen Elementen wird durch die dem ursprünglichen Eins beigesellten Kräfte der Freundschaft (philia) und der Feindschaft (neikos) bewerkstelligt. Diese Kräfte entsprechen, wie man sieht, der  harmonia  und  eris  des HERAKLIT. Auch EMPEDOKLES läßt die unerklärte Notwendigkeit über allem walten.

Die  Sophisten  (der Individualist PROTAGORAS, der Nihilist GORGIAS aus Leontium, der Polyhistor HIPPIAS und der Moralist PRODIKUS) messen allem menschlichen Wissen nur relative oder subjektive Bedeutung bei, indem, wie PROTAGORAS speziell behauptete, "der Mensch (für das menschliche Wissen) das Maß aller Dinge ist" bzw. sich dazu macht. - Die Skepsis der Sophisten hatte jedenfalls das Verdienst, die Philosophie auf das Gebiet der Ethik und Dialektik gelenkt zu haben. SOKRATES, der aus dieser Schule hervorging, erklärte gleichfalls das Wesen der Dinge für unerklärlich, und das Bewußtsein dieses Nichtwissens für den höchsten Grad der Erkenntnis. Aber andererseits trat er dem frivolen dialektischen Virtuosentum der späteren Sophisten entgegen, indem er auf das in des Menschen Herz geschriebene Gesetz von Recht und Moral hinwies und meinte, in der Selbsterkenntnis und dem Handeln nach Wahrheit und Recht sei die Glückseligkeit zu finden. Im Weltall waltet nach SOKRATES eine höchste, göttliche Vernunft. Dadurch soll er die Existenz der vom Staat angenommenen Götter in Zweifel gezogen haben, wodurch er sich bekanntlich seine Verurteilung zum Tod zuzog. - Ein besonderes Verdienst hat sich SOKRATES als Begründer der induktiv-definitorischen Forschungs-, Belehrungs- und Beweisführungsmethode erworben. Bei der betreffenden Darstellungsweise wird durch Hervorhebung des Gegenteils von dem, was man sagen will, auf Letzteres hingeführt und die Wahrhaftigkeit auf indirektem Weg zutage gefördert, weshalb SOKRATES selbst sie als die Darstellungsweise der Ironie oder  Mäeutik  [Geburtshilfe - wp] bezeichnete.

ARISTIPPUS, ein Schüler des SOKRATES, gründete die kyrenäische Schule, auch die Schule der  Hedoniker  oder Eudämonisten genannt. Nach ARISTIPPUS können wir nur unsere Empfindungen erkennen, nicht aber deren Ursprung oder das "Ding-ansich", von dem sie herrühren. Die Lust gilt ihm als Lebenszweck. Der Weise genießt dieselbe mit Klugheit, d. h. ohne von ihr beherrscht zu werden. - Der Kyrenäiker HEGESIAS erkennt in der Abwehr des Kummers das einzige erreichbare Ziel, verzweifelt an positiver Glückseligkeit und hält das Leben überhaupt für wertlos: Wie man sieht, reicht in HEGESIAS der Eudämonismus dem Pessimismus die Hand.

ANTISTHENES, gleichfalls Schüler des SOKRATES und zuvor des GORGIAS, wurde Gründer der  kynischen  Schule (nach dem Gymnasium Kynosarges, wo er selbst lehrte, so benannt). Das Wesen der Tugend liegt in der Selbstbeherrschung. Er läßt nur auf sicherer Schlußfolgerung beruhend identische Urteile gelten. Es gibt nach ihm nur  einen  Gott, der aber nicht aus den Erscheinungen allein erkannt werden kann. Tugend ist der einzig wahre Gottesdienst. Die höchste Tugend ist das höchste Wissen und umgekehrt. Tugendhaft leben ist soviel wie naturgemäß leben. - Der bekannteste Schüler des ANTISTHENES war DIOGENES aus Sinope, der besonders durch Übertreibung der Lehren seines Meisters im Sinne des naturgemäßen Lebens auch im Sinne der Verwerfung der Sitten seiner Zeit Aufsehen machte. Außer DIOGENES ist noch KRATES aus Theben als Anhänger des ANTISTHENES nennenswert.

Als veredelter Kynismus erscheint nachmals der  Stoizismus  (2) des ZENO aus Cittium - als veredelter Kyrenäismus der  Epikureismus.  - ZENO war ein Schüler des Kynikers KRATES. Die obersten Prinzipen sind nach ihm  Stoff  und  Kraft.  Ersterer ist mit letzterer untrennbar verknüpft. Die im All wirkende Kraft ist die Gottheit. Die Schönheit und Zweckmäßigkeit der Welt kann nur von einem denkenden Geist herrühren und beweist daher das Dasein der Gottheit. Diese ist das Bewußtsein im All, das künstlerisch bildende Urfeuer, die Seele und die Vernunft des All. Sie enthält in sich die vernunftgemäßen Keimformen (logoi spermatikoi). Im Entstehen und Vergehen der Welt herrscht absolute Notwendigkeit als Verhängnis (eimarmeun) und als Vorsehung (pronoia). Die Seele besteht bis zur Weltverbrennung. Alles Wissen entspringt nach dem Stoizismus der Abstraktion aus der sinnlichen Wahrnehmung.

Man sieht, der Stoizismus mit seiner Annahme jener in der Weltordnung ausgeprägten höheren Zweckbestimmung und seiner Betonung der Idee des Guten, hat einen guten Kern. Aber mit Gott als dem Bewußtsein im All ist weder Gott selbst, noch das Bewußtsein des All, noch das All selbst erklärt.

Die Lehre EPIKURs (aus Gargettos bei Athen, 342 v. Chr.) fußte bezüglich der Physik auf der Atomistik des DEMOKRIT, bezüglich der Ethik auf dem Kyrenäismus. Das höchste Gut ist nach ihm die Glückseligkeit. Diese erblickt er in der Lust, die sich teils an die Bewegung, teils an die Ruhe knüpft. Nicht jede Lust ist zu erstreben, nicht jeder Schmerz zu fliehen, da manche Lust Schmerzen im Gefolge hat und mancher Schmerz größeren Schmerzen vorbeugt. Er empfiehlt Weisheit, Mäßigung, Nüchternheit, Entfernung von Staatsgeschäften, Friedfertigkeit, Nachsicht gegen die Eigenliebe der Menschen, Festigkeit der Seele, Verachtung des Lebens ansich, Genuß anständiger Vergnügungen. - Die Götter wohnen nach EPIKUR in ewiger Ruhe in den leeren Zwischenräumen neben den Weltkörpern (Metakosmien, - intermundia nach CICERO) - unbekümmert um die Welt.

Gegenüber dem orphischen  Realismus  der  ionischen  Schule, gegenüber dem  mathematisch-symbolischen Formalismus  des PYTHAGORAS, - dem  idealistischen Dogmatismus  der  Eleaten,  dem  Sensualismus  oder  Materialismus  der  Atomisten,  der Stoiker, Kyrenäiker und Epikuräer, schließlich gegenüber den teils dialektischen, teils moral-philosophischen Einseitigkeiten einzelner  Sokratier  - unternahm es des SOKRATES bedeutendster Schüler PLATO, die bestehenden Gegensätze auszugleichen, und bezeichnete die  Ideen  schlechthin als das alles umschlingende und alles durchdringende Band, als das  Unwandelbare  oder das  Ding ansich welches als gestaltendes Prinzip den Erscheinungen der Körperwelt - und als Material für das Bewußtsein und den Willen dem Wesen der Geisteswelt selbst zugrunde liegt. -

PLATO unterscheidet eine  dreifache  Art der Erkenntnis:
    1. die Erkenntnis, welche durch  sinnliche  Wahrnehmung (aisthesis phantasia) vermittelt wird;

    2. die Erkenntnis, die auf dem gewöhnlichen, empirischen Denken nach allgemeinen, abstrakten Begriffen oder auf dem Reflexionsvermögen beruth;

    3. die Erkenntnis, die nicht durch logische Verstandesabstraktion, sondern nur durch das  Zurückgreifen  auf die  Urprinzien  (archai) oder durch das  reine Selbsterfassen  und  Selbsterschauen  des Geistes, durch eigentliches  Spekulieren  (noesis, eidenai) gewonnen wird.
Nur diese dritte Art der Erkenntnis führt nach PLATO zu jenen  Urvorstellungen,  welche vor und über der Erscheinungswelt vorhanden sind und aller empirischen Konkretion als metaphysisch konkretes, reales Wesen, als Ding-ansich (ontos on) zugrunde liegen. Diese Urvorstellungen nennt PLATO auch die unwandelbaren, unkörperlichen Musterbilder (paradeigmata), als deren Abbilder (omoiomata) die empirisch konkreten Dinge der Erscheinungswelt anzusehen sind, ferner nennt er sie die Einheiten (monades) oder diejenigen Ideen (ideai) die apriorisch und real nur in der Vernunft vorhanden sind. Da sie in der Vernunft unmittelbar vorhanden oder  angeboren  sind, so müssen sie mit der Vernunft selbst in einem  höchsten Urwesen,  welches nur  eine  Vernunft sein kann, d. h., welches  alle Ideen  in  realer Einheit  umfaßt, gegründet liegen. Diese eine höchste Vernunft ist die göttliche Vernunft, jenes Urwesen die Gottheit selbst. Die göttlichen Ideen sind in sich das Vollkommenste. - Allein die Gottheit schuf nach PLATO nur die Form, nicht die Materie, welche die Form empfängt. Die Materie ist mit einer bösen, unvernünftigen nie ganz zu bändigenden Seele (psyche alogos) begabt, (3) welche mit der göttlichen vernünftigen Seele (psyche basilike) unvereinbar und ihr entgegengesetzt ist. Im Menschen sind die beiden Seelen, die vernünftige und unvernünftige vereint, so daß die demselben angeborenen göttlichen Ideen durch die unvernünftige Seele getrübt und in Verwirrung gebracht werden. Nur die vernünftige Seele ist unsterblich. Die letztere existierte vor ihrer Verbindung mit dem Körper, so daß ihr Erkennen ansich nur ein Wiedererinnern (anamnesis) an die betreffenden Urvorstellungen bei Gelegenheit der Wahrnehmung der Abbilder in den Dingen der Erscheinungswelt ist.

Alle humane (sittliche) Tüchtigkeit beruth nach PLATO auf  Gottähnlichkeit  und Weisheit.  Weisheit  aber ist  Harmonie  und Harmonie ist Schönheit und Kunst. In der Gottheit ruht die Idee des Urschönen neben den Ideen des Urwahren und des Guten in ewiger Einheit. Durch das Streben, dieses Urschöne im Leben harmonisch darzustellen, entsteht die holde  Sophrosyne,  welche Ordnung und Ebenmaß in alles bringt. Aus der Vermählung des Schönen mit dem Guten wird die  himmlische Liebe  geboren, welche zur Tugend begeistert und den Zwang des Gesetzes berechtigt. - Im praktischen Leben ist die  Gerechtigkeit  aller Wandlungen und Gesinnungen  Ordnerin.  Dieselbe bedarf des  Staates  zur Erfüllung ihres Zwecks. Der Staat soll aber das Göttliche (die Ideen) in sich darstellen. Sein Muster liegt im Himmel. Demgemäß können auch nur  Philosophen  eigentlich Regenten sein, weil nur sie dieses Musterbild in der Ideenwelt (in Gott) zu erschauen fähig sind. Die Genialität der platonischen Philosophie ist über allen Zweifel erhaben, soweit es sich um sein Eindringen in das Reich der Ideen und dessen Ausmalung handelt. Seine Annahmen haben aber nur einen hypothetischen Charakter, denn über den Ursprung der Ideen und die Existenz der Gottheit gibt er keinerlei Aufschluß. Die Beweise, um die es sich dabei vor allem handelt, bleibt er uns schuldig, gleichwie seine Vorgänger. Ganz unerklärt aber läßt PLATO auch das ewige Dasein der widerspenstigen Materie, die ihre eigene widerstrebende Seele hat und sich ihrer Unabhängigkeit mit der vernünftigen Seele im Menschenkörper zusammenfindet.

Durch diese Darstellung des Verhältnisses von Geist und Materie hat PLATO das Rätsel des Zusammenhangs beider eher verdunkelt, als erhellt, und deren Gegensatz, den er auszugleichen bemüht war, womöglich verschärft. - So kommt es dann, daß die platonische Weltanschauung, trotz des bleibenden Interesses, das seine Ideenlehre beanspruchen muß, nicht durchweg und endgültig  befriedigen  konnte.

ARISTOTELES, PLATOs Schüler, suchte die Lücken der Dialektik seines Meisters auszufüllen und wurde der eigentliche Schöpfer des  dialektischen Formalismus,  der wenn auch ansich kunstgerecht, doch nicht geeignet war, das menschliche  Wissen dem Inhalt nach  besonders zu erweitern oder zu fördern. Die Werkstätte und den Apparat des Geistes hat ARISTOTELES fleissig und mit Kennerblicken durchstöbert und man hat schließlich wohl "die Teile geordnet in der Hand, - fehlt leider nur das geistige Band." - Über das Wesen des Geistes ansich, seine Herkunft und Bestimmung gibt ARISTOTELES keinerlei genügende Auskunft. Sein System ist daher trotz scharfsinnigster Konstruktion gleichfalls ohne endgültig befriedigenden Inhalt.

Die Vernunft enthält nach ihm nicht das Wissen ansich, sondern ist nur für dasselbe empfänglich (nous kata dynamis). Nur mittels der Sinneswahrnehmungen wird die Vernunft zu einer  Erkenntnis  der Prinzipien geführt. Die  ersteren  sind zwar nicht Quelle, aber notwendige Bedingung der Erkenntnis. Das Wissen, das auf Reflexion beruth, ist daher  identisch  mit dem  vernunftgemäßen  Wissen, das PLATO bekanntlich in Abrede stellt. - Auch die  Materie  ist nach ARISTOTELES  nicht dem Geist entgegengesetzt,  sondern nur untergeordnet. Letzterer ist das formgebende Prinzip. Auch ARISTOTELES nimmt eine vernünftige und eine unvernünftige Seele an und hält nur erstere für  unsterblich,  wenn auch  ohne Bewußtsein.  Die unvernünftige Seele ist ihm nur der Instinkt, - die vernünftige das in sich vollendete Selbstbewußtsein. Unter einer  Gottheit  versteht er nicht ein persönliches Wesen, sondern nur das aktuell  apriorische Prinzip,  welches allein den Übergang zum Potentiellen bewirken kann. - Eine Gottheit aber, die nicht persönlich, sondern nur im Prinzip existiert, ist auch ohne Selbstbewußtsein, also auch ohne Intelligenz, - ist also eine  Gottheit  die  keine  ist, die zumindest der wesentlichsten göttlichen Eigenschaften entbehrt.  Die aristotelische Theosophie ruht demnach auf schwachen Füßen. 

ARISTOTELES unterschied - um etwas näher auf sein System einzugehen -  vier formale  Prinzipien,  drei Realitäts prinzipien und  zehn Existenzformen  nebst den entsprechenden Vorstellungsarten oder  Kategorien

Die  vier formalen Prinzipien  des ARISTOTELES sind:
    1) Form oder Wesen (anstelle der Idee bei PLATO)
    2) Stoff oder Substrat,
    3) bewegende oder wirkende Ursache,
    4) Zweck. -
Die  drei  Realitätsprinzipien sind:
    1) die Möglichkeit (dynamis, potentia);

    2) die Tätigkeit als das formgebende Prinzip (dynamis)

    3) die Einheit jener beiden in einem besonderen Akt der Selbstvollendugn oder der Lebenskraft (entelecheia)
Der  entelecheia  und  energeia  entgegengesetzt ist die  steresis,  d. h. die Beraubung oder Negation einer bestehenden Form. Vermittelt wird die Beteiligung der drei Realitätsprinzipien durch die Bewegung (kinesis) und die daraus entstehende Veränderung (alloiosis oder metabole). - ARISTOTELES unterscheidet sodann folgende  Existenzformen:  Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haben, Tun, Leiden. Diesen Existenzformen entsprechen nach ihm ebensoviele Vorstellungsarten und "Aussagen" (Redeteile) oder  Kategorien.  - Was die  Physik  des ARISTOTELES betrifft, so ist nach ihm alle naturgemäße Bewegung zweckmäßig. Die irdische Ntaur bildet nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit durch immer vollständigere Unterwerfung der Materie unter die Form eine Stufenreihe lebendiger stets vollkommenerer Wesen. Die Lebenskraft ist die Entelechie des Leibes.

Der Mensch besitzt nach der Psychologie des ARISTOTELES außer dem  Seelenwesen  und der Entelechie oder der Lebenskraft noch die Vernunft oder  Denkkraft,  oder neben der bloß instinktiven eine vernünftige Seele. Diese ist unsterblich als absolute Intelligenz im Göttlichen, aber gleichfalls ohne persönliches Bewußtsein (De anima III, 5)

In der  Metaphysik  sagt ARISTOTELES: Alle Bewegung muß von einer aktuellen bewegenden Ursache ausgehen. Nun gibt es ein stets Bewegtes, ferner ein zugleich Bewegendes und Bewegtes, also auch ein stets Bewegendes, das selbst unbewegt ist: dieses ist die Gottheit, die stofflose, ewige Form, die reine mit keiner Beschränktheit behaftete Aktualität, die sich selbst denkende Vernunft oder der absolute Geist, der als das schlechthin Vollkommene von allem geliebt wird und dem alles sich zu verähnlichen strebt. Ein persönliches Wesen ist, wie schon oben gesagt, Gott nicht nach ARISTOTELES, sondern bloß das aktuell apriorische Prinzip, welches allein den Übergang zum Potentiellen bewirken kann. Das Denken, welches Gottes Tätigkeit ist, ist das höchste, beste und seligste Leben. - Wie das apriorische Prinzip, das ARISTOTELES Gott nennt, zum Denken kommt, läßt er unerklärt und das macht seine bezüglichen Annahmen wertlos. In den ethischen Schriften entwickelt ARISTOTELES sehr viel guten Sinn, aber keine besondere Originalität. Er sagt das höchste Gut sei die Glückseligkeit; diese ist Endzweck allen Handelns; sie kann aber nur erreicht werden durch eine vernünftige Beachtung des Mittelmaßes (mesotetos) und des Angemessenen (ison). Tugend ist Fertigkeit im vernunftgemäßen Handeln, in Selbstbeherrschung und Vermeidung der Extreme.

Humane Vollendung kann nach ihm nur erreicht werden, durch ein bürgerliches Zusammenleben im  Staat.  Herrschen soll im Staat der Vortrefflichere. Er spricht sich speziell für das Königtum und die Aristokratie, sowie gegen die Demokratie, Oligarchie und Tyrannei aus. - Die  Kunst  dient nach ARISTOTELES drei Zwecken: der Erholung und edlen Unterhaltung, der zeitweiligen Befreiung von gewissen Affekten durch ihre Anregung und Befriedigung, am Meisten aber der  sittlichen Bildung. 

Wie die platonische Schule nach der Lehrstätte PLATOs, die  Akademie  genannt wurde, so bezeichnete man die Schüler des ARISTOTELES von den  peripatoi,  d. h. den Hallen des Lyzeums, worin derselbe im Umherwandeln lehrte, - als die  Peripatetiker. 

Zu erwähnen ist unter den Philosophen der sokratischen Richtung noch EUKLID von Megara, der Führer der einseitig dialektischen Schule der  Megariker,  die im Ganzen dem eleatischen Rationalismus zuneigten und infolge ihrer Subtilitätenhascherei und Streitsucht auch als Eristiker (Streitsüchtige) bezeichnet wurden.

PYRRHO aus Elis war der Erste, der die relative Skepsis der Kyniker und Sophisten, zum wirklichen System des absoluten Skeptizismus zu erheben suchte. Derselbe behauptete, der Mensch könne unter keinen Umständen etwas mit Bestimmtheit wissen, die höchste Weisheit sei die Zurückhaltung des Beifalls und vollendeter Gleichmut des Lebens (ataraxia). - Zu den Skeptikern dieser Richtung gehörten besonders auch TIMON aus Phlius, nach seinem Lehrgedicht  Sillen  der "Sillograph" genannt, AENESIDEMUS (Zeitgenosse CICEROs) und der Arzt SEXTUS EMPIRICUS.

AMMONIUS SACCAS (175-250 n. Chr.), der wieder auf die platonische Philosophie zurückführte - derselbe trug seine Lehre in Alexandria vor - wurde der Begründer des  Neuplatonismus  oder des  alexandrinischen Eklektizismus.  Derselbe war Lehrer des PLOTINUS (205-270 n. Chr.), von dem er bedeutend überragt wurde. Dieser erst begründete den Neuplatonismus wissenschaftlich und systematisch in 54 Abhandlungen, die von seinem Schüler PORPHYRIUS in 6 Enneaden neu zusammengestellt wurden. (4)

Während bei PLATO die Ideen Götter sind und die Idee des Guten der höchste Gott, ist nach PLOTIN das Urwesen, das  en,  die ursprüngliche Einheit, welche das  agathon  ist, weder Vernunft noch Gegenstand der Vernunfterkenntnis (weder  nous  [Wissen - wp], noch  onton  [Sein -wp]), sondern um seiner absoluten Einheitlichkeit willen von diesem Gegensatz frei und über beide Glieder desselben erhaben. Das  en  [Sein - wp] läßt aus der Überfülle seiner Kraft ein Abbild seiner selbst hervorgehen, gleichwie die Sonne Strahlen von sich ausgehen läßt. Das Abbild wendet sich mit Notwendigkeit dem Urbild zu, um dasselbe zu schauen und wird ebendadurch zum  nous.  Der letztere erzeugt wieder als sein Abbild die Seele, die in ihm ist, gleichwie er selbst im Urwesen. Der  nous,  sowie die Seele sind unsterblich und haben auch, schon vor der Existenz im Menschenkörper existiert. Die Materie ist etwas Wesenloses  me on  und die Naturkräfte (logoi) stammen vom  nous  her. - Die Aufgabe des Menschen, der als sinnliches Wesen sich Gott entfremdet hat, ist die Rückkehr zu Gott durch Tugend, durch philosophisches Denken und besonders durch unmittelbares, ekstatisches Anschauen (theoria) des Urwesens und die Wiedervereinigung mit ihm. - PLOTIN hat jedenfalls das Verdienst, die Ideenlehre PLATOs besser präzisiert und das Wesen der Materie in einleuchtenderer Weise mit der ersteren in Verbindung gebracht zu haben, wenngleich auch seine Erklärungen des Urwesens nichts weniger, als den Stempel überzeugender Bestimmtheit und Klarheit an sich tragen.

Hinsichtlich der ekstatischen Anschauung des Göttlichen und der daraus zu gewinnenden höheren Einsicht (gnosis) schlossen sich an die alexandrinischen Eklektiker im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. die  Kabbalisten  und die  Gnostiker  an. Dieselben gingen anhand der platonischen selbständigen und widerspenstigen Materie auf die zoroastrische oder persische Dämonenlehre zurück und machten aus den Dämonen ihre Aeonen. Sie setzen das Lichtreich (Pleroma) dem finsteren Reich der Materie (Kenoma) entgegen und lassen die niedere, sichtbare Welt durch einen aus dem Lichtreich ausgeschlossenen Aeon (Demiurg) geschaffen sein, fassen die persische Ansicht von der sechstausendjährigen Dauer der Welt und dem darauf folgenden Reich des guten Prinzips (ORMUZD) nach jüdischen Traditionen auf und gestalten daraus besonders die Lehre vom tausendjährigen Reich der vollkommensten irdischen Glückseligkeit (5). Hervorragende Vertreter des Gnostizismus waren CERINTHUS, BASILIDES, BARDESANES etc. - Verwandt mit dem Gnostizismus war der Manichäismus d. h. die Lehre des MANI oder MANICHAEUS, die im 3. Jahrhundert n. Chr. große Verbreitung in Ostasien und später auch in Afrika fand. MANI suchte das Christentum mit der Lehre des ZARATHUSTRA zu kombinieren. CHRISTUS war ihm nur ein Symbol des in der Materie gebundenen Lichts (Jesus patibilis). Im Menschen ist Licht und Finsternis, Gutes und Böses vereinigt, da er eine Schöpfung des Fürsten der Finsternis und seiner Gattin ist. Erkenntnis und Askese führen zur Rettung aus den Banden des Fürsten der Finsternis. Die Askese begreift drei Siegel der  Hände,  wonach Arbeit, Tötung von Tieren und Menschen, Diebstahl etc. untersagt ist, - das Siegel des  Mundes,  wonach alle bösen Reden und der Genuß von Fleisch und Wein untersagt ist, - endlich das Siegel des  Schoßes,  welches die Geschlechtslust verpönt. Kaiser JUSTINIAN glaubte die "manichäische Ketzerei" mit dem Tod bedrohen zu müssen.

Von den Völkern des Altertums haben die  Römer  für die Philosophie so gut wie nichts geleistet. MARCUS TULLIUS CICERO (106 - 43 v. Chr.) stand lediglich auf dem Boden griechischen Philosophie, besonders lehnte er sich bezüglich der Ethik an die Stoiker und Peripatetiker an und huldigte in Bezug auf die Erkenntnislehre des Skeptizismus. QUINTUS SEXTIUS und seine Anhänger waren ebenso wie später SENECA (3 - 65 n. Chr.) nur Moralphilosophen der oberflächlichsten Art, die sich darauf beschränkten zur Tugend zu mahnen, ohne ihre Anschauungen näher zu begründen.

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Hiermit wären wir am Ende der Geschichte der Philosophie des Altertums angelangt und man kann wohl behaupten, daß die Philosophie in diesem Zeitraum auch sachlich ihren ersten Kreislauf beendet hat.

Man hat den Ursprung der Dinge in der Materie und im Geist, im Feuer und im Wasser, in der Luft und sogar im Urschlamm, in der Einheit und in der Vielheit, in der Notwendigkeit und im Zufall, im höchsten Gut und sogar im Nichts, in der Zeit und in der Ewigkeit gesucht. Man durchforschte die ganze Schöpfung, ohne ihr aber auf den Grund zu kommen.

Der zweite Kreislauf der Philosophie, der vom Mittelalter bis auf die Neuzeit sich erstreckt, bewegt sich im Wesentlichen im gleichen Rahmen, wie die Philosophie des Altertums, nur spielt in demselben die metaphysische Begriffsgymnastik und die sophistische Dialektik eine noch größere Rolle, als vordem, derart, das man sich allmählich daran gewöhnt, an den Bankrott der Philosophie überhaupt zu glauben.
LITERATUR stopper Eduard Loewenthal,Geschichte der Philosophie im Umriß, Berlin 1896
    Anmerkungen
    1) Brahma hält auf bildlichen Darstellungen einen Ring oder  Rosenkranz  als Symbol der Ewigkeit in der einen Hand, in der anderen ein  Szepter  oder Opferlöffel.
    2) Nach der "Stoa", der Lehrstätte des ZENO so benannt.
    3) Anklang an das böse Prinzip der zoroastrischen Lehre.
    4) Eng verwandt mit der Idee des PLOTINUS war die des PROCLUS, die deshalb hier keiner besonderen Erörterung bedarf.
    5) Die christlichen Gnostiker faßten speziell CHRISTUS als den aus Gott emanierten Aeonengeist auf, den jeder Mensch in sich aufnehmen soll, um mit seiner Hilfe das Böse zu überwinden.