cr-4 PyrrhonDescartesMontaignes ZweifelRaoul Richter    
 
JOHANN GOTTLIEB BUHLE
Sextus Empiricus oder
der Skeptizismus der Griechen


"Wird gefragt, ob der Gegenstand so beschaffen ist, wie er erscheint? so geben wir zu, daß er erscheint, und zweifeln nicht daran; sondern an dem, was vom erscheinenden Gegenstand behauptet wird; was doch ganz etwas anderes ist, als wie an der Erscheinung selbst zu zweifeln. Zum Beispiel: Der Honig scheint uns süß zu schmecken; dies geben wir zu, da wir selbst die Süßigkeit empfunden haben; aber ob es ein Süßes gibt in Bezug auf die Erkenntnis, das bezweifeln wir; dies heißt nicht, die Erscheinung des Süßen selbst bezweifeln, sondern nur die Anmaßung der Dogmatiker aufzudecken."

"Erscheinen dieselben Objekte auf eine ungleiche Weise nach der Verschiedenheit der Tiere, so werden wir wohl sagen dürfen, wie ein Objekt von uns wahrgenommen wird; wie es seiner Natur nach beschaffen ist, werden wir unentschieden lassen müssen. Denn wir selbst werden weder unsere eigenen, noch die Vorstellungen anderer Tiere, beurteilen können, da wir selbst einen Teil der Sphäre verschieden vorstellender Subjekte ausmachen, und daher mehr eines anderen Wesens bedürfen, das unsere und die Vorstellungen der Tiere beurteilt, als daß wir selbst darüber urteilen könnten."

"Ist in der Beurteilung der Vorstellungen die Überzeugung der unvernünftigen Tiere ebenso zuverlässig, wie die unsrige; und sind die Vorstellungen selbst verschieden nach der Verschiedenheit der Tiere; so werde ich wohl sagen können, wie jeder Gegenstand mir  erscheint;  wie er aber seiner Natur nach beschaffen ist, werde ich unentschieden lassen müssen."

Vorrede

Es gibt schwerlich ein besseres Bildungsmittel des philosophischen Talents überhaupt, und eine zweckmäßigere Vorbereitung, um insbesondere den Geist, die Tendenz und das Verdienst der Philosophie unseres gegenwärtigen Zeitalters richtig zu fassen und zu würdigen, als das Studium des Skeptizismus der Griechen. So wie diese dem positiven und negativen philosophischen Dogmatismus eine, wenn gleich ansich nocht immer nur scheinbare und unbefriedigendere, Vollendung gaben, die ihnen die Bewunderung der spekulativen Nachwelt erworben und gesichert hat; so trieben sie auch die entgegengesetzt skeptische Art zu philosophieren so weit, wie sie nur getrieben werden kann. Ihre dogmatische Philosophie hat in der Folge durch die Bemühungen der Neueren manche abweichende Formen erhalten; aber ihr Skeptizismus ist von dem neueren, was den wesentlichen Charakter dieser philosophischen Denkweise betrifft, nicht übertroffen und vervollkommnet worden; vielmehr haben die neueren Skeptiker größtenteils nur den Griechen nachgezweifelt, und mehrere unter jenen haben sich nicht einmal die Skepsis dieser in ihrem ganzen Umfang zu eigen zu machen gewuß, oder haben sie wohl gar mißverstanden und mißbraucht. Die dogmatische Philosophie der Griechen ist schon vor der Erscheinung der kritischen Philosophie in Anbetracht der Prinzipien und Resultate der vornehmsten Systeme, namentlich des platonischen und aristotelischen, widerlegt worden; ihr Skeptizismus war bis dahin zwar oft angefochten, verlacht und verhöhnt; aber aus der Natur der philosophierenden Vernunft blieb er unwiderlegt; und es ist vielleicht problematisch, ob selbst die kritische Philosophie unserer Tage, diese Benennung im weitesten Sinn genommen, ihn in der Tat widerlegt hat. Wie man inzwischen hierüber denken mag, so hat zum mindesten der Skeptizismus der Griechen teils unmittelbar, teils mittelbar, den neuesten Kritizismus veranlaßt und herbeigeführt. Dieselbe Methode zu philosophieren, welche die griechischen Skeptiker beobachteten, und wodurch sie den Ungrund und Widerstreit der älteren philosophischen Systeme, die ihnen bekannt geworden waren, aufdeckten, ließ sich auf die neueren Systeme anwenden, und offenbarte ebenso die Schwächen derselben für die prüfende Vernunft. Daher ist es wohl eigentlich der griechische Skeptizismus, der als Entstehungsgrund der kritischen Philosophie betrachtet werden kann, und auf dessen Vernichtung diese vornehmlich gerichtet ist und gerichtet sein müßte, wenn sie anders ihrem Zweck entsprechen sollte. Insofern ist also auch das Studium jenes unstreitig nicht nur die lehrreichste Propädeutik zu dieser, sondern es gewährt noch außerdem den unschätzbaren Vorteil, selbst diese, wie jede andere Philosophie, vernünftig bezweifeln, d. h. gründlich beurteilen zu lernen.

Bei diesem hohen Interesse, welches der griechische Skeptizismus für die Philosophie überhaupt und hauptsächlich für die neueste hat, ist es zu verwundern, daß unsere spekulativen Zeitgenossen im Ganzen ihm so wenig Aufmerksamkeit zu widmen pflegen, und daß die Werke des SEXTUS EMPIRICUS, die wichtigsten, reichhaltigsten, und gewissermaßen die einzigen Quellen desselben, von Vielen fast gar nicht gelesen werden; wie dies offenbar die häufigen falschen Ansichten des Pyrrhonismus beweisen, die man in mehreren der neuesten philosophischen Schriften antrifft. Ich bin hierdurch zu dem Entschluß bewogen worden, eine deutsche Übersetzung jener Werke zu liefern, und dieser, außer einigen den Text unmittelbar erläuternden Anmerkungen, noch ein paar Abhandlungen über den Geist, Charakter und philosophischen Wert des griechischen Skeptizismus und seiner Urheber und Verteidiger im Altertum überhaupt beizufügen, um dadurch aufs neue an diesen zu erinnern, und das Studium desselben zu befördern. Der gegenwärtige erste Teil enthält bloß die  Pyrrhonischen Hypotyposen;  der zweite wird das andere Werk des SEXTUS gegen die Dogmatiker und die erwähnten Abhandlungen beinhalten. Bei den schon in diesem ersten Teil vorkommenden Anmerkungen, so weit sie bloß historische Data angehen, habe ich den in seiner Art sehr nützlichen Kommentar des FABRICIUS am meisten benutzt, da weitläufigere gelehrte Diskussionen hier sehr überflüssig waren, wo es im Grunde nur auf die nötige Verdeutlichung des philosophischen Räsonnements desselben ankam. Die gewöhnliche Abteilung der Kapitel in kleinere Sektionen oder Paragraphen hätte ich gerne geändert, und dem Zusammenhang des Textes gemäßer eingerichtet; ich habe dieses aber darum unterlassen, weil die einzelnen Stellen des SEXTUS doch immer nach den bisherigen Sektionen zitiert werden. Wegen der häufig vorkommenden Druckfehler muß ich mich mit der Entfernung des Druckorts entschuldigen; diejenigen, welche den Sinn entstellen, habe ich angemerkt. Übrigens wünsche ich, daß meine öffentlichen Beurteiler die Gefälligkeit haben mögen, die Erscheinung des zweiten Teils abzuwarten, bevor sie über den Plan und Wert meiner Arbeit entscheiden.

JOHANN GOTTLIEB BUHLE



Erster Teil
Entwurf des Pyrrhonismus

Erstes Kapitel
Vom allgemeinsten Unterschied der Philosophen

Wer etwas sucht, findet es entweder, oder gesteht, daß er es nicht gefunden habe, und nicht finden könne; oder fährt fort zu suchen. 2. Vielleicht wollen deswegen einige Philosophien die Wahrheit gefunden haben; andere halten es nicht für möglich, sie zu finden; andere suchen sie noch immer. 3. Die Dogmatiker, wie ARISTOTELES, EPIKUR, die Stoiker, und mehrere, glaubtenn die Wahrheit gefunden zu haben. KLITOMACHUS KARNEADES, und die übrigen Akademiker erklärten sie für unbegreiflich. Die Skeptiker suchen die Wahrheit. 4. Man darf also wohl drei Hauptarten des Philosophierens annehmen, die dogmatische, die akademische, und die skeptische. Die beiden ersteren interessieren uns für jetzt nicht; wir wollen hier nur die skeptische Denkart in einem allgemeinen Umriß darstellen.


Zweites Kapitel
Von den beiden Hauptteilen
der skeptischen Philosophie

5. Die skeptische Philosophie läßt sich in die allgemeine und die besondere einteilen. Der allgemeine Teil betrifft den Charakter der Skepsis überhaupt; den Begriff, die Prinzipien, die Gründe, das Kriterium, und den Zweck derselben; die mannigfaltigen Arten der Zurückhaltung des Beifalls; die Bedeutung der skeptischen Verneinungen; endlich den Unterschied der Skepsis von den ihr verwandten Arten zu philosophieren. 6. Der besondere Teil enthält das Räsonnement gegen alle einzelnen Sätze der sogenannten Philosophie. Ich will also zuvörderst den allgemeinen Teil der Skepsis entwickeln, und zwar mit der Erläuterung der verschiedenen Benennungen den Anfang machen, wodurch sie bezeichnet wird.


Drittes Kapitel
Von den Benennungen der
skeptischen Philosophie

7. Die skeptische Denkart wird auch die suchende genannt, weil sie im Suchen und Forschen besteht. Sie heißt auch die entscheidungslose wegen der Gemütsstimmung, in welcher sich der Forscher nach der Untersuchung befindet; oder die zweifelnde, entweder, wie einige glauben, weil man bei allem zweifelt, und Bedenklichkeiten behält; oder, weil man ansteht, ob man schlechthin bejahen oder verneinen soll. Endlich bekommt sie auch den Namen der pyrrhonischen, weil PYRRHO sie auch den Namen der pyrrhonischen, weil PYRRHO auffallender sich der Skepsis überlassen, und sie weiter getrieben zu haben scheint, als seine Vorgänger.


Viertes Kapitel
Vom Begriff der Skepsis

8. Die Skepsis ist das Vermögen, die Sinneserscheinungen und Verstandesobjekte einander auf irgendeine Weise entgegenzusetzen; so daß wir durch das Gleichgewicht der einander entgegengesetzten Objekte und Gründe zunächst bewogen werden, unseren Beifall zurückzuhalten, und eben dadurch zur philosophischen Gemütsruhe gelangen. 9. Wir nennen die Skepsis ein Vermögen, nicht im strengen Sinne des Wortes, sondern nur überhaupt in Hinsicht auf das Können. Unter Sinneserscheinungen verstehen wir hier alles, was empfunden wird; dem man auch deswegen das Denkbare entgegengesetzt. Das Entgegensetzen auf irgendeine Weise kann auf das Vermögen bezogen werden, so daß der Begriff dieses Vermögens überhaupt genommen wird; oder auch auf den Gegensatz der Sinneserscheinungen und denkbaren Gegenstände, als solcher; (denn da sich diese auf mancherlei Art einander entgegensetzen lassen, entweder als Erscheinungen den Erscheinungen, oder als Verstandesobjekte den Verstandesobjekten, oder als Erscheinungen den Verstandesobjekten, und umgekehrt, so reden wir von einer Entgegensetzung auf irgendeine Weise, damit sie alle jene Gegensätze umfasse;) oder es kan auf die unbestimmte Beschaffenheit der Erscheinungen und Verstandesobjekte ansich bezogen werden, indem nicht untersucht wird, wie die Sinnesgegenstände erscheinen, oder die Verstandesgegenstände gedacht werden, sondern indem man diese überhaupt nimmt. 10. Unter entgegengesetzten Gründen verstehen wir nicht notwendig Bejahung oder Verneinung, sondern überhaupt widerstreitende Gründe, die nicht miteinander bestehen können. Ein Gleichgewicht legen wir entgegenstehenden Gründen bei, wenn sie Überzeugung und Gegenüberzeugung mit gleicher Stärke bewirken; so daß keiner der widerstreitenden Gründe dem andern als überzeugender vorgezogen wird. Die Zurückhaltung des Beifalls ist derjenige Gemütszustand, in welchem man weder etwas aufhebt, noch etwas setzt. Die philosophische Gemütsruhe ist die Heiterkeit und Freiheit des Gemüts von aller Störung. Wie aber diese philosophische Gemütsruhe zugleich mit der Zurückhaltung des Beifalls entstehe, werde ich weiter unten zeigen, wenn vom Zweck der Skepsis die Rede sein wird.


Fünftes Kapitel
Wer ist ein Skeptiker?

11. Durch den Begriff Denkart ist zugleich der Begriff eines pyrrhonischen Philosophen bestimmt. Derjenige nämlich ist ein solcher, der das bisher beschriebene Vermögen besitzt.


Sechstes Kapitel
Von den Prinzipien der Skepsis

12. Das veranlassende Prinzip der Skepsis ist die Hoffnung, zur Gemütsruhe zu gelangen. Da die Unregelmäßigkeit in den Dingen und Ereignissen die vorzüglichsten Köpfe in beunruhigende Zweifel verstrickte; so gerieten sie auf die Untersuchung, was in jenen Wahres oder Falsches sei? um durch das Nachdenken darüber wieder Ruhe zu gewinnen. Das begründende Prinzip der Skepsis aber ist hauptsächlich: Jedem satz einen gleich starken Satz entegenzustellen. Denn dadurch, scheint es, kommt man dahin, nichts dogmatisch zu behaupten.


Siebentes Kapitel
Ob der Skeptiker dogmatisiert?

13. Wenn wir sagen, daß der Skeptiker kein Dogma feststellt, so nehmen wir das Dogma nicht in dem Sinn, in welchem einige das Beistimmen zu irgendeiner Sache überhaupt auch für ein Dogma, nur mehr im Allgemeinen, erklären. Denn die durch die Sinnlichkeit bestimmten Empfindungen muß auch der Skeptiker anerkenen, und, wenn er z. B. warm oder kalt wird, so wird er nicht sagen, er glaube, nicht warm zu sein, oder nicht zu frieren. Unter Dogma verstehen wir hier eine Entscheidung über irgendeinen der dunklen und zweifelhaften Gegenstände, worauf sich die Wissenschaften beziehen; und in diesem Sinne, sagen wir, dogmatisiert der Skeptiker nicht, sofern er über keinen dunklen und zweifelhaften Gegenstand entscheidet. 14. Sogar alsdenn dogmatisiert der Pyrrhonier nicht, wenn er skeptische Ausdrücke über ungewisse Dinge vorbringt z. B. um nichts mehr oder Ich entscheide nichts, und andere, wovon hernach die Rede sein wird. Der Dogmatiker setzt den Gegenstand als wirklich, welchen sein Dogma betrifft. Der Skeptiker hingegen braucht jene Ausdrücke nicht so, als ob sie schlechthin etwas Wirkliches aussagten; denn er ist der Meinung, daß z. B. der Ausdruck: Alles ist falsch, zugleich mit allem übrigen auch selbst falsch sei; daß es sich mit dem: Nichts ist wahr, ebenso verhalte; und das: Um nichts mehr, selbst um nichts mehr, als andere Dinge sei, und sich also mit diesen zugleich beschränke. 15. Da folglich der Dogmatiker den Gegenstand seines Dogmas als wirklich so beschaffen setzt, der Skeptiker aber seine Ausdrücke so gebraucht, daß sie sich zugleich selbst mit beschränken, und in die von ihnen bezeichnete Sphäre einschließen; so kann vom Letzteren wegen des Gebrauchs dieser Ausdrücke nicht sagen, daß er dogmatisiere. Und was das Wichtigste ist, indem sich der Skeptiker jener Ausdrücke bedient, sagt er nur aus, was ihm scheint, erklärt er seine Empfindung, ohne etwas darüber objektiv zu behaupten.


Achtes Kapitel
Ob der Skeptiker zu einer
philosophischen Partei gehört?

16. Nicht anders können wir die Frage beantworten, ob der Skeptiker zu einer philosophischen Partei gehört? Wenn man unter dem philosophischen Parteigeist eine Anhänglichkeit an mehrere Dogmen versteht, die untereinander und mit den Gegenständen zusammenstimmen, ein Dogma aber eine Entscheidung über irgendeinem ungewissen Gegenstand ist; so werden wir sagen: der Skeptiker gehört zu keiner Partei. 17. Kommt es aber zum Begriff einer philosophischen Partei lediglich darauf an, daß man in Anbetracht der Sinneserscheinungen irgendeiner Denkart anhängt, die auf den richtigen Weg des Lebens zu führen scheint (das Wort  richtig  nicht bloß im Hinblick auf die Tugend, sondern in einer weiteren Bedeutung genommen), und dabei eine Zurückhaltung des Beifalls zum Ziel hat; so werden wir allerdings antworten, daß die Skeptiker eine philosophische Partei ausmachen. Denn wir haben eine gewisse Denkart, die in Anbetracht dessen, was in die Sinne fällt, uns lehrt, den vaterländischen Gebräuchen, Gesetzen, Einrichtungen, und unseren natürlichen Gefühlen gemäß zu leben.


Neuntes Kapitel
Ob die Untersuchung der Natur eine
Angelegenheit des Skeptikers ist?

18. Etwas Ähnliches läßt sich auf die Frage erwidern, ob die Untersuchung der Natur eine Angelegenheit des Skeptikers sei? Sofern mit fester Überzeugung über irgendeinen Gegenstand der Naturforschung dogmatisch entschieden werden soll, sind wir keine Physiologen; aber wir beschäftigen uns mit der Naturforschung ebenfalls, sofern es darum zu tun ist, einem jeden Satz, der Geistesberuhigung wegen, einen gleich starken Satz entgegenzustellen; und auf gleiche Weise bearbeiten wir auch den logischen und den ethischen Teil der sogenannten Philosophie.


Zehntes Kapitel
Ob der Skeptiker die
Sinneserscheinungen aufhebt?

19. Diejenigen, welche behaupten, daß die Skeptiker die Sinneserscheinungen aufheben, scheinen unser Räsonnement nicht gefaßt zu haben. Denn, wie wir schon vorher bemerkten, was wir sinnlich empfinden, und zu dessen Anerkennung wir unwillkürlich getrieben werden, wird von uns nicht aufgehoben. Dergleichen nun sind die Sinneserscheinungen. Wird aber gefragt, ob der Gegenstand so beschaffen ist, wie er erscheint? so geben wir zu, daß er erscheint, und zweifeln nicht daran; sondern an dem, was vom erscheinenden Gegenstand behauptet wird; was doch ganz etwas anderes ist, als wie an der Erscheinung selbst zu zweifeln. Zum Beispiel: Der Honig scheint uns süß zu schmecken; dies geben wir zu, da wir selbst die Süßigkeit empfunden haben; aber ob es ein Süßes gibt in Bezug auf die Erkenntnis, das bezweifeln wir; dies heißt nicht, die Erscheinung des Süßen selbst bezweifeln, sondern nur das, was von ihr behauptet wird. 20. Werdem aicj geradehin in Anbetracht der Sinneserscheinungen selbst Zweifel aufgeworfen, so haben diese nicht die Absicht, jene schlechthin aufzuheben, sondern nur die Anmaßung der Dogmatiker aufzudecken. Denn wenn die Vernunft so trüglich ist, daß sie auch die Sinnesgegenstände fast vor unseren eigenen Augen verschwinden macht; wie soll sie uns nicht bei ungewissen Dingen verdächtig werden, und uns bewegen, ihr nicht zu folgen, um uns von Anmaßung frei zu halten?


Elftes Kapitel
Über das Kriterium der Skepsis

21. Daß wir bei den Sinneserscheinungen als solchen stehen bleiben, wird sich aus der folgenden Erörterung des Kriteriums der skeptischen Denkart erhellen. Das Wort  Kriterium  hat eine zweifache Bedeutung. Erstens bezeichnet es einen Erkenntnisgrund, aus welchem das Sein oder Nichtsein von etwas eingesehen wird (wovon in der Abhandlung gegen die Dogmatiker gesprochen werden soll); Zweitens eine Regel, nach welcher wir im Leben etwas tun, und nicht tun, und von dieser ist hier die Rede. 22. Als Kriterium der skeptischen Denkart erklären wir nun das den Sinnen Erscheinende, in der Bedeutung, worin wir die subjektive Empfindung desselben damit bezeichnen. Sofern diese im unmittelbaren Bewußtsein und in der unwillkürlichen Affizierung liegt, ist sie unbezweifelbar. Daher zweifelt vielleicht auch niemand, daß ihm dieses oder jenes Subjekt so oder so erscheint; ob es aber so ist, wie erscheint, wird bezweifelt. 23. Nach den Erscheinungen nun richten wir uns im gemeinen Leben, und handeln ihnen gemäß, da wir nicht durchaus untätig sein können. Es scheint aber das Handeln im gemeinen Leben von vierfacher Art zu sein, und teils auf einem natürlichen Instinkt zu beruhen, teils durch den Antrieb der Gefühle, teils durch Gesetze und Gewohnheiten, teils endlich durch wissenschaftlichen Unterricht bestimmt zu werden. 24. Der natürliche Instinkt gründet sich auf die angeborenen Fähigkeiten der Sinne und des Verstandes. Ein Antrieb der Gefühle ist es, wenn wir durch Hunger zum Essen, durch Durst zum Trinken getrieben werden. Gesetze und Gewohnheiten bewirken, daß wir es für gut halten, im gemeinen Leben recht zu handeln, und für Böse, Unrecht zu tun. Wissenschaftlicher Unterricht macht, daß wir nicht müssig und unnütz in den Künsten und Kenntnissen sind, mit denen wir uns beschäftigen. Dies alles bestimmen wir inzwischen nur skeptisch, nicht dogmatisch.


Zwölftes Kapitel
Über den Zweck der Skepsis

25. Der Ordnung zufolge müssen wir nun auch vom Zweck der skeptischen Denkart handeln. Ein Zweck ist, um dessen willen alles getan oder betrachtet wird, welcher selbst aber um keines anderen willen existiert. Oder ein Zweck ist das Äußerste dessen, was begehrt wird. Wir sagen nun für jetzt, daß der Zweck des Skeptikers die Gemütsruhe in Beziehung auf Gegenstände der Meinung, und ein gemäßigtes Verhalten in Bezug auf eine unwillkürliche Affizierung ist. 26. Der Skeptiker fing an zu philosophieren, um die Sinneserscheinungen zu beurteilen und zu begreifen, inwiefern sie wahr, oder falsch seien: hierbei gerät er auf entgegengesetzte Meinungen, die doch gleich starke Gründe für sich haben, und eine vermißte Befriedigung seines Geistes; entscheiden für oder wider einen der Gegensätze konnte er nicht; er hielt also seinen Beifall zurück; zufällig fand er eben hierin die Geistesruhe in Bezug auf Gegenstände der Meinung wieder. 27. Wer da glaubt und behauptet, sei etwas von Natur gut oder böse, wird immer beunruhigt, und so lange ihm fehlt, was ihm ein Gut scheint, dünkt er sich von natürlichen Übeln gedrückt zu werden, und ringt nach dem, was er für gut hält. Hat er dies erworben, wird er noch unruhiger, weil er unvernünftig und unmäßig begehrt; und aus Furcht vor der Wandelbarkeit der Dinge tut er alles, um die vermeintlichen Güter nicht zu verlieren. 28. Wer hingegen unentschieden läßt, was von Natur gut oder übel ist, begehrt weder mit Heftigkeit, noch sucht er änstlich vor gewissen Dingen zu fliehen; sein Gemüt ist also in Ruhe. Was man von APPELLES dem Maler erzählt, trifft auch für den Skeptiker zu. Einst malte er ein Pferd; der Schaum des Pferdes mißlang ihm so, daß er aus Verzweiflung die Arbeit aufgab, und den Schwamm, in welchen er die Farben vom Pinsel wischte, auf das Gemälde warf; der Schwamm berührte das Pferd, und bildete den Schaum ganz zufällig. 29. So hoffen auch die Skeptiker die Gemütsruhe dadurch zu gewinnen, daß sie das Mißverhältnis der Sinneserscheinungen und der Verstandesobjekte untersuchten; da sie ihren Zweck nicht erreichen konnten, hielten sie ihren Beifall zurück, und dieser Zurückhaltung des Beifalls folgte zufällig die Gemütsruhe, wie der Schatten dem Körper. Nun glauben wir zwar nicht, daß der Skeptiker von Unruhe durchaus frei ist; aber wir lassen ihn doch nur durch Affizierungen, die außerhalb seiner Willkür sind, beunruhigt werden. Wir geben zu, daß er wohl auch einmal friert und dürstet, oder sonst etwas der Art erleidet. 30. Allein der große Haufen leidet auch hier doppelt, erst durch die unangenehmen Empfindungen selbst, und dann durch die Meinung, die er hegt, daß sie ein Übel ist; hingegen der Skeptiker, der nicht zugleich annimmt, daß jene Empfindungen von Natur aus ein Übel sind, auch gegen sie ein gemäßigteres Verhalten beobachten läßt. Aus diesen Gründen nun halten wir die Gemütsruhe in Bezug auf Sachen der Meinung für das Ziel des Skeptikers; so wie Mäßigung in Bezug auf unwillkürliche Affizierungen. Einige berühmte Skeptiker haben auch noch die Zurückhaltung des Beifalls selbst bei philosophischen Untersuchungen dahin gerechnet.


Dreizehntes Kapitel
Über die allgemeinen Gründe der Skepsis

31. Wir sagten vorher, daß die gänzliche Zurückhaltung des Beifalls die Gemütsruhe zur Folge hat. Nunmehr ist also zu erklären, wie diese Zurückhaltung des Beifalls in uns entsteht? Im allgemeinen könnte man sagen, sie entsteht durch die Entgegensetzung der Dinge. Wir setzen aber entweder Phänomene den Phänomenen, oder Verstandesobjekte den Verstandesobjekten, oder jene diesen, und umgekehrt, entgegen; 32. Zum Beispiel Phänomene den Phänomenen, wenn wir sagen, derselbe Turm erscheint von fern als rund und in der Nähe als viereckig; Verstandesobjekte den Verstandesobjekten, wenn wir gegen jemanden, der aus der Ordnung der Himmelskörper die Vorsehung beweist, uns darauf berufen, daß die Guten oft unglücklich, die Bösen oft glücklich sind, und daraus auf das Gegenteil schließen, daß es keine Vorausschau gibt; 33. Verstandesobjekte den Phänomenen, wie ANAXAGORAS gegen den Satz, der Schnee ist weiß, argumentiert, daß der Schnee verdichtetes Wasser, das Wasser aber schwarz und folglich auch der Schnee schwarz ist. In einem anderen Sinn stellen wir einen Gegensatz auf, wenn wir bald das Gegenwärtige dem Gegenwärtigen, wie in den angeführten Fällen, bald das Gegenwärtige dem Vergangenen oder Künftigen entgegensetzen. Es legt uns jemand z. B. ein Argument vor, das wir nicht umstoßen können; so erwidern wir ihm, 34. daß, bevor der Stifter der philosophischen Partei, zu welcher er sich bekennt, geboren wurde, das ihr eigene Räsonnement noch nicht als richtig erkannt war, obgleich es im Hinblick auf seine Gegenstände nunmehr für gültig angesehen wird; ebenso auch das entgegengesetzte Räsonnement gültig sein kann, wiewohl es uns jetzt noch nicht einleuchtet; wir daher noch immer einem Räsonnement nicht beipflichten dürfen, auch wenn es uns bisweilen noch so stark erscheint. 35. Um aber diese Entgegensetzungen noch genauer darzulegen, will ich auch die besonderen Gründe hinzufügen, aus denen das Bedürfnis der Zurückhaltung des Beifalls gefolgert wird, ohne jedoch weder über die Zahl, noch über das Gewicht derselben zu entscheiden. Denn es ist möglich, daß auch sie schwach sind, und daß es ihrer mehr gibt, als wir anführen werden.


Vierzehntes Kapitel
Von den besonderen Gründen der Skepsis

36. Die älteren Skeptiker pflegten gewöhnlich gewisse Gründe anzugeben, aus welchen ihnen das Bedürfnis der Zurückhaltung des Beifalls zu fließen schien, und zwar zehn an der Zahl, die sie auch wohl Gemeinplätze nannten. Es sind folgende: Erstens, die Verschiedenheit der Tiere; Zweitens, die Verschiedenheit der Menschen; Drittens, die verschiedene Einrichtung der Sinneswerkzeuge; Viertens, die Umstände; Fünftens, die Verschiedenheit der Lagen, Entfernungen und Orte; Sechstens, die Mischungen; 37. Siebentens, die Größen und Zusammensetzungen der Subjekte; Achtens, die Relation; Neuntens, das Seltene oder Häufige in den Erscheinungen; Zehntens, die herkömmliche Ordnung, Sitten, Gesetze, der mythische Wahn, und die dogmatischen Meinungen. 38. Wir stellen jene skeptischen Gemeinwörter nur in dieser Reihe auf, ohne diese Reihe selbst damit festsetzen zu wollen. Es gibt ferner noch drei Gründe der Skepsis, welche jene alle unter sich fassen, sie werden a) vom beurteilenden Subjekt, b) vom beurteilten Objekt, c) von beiden hergenommen. Nämlich unter dem vom beurteilenden Subjekt hergenommenen sind von den obigen Gründen der Skepsis die vier ersten enthalten; denn das beurteilende Subjekt ist entweder ein Tier oder ein Mensch, oder ein Empfindungsorgan, und zwar befinden sich alle drei immer unter gewissen Umständen. Zu dem vom beurteilen Objekt hergenommenen aber können von den obigen skeptischen Gründen der siebente und achte gerechnet werden. Und der von beiden (Subjekt und Objekt) hergenommene begreift den sechsten, achten und neunten von den obigen skeptischen Gründen unter sich. 39. Die drei allgemeineren Gründe der Skepsis lassen sich aber wiederum auf die Relation zurückführen, so daß die Relation als der allgemeinste Grund der Skepsis betrachtet werden kann, unter welchem die angegebenen drei besonderen Gründe als Arten stehen, denen wiederum jene zehn untergeordnet sind. Soviel läßt sich mit Wahrscheinlichkeit von der Zahl jener Gründe sagen; von ihrem Gewicht gleich ein Mehreres.


Vom ersten skeptischen Grund

40. Der erste skeptische Grund, sagten wir, wird entlehnt von der Verschiedenheit der Tiere, vermöge welcher denselben Gegenständen nicht dieselben Vorstellungen entsprechen. Daß dieses aber der Fall ist, schließen wir aus der verschiedenen Art der Erzeugung der Tiere, und ihrer verschiedenen körperlichen Organisation. 41. Was nun die Erzeugung der Tiere betrifft, so werden einige ohne Geschlechtsvermischung erzeugt, andere mittels derselben. Von der ersteren Art entstehen einige aus dem Feuer, wie die Tiere, die sich in den Kaminen zeigen; andere aus faulem Wasser, wie die Flöhe; andere aus verdorbenem Wein; andere aus der Erde; andere aus dem Leim, wie die Frösche; andere aus dem Schlamm, wie die Regenwürmer; andere aus den Eseln, wie die Kanthariden [Ölkäfer - wp]; andere aus Pflanzengewächsten, wie eine Menge von Würmern; andere endlich aus verwesten Tieren, wie die Bienen aus den Stieren, und die Wespen aus den Pferden. 42. Von denen aber, die durch Geschlechtsvermischung erzeugt werden, werden einige, und zwar die meisten, von Tieren derselben Art; andere von Tieren verschiedener Art erzeugt, wie die Maulesel. Wiederum werden von den Tieren überhaupt einige lebendig geboren, wie die Menschen; andere werden aus Eiern ausgebrütet, wie die Vögel; noch andere werden als unförmige Stücke Fleisch geboren, wie die Bären. 43. Es ist also wahrscheinlich, daß diese Ungleichheiten und Verschiedenheiten in den Erzeugungen der Tiere auch große Verschiedenheiten der Empfindungsart bewirken, da sie dadurch eine sehr verschiedene, nicht zusammen verträgliche, und widerstreitende Mischung und Organisation ihrer Bestandteile empfangen. 44. Aber auch die Verschiedenheit der vorzüglichsten Teile des Körpers, am meisten deren, die von Natur zum Empfinden und Beurteilen dienen, kann nach der mannigfaltigen Beschaffenheit der Tiere den größten Widerstreit unter ihren Vorstellungen hervorbringen. Die Gelbsüchtigen halten für gelb, was uns weiß erscheint, sowie die, welche an Augenentzündung leiden, alles rot sehen. Da nun auch einige Tiere gelbgrüne Augen, andere rote, andere weiße, andere von anderer Farbe haben, so ist glaublich, daß sie dieselben Farben ebenfalls auf die entgegengesetzte Weise wahrnehmen. 45. Selbst wenn wir die Augen länger gegen die Sonne richten, und nachher auf ein Buch sehen, so scheinen uns die Buchstaben goldfarbig zu sein, und sich im Kreis herum zu bewegen. Da es ferner Tiere gibt, die von Natur aus einen gewissen Feuerstoff in den Augen haben, von welchem ein feines und leicht bewegliches Licht ausströmt, so daß sie auch des Nachts sehen können; so glauben wir mit Recht, daß ihnen die äußeren Gegenstände nicht so erscheinen, wie uns. 46. Die Zauberer bestreichen die Dochte in den Lichtern mit Rost und Tinte, und machen, daß die Anwesenden bald eisenfarbig, bald schwarz erscheinen, indem sie sie ein wenig mit dieser Mischung besprengen. Es ist also noch viel wahrscheinlicher, daß durch die verschiedene Mischung der Säfte in den Gesichtsorganen der Tiere auch verschiedene Vorstellungen der Gegenstände bei diesen entstehen. 47. Wenn wir ferner das Auge horizontal in die Länge ziehen, so erscheinen uns die Formen und Figuren der Objekte länglich und schmal; es ist also zu vermuten, daß die Tiere, welche die Pupille quer und länglich haben, wie die Ziegen, Katzen und dgl. sich die Gegenstände anders vorstellen, und nicht so, wie die Tiere, deren Pupille rund ist. 48. Die Spiegel zeigen nach ihrer verschiedenen Beschaffenheit die äußeren Gegenstände bald sehr sehr klein, wie die Hohlspiegel; bald sehr lang und schal, wie die konvexen Spiegel. Einige stellen den, der in den Spiegel sieht, in umgekehrter Richtung dar, den Kopf unten, und die Füße oben. 49. Da nun von den Gefäßen der Augen einige bald mehr hervorstehen wegen der Konvexität, andere mehr hohl sind, andere horizontal liegen; so werden wahrscheinlich auch hierdurch die Vorstellungen verändert, und Hunde, Fische, Löwen, Menschen, Heuschrecken sehen dieselben Gegenstände weder der Größe, noch der Gestalt nach auf gleiche Weise, sondern so, wie das Gesichtsorgan eines jeden den Eindruck modifiziert. 50. Dasselbe findet nun auch bei den Empfindungen der übrigen Sinne statt. Denn wie könnte man behaupten, daß die Schalentiere durch die Berührung eben so affiziert würden, wie die Tiere, die mit Fleisch, Stacheln, Federn oder Schuppen bedeckt sind? Wie könnten die Tiere, die einen sehr engen, oder sehr weiten Gehörgang haben; deren Ohren mit Haaren bewachsen, oder glatt sind, dieselben Sensationen des Gehörs haben; da auch unser eigenes Gehör anders affiziert wird, wenn wir uns die Ohren ein wenig verstopfen, als wenn wir mit ganz offenen Ohren hören. 51. Auch der Geruch möchte sich wohl nach der Mannigfaltigkeit der Tiere verschieden modifizieren. Wir selbst werden anders affiziert, wenn wir kalt geworden sind, und sich der Schleim in uns angehäuft hat, anders, wenn uns das Blut zu sehr zu Kopf gestiegen ist, wo wir Gerüche, die anderen angenehm scheinen, verabscheuen und gleichsam davor zurückschaudern. da nun auch unter den Tieren einige von feuchter und schleimiger Natur sind; andere sehr viel Blut haben; in anderen die gelbgrüne oder die schwarze Galle herrschend und zu angehäuft ist; so ist wahrscheinlich, daß auch deswegen die Gegenstände des Geruchs ihnen verschieden erscheinen. 52. Mit den Geschmackssensationen ist es ebenso bewandt. Einige haben eine sehr rauhe und trockene, andere eine sehr feuchte Zunge. Wenn unsere Zunge im Fieber trocken ist, so kommen uns die Speisen erdig und übelschmeckend oder bitter vor; welche Verschiedenheit der Geschmackssensation im Übermaß gewisser Säfte in uns ihren Grund hat. Da nun auch die Tiere verschiedene Geschmacksorgane haben, und Übermaß an verschiedenen Säften, so möchten sie auch wohl verschiedene Geschmackssensationen von den Gegenständen empfangen. 53. Ferner ebendieselbe Speise, wenn sie verdaut ist, wird bald eine Vene, bald eine Arterie, bald einen Knochen, bald eine Sehne usw; je nachdem die Teile, welche die Speise aufnehmen, eine verschiedene Bildungskraft in Anbetracht ihrer erweisen. Das Wasser ist an und für sich von ein und derselben Art. Haben es die Bäume eingesogen, wird es bald zur Rinde, bald zum Zweig, bald zur Frucht, zur Feige, Granatapfel und dgl. 54. Derselbe Hauch, der in die Flöte geblasen wird, wird bald ein feiner, bald ein grober Ton; so wie derselbe Druck der Hand auf die Leier bald einen groben, bald einen feinen Ton hervorbringt. So ist auch glaubhaft, daß die äußeren Objekte verschieden wahrgenommen werden nach der verschiedenen Organisation der Tiere, welchen die Wahrnehmung zuteil wird. 55. Noch einleuchtender wird dies aus den Gegenständen, welche die Tiere begehren und fliehen. Wohlriechende Salben scheinen den Menschen das Angenehmste zu sein; den Käfern und Bienen sind sie unerträglich. Das Öl ist den Menschen nützlich, die Wespen und Bienen tötet es, wenn man sie damit besprengt. Das Seewasser ist dem Menschen zum trinken widerlich und ungesund; den Fischen ist es angenehm und trinkbar. 56. Die Schweine wälzen sich lieber im stinkendsten Kot herum, als im hellsten und reinsten Wasser. Einige Tiere nähren sich von Kräutern, andere von Stauden; einige leben in den Wäldern, andere fressen Samen; einige fressen Fleisch, anderen dient Milch zur Nahrung; einigen sind verfaulte Sachen die liebste Nahrung, anderen frische; einige fressen rohe Speisen, andere nur, was gekocht ist. Endlich war einem Tier angenehm ist, ist dem anderen unangenehmen, gefährlich und tödlich. 57. Der Schierling macht die Wachteln fett, und die Saubohnen die Schweine, die auch gerne Salamander fressen, so wiie die Hirsche giftige Tiere und die Schwalben die Kanthariden. Ameisen und Würmer, welche Menschen verschlucken, machen diesen Übelkeit und Bauchschmerzen; der Bär hingegen, wenn er krank wird, frißt sie aufs begierigste, und kuriert sich dadurch. 58. Die Viper wird betäubt, wenn ein Buchenzweig sie nur berührt; so wie die Fledermaus, wenn ein Platanenblatt auf sie fällt. Der Elefant flieht vor dem Widder, der Löwe vor dem Hahn, und der Tiger vor dem Schall der Pauke. Es ließe sich noch mehr von der Art anführen. Um aber nicht zu lange hierbei zu verweilen, wenn eben dieselben Dinge einigen Tieren unangenehm, anderen angenehm sind; das Angenehme und Unangenehme aber auf der Vorstellung beruhen; so müssen auch bei den tieren verschiedene Vorstellungen von den Objekten entstehen. 59. Erscheinen nun dieselben Objekte auf eine ungleiche Weise nach der Verschiedenheit der Tiere, so werden wir wohl sagen dürfen, wie ein Objekt von uns wahrgenommen wird; wie es seiner Natur nach beschaffen ist, werden wir unentschieden lassen müssen. Denn wir selbst werden weder unsere eigenen, noch die Vorstellungen anderer Tiere, beurteilen können, da wir selbst einen Teil der Sphäre verschieden vorstellender Subjekte ausmachen, und daher mehr eines anderen Wesens bedürfen, das unsere und die Vorstellungen der Tiere beurteilt, als daß wir selbst darüber urteilen könnten. Überdies können wir auch unsere Vorstellungen den Vorstellungen der unvernünftigen Tiere weder ohne Beweis, noch mit Beweisen vorziehen. 60. Denn nicht zu gedenken, daß es vielleicht überall keinen Beweis gibt, wie wir zeigen werden, so ist der sogenannte Beweis uns entweder einleuchtend, oder nicht. Ist er uns nicht einleuchtend, werden wir ihn auch nicht mit Überzeugung vorbringen. Ist er uns aber einleuchtend, so wäre hier doch immer die Rede von etwas, das Tieren erscheint; der Beweis selbst wäre etwas, das uns als Tieren erscheint; es würde also gefragt werden müssen, ob er wahr ist, sofern er erscheint. 61. Nun ist es aber ungereimt, das zu Beweisende durch etwas beweisen zu wollen, das selbst eines Beweises bedarf, denn man wäre hier von demselben Gegenstand überzeugt und nicht überzeugt, was unmöglich ist; überzeugt, sofern man beweisen wollte; nicht überzeugt, durch den Beweis selbst. Wir können also keinen Beweis führen, daß unsere Vorstellungen den Vorstellungen der sogenannten unvernünftigen Tiere vorzuziehen sind. Wenn demnach nach der Verschiedenheit der Tiere verschiedene Vorstellungen stattfinden, welche uns zu beurteilen unmöglich ist, so sind wir genötigt, über die äußeren Gegenstände nichts zu entscheiden.


Ob die sogenannten unvernünftigen
Tiere Vernunft haben?

62. Zum Überfluß wollen wir auch die sogenannten unvernünftigen Tiere mit den Menschen in Beziehung auf das Vorstellen vergleichen. Denn wir verschmähen nicht, die verblendeten und aufgeblasenen Dogmatiker ein wenig zu necken, nachdem wir bisher im Ernst argumentiert haben. Unsere Partei pflegt zwar die unvernünftigen Tiere, überhaupt genommen, mit dem Menschen in einen Vergleich zu stellen. 63. Da aber die vernünftelnden Dogmatiker behaupten, daß diese Vergleichung nicht gelten kann, da die Tiere einander so ungleich sind, so wollen wir, um desto mehr Stoff zum philosophischen Scherz mit ihnen zu haben, mit unserem Räsonnement bei  einer  Tierart stehen bleiben, z. B. bei den Hunden, wenn es beliebt, die doch die gemeinsten Tiere zu sein scheinen. Auch hier werden wir finden, daß die Tiere, wovon die Rede ist, uns in Anbetracht der Überzeugung von der Beschaffenheit der Erscheinung im geringsten nicht nachstehen. 64. Daß uns der Hund an Schärfe der Sinne übertrifft, geben die Dogmatiker zu; denn er nimmt durch den Geruch mehr wahr, als wir, indem er dadurch Tiere aufspürt, die er nicht sieht; auch mit den Augen sieht er schneller, als wir, und nicht minder scharf ist sein Gehör. 65. Was den Verstand betrifft, so liegt diser teils innerlich im Gemüt, teils offenbart er sich äußerlich durch die Sprache. Wir wollen zuerst auf das Innere Rücksicht nehmen. Nach den Stoikern, als den uns am meisten entgegenstehenden Dogmatikern, scheint der innere Verstand sich im Begehren dessen, was der Natur gemäß, und Vermeidung dessen, was ihr zuwider ist, zu erweisen; ferner in der Kenntnis der hierzu erforderlichen Künste, und im Erwerb derjenigen Vollkommenheit der Gefühle, welche der eigentümlichen Natur eines Geschöpfes entsprechen. 66. Der Hund, auf welchen des Beispiels wegen wir die Untersuchung einschränken, wählt was seiner Natur gemäß, und flieht, was ihr schädlich ist; er sucht sich Nahrungsmittel, und weicht zurück, wenn man ihm mit der Peitsche droht. er besitzt eine Kunst, sich Nahrungsmittel zu verschaffen, die Kunst der Jagd. 67. Auch ist er nicht ohne Tugend. Wenn Gerechtigkeit darin besteht, einem jeden zu geben, was ihm gebührt, so schmeichelt und bewacht der Hund seine Bekannten und Wohltäter, während er Fremde und Beleidiger abwehrt; er ist also nicht ohne Gerechtigkeit. Kommt ihm aber diese Tugend zu, so hat er, da die Tugenden nicht voneinander getrennt sein können, auch die übrigen Tugenden, welche, wie die Weisen sagen, nicht viele Menschen besitzen. Wir sehen auch, daß er in der Abwehr der Beleidigungen mutig und verständig ist. 68. Dies bezeugt schon HOMER, der uns den ODYSSEUS darstellt, wie er seinen eigenen menschlichen Hausgenossen fremd ist, und nur von seinem  Argus  wieder erkannt wird. Der Hund war weder durch die Veränderung getäuscht, die während der Abwesenheit des ODYSSEUS mit dem Körper desselben vorgegangen war, noch hatte er die ehedem aufgefaßte Vorstellung verloren, die er also fester behalten hatte, als die Menschen. 69. Dem CHRYSIPP zufolge, dem lebhaftesten Widersacher der Meinung von der Vernünftigkeit der Tiere, hat auch der Hund an der gepriesenen Dialektik Anteil. Dieser Mann selbst sagt im fünften der sogenannten indemonstrablen Argumente, wenn ein Hund drei Wege vor sich hat, die das Wild aufgenommen haben könnte, und er auf zweien die Spur vermißt, so sucht er die Spur nicht erst auf dem dritten, sonder verfolgt diesen unmittelbar mit großem Ungestüm. Das ist nun ebenso gut, meint der alte Philosoph, als ob der Hund folgenden Schluß macht: das Wild hat entweder den ersten, oder den zweiten, oder den dritten Weg genommen; nun hat es aber weder den ersten, noch den zweiten genommen; also muß es den dritten genommen haben. 70. Auch die Beschaffenheit seiner Krankheiten erkennt der Hund, und sucht die Schmerzen zu lindern. Hat er sich einen Splitter in den Fuß getreten, so eilt er, ihn mit den Zähnen herauszuziehen, oder sich durch Reiben des Fußes an der Erde davon zu befreien. Hat er irgendwo ein Geschwür, so leckt sanft des ausfließenden Eiter ab, weil unreine Wunden schwer, reine aber leicht zu heilen sind. 71. Auch beobactet er die hippokrtische Vorschrift sehr gut. Weil die Ruhe zur Heilung des Fußes dient, so hebt er den Fuß, wenn er eine Wunde hat, in die Höhe, und bemüht sich, ihn soviel wie möglich unbewegt zu erhalten. Fühlt er sich durch böse Säfte beschwert, so frißt er Kräuter, wodurch sie weggeschafft werden, und stellt so seinen gesunden Zustand wieder her. 72. Demnach ist offenbar, daß das Tier, (auf wleches des Beispiels wegen wir die Untersuchung eingeschränkt haben), sowohl das seiner Natur Angemessene begehrt, als das, was dieser zuwider ist, flieht; daß es eine Kunst besitzt, sich seine Bedürfnisse zu verschaffen; daß es seine krankhaften Zustände erkennt und zu lindern sucht; daß es endlich nicht ohne Tugend ist. Da nun hierin die Vollkommenheit des inneren Verstandes besteht, so würde der Hund in Anbetracht dessen vollkommen sein. Eben deswegen, glaube ich auch, haben einige Philosophen sich dadurch auszuzeichnen gesucht, daß sie sich den Namen dieses Tieres zulegten. 73. Über den Verstand, sofern er sich durch die Sprache äußert, brauchen wir gegenwärtig nicht zu disputieren. Den Gebrauch der Sprache haben einige Dogmatiker selbst verworfen, als der Bildung zur Tugend nachteilig, und forderten während der ganzen Zeit des Unterrichts Stillschweigen. Außerdem können wir uns ja einen Menschen denken, der stumm wäre; niemand wird diesen deshalb unvernünftig nennen. 74. Wenn wir aber hierauf nicht einmal achten, so bemerken wir erstens, daß die Tiere, von denen wir sprechen, auch menschliche Wörter vorbringen, wie die Elstern und einige andere. Gesetzt ferner, daß wir die Töne der sogenannten unvernünftigen Tiere nicht verstehe, so ist es doch überhaupt unwahrscheinlich, daß sie miteinander reden, wiewohl sie nicht von uns verstanden werden. Die Sprache der Barbaren verstehen wir ebensowenig; sondern haltens sie für ein einförmiges Geschrei. 75. Wir hören die Hunde andere Töne vorbringen, wenn sie Fremde abwehren; andere, wenn sie heulen, andere, wenn sie geschlagen werden; und andere, wenn sie schmeicheln. Überhaupt sobald wir nur darauf achten wollen, so werden wir eine große Verschiedenheit der Töne finden, nicht bloß bei den Hunden, sondern auch bei den übrigen Tieren nach der Verschiedenheit der Umstände; so daß man wohl mit Wahrscheinlichkeit sagen kann, daß auch die sogenannten unvernünftigen Tiere eine auf Verstand gegründete Sprache haben. 76. Stehen nun die Tiere weder an Schärfe der Sinne den Menschen nach, noch an innerem Verstand, noch, wie sich allenfalls hinzusetzen läßt, an einer auf Verstand gegründeten Sprache; so dürfte ihre Überzeugung, sofern sie durch das Vorstellen bestimmt wird, nicht unzuverlässiger sein, als die unsrige. 77. Und dieses ließe sich auf gleiche Weise von jedem der unvernünftigen Tiere dartun. Wer kann leugnen, daß sich die Vögel durch Klugheit auszeichnen und einander ihre Vorstellungen durch Sprache mitteilen, da sie nicht bloß das Gegenwärtige, sondern auch die Zukunft erkennen, und diese bald durch Töne, bald durch andere Zeichen denen andeuten, welche den Sinn derselben verstehen? 78. Ich habe, wie ich schon erinnerte, diesen Vergleich der Tiere mit dem Menschen nur zum Überfluß angestellt, da ich bereits oben, dünkt mir, hinreichend gezeigt habe, daß wir unsere Vorstellungen den Vorstellungen der unvernünftigen Tiere nicht vorziehen können. Ist aber in der Beurteilung der Vorstellungen die Überzeugung der unvernünftigen Tiere ebenso zuverlässig, wie die unsrige; und sind die Vorstellungen selbst verschieden nach der Verschiedenheit der Tiere; so werde ich wohl sagen können, wie jeder Gegenstand mir  erscheint;  wie er aber seiner Natur nach beschaffen ist, werde ich aus den vorerwähnten Gründen unentschieden lassen müssen.
LITERATUR stopper Johann Gottlieb Buhle - Sextus Empiricus oder der Skeptizismus der Griechen, Lemgo 1801