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W. L. G. von EBERSTEIN
Tetens

"Erfahrungsurteile sind  rein,  wenn die Aktion der Denkkraft durch die Empfindungsvorstellung allein bestimmt ist. Es wird also in ihnen nichts mehr enthalten sein, als eine bloße Beziehung zweier oder mehrerer gegenwärtig gefühlter Eindrücke, und deren Wahrnehmung; und sie machen den reinen Stoff aller Kenntnisse aus, die wir von wirklichen Dingen haben können: daher verdienen sie mit Sorgfalt gesammelt und von all denen gesondert zu werden, in die sich etwas Fremdes, das nicht in der Empfindung gegeben ist, eingemischt hat."

"Die Vernunft hingegen macht sich  allgemeine  Vorstellungen und Begriffe, sucht die in diesen liegenden Verhältnisse und Beziehungen auf und erhält allgemeine Grundsätze. Diese sind notwendige Wahrheiten, d. h. die Urteile müssen den natürlichen Wirkungsgesetzen der Dennkkraft gemäß so ausfallen, wie sie sind; und diese subjektive Notwendigkeit tragen wir auf die objektive außerhalb von uns über."

"Der größte Teil der Gemeinbegriffe stammt nur dem Stoff nach von Empfindungen ab und ist sonst ein Werk der selbstbildenden Dichtkraft."

"Die Frage, ob die Gesetze des Denkens objektive Gesetze sind, verwandelt  Tetens  dadurch, daß er das Objektive für dasjenige erklärt, was von  jedem vorstellenden und denkenden Wesen  so vorgestellt werden muß, in diese: sind die notwendigen Denkgesetze unseres Verstandes nur subjektive Gesetze unserer Denkkraft, oder Gesetze jeder Denkkraft  überhaupt?  sind die allgemeinen Vernunftwahrheiten nur Wahrheiten für uns oder Allgemeinsätze für jede Vernunft?"

Die vornehmsten Werke derjenigen deutschen Philosophen bemühten sich, die LEIBNIZ-WOLFFischen Lehren immer mehr und mehr zu berichtigen, wobei sie die wesentlichen Teile derselben anerkannten. Daß ihre Bemühungen ihnen größtenteils geglückt sind, daß ihre Arbeit nicht ganz unfruchtbar gewesen ist, beweisen die Produkte ihres Geistes und der Beifall vieler denkender Köpfe. Dennoch vermochten sie nicht den Geist der Popularität und der oberflächlichen Philosophie zu unterdrücken, der jederzeit die größere Menge beherrschen wird; sobald die Wissenschaft sich zu allgemein verbreitet, und nicht bloß die Beschäftigung der eigentlichen Gelehrten bleibt.

Wenn aber dieser Fall einmal eintritt, und es selbst für die allgemeine Bildung des Menschen vorteilhafter ist, einige philosophische Kenntnisse zu besitzen, als sie gänzlich zu entbehren; wenn ferner sie im ernsten wissenschaftlichen Gewand nur für wenige Menschen Fassung sind: dann ist es eine wahre Wohltat, wenn sich Philosophen finden, welche auf eine leichte gefällige Weise die vornehmsten Wahrheiten der Weltweisheit unter jener Menschen Klasse auszubreiten suchen, die nicht für die Wissenschaften lebt, nicht für sie geboren ist. Unbekannt mit dem Wert ihrer höheren Kräfte, und ungewohnt sie zu gebrauchen, sind diese Menschen unfähig, den Weg der Spekulation zu gehen: und wohl ihnen, wenn sich Männer finden, die ihre Herzen der Wahrheit öffnen, welche ihr Verstand nicht zu fassen vermag! Und wirklich haben einige deutsche Eklektiker diese Wohltat jenem Teil ihrer Zeitgenossen erwiesen. Sie haben die nützlichsten Lehren gemeinfaßlich vorgetragen, moralisch gewiß gemacht, und dadurch ihr Publikum mehr als durch die Demonstration überzeugt: sie haben die metaphysischen Spitzfindigkeiten übergangen, und ihre Schüler nicht in das Reich der Spekulation geführt. Aber auf das, was sich sehen und greifen läßt, haben sie hingewiesen, und ihnen durch Analogie und Erfahrung zumindest Wahrscheinlichkeiten gegeben, um sie doch damit vor grobem Irrtum zu bewahren. Freilich ist der Philosophie, als Wissenschaft, durch diese Methode kein Vorteil erwachsen; obgleich ihr auch mancher einzelne Gedanke von Wert auf diesem Weg zugeflossen ist.

Allein, die Menschen, denen diese Philosophie bestimmt ist, sind doch gewiß zum Teil durch sie veredelt worden; und sie hat also ihren Zweck erreicht.

Die Arbeiten des Herrn TETENS (1) können jedoch nicht zu dieser Philosophie gezählt werden. Denn obgleich er den Weg der Beobachtung in seinen  Versuchen über die menschliche Natur  geht, den auch jeder Psychologe betreten muß: so vernachlässigt er doch die Spekulation nicht dabei, und erkennt ganz den Wert der Schlüsse, ohne welche wir auf der äußeren Fläache der Dinge bleiben. Was ihn aber besonders von jener populären Philosophie trennt, ist die Materie seines Werks, die keinen so ganz gemeinfaßlichen Vortrag gestattet, sobald sie gründlich bearbeitet werden soll. Auch folgt er den Anthropologen nicht, welche die Seelenveränerungen aus den Organen erklärten; sondern er sucht die Modifikationen der Seele in einem Selbstgefühl auf. Die Vorstellungen sind bei ihm nicht das allgemeine aller Seelenwirkungen, sondern sie sind uns zurückgelassene Spuren unserer Modifikationen, welche ursprünglich entstehen, wenn unsere gegenwärtigen Veränderungen in uns empfunden werden: und insofern sind sie Empfindungsvorstellungen. Sie beziehen sich daher auf andere vorhergegangene Modifikationen, und können in uns wieder zurückgerufen werden; ja, wir können sie auseinanderlegen und aus ihnen neue zusammensetzen, wozu wir zwei Vermögen, die Einbildungskraft und die Dichtkraft besitzen (2).

Die äußeren Objekte modifizieren nämlich die Seele: hieraus entsteht ein Eindruck, der gefühlt wird, und dieser ist die Empfindung welche eine Nachempfindung oder Empfindungsvorstellung des gegenwärtigen Objekts hinterläßt, deren geschwächte Nachzüge die Einbildungen sind. Bei Vorstellungen des inneren Sinnes findet sich nur der Unterschied, daß dasjenige, was da modifiziert, in uns selbst ist. Die Vorstellungen führen demnach auf andere Gegenstände; die des äußeren Sinnes auf körperliche Objekte, die des inneren auf innerliche Veränderungen - und sind also Zeichen dieser Gegenstände. (3)

Aus Vorstellungen werden Ideen und Gedanken. Erstere setzen ein Bewußtsein voraus (4); letztere sind irkungen des Gefühls und der Denkkraft, die wenigstens in Gedankn von den Vorstellungen abgesondert werden können, wenngleich sie in der Natur innigst mit ihnen verbunden sind. In diesen Gedanken erkennt die Seele die Bilder, oder Vorstellungen, für dasjenige, was sie sind. (5)

Die ursprünglichen Vorstellungen entsprechen ihren Gegenständen, sofern sie klar und deutlich sind (6) und reihen sich in der Ordnung, wie sie entstehen, aneinander, so daß wenn kleinere herausfallen, etwas entferntere dichter zusammenrücken: folglich würde die Phantasie bei der Reproduktion derselben lediglich ihrer vorigen Koexistenz nachgehen: wenn nicht die ähnlichen Vorstellungen, die gleichsam in  eine  fallen, ihre Richtung bestimmen würden. Hieraus ist das Gesetz der Assoziation zusammengesetzt, welches nicht, wie einige wollen, die ganze Folge der Vorstellungen in der Seele bestimmt, insofern sie nicht durch Empfindung unterbrochen wird: denn das Dichtungsvermögen, welches sogar fähig ist, neue Vorstellungen zu schaffen, die nicht aus Phantasmen zusammengesetzt sind, jedoch diesen an Lebhaftigkeit nicht gleich kommen, kommt neben der Denkkraft dazwischen. Jedes Seelenvermögen beobachtet ein Gesetz, so oft es wirksam ist. Da aber alle Vermögen in Verbindung wirken, so lassen sich die besonderen Regeln nicht wohl in allgemeine fassen (7).

Der Verfasser hat das Gefühl von der Vorstellung unterschieden, und die gefühlte Veränderung die Empfindung genannt. Allein, er gesteht, daß er nicht erklären kann, was Fühlen ist, weil es eine einfache Äußerung der Seele ist. Es beschäftigt sich das Gefühl aber mit dem, was gegenwärtig ist, sei es ein Tun oder Leiden, und verschiedener Grade fähig.
    "Es ist", sagt er, "niemals die Tätigkeit selbst, nie das Bestreben selbst, welches wir unmittelbar fühlen: es ist eine bleibende Folge von Etwas, das von unserer selbsttätigen Kraft nun nicht hervorgebracht wird, sondern schon vorher gebracht worden ist, wenn es ein Gegenstand des Gefühls ist."
Der Gegenstand desselben ist nichts Relatives; sondern nur das Absolute in den Dingen in uns außerhalb von uns, ist unmittelbar der Gegenstand desselben (8). Mit dem Gefühl ist das Gewahrnehmen verbunden, wie mit dem Vorstellen; und es ist dasselbe eine von den ersten Wirkungen des Vermögens der Seele, womit sie Verhältnisse und Beziehungen in den Dingen erkennt. Dieses Vermögen ist die Denkkraft, und das Erkennen ist das Denken; zu einer merklichen Größe entwickelt ist es Vernunft, und macht, mit dem Gefühl und der Vorstellungskraft verbunden, das ganze Erkenntnisvermögen aus, aus welchem sich alle Seelenwirkungen begreifen lassen. Haben an den äußeren Eindrücken alle diese Grundvermögen gewirkt, so sind sie klar, Empfindungen und Empfindungs-Ideen: dann ist das klare Gefühl unseres Selbst Selbstbewußtsein; sinnliche allgemeine Bilder werden allgemeine Ideen und Begriffe, und werden deutlich durch Anwendung der Denkkraft auf ihre Teile; und die allgemeinen Ideen von Verhältnissen der Dinge sind ebenfalls Wirkungen, die sich aus jenem Grundvermögen begreifen lassen.
    "Die ersten Beziehungen der Dinge aufeinander, und die dabei entstehenden Verhältnisgefühle, haben ihre Folgen in der Seele, welche aufbewahrt und bei Gelegenheit wieder gegenwärtig dargestellt und alsdann auf dieselbe Art, wie andere Vorstellungen, von neuem von der Denkkraft wahrgenommen und in Beziehung unter sich gedacht werden können. Sind diese Vorstellungen wahrgenommene Vorstellungen oder Ideen: so werden ihre Beziehungen zu Urteilen gehören, die anfangas sinnlich und unentwickelt sind, dann durch eine Bearbeitung der Denkkraft in deutliche übergehen." (9)
Der Verfasser betrachtet nur den Ursprung der Verhältnisbegriffe, wo er Gelegenheit zu einer sehr gründlichen Prüfung von HUMEs Lehre vom Begriff der Ursache findet. Er erinnert, daß zu diesem Begriff das Begreifen des einen aus dem anderen gehört, und diese notwendige Verknüpfung gibt eigentlich die Vorstellung von der verursachenden Verbindung. Es liegt also mehr in diesem Begriff, als HUME in ihm findet: und es gibt Beispiele, wo der Verstand, um die Idee von der Wirkung mit der von der Ursache so fest zu verbinden, wie zu einer ursächlichen Beziehung erfordert wird, nichts mehr gebraucht, als daß beide Ideen in ihm sind und gegeneinander gehalten werden; ohne daß er sie jemals vorher in einer solchen Verbindung gehabt hat. Der Verstand verbindet sie nach einem Denkgesetz, das er, obgleich nicht mit jenem unwiderstehlichen Zwang, wie das Gesetz des Widerspruchs befolgt; und wir finden auch in unseren Schlüssen besonders, daß die ursächliche Verbindung kein Werk der Phantasie ist. Denn die Phantasie verbindet niemals zwei Ideen, welche vorher getrennt waren oder gegen eine dritte gestellt gewesen wären.

Die Begriffe vom Grunde, und dem in ihm Gegründeten, und von der Begreiflichkeit des Letzteren aus dem Ersteren könnten vom Verstand nur aus den Fähigkeiten seines Begreifens, des Folgerns und Schließens genommen werden. Eins aus dem andern begreifen heißt aber nicht, einen Gedanken auf den anderen folgen sehen, mit dem er schon vorher in Verbindung gewesen ist und durch den er jetzt wieder erweckt wird: dies erfordert, daß die Folge von Gedanken auf die fortwährenden Tätigkeiten des Verstandes, der sich mit den Grundgedanken beschäftigt, hervorkommt, auch ohne vorher in dieser Folge gewesen zu sein. Wo sich nun zwischen den ideellen Dingen in uns - den Dingen in der Vorstellung - diese Verbindung findet; da legten wir diese Verbindung auch den reellen Dingen außerhalb von uns bei. (10)

Die einfachen Verhältnisse in den Urteilen ordnet der Verfasser unter diese drei Klassen:
    1) Verhältnisse der Identität und Diversität,

    2) der unwirksamen Beziehungen - Ordnung, Zugleichsein und dgl.

    3) der Dependenz [Abhängigkeit - wp] und führt hierauf die Urteile zurück.
Er hält aber nicht jede Aktion des Urteilens für ein Vergleichen; weil nicht alle Verhältnisse auf Einerleiheit und Verschiebbarkeit beruhen (11). Herr TETENS geht nun weiter, und versucht den Ursprung unserer Ideen von der objektiven Existenz der Dinge zu erläutern: er legt hierbei folgende Gedanken zugrunde. Anfangs ist in der Seele der ganze Inbegriff von Empfindungen und Empfindungsvorstellungen fast wie eine ganze Empfindung vorhanden: und es muß daher die ganze Wirkung der Seele in der Verteilung und Absonderung derselben bestehen, und zwar so, daß die inneren Empfindungen zu  einer  Klasse, die äußeren aus unserem Körper zu einer zweiten, und die von fremden Objekten zu einer dritten gebracht werden. Hieraus schöpft die Denkkraft die Idee von ihrem Selbst, ihrem Innern, ihrem Körper, und den äußeren Objekten (12). Allein, ob er gleichviel Gutes bei dieser Gelegenheit sagt; so scheint er mir doch diese Materie nicht so ganz durchdrungen zu haben: und ich gehe daher zu seiner Betrachtung der Erfahrungs- und Vernunfturteile über.

Die ersten sind rein; wenn die Aktion der Denkkraft durch die Empfindungsvorstellung allein bestimmt ist. Es wird also in ihnen nichts mehr enthalten sein, als eine bloße Beziehung zweier oder mehrerer gegenwärtig gefühlter Eindrücke, und deren Wahrnehmung; und sie machen den reinen Stoff aller Kenntnisse aus, die wir von wirklichen Dingen haben können: daher verdienen sie mit Sorgfalt gesammelt und von all denen gesondert zu werden, in die sich etwas Fremdes, das nicht in der Empfindung gegeben ist, eingemischt hat. Die Vernunft hingegen macht sich allgemeine Vorstellungen und Begriffe, sucht die in diesen liegenden Verhältnisse und Beziehungen auf und erhält allgemeine Grundsätze. Diese sind notwendige Wahrheiten, d. h. die Urteile müssen den natürlichen Wirkungsgesetzen der Dennkkraft gemäß so ausfallen, wie sie sind; und diese subjektive Notwendigkeit tragen wir auf die objektive außerhalb von uns über. Solche Urteile sind von den sinnlichen Urteilen vorzüglich dadurch unterschieden, daß bei ihnen die Denkkraft nach notwendigen Gesetzen wirkt: da sie bei letzteren nur Regeln befolgt, an die sie nicht so notwendig gebunden ist. Diese allgemeinen Vernunftsätze für eine Art allgemeiner Erfahrungsstücke zu halten, ist ein Hauptirrtum: denn die Erfahrungen sind nur die Materialien zur Erkenntnis von wirklichen Dingen. Die notwendigen Grundsätze überzeugen, so bald wir sie fassen: bei Beobachtungssätzen gehören wenigstens mehrere Beispiele dazu.

Bei diesen wächst die Überzeugung mit der Beobachtung: jene lassen sich gar nicht anders denken. In ihnen hat die Denkkraft mit allgemeinen Vorstellungen zu tun, in Beobachtungssätzen mit einzelnen Dingen. Schließlich ist nur eine Klasse von Gemeinbegriffen von Empfindungen abstrahiert und das aus sehr wenig Beispielen. Der größte Teil derselben stammt nur dem Stoff nach von ihnen ab und ist sonst ein Werk der selbstbildenden Dichtkraft. (13)

Ebenso gründlich ist des Verfasser Beurteilung über das subjektiv Notwendige in unserer Erkenntnis: wozu er die Vernunfturteile richtig hinzuzählt. Diese Notwendigkeit ist bei ihm eine Notwendigkeit von höchstem Rang, eine absolute, in der Art zu wirken, nicht eine Notwendige zu wirken überhaupt. Es ist nicht nur notwendig, daß wir in unseren Schlüssen die Folgerungen für wahr erkennen, wenn wir die Grundsätze dafür annehmen: sondern wir müssen auch den Schlußsatz als abhängig von seinen Gründen erklären. Es gibt aber auch subjektiv bedingt notwendige Urteile, die, außer den Gründen, welche das Urteil in der Denkkraft bestimmen, noch die Bedingung erfordern, daß sich nirgendwoher ein Hindernis in den Weg legt und das Urteil abändert. Zu diesen scheint der Grundsatz, daß nichts ohne Ursache geschieht zu gehören: weil wir bisweilen von demselben abzuweichen scheinen: allein, genauer betrachtet findet man bei ihm eine absolute Notwendigkeit (14). Auf diese subjektive Notwendigkeit gründen wir die objektive, das heißt , die Unmöglichkeit, die Dinge anders zu denken, wird diesen Dingen außer der Vorstellung beigelegt (15).

Die Frage, ob die Gesetze des Denkens objektive Gesetze sind, verwandelt er dadurch, daß er das Objektive für dasjenige erklärt, was von jedem vorstellenden und denkenden Wesen so vorgestellt werden muß, in diese: sind die notwendigen Denkgesetze unseres Verstandes nur subjektive Gesetze unserer Denkkraft, oder Gesetze jeder Denkkraft überhaupt? sind die allgemeinen Vernunftwahrheiten nur Wahrheiten für uns oder Allgemeinsätze für jede Vernunft?

Ein Verstand aber, der da denken kann  A  ist nicht  A,  wäre uns so undenkbar als dieser Satz selbst. Sollten solche Ideen, die einander widersprechen, als Prädikate in irgendeiner Denkkraft vereinigt werden können, so müßten es solche Ideen nicht mehr sein, als sie bei uns sind. Und dieselbe Beschaffenheit hat es dann mit allen subjektiv notwendigen Gesetzen, welche die Beziehungen ausdrücken, die unsere Denkkraft bei ihren Ideen und Begriffen notwendig antrifft. Hierauf beruth auch die Zuverlässigkeit der sinnlichen Erkenntnis.
    "Wenn wir", sagt unser Autor, "von mehreren Objekten Impressionen haben; wenn wir, auf dieselbige Art modifiziert, alle diese Impressionen empfangen haben, und wenn die übrigen Erfordernisse bei ihnen allen dieselbigen gewesen sind: so sind auch die Verhältnisse, die wir alsdann in unseren Vorstellungen gewahr werden, dieselbigen, welche in den Impressionen anderer vorstellenden Wesen vorhanden sind, unter der Bedingung, daß diese letztere Wesen auf einerlei Art modifiziert und unter gleichen Umständen alle ihre Impressionen empfangen haben. Laß das Katzenauge anders gebildet sein als das menschliche und die Katzenseele andere Eindrücke bekommen als die unsrigen. Aber laß sie ein Viereck und eine Eiform unter gleichen Umständen ansehen, so werden diese Impressionen unter sich verschieden sein müssen, wie es unsere Impressionen von diesen Objekten sind (16). Das Verhältnis der Bilder ist beständig unter diesen Bedingungen." (17)
Das Objektive der Sinneserkenntnis wird also auf die Ähnlichkeit unter den Verhältnissen der Eindrücke und der Vorstellungen derselben in verschiedenen Subjekten eingeschränkt.

Aus allen seinen Untersuchungen hält sich unser Psychologe berechtigt, als einen Grundsatz der Erfahrung anzunehmen, daß zu den Wirkungen der menschlichen Erkenntniskraft keine andern mehr als diese drei Seelenvermögen - das Gefühl, die vorstellende Kraft, und die Denkkraft - erfordert werden.
    "Fühlen, Vorstellungen haben und Denken sind Fähigkeiten ein und desselben Grundvermögens, und nur darin voneinander unterschieden, daß das nämliche Prinzip in verschiedenen Richtungen auf verschiedene Gegenstände und mit größerer oder geringerer Selbsttätigkeit wirkt; wenn es bald wie ein fühlendes, bald wie ein vorstellendes und bald mehr als ein denkendes Wesen sich offenbart." (18)
Gefühl und Rezeptivität sind ein und eben dasselbe Vermögen und  eine  Grundfähigkeit der Seele. Vorstellende Kraft und denkende Kraft sind eine Folge der tätigen Kraft, mit welcher die Seele etwas hervorbringt, wenn sie gefühlt hat, und sie besitzt also eine Rezeptivität und Aktivität. Diese wirkt in sich selbst oder außer sich in den Körper: und wenn es eine Bewegung ist, was durch ihre Kraft bewirkt wird, so ist dies eine hergehende Tätigkeit, welche der in ihr bleibenden entgegengesetzt wird. Zu dieser letzten gehören die Fähigkeiten der vorstellenden und denkende Kraft. Diese beiden beschäftigen sich mit schon gefühlten Modifikationen. Die Seele wirkt aber auch neue Veränderungen, die keine Vorstellungen sind, wenn sie entweder neue Abänderungen ihres inneren Zustandes hervorbringt, oder außer sich in ihren Körper wirkt. Sollte jedoch jede innere Modifikation zu den Empfindungen gezählt werden; weil sie gefühlt wird, so hätten wir alle Effekte der Seele auf Empfindungen und Vorstellungen gebracht. Das Vermögen zu jenen Veränderungen, die sowohl vom Fühlen aus auch vom Vorstellen und Denken verschieden sind, werden unter dem Namen der Tätigkeitskraft gefaßt: und so sind drei Grundvermögen der Seele gezählt: das Gefühl, welches die Empfänglichkeit und das Gefühl der neuen Veränderungen begreift, der Verstand, als die vorstellende und denkende Kraft, und jene Tätigkeitskraft (Wille) (19).

Wirkt aber die Seele in sich selbst, so wie in ihrem Körper, so vermag sie etwas über sich. Dieses Vermögen ist jedoch nicht das, was man  Freiheit  nennt, oder Selbstmacht; denn diese erfordert ein Vermögen, das Gegenteil zu tun von dem, was wir tun. Wir empfinden aber dasselbe Vermögen in uns, und es ist ihm eine moralische Notwendigkeit nicht zuwider; ja, es entscheidet vielmehr die Erfahrung für den Determinismus. Auch sind es die Indeterministen noch schuldig, irgendeine einzige vollständige Beobachtung beizubringen, die von demselben eine Ausnahme macht: denn in allen Fällen, die sie anführen können, ist es bis zur Evidenz gewiß, daß uns nicht alle individuellen Umstände bekannt sind. (20) Wenn wir aber frei handeln, oder mit Selbstmacht über uns; so soll ein Vermögen in uns sein, uns in demselben Moment zum Gegenteil zu bestimmen, das also hinreichend ist, sich der uns jetzt bewegenden Ursache zu widersetzen. Es soll dasselbe nicht eine bloße Rezeptitivität sein, sondern eine innerlich tätige Kraft, welcher nur die Applikation auf ihren Gegenstand fehlt; die aber alsdann hinzu kommt, wenn dieser wohlgefällt, oder sonst vorzüglich dargestellt wird. (21)

Die große Verschiedenheit zwischen unseren Vorstellungen von der Materie und denjenigen, die uns das Selbstgefühl von einem Wesen, das denken und fühlen kann, gibt, erkennt der Verfasser nicht nur sehr wohl; sondern er weiß auch die von den Materialisten hingeworfenen Hindernisse sehr glücklich wegzuwälzen. Das Gefühle unseres Ich entscheidet bei ihm zumindest für eine solche Einfachheit desselben, die aus unabgesonderten Teilen besteht: wo jede Veränderung des einen Teils sich über das Ganze verbreitet, und wo das Ich ein Wesen ist, was von all dem, was wir uns als ein körperliches Organ vorstellen, verschieden ist. Ja, das Zusammenfassen des Mannigfaltigen beweist ihm sogut wie dem Philosophen MOSES MENDELSSOHN die Unkörperlichkeit der Seele. Daher hält er auch die ideelle Extension nur für ein brauchbares sinnliches Bild von der Mannigfaltigkeit in der Einheit, und will keineswegs den groben Begriff einer räumlichen Ausdehnung:
    "Was ist die Frage, ob die einfache Seele eine Ausdehnung hat und von welcher Figur und Gestalt sie ist anderes als die Frage eines Blinden: welchen Ton die rote Farbe hat." (22)
Übrigens erklärt er sich für den physischen Einfluß, und sieht die Frage über den Sitz der Vorstellungen als einen Hauptgegenstand an, den er sich dadurch zu erklären sucht, daß die Empfindung gewisse Spuren hinterläßt, die in einer Leichtigkeit bestehen, gewisse der ehemaligen Empfindung ähnliche Modifikationen anzunehmen. Hier entstehen die Fragen: wo sind diese Spuren? sind sie bleibende Beschaffenheiten der Seele oder des Organs? hat das Gedächtnis seinen Sitz in der Seele oder im Gehirn? Da er nun die Schwierigkeiten beider Hypothesen kennt; und beide für und wider sich Beobachtungen aufweisen können: so trägt er seine eigenen Gedanken hierüber vor; und findet, daß, wenn es wahrscheinlich ist, es komme in einem Organ eine Assoziation der sinnlichen Bewegungen zustande, ebenso wahrscheinlich auch in der Seele eine Assoziation der intellektuellen Ideen ist, zu welcher zurückbleibende Spuren der gehabten Ideen erforderlich werden, deren Zusammenstimmung die ganze Vorstellung gibt. Die materiellen Ideen im Gehirn könnten wegen der Vereinigung des Organs mit der Seele in derselben intellektuelle Vorstellungen erwecken: und dann wäre eine ganze Vorstellung da. Allein, je nachdem die Seele sich mehr oder weniger der Aktion des Gehirns überläßt, würden diese Ideen mehr oder minder entwickelt. Äußere hingegen die Seele ein Bestreben, eine andere Idee hervorzuziehen, und mit derselben die ihr entsprechende Gehirnbeschaffenheit; und hat sie Stärke genug, dieses Bestreben zur vollen Aktion zu bringen, so kann die Wirkung der ersten materiellen Gehirnbewegung auf sie nur schwach sein, und keine klare Vorstellung zustande bringen. Wiederum, wenn die Seelenbeschaffenheit sich in der Seele entwickelt; so erfolgt auch im Gehirn die ihr entsprechende Bewegung; und es entsteht eine Vorstellung, die umso mehr wahrgenommen werden kann, je mehr das Gehirn aufgelegt ist, die zu derselben gehörigen sinnlichen Bewegungen zu erneuern, und je weniger andere Ursachen entgegengesetzte Schwingungen veranlaßten. Die Seele mag also wohl oft in ihrem Innern wirksam sein, ohne daß wir diese einzelnen Aktionen fühlen können. (23)
LITERATUR: Wilhelm Ludwig Gottlob von Eberstein, Versuch einer Geschichte der Logik und Metaphysik bei den Deutschen von Leibniz bis auf die gegenwärtige Zeit, Halle a. d. Saale, 1794
    Anmerkungen
    1) Professor der Philosophie zu Kiel
    2) TETENS, Über die menschliche Natur, Bd. 1, Seite 16, 17, 22f. Diese Äußerungen schreibt der Verfasser der Vorstellkraft zu.
    3) a. a. O., Seite 32 - 40f, Seite 50 und 76
    4) In engerer Bedeutung ist die Idee ein von uns zu einem Zeichen eines Gegenstandes gemachtes Bild.
    5) a. a. O., Seite 26f
    6) Diese Klarheit kann von der Klarheit der Ideen, als solcher unterschieden werden. Jene ist nur Unterscheidbarkeit; bei dieser aber wirklich unterschieden; a. a. O., Seite 95 und 97 sagt der Verfasser: Es ist zu unterscheiden, ob die Dunkelheit in der Vorstellung in einer matten Abbildung des Gegenstandes oder in der Idee liegt: sofern Vorstellungen nicht wahrgenommen würden; wären sie bloß Modifikationen in uns, denen die Analogie mit ihren Objekten fehlt.
    7) a. a. O., Seite 95, 106, 112f, 115f
    8) a. a. O., Seite 166, 170f, 191. Bei dieser Gelegenheit kommt Herr TETENS auf die Vorstellungen ohne Bewußtsein, und findet in dieser Lehre noch eine dunkle Stelle: ob es nämlich in uns Vorstellungen gibt; die so stark ausgedrückt sind, daß sie unterschieden werden können, die also apperzeptibel sind, ohne apperzipiert zu werden; oder ob sie erst durch den Aktus des Gewahrnehmens jene materielle Klarheit empfangen (Seite 265f). Das Letzte halte ich für wahrscheinlicher.
    9) a. a. O., Seite 295f und 298f.
    10) a. a. O., Seite 315f
    11) a. a. O. Seite 333 und 365. Wer freilich zum Vergleichen fordert, daß die Glieder der Vergleichung einerlei oder verschieden sind und sich so wie in den mathematischen Gleichungen verhalten sollen; der kann nicht alle Urteile aus einer Vergleichung ableiten. Wer aber das bloße Gegeneinanderhalten der Begriffe, wodurch man die Beziehung erkennt, in welcher sie stehen, ein Vergleichen nennt; der sagt meines Erachtens richtig, daß alle Urteile auf Vergleichungen beruhen.
    12) a. a. O. Seite 380
    13) a. a. O. Seite 389f, 429f, 434, 451, 462f, 465f.
    14) a. a. O. Seite 493, 496, 502. Sehr richtig ist dasjenige, was der Verfasser gegen die Ableitung dieses Satzes sagt. Denn wirklich zeigen sich unzählige Wirkungen ohne Ursachen. Seite 512 werden die subjektiv notwendigen Denkarten und Grundsätze aufgezählt.
    15) a. a. O., Seite 531
    16) Dies möchte wohl nur unter gewissen Einschränkungen wahr sein.
    17) a. a. O., Seite 540, 542, 545, 551f.
    18) a. a. O. Seite 590 und 615
    19) a. a. O. Seite 619, 621f, 625
    20) a. a. O., Bd. II, Seite 5f, 17, 19f, 35, 41f
    21) Bd. II, Seite 121f und 132f finden sich einige Mißverständnisse. Herr TETENS will nämlich den Satz: mit Setzung der Ursache wird der Effekt gesetzt, dahin einschränken, wenn kein Hindernis erfolgt. Allein, dann ist ja jene Ursache nicht mehr so wie vorher vorhanden; der zureichende Grund zu dieser Wirkung ist nicht mehr da. Seine Untersuchung in zufällige und notwendige Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung, die hierauf beruth, möchte wohl der Sache nach nicht weiter unterschieden sein, als man sie in der WOLFFischen Schule unterschied. Der Verfasser glaubt zwar (Seite 136f) es könnten der völlig bestimmenden positive Grund, und die Abwesenheit des Hindernisses sehr deutlich voneinander unterschieden werden: ich aber finde dies nicht. Anders läßt sich die Wirkung aus dem Grund nicht beweisen, als wenn alle mitbestimmenden Umstände dazu zusammenstimmen: und mit diesen ist zugleich die Abwesenheit des Hindernisses da. Wird eine Kraft  A  unter den Bedingungen  b c d  zur Ursache  C  von  E:  so heben ihre durchgängigen Bestimmungen  b c d  das Hindernis  m n  auf. Tritt  m n  an die Stelle von  c d;  so bleibt ja  A  nicht mehr im vorigen Zustand, in dem es  C  war. Sonst hat Herr TETENS über die Freiheit viele wichtige Beobachtungen gesammelt.
    22) a. a. O., Bd. II, Seite 178f, 191f, 196f, 294.
    23) a. a. O., Seite 215, 218f, 293f, 296f. Ich übergehen noch einige Betrachtung des Verfassers, besonders den 14. Versuch, welcher sich mit der Perfectibilität und Entwicklung des Menschen beschäftigt, weil sie sich größtenteils mit Gegenständen außerhalb meines Feldes beschäftigen.