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GUSTAV STÖRRING
Die Erkenntnistheorie
von Tetens

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"Wir empfinden es, daß wir uns keine viereckigen Zirkel vorstellen, und kein Ding für unterschieden von sich selbst halten können. Auf diese subjektivische Notwendigkeit gründen wir die objektivische: Die Beschaffenheiten und Verhältnisse, die wir in jenen wahrnehmen, stellen sich uns als Beschaffenheiten und Verhältnisse der Sachen selbst dar, die diesen auch ohne unser Denken zukommen, und von jedem anderen denkenden Wesen in ihnen erkannt werden."

"Jedes Ei hat seine Größe, Gestalt, Farbe, Gewicht in sich objektivisch. Dies sind seine  absoluten  Beschaffenheiten. Aber was ist das, was wir ihre  Ähnlichkeit,  Gleichheit, Einerleiheit nennen? Wo ist ihre Einerleiheit? Es ist offenbar, daß sie nur  subjektivisch  im Verstand vorhanden ist, der nach der Gegeneinanderstellung der Dinge dieses Prädikat der Ähnlichkeit zu den Ideen der Sachen hinzufügt. Der Gedanke vom Verhältnis ist von der Denkkraft hervorgebracht, und ist nicht etwas außerhalb des Verstandes, sondern ein  ens rationis,  ein Machwerk von derjenigen Kraft, mit welcher wir die in uns gegenwärtigen Vorstellungen von den Dingen als Sachen vergleichen, und dann ihnen sozusagen ein Siegel unserer vergleichenden Tätigkeiten aufdrücken."

"Ohne Empfindungen keine Vorstellungen, ohne Vorstellungen keine Ideen. Wo es aber keine Vorstellungen gibt, da fehlt es an Gegenständen, womit das Vermögen, Verhältnisse zu denken, sich beschäftigen kann. Ohne Ideen keine Urteile, ohne Urteile keine Schlüsse. So ist der letzte  Stoff  aller Gedanken in den Empfindungen gegeben. Die  Form  der Gedanken aber ist ein Werk der denkenden Kraft. Diese ist der Werkmeister und insoweit der Schöpfer der Gedanken."


Vorrede

Als ich vor einigen Semestern Geschichte der neueren Philosophie bis KANT las und dabei auf TETENS stieß, bekam ich den Eindruck, daß diejenigen Autoren, welche die Erkenntnistheorie von TETENS eingehender behandelt haben, demselben nicht gerecht geworden sind. Daß ich diesen Eindruck bekommen konnte, war auf der einen Seite durch Reminiszenzen bedingt, die ich an eine von der philosophischen Fakultät der Universität Halle gekrönte Preisschrift hatte, die ich als Studen anfertigte. Daß man aber der Erkenntnistheorie von TETENS nicht gerecht geworden ist, hat wohl TETENS selbst verschuldet. Die Schreibweise von TETENS ist eine etwas nachlässige, infolgedessen scheint er sich in einem fort zu widersprechen. In Wirklichkeit widerspricht sich TETENS dagegen sehr selten. Es kostet aber viel philologische Arbeit, die wirklichen Anschauungen von TETENS festzustellen.

Ich glaube nun, daß es sich lohnt, diese Arbeit zu leisten und zwar aus einem doppelten Grund. Einmal steht die Erkenntnistheorie von TETENS in interessanten  historischen  Beziehungen: zu HUME, zu LEIBNIZ und zu KANT. Sodann scheint mir die Erkenntnistheorie von TETENS auch ein  systematisches  Interesse zu haben, vor allem sind bei TETENS auch heute noch wertvoll seine psychologischen Genesen derjenigen Vorstellungsweisen, über deren Gültigkeit man in der Erkenntnistheorie handelt; seine erkenntnistheoretischen Bestimmungen selbst scheinen mir aber auch jetzt noch zumindest anregend zu sein.

Die Behandlung von TETENS' Erkenntnistheorie hat mich veranlaßt, einmal Bestimmungen über die psychische Genesis erkenntnistheoretisch interessierender Vorstellungsweise zu machen, sodann Feststellungen über die Denkgesetze in ihrer erkenntnistheoretischen Bedeutung und zuletzt eine Rechtfertigung der Verwertung psychologisch-genetischer Untersuchungen für die Erkenntnistheorie zu geben.


E i n l e i t u n g

JOHANN NICOLAUS TETENS war ein Zeitgenosse KANTs. Er war Physiker und Philosoph. Von 1777 - 1789 war er Professor der Philosophie in Kiel, nachdem er vorher mehrere Jahre Professor der Physik in Bützow gewesen war. Sein philosophisches Hauptwerk sind die philosophischen Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung vom Jahr 1777. In ihm finden wir die erkenntnistheoretischen Anschauungen von TETENS niedergelegt.

Über die Erkenntnistheorie von TETENS kann man sagen, wie wir zeigen werden, im allgemeinen sagen, daß sie eine Synthese darstellt zwischen den Erkenntnistheorien von HUME und LEIBNIZ, gerade so wie KANT eine solche Synthese vollzogen hat. Wir wollen zuerst die Erkenntnistheorie von TETENS darstellen und die einzelnen Anschauungen einer kurzen Kritik unterziehen und sodann die historischen Beziehungen zu anderen Philosophen erörtern.

Als Einleitung, die TETENS zu seiner Erkenntnistheorie gibt, kann man folgende Entwicklung auffassen. Unsere ersten Erkenntnisse sind  sinnliche  Erkenntnisse. Sie unterscheiden sich von  vernünftigen  Erkenntnissen so: "Die sinnlichen Erkenntnisse sind Empfindungsurteile, bei ihnen leistet die Denkkraft "das wenigste", bei den vernünftigen Erkenntnissen "das meiste". (1)
    "An den sinnlichen Kenntnissen hat die vorstellende Kraft, welche Bilder aufnimmt, gegenwärtig darstellt, verbindet, vereinigt, oder trennt den meisten Anteil, und das wenigste bei ihnen hängt von der Verhältnisse und Beziehungen hineinbringenden Denkkraft ab."
Die sinnlichen Erkenntnisse sind aber oft falsch. In ihnen erzeugen nämlich  Assoziationen  durch Gewohnheit häufig eine subjektive Notwendigkeit, so und so zu denken. Nehmen wir ein Beispiel. Ein sinnliches Urteil ist dieses: Der Mond ist annähernd gleich groß mit der Sonne. Welches ist der Sinn dieser Gleichsetzung?
    "Ein Ding ist dem andern gleich, heißt soviel wie: es ist ihm nicht nur hier und unter diesen Umständen, unter denen wir beide sehen, sondern auch dann gleich, wenn wir beide fühlen ..., die Identität der Gefühlsempfindungen macht eigentlich die Gleichheit aus ... Wird das sinnliche Urteil in dieser letzten Gestalt betrachtet, so muß die Abstraktion von der fühlbaren Gleichheit schon in Verbindung mit der sichtlichen Gleichheit vorhanden sein, ehe das Prädikat, welches beide in sich faßt, mit Vorstellungen verbunden wird, welche nicht aus dem Gefühl, sondern aus dem Sinn des Gesichts allein entsteehen." (2)
Hier ist also mit der Idee der sichtlichen Gleichheit die der fühlbaren assoziativ verbunden. Die Häufigkeit der Verbindung beider Ideen bedingt, daß wir "fühlbare" Gleichheit annehmen, wo nur "sichtliche" Gleichheit besteht.

Solche Täuschungen nun in den sinnlichen Urteilen zu erkennen, dazu verhilft uns in einigen Fällen schon die  Erfahrung des gewöhnlichen Lebens "Wir haben es aus Erfahrungen gelernt, daß zwei Dinge in der Ferne gleich groß gesehen werden können, ohne es zu sein." Diese Berichtigung unserer sinnlichen Urteile geht aber noch nicht weit.

Bilden wir dagegen durch  Induktion  auf wissenschaftlichem Weg allgemeine Erfahrungssätze, so können wir aufgrund solcher Sätze schon sehr viele subjektive Elemente ausscheiden. Bei gleichen Empfindungen fällt der Astronom ein ganz anderes Urteil über das Verhältnis der Größe des Mondes zur Größe der Sonne als der virgilische Schäfer. Die allgemeinen Erfahrungssätze sind das "Reellste in der menschlichen Erkenntnis und die wahren Materialien zu der Erkenntnis von den wirklichen Dingen." (3)
    "Aber dennoch sind sie allein genommen auch nichts mehr als dies, nichts mehr als eine Materie der reellen Erkenntnis und zwar bloße Materie, die nicht verbunden, nicht in Zusammenhang und Form gebracht werden kann, wenn nicht die notwendigen Axiome der Vernunft mit ihnen vermischt werden." (4)
Denn bei jedem Schluß werden "allgemeine notwendige Vernunftsätze" gebraucht, "die aus einer anderen Quelle sind, als diejenigen, die man mittels ihrer verbinden will".

Diese  allgemeinen notwendigen Vernunftwahrheiten  charakterisieren sich nach drei Richtungen hin. Sie unterscheiden sich zunächst von anderen Sätzen dadurch, daß man von ihrer Wahrheit überzeugt ist, sobald man sie überhaupt nur versteht. Sodann ist "die Art, wie der Verstand jenen Axiomen Beifall gibt", eine eigentümliche. Das Gegenteil von ihnen kann man nicht denken, während man sich bei allgemeinen Erfahrungen nach den einzelnen Fällen umsieht, in welchen das Allgemeine vorkommt. Bei Letzteren wächst auch meine Überzeugung mit der Zahl der bekannt gewordenen Fälle, bei den Vernunftsätzen dagegen nicht. Zuletzt sind diese allgemeinen notwendigen Vernunftwahrheiten keine Beobachtungen oder aus Beobachtungen abstrahiert, sondern sie sind "Wirkungen, die von der Natur der Denkkraft abhängen, wie das Ausdehnen der Körper von der Natur des Feuers." (5)

Von diesen Vernunftwahrheiten muß man ausgehen, wenn man die erkenntnistheoretische Frage nach der Gültigkeit unseres Wissens beantworten will. Von hier aus kann man gegen jede Skepsis Front machen. Der Skeptiker mag die Richtigkeit der Urteile des gemeinen Menschenverstandes und auch die allgemeinen Erfahrungssätze bezweifeln, jene Sätze kann er nicht bezweifeln. Wenn man sich darüber klar geworden ist, welches diese allgemeinen notwendigen Vernunftwahrheiten sind, kommt es dann weiter darauf an, aus ihnen und den "reinen Empfindungen" Erfahrungssätze abzuleiten. Unter den reinen Empfindungen sind solche Empfindungen zu verstehen, welche nicht durch Assoziationen fremden Inhalts, durch Zusätze der "Dichtkraft" verändert sind. (6) Zur völligen Rechtfertigung unseres Wissens, so weit überhaupt eine Rechtfertigung desselben möglich ist, wäre zuletzt nur noch nötig, die Widersprüche, welche der Skeptiker in unserem Wissen findet, aufzulösen. (7)

Dieser letzte Teil der Widerlegung der Skeptiker kommt bei der Feststellung der Beziehung der Erkenntnistheorie von TETENS zu den von HUME zur Sprache. Die Darstellung der Erkenntnistheorie würde dann in zwei Teile zerfallen; wir würden uns einmal mit den notwendigen allgemeinen Vernunftwahrheiten und sodann mit den Erfahrungssätzen zu beschäftigen haben.

Diese beiden Klassen von Wahrheiten kommen aber, da TETENS zwischen subjektiv notwendigen Wahrheiten und objektiv notwendigen Wahrheiten unterscheidet, zweimal zur Behandlung. Unter subjektivischer Notwendigkeit von Sätzen versteht er die Notwendigkeit, "mit der sie in unserem Verstand gemacht werden", unter objektivischer Notwendigkeit die Gültigkeit der Sätze für die Objekte außerhalb von uns.
    "Wir empfinden es, daß wir uns keine viereckigen Zirkel vorstellen, und kein Ding für unterschieden von sich selbst halten können. Auf diese subjektivische Notwendigkeit gründen wir die objektivische: die Unmöglichkeit, die Dinge anders zu denken, wird den Dingen außerhalb des Verstandes beigelegt. Unsere Ideen sind nun nicht mehr Ideen in uns; es sind Sachen außerhalb von uns. Die Beschaffenheiten und Verhältnisse, die wir in jenen gewahrnehmen, stellen sich uns als Beschaffenheiten und Verhältnisse der Sachen selbst dar, die diesen auch ohne unser Denken zukommen, und von jedem anderen denkenden Wesen in ihnen erkannt werden." (8)
Die objektive Notwendigkeit gründet sich, wie wir hörten, auf die subjektive. Es bedarf deshalb zuerst der Erörterung der subjektiven Notwendigkeit.


Erster Hauptteil
Darstellung der Tetensschen Erkenntnistheorie

1. Teil
Die subjektiv notwendigen Wahrheiten

1. Kapitel
Die subjektiv notwendigen
allgemeinen Vernunftwahrheiten


I. Zwei Arten der subjektiven Notwendigkeit

Die Frage nach der subjektiven Notwendigkeit der allgemeinen Vernunftwahrheiten zerlegt TETENS wieder in zwei.

Er fragt zunächst: Erfolgt der Akt des Urteilens notwendig, "wenn die Vorstellungen gegenwärtig sind, und wenn sie so gegenwärtig sind, als sie es in dem Augenblick sind, wenn wir urteilen?"

Er fragt sodann: Ist es notwendig, und inwieweit und bei welchen Erfordernissen, daß das Urteil  seiner Form nach,  wenn es erfolgt,  so  erfolgt, wie es erfolgt?

Wir behandeln zunächst die erste Frage. TETENS schickt ihrer Behandlung voran die Hervorhebung der Unterscheidung zwischen "dunklen Urteilstätigkeiten" und klaren Urteilen zwischen erstmaligen und wiederholten und zuletzt zwischen unmittelbaren Urteilen und mittelbaren, wie sie uns in den Schlüssen gegeben werden.

Es handelt sich also darum, ob die Äußerungen der Denkkraft unbedingt auf die ihr gewöhnlich vorausgehenden Vorstellungen und Gefühle hin erfolgen. Man wundert sich vielleicht, daß TETENS hier in diesem Zusammenhang eine solche Frage erörtert, die doch, wie es scheint, nur psychologisches Interesse hat, erkenntnistheoretisch ganz irrelevant ist. Er will doch in der Untersuchung über die subjektive Notwendigkeit der Vernunftwahrheiten diejenigen Wahrheiten aufweisen, die mit Notwendigkeit aus der Natur der Denkkraft hervorgehen, mit einer Notwendigkeit, auf welche die objektivische Notwendigkeit von Sätzen gegründet werden kann. Ein Urteil kann aber mit Notwendigkeit aus der Natur der Denkkraft hervorgehen und zur Grundlage einer objektiven Wahrheit dienen, und dabei trotzdem nach dieser Auffassung ein zufälliges sein. Bedeutung für unseren Gegenstand hat aber diese Untersuchung dadurch, daß uns hier deutlich hervortritt, was wir unter der subjektiven Notwendigkeit, die wir zur Grundlage unserer gesamten erkenntnistheoretischen Betrachtungen machen,  nicht  zu verstehen haben.

Die "blinden Reflexionsurteile", die Urteile des gemeinen Menschenverstandes, wie die, daß Körper außerhalb von uns existieren, ferner "die ersten Räsonnements über die Gestalt des Himmels und viele andere Grundsätze" könnte man geneigt sein, für notwendig in dem zuerst charakterisierten Sinn des Wortes anzusprechen. Dagegen spricht aber die Tatsache, daß der Idealist, der "Harmonist" und der Astronom andere Urteile fällen. Diese Urteile, die, wenn keine besonderen Hindernisse auftreten, bei Gegenwart der betreffenden Vorstellungen erfolgen, werden willkürlich modifiziert. Ein solches Eingreifen von Seiten des Willens setzt aber ein häufiges unwillkürliches Auftreten dieser Urteile voraus: es gibt keine Beeinflussung durch den Willen ohne eine Vorstellung von dem, was beeinflußt wird, und diese Vorstellung setzt eine Empfindung, hier das unwillkürliche Auftreten des Urteils, voraus. Die Hemmung und Aufhebung der ursprünglichen Wirkung wird durch Assoziationen zustande gebracht. Wir gewinnen eine Idee vom Verneinen so gut wie vom Bejahen, und da wird es uns dann möglich, durch Assoziation der Idee der Verneinung mit den für das Urteil in Betracht kommenden Vorstellungen eine Hemmung oder Aufhebung der ursprünglichen Urteilsweise zustande zu bringen.

Auch die häufige Wiederholung falscher Urteile vermag nicht eine Verbindung zustande zu bringen, die einen Notwendigkeitscharakter hat. So können höchstens "fast unauflöslich" Verbindungen zustande kommen.

Dagegen sind die klaren Urteile in dem hier zuerst charakterisierten Sinne notwendig, vorausgesetzt, daß die in Betracht kommenden Vorstellungen die nötige Klarheit, Deutlichkeit und Stärke haben.
    "Betrachten wir ... eine  einfache  Reflexion, wozu die vorstellende Kraft und das Gefühl alles Erforderliche vorbereitet hat, so ist der  Ansatz  der Denkkraft zum Denken, die  Aktion  selbst, und ihre  Wirkung,  das Urteil, sogleich unmittelbar miteinander da, und alles, besonders der Aktus und sein Erfolg so unzertrennlich, daß beides zusammen zurückgehalten werden muß, wenn der Erfolg, oder der hervorgebrachte Gedanke nicht entstehen soll." (9)
Die  mittelbaren Urteil  schließlich sind, wie leicht ersichtlich, in dem hier in Rede stehenden Sinne nicht notwendig, zufällig. Denn man kann die Prämissen ohne den Schlußsatz denken. Es handelt sich bei einem Schluß also um eine "ansich zufällige Folgen von Tätigkeiten". (10) -

Ein ganz anderes Interesse hat für uns die Behandlung der subjektiven Notwendigkeit der Sätze in dem zu zweit bestimmten Sinn des Wortes. Hier wird also gefragt, ob es notwendig ist "und inwieweit und bei welchen Erfordernissen, daß ein Urteil seiner Form nach, wenn es erfolgt, so erfolgt, wie es erfolgt".

Hier sind zufällige Urteile solche, bei denen das Urteil
    "eine gewisse Verknüpfung von Vorstellungen erfordert, die bloß von der Koexistenz in der Empfindung oder von einer nachher entstandenen bloßen Assoziation in der Phantasie und nicht von anderen Beziehungen und Verhältnissen der Ideen abhängt, und wo wir nur allein mittels einer solchen Assoziation urteilen." (11)
Wogegen das Urteil ohne Mitwirkung einer solche Assoziation rein aus der Funktion der Denkkraft zustande kommt, da haben wir es mit Urteilen zu tun, die der Form nach notwendig sind.


II. Die Denkgesetze, der Satz vom unmittelbaren
Bewußtsein und die Formen der Verhältnisgedanken

Subjektivisch notwendige Denkarten sind uns nun zunächst in  den Denkgesetzen  der Logik gegeben und im Satz vom unmittelbaren Bewußtsein, d. h. in dem Satz, der die Urteile der Anerkennung der unmittelbar gegebenen psychischen Zustände als evident hinstellt. Zu den Denkgesetzen rechnet TETENS zunächst den Satz des Widerspruchs, "widersprechende Dinge, viereckige Zirkel kann die Denkkraft nicht denken, den Satz vom ausgeschlossenen Dritten oder, wie er sagt, den Grundsatz aller möglichen Fälle: zwischen zwei kontradiktorisch einander entgegenstehenden Fällen läßt sich kein Drittes denken - und zuletzt den Satz der Identität oder vielmehr den Satz der Identität und der Diversität. Derselbe erhält die Fassung:
    "Wir müssen  ein  Ding mit sich selbst für einerlei halten. Wenn  A  nicht als Einerlei vorgestellt wird, wie  B,  so müssen wir sie als verschiedene Dinge ansehen." (12)
Weiter sind nach TETENS die Formen der verschiedenen  Verhältnisgedanken  hierher zu rechnen. Mit der Lehre von TETENS über die Verhältnisgedanken müssen wir uns genauer beschäftigen, da sie für die Erkenntnistheorie desselben charakteristisch ist.


a) Die Verhältnisgedanken im allgemeinen

TETENS spricht von Verhältnisbegriffen, Verhältnisideen und Verhältnisgedanken. Er unterscheidet dieselben in folgender Weise. Verhältnis begriffe  sind nach ihm allgemeine Verhältnisidee. Solche Begriffe sind z. B. die der Einerleiheit, Verschiedenheit, Abhängigkeit. Sie werden durch Abstraktion von den einzelnen Verhältnisideen gewonnen.

Mit einzelnen individuellen Verhältnisideen haben wir es da zu tun, wo wir Urteile fällen wie die: Das Ding da ist dem andern Ding gleich, der Vorgang da ist die Wirkung jener Veränderung und dgl. Die einzelnen individuellen Verhältnisideen unterscheiden sich so von den Verhältnisgedanken, daß sie wahrgenommene Verhältnisgedanken sind. Auf die nähere Besprechung dieser Beziehung kommen wir weiter unten zurück.

Wir fragen uns nun zunächst mit TETENS, wieviel Arten der Verhältnisideen, der Verhältnisbegriffe und Verhältnisgedanken zu unterscheiden sind. Es genügt hier, wie man sieht, etwa nach den  Arten der Verhältnisideen  zu fragen. Die Untersuchung dieser Frage leitet TETENS mit einer bezüglichen Orientierung ein in der Urteilslehre der Logiker. Er sagt sich, wenn die Logiker das Urteil definieren als einen "Gedanken von den Verhältnissen der Dinge oder vielmehr ihrer Ideen", so müßten wir eigentlich in den Logiken finden, wieviele Ideen von Verhältnissen zu unterscheiden sind. Wollte man sich aber auf die Lehre der Logiker in diesem Punkt verlassen, so käme zu der irrigen Anschauung, daß alle Verhältnisse sich auf das Verhältnis der Identität oder Diversität der Dinge, oder wie einige sich ausgedrückt haben, auf Einstimmung und Widerspruch reduzieren lassen. Denn die Logiker erklären das Urteilen weiter dahin, daß sie sagen, alles Urteilen ist ein Ding als einerlei oder verschieden Denken, wobei sie
    "alle Verhältnisse zwischen den Gegenständen in die sogenannten Prädikate der Sätze werfen, und am Ende für die Verbindung der Ideen nichts übrig behalten, als den Gedanken, daß ein Verhältnis entweder stattfindet oder nicht".
Hierzu bemerkt TETENS treffend:
    "Dadurch wird die Lehre von den Urteilen einfacher, aber sie wird auch zugleich magerer,  und anstatt einer reichhaltigen Theorie über die Verstandestätigkeiten, worauf die Entwicklung der ersten fruchtbaren Erklärung führen könnte,  erhält man eine eingeschränkte und wenig aufklärende Rubrik." (13)
Man darf sich von den Logikern nicht zu der Auffassung verführen lassen, als ob man nur die Verhältnisse der Identität und Diversität unterscheiden kann. Die Abhängigkeit eines Vorgangs von einem andern ist doch etwas ganz anderes als die Identität oder Diversität zweier Vorgänge, ebenso die Folge und das Beeinandersein der Dinge.

Eine bessere Auffassung über die Arten der Verhältnisse findet TETENS bei LEIBNIZ. LEIBNIZ unterschied zwei Arten von Verhältnissen: "Vergleichungsverhältnisse" und "Verhältnisse aus der Verbindung". Mit den ersteren sind also die Verhältnisse der Identität und Diversität gemeint, mit den letzteren die Verhältnisse der Dependenz, der Ordnung, Verbindung der Dinge zu einem Ganzen, ihre Stellung, Lage usw. Zu den Verhältnissen aus der Verbindung rechnete LEIBNIZ auch die Kausalverhältnisse. Die Kausalverhältnisse können aber nicht mit den unwirksamen Beziehungen in eine Klasse gebracht werden. Wenn LEIBNIZ diese Auffassung so rechtfertigen wollte, daß er sagt, die übrigen Verhältnisse aus der Verknüpfung, so z. B. die räumlichen und zeitlichen Beziehungen, wären zuletzt auf ursächliche Verknüpfungen gegründet, so macht TETENS hiergegen mit Recht geltend: das sei eine "metaphysische Spekulation, die gewiß nicht zugrunde gelegt werden kann, wo man in der Erfahrungs-Seelenlehre die mannigfaltigen Verhältnis- und Denkarten aus Beobachtungen aufzählen muß." Bleibt man aber auf dem Boden der Erfahrungsseelenlehre stehen, so ist einmal zu sagen, daß die in den Schlußprozessen gegebenen Vorgänge etwas anderes sind als bloße (unwirksame) Sukzessionen von Ideen, es wird da eine Verhältnisidee aus anderen  hervorgebracht  (14) - ein ähnlicher Tatbestand liegt, wie sich später zeigen wird, bei unseren kausalen Verknüpfungen vor - sodann ist hier festzustellen, daß die kausale Verknüpfung die unwirksamen Beziehungen der Dinge (Koexistenz der bei der Verursachung mitwirkenden Faktoren) voraussetzt (15).

Deshalb unterscheidet TETENS drei Arten von Verhältnissen:
    1. Vergleichungsverhältnisse,
    2. Mitwirklichkeitsverhältnisse,
    3. Dependenzverhältnisse.
Von Vergleichungsverhältnissen spricht er, wo durch die "Tätigkeit der Denkkraft" eine Vergleichung vollzogen und aufgrund derselben das Verhältnis der "Identität oder Diversität" gedacht wird. Dies sind ihm die eigentlichen Verhältnisse (relationes), subjektive Relationen im Gegensatz zu den objektiven, nennt er Beziehungen.

Von Mitwirklichkeitsverhältnissen oder Mitwirklichkeitsbeziehungen spricht TETENS bei den unwirksamen Beziehungen: bei der räumlichen Beziehung, der zeitlichen Beziehung und der Inhärenzbeziehung. Diese Beziehungen setzen wir, "wenn wir mehrere Gegenstände zugleich oder in der Folge uns vorstellen."

"Von Dependenzverhältnissen oder Dependenzbeziehungen spricht er beim Verhältnis des Schlußsatzes zu seinen Prämissen und bei der Beziehung von Ursache und Wirkung. Die ursächliche Beziehung setzen wir, "wenn die Ideen der Objekte selbst in einer gewissen wirkenden Verbindung auf einander im Verstand sind". Diese Angabe wird später eine nähere Bestimmung erfahren.

Dieser Unterscheidung der verschiedenen Arten von Verhältnissen und Beziehungen entsprechen bei TETENS verschiedene Formen von Urteilen. TETENS verwandte zu Anfang unserer laufenden Betrachtung die Definition des Urteils als eines Gedankens von einem Verhältnis der Dinge. Er selbst fordert außerdem für ein Urteil noch, daß das Verhältnis wahrgenommen wird, und definiert deshalb das Urteil als "eine Gewahrnehmung der Beziehung der Ideen". (16) "Da nun nicht jedes Verhältnis oder jede Beziehung in Einerleiheit oder Verschiedenheit besteht, so kann die Aktion des Urteilens auch nicht allemal ein Vergleichen sein." Er unterscheidet folgende Formen der Urteile:
    - "Eine Sache hat eine Beschaffenheit in sich oder an sich oder nicht.

    - Ein Ding ist einerlei mit einem anderen oder verschieden von ihm.

    - Ein Ding ist Ursache oder Wirkung von einem anderen.

    - Ein Ding ist mit einem anderen auf gewisse Weise koexistierend."
Das ist die Untersuchung von TETENS darüber, wieviel verschiedene Arten der Verhältnisse und Beziehungen zu unterscheiden sind. Seine Wertschätzung dieser Untersuchung für die Erkenntnistheorie ersehen wir zunächst aus der Äußerung:
    "Ich bemerke hierbei nur gelegentlich, daß diese  Aufsuchung aller uns denkbaren Verhältnisse und Beziehungen der Dinge den Umfang und die Grenzen des menschlichen Verstandes aus einem neuen Gesichtspunkt darstellt.  Sollten wir behaupten können, daß nicht noch mehrere allgemeine objektivistische Verhältnisse von anderen Geistern denkbar sind, wovon wir so wenig einen Begriff haben, als von einem sechsten Sinn oder von einer vierten Dimension?" (17) -
Die erkenntnistheoretische Behandlung der Verhältnisbegriffe, Verhältnisideen und Verhältnisgedanken gründet sich bei TETENS auf seine Anschauung über die Entstehung derselben. Wir müssen diese deshalb genauer ins Auge fassen. Das tun wir hier zunächst allgemein, später behandeln wir die Genesis der einzelnen Verhältnisgedanken.

Die Verhältnisbegriffe weisen uns, wie wir sahen, auf die Verhältnisideen zurück, sie sind allgemeine Verhältnisideen. Mit der Genesis der Verhältnisbegriffe brauchen wir uns deshalb nicht weiter zu beschäftigen, wenn wir von der Genesis der Verhältnisideen Rechenschaft geben. Die Verhältnisideen weisen uns, wie wir gesehen haben, auf die Verhältnisgedanken zurück. Zunächst die Entstehung der Verhältnisideen aus den Verhältnisgedanken.

Verhältnisideen, wahrgenommene Verhältnisgedanken, spielen nach TETENS in unserem Denken eine größere Rolle als man vielleicht vermutet. Wenn ich so denke, daß zwei Dinge voneinander verschieden sind, so habe ich es nach TETENS nicht bloß mit einer beziehenden Aktion, sondern zugleich mit einer Wahrnehmung dieser beziehenden Aktion zu tun, also nicht mit einem Verhältnisgedanken, sondern mit einer Verhältnisidee. Wenn ich das Licht, dessen Strahlen in mein Zimmer fallen, als Ursache der Helligkeit in meinem Zimmer auffasse, so habe ich es wieder nicht bloß mit einer beziehenden Aktion zu tun, mit der ursächlichen Beziehung der Vorstellungen, sondern zugleich mit einer Wahrnehmung dieser Aktion. Es steigt dadurch natürlich unser Interesse für die Genesis der Verhältnisidee.

Eine Verhältnisidee entsteht nach TETENS aus einem Verhältnisgedanken, indem die Wahrnehmung der in einem Verhältnisgedanken gesetzten Beziehung hinzukommt. Die beziehende Aktion kann nämlich nach TETENS gerade so gut unwahrgenommen bleiben wie die einzelne Vorstellung.
    "Es äußert sich die Denkkraft in mancherlei Tätigkeiten, ehe wir ihre Tätigkeit selbst kennen, so wie es andere Vorstellungen, zumindest Modifikationen in uns gibt, welche unserem Gewahrnehmen immer entzogen bleiben." (18)
Wenn es zu einer Wahrnehmung der Verhältnisgedanken kommen soll,
    "so muß ... auch selbst die Aktion des ersten Denkens an sich so merklich ausgezeichnet sein, und also an sich so stark sein, daß sie ihre abgesondert bleibende Wirkung in der Seele hinterlassen kann. An dieser kann sie nur erkant werden". (19)
Psychische Tätigkeiten können nämlich nicht wahrgenommen werden während ihres Verlaufs:
    "Indem wir denken, empfinden wir es nicht, wenigstens können wir es nicht beobachten, daß wir denken. In diesem Augenblick, da ich die Intention der Seele dahin gerichtet habe, um der Natur des Gefühls nachzuspüren, fehlte es mir an der Zeit, nach der Art meines Verfahrens, nach dem Gegeneinanderstellen und Vergleichen der Ideen, nach Urteilen, die ich zu dem Ende vornehmen muß, mich umzusehen. Ich fühle dies alles nur in den Zwischenpunkten, wenn die Arbeiten selbst unterbrochen werden, und ich muß, um die Eine zu fühlen, einen Stillstand mit ihr machen, und auf dasjenige, was im Kopf gedacht oder auf dem Papier hingeschrieben ist, zurücksehen, wenn ich sie beobachten will." (20)
Psychische Tätigkeiten werden wahrgenommen, indem die Wirkungen von ihnen wahrgenommen werden. Die Tätigkeiten erregen passive Modifikationen in der Seele, durch diese werden sie empfunden. Die Empfindungen, die wir von ihnen haben, werden  innere  Empfindungen genannt. Die Tätigkeiten werden wahrgenommen heißt: diese passiven Modifikation werden wahrgenommen.

So ist es auch hier. Die Verhältnisgedanken werden wahrgenommen in ihren passiven Modifikationen.
    "Soll ein Begriff von diesem Aktus des Verstandes (gemeint ist der Verhältnisgedanke) oder von dessen Wirkung erlangt werden, so muß es auf die nämliche Weise geschehen, wie dergleichen von anderen Seelenäußerungen, Veränderungen, Tätigkeiten, Kräften entstehen. Der Aktus des Denkens und des Urteilens muß in seinen unmittelbaren, leidendlichen [passiven - wp] eine Weile dauernden Wirkungen gefühlt und empfunden werden; und diese gefühlte Modifikation (dafür kann man bei TETENS sagen: innerlich empfundene Modifikation) hat ihre  Nachempfindung  und hinterläßt ihre reproduzible Spur. Da ist die Vorstellung und also der Stoff zur Idee von einem Gedanken, der abgesondert wahrgenommen und unterschieden wird, eine Idee von einem Verhältnisgedanken der so ein Verhältnisbegriff wird." (21)
Nun die  Genesis der Verhältnisgedanken.  TETENS faßt einmal die hierfür in Betracht kommenden Faktoren kurz zusammen.
    "Zuerst  Empfindung,  oder gefühlter Eindruck der Sache; dann  Vorstellung;  dann das  Gefühl der Verhältnisse;  dann die Beziehung der Vorstellungen und die Wahrnehmung dieser Beziehung, oder die Erkenntnis des Verhältnisses, das Urteil." (22)
Die letztere Bestimmung können wir jetzt unberücksichtigt lassen. Hier werden also aufgezählt: Empfindung, Vorstellung und  Gefühl  der Verhältnisse als Bedingung des Verhältnisgedankens, da in einem Verhältnisgedanken Objekte oder Ideen zueinander in ein Verhältnis gesetzt werden und damit die Empfindung direkt oder indirekt vorausgesetzt ist. Die Vorstellungen sind die Bedingung für den Verhältnisgedanken nicht bloß sofern Verhältnisse zwischen bloßen Vorstellungen gedacht werden, sondern auch, wenn die Feststellung von Verhältnissen aufgrund von Empfindungen geschieht; erst wenn die Empfindungen zurückgetreten sind, wenn sie die Seelentätigkeit nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, wenn Empfindungsvorstellungen an ihre Stelle treten, kann die Seelentätigkeit die Objekte in Beziehung zueinander setzen. Zuletzt ist die Tätigkeit der Vorstellungskraft Ursache des Gefühls der Verhältnisse, wie wir sehen werden.

Nicht so leicht ist es, im Sinne von TETENS zu bestimmen, in welcher Weise das  Gefühl der Verhältnisse  eine Bedingung für den Verhältnisgedanken ist. Wir müssen nun zunächst feststellen, was TETENS unter Gefühl versteht. Hier weicht seine Terminologie beträchtlich von der jetzt üblichen ab. Er charakterisiert in folgender Weise das Fühlen gegenüber dem Empfinden. Das Fühlen
    "geht mehr auf den Aktus des Empfindens, als auf den Gegenstand desselben, und Gefühle, den Empfindungen entgegengesetzt, sind solche, wo bloß eine Veränderung oder ein Eindruck in uns und auf uns gefühlt wird, ohne daß wir das Objekt durch diesen Eindruck erkennen, welches dieselbe bewirkt hat. Empfinden zeigt auf den Gegenstand hin, den wir mittels des sinnlichen Eindrucks in uns fühlen und gleichsam vorfinden." (23)
Wenn so unter Gefühl der Aktus des Empfindens verstanden wird, so unterscheidet es sich natürlich sehr wesentlich von dem, was wir unter Gefühl verstehen. Das, was für uns Gefühl ist, ist für TETENS  Empfindnis. 

Dieser Bestimmung bezüglich der Termini  Gefühl  und  Empfindung  gemäß verfährt aber TETENS nicht immer in der Anwendung der Termini, beide Termini bezeichnen ihm häufig dasselbe. Sodann nennt er noch das Vermögen zu Fühlen und Empfinden Gefühl (24), und zuletzt nennt er die Tastemmpfindungen zuweilen auch Gefühle.

Wenn TETENS von einem Gefühl der Verhältnisse spricht, so nimt er den Terminus  Gefühl  im Sinne von Aktus des Empfindens. Zuweilen spricht er auch zur Bezeichnung derselben Sache von einem Empfinden der Verhältnisse. Hier ist aber gleich zu bemerken, daß damit nicht ein Empfinden gemeint ist wie bei äußeren Objekten (Verhältnisse können nicht empfunden werden wie Dinge und Eigenschaften), sondern ein inneres Empfinden, das hier Wirkung der Vorstellungskraft ist.

Wie entsteht nun das Gefühl der Verhältnisse? Bei der Auseinandersetzung hierüber schärft TETENS zunächst ein, daß man scharf das Gefühl der Verhältnisse und das Gefühl der sich aufeinander beziehenden Dinge voneinander scheiden muß.

Um uns nun der Genesis des Gefühls der Verhältnisse zuzuwenden, setzen wir den Fall, daß unsere "Vorstellungskraft" von der Vorstellung eines Gegenstandes zu der eines andern von ihm verschiedenen übergeht. Was geschieht dann? Beim Übergang von der einen Vorstellung zur anderen entsteht zunächst ein Gefühl des Übergangs. Es tritt dabei eben eine Änderung in der Richtung der Vorstellungskraft (25) ein und diese Änderung wird empfunden. Dieses Gefühl glaubt er experimentell nachweisen zu können.
    "Die Psychologen haben sonst weniger auf dieses Gefühl als auf das nachfolgende Urteil geachtet. Dies mag denen, welche mit einem schärferen Selbstgefühl begabt sind, als ich, vielleicht so bald und so klar auffallen, daß sie beim ersten Rückblick in sich darüber zur Gewißheit gelangen. Für mich aber gestehe ich, daß ich nicht eher von aller Sorge, durch Einbildngen geblendet zu werden, befreit worden bin, als bis ich einige mit Fleiß angestellte Beobachtungen sorgfältig geprüft, und eine Art von psychologischen Versuchen darüber gemacht habe. Zum Ende suchte ich zwei Empfindungsvorstellungen aus, die so wenig wie möglich mit meinen sonstigen Ideen in Verbindung waren. Ich nahm z. B. zwei arabische Buchstaben, die in einer Reihe voneinander entfernt standen, und verglich sie miteinander. Es fand sich allemal, daß ich nicht nur von jedem dieser Charaktere einen besonderen Eindruck erhielt, sondern daß ich auch etwas besonderes in mir fühlte, wenn die Augen von einem zum andern übergingen. Dieses letztere Gefühl des Übergangs nahm ich nur erst dann wahr, wenn ich schon vorher die sinnlichen Eindrücke selbst einige Male in mir miteinander hatte abwechseln lassen. Zwischen den beiden Eindrücken, die ich, ohne mich bei den dazwischenstehenden Buchstaben aufzuhalten, aufeinander folgen ließ, fühlte ich jedesmal eine Veränderung in der Richtung des Gefühls; und diese Veränderung fühlte ich auf eben die Art, wie ich einen anderen inneren Eindruck fühle, der durch die Sinne entsteht. Je mehr die nachfolgende Vorstellung von der vorhergehenden verschieden war, desto stärker und völliger war das Gefühl von dieser Modifikation. Wenn man solche gleichgültige Empfindungen zum Versuch nimmt, wie ich hier getan hatte, so hat man den Vorteil, daß die Phantasie nicht leicht fremde Bilder dazwischen bringt und die Betrachtung stört. Aber auf der anderen Seite ist auch die Unbequemlichkeit dabei, daß man die vorstellende Kraft mehr selbsttätig anstrengen, und sich auf keine angenehme Art bemühen muß, weil die Phantasie allemal träge ist, Vorstellungen in sich gegenwärtig zu erhalten, die mit ihren übrigen Reihen von Ideen in keiner Verbindung sind." (26)
Beim Übergang unserer Vorstellungskraft von der Vorstellung eines Gegenstandes zur Vorstellung eines davon verschiedenen Gegenstandes treten aber noch andere "absolute Modifikationen" auf als dieses Gefühl des Übergangs. Die eine Vorstellung wird verdrängt und die andere Vorstellung wird "hervorgezogen oder stärker und voller gemacht". "Beides sind absolute Veränderungen, etwas reelles und absolutes vergeht und ein anderes entsteht an dessen Stelle."

Geht die Vorstellungskraft von der Vorstellung eines Gegenstandes zu der eines ähnlichen über, so sind "so viele absolute Veränderungen weniger da, wie Züge in den beiden Bildern ebendieselben sind." (27) Gesetzt nun auch, man wollte BONNET Recht geben in der Behauptung, daß bei einer Vorstellung gleicher Dinge wieder gleiche Bilder im Gehirn gefordert würden, so würde doch wenigstens, da die Verdrängung der einen und die Hervorhebung der anderen Vorstellung hier immerhin eine weit geringere Quantität von Veränderung darstellt, noch gelten, daß beim Übergang der Vorstellungskraft von der Vorstellung eines Gegenstandes auf die eines gleichen oder ähnlichen eine geringere Quantität von Veränderungen auftritt, als im Fall des Übergangs der Vorstellungskraft von der Vorstellung eines Gegenstandes auf die eines verschiedenen (28).

In ähnlicher Weise treten bei anderen Verhältnissen Gefühle dieser Verhältnisse auf (29). Diese Gefühle der Verhältnisse bilden die "nächstvorhergende Veranlassung" zur Erzeugung der Verhältnisgedanken. Durch sie wird "die Seelenkraft zu einem neuen Aktus gereizt, wodurch sie sich als Denkkraft beweist". (30) Das Gefühl der Verhältnisse ist hier also gedacht als Wirkung des Abwechselns der Vorstellen (31).
    "Das Gefühl des Übergangs und der Verhältnisse läßt sich begreifen ohne Denkkraft. Darum glaubte ich festsetzen zu können, das Abwechseln der Vorstellungen oder ihr Gegeneinanderhalten geht vor einem Gefühl der Verhältnisse vorher und bringt es hervor. Hier aber, wo dieses Gefühl entsteht, da ist der  Anfang  des Beziehens der Vorstellungen aufeinander."
Das Abwechseln der Vorstellungen, durch welches, wie wir oben sahen, unter gewissen Bedinungen das Differenzgefühl zustande kommen kann, ist noch kein  Vergleichen.  Vergleichen das heißt:
    "von der Vorstellung der einen Sache zur Vorstellung der einen Sache zur Vorstellung der anderen auf eine solche Art übergehen, daß man ihre Ähnlichkeit oder Verschiedenheit wahrnimmt; mit dieser Absicht ansetzen oder, wenn auch die Absicht fehlt, doch mit der nämlichen Tendenz die Kraft anwenden, und wirksam sein lassen, als es da geschieht, wo die Absicht vorhanden ist, welches soviel ist, wie die Vorstellungen aufeinander  beziehen.  Diese Aktus gehören schon zur Tätigkeit der  Denkkraft,  die das Urteil bewirkt." (32)
Diese Auffassung des Gefühls der Verhältnisse als bedingt duch die Vorstellungskraft und als Reiz für die Denkkraft ist für TETENS aber eine Anschauung, die er nur für einigermaßen wahrscheinlich ausgeben kann. Tatsächlich wird von ihm auch für die Entstehung des Gefühls der Verhältnisse mehr in Anspruch genommen als die Vorstellungskraft. Da wo er vom Gefühl der Verhältnisse bei der Vorstellung differenter und gleicher Dinge spricht, sagt er, die Entscheidung darüber, ob Gegenstände different oder einerlei sind, fällen wir so, daß wir von der Vorstellung des einen auf die Vorstellung des andern übergehen und dabei sozusagen
    "in uns horchen, ob sich nicht bei diesem Übergang eine Veränderung in uns empfinden läßt? ob nicht eine neue Modifikation in uns entsteht, wenn die Vorstellung die Vorstellung des zweiten auf die Vorstellung des ersten folgt." (33)
Hier tritt doch offenbar als Ursache des Gefühls der Verhältnisse das auf, was wir vorhin als Vergleichen, als eine Denktätigkeit kennen gelernt haben: ein von der Vorstellung der einen Sache zur Vorstellung der andern auf solche Weise Übergehen, daß man ihre Ähnlichkeit oder Verschiedenheit wahrnimmt (34)

Es läßt sich aber nicht leugnen, daß durch bloßes Abwechseln der Vorstellungen den bei wirklichen Vergleichen auftretenden Differenz- oder Einerleiheitsgefühlen ähnliche Gefühle auftreten können,  nur ist die Konstanz der Erscheinungen im Fall des bloßen Abwechselns der Vorstellungen nicht garantiert. 

Die hier von uns nach TETENS am Fall der Identitäts- und Differenzbeziehung demonstrierte Genesis der Verhältnisgefühle durch bloßes Abwechseln der Vorstellungen läßt sich nicht bei allen Verhältnissen in analoger Weise darstellen. Wie wollte man z. B. von einem bei der Beziehung von Prämissen zu einem Schlußsatz stattfindenden Verhältnis durch bloßes Abwechseln der Vorstellungen ein Gefühl des Verhältnisses erzeugen?

Das, was hier als Gefühl der Verhältnisse von TETENS bezeichnet ist, scheidet TETENS von der inneren Empfindung des Verhältnisgedankens (35), der nach seiner Terminologie ja auch ein Gefühl der Verhältnisse heißen könnte, von ihm aber meist als absolute Modifikation, bedingt durch den Verhältnisgedanken, bezeichnet wird. Er nennt diese innere Empfindung des Verhältnisgedankens aber nicht so, weil er diesen Terminus schon in anderer Bedeutung gebraucht hat (36). Um beide Phänomene scharf gegeneinander abzugrenzen, geben wir ihre Beziehung zur Verhältnisidee an. Die bezeichnete innere Empfindung, diese durch einen Verhältnisgedanken entstandene absolute Modifikation in der Seele, braucht nur wahrgenommen zu werden, dann haben wir es mit einer Verhältnisidee zu tun. Das Verhältnisgefühl reizt aber erst die Denkkraft zur Tätigkeit an: zur Erzeugung eines Verhältnisgedankens, dessen innere Empfindung dann eine Verhältnisidee bedingen kann.

Zweckmäßiger wäre es ohne Zweifel gewesen, die Wirkungen der Verhältnisbegriffe mit einem besonderen Namen zu belegen, da sie größere Bedeutung für die Erkenntnistheorie und auch für die Psychologie haben als das, was er mit dem Terminus Gefühl der Verhältnisse bezeichnet. -

Bevor ich zur Behandlung der einzelnen Verhältnisideen nach TETENS übergehe, will ich noch auseinandersetzen, welche Bestimmungen TETENS auf dieser Stufe der Entwicklung zur  Frage nach der Subjektivität oder Objektivität unserer Verhältnisideen  macht.

Was zunächst das Verhältnis der Einerleiheit und Verschiedenheit angeht, so äußert sich TETENS hier folgendermaßen:
    "Jedes Ei hat seine Größe, Gestalt, Farbe, Gewicht in sich objektivisch. Dies sind seine  absoluten  Beschaffenheiten. Aber was ist das, was wir ihre  Ähnlichkeit,  Gleichheit, Einerleiheit nennen? Wo ist ihre Einerleiheit? Es ist offenbar, daß sie nur  subjektivisch  im Verstand vorhanden ist, der nach der Gegeneinanderstellung der Dinge dieses Prädikat der Ähnlichkeit zu den Ideen der Sachen hinzufügt. Der Gedanke vom Verhältnis ist von der Denkkraft hervorgebracht, und ist nicht etwas außerhalb des Verstandes, sondern ein  ens rationis,  ein Machwerk von derjenigen Kraft, mit welcher wir die in uns gegenwärtigen Vorstellungen von den Dingen als Sachen vergleichen, und dann ihnen sozusagen ein Siegel unserer vergleichenden Tätigkeiten aufdrücken." (37)
Wir werden später sehen, wie diese Beziehung trotz dieses ihres subjektiven Charakters objektive Geltung beanspruchen kann. 

Bei den übrigen Verhältnissen liegt es schwieriger mit der Beantwortung dieser Frage.

Wie steht es z. B. mit den Wirklichkeitsverhältnissen? Sind sie etwas Objektives, etwas Absolutes wie Farbe, Kraft, Solidität und dgl., oder sind sie etwas Subjektives, "das nur der Verstand aus sich hinzusetzt?" Wenn man sich für die letztere Möglichkeit entscheidet, so könnte dabei immerhin noch der "Grund dieser Beziehungen" wie "der Grund der erstgedachten Gattung von Verhältnissen (fundamentum relativus) etwas Absolutes in den Objekten" sein.

Hier läßt sich nur soviel sagen, daß, wenn es ausgemacht wäre, daß die Mitwirklichkeitsverhältnisse etwas Objektives in den Dingen wären,
    "so könnten diese so gut wie andere absolute Beschaffenheiten der Dinge auch unmittelbare Gegenstände des Gefühls sein. Alsdann könnte der Aktus der Seele, wenn sie z. B. den Gedanken denkt, ein Baum steht in der Nähe des Hauses, eine Äußerung eben desselben Vermögens sein, womit die Vorstellungen von einem Baum und von einem Haus gegenwärtig gemacht, und in ihrer Gegenwart gesucht und empfunden werden. Unter dieser Voraussetzung würde das Absolute der Dinge und diese Gattung von Beziehungen, beides fühlbare Zukommenheiten oder Prädikate bei den Gegenständen sein." (38)
Das ist aber offenbar nicht der Fall. Mithin müssen wir diese Verhältnisse als subjektivisch ansetzen.

Erörterungen darüber,  in welchem Sinn von objektiver Gültigkeit dieser Verhältnisarten zu reden ist,  erhalten wir bei TETENS an einem anderen Ort. -

Hier wird noch die Frage aufgeworfen,  wie es um den Stoff dieser Verhältnisideen steht, ob er auch, wie der Stoff unserer anderen Ideen, aus der Empfindung stammt. 

Da ist nun zu sagen, es  gilt  allgemein, daß Empfindungen den Stoff zu unseren Ideen abgeben: ohne Empfindungen keine Vorstellungen, ohne Vorstellungen keine Ideen  ("wo es aber keine Vorstellungen gibt, da fehlt es an Gegenständen, womit das Vermögen, Verhältnisse zu denken, sich beschäftigen kann",  (39) ohne Ideen keine Urteile, ohne Urteile keine Schlüsse. So ist der letzte  Stoff  aller Gedanken in den Empfindungen gegeben. Die  Form  der Gedanken aber ist ein Werk der denkenden Kraft. Diese ist der Werkmeister und insoweit der Schöpfer der Gedanken. (40)

Wo steckt denn nun aber der Stoff der Verhältnisgedanken, in welchen Empfindungen als Stoff der Gedanken in Anspruch nehmen, wo doch der Stoff aus der Denkkraft selbst stammen soll? Die Lösung dieses Problems liegt in der Tatsache, daß die Verhältnisgedanken eine innere Empfindung erzeugen - darüber haben wir ja früher gesprochen - welche dann als Stoff dient zur Entwicklung der Verhältnisideen.
    "Der innere Aktus der Denkkraft gibt hier die innere Empfindung her, aus welcher die Vorstellung gemacht wird, wobei letztere von einem nachfolgenden Aktus der Denkkraft wahrgenommen und unterschieden wird, und dann die Idee ausmacht, dessen Objekt dasjenige in den Gegenständen ist, was wir ihre Verhältnisse nennen und ihnen beilegen." (41)
LITERATUR: Gustav Störring, Die Erkenntnistheorie von Tetens, Leipzig 1901
    Anmerkungen
    1) 6. Versuch, Seite 427
    2) 6. Versuch, Seite 457 und 458
    3) 6. Versuch, Seite 465
    4) 6. Versuch, ebd.
    5) 6. Versuch, Seite 469
    6) 6. Versuch, Seite 430f und 450
    7) 7. Versuch, Seite 529
    8) 7. Versuch: Von der Notwendigkeit der allgemeinen Vernunftwahrheiten, Seite 531f, siehe auch 471.
    9) 7. Versuch, Seite 480 und 481.
    10) 7. Versuch, Seite 482
    11) 7. Versuch, Seite 486
    12) 7. Versuch, Seite 513
    13) 4. Versuch, Seite 329
    14) 4. Versuch, Seite 334
    15) 4. Versuch, Seite 332
    16) 4. Versuch, Seite 365
    17) 4. Versuch, Seite 335
    18) 4. Versuch, Seite 408
    19) 4. Versuch, Seite 410
    20) 2. Versuch, Seite 178 und 179
    21) 4. Versuch, Seite 339
    22) 7. Versuch, Seite 473
    23) 2. Versuch, Seite 167 und 168
    24) 2. Versuch, Seite 169
    25) 2. Versuch, Seite 195
    26) 2. Versuch, Seite 197f
    27) 2. Versuch, Seite 195
    28) 2. Versuch, Seite 197
    29) 2. Versuch, Seite 199
    30) 3. Versuch Seite 293 und 294
    31) 7. Versuch, Seite 473; 3. Versuch, Seite 202-294.
    32) 7. Versuch, Seite 474; siehe auch 2. Versuch, Seite 285
    33) 2. Versuch, Seite 197
    34) 7. Versuch, Seite 474
    35) 4. Versuch, Seite 339
    36) 4. Versuch, Seite 307 und 308
    37) 3. Versuch, Seite 276
    38) 3. Versuch, Seite 278 und 279
    39) 4. Versuch, Seite 336
    40) 4. Versuch, Seite 336
    41) 4. Versuch, Seite 337, siehe auch 339.