tb-2M. PlanckP. Kampits   
 
OTTO NEURATH
Die Einheitswissenschaft

Ethik, Rechtslehre, Marxismus ...
Soziologische Prognosen
Die Möglichkeit zur Substantivbildung unserer Sprache erleichtert all diese sinnleeren Unternehmungen.

I. Metaphysikfreier Physikalismus
Der sogenannte "Wiener Kreis der wissenschaftlichen Weltauffassung" sucht im Anschluß an MACH, POINCARÈ, FREGE, RUSSELL, WITTGENSTEIN und andere eine metaphysikfreie Atmosphäre zu schaffen, um wissenschaftliche Arbeiten auf allen Gebieten durch logische Analyse zu fördern. Weniger mißverständlich wäre es, von einem "Wiener Kreis des Physikalismus" zu sprechen, weil "Welt" ein Terminus ist, der in der wissenschaftlichen Sprache fehlt und Weltauffassung oft mit Weltanschauung verwechselt wird. Alle Vertreter dieses Kreises sind sich darüber einig, daß es neben den Wissenschaften keine "Philosophie" als Disziplin mit besonderen Sätzen gibt; alle sinnvollen Aussagen sind in den Wissenschaften enthalten.

Die Wissenschaften werden, wenn man sie als Einheitswissenschaft zusammenfaßt, genau so betrieben, wie vorher in ihrer Spaltung. Ihr einheitlicher logischer Charakter wurde bisher nicht immer ausreichend betont. Die Einheitswissenschaft ist in derselben Weise Ergebnis umfassender Kollektivarbeit, wie bisher das Gebäude der Chemie, der Geologie, der Biologie oder auch der Mathematik und Logik.

Die Einheitswissenschaft wird so betrieben werden, wie bisher die Einzelwissenschaften, es wird daher in ihr der "Denker ohne Schule" nicht bedeutsamer sein als in den bisherigen Einzelwissenschaften. Der einzelne kann durch isolierte Einfälle hier ebensoviel oder ebensowenig als bisher in einer Wissenschaft erreichen. Jede Neuerung, die vorgeschlagen wird, muß so formuliert sein, daß man ihre allgemeine Anerkennung erwarten kann. Durch Zusammenarbeit vieler tritt ihre Tragweite erst voll zutage. Ist sie falsch oder sinnleer das heißt Metaphysik -, dann fällt sie selbstverständlich aus dem Bereich einheitswissenschaftlicher Arbeit heraus. Die Einheitswissenschaft, neben der es keine "Philosophie", keine "Metaphysik" gibt, ist nicht das Werk einzelner, sondern einer Generation.

Manche Vertreter des "Wiener Kreises", die wie alle anderen Vertreter dieser Gruppe ausdrücklich erklären, daß man nicht von besonderen "philosophischen Wahrheiten" sprechen könne, verwenden doch noch fallweise das Wort "Philosophie". Sie wollen damit das "Philosophieren" bezeichnen, die "Tätigkeit der Begriffsklärung". Diese aus vielerlei Gründen verständliche Konzession an den überlieferten Sprachgebrauch gibt leicht zu Mißverständnissen Anlaß. In der vorliegenden Darlegung wird der Terminus nicht verwendet. Es wird nicht eine neue Weltanschauung einer alten gegenübergestellt, auch nicht alte Weltanschauung durch Begriffsklärung ersetzt, sondern all den Weltanschauungen tritt nun die "Wissenschaft ohne Weltanschauung" gegenüber. Die überkommenen Gebäude der Metaphysik und andere Gebilde verwandter Art bestehen für den "Wiener Kreis", soweit nicht "zufällig" wissenschaftliche Sätze sich in ihnen finden, aus sinnleeren Sätzen. Gegen die Verwendung des Ausdrucks "Philosophieren" liegt aber nicht nur ein terminologisches Bedenken vor; man kann nicht die "Begriffsklärung" von dem "wissenschaftlichen Betrieb" absondern, zu dem sie gehört. Sie ist mit ihm untrennbar verflochten.

Die Arbeiten an der Einheitswissenschaft hängen eng miteinander zusammen, ob man etwa die Konsequenzen neuer astronomischer Beobachtungsaussagen überdenkt, oder ob man untersucht, welche chemischen Gesetze auf bestimmte Verdauungsvorgänge angewendet werden können, oder ob man die Begriffe verschiedener Wissenschaftszweige daraufhin überprüft, in welchem Ausmaß man sie bereits, wie es die Einheitswissenschaft verlangt, miteinander verbinden kann. In der Einheitswissenschaft muß man nämlich jedes Gesetz unter Umständen mit jedem anderen verbinden können, um zu neuen Formulierungen zu gelangen.

Man kann zwar verschiedene Arten von Gesetzen gegeneinander abgrenzen, zum Beispiel: chemische, biologische, soziologische, man kann aber nicht von der Voraussage eines konkreten Einzelvorgangs sagen, daß sie nur von einer bestimmten Art von Gesetzen abhänge. Ob z.B. die Verbrennung eines Waldes an einer bestimmten Stelle der Erde in bestimmter Weise erfolgen werde, hängt ebenso vom Wetter wie davon ab, ob die Menschen Eingriffe vornehmen werden oder nicht. Diese Eingriffe kann man aber nur voraussagen, wenn man Gesetze menschlichen Verhaltens kennt. Das heißt, man muß unter Umständen alle Arten von Gesetzen miteinander verbinden können. Alle, ob es nun chemische, klimatologische, soziologische Gesetze sind, müssen daher als Teile eines Systems, nämlich der Einheitswissenschaft, aufgefaßt werden.

Zum Aufbau der Einheitswissenschaft - KURT LEWIN hat darauf hingewiesen, daß der Ausdruck, wenn auch in etwas anderer Weise, von FRANZ OPPENHEIMER verwendet wurde - bedarf man der Einheitssprache mit ihrer Einheitssyntax. Aus den Unvollkommenheiten der Syntax in der Vorbereitungszeit kann man die jeweilige Haltung einzelner Richtungen und Zeitalter erkennen.

WITTGENSTEIN und andere Vertreter wissenschaftlicher Weltauffassung, die sich große Verdienste um die Zurückdrängung der Metaphysik, um die Ausschaltung sinnleerer Sätze erworben haben, sind der Anschauung, daß jeder einzelne, um zur Wissenschaft zu gelangen, zunächst sinnleerer Wortfolgen zur "Erläuterung" bedürfe (WITTGENSTEIN, Tractatus 6.45):
"Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)"
Dieser Satz scheint anzudeuten, daß man sozusagen immer wieder eine Art Reinigung von sinnleeren, das heißt metaphysischen Sätzen, durchmachen müsse, daß man sozusagen immer wieder diese Leiter benützen und wegwerfen müsse. Nur mit Hilfe von Erläuterungen, die aus später als sinnleer zu erkennenden Wortfolgen bestehen, könne man zur Einheitssprache gelangen. Diese wohl als metaphysisch anzusprechenden Erläuterungen treten aber bei WITTGENSTEIN nicht isoliert auf; wir finden dort weitere Wendungen, die weniger Leitersprossen als Teilen einer im stillen formulierten metaphysischen Nebenlehre gleichen. Der Schluß des "Tractatus" - "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen" - ist mindestens sprachlich irreführend; es klingt so, als ob es "ein Etwas" gäbe, von dem man nicht sprechen könne. Wir würden sagen: falls man sich wirklich ganz metaphysischer Stimmung enthalten will, so "schweige man", aber nicht "über etwas".

Wir brauchen keine metaphysische Erläuterungsleiter. In diesem Punkt kann man WITTGENSTEIN nicht folgen, dessen große Bedeutung für die Logik dadurch nicht geringer eingeschätzt wird. Wir verdanken ihm u. a. die Gegenüberstellung der "Tautologien" und der "Aussagen über Vorgänge". Logik und Mathematik zeigen uns, welche sprachlichen Umformungen ohne Sinnmehrung möglich sind, gleichgültig, wie wir diesen Tatbestand formulieren mögen.

Logik und Mathematik bedürfen zu ihrer Ausgestaltung keiner weiteren Beobachtungsaussagen. Logische und mathematische Irrtümer können innerhalb ihres eigenen Bereichs beseitigt werden. Dem widerspricht nicht, daß Erfahrungsaussagen zur Berichtigung Anlaß geben können. Nehmen wir an, ein Kapitän fährt mit seinem Schiff auf ein Riff auf. Alle Berechnungsregeln sind richtig angewendet, das Riff befindet sich auf den geographischen Karten. Man könnte auf diese Weise einen Fehler in den Logarithmentafeln entdecken, der schuld am Unglück ist, aber auch ohne solche Erfahrungen gefunden werden kann.

In den "Erläuterungen" WITTGENSTEINs, die gelegentlich als "mythologische Vorbemerkungen" gekennzeichnet worden sind, scheint der Versuch gemacht zu werden, gewissermaßen in einem vorsprachlichen Stadium über einen vorsprachlichen Zustand Untersuchungen anzustellen. Diese Versuche muß man also nicht nur als sinnleer ablehnen, sie sind auch als Vorbereitung der Einheitswissenschaft nicht notwendig. Man kann zwar mit einem Teil der Sprache über den anderen sprechen, man kann sich aber nicht über die Sprache als Ganzes sozusagen von einem "noch-nichtsprachlichen" Standpunkt aus äußern, wie es WITTGENSTEIN und einzelne Vertreter des "Wiener Kreises" versuchen. Ein Teil dieser Bemühungen läßt sich umgeformt wohl innerhalb des Wissenschaftsbetriebs unterbringen, ein Teil müßte wegfallen.

Man kann auch nicht die Sprache als Ganzes mit den "Erlebnissen oder mit der "Welt" oder mit einem "Gegebenen" konfrontieren. Jede Aussage von der Art wie: "Die Möglichkeit der Wissenschaft beruht auf einer Ordnung der Welt", ist daher sinnleer. Derlei Sätze sind auch nicht dadurch zu retten, daß man sie zu den "Erläuterungen" rechnet, für die gewissermaßen ein weniger strenger Standpunkt zur Anwendung kommt. Solcher Versuch unterscheidet sich wenig von Metaphysik im landläufigen Sinne. Die Möglichkeit der Wissenschaft zeigt sich an ihr selbst. Wir vergrößern ihren Bereich, indem wir die Aussagenmasse vermehren, neue Aussagen und überkommene Aussagen miteinander vergleichen und so ein widerspruchsloses System der Einheitswissenschaft schaffen, das für erfolgreiche Voraussagen verwendbar ist. Wir können nicht als Aussagende gewissermaßen eine Position außerhalb des Aussagens einnehmen und nun gleichzeitig Ankläger, Angeklagter und Richter sein.

Dieser Standpunkt, daß die Wissenschaft im Bereich der Aussagen verbleibt, Aussagen Ausgangspunkt und Ende der Wissenschaft sind, wird manchmal gerade von metaphysischer Seite zugestanden, freilich mit dem Zusatz, daß es eben neben der Wissenschaft noch einen Bereich gebe, der gewissermaßen uneigentliche Aussagen enthalte. Im Gegensatz zu der so häufigen Verzahnung von Wissenschaft und Metaphysik, wird diese Trennung von Wissenschaft und Metaphysik freilich ohne Elimination der Metaphysik - von REININGER (Metaphysik der Wirklichkeit, 1931) durchgeführt, der auch dem Behaviorismus gegenüber, soweit die Wissenschaft überhaupt in Frage kommt, einen dem "Wiener Kreis" verwandten Standpunkt einnimmt.

Die Einheitswissenschaft formuliert Aussagen, ändert sie ab, macht Voraussagen; sie kann aber ihren kommenden Zustand nicht selbst antizipieren. Neben dem gegenwärtigen Aussagensystem gibt es nicht noch ein "wahres" Aussagensystem. Von derlei auch als Grenzbegriff zu sprechen, hat keinen Sinn. Wir können nur feststellen, daß wir heute mit dem räumlich-zeitlichen System operieren, das dem der Physik entspricht und so zu erfolgreichen Voraussagen gelangen. Dies Aussagensystem ist das Aussagensystem der Einheitswissenschaft - das ist der Standpunkt, den man als Physikalismus bezeichnen kann. Sollte sich dieser Terminus einbürgern, dann würde es sich empfehlen, von "physikalistisch" zu sprechen, wenn man im Sinne der gegenwärtigen Physik irgendeine räumlich-zeitliche Beschreibung, z.B. eine behavioristische, vornimmt. Der Terminus "physikalisch" würde dann für "physikalische Aussagen im engeren Sinne-, etwa für die der Mechanik, Elektrodynamik usw., reserviert bleiben.

Die einer bestimmten geschichtlichen Periode eigentümliche Einheitswissenschaft als Physikalismus geht fern von allen sinnleeren Sätzen von Aussage zu Aussage, die in einem widerspruchslosen System als Werkzeug erfolgreichen Voraussagens, also des Lebens, zusammengefaßt werden.

II. Einheitssprache des Physikalismus
Die Einheitswissenschaft umfaßt alle wissenschaftlichen Gesetze; diese können ausnahmslos miteinander verbunden werden. Gesetze sind nicht Aussagen, sondern nur Anweisungen darüber, wie man von Beobachtungsaussagen zu Voraussagen gelangt (SCHLICK).

Die Einheitswissenschaft drückt alles in der Einheitssprache aus, die Blinden und Sehenden, Tauben und Hörenden gemeinsam ist, sie ist "intersensual" und "intersubjektiv". Sie verknüpft Aussagen des Monologisierenden von heute mit seinen Aussagen von gestern; seine Aussagen, die er macht, wenn er die Ohren schließt, mit denen, welche er macht, wenn er sie öffnet. In der Sprache ist nur Ordnung wesentlich, also das, was schon ein Morsestreifen darstellt. Die "intersubjektive", die "intersensuale" Sprache überhaupt beruht auf der Ordnung ("neben", "zwischen" usw.), das heißt auf dem, was sich in den Zeichenfolgen der Logik und Mathematik ausdrücken läßt. In dieser Sprache werden alle Voraussagen formuliert.

Diese Einheitssprache der Einheitswissenschaft, die im großen und ganzen durch Abänderungen aus der Sprache des Alltags ableitbar ist, ist die Sprache der Physik. Dabei ist es für die Einheitlichkeit der physikalistischen Sprache gleichgültig, welcher Sprache sich die Physik einer bestimmten Zeit gerade bedient, ob sie ein vierdimensionales Kontinuum in ihren feineren Formulierungen ausdrücklich verwendet, ob sie eine raum-zeitliche Ordnung kennt, derart, daß der Ort aller Vorgänge immer genau bestimmt ist, oder ob als Grundelemente Koppelung von Orts- und Geschwindigkeitsstreuungen mit prinzipiell begrenzter Genauigkeit auftreten; wesentlich ist, daß die Begriffe der Einheitswissenschaft dort, wo auf die letzten Feinheiten zurückgegriffen wird, ebenso wie dort, wo die Beschreibung im Rohen bleibt, das jeweilige Schicksal der physikalischen Grundbegriffe haben. Gerade darin drückt sich der Standpunkt des Physikalismus aus. Immer aber sind alle Voraussagen, an deren Bewährung wir die Wissenschaft messen, auf Beobachtungsaussagen rückführbar, auf Aussagen, in denen wahrnehmende Personen und Reiz ausübende Dinge auftreten.

Zu sagen, daß die komplizierten oder weniger komplizierten Relationen, die sich so ergeben, weniger anschaulich seien, wenn sie im Sinne moderner Physik prinzipiell größter Genauigkeit entbehren müssen, als wenn sie hypothetische Elektronenbahnen einführen, geht wohl nur auf gewisse Gewohnheiten zurück.

Die Einheitssprache des Physikalismus tritt uns überall entgegen, wo wir eine wissenschaftliche Voraussage auf Grund von Gesetzen machen. Wenn jemand sagt, er werde gleichzeitig, wenn er eine bestimmte Farbe sieht, einen bestimmten Ton hören oder umgekehrt, oder wenn er von der "roten Stelle" neben der "blauen Stelle" spricht, die unter bestimmten Umständen auftreten wird, so bewegt er sich bereits innerhalb des Physikalismus. Er als Wahrnehmender ist ein physikalisches Gebilde, die Wahrnehmung muß er lokalisieren, z.B. im Zentralnervensystem, und alles, was er über Flecke aussagt, als Aussagen über diese Vorgänge im Zentralnervensystem oder an einem anderen Ort formulieren. Nur so kann er Voraussagen machen und sich mit anderen und mit sich selbst in einem anderen Zeitpunkt verständigen. Jede Zeitbestimmung ist bereits physikalische Formulierung.

Die Wissenschaft bemüht sich, die Sätze des Alltags umzuformen. Sie sind uns als "Ballungen" gegeben, die aus physikalistischen und vorphysikalistischen Bestandteilen bestehen. Wir ersetzen sie durch "Vereinheitlichungen" der physikalistischen Sprache. Wenn man z.B. sagt: "Die kreischende Säge zerschneidet den blauen Holzwürfel", dann ist "Würfel" offenbar ein "intersensualer" und "intersubjektiver" Begriff, der für den Blinden, den Tauben gleich verwendbar ist. Wenn ein Mensch Monologe spricht und Voraussagen macht, die er selbst kontrolliert, kann er das, was er als Sehender vom Würfel sagte, mit dem vergleichen, was er im Dunkeln als Tastender mitteilt.

Beim Wort "blau" dagegen ist zunächst zweifelhaft, wie es in die Einheitssprache einzugliedern ist. Man kann es im Sinne der Schwingungszahl von elektromagnetischen Wellen verwenden. Man kann es aber auch im Sinne einer "Feldaussage" verwenden und damit meinen: Wenn ein (in bestimmter Weise definierter) sehender Mensch als Probekörper in den Bereich dieses Würfels kommt, dann verhält er sich in bestimmter physikalistisch beschreibbarer Weise, er sagt z. B.: ich sehe "blau". Während, wie wir sahen, bei "blau" zweifelhaft sein mag, wie es von Menschen in der Umgangsprache gemeint ist, dürfte "kreischend" vorwiegend als "Feldaussage" gemeint sein, das heißt, es wird der Hörende immer mitbetrachtet, obgleich genauere Überlegung zeigt, daß "Würfel", "blau", "kreischend" einer Art sind.

Versuchen wir den obigen Satz gemäß unserer Analyse im Sinne des Physikalismus genauer auseinanderzulegen und ihn anders wiederzugeben, um ihn für Voraussagen verwertbar zu machen:
"Hier ist ein blauer Würfel." (Diese Formulierung kann ebenso wie die folgenden durch eine physikalische Formel wiedergegeben werden, wobei auch der Ort durch Koordinaten bestimmt wird.)

"Hier ist eine kreischende Säge." (Das Kreischen würde zunächst nur als Schwingung der Säge und der Luft in die Formulierung eingehen, was in physikalischen Formeln ausgedrückt werden könnte.)

"Hier ist ein wahrnehmender Mensch."
Dieses Wahrnehmen gliedert sich etwa in:
"Hier gehen Nervenveränderungen vor sich."

"Hier gehen Gehirnveränderungen im Wahrnehmungs- eventuell auch im Sprachbereich vor sich."
Vielleicht muß man, um den physikalistischen Sinn dieses einfachen Satzes zu erschöpfen, noch etwas hinzufügen, z. B. Uhrenangaben, Ortskoordinaten; aber wesentlich ist jedenfalls, daß es sich um Aussagen mit physikalischen Begriffen handelt.

Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß deshalb, weil man zur Berechnung gewisser Korrelationen, physikalische Formeln sehr komplizierter Art benötigt, über die man zum Teil noch gar nicht verfügt, auch der physikalistische Ausdruck des Alltags kompliziert sein müsse. Die physikalistische Alltagssprache geht aus der bisherigen Alltagssprache hervor, aus der nur gewisse Teile wegfallen, manches anders verknüpft wird, abgesehen von gewissen Ergänzungen. Daß ein Mensch wahrnimmt, wird mit der Wahrnehmungsaussage und der Gegenstandsfestlegung enger als bisher von vornherein verbunden sein. Die Ablösung gewisser Gruppen von Aussagen, etwa der Wahrnehmungsaussagen, wird auf andere Weise als bisher erfolgen.

Die physikalistische Alltagssprache ist für Kinder erlernbar. Sie können zur strengen symbolischen Sprache der Wissenschaften vordringen, Voraussagen aller Art erfolgreich machen lernen, ohne je auf "Erläuterungen" zurückgreifen zu müssen, die als sinnleere Einleitung fungieren sollen. Es geht um eine saubere Sprechweise, die alles so formuliert, daß z. B. der so viel Verwirrung stiftende Ausdruck "Sinnestäuschung" ausfällt. Wenn aber auch einmal die physikalistische Sprache als allgemeine Verkehrssprache gelernt werden kann, so müssen wir gegenwärtig freilich noch die "Ballungen" unserer Sprache von metaphysischen Anhängseln befreien und alles, was in ihnen sonst noch vorhanden ist, physikalistisch definieren. Manches mag dann als zusammenhangloser Haufen vor uns liegen, wenn das metaphysische Band fehlt. Dann wird die Weiterverwendung solchen Restbestandes nicht eben fruchtbar und ein Neubau unerläßlich sein.

Oft können wir vorhandene "Ballungen" umdeutend weiterverwenden. Doch muß man darin vorsichtig sein, weil häufig anpassungsbereite, aber bequeme Menschen sich damit trösten, daß man ja so vieles "grundsätzlich" umdeuten könne. Es ist mehr als fraglich, ob es z.B. zweckmäßig ist, Worte, wie "Trieb", "Motiv", "Gedächtnis", "Welt" usw. weiterzuverwenden und für sie eine ganz ungewöhnliche Deutung anzunehmen, die man leicht vergißt, wenn man diese Worte um des lieben Friedens willen weitergebraucht. In vielen Fällen ist sicherlich eine Neubildung der Sprache überflüssig, ja gefährlich, man muß sich hüten, solange man sich nur "ungefähr" ausdrückt, gleichzeitig allzu subtil sein zu wollen.

Da die hier vorgetragenen Anschauungen vor allem dem CARNAPschen Ausführungen nahestehen, sei hervorgehoben, daß die besondere "phänomenale Sprache" wegfällt, aus der CARNAP die physikalische abzuleiten sucht. Die Ausschaltung der "phänomenalen Sprache", die für "Voraussagen", d.h. für das wesentlich Wissenschaftliche nicht einmal in der bisherigen Form verwendbar scheint, wird wohl manche Abänderung des Konstitutionssystems nötig machen. Es fällt auf diese Weise wohl auch der "methodische Solipsismus" (CARNAP, DRIESCH), der als ein abgeschwächter Restbestand idealistischer Metaphysik aufzufassen sein dürfte, von der abzurücken gerade CARNAP sich immer bemüht. Man kann diese These des "methodischen Solipsismus" nicht wissenschaftlich formulieren - das würde vermutlich auch CARNAP zugeben -, man kann aber mit ihr nicht einmal mehr eine bestimmte Haltung andeuten, die einer anderen Haltung gegenübertritt, weil nur der eine Physikalismus da ist. In ihm ist alles wissenschaftlich Formulierbare enthalten.

Das "Ich", die "denkende Persönlichkeit", kann man ebensowenig wie etwas anderes dem "Erlebten", oder dem "Erleben", oder dem "Denken" gegenüberstellen. Die Aussagen des Physikalismus beruhen auf Aussagen, die mit dem Sehen, dem Hören, dem Tasten und anderen "Sinnesempfindungen" (als physikalischen Vorgängen), aber auch mit den "Organempfindungen" verbunden sind, die wir meist nur grob abheben. Wir können zwar die Augen schließen, aber nicht die Muskelinnervationsvorgänge, die Verdauung, den Blutkreislauf abschalten. Was man als "Ich" abzusondern sich bemüht, sind in der Sprache des Physikalismus mit diese Vorgänge, über die wir nicht durch die üblichen "äußeren" Sinne unterrichtet werden. Alle "Persönlichkeitskoeffizienten", die ein Individuum von einem anderen trennen, sind physikalistischer Art!

Wenn man auch nicht das "Ich" der "Welt" gegenüberstellen kann, nicht dem "Denken", so kann man doch innerhalb des Physikalismus neben den Aussagen über den "physikalistisch beschrieben Würfel" Aussagen über die "physikalistisch beschriebene Person" unterscheiden und kann nun "Beobachtungsaussagen" unter gewissen Bedingungen abheben und damit einen Ersatz für die "phänomenale Sprache" schaffen; aber sorgfältige Untersuchungen werden wohl zeigen, daß die Masse der Beobachtungsaussagen in der Masse der physikalischen Aussagen enthalten ist.

Man wird sicherlich die (als physikalische Gebilde auftretenden) Protokollaussagen eines Astronomen, eines Chronisten von den Aussagen unterscheiden, die innerhalb eines physikalischen Systems ihre genau bestimmte Stelle haben, wenn es auch auf der Hand liegt, daß dabei fließende Übergänge vorliegen. Es tritt aber nicht eine besondere "phänomenale Sprache" der "physikalistischen" gegenüber. Von Anfang an kann jede unserer Aussagen eine physikalistische sein, darin unterscheidet sich das hier Gesagte von allen Ausführungen des "Wiener Kreises", der im übrigen die Bedeutung der Voraussagen und ihrer Bewährung immer wieder betont. Die Einheitssprache ist die Sprache der Voraussagen, die im Mittelpunkt des Physikalismus stehen.

In gewissem Sinne geht die hier vertretene Auffassung von einem gegebenen Zustand der Alltagssprache aus, die im wesentlichen physikalistisch beginnt und gemeinhin erst allmählich metaphysisch durchsetzt wird. Darin liegt ein Berührungspunkt mit dem "natürlichen Weltbegriff" bei AVENARIUS. Die Sprache des Physikalismus ist sozusagen nichts Neues; sie ist die Sprache, die gewissen "naiven" Kindern und Völkern vertraut ist.

Die Wissenschaft als ein System von Aussagen steht jeweils zur Diskussion. Aussagen werden mit Aussagen verglichen, nicht mit "Erlebnissen", nicht mit einer "Welt", noch mit sonst etwas. Alle diese sinnleeren Verdoppelungen gehören einer mehr oder minder verfeinerten Metaphysik an und sind deshalb abzulehnen. Jede neue Aussage wird mit der Gesamtheit der vorhandenen, bereits miteinander in Einklang gebrachten, Aussagen konfrontiert. Richtig heißt eine Aussage dann, wenn man sie eingliedern kann. Was man nicht eingliedern kann, wird als unrichtig abgelehnt. Statt die neue Aussage abzulehnen, kann man auch, wozu man sich im allgemeinen schwer entschließt, das ganze bisherige Aussagensystem abändern, bis sich die neue Aussage eingliedern läßt. Innerhalb der Einheitswissenschaft gibt es bedeutsame Aufgaben der Umformung. Die hier aufgestellte Definition von "richtig" und "unrichtig" entfernt sich von der im "Wiener Kreis" üblichen, die auf "Bedeutung" und "Verifikation" rekurriert. In der hier gegebenen Darstellung bleibt man immer im Bereich des Sprechdenkens. Es werden Aussagensysteme umgeformt. Es können aber generalisierende Aussagen, ebenso Aussagen durch die bestimmten Relationen herausgearbeitet werden, mit der Gesamtheit der Protokollaussagen verglichen werden.

Im Rahmen der Einheitswissenschaft gibt es dann allerlei Klassifikationen der Aussagen. So wird z.B. entschieden, ob es sich um ..Wirklichkeitsaussagen", um "Halluzinationsaussagen", um "Unwahrheiten" handelt, je nachdem, ob man die Aussagen mehr oder minder dazu verwenden kann, um Rückschlüsse auf physikalische Vorgänge über die Mundbewegungen hinaus zu ziehen. Eine "Unwahrheit" liegt vor, wenn zwar auf eine bestimmte Erregung des Sprechzentrums geschlossen werden kann, nicht aber auf entsprechende Vorgänge in den Wahrnehmungszentren; diese sind dagegen für die Halluzination wesentlich. Kann man außer auf Erregung in den Wahrnehmungszentren auch auf Vorgänge außerhalb des Körpers in näher anzugebender Weise schließen, dann liegt eine "Wirklichkeitsaussage" vor; in diesem Falle können wir z. B. die Aussage "in diesem Zimmer sitzt eine Katze", die jemand ausspricht, als physikalistische Aussage weiterverwenden. Stets wird eine Aussage mit einer anderen oder mit dem System der Aussagen verglichen, nicht aber mit einer "Wirklichkeit". Solches Beginnen wäre Metaphysik, wäre sinnleer. Es wird aber nicht "die Wirklichkeit" durch "das" System des Physikalismus ersetzt, sondern durch Gruppen solcher Systeme, von denen die Praxis eins verwendet.

Es wird aus all dem klar, daß es innerhalb eines folgerichtigen Physikalismus keine "Erkenntnistheorie" geben kann, mindestens nicht in der überlieferten Form. Sie könnte nur aus Abwehrbewegungen gegen die Metaphysik bestehen, also aus der Entlarvung sinnleerer Wendungen. Manche Probleme der Erkenntnistheorie werden sich vielleicht so in empirische Fragen umformen lassen, daß sie in der Einheitswissenschaft unterkommen.

Dies kann hier ebensowenig weiter auseinandergesetzt werden, wie die Frage, auf welche Weise man alle "Aussagen" als physikalistische Gebilde dem Physikalismus einordnen kann. "Zwei Aussagen sind äquivalent", könnte physikalistisch etwa so ausgedrückt werden. Man läßt auf einen Menschen ein System von Befehlen wirken, das mit allerlei Aussagen verbunden ist. Z.B.: "Wenn A sich so und so verhält, tu das und jenes." Man kann nun gewisse Bedingungen festsetzen und dann beobachten, daß die Hinzufügung einer bestimmten Aussage dieselbe Änderung der Reaktionen erzeugt, wie die einer anderen Aussage. Man wird dann sagen, die erstere Aussage sei mit der zweiten äquivalent. Durch Hinzufügung von Tautologien bleibt der Reiz des Befehlssystems unverändert.

All das könnte mit Hilfe einer "Denkmaschine", wie sie JEVONS vorgeschlagen hat, experimentell ausgebaut werden. Man könnte durch die Konstruktion der Maschine die Syntax zum Ausdruck bringen und durch ihre Anwendung logische Fehler automatisch vermeiden. Die Maschine kann den Satz: "Zweimal rot ist hart", gar nicht schreiben.

Die hier gemachten Ausführungen verbinden sich am besten mit einer behavioristischen Grundeinstellung. Man spricht dann nicht vom "Denken", sondern gleich vom "Sprechdenken", das heißt von Aussagen als physikalischen Vorgängen. Ob eine Wahrnehmungsaussage über Vergangenes (z. B.: "ich habe vorhin eine Melodie gehört") auf ein vergangenes Sprechdenken zurückgeht, oder ob ältere Reize erst jetzt eine Reaktion im "Sprechdenken" hervorrufen, ist dabei grundsätzlich ohne Belang. Allzuoft wird die Diskussion so geführt, als ob durch Widerlegung irgendwelcher Einzelbehauptungen, die von Behavioristen aufgestellt worden sind, der Grundsatz irgendwie angetastet wäre, daß nur physikalistische Aussagen einen Sinn haben, d.h. Teil der Einheitswissenschaft werden können.

Mit den Aussagen beginnen wir, mit den Aussagen beschließen wir alles. Es gibt keine "Erläuterungen", die nicht physikalistische Aussagen wären. Wenn jemand die "Erläuterungen" als Zurufe auffassen wollte, dann unterliegen sie, wie Pfiffe oder Streicheln, überhaupt keiner logischen Analyse. Es ist die physikalistische Sprache, die Einheitssprache, das Um und Auf aller Wissenschaft: keine "phänomenale Sprache" neben der "physikalischen Sprache"; kein "methodischer Solipsismus" neben einem anderen möglichen Standpunkt; keine "Philosophie"; keine "Erkenntnistheorie"; keine "neue Weltanschauung" neben anderen Weltanschauungen; nur Einheitswissenschaft mit ihren Gesetzen und Voraussagen.
LITERATUR - Otto Neurath, Soziologie im Physikalismus; in Rudolf Carnap / Hans Reichenbach (Hrsg), Erkenntnis, Band 2/1931, Amsterdam 1967