ra-2cr-2M. WeberC. MengerG. MyrdalO. SpannH. Moeller    
 
CARL MENGER
Die Methode der Sozialwissenschaften
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"Wenn auf einem Wissensgebiet aus irgendwelchen Gründen die richtige Empfindung für die aus der Natur der Sache sich ergebenden Ziele der Forschung verloren gegangen ist, wenn nebensächlichen Aufgaben der Wissenschaft eine übertriebene oder gar die entscheidende Bedeutung beigelegt wird, wenn von mächtigen Schulen getragene irrtümliche methodische Grundsätze zur vorherrschenden Geltung gelangen und die Einseitigkeit über alle Bestrebungen auf einem Wissensgebiet zur Gericht sitzt, wenn, mit einem Wort, der Fortschritt einer Wissenschaft in der Herrschaft irrtümlicher methodischer Grundsätze sein Hemmnis findet: dann allerdings ist die Klarstellung der methodischen Probleme die Bedingung jedes weiteren Fortschrittes und damit der Zeitpunkt gekommen, wo selbst jene in den Streit über die Methoden einzutreten verpflichtet sind, welche ihre Kraft sonst lieber an die Lösung der eigentlichen Aufgaben ihrer Wissenschaft zu setzen geneigt wären."

V o r w o r t

Die erkenntnistheoretischen Untersuchungen auf dem Gebiet der politischen Ökonomie sind, zumal in Deutschland, bisher noch keineswegs zu einer eigentlichen Methodik dieser Wissenschaft vorgedrungen. Die erkenntnistheoretischen Probleme, welche die deutschen Nationaökonomen, zum nicht geringen Teil auch die nichtdeutschen Fachgenossen beschäftigen, bewegen sich vielmehr hauptsächlich umd das Wesen und den Begriff der politischen Ökonomie und ihrer Teile , die Natur ihrer Wahrheiten, die den realen Verhältnissen adäquate Auffassung der volkswirtschaftlichen Probleme und um ähnliche Aufgaben mehr; nicht die Erkenntniswege zu den Zielen der nationalökonomischen Forschung, diese letzteren selbst stehen noch in Frage.

Allerdings ist die obige Erscheinung ziemlich neuen Datums. Es liegt die Zeit noch nicht gar so weit hinter uns, wo das Wesen der politischen Ökonomie und die formale Natur ihrer Wahrheiten festzustehen schienen und die erkenntnistheoretischen Untersuchungen auf dem Gebiet unserer Wissenschaft sich tatsächlich mit den eigentlichen methodischen Problemen dieser letzteren beschäftigten. Daß die politische Ökonomie "die Wissenschaft von den Gesetzen der Volkswirtschaft sei", galt, seitdem die Auffassung derselben als bloße Kunstlehre überwunden war, für ebenso ausgemacht wie ausreichend und die wissenschaftliche Diskussion konnte an die Untersuchung der Fragen schreiten, ob jene Gesetze auf spekulativem oder auf empirischem, auf induktivem oder auf deduktivem Weg gewonnen werden müßten, welche besondere Form diesen Methoden auf dem Gebiet der Sozialerscheinungen überhaupt und jenem der Volkswirtschaft insbesondere adäquat sei und an die Untersuchung ähnlicher Fragen der eigentlichen Methodik mehr.

All das mußte freilich anders werden, sobald man sich mit den methodischen Problemen eingehender zu befassen begann. Es mußte den Bearbeitern unserer Wissenschaft klar werden, daß die politische Ökonomie in ihrem theoretischen und in ihrem praktischen Teil Erkenntnisse von durchaus verschiedener formaler Natur aufweist und demnach auch nicht von  einer,  von  der  Methode der politischen Ökonomie, sondern von  den  Methoden dieser letzteren die Rede sein könne. Die Erkenntniswege, die Methoden der Forschung richten sich nach den Zielen dieser letzteren, nach der formalen Natur der Wahrheiten, deren Erkenntnis angestrebt wird. Die Methoden der theoretischen Nationalökonomie und der praktischen Wissenschaften von der Volkswirtschaft können nicht die gleichen sein. Aber selbst dort, wo man bei der Behandlung der methodischen Probleme die obige grundlegende Unterscheidung festhielt oder zunächst nur an die theoretische Nationalökonomie dachte, mußte sich bei näherer Untersuchung die Erkenntnis Bahn brechen, daß auch der Begriff von "Gesetzen der Erscheinungen" ein vieldeutiger, Wahrheiten von sehr verschiedener formaler Natur umfassender und demnach die Auffassung der politischen Ökonomie, ja selbst jene der theoretischen Volkswirtschaftslehre als eine Wissenschaft von den "Gesetzen der Volkswirtschaft" unzureichend sei.

Hatten die Schriftsteller der nachklassischen Epoche mit dem Begriff der Volkswirtschaft zumeist schlechthin die Idee einer Wissenschaft von den Gesetzen der Koexistenz und der Aufeinanderfolge der volkswirtschaftlichen Erscheinungen, etwa nach Art der Naturgesetze, ohne sich der verschiedenen Natur dieser Erkenntnisse und somit auch der Unbestimmtheit des obigen Begriffes bewußt geworden zu sein: so machte sich bald deutlicher, als bis dahin von einzelnen Bearbeitern unserer Wissenschaft angedeutet worden war, neben der Auffassung der politischen Ökonomie als einer der Physik und Chemie analogen Wissenschaft, der anatomistisch-physiologische Gesichtspunkt geltend. Die Auffassung der Volkswirtschaft als einem Organismus und ihrer Gesetze als jenen der Anatomie und Physiologie analog, trat der physikalischen Auffassung, der biologische Gesichtspunkt der Forschung dem atomistischen gegenüber.

Die wissenschaftliche Untersuchung blieb bei dieser Komplikation des methodischen Problems nicht stehen. Man wies darauf hin, daß die Sozialphänomene überhaupt und die Erscheinungen der Volkswirtschaft insbesondere durch die Volksindividualität, die örtlichen Verhältnisse, vornehmlich aber durch die Entwicklungsstufe der Gesellschaft einen besonderen Charakter gewännen, örtliche und zeitliche Verschiedenheiten aufwiesen, welche nicht ohne maßgebenden Einfluß auf die Gesetze derselben sein könnten. Das Streben nach universellen und unwandelbaren, von räumlichen und zeitlichen Verhältnissen unabhängigen Gesetzen der Volkswirtschaft und somit auch jenes nach einer Wissenschaft von solchen Gesetzen, erschien unter dem obigen Gesichtspunkt als ein unzulässiges, ja mißverständliches, als eine Abstraktion von der "vollen empirischen Wirklichkeit" der Erscheinungen, die Berücksichtigung örtlicher und zeitlicher Verschiedenheiten der volkswirtschaftlichen Erscheinungen als ein unabweisliches Postulat der Forschung nicht nur auf dem Gebiet der "praktischen Volkswirtschaftslehre", sondern auch auf jenem der theoretischen Nationalökonomie, der "Wissenschaft von den  Gesetzen  der Volkswirtschaft".

Andere gingen noch um einen Schritt weiter, indem sie zwischen den Gesetzen der Natur und jenen der Volkswirtschaft überhaupt keine Analogie anerkennen zu müssen glaubten, die letzteren vielmehr als solche der geschichtlichen Entwicklung (als Parallelismen der Wirtschaftsgeschichte), bzw. als Gesetze der großen Zahlen (als Parallelismen der Statistiken der Volkswirtschaft) kennzeichneten. Neben die atomistische und die organische Auffassung der Probleme unserer Wissenschaft und neben das Streben nach Festhaltung des nationalen und historischen Gesichtspunktes in der theoretischen Volkswirtschaftslehre, trat die geschichtsphilosophische und die statistisch-theoretische Richtung der Forschung.

Nicht genug damit, machte sich eine Richtung der Forschung geltend, welche den Charakter der politischen Ökonomie als einer "Wissenschaft von den  Gesetzen  der Volkswirtschaft" überhaupt in Frage stellte, die politische Ökonomie vielmehr, analog der historischen Jurisprudenz und Sprachwissenschaft, als eine spezifisch historische Wissenschaft, das historische Verständnis als das ausschließlich berechtigte und erreichbare Ziel der Forschung auf dem Gebiet der Volkswirtschaft kennzeichnete. Zu den mannigfachen Auffassungen von der Natur der theoretischen Volkswirtschaftslehre, die ja als Inbegriff dieser letzteren gedacht wurde, trat die Auffassung der politischen Ökonomie als spezifisch historischer Wissenschaft.

Der Widerstreit der Meinungen blieb nicht auf die formale Natur der Wahrheiten unserer Wissenschaft beschränkt. Während die einen die Nationalökonomie als die Wissenschaft von den Gesetzen der  "volkswirtschaftlichen Erscheingungen"  bezeichneten, erkannten die anderen in dieser Auffassung eine ungebührlich Isolierung einer besonderen Seite des Volkslebens; die Theorie, daß die Erscheinungen der Volkswirtschaft in untrennbarem Zusammenhang mit der gesamten sozialen und staatlichen Entwicklung der Völker zu behandeln seien, gewann unter den Nationalökonomen zahlreiche Anhänger. Zum Widerstreit über die formale Natur der Wahrheiten unserer Wissenschaft und dieser letzteren selbst gesellte sich jener über Umfang und Grenzen des von ihr zu behandelnden Gebietes von Erscheinungen; ja es erschien vielen sogar zweifelhaft, ob die politische Ökonomie überhaupt als eine selbständige Wissenschaft und nicht vielmehr als ein organischer Teil einer universellen Gesellschaftswissenschaft zu behandeln sei. - -

Um die Berechtigung all dieser zum Teil einander widersprechenden, zum Teil ineinander fließenden und sich ergänzenden Richtungen der Forschung bewegt sich nunmehr seit nahezu einem halben Jahrhundert die Diskussion und daß diese Sachlage der Entwicklung der Methodik unserer Wissenschaft nichts weniger als förderlich sein konnte, bedarf wohl kaum der Bemerkung. Wie soll die Untersuchung über die  Wege  zu den Zielen der Forschung auf dem Gebiet der politischen Ökonomie (über die eigentliche Methodik!) zu einem befriedigenden Abschluß gelangen, ja auch nur das Interesse der Gelehrtenwelt den bezüglichen Problemen sich in ernstlicher Weise zuwenden, wenn die Ziele selbst noch so völlig in Frage stehen?

Die vorliegende Schrift, wie sie aus dem, was ich auf dem Gebiet der politischen Ökonomie als das nächste Bedürfnis der Gegenwart empfinde, hervorgegangen ist, soll meiner Absicht auch zunächst diesem letzteren dienen. Auch sie beschäftigt sich, entsprechend dem heutigen Standpunkt der erkenntnistheoretischen Untersuchungen, vorwiegend mit der Feststellung des Wesens der politischen Ökonomie, ihrer Teile, der Natur ihrer Wahrheiten, kurz mit den Zielen der Forschung auf dem Gebiet unserer Wissenschaft; die Methodik im engeren Verstand des Wortes soll der Hauptsache nach künftigen Untersuchungen vorbehalten bleiben, für welche das Interesse ja sofort erwachen muß, sobald über die hier behandelten grundlegenden Probleme auch nur einigermaßen Übereinstimmung erzielt sein wird.

Auch wird dann die Lösung des zweiten Teils der oben gekennzeichneten Aufgabe sich vielleicht sogar als viel leichter darstellen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Weiß doch jeder, der mit der bezüglichen Literatur auch nur einigermaßen vertraut ist, in wie hohem Maße die philosophische Untersuchung sich seit jeher den eigentlichen methodischen Problemen der Erkenntnistheorie zugewandt hat und wie sie gerade hier zu den wertvollsten Ergebnissen gelangt ist. Sind wir nur einmal über die Ziele der Forschung auf dem Gebiet der Volkswirtschaft zur vollen Klarheit gelangt, die Feststellung der Wege zu diesen Zielen wird uns dann hoffentlich nicht allzuschwer fallen, wenn nur alle jene, welche an der Begründung einer Methodik der politischen Ökonomie mitzuwirken berufen sind, die Ergebnisse der allgemeinen erkenntnistheoretischen Untersuchungen für die speziellen Aufgaben unserer Wissenschaft ernstlich, ernstlicher und verständiger, als das vielleicht bis dato der Fall war, zu verwerten bemüht sein werden.

Freilich über die Ziele der Forschung auf dem Gebiet der politischen Ökonomie werden wir in den Schriften der Logiker vergeblich nach Aufklärung suchen. Die Einsicht in die Natur der Wahrheiten des obigen Wissensgebietes kann nur das Ergebnis umfassender und sachkundiger Betrachtung des von uns zu durchforschenden Gebietes von Erscheinungen und der besonderen Anforderungen des Lebens an unsere Wissenschaft sein. Kein Zweifel vermag darüber zu bestehen, daß in der obigen Rücksicht nicht wir von den Logikern, sondern diese letzteren von uns so ziemlich alles zu erwarten berechtigt sind und daß jenes unter den deutschen Nationalökonomen neuerdings vielfach hervortretende Streben, über die Ziele der Forschung auf dem Gebiet ihrer eigenen Wissenschaft in den Schriften hervorragender Logiker Aufklärung zu finden, lediglich als ein Symptom des in hohem Grade unbefriedigenden Zustandes dieses Teils der Erkenntnistheorie unserer Wissenschaft betrachtet werden muß. Wohl aber glaube ich, daß, sobald wir über die Natur der Wahrheiten der politischen Ökonomie zu gesicherten Ergebnissen gelangt sein werden, bei Erforschung der formalen Bedingungen ihrer Feststellung, der Erkenntniswege zu denselben, die allgemeinen erkenntnistheoretischen Untersuchungen uns in hohem Grad förderlich sein werden.

Allerdings wird auch dann noch für unsere gegenüber anderen Disziplinen weit zurückgebliebene Wissenschaft nur ein verhältnismäßig Geringes geleistet sein. Ja, ich möchte sogar die Bemerkung hier nicht unterdrücken, daß ich weit entfernt davon bin, die Bedeutung der Methodik für die Forschung überhaupt und speziell für jene auf dem Gebiet der politischen Ökonomie allzuhoch zu veranschlagen. Die wichtigsten wissenschaftlichen Ergebnisse sind von Männern ausgegangen, welche methodischen Untersuchungen fern standen, während die größten Methodiker sich nicht selten als höchst unfruchtbare Forscher auf dem Gebiet jener Wissenschaften erwiesen haben, deren  Erkenntniswege  sie mit imponierender Klarheit zu weisen vermochten. Zwischen der Feststellung der Methodik und dem befriedigenden Ausbau einer Wissenschaft liegt ein unermeßlicher Abstand, welcher nur durch das Genie ihrer Bearbeiter überbrückt zu werden vermag. Das positive Forschertalent hat oft genug schon ohne ausgebildete Methodik, die Methodik ohne jenes niemals noch eine Wissenschaft geschaffen oder in Epoche machender Weise umgestaltet. Die Methodik, von unvergleichlicher Wichtigkeit für die sekundären Leistungen auf dem Gebiet einer Wissenschaft, ist von zurücktretender Bedeutung für jene großen Aufgaben, deren Lösung dem Genie vorbehalten ist.

Nur in einem Fall erscheinen mir methodische Untersuchungen allerdings als das wichtigste, das nächste und dringendste, was für die Entwicklung einer Wissenschaft geleistet zu werden vermag. Wenn auf einem Wissensgebiet aus irgendwelchen Gründen die richtige Empfindung für die aus der Natur der Sache sich ergebenden Ziele der Forschung verloren gegangen ist, wenn nebensächlichen Aufgaben der Wissenschaft eine übertriebene oder gar die entscheidende Bedeutung beigelegt wird, wenn von mächtigen Schulen getragene irrtümliche methodische Grundsätze zur vorherrschenden Geltung gelangen und die Einseitigkeit über alle Bestrebungen auf einem Wissensgebiet zur Gericht sitzt, wenn, mit einem Wort, der Fortschritt einer Wissenschaft in der Herrschaft irrtümlicher methodischer Grundsätze sein Hemmnis findet: dann allerdings ist die Klarstellung der methodischen Probleme die Bedingung jedes weiteren Fortschrittes und damit der Zeitpunkt gekommen, wo selbst jene in den Streit über die Methoden einzutreten verpflichtet sind, welche ihre Kraft sonst lieber an die Lösung der eigentlichen Aufgaben ihrer Wissenschaft zu setzen geneigt wären.

Dies scheint mir nun aber tatsächlich der gegenwärtig vorherrschende Zustand der Forschung auf dem Gebiet der politischen Ökonomie in Deutschland zu sein, ein Zustand, kaum verständlich für jene, welche der Entwicklung dieser Wissenschaft in den letzten Dezennien nicht mit aufmerksamem Blick gefolgt sind.

Der Widerstreit der Ansichten über die Natur unserer Wissenschaft, ihre Aufgaben und ihre Grenzen, das Streben insbesondere, der Forschung auf dem Gebiet der politischen Ökonomie neue Ziele zu setzen, ist ursprünglich nicht aus dem Interesse der Nationalökonomen an erkenntnistheoretischen Untersuchungen hervorgegangen. Es beginnt mit der immer deutlicher zutage tretenden Erkenntnis, daß die nationalökonomische Theorie, wie sie aus den Händen von ADAM SMITH und seiner Schüler hervorgegangen ist, der gesicherten Grundlagen entbehrt, daß selbst die elementarsten Probleme derselben keine befriedigende Lösung gefunden, daß sie insbesondere eine ungenügende Grundlage der praktischen Wissenschaften von der Volkswirtschaft und somit auch der Praxis auf dem Gebiet dieser letzteren sei. Schon vor dem Auftreten der historischen Schule deutscher Volkswirte gewinnt die Überzeugung immer mehr an Verbreitung, daß der bis dahin vorherrschende Glaube an die Vollendung unserer Wissenschaft ein falscher sei, diese letztere vielmehr einer tiefgehenden Umgestaltung bedürfe.

Einer Reform unserer Wissenschaft standen, sobald diese Überzeugung gewonnen war, drei Wege offen. Entweder mußte auf der Grundlage der bisherigen Auffassungen vom Wesen und den Aufgaben der politischen Ökonomie eine Reform dieser letzteren versucht, die von ADAM SMITH begründete Lehre unter den Gesichtspunkten, aus welchen sie hervorgegangen ist, vervollkommnet oder es mußten der Forschung neue Bahnen eröffnet werden. Die Reform konnte eine solche der bisherigen Praxis, oder aber der Theorie der Forschung sein.

Außer diesen beiden ihrem Wesen und ihrer Tendenz nach verschiedenen Richtungen der Reformbestrebungen konnte endlich auch eine solche eingeschlagen werden, welche die beiden obigen Reformgedanken in einem gewissen höheren Sinne verband. Es konnte eine Reform der politischen Ökonomie unter den bisherigen Gesichtspunkten angestrebt, zugleich aber neuen Richtungen die Bahn eröffnet werden. Keine einzelne Richtung der Forschung umfaßt alle Aufgaben dieser letzteren; die fortschreitende Erkenntnis der realen Welt und ihrer Prozesse, die sich steigernden Ansprüche an die theoretische und praktische Erkenntnis fördern vielmehr ohne Unterlass neue Richtungen des Erkenntnisstrebens zutage; an sich berechtigt erscheint die einzelne Richtung der Forschung doch als unzlänglich im Hinblick auf die Gesamtheit der Aufgaben, welche die Wissenschaft zu lösen hat. Das gilt insbesondere auch von der Theorie einer Wissenschaft; die Vollendung derselben vermag nur in einem befriedigten Ausbau aller berechtigten Richtungen der theoretischen Forschung und in der Anordnung ihrer Ergebnisse in  eine  theoretische Wissenschaft oder in ein System von solchen gefunden zu werden; so in den theoretischen Naturwissenschaften, so in den theoretischen Sozialwissenschaften überhaupt und der theoretischen Wissenschaft von der Volkswirtschaft insbesondere. Die Eröffnung neuer Zweige der theoretischen Forschung vermag mit der Reform der bisherigen Hand in Hand zu gehen.

Der erste der obigen Wege zur Reform der Volkswirtschaftslehre, obzwar der scheinbar einfachste und am nächsten liegende, bot doch in Wahrheit, aus mehr als einem Grund, ganz außergewöhnliche Schwierigkeiten dar. Was die ausgezeichnetsten Geister aller Nationen auf den bisherigen Bahnen der Forschung vergeblich erstrebt haben, das sollte nun doch erreicht, woran ihr Genie gescheitert ist, das sollte nun doch geleistet, es sollte nicht zur Kritik geübt oder irgendeine große Perspektive eröffnet, es sollte  Positives  geschaffen werden. Die einzuschlagende Richtung stellte an ihre Vertreter die Forderung einer positiven Leistungen gewachsenen Originalität und das auf einem Wissensgebiet, welches, um seiner unvergleichlichen Schwierigkeiten willen, die höchsten Anforderungen an der Forschergeist stellt.

Die hier gekennzeichneten Bestrebungen boten auch aus anderen Gründen wenig verlockendes dar. Nie ist die Reform einer Wissenschaft auf den bisherigen Bahnen der Forschung schwieriger und, zumindest zunächst, weniger lohnend, als wenn hervorragende Geister dieselbe bereits erfolglos unternommen haben, denn der Druck der Autorität dieser letzteren lähmt die Zuversicht der Nachstrebenden und zugleich die Anerkennung wirklich errungener Erfolge; er lähmt die Tatkraft der schöpferischen und die Freiheit des Urteils der rezipierenden Geister.

Alle diese Umstände trafen zusammen, um eine Reform unserer Wissenschaft, im Sinne der älteren Auffassung dieser letzteren, ebenso schwierig als wenig verlockend erscheinen zu lassen. Die nationalökonomische Theorie, wie sie der Hauptsache nach die sogenannte klassische Schule englischer Nationalökonomie gestaltet hat, das Problem einer Wissenschaft von den Gesetzen der Volkswirtschaft in befriedigender Weise nicht zu lösen vermocht, aber die Autorität ihrer Lehre lastet auf uns allen und hindert den Fortschritt in jenen Bahnen, in welchen der Forschergeist seit Jahrhunderten, lange schon vor dem Auftreten von ADAM SMITH, die Lösung des großen Problems der Begründung theoretischer Sozialwissenschaften gesucht hat.

Viel einfacher und lohnender erschien der andere Weg zur Reform unserer Wissenschaft. Ihr unbefriedigender Zustand sollte nicht die Folge einer für die Lösung ihrer Probleme unzureichenden Forscherkraft, sondern einer irrtümlichen  Richtung  der Forschung, alles Heil von einer  neuen  Richtung derselben zu erwarten sein. Wer eine solche begründete, sollte für einen Reformator der politischen Ökonomie gelten, auch wenn er sachlich nichts Nennenswertes für die Vertiefung und Berichtigung derselben, nichts unmittelbar für die Lösung ihrer Probleme leistete, sich vielmehr mit der Eröffnung großer Perspektiven, mit Forschungen auf ansich berechtigten, jedoch von der politischen Ökonomie doch wesentlich verschiedenen Wissensgebieten, im übrigen aber mit einer jeder einheitlichen Auffassung entbehrenden Kompilation [Zusammenstellung - wp] der Ergebnisse der bisherigen, d. h. eben jener Richtungen der Forschung begnügte, welche als irrtümlich bezeichnet und auf das Nachdrücklichste verurteilt wurden.

Mannigfache Umstände traten hinzu, die obigen Bestrebungen zu fördern. Auf dem Gebiet der Sprachforschung, der Staatslehre und der Jurisprudenz waren neue Richtungen der Forschung zur Geltung gelangt und hatten zu Ergebnissen geführt, welche von der Gelehrtenwelt und der öffentlichen Meinung, zumal in Deutschland, nicht nur nach Verdienst gewürdigt, sondern, zumindest vorübergehend, beträchtlich überschätzt worden waren. Wie nahe lag der Gedanke, diese Bestrebungen auch auf unser Wissensgebiet zu übertragen! Um den Ruhm eines Reformators der politischen Ökonomie zu erlangen, bedurfte es kaum mehr, als eines lebhaften Sinnes für Analogien der Forschung. Die Reform der politischen Ökonomie in ihrer bisherigen Auffassung war eben so schwierig als ruhmlos, der Ruhm eines Bahnbrechers, eines Schöpfers neuer Richtungen der Forschung dagegen mit so überaus mäßigem Aufwand an geistigen Mitteln erreichbar geworden. Was Wunder, daß unter den eigentlich gelehrten Nationalökonomen Deutschlands die Fortbildung der Theorie immer mehr in Abnahme kam und alle jene, welche nach raschem Erfolg strebten, in neue Bahnen drängten, zumal in solche, auf welchen jedes, auch das geringere, für die Erforschung der großen Zusammenhänge der Volkswirtschaft und die exakte Analyse ihrer Erscheinungen unzureichende Talent in nützlicher Weise sich geltend zu machen vermochte?

Man übersah dabei freilich die tiefgehende Verschiedenheit zwischen der formalen Natur der politischen Ökonomie und jener Wissenschaften, aus welchen in mehr oder minder mechanischer Weise Grundsätze, ja selbst Ergebnisse der Forschung entlehnt wurden, man verkannte insbesondere die eigentliche Tendenz jener wissenschaftlichen Bewegung, welche die Jurisprudenz auf historischer Grundlage umgestaltet hatte. Seltsame Mißverständnisse haben, wie ich nachweise, eine entscheidende Rolle bei der Reform der politischen Ökonomie durch ihre deutschen Reformatoren gespielt; die neuen Richtungen der Forschung waren zu nicht geringem Teil das Ergebnis mißverständlicher Analogien und einer Verkennung der eigentlichen Aufgaben der politischen Ökonomie.

Aber selbst dort, wo eine an sich berechtigte neue Richtung der Forschung zur Geltung gelangte, war sie nicht das Ergebnis einer umfassenden Einsicht in das System von Aufgaben, welche die Wissenschaft auf dem Gebiet der Volkswirtschaft zu lösen hat. Überall sehen wir die Erscheinung sich wiederholen, daß spezielle Richtungen der Forschung, nicht selten solche von mehr oder minder nebensächlicher Bedeutung, die Reform der politischen Ökonomie ausschließlich von ihren Erfolgen abhängig machen, die Berechtigung jeder anderen Richtung der Forschung aber negieren. Das Streben, den unbefriedigenden Zustand der politischen Ökonomie durch die Eröffnung neuer Bahnen der Forschung zu beseitigen, hat in Deutschland zu einer Reihe zum Teil mißverständlicher, zum Teil einseitiger Auffassungen vom Wesen unserer Wissenschaft und ihrer Aufgaben geführt, zu Auffassungen, welche die deutsche Nationalökonomie von der Literaturbewegung aller übrigen Völker trennten, ja die Bestrebungen derselben, um ihrer Einseitigkeit willen, den nicht deutschen Volkswirten in einzelnen Fällen geradezu unverständlich erscheinen ließen.

Daß bei dieser Sachlage eine Reform der politischen Ökonomie auf den von mir oben angedeuteten universellen Grundlagen dem Ideenkreis der deutschen Reformatoren dieser Wissenschaft fern lag, bedarf kaum der Bemerkung. Unter allen Vertretern der vorhin gekennzeichneten Richtungen hat sich auch nicht  ein  Geist gefunden, welcher die Gesamtheit jener Aufgaben, welche eine Wissenschaft von den Gesetzen der Volkswirtschaft zu lösen hat, die einzelnen Richtungen der theoretischen Forschung als berechtigte Zweige des Ganzen einer theoretischen Wissenschaft von der Volkswirtschaft oder gar die Beziehungen derselben zu den übrigen, den nicht theoretischen Zweigen der Forschung auf dem Gebiet der Volkswirtschaft zu überblicken vermocht hätte; ja selbst das Streben nach einer solchen universellen Auffassung des methodischen Problems ist nirgends zutage getreten. Überall treten uns vielmehr teils mißverständlich, teils ansich berechtigte, in Rücksicht auf das Ganze der politischen Ökonomie indessen mehr oder minder nebensächliche Richtungen der Forschung entgegen, von welchen jede einzelne sich doch mit der Forschung auf dem Gebiet der Volkswirtschaft überhaupt identifiziert.

Hierin liegt aber die eigentliche Verderblichkeit des gegenwärtigen Zustandes der politischen Ökonomie in Deutschland. Nicht der Umstand, daß die mit so großer Zuversicht hervorgetretenen Reformatoren unserer Wissenschaft in Wahrheit den mangelhaften Zustand dieser letzteren nicht beseitigt, nicht der Umstand, daß dieselben über der Verfolgung relativ nebensächlicher Aufgaben die Hauptziele der Forschung auf dem Gebiet der politischen Ökonomie, ja zum Teil diese Wissenschaft selbst aus dem Auge verloren haben, bildet den eigentlichen Schwerpunkt des Übels; derselbe liegt in der nur schlecht verhüllten Geringschätzung und grundsätzlichen Negierung aller übrigen, ja nicht selten eben jener Richtungen der Forschung, welche in Rücksicht auf das Ganze unserer Wissenschaft sich als die bedeutsamsten erweisen.

Damit ist aber allerdings der Zeitpunkt gekommen, wo methodische Untersuchungen auf dem Gebiet der politischen Ökonomie notwendig in den Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses treten. Der Fortschritt unserer Wissenschaft findet gegenwärtig sein Hemmnis in der Herrschaft irrtümlicher methodischer Grundsätze; die Methodik hat somit das Wort und wird es behaupten, bis durch Klarstellung der Ziele der Forschung und in weiterer Folge durch Klarstellung der Erkenntniswege zu denselben jene Hemmnisse beseitigt sein werden, welche durch irreleitende methodische Grundsätze den Fortschritten der politischen Ökonomie in Deutschland entstanden sind.

Was sie Ergebnisse betrifft, zu welchen ich gelangt bin, so glaube ich hierüber kaum etwas bemerken zu müssen. Ich habe sie in einfachen klaren Worten dargestellt, als mir das mir Rücksicht auf die Schwierigkeit der hier behandelten Fragen nur immer möglich war, auch dieselben nach Kräften gesichtet und geordnet. Mögen sie nun für sich selbst sprechen. Nur eine Bemerkung möchte ich hier nicht unterdrücken, denn sie betrifft meine Stellung zu den Fachgenossen in Deutschland.

Der zu nicht geringem Teil polemische Charakter dieser Schrift entsprang, dessen bin ich mir bewußt, auch nicht an einer Stelle einem Übelwollen gegen verdienstvolle Vertreter unserer Wissenschaft, er lag vielmehr in der Natur der Aufgabe, die ich mir gestellt habe: er ging mit Notwendigkeit aus meiner Auffassung des gegenwärtigen Zustandes der politischen Ökonomie in Deutschland hervor. Die Polemik gegen die gegenwärtig herrschende Richtung der nationalökonomischen Forschung war für mich weder Selbstzweck noch auch eine bloß äußerliche Zutat; sie war ein wesentlicher Teil meiner Aufgabe, ja sie mußte eine eindringliche und durchgreifende sein, selbst auf die Gefahr hin, daß in einzelnen Fällen Empfindlichkeiten erregt würden.

Sollte hierdurch dem äußeren Erfolg meiner Schrift, wenigstens zunächst, auch einiger Abbruch geschehen, so würde ich dies doch in keiner Weise beklagen. Die neuere nationalökonomische Literatur Deutschlands, vom Ausland in Wahrheit nur wenig beachtet, ihren eigentlichen Tendenzen nach demselben kaum verständlich, war in ihrer Dezennien andauernden Isolierung unbeeinflußt durch ernstliche Gegner und hat in unerschütterlichem Vertrauen auf ihre Methoden auch der strengeren Selbstkritik vielfach entbehrt. Wer in Deutschland einer anderen Richtung folgte, wurde mehr beiseite gelassen, als widerlegt. So hat lang andauernde Übung eine zum Teil geradezu sinnlose Phraseologie über die Grundprobleme der Methodik unserer Wissenschaft herausgebildet, eine Phraseologie, welche der Entwicklung der politischen Ökonomie in Deutschland umso verderblicher wurde, als sie, unberührt von jeder ernstlichen Kritik, gedankenlos wiederholt wurde, ja mit dem Anspruch auftreten konnte, eine Epoche machende Umwälzung auf dem Gebiet unserer Wissenschaft zu bedeuten. Unter solchen Umständen bedurfte es vor allem einer unbefangenen Umschau und Prüfung, einer ernsthaften Kritik. Es war in dieser Richtung so viel von anderen Versäumtes nachzuholen.

Doch wird der unbefangene Leser sofort erkennen, wie wenig es mir hierbei um die Verkleinerung meiner deutschen Fachgenossen zu tun war. Ich habe es nirgends unterlassen, den Verdiensten anderer nach bestem Wissen gerecht zu werden und selbst dort, wo ich irrtümlich Richtungen der Forschung oder Einseitigkeiten derselben entgegentreten mußte, die Elemente der Wahrheit in den von mir bekämpften Lehren auf das sorgfältigste hervorzuheben mich bemüht. Auch habe ich nichts mit bloßen allgemeinen Redensarten abgetan, sondern in jedem einzelnen Fall den Streitpunkten auf den Grund zu sehen versucht. Was mich leitete, war der Gedanke, der Forschung auf dem Gebiet der politischen Ökonomie in Deutschland ihre eigentlichen Aufgaben wieder zu Bewußtsein zu bringen, sie vin den für die Entwicklung unserer Wissenschaft verderblichen Einseitigkeiten, aus ihrer Isolierung von der allgemeinen Literaturbewegung zu befreien und solcherart die Reform der politischen Ökonomie, deren diese Wissenschaft, mit Rücksicht auf ihren unbefriedigenden Zustand, so dringend bedarf, auf deutschem Boden vorzubereiten.

Alle großen Kulturvölker haben ihre eigenartige Mission beim Ausbau der Wissenschaften und jede Verirrung der Gelehrtenwelt eines Volkes oder eines namhaften Teils derselben läßt deshalb eine Lücke in der Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis zurück. Auch die politische Ökonomie kann der zielbewußten Mitwirkung des deutschen Geistes nicht entbehren; dazu beizutragen, ihn auf die richtigen Bahnen zurückzuführen; war die ohne Nebenrücksichten verfolgte Aufgabe dieses Werkes.
LITERATUR - Carl Menger, Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften und der Politischen Ökonomie insbesondere, Leipzig 1883