ra-1 DialektikDie dialektische Methode     
 
RUDOLF HAYM
Hegel und seine Zeit

"Die notwendigen Formen und eigenen Bestimmungen des Denkens sind nach Hegel der Inhalt und die höchste Wahrheit selbst. Als die unendliche Form hat die logische Idee sich selbst zu ihrem Inhalt. Die logische Vernunft ist das Substantielle und Reelle, das alle abstrakten Bestimmungen in sich zusammenhält, und ihre gediegene, absolut-konkrete Einheit ist. Die Logik in dieser Haltung ist nur die Ausbreitung und Realisierung des absoluten Wissens. Von dorther ist uns daher der Sinn sowie der Irrtum klar, der in der Identifizierung der logischen und des metaphysischen Inhalts enthalten ist. Dieselbe ist die abstrakteste Formulierung für die Tendenz unseres Philosophen, im Denken als solchem Wirklichkeit zu erfassen, in der Beschäftigung mit den reinen Gedanken mehr als bloße  realitätslose Gedankendinge  zu haben."

"Wir haben es jetzt mit Gestalten und Wesenheiten zu tun, die für sich etwas zu sein scheinen; ein metaphysischer Himmel spannt sich vor uns aus; es ist in moderner Form die platonische Begriffsmythologie, wenn das Reich des reinen Gedankens als die Wahrheit bezeichnet wird, wie sie ohne Hülle  an und für sich ist,  wenn die Logik nichts Geringeres sein soll, als die Darstellung Gottes, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist."

Die Logik

Schon in der letzten Vorlesung habe ich einige Andeutungen über die veränderte Gestalt, welche die HEGELsche Logik gegen den ursprünglichen Entwurf aus dem Jahr 1900 angenommen hatte, nicht zurückhalten können. Es ist jetzt, angesichts des großen Werks über die Logik, an der Zeit, diese Veränderungen teils schärfer und vollständiger zu charakterisieren, teils nach ihren Gründen und ihrer Bedeutung darzulegen. Beinahe kein Stein - diesen Eindruck empfangen wir bei einer ersten Vergleichung - ist auf dem anderen geblieben. Aus zwei Wissenschaften ist eine, aus Logik und Metaphysik ein bloße Logik geworden. Diese Logik enthält das Meiste von dem, was die ursprüngliche Metaphysik, und sie enthält unendlich mehr, als die ursprüngliche Logik enthielt. Wir erinnern uns aus dem Manuskript vom Jahr 1800 der Überschriften: Beziehung, Verhältnis, Proportion, System von Grundsätzen, Metaphysik der Objektivität und Metaphysik der Subjektivität. Die drei Teile der "Wissenschaft der Logik" sind: das Sein, das Wesen, der Begriff überschrieben. Am meisten noch hält die spätere mit der früheren Logik in den ersten Partien gleichen Schritt. Auch in diesen jedoch sind die Bestimmungen nicht bloß vermehrt, sondern auch in eine andere Ordnung gerückt; was dort als Hauptabteilung auftrat, ist zur Unterabteilung geworden, und umgekehrt. Das Alte im Neuen wiederzuerkennen wird noch schwieriger in den späteren Partien. Durchweg verhält sich jenes zu diesem, wie die ersten Ansätze organischen Lebens zu einer vollendet entwickelten und mannigfach gegliederten Organisation.

Eine reiche Erfahrung des Denkens, eine gehaltvolle innere Entwicklung lag zwischen den beiden Arbeiten in der Mitte. Wenn HEGEL jetzt die Ausarbeitung einer Logik unternahm, so tat er es von ganz anderen Gesichtspunkten, mit vielfach anderen Zwecken, Herr über ein weit reicheres Material, als zu Beginn seiner philosophischen Laufbahn. Daher die zahllosen Abweichungen der beiden Redaktionen im Einzelnen, daher die entscheidenden und prinzipiellen Unterschiede.

Im Aufsteigen zur Idee des absoluten Geistes - so war der ursprüngliche Plan des Systems - mußte zuerst das  wahre Erkennen  begriffen, und mußte zweitens dieses Erkennen als objektiv in der Form des  absoluten Geistes  existierend nachgewiesen werden. Der ganze Weg bis zu diesem Punkt brach demnach in zwei Teile auseinander. Nach dem Grundgedanken zwar des Systems war die Entwicklung, die sich durch diese beiden Teile hindurchzog, durch nichts anderes gesetzt, als durch den einen seine eigene Idee herausarbeitenden absoluten Geist. Die Darstellung jedoch schwankte im einzelnen fortwährend zwischen der Hervorkehrung des Moments der subjektiven Reflexion und der in den Bestimmungen selbst enthaltenen objektiven. Nach dieser Unterscheidung schied sich insbesondere die Logik von der Metaphysik. Es war die  Form  des absoluten Geistes, die sich in jener durch  unser  Denken erzeugte: es war der  Inhalt  des absoluten Geistes, der sich in dieser durch  Selbstreflexion  zu befestigen begann.

Diese mit dem Grundgedanken streitende Darstellung hatte nun aber zu einer Krisis geführt. HEGEL hatte mit jenem Grundgedanken Front gemacht gegen das subjektivistische Philosophieren seiner Vorgänger. Die wahre Philosophie beginnt erst da, wo der Gegensatz von subjektivem Denken und gegenständlicher Bestimmtheit aufgehört hat. Alle bloß subjektiven Formen und Betrachtungsweisen haben ihren Grund lediglich in der Natur des menschlichen Bewußtseins, und diese Natur wiederum ist nur vom Standpunkt des absoluten Geistes aus zu begreifen. Aus diesem höchsten, übersichtlichem Standpunkt hatte HEGEL daher die verschiedenen Verhaltensweise des Bewußtseins der Kritik unterworfen. Er hatte in der Phänomenologie das empirische Bewußtsein und das Bewußtsein der Kantischen und Fichteschen Philosophie kritisiert. Er hatte mit diesem Werk ebenso  sich selbst  nach allen denjenigen Bestimmungen und Wendungen seiner ursprünglichen Logik und Metaphysik kritisiert, welche mit der Fundamentalidee des Systems nicht im Zusammenklang standen. Alles Schwanken, ja, aller Schein eines Schwankens, ob im philosophischen Denken nur eine subjektive Beziehung oder die Sache selbst gedacht werde, mußte ein für allemal verschwinden, seit die Phänomenologie das philosophische Bewußtsein als das Bewußtsein von der Identität des Seins und Denkens dargestellt hatte. Die Greenze mithin zwischen Logik und Metaphysik bricht zusammen.  Die Logik ist als solche zugleich Metaphysik und die Metaphysik ist ebensosehr Logik.  Im ausdrücklichen Anknüpfen an die Phänomenologie setzt HEGEL diesen identischen Charakter seiner nunmehrigen "Wissenschaft der Logik" auseinander. Schon im Sommer 1806 hatte er unter dem Namen der "spekulativen Philosophie" die Phänomenologie und die Logik zu  einer  Vorlesung verbunden, indem er jene als Einleitung zu dieser behandelt und aus dem Begriff des absoluten Wissens, dem Schlußergebnis der Phänomenologie, unmittelbar zum Begriff des reinen Seins, dem Anfangsbegriff der Logik, übergegangen war. In der Phänomenologie, wie auch in seinem großen logischen Werk motiviert er diesen Übergang und gibt an, wie diese Kontinuität gedacht ist. Wir haben am Schluß der Phänomenologie anhand des Philosophen eine Bewußtseinsform erreicht, für welche der Gegensatz von Sein und Wissen nicht mehr existiert. Der Geist und die Gegenständlichkeit, Subjekt und Objekt, ist identisch. Damit nun hat sich der Geist "das Element des Wissens" bereitet, aus dem er fortan nicht wieder heraustritt. In diesem Element des Wissens "breiten sich jetzt die Momente des Geistes in der Form der Einfachheit aus, die ihren Gegenstand als sich selbst weiß". Die reine Wissenschaft, oder die Logik, "enthält den Gedanken, insofern er ebensosehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie ebensosehr der reine Gedanke ist". Mit dem transzendentalen Wert der Denkbestimmungen, so wird anderwärts auseinandergesetzt, d. h. mit ihrer Beziehung auf die Subjektivität und der Grenzbestimmung dieses Subjektiven gegen ihr Ansich, habe sich die Kantische Philosophie beschäftigt. Die Rücksicht auf diese Beziehung liege nunmehr dahinten; durch die Phänomenologie sei dieselbe abgestreift und erledigt. Das Interesse dürfe sich jetzt daher auf den  Inhalt  der Denkbestimmungen richten. Ebendamit werde die Logik oder das System der Denkformen zugleich das System der objektiven Gedanken. Die von ihrer subjektiven Beschränktheit befreite Logik werde von selbst zur rehabilitierten Metaphysik. Indem sie die Bestimmungen des Seins und Wesens in ihren ersten beiden Teilen abhandle, trete sie geradezu an die Stelle der alten Ontologie, umfasse sie ebenso auch die übrige Metaphysik, das Denkwesentliche an den Vorstellungen von der Seele, der Welt und Gott.

Wie aber in der Phänomenologie das System einen neuen Anfang, so hatte es in der Darstellung, wie der absolute Geist in Kunst, Religion und Wissenschaft sich selbst erfasse, auch einen neuen  Schluß  bekommen.  Dieser neue Schluß wirkte auf die Logik nicht minder zurück als der neue Anfang.  Hatte dieser die Grundwissenschaft vom Hineinscheinen transzendentaler Beziehungen gereinigt, so reinigte sie jener von Bestimmungen, die vielmehr in die Sphäre des konkreten als in die des logischen Geistes gehörten.

Im ersten Entwurf hatte HEGEL bereits am Schluß der Metaphysik die ganze Idealität des absoluten Geistes auftreten lassen und den übrigen Teilen des Systems nur noch die Darstellung von dessen Realität in Natur und Sittlichkeit vorbehalten. Die Frage, ob dies richtig oder nicht richtig war, ist nur aus dem Sinn des Systems selbst zu beantworten, und es ergibt sich hieraus und aus der Doppeldeutigkeit, die in diesem System der Begriffe des Realen hat, daß die ältere Ordnung als gleich richtig wie die neue angesprochen werden kann. Wie dem auch sei! Nachdem einmal die Lehre von der Seele in der Psychologie, die Lehre vom höchsten Wesen in der Religionsphilosophie einen Platz erhalten hatte, so war es unvermeidlich, daß diese nach dem älteren Sprachgebrauch spezifisch metaphysischen Themata von der Logik ausgeschlossen würden, und daß im Geschäft der ersten Konstituierung des absoluten Geistes nichts antizipiert würde, was über die ganze allgemeine "Idee" dieses Geistes hinausginge.

Aber für eine solche Verengung und Verkürzung des logisch-metaphysischen Teils des Systems, wurde derselbe nach einer anderen Seite hin mehr als entschädigt. Nach Form und Inhalt hatten die übrigen Teile manches an sich gezogen, was ursprünglich ihm angehörte: um das Zehnfache  bereicherte  er sich hinwiederum aus den Schätzen der Natur- und Geistesphilosophie.' Nach einer vielfachen und stets tieferen Beschäftigung mit den konkreten Wissenschaften kehrte HEGEL jetzt zur Logik zurück. Er brachte denselben Gewinn daraus mit, den der Grammatiker oder der Lexikograph aus einer erweiterten Lektüre der Schriftsteller davonträgt. Die realen Disziplinen hatten ihn mit einer reichlichen Beispielsammlung für das Logische ausgerüstet. Er hatte im Gebiet der Natur und des realen Geistes eine Menge bisher übersehener Gedankenbestimmungen entdeckt. Sowohl der etymologische wie der syntaktische Teil der Logik hatte sich ihm erweitert. Beide hatte sich nicht erweitern können, ohne sich zugleich zu berichtigen. Die Regeln dieser Denkgrammatik, die Definitionen dieses Gedankenlexikons hatten sich vermehrt und verschärft, besser geordnet und feiner nuanciert. Wir sehen daher hier die Reihenfolge der Kategorien geändert. Hier sehen wir wieder zwischen die Bestimmungen der ursprünglichen Logik eine Anzahl von Zwischenstufen eingeschoben. War ursprünglich z. B. unter dem Kausalitätsverhältnis als synonym zusammenbegriffen war, das tritt jetzt in verschiedenen Kapiteln auseinander: es wird besonders von der Ursache und Wirkung und besonders von der Kraft und ihrer Äußerung, vom Inneren und Äußeren gehandelt. Andere Bestimmungen fehlten in der früheren Logik gänzlich. Erst in der Naturphilosophie hatte HEGEL, und zwar sehr umständlich, die logisch-dialektische Natur des Mechanismus, des chemischen und des Lebensprozesses auseinandergesetzt. Diese und andere Auseinandersetzungen wandern jetzt in die Logik hinüber, um als Verbindungsglieder zwischen früher dicht zusammengestellte Kategorien in die Mitte geschoben zu werden.

Noch andere Kategorien, um welche die neue Logik reicher ist als die alte, verdanken ihren Ursprung einer abermals andere Quelle. Einer Quelle, aus welcher zu schöpfen unser Philosoph seit langem gewöhnt war. Seine Aufmerksamkeit auf alle Wirklichkeit hatte außer der Dimension in die Breite auch eine Dimension in die Tiefe. Er suchte die Wirklichkeit der allgemeinen Gedanken in der Gegenwart des natürlichen und geistigen Lebens: er suchte sie nicht minder im zeitliche Verlauf und in der geschichtlichen Vergangenheit des Denkens. Er kehrt zur Logik nach einer gründlichen Beschäftigung mit der  Geschichte der Philosophie  zurück. In die Gedankenwelt muß all dasjenige als ein organisches Glied eingeordnet werden, was jemals als wesenhafter Gedanke in der Geschichte aufgetreten ist. Schon im ersten Entwurf hatte die WOLFF-LEIBNIZsche und die KANT-FICHTEsche Philosophie einen bedeutsamen Stoff für die Metaphysik hergegeben. Wenn wir jetzt unter den Kategorien der "absoluten Indifferenz" oder dem "Absoluten" mit seinen "Attributen und Modus" begegnen, wenn wir in besonderen Unterabteilungen das "Eins und das Leere", oder den Schein im Gegensatz zum Wesen behandelt finden, so würden wir, auch ohne ausdrücklich darauf hingewiesen zu werden, nicht verkennen, daß es die Gedanken SCHELLINGs und SPINOZAs, die leitenden Gesichtspunkte des Atomismus und des Skeptizismus sind, welche die neue Logik kritisiert, indem sie ihre objektive Berechtigung in der erkennenden Selbstentwicklung des Geistes anerkennt.

Aber Kritik im eminenten Sinn des Wortes über diese Logik vorzugsweise an  einem  der früheren Systeme. Seit der Jenaer Periode hatte HEGEL die ausdrückliche Auseinandersetzung mit der Reflexionsphilosophie als unerläßlich erkannt. Diese Auseinandersetzung, zunächst in besonderen Abhandlungen vollzogen, war bereits in der Phänomenologie in die systematische Form verflößt worden. Sie dringt jetzt in die Logik, die ja von Haus aus an der Kritik der reinen Vernunft einen Leitfaden gehabt hatte.  Die widerlegende Beurteilung des Kantianismus durchzieht die "Wissenschaft der Logik" von einem Ende zum andern.  Diese verhält sich zu KANT, wie KANTs erste große Hauptschrift sich zu WOLFF und HUME verhielt. In KANT erblickt HEGEL, wie KANT in HUME, seinen Vorgänger; es ist, meint er, das große Verdienst der Vernunftkritik, auf die immanente dialektische Natur der Vernunft aufmerksam gemacht zu haben. Gerade deshalb aber kann die wahre Kritik der Vernunft nur in einer Selbstkritik derselben bestehen. Die Gefahr und der Irrtum ist nicht darin zu sehen, daß die Vernunft transzendent wird, sondern darin, daß sie von ihrem eigenen Inhalt scheu zurücklenkt und sich in transzendentale Beziehungen festbannt. Die Kritik der reinen Vernunft muß nur  bis ans Ende  vollzogen werden. Ihr negatives Resultat löst sich dann von selbst in ein positives auf: die  Kritik  der Vernunft verwandelt sich in das  System  der Vernunft.

Und weiter. Wie die Auseinandersetzung mit dem Kritizismus, so hat die Wissenschaft der Logik  auch die Auseinandersetzung mit der Philosophie der Romantik in ihrem Rücken.  Vielmehr: sie ist nichts als die Systematisierung dieser Auseinandersetzung. Sie erst gibt jenem antiromanischen Manifest in der Phänomenologie-Vorrede den vollen Nachdruck einer wissenschaftlichen Tat. Was die Phänomenologie nur durch ihre methodische Form, das leistet sie durch die Sache selbst, indem sie ganz in der Begründung dieser Form aufgeht. Vorüber, so sagt die Vorrede zur Logik, sei die Zeit, wo es vornehmlich um die Erwerbung und Behauptung des neuen philosophischen Prinzips in seiner unentwickelten Intensität zu tun gewesen: es handle sich fortan um die Entwicklung dieses Prinzips zur Wissenschaft. Zur Wissenschaft: und eben die Logik wird als die Quintessenz und als die  conditio sine qua non  [Grundvoraussetzung - wp] aller wissenschaftlichen Arbeit bezeichnet. Sie eben ist die reine Darstellung der von der romantischen Philosophie verachteten und vernachlässigten Methode. Wenn in der Phänomenologie dieser Wissenschaftlichkeit bereits gehuldigt wurde, so geschah es, um am Schluß wieder in den SCHELLINGschen Standpunkt einzumünden. In der Logik bildet dieser Standpunkt den Ausgang, um im Verlauf des Weges einen Inhalt zu produzieren, von dem das Identitätssystem keine Ahnung hatte. Dieses System ist vielmehr mit seiner Methodenlosigkeit und seiner ganz auf Borg und Kredit gegründeten Haushaltung, mit seinem rohen und kahlen Formalismus, seiner vornehmen Oberflächlichkeit und geistreichen Gedankenlosigkeit wird auf allen Punkten angegriffen. Vor den scharf umrissenen Bestimmungen dieser Logik erblassen die luftigen Gestalten der SCHELLINGschen Philosophie. Ja, ihr  Prinzip  selbst wird auf der Hälfte des Weges als ein überwundendes in einer untergeordneten Region der Gedankenwelt festgebanntes zurückgelassen. Wo diese Logik gilt, da gerade ist SCHELLING niemals hingedrungen. Gerade in dieser Logik aber sucht HEGEL zumeist das Wesen seiner und aller wahren Philosophie.

Mit diesem starken Akzent endlich, den das logische Werk überhaupt auf das Thema legt, welches es behandelt, verbindet sich eine  neue Vorstellung von der Aufgabe aller philosophischen Darstellung und ein neuer Sinn für die schriftstellerische Form.  HEGEL hatte nur mühsam gelernt, seine Gedanken zur Verständlichkeit für andere herauszuarbeiten. Die Phänomenologie, als "Erster Teil des Systems" bezeichnet, mußte Besorgnisse erwecken, ob dasjenige, was dadurch eingeleitet werden sollte, nur irgendwie zugänglich sein würde. Unter dem Titel eines "Zweiten Teils" sollten nach der anfänglichen Absicht die drei weiteren und ursprünglichen Glieder des Ganzen: Logik, Naturphilosophie und Geistesphilosophie zusammen veröffentlicht werden. Wäre dieser Plan ohne dazwischenliegende Pause zur Ausführung gekommen, so konnte der Logik unmöglich die umständliche und sorgfältige Ausführung zuteil werden, die sie jetzt erhielt. Wir würden als zweiten Teil zur Phänomenologie die ganze HEGELsche Philosophie, und zwar in einer ebenso schwerfälligen und gespannten Sprache zu lesen bekommen haben, wie die, welche jenes Werk charakterisiert. Daß es anders ist, war die Frucht von HEGELs Lehrtätigkeit am Nürnberger Gymnasium. Die scholastische Form, welche in der Phänomenologie von der poetischen Darstellung der verschiedenen Bewußtseinsstufen und von der dunklen Bildlichkeit des Ausdrucks verdeckt war, tritt in der Logik geflissentlich in den Vordergrund. Alle Affektionen, alles Pretiöse und Stelzenhafte ist aus dem Stil der Logik verschwunden. Die Absicht ist: es soll so deutlich und so schulmäßig geredet werden, wie möglich. Jede direkte Konkurrenz mit den Werken der Poesie ist mit Bewußtsein aufgegeben. Jenes atem- und ruhelose Fortgehen von Stufe zu Stufe, welches den Leser der Phänomenologie ermüdet, findet sich in der Logik nicht mehr. Hier sind überall Haltpunkte und Einschnitte. Nicht "die runde Sache", wie HEGEL bei späterer Gelegenheit sich einmal ausdrückt, sondern die Sache, wie sie faßbar ist, wird uns angeboten. Überall werden der Reflexion, jenem zum "spekulativen" und "dialektischen" Denken erst erziehenden Verstand, dem Verstand, zu dem sich HEGEL bei seinen Schülern herablassen mußte, die wünschenswertesten Zugeständnisse gemacht. Allerorten orientieren vorläufige Einteilungen, Übersichten und Inhaltsangaben den Leser. Durch Zahlen und Buchstaben wird dem Auge und durch das Auge dem Verständnis zu Hilfe gekommen. In zahlreichen Anmerkungen werden mögliche Mißverständnisse und Einwände beseitigt, gegnerische Standpunkte und Gründe beleuchtet, wird der Begriff zur Vorstellung heran-, die Vorstellung zum Begriff hinaufgeführt. Ja, diese  Unterscheidung von Text und Anmerkungen  ist geradezu der wichtigste Charakterzug der formellen Beschaffenheit der Logik. Die Bewußtseinsstufen in der Phänomenologie waren unmittelbar zugleich Epochen der Geschichte; logische wie konkrete Bestimmungen hingen sich unmittelbar an die Charakteristik des Verhältnisses, in welchem das Bewußtsein zu seinem Gegenstand stehe. All das war zu einem dicken Gewebe ineinandergewirrt, in welchem sich mit dem Verständnis zugleich die Überzeugung verwickelte. Die Gestalten der Logik haben gleichfalls geschichtliche Existenz. Sie sind nach HEGEL ansich zwar "von aller sinnlichen Konkretion befreit", aber darum nicht weniger die Mächte, auf denen "die Entwicklung alles natürlichen und geistigen Lebens beruth". Nach dem Stil der Phänomenologie nun würde es gerechtfertigt sein, die Schilderung dieses konkreten Lebens unmittelbar in die Definition jener abstrakten Wesenheiten hineinzuweben. Die Logik, ihrem eigensten Gehalt nach, - wir werden uns davon überzeugen, - ein viel feineres und täuschenderes Gespinst aus Gedanken und Wirklichkeit, zeigt nichtsdestoweniger überall das bestimmte Streben, den Schein aller derartigen Verwirrung zu vermeiden. Jene konkreten Gestalten treten hier in der Regel  erläuternd und exemplarisch  zur abstrakten Entwicklung hinzu; sie bilden nicht mit dieser zusammen einen einzigen, sondern sie bilden einen Anmerkungstext neben dem Haupttext. Kein geringes Lob aber ist es endlich für die "Wissenschaft der Logik", daß die didaktische und schriftstellerische Weisheit ihres Verfassers sich mit dem philosophischen und künstlerischen Plan des Ganzen ins Gleichgewicht zu setzen vermocht hat. Der Baumeister hat es verstanden, sein Gebäude gerade dadurch zweckentsprechend zu machen, daß er es schön machte. Seine didaktische Kunst geht Hand in Hand mit seiner  architektonischen.  Nicht deshalb ist die Logik verständlich, weil sie im Ganzen wie im Detail ihrer Gliederung die größte Regelmäßigkeit und Symmetrie zeigt. Ich kann mich nicht erwehren, diese ihre Beschaffenheit mit der neuen Lokalität in Zusammenhang zu bringen, der sie ihren Ursprung verdankt. HEGEL war in Nürnberg von Bau- und Skulpturwerken deutscher Kunst umgeben. Unwillkürlich prägt sich dem Geist der Sinn jener Meister ein, die sich neben der Begeisterung für einen großen Gedanken die Geduld für die kleinkünstlerische Ausführung eines oft mikroskopischen Details zu erhalten wußten. HEGEL arbeitete in einem härteren Stoff, als die ADAM KRAFT und PETER VISCHER. Seine Logik und die gleichzeitig sich formierende Enzyklopädie sind Werke, die der Geist eines modernen deutschen Denkers gleichsam im Wetteifer mit der Handwerkskunst des Mittelalters geschaffen hat.

Alle diese Eigenschaften der neuen Logik nun aber führen uns eine eigentümliche Schwierigkeit mit sich. Aus dem Drang nach Leben und Realität, aus dem jugendlichen Ideal von der Welt als einem schönen Kosmos sahen wir das HEGELsche System ursprünglich erwachsen. Diesem Ideal hat nachgerade die Arbeit der Reflexion alle Frische, die ganze Fülle und Farbe der Jugend genommen. Unsere Überzeugung, daß wir es dennoch auch in der Logik, wie sie jetzt ist, immer noch mit den alten Motiven und dem alten Ideal zu tun haben, kann sich durch die stetige Verfolgung der durchlaufenden Metamorphosen nur befestigt haben. Allein es ist schwer, durch die scholastischen Runzeln, die sich in der Physiognomie des Systems gebildet haben, den Ursprungstypus desselben hindurchzuerkennen. Was weich und biegsam war, ist verknöchert; und den Kern hat sich eine vielschichtige Schale gelagert; um soviel sich philosophisch das System vervollkommnet hat, um so viel hat es seinen einfachen Gehalt der Anschauung und Empfindung aus dem Gesicht gerückt. Wir müssen die Logik ganz so sehen, wie sie sich selbst gibt. Wir müssen andererseits alle Kraft der Erinnerung und alle Sehkraft aufbieten, um über der philosophischen Meinung nicht den menschlichen Sinn, über der Form nicht den realen Kern entschlüpfen zu lassen.

Treten wir zunächst der allgemeinen Bestimmung näher, daß diese Logik in Eins zugleich Metaphysik sei. Die Bestimmungen, die ihren Inhalt ausmachen, werden auf der einen Seite als die "reinen  Wesenheiten"  bezeichnet - auf der anderen Seite wird gesagt, daß sie "das reine  Wissen  im ganzen Umfang seiner Entwicklung" darstellen, oder daß es der "Begriff des begreifenden Denkens" sei, der sich im Verlauf der Logik erzeuge. Die notwendigen Formen und eigenen Bestimmungen des Denkens sind nach HEGEL "der Inhalt und die höchste Wahrheit selbst". Als die unendliche Form hat die logische Idee sich selbst zu ihrem Inhalt. Man suche, heißt es in der Einleitung, für die abstrakten Formen in der Logik einen Inhalt, ein substantielles Wesen außer ihr. Die logische Vernunft aber sei selbst "das Substantielle und Reelle, das alle abstrakten Bestimmungen in sich zusammenhält, und ihre gediegene, absolut-konkrete Einheit ist". Diese Deckung von Wissen und Wesenheit, von Form und Inhalt erklärte sich uns vorhin aus der Kontinuität der Logik mit der Phänomenologie. Die Logik in dieser Haltung ist nur die Ausbreitung und Realisierung des dort begründeten Standpunktes des absoluten Wissens. Diesem Standpunkt, sowie dem Beweis für denselben, haben wir früher auf den Grund geschaut. Schon von dorther ist uns daher der Sinn sowie der Irrtum klar, der in der Identifizierung der logischen und des metaphysischen Inhalts enthalten ist. Dieselbe ist die abstrakteste Formulierung für die Tendenz unseres Philosophen,  im Denken als solchem Wirklichkeit zu erfassen, in der Beschäftigung mit den reinen Gedanken mehr als bloße "realitätslose Gedankendinge" zu haben.  Allein es lohnt sich, dieser Tendenz nunmehr gerade auf logischem Gebiet zuzusehen. Hier soll sie sich faktisch bewähren und systematisch vollziehen. Was die Phänomenologie in subjektiver Wendung, dasselbe will die Logik in objektiver Haltung beweisen. Wie glückt es dem Philosophen, und wie stellt er sich an, wenn er nun Ernst macht mit jenem subjektiv-objektivem, jenem abstrakten und doch zugleich wirklichkeitsvollen Denken?

Der äußere Spiritualismus im fortwährenden Kampf mit der kräftigsten Realitätstendenz,  das, um es kurz zu sagen, ist das wunderliche Schauspiel, das sich uns darbietet. Hier ist zugleich PLATON und ARISTOTELES. Wie PLATON, im Wetteifer mit der plastischen Kunst seines Zeitalters, spröde Begriffsgestalten als das wahrhaft Wirkliche am unsichtbaren Ort aufstellte, so wird uns hier eine Reihe von Bestimmungen aufgezeigt, deren Körper ihre eigene Idealität sein soll. Wie ARISTOTELES die Ideen des PLATON nur als das begriffliche Eins in und am Vielen, und andererseits als die im Stoff der Wirklichkeit sich regenden Mächte anerkannte, so ergänzt sich auch hier der Wert jener Bestimmungen durch den Hinweis auf ihre Geltung im Realen, und ihr metaphysischer Charakter schwindet zu der Bedeutung zusammen, daß sie "die Grundlage und das innere einfache Gerüst der Formen des Geistes ausmachen". Wir haben es jetzt mit Gestalten und Wesenheiten zu tun, die für sich etwas zu sein scheinen; ein metaphysischer Himmel spannt sich vor uns aus; es ist in moderner Form die platonische Begriffsmythologie, wenn das Reich des reinen Gedankens als die Wahrheit bezeichnet wird, "wie sie ohne Hülle an und für sich ist", wenn die Logik nichts Geringeres sein soll, als "die Darstellung Gottes, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist". Aber im selben Moment zerrinnt die Poesie dieser Auffassung. Es sind "Formen" und "Schatten", mit denen wir es zu tun haben; ausdrücklich wird uns versichert, daß wir uns mit einem "isolierten System von Abstraktionen" beschäftigen, und daß diese Abstraktionen Existenz und Wirklichkeit nur in der Welt haben, die wir verließen, um jenes Schattenreichs ansichtig zu werden.

Es ist zunächst im  Verhältnis der Logik zur Realphilosophie,  woran der Dualismus dieser Auffassung klar wird. Vergeblich, daß an zahlreichen Stellen jene sich zu dieser in ein klares Verhältnis zu setzen versucht. Allerdings, so wird an der betreffenden Hauptstelle gesagt, könne die Logik als die formelle Wissenschaft nicht auch diejenige Realität enthalten, welche der Inhalt der Wissenschaft der Natur und des Geistes sei. Allerdings treten diese konkreten Wissenschaften zu einer reelleren Form der Idee heraus als die Logik. Allein  formal,  wie die Logik sei, sei sie der Wissenschaft der  absoluten  Form; es sei die Natur der absoluten Form, an ihr selbst ihre Realität zu haben; gerade diese Realität sei die wahrste, die  Wahrheit selbst  und die  reine  Wahrheit, diejenige Realität, deren Bestimmungen noch nicht die Form "der absoluten Unmittelbarkeit" oder eines "absoluten Andersseins" haben. So HEGEL - und man versuche es nun, nach dieser Auseinandersetzung anzugeben, ob seine Philosophie in der Metaphysik oder in der Pysik und Ethik ihren eigentlichen Sitz hat. Man versuche es, anzugeben, ob sie das Wirkliche höher stellt, als das Logische, oder das Logische höher als das Wirkliche. Ist ihr die einheimische Realität des Begriffs oder die Realität, in welcher der Begriff einheimisch ist, die vollendetere und echtere Realität? Ist ihr die Logik die wahre Realphilosophie oder sind es die konkreten Wissenschaften der Natur und des Geistes?

Aber vielleicht wird uns über das Verhältnis dieser zwiefachen Realität der Punkt Aufklärung geben, an welchem sich die Logik zur Naturphilosophie hinüberwendet. Und in der tat, daß es eine andere Realität ist, die dem Begriff als solchem innewohnen soll, und eine andere Realität, die sich in der erscheinenden Welt ausbreitet, dies freilich wird bei dem Übergang in die Naturphilosophie vollkommen klar. Zugleich jedoch hat eben damit die Duplizität dieser ganzen Philosophie, der Wirklichkeit gegenüber, hier ein Ende. Will sie auf den Refrain ihrer Logik beharren, daß der Begriff nicht bloß die wahre, sondern alle Wirklichkeit ist, so muß die Logik die ganze Philosophie sein, so muß mit ihr das System schließen. Allein dieselbe realistische Tendenz, welche den Begriff mit Realität belehnte, treibt über diesen realistischen Begriff zum Begreifen der eigentlichen Realität fort. Die Frage ist nur, wie das Geständnis eingeleitet werden soll, daß der mit Wirklichkeit vollkommen gesättigte Begriff doch noch das Bedürfnis haben soll nach einer  anderen  als  seiner  Realität. Hier offenbar war der erste Entwurf der Logik in einem entschiedenen Vorteil gegen die neue Redaktion. Viel stärker akzentuierte jener die Geistesnatur der absoluten Idee, die am Schluß der Metaphysik auftrat; viel bestimmter war das Ganze damals über dem Schema des bei sich seienden, sich objektivierenden und endlich zu sich zurückkehrenden Geistes aufgebaut. Dieses Schema muß nun auch jetzt in Anspruch genommen werden; diese konkretere Fassung der absoluten Idee muß auch jetzt aushelfen. Die Idee demnach, so drückt sich HEGEL aus, wird, nachdem sie sich am Schluß der Logik zu ihrer höchsten Stufe erhoben hat, zur "Schöpferin der Natur", sie "entläßt sich frei", sie "entschließt sich, sich als äußerliche Idee zu bestimmen", um sich aus dieser Äußerlichkeit in vollendeter Geistesform wieder zu sich emporzuheben.

Allein diese Ausdrücke, durch welche die Idee personifiziert wird, stehen sichtlich mit dem ganzen Charakter des Logischen im Widerspruch. Wir sind in Wahrheit am Schluß der Logik genau da, wo wir am Schluß der Phänomenologie waren. Im "absoluten Wissen" bereits soll jene Realität besiegt sein, die dem Bewußtsein als eine für sich geltende Gegenständlichkeit gegenübertritt. In der "absoluten Idee" wiederum soll die absolute Eineit von Begriff und Realität erreicht sein. Die wahre Sachlage ist, daß das absolute Wissen sich in der Logik mit lauter abstrakten Bestimmungen beschäftigt, daß die absolute Idee, wie HEGEL selbst es ausdrückt, "in den reinen Gedanken eingeschlossen", daß die Logik "die Wissenschaft nur des göttlichen Begriffs ist", und daß, um zur Realität zu gelangen,  ein völlig neuer Anfang gemacht werden muß.  Naiver und einfacher kann dieses ganze Verhältnis, das Verhältnis einer bloßen Scheinrealität zur wirklichen Realität, das Verhältnis von eingebildeter, erräsonnierter, metaphysischer zu anschaubarer und lebendiger Realität nicht ausgesprochen werden, als es am Schluß der Logik geschieht. "Die systematische Ausführung, welche die absolute Idee in der Logik erhält, ist zwar selbst eine Realisation, aber innerhalb derselben Sphäre, der Sphäre des reinen Gedankens gehalten. Weil die reine Idee des Erkennens insofern in der Subjektivität eingeschlossen ist, ist sie  Trieb,  diese aufzuheben, und die reine Wahrheit wird als letztes Resultat auch der Anfang einer anderen Sphäre und Wissenschaft."

Dieses Geständnis von der Unzureichenheit der Logik, dieses naive Abbrechen des logischen Weges, dieses unvermittelte Übergehen aus einer spiritualistischen in eine realistische Realität sticht aufs Grellste gegen das langatmige Pathos ab, womit durch die ganze Logik hindurch an der Selbstgenügsamkeit des Begriffs festgehalten und seine immanente Realität gepriesen wird. Mit jener ideologischen Vornehmheit, die dem PLATON so schön steht, wenn er gegen die frivolen Ansichten der Sophisten ankämpft, wehrt HEGEL wiederholt diejenige Ansicht von der Realität ab, wonach zu ihr die in Raum und Zeit bestimmte Anschauung gehöre, die Realität, "über welche sich erhoben zu haben Bedingung des Denkens und der Wahrheit sei". Nur mit mitleidigem Ausdruck erwähnt er den Respekt, welchen KANT vor dieser Realität zu hegen sich nicht entheben konnte; das Sinnliche nämlich sei ihm "zu mächtig gewesen, um davon weg zur Betrachtung der Kategorien an und für sich und zu einem spekulativen Philosophieren kommen zu können." Seiner von uns so oft bemerkten Polemik gegen die "realitätslosen Gedankendinge", mit denen die Kantische Philosophie sich zu schaffen mache, korrespondiert auf der gegenüberliegenden Seite die Verachtung der vom Begriff getrennten Realität, welche eine bloße Erscheinung und in Wahrheit ein Nichts sei. Nur der Gedanken und nur dasjenige Denken sei wahr, worin ansich Realität enthalten sei: mit der Durchführung dieser Ansicht beschäftigt sich die ganze Logik, - bis sie am Schluß auf einmal gewahr wird, daß noch eine ganze Welt von Realität ihr zur Seite liegt, der gegenüber selbst die absolute Idee, die realitätsvollste aller logischen Kategorien, etwas "in den reinen Gedanken Eingeschlossenes" sei!

Vielmehr aber: nicht bloß an den Grenzen, sondern schon  innerhalb der Logik selbst  ist dieses Wechselspiel von Gedanken und Realität fortwährend zu beobachten. Der ganze Gang derselben, im Großen betrachtet, besteht in gar nichts anderem als darin, daß Gedankenbestimmungen "realisiert" werden, und daß die Realität, welche auf diese Weise gewonnen ist, immer wieder spiritualistisch gefaßt und dadurch illudiert [illusionisiert - wp] wird. So wird der Gang von Sein und Wesen zum Begriff und vom Begriff zur absoluten Idee so dargestellt, daß auf der ersten Hälfte dieses Weges die Realität im Begriff verschwunden sei, und daß der Begriff diese verschwundene Realität nunmehr auf der zweiten Hälfte des Weges "in und aus sich" von Neuem bilde. Wohlgemerkt jedoch, nicht so, "daß er zu einer fertigen, ihm gegenüber gefundenen Realität wieder zurückfällt", sondern vielmehr so, daß er "durch die in ihm selbst gegründete Dialektik zur Realität so übergeht, daß er sie aus sich erzeugt". Schon die Benennung einer ganzen Reihe von Kategorien deutet sehr bestimmt auf die inmitten des Spiritualismus und diesem zum Trotz fortwährend zur Realität hinarbeitende Tendenz. Wir stoßen nacheinander auf das Sein, das Dasein, die Existenz, die Wirklichkeit, die Substantialität, die Objektivität, und diesen nach Realität schmeckenden Kategorien folgen dann jedesmal andere, welche in das Element des Gedankens zurückleiten. Immer von Neuem wird aus der Abstraktion zur Wirklichkeit dekliniert: immer von Neuem wird diese Wirklichkeit im Äther der Abstraktion verdampft, und im auf und niedersteigenden Rhythmus der Methode nähern wir uns der daseienden Welt nur, um von dieser wieder in die gedachte, und ebenso umgekehrt zurückgestoßen zu werden.

Wenn es nun aber so ist: wie ist es möglich, daß die Jllusion, als ob die logischen Bestimmungen an sich selbst alle Wirklichkeit enthielten, sich einen so langen Weg hindurch erhält? In der Phänomenologie wurde die Täuschung, daß das absolute Wissen in sich mit aller Wirklichkeit gesättigt und in deren gegensatzlosem Besitz befriedigt sei, dadurch herbeigeführt, daß das Bewußtsein an aller Wirklichkeit vorbei über alle Stufen der geschichtlichen Entwicklung hinweg, durch die Energie der sittlichen, der ästhetischen und der religiösen Gemütsfunktion hindurchgeführt wurde. Von diesem ganzen Welt- und Gemütsinhalt schien das absolute Wissen den Geschmack und die Natur zu behalten, wenn es auch in Wahrheit denselben vielmehr fallen ließ, wenn auch in Wahrheit der letzte Schritt ein bloße Sprung in eine ganz abstrakte Geisteshaltung war.  Wodurch wird eben diese Täuschung in der Logik aufrechterhalten?  Was ist der Kern, der Wert und die Wahrheit dieser Täuschung? Wodurch bekommt das Denken in der Logik die Elastizität, durch die wir beständig herüber- und hinübergeschnellt werden? Wodurch erzeugt sich faktisch der Schein, als ob sich in den Kategorien das lebendige Leben der Wirklichkeit des Gemüts und Welt regt?

Die Beantwortung dieser Frage führt uns tiefer in die Charakteristik unserer Logik hinein. Lassen Sie uns näher zusehen,  was wir an ihren Kategorien eigentlich haben,  wie beschaffen dieselben  sind,  wie beschaffen sie sein  sollen. 

Jedes Volk und jedes Zeitalter hat gewisse ästhetische, gewisse sittliche, gewisse soziale Anschauungen, in denen es sich bewegt. Ein anderes und anders zusammenhängendes System sittlicher Begriffe beherrschte die Zeitgenossen des PERIKLES, ein anderes die Landsleute des CICERO. Dem Chinesen erscheint schön, was uns häßlich und abgeschmackt erscheint, und ehe GOETHE mit seinen Schöpfungen hervorgetreten war, lebte eine Generation, welche die GELLERT und GLEIM für Poeten hielt. Ich brauche nicht darauf aufmerksam zu machen, daß es derselbe Fall mit den religiösen Anschauungen ist. Weniger auf den ersten Blick einleuchtend und doch nicht minder gewiß ist es, daß auch diejenigen Formen variieren, in denen die  Denktätigkeit  der verschiedenen Völker und Geschlechter verläuft. Es ist wahr, dieser Unterschied verschwindet, wenn man nur die allgemeinsten Grundlagen, nur den abstrakten Mechanismus allen Denkes ins Auge faßt. Es ist daher wahr, ohne jemals etwas von  Barbara  oder  Celarent  [Schlußmodi - wp] gehört zu haben, liegen dem Schließen des rohesten Wilden dieselben syllogistischen Gesetze zugrunde, welche ARISTOTELES in seiner Analytik wissenschaftlich darstellte. Allein man gehe einen Schritt weiter. Man entsinne sich, daß auch die reine Denkoperation stets und überall in einem Geleis verläuft, welches nicht bloß aus dem Stoff der abgezogenen Intellektualität gebildet ist und welches den sich bewegenden Gedanken nur trägt, indem es ihm zugleich Reibung und Widerstand entgegensetzt. Man frage sich, ob ein mit einer echten Flexionssprache versehenes Volk dem Verhältnis von Begriff zu Begriff nicht einen anderen Wert gibt, als ein Volk mit einer unvollkommeneren Sprache. Man wende sich vollends zu den materiellen Denkbestimmungen und erwäge, welche innere und äußere Erfahrung, welche Bildung dazu gehört, um ein Begriffspaar, wie das von Wesen und Erscheinung, oder von Substanz und Akzidenz, einen Unterschied wie den von  causa immanens  [innewohnende Grund - wp] und  causa transiens  [vorübergehende Ursache - wp] in den Gesichtskreis treten zu lassen. Man vergleiche, um nicht weiter zu gehen, die wissenschaftlichen Werke der Engländer mit denen unserer Nation, und bald genug wird man inne werden, daß der Typus des englischen Denkens ein wesentlich anderer ist, als der des deutschen, daß die wissenschaftliche Anschauung der Landsleute von BACON und LOCKE in ganz anderen Bahnen geht und ganz andere Stationen macht, daß sich ihre Kombination an ganz anderen Grund- und Hilfsbegriffen forthilft, als die bei den Landsleuten KANTs und HEGELs der Fall ist. Die Begriffswelt, mit der sich ein Volk umgibt, ist ein Produkt seiner Natur, seiner Geschichte, seiner Sprache, seiner Literatur: nicht bloß die moralischen, die ästhetischen, die religiösen, die politischen, sondern auch die allgemeinen Denkformen sind bis auf einen gewissen Grad verschieden nach der Verschiedenheit der Völker und Zeiten.

Vor allem die Dichter und die Denker sind es aber, welche einer Nation ihre Empfindungs-, Anschauungs- und Gedankenformen entwickeln und vergegenständlichen. Tun sie es in der Regel, ohne es ausdrücklich zu beabsichtigen, so liegt es der Philosophie doch nahe, es auch bewußt und geflissentlich zu tun. Absichtlich zieht der Grammatiker die Formen einer Sprache in ein grammatisches System zusammen. Auch die Denkformen und die allgemeinen Begriffe, von denen eine Nation in ihrem alltäglichen wie in ihrem wissenschaftlichen Räsonnement zehrt, könnte ein philosophischer Grammatik kompendiarisch zusammenstellen und systematisch zur Übersicht bringen. Der Mann zwar, welche die Überzeugung hätte, daß es ein absolutes Erkennen und folglich ein absolutes Gedankensystem gäbe, dieser Mann würde wenig zu einem solchen Unternehmen geeignet erscheinen, es müßte denn sein, daß er gleichzeitig ein sehr entschiedenes Bewußtsein von seiner historischen Bedingtheit hätte; es müßte denn sein, daß er sich außerdem eingeredet hätte, diese seine Gegenwart sei das im Wesentlichen abschließende Ziel aller vorausgegangenen Geistesentwicklung. So aber was das Bewußtsein HEGELs. Er fand, daß die GOETHE und SCHILLER dem deutschen Volk den Schatz seines Innern und damit den echten Schatz des geistigen Lebens überhaupt erschlossen, daß sie diesem Volk seine Ideale und Empfindungen in ähnlicher Weise zur Anschauung gebracht hatten, wie SOPHOKLES und ARISTOPHANES den Athenern die ihrigen. Er beschloß, in derselben Bahn höher hinaufzusteigen; er beschloß, das Gleiche in Bezug auf die allgemeinen Begriffe und Denkbestimmungen der deutschen Nation zu tun,  ihr gleichsam ein Lexikon und eine Grammatik ihres reinen Denkens in die Hand zu geben.  Etwas dem Ähnliches hatte früher bereits in der WOLFFschen Metaphysik existiert; allein diese alte Ontologie war durch den mächtigen Umschwung, welchen seitdem, kritisch wie positiv, das deutsche Geistesleben durch seine Denker und Dichter erfahren hatte, vollkommen unbrauchbar geworden, kaum minder unbrauchbar als die Grammatik der Sprache des alten für die des modernen Latium [Rom - wp]. Das wunderbare Schauspiel stellte sich dem Auge HEGELs dar, "ein gebildetes Volk ohne Metaphysik zu sehen, wie" - so drückt er sich selbst aus - "wie einen sonst mannigfaltig ausgeschmückten Tempel ohne Allerheiligstes". Dieses Allerheiligste hinzuzufügen, die Grundbegriff sowie den formellen Charakter des deutschen Denkens in seiner neuesten Bildung, des Denkens ebendamit, wie  er  wenigstens meinte, nach seiner absoluten Wahrheit darzustellen: das war die Absicht, welche seine "Wissenschaft der Logik" verwirklichte.
LITERATUR: Rudolf Haym,Hegel und seine Zeit - Vorlesungen über Entstehung und Entwicklung, Wesen und Wert der Hegelschen Philosophie, Berlin 1857