ra-2cr-1Wertbegriff und WirtschaftsführungDie Methode der Sozialwissenschaften dow89 KB    
 
GUNNAR MYRDAL
Objektivität in der Sozialforschung

"Meistens werden Werturteile über die Terminologie eingeschmuggelt. Die geläufige Terminologie  (freie Welt, freies Asien, Entwicklungsländer usw.)  ist bereits ideologisch."

Das Problem
Das Ethos der Sozialwissenschaft ist die Suche nach "objektiver" Wahrheit. Der Student ist davon überzeugt, daß Wahrheit gut und Jllusionen, besonders opportunistische, verderblich seien. Er sucht den "Realismus" - ein Begriff, der in einer seiner Bedeutungen eine "objektive" Betrachtung der Wirklichkeit verheißt.

Daher lauten die beiden wichtigsten methodologischen Grundfragen, denen sich der Sozialwissenschaftler gegenübersieht: Was ist Objektivität, und wie kann der Student sie erarbeiten, wenn er Fakten und ihre kausalen Beziehungen zueinander untersucht? Wie kann er falsche Ansichten vermeiden? Genauer gesagt: Wie kann der Student bei der Beschäftigung mit sozialen Problemen
  • sich von dem erdrückenden Erbe vorhandener Literatur über sein Sachgebiet befreien? Gewöhnlich enthält sie überkommene normative und teleologische Begriffe, die auf der metaphysischen Moralphilosophie des Naturrechts und des Utilitarismus fußen und von denen unsere gesamten sozialen und ökonomischen Vorstellungen sich herleiten.

  • Wie kann er sich freihalten vom Einfluß des kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Milieus seiner Gesellschaft, in der er sich durch seine Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient und einen sozialen Status schafft?

  • Und wie kann er sich dem Einfluß seiner eigenen Persönlichkeit entziehen, die von seiner Herkunft und Umwelt, aber auch von seiner Lebensgeschichte, seiner Konstitution und seinen Neigungen geprägt ist.

Noch ein weiteres Problem stellt sich dem Sozialwissenschaftler: wie kann er sich in diesem Sinne objektiv und zugleich praktisch verhalten? Welche Beziehung besteht zwischen dem Wunsch, die Gesellschaft zu verstehen, und dem, sie zu verändern? Wie kann man die Suche nach der "reinen" Wahrheit mit moralischen und politischen Wertungen vereinbaren? Wie verhält sich die Wahrheit zu den Idealen?

Sogar heute fehlt es in unserem Beruf an der Erkenntnis, daß der Forscher, wie alle Menschen, was sie auch unternehmen mögen, auf seiner Suche nach Wahrheit von der Tradition, seiner Umgebung und seiner Persönlichkeit bestimmt wird. Zudem gibt es ein irrationales Tabu, über diesen Mangel zu reden. Erstaunlicherweise wird dieses Tabu allgemein respektiert und der Sozialwissenschaftler in seiner Tätigkeit seiner Naivität überlassen.

Sie zu zerstören sollte Gegenstand einer Soziologie der Wissenschaft und der Wissenschaftler sein, Objekt des am wenigsten entwickelten Zweigs der Sozialwissenschaft. Das ist deshalb wichtig, weil diese Einflüsse, sofern sie nicht kontrolliert werden, systematische Fehler in der Forschung hervorrufen können und damit zu falschen Folgerungen führen.

Selbst wenn die die Forschung bestimmenden Einflüsse schon dargelegt worden wären, so daß der Sozialwissenschaftler sich selbst und den Formen seiner Arbeit kritischer gegenüberstünde, bliebe noch immer als ungelöstes Problem in der Philosophie der Sozialwissenschaft die Frage: Gibt es logische Mittel, durch welche er sich vergleichsweise leicht der Objektivität bei seiner Forschung versichern kann?

Wie wir sehen werden, stehen folgend logische Mittel zur Verfügung, uns vor Fehlern zu bewahren: die Werturteile, die unsere Forschung in Theorie und Praxis bestimmen, sollen klar zum Bewußtsein gebracht werden; sie sollen unter dem Gesichtspunkt ihrer Geltung, ihrer Bedeutung und ihrer Anwendbarkeit auf die jeweils untersuchte Gesellschaft überprüft, in besondere Wertprämissen für die Forschung umgesetzt werden und in Begriffen einer Reihe von Wertprämissen, die ausdrücklich formuliert worden sind, den Zugang zum Problem festlegen, wobei die für die jeweilige Untersuchung relevanten Begriffe bestimmt werden sollen.

In einer Kritik an der Volkswirtschaftslehre zeigen die in diesem Buch niedergelegten Gedanken die systematische Bemühung der Wirtschaftswissenschaftler, praktische und politische Probleme mit einer fehlenden Gleichung zu lösen, so daß der Ungenaigkeit und den Fehlern Tür und Tor geöffnet wird. Ich glaube, solche Kritik hat noch immer ihren Sinn und ihre Bedeutung. Es hat sich nicht viel an den Denkgewohnheiten der Volkswirtschaftler geändert.

Hinter der Argumentation des Buches aber stand die Vorstellung, daß ein vernünftiger Bestand positiver Wirtschaftstheorie zurückbleiben werde, wenn erst alle Spekulationen radikal beschnitten wären und politische Schlußfolgerungen weitgehend vermieden würden; damit wäre die Wirtschaftstheorie von allen Wertungen unabhängig. Dann müßte es möglich sein, politische Folgerungen einfach abzuleiten, indem man den objektiven, wissenschaftlich gesicherten Tatsachen ein ausgewähltes System gegebener Wertprämissen aufsetzt.

Dank diesem unausgesprochenen Vertrauen in die Existenz einer Gesamtheit wertfrei gewonnener wissenschaftlicher Erkenntnisse hielt ich mich für einen naiven Empiriker.
    "Tatsachen verwandeln sich nicht unversehens in Begriffe und Theorien; außerhalb des Systems von Begriffen und Theorien gibt es keine wissenschaftlichen Tatsachen, nur das Chaos. Ein unabdingbares apriorisches Element findet sich in aller wissenschaftlichen Arbeit. Man muß Fragen stellen, bevor man sie beantworten kann. Alle Fragen sind Ausdruck unseres Interesses an der Welt; sie sind im Grunde Wertungen. Wertungen sind daher notwendig mit in das Gedankengebäude eingeschlossen, wenn wir die Wirklichkeit beobachten und theoretische Analysen vorantreiben; sie bilden mehr als das Gerüst, wenn wir aus Tatsachen und Wertungen politische Folgerungen ableiten." (1)
Dieser frühe Beitrag zur Diskussion des Wertproblems in der Wirtschaftswissenschaft bezeichnete freilich nur eine Entwicklungsstufe meines Denkens über die Fragen, die ich zu Beginn dieses Essays gestellt habe.

Schon früh hat mein Interesse wirtschaftlichen Phänomenen gegolten; es konzentrierte sich auf die herrschende Form der Nationalökonomie, wie die klassische und neoklassische Schule sie entwickelt hat. Spätere Forschungen führten mich weiter und weiter von diesem begrenzten Gebiet weg, bis ich mich als politischen Ökonomen und dann als Instituts-Ökonomen verstehen lernte.

Das ergab sich mit aus einer Veränderung in der Art der praktischen und theoretischen Probleme, mit denen ich mich beschäftigte. Einfacher gesagt: diese Forschungen erzeugten ein neues Problembewußtsein, das sich in einer rasch sinkenden Achtung vor den herkömmlichen strengen Grenzen zwischen den verschiedenen Gebieten der Sozialwissenschaft ausdrückte; diese Aufspaltung in Einzelbereiche ist das Resultat einer Anpassung der Sache an die Lehrzwecke und einer allmählichen Spezialisierung.

Die treibende Kraft in dieser Geringschätzung war meine zunehmende Überzeugung,
    daß es in der Realität keine wirtschaftlichen, soziologischen oder psychologischen Probleme, sondern eben nur Probleme, und in der Regel sehr komplexe, gebe.
Die einzige Art von Begriffen, die man in ihrer Bedeutung unbestimmt halten darf, ist die von Begriffen wie  Wirtschaft, Soziologie, Psychologie  oder  Geschichte,  da von ihrer Definition niemals wissenschaftliche Ableitungen abhängig sein können.

Wie wir wissen, wird das auch heute noch nicht immer beachtet, obwohl der Sachverhalt selbst seit nunmehr fast vierzig Jahren bekannt ist. Damals hat man sich viel Mühe gegeben, eine genaue Definition für die verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen zu finden, in der Annahme, diese Abgrenzung sei wichtig.

Die komplexen Probleme, aus denen die Wirklichkeit besteht, müssen wir mit den uns jeweils zur Verfügung stehenden Instrumenten zu lösen versuchen. Das soll nicht als Entschuldigung für dilettantische Arbeit gelten; es ist unerläßlich, unsere Fertigkeiten maximal zu entwickeln. Der Student muß seine Fähigkeiten entfalten und sie dem besonderen Problem anpassen, dem er sich widmet; er darf sich nicht mit einer Beschränkung auf eines der traditionellen Sachgebiete zufriedengeben.

Ich habe mich manchmal weit von meinem Ausgangspunkt - dem, was man gewöhnlich als Volkswirtschaftslehre bezeichnet - entfernt. Denn unter der Hand gewann meine Beschäftigung mit der Methodologie und dem Problem der Wertungen eine Beziehung zur Sozialwissenschaft allgemein und löste sich allmählich von der Volkswirtschaft.

Wo immer ich mit meiner Arbeit ansetzte, stieß ich auf diese Problematik; ihr und meiner Arbeitsmethode sind Vorworte und Nachworte, Abschnitte und ganze Kapitel gewidmet. Fast könnte ich mit MAHATMA GANDHI, wenn auch in einem anderen Sinne, sagen, mein ganzes Berufsleben sei eine Kette von "Experimenten mit der Wahrheit" gewesen.

Fehler in der Forschung
Wir stehen unter dem Einfluß der Tradition unserer Wissenschaft, des kulturellen und politischen Milieus unserer Umwelt und unter dem unserer eigenen Persönlichkeit. Wir sind keine Automaten, wie die elektrischen Maschinen, deren wir uns in zunehmenden Maße für die Datenverarbeitung bedienen. Deshalb finden sich in unserer Arbeit immer wieder systemimmanente Fehler, selbst bei den von Programmierern gefütterten Computern; nur soziologische und psychologische Erkenntnisse über unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen und die Anwendung logischer Methoden helfen uns, solche Fehler zu vermeiden.

Um meine These zu untermauern, daß wissenschaftliche Arbeit besonders fehleranfällig ist, will ich mich einigen Gebieten zuwenden, auf denen ich Forschungserfahrung sammeln konnte.

Man kann Fehler leichter feststellen und verfolgen, wenn eine gewisse Zeitspanne vergangen ist und gewisse Bedingungen sich geändert haben. Die systemimmanenten Fehler der klassischen und neoklassichen Volkswirtschaftslehre habe ich in meinem Buch "Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung" dargestellt. Die in der Metaphysik wurzelnden Moralphilosophien von Naturrecht und Utilitarismus, aus denen die Volkswirtschaftslehre einst entstand, werden als wichtige Faktoren aufgezeigt.

Die Nationalökonomie gab es zuerst in England, das damals das reichste Land der Erde war, und wo die reicheren Schichten der Gesellschaft die Wirtschaft und alle Formen der Kultur beherrschten. Das Erbe der Moralphilosophien bestimmte nun die Wahl der Methoden und die Art zu denken.

Ein Beispiel für die aus solchem theoretischen Rahmen hervorgehenden Fehler ist der Begriff "Arbeitslosigkeit", der allgemein nicht vor dem Ende des 19. Jahrhunderts benutzt wurde, obwohl natürlich die Arbeitslosigkeit tatsächlich vorkam und häufig sehr hoch war.

Als ich die unterschiedlichen Ansichten über die Probleme der schwarzen Bevölkerung in Amerika studierte, stellte ich gleich zu Anfang fest, daß auch hier Forschungsfehler eine Problem allerersten Ranges waren. In  "American Dilemma"  habe ich ausführlich erläutert, wie sehr die wissenschaftliche Literatur selbst, die sich mit dem Fehlerproblem befaßt, nach verschiedenen Richtungen und in unterschiedlichem Ausmaß durchweg fehlerhaft ist. Ich bin dazu übergegangen, häufiger die Meinung von Autoren über mancherlei Aspekte eines Gegenstandes zu zitieren, als Tatsachen und ihre Beziehungen zueinander zu beschreiben.

In meinem letzten Buch, der Studie über Entwicklungsfragen Südasisen, habe ich festgestellt, daß alle wichtigen Begriffe, Theorien und Modelle aus der Kolonialzeit wie aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Fehler aufweisen. Dies fehlerhafte Verfahren, ich habe es die "moderne Methode" genannt, ist stark von der Diplomation und dem Wunschdenken im Zusammenhang mit dem kalten Krieg geprägt.

Systematische Fehler dieser Art schleichen sich ein, wenn man wissenschaftliche, für die Wirtschaftsanalyse der entwickelten westlichen Länder bestimmte Methoden unkritisch anwendet. Die geläufige Terminologie "freie Welt", "freies Asien", "Entwicklungsländer" usw. ist bereits ideologisch; und solche terminologischen Mängel weisen auf tiefer liegende methodische Fehler hin.

In den Studien über Südasien und die anderen Entwicklungsländer kommt es deshalb zu Fehlern und Fehleinschätzungen, weil die wenigen Statistiken und das übrige Informationsmaterial wenig taugen. Viele der angeblichen Daten, z.B. über "Arbeitslosigkeit" und "Unterbeschäftigung", sind bedeutungslos oder bedeuten etwas völlig anderes, als man angenommen hat; man hatte sie zwar mit den Begriffen der "modernen Methode" gesammelt und analysiert, doch die Methode entsprach nicht den Gegebenheiten jener Länder, die sich so grundlegend von den Industrieländern unterscheiden. So kann das gesammelte statistische und andere empirische Material das Verfahren selbst nicht bestätigen, wie es ja normalerweise bei der Gegenüberstellung mit den Tatsachen der Fall ist.

Die systematischen Fehler, die in den Untersuchungen über die Entwicklungsprobleme Südasiens auftreten, verdanken ihre Stärke dem Umstand, daß die "moderne Methode" opportunistisch ist, d.h. die Wünsche der fortschrittlichen wie der konservativen Kräfte dort zu befriedigen sucht. Das aber kommt wiederum dem Opportunismus der Leute in den reichen westlichen Ländern zupaß; wenn nämlich die "moderne Methode" logisch zwingend und der Realität angepaßt wäre, würden uns die unterentwickelten Länder in Südasien und anderswo vor leichter zu lösende politische Aufgaben stellen.

Fehler führen zu falscher Erfahrung der Wirklichkeit und zu falschen politischen Schlüssen. Ich will nicht weiter theoretisch Bedeutung und Charakter der systemimmanenten Fehler in der Sozialwissenschaft erläutern, sondern möchte hier nur darauf hinweisen, daß sie die Sozialwissenschaft in ihrer gesellschaftlichen Rolle eines Präzeptors [Vorschriftenmacher - wp] der Masse, der die falschen Ansichten korrigiert, schwächen. Fehler in der Forschung sind wie falsche Ansichten der Masse, nämlich opportunistisch, und sie liegen beide regelmäßig auf der gleichen Ebene; sie werden z.T. von fehlerhafter Forschung eine Zeitlang unterstützt.

Wie wenig die Sozialforschung von den gängigen Anschauungen und Wertungen der sie umgebenden Gesellschaft unabhängig ist, wird einem dramatisch klar, wenn man sich vor Augen führt, daß sie kaum je neue Perspektiven eröffnet. Politische Interessengruppen, die ja in unserer Gesellschaft eine beherrschende Rolle spielen, haben gewöhnlich den Anstoß für die dauernde Neuorientierung unserer Arbeit gegeben.

Die Flut der Schriften über die Entwicklungsländer z.B. zeigt deutlich, daß dort, nach der Befreiung von der Kolonialherrschaft und durch die allgemeinen Begleiterscheinungen des kalten Krieges, ebenso wie in den westlichen Ländern Zufälligkeiten politische Bedeutung erlangt haben. Die ökonomischen und sozialen Bedingungen sind heute in diesen Ländern nicht sehr viel anders als vor der Zerschlagung des Kolonialsystems. Aber damals empfanden die reichen Länder das Schicksal dieser Gebiete und ihrer Völker noch als politisch uninteressant.

Ebenso können wir sicher sein, daß in Amerika den Untersuchungen über die Probleme der schwarzen Bevölkerung in den kommenden Jahren von der Regierung, von Stiftungen, Universitäten und den Studenten mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden wird als in den vergangenen zwanzig Jahren; erst die "Black Power" hat die politische Bedeutung solcher Untersuchungen bekräftigt.

Diese politische Einflußnahmen auf die  Richtung  unserer Arbeit ist vielleicht ein vernünftiger Weg, sie den Bedürfnissen der Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten, anzupassen. Dennoch mag einem Sozialforscher der Wunsch verziehen sein, seine Wissenschaft möge genug Scharfblick besitzen, das Menetekel zu entziffern: warum sollten plötzlich Ereignisse uns durchweg unvorbereitet überraschen und uns dann zu Behelfsmaßnahmen zwingen?

Da soziale Faktoren eine solch entscheidende Rolle bei der Wahl der Forschungsgebiete spielen, müssen wir auch den gewählten Forschungs methoden  gegenüber, einer anderen Art der Einflußnahme, aufmerksam sein; unter Methode verstehe ich die Begriffe, Modelle und Theorien, deren wir uns bedienen, und die Mittel, mit denen wir Beobachtungen auswählen und zusammenstellen sowie die Ergebnisse unserer Forschungsarbeit darbieten. Besonders die zweite Gruppe von Bedingungen bringt leicht eine Reihe von Fehlern hervor.

Die Rolle der verborgenen Wertungen
Jahrhundertelang war es in der Sozialwissenschaft Tradition, die den wissenschaftlichen Methoden zugrundeliegenden Wertungen zu verschweigen. Im Grund unterscheidet sich der Mechanismus der fehlerhaften Forschung nicht von dem, der in Volksmeinungen wirksam ist. Ich sagte auch schon, die Sozialwissenschaft sei nichts anderes als äußerst kritischer "common sense".

Auch Sozialwissenschaftler verbergen manchmal, wie andere Leute, Wertungen und deren Konflikte unteinander, indem sie so tun, als seien Wertungen die logischen Folgerungen aus Tatsachen . Seitdem sie wie die Masse ihre Wertungen  als Wertungen  verdrängen und dafür "Begründungen" angeben, ist auch ihre Erfahrung der Wirklichkeit von der Verfälschung, d.h. auch von Fehlerhaftigkeit, bedroht.

Die Sozialwissenschaftler bemühen sich, objektiv zu sein, indem sie sich eng "an die Tatsachen halten". Es darf zunächst nicht verkannt werden, daß, sooft allgemeine Ansichten und wissenschaftliche Hypothesen an den Tatsachen gemessen wurden, immer wieder Fehler aufgedeckt worden sind. Diesen Prozeß der Selbstheilung bei wissenschaftlicher Arbeit habe ich anhand einiger Beispiele aus der Geschichte der Forschung erläutert, die sich mit den Unterschieden in der Begabung verschiedener rassischer und sozialer Gruppen befaßt. Trotzdem werden Fehler in der Sozialwissenschaft nicht einfach durch die "Nähe zu den Tatsachen" und verbesserte Methoden des Umgangs mit statistischem Material vermieden. In Wirklichkeit sind Daten und ihre Benutzung oft fehleranfälliger als das "reine Denken". Beobachtung allein vermag das Chaos möglicher Untersuchungsdaten nicht in systematisches Wissen zu verwandeln.

Bevor man einen Überblick geben kann, muß man einen Fixpunkt besitzen; das aber erfordert eine wertende Stellungnahme. "Ohne Wertungen", schrieb mein verstorbener Freund LOUIS WIRTH, mit dem ich über diese Dinge korrespondiert habe, "haben wir kein Interesse, kein Gefühl für Geltung oder Bedeutung und daher mithin kein Objekt." Wenn Wissenschaftler versuchen, ohne ihren Ausgangspunkt darzulegen, Tatsachen zu beschreiben, öffnen sie den Fehlern Tür und Tor.

Ein Wissenschaftler kann Fehler auch nicht dadurch ausschließen, daß er nur zögernd praktische oder politische Konsequenzen zieht. Weigert er sich, seine Resultate in einer praktischen oder politischen Zwecken dienlichen Form zur Verfügung zu stellen, so bedeutet das keineswegs, daß die Forschung nun schon gegen Fehler gefeit sei.

Daraus ersieht man auch, daß, trotz gegenteiliger Versicherungen, immer wieder praktisch-politische Schlüsse gezogen werden. Unsere ganze Literatur ist von Werturteilen durchsetzt. Diese Schlüsse aber werden nicht als logische Folgerungen aus offen ausgesprochenen Wertprämissen hingestellt; sie sollen vielmehr altmodisch aus der Natur der Dinge selbst hervorgegangen sein: als Teil der objektiven Gegebenheiten.

Meistens werden Werturteile über die Terminologie eingeschmuggelt; Wörter wie "Gleichgewicht", "Ausgleich", "stabil", "normal", "Anpassung", "Überschneidung" oder "Funktion" haben der Sozialwissenschaft häufig als Brücke zwischen vermeintlich objektiver Analyse und politischer Normierung gedient.

Deshalb sind Fehler nicht auf die praktisch-politischen Folgerungen der Forschung beschränkt; sie liegen sehr viel tiefer und sind die unseligen Resultate verdeckter Wertungen; sie dringen auf allen Gebieten in die Forschung ein, von der Planung bis zum endgültigen Erscheinen der Arbeit. Weil sie aber im verborgenen existieren, werden sie nicht gründlich eliminiert und bleiben daher undefinierbar und vage.

Die Entstehung von Fehlern hat einen einfachen psychologischen Hintergrund. Jeder Student ist, als Privatperson wie als verantwortlicher Bürger, mehr oder weniger in das Netz der Wertungskonflikte verstrickt. Auch der Wissenschaftler wird, ähnlich wie der Laie, durch das psychische Bedürfnis nach Rationalisierung beeinflußt. Das gleiche gilt für jeden der die Forschung anderer überwacht, für das allgemeine wie auch für das wissenschaftliche Publikum, dem der Forscher seine Ergebnisse mitteilt und dessen Reaktionen er aus opportunistischen Gründen Beachtung schenkt.

Der Umstand, daß seine Kollegen gewöhnlich unter den gleichen Bedingungen arbeiten, verstärkt die Wirkung der irrationalen Einflüsse. Ganz allgemein kann man beobachten, daß Wissenschaftler in einer bestimmten institutionellen politischen Umgebung sich völlig gleichartig benehmen und ihre Kontroversen für jene Gelegenheiten aufsparen, die das grundlegende Fehlersystem, an dem sie beteiligt sind, nicht in Frage stellen.

Entgegen der Versicherung aller Betroffenen, primär aller Wissenschaftler, "aufgeschlossen" zu sein, führt das allgemeine Bedürfnis nach Rationalisierung auf diesem Wege zur Beeinflußung von Begriffen, Denkmodellen und Theorien; von daher bestimmt die Rationalisierung die Auswahl der relevanten Daten, die Aufzeichnung der Beobachtungen, die expliziten oder impliziten theoretischen und praktischen Schlußfolgerungen und die Art der Darstellung der Forschungsergebnisse. All diese Operationen zusammengefaßt bringe ich auf den Begriff "Methode" (Verfahren).

Fehler aufzuspüren ist der Methode nach einfach, aber mit ziemlich viel Arbeit verbunden. Die Ergebnisse der Forschung weisen nämlich logische Brüche auf, wenn die Wertprämissen nicht von vornherein festgelegt wurden und daher meist verborgen und verschwommen sind. Stellt man also das Resultat der Prämisse gegenüber, so ergibt sich ein geheimes "non sequitur" [es folgt nicht - wp] und das Denken bleibt unkontrollierten Einflüssen aus dem Bereich der Wertungen ausgesetzt.

Dieses Element des Nichtschlüssigen kann mit Hilfe der kritischen Analyse fixiert werden. Mein Buch "Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung" war hauptsächlich eine solche den logischen Unstimmigkeiten der Sozialforschung gewidmete kritische Analyse.
LITERATUR - Gunnar Myrdal, Objektivität in der Sozialforschung, Frankfurt/Main 1971
    Anmerkungen
    1) GUNNAR MYRDAL, Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung, Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe, Berlin 1932

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