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ERICH SIMONS
Charakteristik der
Gefühlspsychologie Tetens'


"Sulzer  hat  Tetens  in großen Zügen vorgearbeitet, doch konnte er das Gefühlsvermögen als solches noch nicht den übrigen Seelenvermögen koordinieren, da sich nach ihm das ganze Seelenleben im Vorstellen betätigt. Die Bedeutung des Gefühls liegt demnach bei ihm vorwiegend auf  intellektuellem  Gebiet."

"Vielleicht ist das, was wir Vergnügen nennen, nichts anderes als ein Aktus der vorstellenden Kraft oder des Vermögens, Ideen zu verknüpfen, und zwar ohne daß die Seele andere Ideen besitzt, als die von den äußeren Objekten, die sie aus dem inneren Sinn empfangen hat."

Die Trennung des Gefühls vom übrigen Seelenvermögen in von der LEIBNIZschen Monadologie aus. Zuerst scheint SULZER darauf hingewiesen zu haben, daß die dunklen Urzustände der Monade von den entwickelten Lebensformen des vollbewußten Erkennens und Wollens zu sondern sind, und schon er fand deren Eigentümlichkeiten in den damit gegebenen Lust- und Unlustzuständen. TETENS löste den Knoten, indem er das Gefühl als selbständig vom Vorstellungsvermögen trennte und der verworrenen Vorstellung dahin Existenz verlieh, daß er sie als einen passiven Zustand der Seele erklärte, der von der Reflexion vollkommen unterschieden ist.

SULZERs Psychologie zerfällt in die Lehre vom  Vorstellungsvermögen  und die Lehre von der  Vorstellungskraft  der menschlichen Seele aus (Philos. Vers. I, 249). Diese Kraft bringt die Ideen (Empfindungen, Vorstellungen) mit Hilfe der Sinnesorgane hervor. Dies weist auf TETENS hin. Wenn TETENS die Ursprünglichkeit der (gefühlsartigen "Empfindnisse" von der Bedingung abhängig macht, daß die inneren Seelenvermögen zu inneren Geistesbeschäftigungen mehr gestärkt werden, so erinnert das an SULZER, der Vergnügen und Verdruß von unseren Fähigkeiten abhängig macht. Danach legt SULZER den Nachdruck auf den  Gefühlston der Empfindung.  Nach SULZER sind, wie bei TETENS, die angenehmen oder unangenehmen Empfindungen (so nennt SULZER die Gefühle) das Verhältnis der äußeren Objekte zum Wesen der Seele. Vergnügen und Verdruß entstehen aus ein und demselben wesentlichen Grundtrieb der Seele; denn "die Seele ist eine wirksame Substanz, und als solche muß ihr eine gewisse Art der Wirksamkeit oder der Kraft natürlich sein." (Seite 11) Diese natürliche Wirksamkeit besteht darin, Ideen hervorzubringen, oder auch sie zu empfangen, und miteinander zu vergleichen, d. h. zu denken. Auch TETENS faßt das Wesen der Seele als eine Tendenz, die überall da zur wirklichen Tätigkeit werden muß, wo sie von Hemmung frei bleibt. Ihre Beschäftigung besteht, wie auch SULZER betont, in einem Auffassen von Ideen; denn wir genießen niemals die Gegensätze, sondern nur die Ideen. Die Seele kann auch, meint SULZER, nur Ideen begehren. Wenn wir über das, was im Zeitvertreib und im Vergnügen der Menschen wesentlich ist nachdenken, so werden wir allezeit finden, daß sie bloß auf Idealisches hinauslaufen. Im Zusammenhang damit behauptet SULZER, daß die sinnlichsten Vergnügungen aus der allgemeinen Quelle, aus dem Grundtrieb der Seele, Ideen hervorzubringen, entspringen. Dieser Grundtrieb, dieses tätige Prinzipium der Seele bringt alle angenehmen und unangenehmen Empfindungen alle Neigungen und Abneigungen hervor. Dieser Trieb, diese Kraft, bedeutet ein beständiges Bemühen, das alles in Bewegung setzt, Ideen hervorzubringen. Die Seele zieht daher die klaren und deutlichen Ideen den dunklen und undeutlichen vor. Jedermann hat lieber deutliche Begriffe als verwirrte. Eine deutliche Idee befriedigt mehr. Die Seele will aber nicht nur Ideen hervorbringen, sondern macht Gesetze, Schlüsse. Die Vernunft, d. h. die Fähigkeit zu denken, ist eine notwendige Folge eines Grundtriebs. SULZER bemerkt hierzu, daß das Gefallan größer ist, je vollkommener die Schlußfolge ist, so stimmt er mit TETENS überein, insofern dieser erklärt: Die Vorstellungen als Modifikationen bringen Ordnung, Folge und Übereinstimmung unter sich und erzeugen durch ihre Beziehung auf die vorstellende Kraft, eine Art von Empfindnissen in der Seele, die sie einzeln nicht bewirken können. Überhaupt stimmen diese Philosophen in vielen Punkten überein. Auch TETENS meint,
    "vielleicht ist das, was wir Vergnügen nennen, nichts anderes als ein Aktus der vorstellenden Kraft, oder des Vermögens, die Ideen zu verknüpfen, und zwar ohne, daß die Seele andere Ideen besitzt, als von äußeren Objekten, die sie aus dem äußeren Sinn empfangen hat. Wenn es so ist, dann ist der Akt oder die Tendenz der Kraft, den wir Vergnügen nennen, eine besondere Modifikation." (II, 249)
Tut etwas dieser Kraft Widerstand, sagt SULZER, und verhindert sie, sich zu entwickeln, oder kommt die Wirkung mit der Größe des Bestrebens nicht überein, so muß sie es notwendig empfinden, übel damit zufrieden zu sein. Ist das Mißvergnügen in der verhinderten Wirksamkeit der Seele zu suchen, so scheint der gute Erfolg der angewandten Kräfte nichts weiter als Vergnügen zu verursachen. Ein ungehindertes Denken ist auch nach TETENS ein angenehmer Zustand. SULZER erklärt das Vergnügen also aus der Begierde der Seele. "Ich glaube nicht", sagt er, "daß ein merklicher Grad von Vergnügen ohne Begierde in der Welt sein kann" (Seite 21). Sobald die Begierde fehlt, fällt das Vergnügen auf Gefallen herab. Gefallen ist ein Zustand der Ruhe. Zweifel hiergegen beschwichtigt SULZER, indem er zeigt, daß die intellektuellsten Vergnügungen die anzüglichsten und dauerhaftesten sind. Nichts ist anziehender als das Studium der spekulativen Wissenschaft und vornehmlich der Mathematik. Die (affektiven) "Empfindnisse", die aus bloßen Gefühlen entstehen, scheinen bei SULZER äußere Eindrücke zu sein, die der sich entwickelnden Seelenkraf widerstreben oder entsprechen. Die Verschiedenheit der Vergnügungen beim Menschen ist dadurch bedingt, daß sie nicht jeden Gegenstand fassen können, nicht darüber zu denken wissen. Das Lesen der Elemente des EUKLID verursacht nur dem Kenner der Geometrie Vergnügen. Jede besondere Art von Gegenständen erfordert eine gewisse Art von Fertigkeit. Die Menschen sind verschieden, daher auch die Vergnügungen. Die Verschiedenheit des Geschmacks ist abhängig von den äußeren Umständen, in denen sich der Mensch befindet. Die Grundtriebe sind gleich. Auch TETENS setzt für das Zustandekommen eines Empfindnisses einen Zustand, einen Vorstellungskomplex voraus, auf die die neue Empfindung oder Vorstellung Bezug nimmt. Je nach der Fertigkeit zu überlegen kann die Seele, meint SULZER, angenehme oder unangenehme Empfindungen haben.
    "Die Nationen, die die größte Fertigkeit zu überlegen haben, sind gegen alle Arten von Vergnügen und Verdruß weit empfindlicher, als die barbarischen Völker, welche die Dummheit unempfindlich macht."
Die Empfindlichkeit hängt ab von der Gewöhnung, von der Erziehung, den Kenntnissen usw. Die Empfindung, die angenehmen und unangenehmen Empfindungen sind also nach beiden Autoren abhängig von der Natur der Seele und des Gegenstandes. Der gemeine Mann, der sich die Schätze im Reich der Wahrheit nicht zunutze machen kann, überläßt sich den Vergnügungen der Sinne, die einfach und nicht entwickelt sind. Über die angenehmen Empfindungen bei Vorstellungen sagt SULZER:
    "Was der Seele gefällt, wenn sie mittels der Sinne vorstellt, gefällt ihr, wenn man es dem Geist deutlich darlegen kann. Die Vergnügungen bei den Vorstellungen sind also ursprünglich bei den Empfindungen. Eine schöne Rede, die uns beim Anhören entzückt, kann so oft das Vergnügen wieder verschaffen, wenn unser Gedächtnis uns an sie erinnern kann. Die Ideen von abwesenden Dingen machen ähnliche Eindrücke auf uns, wie die Sache selbst, davon wir die Idee haben." (120)
SULZER steht im Gegensatz zu TETENS, sofern nach ihm alle Empfindungen Vorstellungen gefühlsbetont sind, doch nur die sinnlichen angenehmen und unangenehmen Empfindungen Ursprünglichkeit für sich beanspruchen. SULZER hat in großen Zügen TETENS vorgearbeitet, doch konnte er das Gefühlsvermögen als solches noch nicht den übrigen Seelenvermögen koordinieren, da sich nach ihm das ganze Seelenleben im Vorstellen betätigt. Die Bedeutung des Gefühls liegt demnach bei ihm vorwiegend auf  intellektuellem  Gebiet.

Die Methode der Untersuchung bei TETENS ist die Beobachtung und der Versuch. Außer der Selbstbeobachtung benutzt er aber auch das von anderen Philosophen gefundene Material. Wiederholt weist er auf die verschiedenen Philosophen hin. Bei der Ausgestaltung seiner Psychologie finden wir Anklänge an Psychologen, die sich mehr oder weniger um die Gefühlspsychologie verdient gemacht haben.

Zunächst sei darauf hingewiesen, daß TETENS - wie auch SCHINZ und LORSCH hervorheben - den Begriff "Gefühl in einem vom heutigen psychologischen Sprachgebrauch abweichenden Sinn auffaßt, indem er das Gefühl  "Empfindnis"  nannte, welchen Ausdruck er vorzugsweise auf den Gefühlsbestandteil des "Rührenden" bezog. Es ist dies umso charakteristischer, als man zu seiner Zeit unter "Gefühl" schlechthin "Empfindung" verstand, ganz im Gegensatz zur heutigen Auffassung (vgl. DESSOIR, Geschichte der neueren deutschen Psychologie, Berlin 1902, Seite 433). Die Bezeichnung  Gefühl,  die in der neueren psychologischen Praseologie auf die elementaren Vorgänge emotionaler Art hinweist, gebraucht TETENS in dreifacher Bedeutung. Er begreift unter Gefühl
    1) den Aktus des Empfindens,
    2) das Vermögen zu fühlen,
    3) die Tatempfindungen.
Der Aktus des Fühlens ist die bloße Aufnahme eines Eindrucks mit Hilfe der Sinnesorgane. Ein Eindruck bringt eine "Veränderung unseres Zustandes, eine Modifikation in der Seele" hervor. Das Erfassen der Veränderung ist das Vermögen zu fühlen.  Gefühl  ist das Bewußtwerden des inneren Zustandes, das Sich-selbst-empfinden der Seele und ihrer Veränderung, ohne die Ursache der letzteren zu kennen. "Die gefühlte Veränderung ist die Empfindung" (II, 156). Die Empfindung ist die gefühlte Veränderung des Seelenzustandes mit Beziehung auf das die Veränderung verursachende Objekt. Das Gefühl ist demnach die Vorbedingung zur Empfindung. TETENS setzt zwar häufig Fühlen und Empfinden als synonym, beide für den Aktus des Fühlens. Das Wort  Empfindung  drückt einerseits die Beziehung auf das Objekt, andererseits auf das Subjekt aus. Die Empfindung kann somit gleichgültig oder affizierend sein. Gleichgültig ist sie, wenn es sich bei der Empfindung ausschließlich um die durch Reflexion bearbeiteten Vorgänge des Gefühlsvermögens, um "lehrende Empfindungen" handelt. Aber als eine Veränderung meines Zustandes, als Veränderung von mir betrachtet, wird sie zu dem, was man  Empfindnis  oder Rührung nennt. Nach STÖRRING sind die Empfindnisse mit unseren Gefühlen emotionaler Art identisch. "Als Empfindung ... von gewissen Körpern ist sie (die Empfindung) mir gleichgültig, aber als eine Veränderung von mir selbst, als ein Gefühl (Veränderung meines Zustandes) hat sie das an sich, was sie zu einem Empfindnis macht, was angenehm oder unangenehm bei ihr ist. "Die Empfindnisse sind das, was sie sind, nur insofern als sie Gefühle sind, nicht insofern als sie Empfindungen sind." (II, 209f)

Empfindnisse sind nach TETENS eigener Erklärung subjektive Verhältnisgefühle, d. h. die gefühlte Beziehung des Eindrucks auf die gegenwärtige Beschaffenheit der Seele, auf das empfindende Wesen. Sollen die Empfindungen zu Empfindnissen werden, sollen sie als eine Veränderung in uns gefühlt werden, so müssen "die Akte der Reflexion" nachlassen. Ebenso werden die Vorstellungen zu Empfindnissen, indem die Reflexion nachläßt, die Veränderungen, die sie hervorgerufen haben, nachwirkend fühlbar werden und in Beziehung zu unserem Zustand treten. Empfindung und Empfindnis entstehen aus demselben Eindruck, aber aus unterschiedenen Beschaffenheiten desselben, je nach seiner Aufnahme.
    "Die Empfindung kann zur Vorstellung gemacht und mit der Denkkraft bearbeitet werden, dadurch wird sie gewissermaßen aus der Seele zurückgeschoben und als Gegenstand der Beobachtung vor sie hingestellt." (II, 210)
Je intellektualisierter eine Empfindung wird, umso schwächer wird ihr Affektionscharakter. Beim Koch ist die Reflexion größer als beim Wollüstling; daher bei jenem gleichsam eine Empfindung, bei diesem eine Empfindnis. Die Empfindnisse können ansich eine Änderung erfahren, indem
    "die Kräfte der Seele willkürlich nachgelassen und angestrengt werden, wodurch das Verhältnis zum Eindruck verändert und die Beziehung, wovon Lust oder Unlust abhängt, befördert oder gehindert wird."

    Folgende nähere Erklärung zeigt, daß TETENS durchaus die Ansicht vertritt, daß eine Empfindung ebenso wie ein Gefühl, dieses als Teil oder Vorstufe von jenem, zum Empfindnis werden kann.

    "Fühlen geht mehr auf den Aktus des Empfindens, als auf den Gegenstand desselben. Gefühle, den Empfindungen  entgegengesetzt  sind solche, wo  bloß  eine Veränderung oder ein Eindruck in uns und auf uns gefühlt wird, ohne daß wir das Objekt durch diesen Eindruck erkennen, welches solche bewirkt hat. Empfinden zeigt auf einen Gegenstand hin, den wir mittels des sinnlichen Eindrucks in uns fühlen und gleichsam vorfinden."
Durch das Wort  Empfinden  ist also die Beziehung auf das Objekt gemeint im Gegensatz zu dem mehr die Beziehung auf das Subjekt enthaltenen Ausdruck  Gefühl.  TETENS trennt somit die Gefühle von den Empfindungen als eine selbständige Klasse elementarer Bewußtseinsvorgänge. Wie die Empfindung als die Empfindung einer Sache und als eine Veränderung in uns vorherrscht, so verhält es sich beim Vorstellen, Denken usw., wobei allerdings, wenn die Reflexion aufhört, wir nur die Eindrücke, die Veränderungen fühlen, die sie hinterlassen.

Die Vorgänge des Gefühlsvermögens stehen im Gegensatz zum Vorstellungsvermögen. Das Gefühlsvermögen beschäftigt sich nur mit dem Gegenwärtigen und nicht wie jenes mit Vergangenem oder Zukünftigem. Sein unmittelbarer Gegenstand sind passive Modifikationen der Seele, während das Vorstellungsvermögen eine höhere Seelenaktivität erfordert. Als ein vollständig passiver Vorgang wird das Gefühl nicht mehr hingestellt, vielmehr als eine Reaktion, als ein Akt der Rezeptivität. TETENS sagt: Den sinnlichen Eindruck aufnehmen, ist mit etwas Wirksamkeit verbunden (I, 175). Im Gegensatz zum Denken ist der Gegenstand des Gefühls absolut, nicht relativ. Insofern geht hervor, daß die Empfindnisse, die subjektiven Verhältnisgefühle, wie TETENS sie nennt, keiner Reflexion unterworfen sind, kein Inbeziehungsetzen des Eindrucks zum subjektiven Zustand, sondern ein Zusammen von subjektiven und objektiven Faktoren darstellen. "Gefühl der Verhältnisse" ist bei TETENS ein Gattungsbegriff, unter den z. B. eine  Harmonie der Töne, die Übereinstimmung des Wahren, der Reiz des Guten  fallen. Das Gefühl der Verhältnisse ist die Vorstufe zum Denken. Ein allgemeines Verhältnisgefühl hat TETENS nicht; offenbar will er jedesmal das Besondere schildern, was die Denkkraft zur Konstatierung gerade dieser und keiner anderen Verhältnisart reizt. Er beschreibt bei Vergleichungsverhältnissen die Experimente des Übergangs, die er anstellte, um sicher zu sein und zu beweisen, daß das Gefühl auf Absolutes, nicht auf Relatives geht. Die Lehre vom Verhältnisgefühl ist eine wichtige Ergänzung der LOCKE-Regel (Locke: some kind of relation).

Wenn die Seele vorstellt oder denkt, meint TETENS, gesellt sich zur Lust oder Unlust der Empfindung noch ein anderer Teil der Gemütsbewegung und zwar eine innere affizierende Empfindung, die sich zur Vorstellung gesellt, aber ihr selbst nicht als eine Wirkung zugeschrieben werden kann. Der Satz: "Alle Empfindnisse aus Vorstellungen sind abgeleitete Empfindnisse", ist eine natürliche Folge von den Beziehungen der Vorstellungen auf die Empfindungen. Jedoch können bei den Vorstellungen betreffs der Empfindnisse die verschiedenartigsten Veränderungen eintreten.

Eine Affektion bei der Empfindung kann bei der Vorstellung wegfallen, durch eine veränderte Beziehung des vorgestellten Objekts zum Zustand des Bewußtseins. Was aber eine veränderte Beziehung auslöst, kann mannigfaltig verschieden sein. Eine fremde Affektion kann sich mit der Vorstellung einer Sache verbinden, die vorher in der Empfindung nicht vorhanden gewesen ist. Denn die Vorstellungen können uns oft mehr beschäftigen und lebhafter sein als gegenwärtige Dinge, die wir empfinden. Die Phantasie wandelt Sandwüsten zum Paradies.

Die Vorstellung schaltet die widrigen Empfindungen aus. Das Vergnügen wird reiner.
    "Die Empfindungen sind nach und nach in der Seele, ebenso Lust und Unlust, die sie begleiten. Aber in der Wiedervorstellung sind ganze Reihen von affizierenden Vorstellungen auf  einer  Stelle in  einem  Augenblick beieinander." (II, 243)
Zu dieser Ansicht waren schon HARTLEY und BERKELEY gelangt. Die Vorstellungen als Modifikationen der Seele bringen in ihr Ordnung, Folge und Übereinstimmung unter sich und durch ihre Beziehung auf die vorstellende Kraft eine Art von Empfindnissen in der Seele hervor, die sie einzeln nicht bewirken können. Das finden wir auch bei den Empfindungen, daß ihre affizierende Kraft von der Stellung und Folge der einzelnen Eindrücke abhängig ist. Gedichte, Romane, gewähren uns Empfindnisse, die den Vorstellungen eigen sind, aber ihnen nur in ihrer Ordnung und Verbindung zukommen. Man kann diese Empfindnisse aus den Empfindungen, aus denen die Vorstellungen herkommen, nicht anders ableiten, als dadurch, daß die ersteren den Stoff zu ihnen hergeben. Durch Weglassen Unterdrücken, Verdunkeln, Hinzusetzen, Erheben, Aufklären, kann die Phantasie die Vorstellungen vom Unangenehmen reinigen.

Vorstellungen können veränderte Empfindnisse haben, weil sie ansich schwächer und minder starke Veränderungen sind.

Für das Empfindnis bei der Vorstellung ist also verantwortlich:
    - die Empfindung, woher sie ihren Ursprung hat,

    - die Verbindung der Vorstellung mit anderen,

    - die Beziehung der Vorstellung auf die Empfindsamkeit der Seele.
Empfindungen, Vorstellungen, Denkakte usw. können Gegenstände des Gefühls sein. Vorstellungen sind Modifikationen, die sich auf andere vorhergeganene beziehen. Außerdem gibt es Modifikationen, die dergleichen Beziehungen auf andere nicht haben. Die Unterscheidung zwischen den Modifikationen vollzieht TETENS, um beobachten zu können, mit welcher Empfindung das Affizierende ursprünglich verbunden ist. Die Empfindnisse aus Vorstellungen, sagt er, sind abgeleitete Säfte von den affizierenden Empfindungen her. Die Ergötzungen des Gehörs, des Gefühls, des Gesichts, des Geschmacks und des Geruchs und die entgegengesetzten Eindrücke sind rührende Empfindungen von außen, die dies an und für sich sind. Das Affizierende gehört ihnen selbst. Eine Frage, wo das Affizierende in ihnen herrührt, ist nicht angängig. Allerdings gibt es Empfindungen des Gesichts, des Gehörs, des Geschmacks und des Geruchs, die für sich allein gleichgültig sind und nur durch eine Verbindung mit fremden Empfindungen rührend werden. Die Ableitung des Affizierenden von einer Empfindung auf eine andere nennt SEARCH Übertragung. TETENS nimmt zu dieser Ansicht und zu der abweichenden von HARTLEY ausdrücklich Stellung. Nach seiner Ansicht sind viele unserer äußeren Empfindungen nur durch Übertragung Empfindnisse. Doch "in den äußeren Empfindungen sind die ersten Quellen, aus denen die Empfindnisse hervordringen". Bei kleinen Kindern muß daher eine gewisse Empfänglichkeit, eine Empfindsamkeit vorausgesetzt werden.
    "Die körperlichen Vergnügen sind gleichsam der Nervensaft, der alle übrigen Empfindungen und Vorstellungen belebt, ohne welche diese nichts als eine tote Masse sein würden." (II, 219)
Die SEARCH'sche Übertragung geht wie folgt vor sich. Der Mensch sucht anfangs das Geld um des Nutzens willen, um der sinnlichen Vergnügungen willen, um so manche Bedürfnisse befriedigen zu können. Später vergißt man die Absicht und heftet das Vergnügen an das Mittel und an die Mühe es zu erlangen. Dieses Vergnügen also, welches der Vorstellung von der Absicht einverleibt ist, soll sich mit der Idee des Reichtums, als vom Besitz des Mittels unmittelbar verbinden und dann mit dieser letzteren in einer unmittelbaren Verbindung erhalten, ohne daß die Vorstellung von der Absicht, die anfangs die Mittelidee war, welche sie vereinigte, nun ferner zwischen ihnen liegen und weiter dazu beiwirken soll.
    "Die Einbildungskraft trägt die Lust, welche ansonsten nur mit dem erreichten Endzweck unmittelbar verbunden ist, auf die Vorstellung vom Mittel und vom Erwerb desselben hin; und weiß sie demselben so fest einzuverleiben, als wenn sie ursprünglich ihnen zugehörte oder mit ihnen von Natur aus verbunden wäre."
Nach dem Assoziationssystem von HARTLEY soll aber die Idee von der Absicht immer dazwischen liegen und wirken. Die Idee der Absicht verknüpft das Vergnügen mit der Idee des Mittels als eine Mittelidee. Wenn auch die Idee der Absicht durch die Idee des Mittels unterdrückt wird, so wirkt sie doch weiter.
    "Die Assoziation des Vergnügens an der Vorstellung vom Geld ist also immer abhängig von der sie verbindenden Vorstellung der Absicht und diese Verbindung muß aufhören, wenn sich die letztere gänzlich aus der Seele verlieren würde. Daher sind es ansich dieselben Vorstellungen von dem, was man mit dem Geld machen kann, will und wird, und die nämlichen Hoffnungen auf das Vergnügen, das man sich vom Gebrauch desselben verspricht, die noch immerfort die Begierde des Geizhalses reizen und noch immer die Quelle seiner Lust sind." (II, 222)
Eine entgegengesetzte Hypothese behauptet, jedwede Art von Veränderungen habe eine eigene ursprünglich rührende Kraft in sich. Ein ungehindertes Denken, ein mächtiges Wollen und Wirken ist allein für sich ein ursprünglich angenehmer Zustand. TETENS erkennt sowohl die SEARCH'sche Übertragung als auch die HARTLEYsche Assoziationsidee an, doch bezweifelt er, daß diese Ansichten alles erklären. Mit folgendem sucht er die Möglichkeit einer Ursprünglichkeit einer affizierenden Empfindung oder Vorstellung zu beweisen. Es ist ein Unterschied zwischen abgeleiteten und ursprünglichen Affektionen.
    "Wo das Vergnügen oder der Verdruß in einer Empfindung nur anderswoher mit ihr verbunden und in sie übertragen ist und also in ihr selbst keinen Grund hat, da zeigt sich solches deutlich und am meisten an der Stärke und Dauerhaftigkeit, in der es mit ihr vereinigt bleibt. Es ist ein Unterschied, wenn die Empfindung für sich selbst ein Empfindnis ist, oder wenn sie es nachher für sich selbst wird und ein anderes, wenn sie es nur durch eine fremde begleitende Idee ist. Wenn uns die Phantasie zuerst gewisse Sachen anpreist und ihnen einen fremden Schein gibt, so veranlaßt sie, daß die Empfindungskraft auf diese Gegenstände sich mehr und inniger einläßt und daß sie mit der Begierde stärker auf einen gewissen angemessenen Ton gespannt und auf die Seele des Gegenstandes gerichtet wird, die sich für sie schickt." (II, 229)
Dies bringt also ein Verhältnis der Kraft gegen den Eindruck hervor, das vorher nicht vorhanden war und es entsteht ein Vergnügen an solchen Empfindungen, das in der Empfindung selbst jetzt gegründet ist; dadurch entsteht eine Empfänglichkeit des Gemüts für Empfindungen, die vorher gleichgültig waren. Es ist natürlich, daß das Kind nicht für jede Empfindung, jede Vorstellung usw. empfänglich ist. Eine Entwicklung der Empfindsamkeit geht daher der Ursprünglichkeit der Gefühle im allgemeinen voraus. Es ist richtig, wenn TETENS bemerkt, daß das Erlernen des  ABC  beim Knaben Empfindnis werden kann, wenn die Zuckerbuchstaben, die ein Vergnügen bereiten, das Affizierende vorbereitet haben. Genau betrachtet ist dies aber nichts anderes als eine Übertragung oder Assoziation. TETENS meint, wenn die ursprünglichen Empfindnisse nur sinnlich wären, dann müßte das menschliche Wohl immer dasselbe bleiben. Er rügt das Prinzip, alles aus  Einem  abzuleiten. Die menschliche Natur ist auf Entwicklung angelegt, ihre Selbsttätigkeit tendiert nach Fortschritt. Sollte nicht, fragt er, wenn jemand den Drang nach Wahrheit, den Drang zum Nachsinnen in sich fühlt, dies aus sich selbst Lust bewirken? Recht hat TETENS nur insofern, als er die durch die vorbereitete Empfindsamkeit affizierenden Empfindungen und Vorstellungen ursprünglich nennt. So will er auch verstanden sein, wenn er erklärt, alle Empfindnisse aus Vorstellungen sind abgeleitete Empfindnisse.

Die äußeren Empfindungen lassen in der Seele Dispositionen zurück, wodurch diese wieder reproduziert werden, durch die Eigenmacht der Seele wieder erweckt werden können, ohne daß dieselben Ursachen wiederum wirken. TETENS will untersuchen, ob die Empfindnisse auch Dispositionen in der Seele hinterlassen, wodurch sie auch reproduziert werden können, oder ob die gleichen Ursachen zur Reproduktion der Empfindnisse erforderlich sind. Den Zweifel, den TETENS hierüber hegt, zeigt er in der gleich zu Anfang gestellten Frage:
    "Ist es möglich", fragt er, "so wie eine Vorstellung durch eine mit ihr verbundene Vorstellung hervorgerufen wird, ohne daß diese Ursache ist, daß es sich bei Vorstellungen von inneren Empfindungen (so nennt er auch die Empfindnisse) ebenso verhält?"
Oft geht den wiedererweckten Empfindnissen eine wiedererweckte Vorstellung des Objekts voraus.
    "Das Vergnügen aus der Musik, die angenehme Wallung in der Seele, die wir in einem Garten empfunden haben, wird nicht in Gedanken erneuert, wie wenn die Vorstellungen von Musik und von diesem Garten wieder gegenwärtig sind." (I, 60f)
Wenn es so ist, dann bedarf es keiner von der Empfindnis zurückgebliebenen Spur, keiner Disposition. Bei der Vorstellung der äußeren Empfindung ist die Ursache nicht notwendig vorhanden. Die assoziierte Idee von einem  Turm,  wobei die Idee vom  Haus  wieder erweckt wird, ist offenbar keine physische Ursache, welche die letztere Vorstellung der Seele beibringen könnte. Nicht immer, meint TETENS, hat auch das wiedererweckte Empfindnis in derselben Ordnung die Einbildung jenes Objekts vor sich. Die Gemütsbewegungen assoziieren sich mit anderen äußeren Empfindungen und Vorstellungen, von welchen sie begleitet werden, von welchen sie hervorgebracht sind. Sie legen sich an ihre Wirkungen und Folgen, die aus ihnen entstehen, und an Zeichen, Worte und Ausdrücke an, worin sie äußerlich hervorbrechen. Die Gemütszustände vereinigen sich mit fremden Vorstellungen, mit welchen sie in keiner verursachenden Wirkung stehen. Durch solche Vorstellungen werden sie zur Reproduktion veranlaßt, aber nicht verursacht. Die Ideenassoziation verwirft dagegen jede Disposition zur Empfindungsvorstellung. Sie erklärt, alle Vergnügen kommen nicht anders wieder hervor, als durch dieselben Ideen, durch welche sie zuerst verursacht wurden. Wenn es auch den Anschein hat, als rufe eine Nebenidee die Lust hervor, so ist des doch eigentlich so, daß die Nebenideen assoziierte Ideen herbeiführen, in denen die bewegende Kraft enthalten ist, die die wirkenden Ursachen sind. Der Spieler sieht die Karten, die Idee vom Spielen, die damit verknüpft ist, erregt das Vergnügen. Es ist somit keine Disposition vorhanden, noch notwendig. "Die Fertigkeiten sind Fertigkeiten Ideen zu verbinden." TETENS widerlegt diese Ansicht, indem er kurzer Hand erwidert, die Frage, worin die Seelenveränderungen, die der innere Sinne empfindet, eigentlich bestehen, ist noch nicht entschieden.
    "Vielleicht ist das, was wir Vergnügen nennen, nichts anderes als ein Aktus der vorstellenden Kraft oder des Vermögens, Ideen zu verknüpfen, und zwar ohne daß die Seele andere Ideen besitzt, als die von den äußeren Objekten, die sie aus dem inneren Sinn empfangen hat." (II, 248)
Wir bemerken hier schon in voraus, daß TETENS noch nicht ganz das Gefühl vom Erkennen zu emanzipieren sich berufen fühlte. Um eine selbständige Reproduktion der Empfindnisse beweisen zu können, weist er darauf hin, daß wir uns eines Vergnügens erinnern, ohne zu wissen, woher es kam. Das ist aber meines Erachtens das sogenannte symbolische Vorstellen der Gefühle, wobei statt es eigentlich emotionalen Vorgangs nur Begleiterscheinungen, z. B. die somatischen Äußerungen und dgl. ins Gedächnis gerufen werden. Richtiger bemerkt wer, wenn man lustige Töne singt, so erwacht zuerst das Vergnügen und dann taucht die eigentliche verursachende Vorstellung auf, die früher das Vergnügen hervorrief, das sich ehedem in lustigen Tönen äußerte. Eine andere Erklärung hält er nicht für möglich, da hier keine Ähnlichkeits-, sondern eine Berührungsassoziation durch das Zwischenglied, das Vergnügen, vorliegt. Die Übertragung der Neigung von einer Idee auf andere müßte, wenn es anders wäre, nur Schein sein. Es sei mir erlaubt, hier schon auf die diesbezüglichen Ausführungen STÖRRINGs vorausnehmend hinzuweisen. TETENS ist aber seiner Ansicht selbst nicht treu geblieben, indem er durch seine Annahme von veranlassenden Ideen der Assoziationspsychologie weitgehende Konzessionen gemacht hat.
LITERATUR: Erich Simons, Die Entwicklung der Gefühlspsychologie in der Philosophie der Aufklärung bis auf Tetens, Köln 1916