cr-4p-3A. StadlerWindelbandWundt    
 
ANTON MARTY
Was ist Philosophie?
[Inaugurationsrede gehalten beim Antritt des Rektorates
der k. k. deutschen Karl-Ferdinands Universität
zu Prag am 16. November 1896]


"Die aristotelische Definition z. B. paßt auf die Metaphysik, also auf eine der theoretischen Disziplinen, diejenigen von  Zeno  und  Epikur  dagegen tragen der Ethik, also einer praktischen, vorzugsweise Rechnung. Und so ließen sich noch eine Reihe von Fällen anführen, wo die Definiton bald nur der einen, bald nur der anderen Gruppe von Untersuchungen gerecht wird, die gegenwärtig unter dem Namen  Philosophie  zusammengefaßt werden."


Hochansehnliche Versammlung!

KANT bemerkt als auffällig, daß auch solche, die in Anbetracht aller anderen Wissenschaften, in denen sie nicht fachmännisch unterrichtet sind, ein behutsames Stillschweigen beobachten, auf dem Feld der Philosophie meisterlich mitsprechen und ganz zuversichtlich entscheiden. (1)

Der Fachmann könnte zum Unwillen darüber geneigt sein, und gewiß hat sich ja manche üble Folge daran geknüpft. Aber wenn man statt nur auf die Folgen zu achten, auch nach den Ursachen forscht, so findet man ganz nach dem Satz:  Tout comprendre c'est tout pardonner  [Alles verstehen heißt alles verzeihen. - wp], auch hier etwas, was milder stimmt (2), ja man stößt auf etwas, was geradezu erfreulich ist. Denn diese eigentümlich andere Behandlung, welche das Gebiet erfährt, begreift sich nur daraus vollständig, daß es vor allem anderen Gegenstand allgemeiner, lebendiger Teilnahme ist. Es geht bei der Philosophie fast wie bei der Politik. Wenn hier nicht jeder des ARISTOTELES acht Bücher vom Staat, SPINOZAs  Tractatus theologico-politicus  oder MONTESQUIEUs "Geist der Gesetze" liest, so hält er doch seine Zeitung, sucht sich die Geschehnisse zurechtzulegen und bekennt sich zu gewissen Prinzipien und Parteien. Ähnlich in der Philosophie (3). Gar manchen, der wenig von all den Systemen weiß, die, seit THALES die Welt aus dem Wasser entstehen ließ, aus den wogenden Gedanken hervorragender Geister auftauchten, haben doch die philosophischen Probleme nicht ganz unberührt gelassen. Auch ihn haben die großen Rätsel des Menschenlebens und Weltzusammenhangs beunruhigt und, nach der Lösung suchend, hat er sich Meinungen gebildet, die dann lange Zeit gehegt, vielleicht auch von anderen in seiner Umgebung geteilt, sich schließlich für ihn mit der ganzen Macht der Gewohnheit und des Gefühls umkleideten und wie etwas selbstverständlich Evidentes in seinem Kopf festgesetzt haben.

Was ist denn nun aber die Philosophie, für die sich so viele interessieren, wenn sie auch ihre Schwierigkeit und das Erfordernis sorgsamer Vorbereitung nicht immer genügend würdigen? Wir sprachen eben davon, wie auf diesem Gebiet fast jeder leichthin und kühn zu urteilen wagt. Seltsam darum, wenigstens für den Augenblick, daß doch die scheinbar einfache und elementare Frage, was Philosophie ist, die Leute gemeiniglich in eine nicht geringe Verlegenheit bringt. Wenden wir uns aber damit statt an die philosophischen Dilettanten an die Berufsphilosophen, so hat von diesen zwar gewiß jeder eine Antwort bereit, aber fast jeder eine andere. Bei ARISTOTELES liest man, die Philosophie (im eigentlichsten Sinne, prote philosophia) sei die Lehre von den letzten Gründen und Ursachen der Dinge. Die  Stoiker  dagegen bestimmten sie als das Streben nach der Tugend und EPIKUR als die Fähigkeit und Kunst glückselig zu leben. Und die Philosophen der Neuzeit stimmen weder mit einer dieser Schulen noch untereinander überein. Während für SPINOZA die Philosophie eine Betrachtung der Dinge  sub specie aeternitatis  [im Licht der Ewigkeit - wp], für SCHELLING die Wissenschaft von den ewigen Urbildern der Dinge oder die Wissenschaft allen Wissens, und für HEGEL gar das Denken der absoluten Wahrheit, die sich selbst als alles Sein begreifende Vernunft ist, hatte sie WOLFF, dessen Lehrbücher und Lehrweise im vorigen Jahrhundert durch lange Dezennien die Universitäten Deutschlands beherrschten, schwunglos als  scientia possibilium quatenus esse possunt  [Wissenschaft aller möglichen Dinge, wie und warum sie möglich sind - wp] bestimmt und HERBART ebenso nüchtern als Bearbeitung der Begriffe bezeichnet. Der gleichzeitige SCHOPENHAUER dagegen nennt sie, wieder weit mehr versprechend, die Lehre vom Wesen der Welt und vom menschlichen Geist (doctrina de essentia mundi et mente humana). Schließlich sei noch der oft gehörte Versuch erwähnt, der die Philosophie zu bestimmen sucht, indem er sie in einem eigentümlichen Gegensatz zur Spezialforschung bringt, sei, daß dabei der Gedanke vorschwebt, sie handle von denselben Fragen wie die Spezialfächer, nur suche sie dieselben nach  anderer Methode  zu beantworten, oder ihre Probleme seien zwar eigenartig, aber von solcher  Universalität,  daß sie sich gemeinsam auf alle Gegenstände, die unter anderen Gesichtspunkten Objekt ganz verschiedener Spezialwissenschaften sind, beziehen.

Der Anblick dieser Diskrepanz ist befremdlich. Wenn die Philosophen uneins sein, wie sie die Aufgaben ihrer Wissenschaft zu lösen haben, so erscheint dies bei der Schwierigkeit der Fragen und Methoden noch begreiflich. Mit weit mehr Recht fragt man sich, wie es möglich ist, daß sie auch darüber nicht einig scheinen, was für eine Art Aufgabe ihnen überhaupt vorliegt.

Alles Befremdliche regt zum Nachdenken an. Und so hoffe ich, Sie werden, wenn ich auf seine Untersuchung eingehe, ihr mit einigem Interesse folgen, umso mehr als es sich ja um die Klärung des Begriffs handelt, unter den, wie wir sahen, Bestrebungen gehören, auf denen fast jeder sich gelegentlich überrascht und zu denen die Neigung in keinem denkenden Menschen ganz austilgbar ist.

Die Philosophie geht darauf aus, Erkenntnisse zu gewinnen. Um eindeutig unter demselben Namen zusammengefaßt zu werden, müssen dieselben etwas Gemeinsames haben; sie müssen eine einheitliche Klasse bilden. Und die Frage, was Philosophie ist, kann nichts anderes sein als die: welches diese Klasse von Erkenntnis ist, auf deren Erforschung und Sicherung sie ausgeht. Wenn wir nun aber die Disziplinen überblicken, welche man im engeren Sinn die philosophischen nennt (denn es gibt einen viel weiter greifenden, heute wenigstens noch in England üblichen Gebrauch des Namens, wonach man auch die gesamte abstrakte Naturwissenschaft dazu rechnet) (4), so sehen wir eine recht bunte Mannigfaltigkeit vor uns. Da ist vor allem die  Metaphysik.  Sie beschäftigt sich mit den einfachsen und allgemeinsten Begriffen, wie mit dem des Seienden, der Ursache, und forscht nach den ersten und unabhängigsten Prinzipien, nach dem Göttlichen, das etwa für alles andere den Grund des Daseins bildet. Aber daneben finden wir die  Psychologie die es mit den verwickeltsten und abhängigsten Erscheinungen zu tun hat. Der psychische Verlauf ist ja - wie heute allgemein zugestanden wird - von physiologischen Vorgängen abhängig. Diese aber zeigen physikalische und chemische Gesetze in so komplizierten Verschlingungen wirksam, daß die Verwicklung der Kraftwirkungen beim Einfluß, den in der unübersehbaren Welt der Gestirne die Körper aufeinander üben, im Vergleich damit einfach und leicht berechenbar erscheint. Schon hier also ein starker Gegensatz. Und er wird nicht geringer, wenn man auch die übrigen Disziplinen in Betracht zieht. Waren Metaphysik und Psychologie wenigstens darin einander gleich, daß sie, ähnlich der Mathematik, Physik, Chemie, Physiologie, zu den theoretischen Wissenschaften zählen, so erscheint dagegen die  Ethik  in einem eminenten Sinn praktisch. Sie will,  vitae dux  [Führerin des Lebens - wp], wie schon die Alten sie nannten, uns für die ganze Lebensführung das Ziel vorhalten und den Weg weisen, und wie sie für das Ganze unserer Lebensbestrebungen Vorschriften geben will, so die  Logik  im besonderen für die Betätigung des Urteils zur Prüfung und Auffindung des Wahren, die  Ästhetik  für die künstlerische und kunstkritische Tätigkeit, für die Erzeugung und Würdigung des Schönen.

Bei einer solchen Verschiedenheit der Gruppen scheint für den ersten Blick kein gemeinsamer Zug erfindlich, der sie als eine wahre Klasse zusammenfassen ließe; der Charakter der verschiedenen Fächer droht sich als durchaus heterogen zu erweisen. Und dann natürlich, bei mangelnder Einheit der Sache, ist auch eine einheitliche Definition, die alle Anwendungen des Namens gleichmäßig berücksichtigt, ein Ding der Unmöglichkeit. Wagt aber einer eine solche, so wird es ihm notwendig begegnen, daß sie einseitig ist, und je nachdem er der einen oder anderen Disziplin besonderes Augenmerk zuwendet, muß die Bestimmung eine wesentlich verschiedene sein. Die aristotelische Definition z. B. paßt auf die Metaphysik, also auf eine der theoretischen Disziplinen, diejenigen von ZENO und EPIKUR dagegen tragen der Ethik, also einer praktischen, vorzugsweise Rechnung. Und so ließen sich noch eine Reihe von Fällen anführen, wo die Definiton bald nur der einen, bald nur der anderen Gruppe von Untersuchungen gerecht wird, die gegenwärtig unter dem Namen  Philosophie  zusammengefaßt werden. (5) Somit scheint die Uneinigkeit der Philosophen in der Deutung des Begriffs der Philosophie sich zum Teil jedenfalls auf einen Mangel an Einheit der Erkenntnisse, um die es sich handelt, auf den Mangel einer wahren Klasse, der sie sämtlich angehören, zurückzuführen. Und so wäre denn "Philosophie" auch im heute auf dem Kontinent üblichen Gebrauch, wenn nicht ein Wort ohne Sinn, doch wenigstens ohne eindeutigen Sinn, ein äquivoker [mehrdeutiger - wp] Ausdruck, der notwendig jedes einheitlichen Bestimmungsversuchs spotten müßte.

Allein wenn unter dieser Annahme die Erscheinung jener Uneinigkeit leicht und vollkommen begreiflich wird, so ist dies doch noch kein genügender Grund ihr sofort beizupflichten. Wie es überhaupt für die Klassifikation derselben Gegenstände verschiedene Standpunkte gibt, so kann auch eine Gruppenbildung für unsere Erkenntnisse, eine Zusammenfassung vieler zu einer Wissenschaft unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten vollzogen werden. Unter dem rein  theoretischen  Gesichtspunkt, der nur die naturgemäßeste Übersicht des Erforschten im Auge hat, stellt man solche Wahrheiten, die als Wahrheiten innerlich verwandt sind, zu  einer  Wissenschaft zusammen. Da treten die Erzählung historischer Einzelgeschehnisse und die Lehre allgemeiner Gesetze, und wiederum unter den Gesetzen die, welche in verschiedenen Gattungen und Arten von Gegenständen herrschend sind, in verschiedenen Disziplinen auseinander.

Unter einem  praktischen  Gesichtspunkt dagegen können Sätze, die unter sich heterogen sind, verbunden werden um eines Zweckes willen, der vielleicht ganz außerhalb des Erkenntnisgebietes liegt. So ist es ohne Zweifel bei der Baukunde. Umfaßt sie doch neben gewissen mathematischen und physikalischen Kenntnissen, die dem Baumeister unentbehrlich sind, auch solche von ganz anderer Gattung wie ästhetisches und mancherlei Wissen, das sich auf Hygiene und auf die Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des sozialen Lebens bezieht und dgl. mehr. Aber auch die Medizin, als Inbegriff der dem Arzt nötigen Kenntnisse, scheint mir ein deutliches Beispiel der Vereinigung heterogener Erkenntnisse zu einer durch einen praktischen Zweck begründeten Einheit. Denn wenn auch die Anatomie und Physiologie des gesunden und kranken Menschen den Kern des medizinischen Wissens bilden, so gehören doch dazu notwendig auch gewisse botanische, mineralogische, chemische, ja auch klimatologische und ganz spezielle Kenntnisse wie die von der chemischen Zusammensetzung gewisser Heilquellen, mancherlei Wissen, das den chirurgischen Fertigkeiten zugrunde liegt, usw. Auch hier läßt eine einheitliche praktische Rücksicht vieles eindeutig unter einen wahren Klassennamen zusammenfassen, was sich rein theoretisch, in Bezug auf den Gegenstand, wovon es eine Erkenntnis ist, fern steht. Nun sind aber der möglichen praktischen Gesichtspunkte gar viele und so erscheint es nicht so rasch und leicht auszuschließen, daß nicht unter irgendeinem von ihnen die einheitliche Zusammenfassung von all dem, was man heute philosophische Disziplin nennt, doch wahrhaft gerechtfertigt erscheint.

Wenn die in verschiedenen philosophischen Disziplinen behandelten Wahrheiten von keinem, einem praktischen so wenig wie einem theoretischen Gesichtspunkt aus eine wahre Klasse bilden, warum hätte man sie als philosophisch zusammenfassen sollen? Wäre dies zufällig, wie könnte es allgemein so geschehen? Denn wir finden einmal im Hinblick auf den Unterricht überall die betreffenden Fächer für dasselbe Lehramt zusammengeordnet, nicht bloß allgemein an allen deutschen Hochschulen, sondern ebenso bei Völkern ganz verschiedener Zunge. Und auch was die Forschung betrifft, zeigt sich, daß die verschiedenen Gebiete, die man philosophisch nennt, von demselben Denker ausgebaut zu werden pflegen, nicht bloß in der Gegenwart, sondern auch schon in vergangenen Zeiten. Diese Tatsache verlangt eine Erklärung, und mit ihr wird sich dann wohl auch für unsere Frag das Dunkel erhellen. Ja, ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, daß in der letzten Bemerkung uns geradezu der Weg zur Lösung derselben gewiesen wird.

Wenn man immer und immer wieder gewissen Disziplinen von demselben Lehrer zur Darstellung bringen läßt, so geschieht es wohl aus der praktischen Rücksicht, weil man gerade  ihn  für die ganze Gruppe als Lehrer geeignet denkt. Und wenn gewisse Untersuchungen im Unterschied von anderen konstant und allgemein in der Hand der gleichen Forscher vereinigt werden, so muß man daraus schließen, daß diese Zusammenfassung wohl dem  praktischen  Interesse der Arbeitsteilung bei der Forschung am besten entspricht.

Die  Unterschiede, welche bei einer übersichtlichen Ordnung der Wahrheiten nach ihrer natürlichen Verwandtschaft vornehmlich maßgebend werden, sind hier, für die Organisation der Arbeit, durchaus nicht von jener tief greifenden Bedeutung, die vielleicht mancher, der die Sache nicht eingehend erwägt, ihnen zuschreiben möchte.

Nicht der Unterschied von konkret-historischen und abstrakt-gesetzlichen - die Chemie handelt von allgemeinen Gesetzen, die  Geschichte  der Chemie von historischen Einzelergebnissen, und doch kann nur der Chemiker die Geschichte der Chemie entsprechend zur Darstellung bringen (6). Nicht der Unterschied von theoretisch und praktisch - die Chemie ist eine theoretische Disziplin, und doch hat nur der große Chemiker LIEBIG in die praktische Wissenschaft der Agrikultur jene gewaltigen Fortschritte bringen können, die der Ackerbau ihm dankt, und ist ein anderer Vertreter desselben Fachs, PASTEUR, durch seine Untersuchungen über die Gärungserscheinungen zum mächtigen Förderer der Pathologie und Theraphie und zum großen Wohltäter der Menschheit geworden. So hat auch HELMHOLTZ, der als Physiker und Physiologe theoretische Wissenszweige kultivierte, den für die praktische Augenheilkunde so wichtigen Augenspiegel geschaffen, und sind überhaupt eine Menge eminent praktischer Instrumente, wie das Fernrohr, das Thermometer, die Pendeluhr, der elektrische Telegraph u. a. aus der Hand theoretischer Forscher hervorgegangen.

So ist es dann auch mit der Zusammengehörigkeit der philosophischen Disziplinen vom Standpunkt der zweckmäßigsten Arbeitsteilung vollkommen vereinbar, wenn wir in der Psychologie den Philosophen eine theoretischen Forschung betreiben sehen, in der Ethik, Logik, Ästhetik aber für das praktische Verhalten Vorschriften geben, wenn wir in der Metaphysik allgemein-gesetzlichen Problemen, in der Geschichte der Philosophie dagegen historisch-erzählenden Arbeiten begegnen.

Was zunächst jene  praktischen Disziplinen  betrifft, so hängen sie in Wahrheit unter dem Gesichtspunkt der richtigen Organisation der Arbeit mit der  Psychologie  so innig zusammen, wie die Medizin mit der theoretischen Biologie, die Agrikulturwissenschaft mit der Chemie. Das Urteil und seine Evidenz, welches den Logiker - das Wählen oder Bevorzugen und das Kriterium seiner Berechtigung, was den Ethiker beschäftigt - schließlich die Vorstellungstätigkeit und das ästhetische Wohlgefallen, welches sich unter gewissen Bedingungen an sie knüpft: All das weist ja ersichtlich auf das Studium der psychischen Vorgänge zurück.

Eher könnte man die Frage erheben: Wie kommt die  Metaphysik  in die Gesellschaft dieser, der Gruppe der biologisch-medizinischen Fächer analogen Vereinigung der theoretischen Psychologie und der auf sie gebauten  medicina et diaetetica mentis  [medizinischer und ernährungswissenschaftliches Denken - wp] ? Dies scheint der schwierigere Teil des Problems zu sein, der dann auch tatsächlich mehr dem Zweifel und Irrtum ausgesetzt war. Aber eine nähere Betrachtung ergibt, daß auch Metaphysik und Psychologie trotz der Differenz ihrer Gegenstände vom heuristischen Gesichtspunkt eng zusammengehören, und daß gerade der Psychologe es ist, welcher vor jedem anderen Forscher zur Stellung und Lösung metaphysischer Problem geeignet erscheint. Schon wenn mit KANT gefragt wird, ob wir außer analytischen auch synthetische Urteil a priori besitzen, und ob die letzteren nicht etwa zwar ebenso wie die ersteren zum wissenschaftlichen Fortschritt überall notwendig, aber im Gegensatz zu ihnen mit dem Verlassen des phänomenalen Gebietes aller Gültigkeit bar und verlustig sind, so ist klar, daß nur die psychologische Forschung darüber entscheiden kann. Dies aber ist eine Frage, von deren entsprechender Beantwortung jede ontologische und kosmologische Untersuchung vorbedingt ist (7). Psychologische Erfahrung und Analyse sind es dann auch, die allein auf die Quelle und den wahren Sinn der wichtigsten metaphysischen Begriffe wie den der Kausalität, der Substanz führen kann. Und was jenes Problem betrifft, das einen ARISTOTELES, CARTESIUS, LEIBNIZ so intensiv beschäftigt hat, die Frage: ob das Analogon eines Verstandes und planvollen Willens die letzte verborgene Ursache allen Seins und Geschehens bildet, so ist offenbar, daß sie auch nicht einmal aufzuwerfen wäre, außer auf psychologischer Basis. Sind doch die Begriffe  Verstand  und  Wille  selbst dem psychischen Gebiet entnommen. Es bewährt sich hier durchaus das Wort des ARISTOTELES, daß was der Natur nach das Erste und Früheste, für unser Erkennen das Letzte ist (8), indem das Gebiet der Psychologie, bei dessen Prozessen die größte Komplikation und Abhängigkeit besteht, für uns den Ausgangspunkt bildet für die Forschung nach dem Einfachsten und Unabhängigsten.

Wir finden somit in Wahrheit, daß der methodisch-praktische Gesichtspunkt der Arbeitsteilung es ist, der die Vereinigung sämtlicher philosophischer Disziplinen rechtfertigt und sie als natürlich einheitliche, wenn auch weitreichende Gruppe begreifen läßt (9). Und so können wir dann die Philosophie definieren als  jenes  Wissensgebiet, welches die Psychologie und alle mit der psychischen Forschung nach dem Prinzip der Arbeitsteilung innigst zu verbindenden Disziplinen umfaßt; von theoretischen Wissenschaften die  Metaphysik  (und Erkenntnistheorie), von praktischen die  Ethik, Rechtsphilosophie und Politik  (samt Soziologie und Philosophie der Geschichte), ferner die  Logik  und die  Ästhetik  und schließlich (10) - wie wir noch hinzufügen müssen, um dem Wahn zu wehren, als sei eine Geschichte der Psychologie von einem anderen als einem Psychologen, eine Geschichte der Ästhetik von einem anderen als einem tüchtigen Ästhetiker mit Erfolg zu schreiben - von konkret-historischen Disziplinen die  Geschichte der Philosophie  und aller einzelnen zu ihr gehörigen Zweige. (11)

Wenn wir dieses weite Feld überschauen, nicht weniger ausgedehnt als das der Naturwissenschaft, die der Philosophie schwesterlich zur Seite steht, so begreifen sich eine Reihe von Eigenheiten wohl, die man an diesem Fach bemerkt hat.

Vorab seine  Schwierigkeit.  Vom Einfachsten zum Komplizierteren in der Natur fortschreitend, gelangen wir zu allerletzt zur Psychologie, bei deren Gegenstand sich physikalische mit chemischen, physiologisch unbewußte mit bewußten Vorgängen auf das Mannigfaltigste verflechten und komplizieren. Und wenn es der Philosoph in der Psychologie mit den verwickeltsten Geschehnissen zu tun hat, so in der Metaphysik mit demjenigen, was zwar der Natur nach das Erste und Einfachste, für unsere beschränkten Erkenntniskräfte aber das Letzte ist.

Mit der Schwierigkeit und Abhängigkeit aber hängt der  zurückgebliebene Zustand  zusammen (12). Keine exakte Erkenntnis der Gesetze des psychischen Verlaufs ohne Physiologie. Wenn diese aber überhaupt die jüngste unter den Naturwissenschaften ist, so gilt dies ganz besonders von der Physiologie des Gehirns. Ihre bedeutenderen Fortschritte gehören erst den allerletzten Dezennien an, und trotz derselben stehen wir hier noch auf sehr schwankem Boden. Das Gesetz der scheinbar so verworrenen Planetenbahnen haben wir längst entdeckt; um die Enträtselung der Bahnen der Gehirnmoleküle, an die das wechselnde Spiel unserer Gedanken und das Sehnen und Hoffen, das Langen und Bangen unseres Gemüts geknüpft ist, werden sich noch späte Generationen mühen müssen.

Allein wie schwierig auch die philosophischen Fragen sein mögen und wie unvollkommen ihre Lösungen; sie haben doch stets in besonderem Maß die  allgemeine Teilnahme  erregt, was sich ja - wie wir sahen - schon in jenem allzukühnen Mitreden wenig Vorbereiteter offenbart. Und auch  diese  Eigentümlichkeit, das mächtige Interesse, das selbst mit demjenigen der Naturwissenschaft erfolgreich wetteifert, ist wohl begreiflich. Wenn die Naturwissenschaft uns Erde und Himmel erkennen lehrt, so die Philosophie unser eigenes Inneres; und das Gewissen in uns, so meinte schon KANT, sei nicht minder als der gestirnte Himmel über uns geeignet, das Gemüt mit immer neuer Bewunderung und Ehrfurcht zu erfüllen. Die Naturwissenschaft macht uns mit mancherlei Mitteln bekannt, die Kultur auf der Erde zu verbreiten. Die Philosophie sagt uns, worin die eigentlichen und wesentlichen Güter der Kultur bestehen. Nur sie spricht uns von Freud und Leid der Menschenseele, nur sie von Erkenntnis im Gegensatz zum Irrtum, von Tugend im Gegensatz zum Laster, kurz von dem, was dem Leben allein Wert verleiht.

Die Entdeckungen des Naturforscher haben unsere Körperkraft und technische Geschicklichkeit fast ins Unbegrenzte gesteigert. Allein auch von der Kenntnis der Gesetze des Psychischen gilt BACONs Wort: "Wissen ist Macht", und nur dieses Wissen, von dem die Kultur der Seele bedingt ist, vermag zu verhüten, daß die vermehrte materielle Macht, gleich dem Messer in der Hand des Kindes, zum Verderben benützt wird, statt zum Nutzen und Heil zu werden. Tieferblickende Soziologen, wie JOHN STUART MILL, haben darauf hingewiesen - und die soziale Frage zeigt es dem Denkenden deutlich -, welche Gefahr für die Menschheit besteht, wenn ein einseitiger Fortschritt der Naturwissenschaft die technischen Machtmittel steigert, ohne daß ein entsprechender philosophischer Fortschritt und eine darauf gebaute Steigerung der moralischen Bildung und Disziplin sie zum Segen zu verwenden lehrt.

Diese Innerlichkeit und dieser Ernst der philosophischen Fragen, ihre unmittelbare Verknüpfung mit den höchsten und teuersten Interessen des Menschen, hatte dann auch praktisch die eigentümliche Folge, daß die Beschäftigung mit ihnen sich besonders geeignet erwies,  veredelnd  auf Geist und Gemüt zu wirken,' selbst wenn der Versuch zu ihrer wissenschaftlichen Lösung zunächst erfolglos endete. So manche Denker, von deren Leben und Sinnen die Geschichte der Philosophie berichtet, SOKRATES, PLATO, SPINOZA u. a., sie werden mit Bezug auf ihre ethische Haltung stets als Idealgestalten durch die Jahrtausende leuchten, wenn auch das System des letzteren an mannigfachen Mängeln leidet, wenn das ethische Nachdenken von SOKRATES bei geringfügigen Anfängen stehen blieb und sich PLATONs Ideen- und Zahlenlehre vor dem Auge der nüchternen Kritik als  ein  großer Irrtum erweist. Das Streben allein schon unentwegt dem Erhabensten geweiht, erhebt und adelt den Strebenden. Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken, oder mit einem Mann zu sprechen, den die Hingabe an die höchsten Probleme ebenfalls, und zwar nach einer, wie es scheint, von stürmischer Sinnlichkeit bewegten Jugend emporgeführt, ja zur heldenmütigen Resignation eines Märtyrers für seine Überzeugung erhoben hat - ich meine GIORDANO BRUNOs Wort:
    Ob auch das Sehnen nicht sein Ziel erreicht,
    Und in dem mächtigen Drang sich verzehre,
    Die Seele, und der Körper bleiche,
    Wenn nur, die in uns brennt, die Flamme, eine hehre!
In Bezug auf das äußere Los der Philosophie freilich bemerkt ein alter Spruch, indem er die verschiedenen Fächer, welche die Universitas litterarum umschließt, miteinander vergleicht:
    Reichtum bietet Galen, Justinian spendet dir Ehren,
    Genus und Spezies muß ärmlich wandern zu Fuß.
Immerhin gesellt sich oft auch ein äußeres Glück zum inneren Wert der Philosophie, ja Güter, die vor Anderen beseligende genannt werden dürfen. Kaum wird da Jemand widersprechen, wenn ARISTOTELES die  Freundschaft  unter die höchsten Güter zählt, indem er meint: ohne Freunde würde Niemand zu leben wünschen, auch wenn er mit allen anderen Glücksgaben überreich gesegnet wäre (13). Nun scheint aber die gemeinsame Beschäftigung mit den tiefernsten Fragen der Philosophie ein ganz besonders günstiger Boden zu sein für diese köstliche Frucht, und ist nach dem Zeugnis der Geschichte  das edle Gut der Freundschaft  besonders reichlich den philosophischen Denkern zuteil geworden. Mit welcher Liebe hat der Eleate ZENO an seinem Lehrer PARMENIDES, hat ein PLATO an SOKRATES, ein THEOPHRAST an ARISTOTELES gehangen, und um viele andere zu übergehen, sei mir nur  eines  Beispieles aus neuerer Zeit zu erwähnen gestattet, da es unserer nächsten Nähe angehörte. Ich meine die herzliche Verehrung, mit welcher am edlen BERNARD BOLZANO (14) sein zahlreicher Schülerkreis hing, eine Anhänglichkeit, die das kurze Leben des viel verkannten Mannes weit überdauerte und mehr als 40 Jahre nach seinem Tod noch dazu geführt hat, daß eine Reihe von Männern geistlichen wie weltlichen Standes in treuem Gedenken an den unvergessenen Lehrer sich zur Errichtung einer BOLZANO-Stiftung an unserer und der tschechischen Universität vereinigten.

Doch nach diesem Wort über die praktischen Eigentümlichkeiten der Philosophie lassen Sie mich noch einen Augenblick zu den theoretischen zurückkehren. Wir sahen, daß die Philosophie in gewissem Sinne von allen anderen Wissenschaften abhängig ist. "Nachdem wir über den Mond spekuliert haben", hat ein geistvoller Forscher gesagt, "können wir an die Psychologie gehen." (15) Allein wenn sie von fast allen anderen lernt, so vergilt sie es doch auch vielen wieder. Wenn sie von Geschichte, Philologie, Linguistik und Rechtswissenschaft das Material für ihre weitgreifenden geisteswissenschaftlichen Induktionen empfängt, so stehen die Resultate dieser ihrer Generalisierungen jenen konkret-historischen Disziplinen auch wieder wie als Lohn und Erfüllung gegenüber. Denn um die in der bunten Mannigfaltigkeit geschichtlicher Ereignisse waltenden allgemeinen Gesetze zu erkennen, unterziehen wir uns ja der Mühsal, ihre Details zu eruieren und zu sichern. Und wenn von anderer Seite die Physiologie und mit ihr direkt oder indirekt alle anderen Naturwissenschaften den unentbehrlichen Unterbau für die Untersuchungen des Psychologen und Metaphysikers bilden, so erscheint nun wiederum  sein  Forschen nach den Gesetzen der psychischen als der kompliziertesten Erscheinungen im Naturganzen, und nach den letzten Gründen des Realen wie der krönende Abschluß für jene Lehre von den einfacheren Naturvorgängen und den spezielleren Ursachen des Seins und Geschehens. Ja, die erkenntniskritischen Unternehmungen des Philosophen haben geradezu eine Prüfung und Rechtfertigung alles wissenschaftlichen Bemühens, die Sicherung der Quellen und Grenzen alles wahren Erkennens zum Ziel. So ist das philosophische Nachdenken durch tausenderlei Fäden mit fast allen anderen Disziplinen verknüpft; die Auflösung seiner Probleme erscheint als die wichtigste Aufgabe der Vernunft und als das Interesse aller wissenschaftlichen Forschung. Und auch um dieses Verhältnisses willen, nicht bloß  pro domo  [für sich selbst - wp] redend, durfte ich wohl in dieser feierlichen Stunde und von dieser Stelle aus, von der abwechselnd die verschiedenen Fakultäten unserer Alma mater zu Ihnen sprechen, den Begriff der Philosophie zu klären und ein wärmeres Wort über ihre Bedeutung zu sagen unternehmen.

Immer gehörte es zu den schönsten Eigentümlichkeiten der deutschen Universitäten, an diesen inneren Zusammenhang allen Wissens zu erinnern und bei ihren Angehörigen den Blick dafür offen zu erhalten, und in dem Gedanken an diesen Zusammenhang mag dann auch unsere heutige Betrachtung ausklingen. In  seinem  Licht schwindet ja auch notwendig jede kleinliche Eitelkeit und Eifersucht; dagegen entfacht sich der edle Wettstreit im Streben nach dem gemeinsamen Ziel, das jeder unserer Bemühungen, ob sie höher oder niedriger steht in der Stufenleiter der Wissensdisziplinen, ihre wahre Weihe und Würde gibt. Eng ist die Lebensfrist - die Fülle des zu Erforschenden aber unermeßlich. Wohl uns, daß es im Dienst dieses großen Werkes nicht zunächst auf das Was und Wieviel des Erreichten ankommt, sondern auf das edle Wollen und Wirken selbst an  dem  Punkt, zu dem die besondere Neigung und Begabung jeden von uns beruft. Dieses interesselose Sich-Mühen ist in sich selbst von unzerstörbarem Wert, sobald es, wie auch immer zunächst auf das Kleine und Einzelne gerichtet, doch das Große und Ganze mit im Auge hat. Denn unerschütterlich bleibt das Wort JOHN LOCKEs: "Die Wahrheit um der Wahrheit willen lieben ist der wichtigste Teil menschlicher Vollkommenheit hier in der Welt und die Pflanzschule aller anderen Tugenden."

LITERATUR: Anton Marty, Gesammelte Schriften, Bd. 1, Halle a. d. Saale, 1916
    Anmerkungen
    1) KANT, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik usw., Vorrede, Ausgabe B. ERDMANN, Seite 12: "Da alle, die in Anbetracht aller anderen Wissenschaften ein beutsames Stillschweigen beobachten, in Fragen der Metaphysik meisterhaft mitsprechen und dreist entscheiden ..." Vgl. ähnlich a. a. O. Seite 4. KANT spricht hier, wie man sieht, nur von  einer,  der meist umstrittenen, philosophischen Disziplin. Allein das Gesagte läßt sich, wie die Erfahrung zeigt, ganz wohl auf die Psychologie, Ethik, Ästhetik, kurz fast auf das ganze Gebiet der Philosophie ausdehnen.
    2) Für einen Teil der Tatsache, nämlich die  Dreistigkeit  des Mitsprechens, gibt KANT sofort selbst die Erklärung, indem er an der vorhin angeführten Stelle Seite 12 fortfährt, "weil ihre Unwissenheit hier freilich nicht gegen Anderer Wissenschaft deutlich absticht". Ähnlich fügt er, wo Seite 3 von der Metaphysik einem Gebiet die Rede ist, "wo jedermann, der sonst in allen übrigen Dingen unwissend ist, sich ein entscheidendes Urteil anmaßt", hinzu: "weil in diesem Land in der Tat noch kein sicheres Maß und Gewicht vorhanden ist, um Gründlichkeit von seichtem Geschwätz zu unterscheiden." - - - Allein wenn sich daraus die ausnahmsweise  Zuversichtlichkeit  des Laienurteils in Sachen Philosophie begreift, so doch nicht die besondere Neigung gerade hier mitzureden. Und an den Grund hierfür rührt eher ein anderes Wort KANTs, Seite 5 derselben Schrift, wo von Metaphysik gesagt wird, daß obwohl es überall noch keine solche gibt, "sich die Nachfrage nach ihr doch auch niemals verlieren kann, weil das Interesse der allgemeinen Menschenvernunft mit ihr gar zu innigst verflochten ist".
    3) Als Zeichen für die besondere Verbreitung des Interesses für die Philosophie kann wohl auch die Tatsache gelten, daß Darstellungen ihrer Geschichte einen viel größeren Leserkreis und infolgedessen auch eine viel häufigere Bearbeitung finden als die Geschichte irgendeiner anderen Wissenschaft.
    4) Der Name "natural philosophy" ist bekanntlich nicht mit "Naturphilosophie", etwa im Sinne wie SCHELLING und HEGEL davon sprachen, sondern einfach mit "Naturwissenschaft" zu übersetzen. LOCKE dehnt den Namen Philosophie gelegentlich (vgl. Essay concerning human understanding, Epistle to the Reader) sogar auf jede richtige Erkenntnis aus. - - - Auch bei ARISTOTELES hat der Terminus, schlechtweg gebraucht, einen anderen Sinn als den heute bei uns üblichen. "Philosophie" kurzhin, ohne den Zusatz  prote  oder  deutera,  scheint ihm sovie wie "theoretische Wissenschaft" überhaupt bedeutet zu haben, Wissenschaft aber nannte er die Erkenntnis aus dem Grund, d. h. ein Begreifen von etwas als Fall allgemeinster, letzter Gesetze (vgl. Analytica, post. I, 9 p 76, a, 16). (Nebenbei bemerkt hat somit auch dieser Name seit ARISTOTELES die Bedeutung geändert. Der Stagirite hätte nach seiner Begriffsbestimmung die historischen Erkenntnisse nicht "Wissen" und "Wissenschaft" nennen können, was heute noch allgemein geschieht.) - - - Uns interessiert hier weniger ein solcher Wandel des Wortes "Philosophie" als vielmehr die Frage, ob der  heute auf dem Kontinent übliche Bedeutungsumfang,  wonach außer der Metaphysik nur noch Psychologie, Logik, Ästhetik und Ethik (samt Rechtsphilosophie und Politik), sowie die Geschichte all dieser Zweige als philosophische Disziplinen gelten, einheitlich zu begreifen ist.
    5) Auch die Bestimmung von WUNDT, Logik I, Seite 7: die (theoretische) Philosophie suche die den einzelnen Wissenschaften gemeinsamen Probleme zu lösen, paßt am ehesten auf  eine  der Disziplinen, nämlich die Metaphysik (und Erkenntnistheorie). Der Autor selbst glaubt freilich damit auch noch das Gebiet der Logik umschrieben zu haben, die er neben der Metaphysik als die andere Hälfte der theoretischen Philosophie bezeichnet. Zum Teil erklärt sich dies daraus, daß er die Erkenntnistheorie (welche "die Grundlagen unseres Wissens zu untersuchen und seine Grenzen zu bestimmen hat") in die Logik aufgenommen wissen will. Allein da er dieser letzteren daneben doch auch die gemeinüblichen Aufgaben zuschreibt und sie (a. a. O. Seite 1) selbst als "eine  normative  Wissenschaft ähnlich der Ethik" hinstellt ("wie diese die Gefühle und Willensbestimmungen, deren Verhalten die Psychologie schildert, nach ihrem sittlichen Wert prüft, um Normen zu finden für das praktische Handeln, so scheidet die Logik usw."), so scheint es mir nicht konsequent, wenn er sie Seite 8 doch mit der Metaphysik auf eine Linie stellt und durch die obige Begriffsbestimmung der  "theoretischen  Philosophie" mit definiert glaubt.
    6) Ein anderes Beispiel: Die Wahrheiten der Astronomie sind zum guten Teil konkreter Natur - eine Kosmographie und Geographie des Himmels -, während die mathematische Forschung sich zu den höchsten Graden der Abstraktion erhebt und ihre Betrachtungen ganz allgemein auf Größenverhältnisse jeder Gattung, auf Mannigfaltigkeiten von beliebigen Dimensionen ausdehnt, gleichviel ob es dafür in der Welt des Wirklichen ein Beispiel geben mag oder nicht. Nichtsdestoweniger waren es vielfach große Mathematiker, welche bedeutende Fortschritte in der Astronomie begründet und auch ganz spezielle Tatsachen, wie die elliptische Gestalt der Planetenbahnen, durch die Hilfsmittel der Rechnung eruiert haben. Und so können überhaupt mannigfach gewisse Erkenntnisse der unentbehrliche methodisch-praktische Behelf zur Lösung ganz anderer Fragen sein, die vom Standpunkt der rein systematischen Anordnung mit ihnen nicht zu sammengehören.
    7) Die Unentbehrlichkeit psychologischer Untersuchungen für die Frage nach den Quellen und Grenzen unseres Erkennens hat auch CARL STUMPF mit spezieller Rücksicht auf die sogenannte neukantische Schule, die hier das wahre Verhältnis verkennt, hervorgehoben in seiner Abhandlung "Psychologie und Erkenntnistheorie" (aus den Abhandlungen der königlich-bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1. Klasse, Bd. 19, Abt. II). - - - Implizit wenigstens ist die Anerkennung des richtigen Sachverhalts auch schon in dem ausgesprochen, was LOCKE und HUME betont haben, daß nämlich einer der wichtigsten Umstände, wodurch die eigentümliche Tragweite und Beschränkung unseres Erkenntnisvermögens bedingt ist, in der ein für allemal gegebenen Zahl und Art der letzten Elemente unserer Anschauungen liegt. Denn sie waren sich vollkommen klar darüber, daß die mikroskopische Zergliederung und Beschreibung derselben eine der Aufgaben des Psychologen bildet. - - - Auf diese Weise des Forschens nach den Bedingungen und Grenzen unserer Erkenntnis, wie wir sie bei jenen Vorgängern von KANTs kritischem Unternehmen antreffen, ist man aber definitiv zurückgewiesen, wenn sich der Versuch des letzteren, die Wissenschaft auf synthetische Urteil a priori und angeborene "Formen" zu bauen, als illusorisch erweist. Es tritt dann eben HUMEs These in Kraft, daß, wo einer mit Begriffen zu operieren vorgibt, deren Merkmale nicht in irgendeiner Erfahrung ihren legitimen Ursprung dokumentieren können, man sicher sein darf, einen ungehörigen Eindringling im Gebiet der Gedanken, ein sinnloses Wort, vor sich zu haben. Wohl ist wahr: wir sind nicht in  der  Weise an das von der Erfahrung Gebotene gefesselt, daß wir nicht dessen Elemente mannigfach neu zu kombinieren vermöchten, und solche durch eine Synthese gewonnenen Vorstellungen könenn für das gesetzmäßige Begreifen der Wirklichkeit wertvoll, ja unentbehrlich sein. Allein auch das originalste und scheinbar freieste jener Vorstellungsgebilde enthält schließlich lauter Bestandteile, die - wie bemerkt - aus der äußeren oder inneren Erfahrung abstrahiert sind, und in  diesem  Sinne ist all unser Vorstellen und damit auch all unser Erkennen (denn wovon wir keinerlei Vorstellung oder Begriff haben, darüber ist auch kein Urteil möglich) an die Anschauungen gebunden und durch sie beschränkt. Die psychologische Analyse der Inhalte unserer inneren und äußeren Erfahrung ist also die selbstverständliche Grundlage dieses - wie ich glaube - haltbareren Verfahrens zur Ausmessung der wahren Grenzen unserer Erkenntnis.
    8) ARISTOTELES, Analytica, post. I, 2 p. 71, b, 33. "Von einem Früheren und Erkennbareren kann man in einem doppelten Sinn sprechen. Denn nicht dasselbe ist das der Natur nach Frühere und das für uns Frühere, noch das der Natur nach Erkennbarere und das für uns Erkennbarere." Vgl. auch Top. VI, 4 p. 141, b, 5 und Metaphysik VII (Z), 4 p. 1029, b, 3. "So geht, heißt es am letzteren Ort, für alle der Weg der Erkenntnis von dem der Natur nach weniger Erkennbaren" (d. h. demjenigen, welches in der natürlichen Ordnung der Wahrheiten ein Bedingtes und Abgeleitetes ist) "zu dem der Natur nach Erkennbareren" (d. h. demjenigen, welches sachlich den Grund des Anderen bildet). - - - Für diese Wahrheit bietet nicht bloß die Metaphysik, sondern jede auf Beobachtung und Induktion gebaute Wissenschaft, die Physik und Astronomie nicht ausgenommen, sprechende Belege. Wenn die KEPLERschen Gesetze, die eine Folge des allgemeinen Gravitationsgesetzes sind, früher erkannt wurden als dieses selbst, so ist dies etwas, was sich auch anderwärts täglich wiederholt. Und diesem vielfach herrschenden Gegensatz zwischen der Ordnung der Wahrheiten in Bezug auf ihre innere Abhängigkeit und dem tatsächlichen Gang ihrer Entdeckung durch uns galt ohne Zweifel auch das Wort GALILEIs, daß es ganz andere Pfade sind, auf welchen die Natur die Ereignisse herbeiführt, und wieder andere die Umwege, die wir wandeln müssen, um uns ihre Entstehung irgendwie begreiflich zu machen.
    9) Wie wichtig es vom heuristischen Standpunkt für die gesamten metaphysischen Untersuchungen ist, sie mit den psychologischen zusammen anzubauen, hat in neuerer Zeit namentlich FRANZ BRENTANO (schon in den seiner Zeit in Würzburg gehaltenen Vorlesungen) betont. Eben derselbe hat auch (Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 26f und 342) die praktische Bedeutung der Psychologie als Grundlage für das planmäßige Streben nach einer idealen Gestaltung des Seelenlebens und die Heilung seiner Gebrechen hervorgehoben. Das letztere, der Zusammenhang der theoretischen Geisteswissenschaft mit den praktischen Disziplinen der Ethik, Logik und Ästhetik (THEODOR LIPPS will diese geradezu mit als "psychologische Disziplinen" bezeichnet wissen) ist übrigens auch von anderen vielfach anerkannt worden. - - - Damit ist der Gedanke gegeben, daß, wenn keine andere, jedenfalls die praktische Rücksicht der richtigen Organisation der Arbeit allen Disziplinen, welche heute bei uns philosophisch genannt werden, eine mehr als zufällige Einheit gibt und sie zu einer natürlichen Klasse verbindet. - - - Daß vom rein theoretischen und systematischen Standpunkt die Wahrheiten der Psychologie und Metaphysik nicht naturverwandt sind, hat man in neuerer Zeit mehrfach erkannt. Aber indem manche dabei jene andere Möglichkeit einer praktischen Zusammengehörigkeit derselben übersahen, kamen sie dazu, die Frage, ob "philosophische Disziplin" der Name einer wahren Klasse ist, in einem völlig negativen Sinn zu beantworten. So sind z. B. Stimmen laut geworden, welche, um dem Terminus eine einheitliche Bedeutung zu sichern ihn nur der Metaphysik (samt der Erkenntnislehre) vindizieren, die Psychologie davon ausschließen wollen. Aber dann müßte man konsequenterweise auch aufhören, von Moral- und Rechtsphilosophie zu sprechen und dürfte selbst die Logik (im Sinne der Anweisung zum richtigen Urteilen, der Art de penser [Kunst des Denkens - wp], wie sie nicht bloß die Cartesianische Schule, sondern auch ARISTOTELES und neuere bedeutende Logiker faßten) nicht mehr dem Namen unterstellen, außer es meinte dieser, diese praktischen Disziplinen auf die Metaphysik bauen zu können, was bezüglich der Logik heute kaum noch jemand versuchen wird, aber bezüglich der Ethik ebensowenig tunlich ist. - - - Für die Richtigkeit dessen, was wir durch die obigen Ausführungen analytisch dargetan zu haben glauben, riefen wir auch durch ein kurzes Wort das Zeugnis der Geschichte an. Gegen diese Berufund könnte man einwenden, daß z. B. ARISTOTELES und ebenso die großen Schulen der Stoiker und Epikuräer nicht bloß die heute philosophisch genannten Fächer, sondern auch die ganze Naturwissenschaft zur Philosophie rechneten. Ferner, daß nicht bloß ANAXAGORAS und DEMOKRIT, PYTHAGORAS und EMPEDOKLES teils Ärzte, teils Astronomen und Mathematiker waren, sondern auch der Stagirite [Aristoteles - wp] tatsächlich den naturwissenschaftlichen, insbesondere biologischen Forschungen mit nicht geringerem Eifer oblag als psychologischen und ontologischen, und daß auch DESCARTES, HOBBES, LEIBNIZ, SCHELLING, HEGEL u. a. die Grenzen des von uns dem Philosophen abgesteckten Arbeitsgebietes keineswegs eingehalten hätten. - - - Allein ich kann in dem Bemerkten doch keine entscheidende Instanz gegen unsere Aufstellung erblicken. Vor allem ist zu erinnern, daß nicht das Resultat der Reflexion dieses oder jenes Philosophen über die Zusammengehörigkeit gewisser Wahrheiten zu  einer  Gruppe oder ihr Auseinanderfallen in mehrere dasjenige ist, worauf wir als Verifikation unserer Betrachtungen Gewicht legen. Denn eine solche Theorie und Klassifikation konnte und kann ja von ganz anderen Gesichtspunkten ausgehen als demjenigen der methodischen Arbeitsteilung und muß dann notwendig zu ganz anderen Ergebnissen führen. So war es tatsächlich bei den Stoikern und Epikuräern und bei ARISTOTELES. Der letztere z. B. unterschied im Hinblick  auf die Naturverwandtschaft  der Wahrheiten, entsprechend dem dreifachen Grad der Abstraktion von der Materie, drei theoretische Wissenschaften (epistemai), nämlich Physik, Mathematik und  prote philosophia  (von Späteren Metaphysik genannt), und es ist nicht unwahrscheinlich, daß er unter dem Namen  deutera philosophia  Mathematik und Physik vereinigt dachte. (Die Psychologie zerfiel ihm in einen physischen und metaphysischen Teil, entsprechend dem immateriellen, noetischen und dem sensitiven - als "Form" dem organischen Körper immanenten - Teil der Seele). Jedenfalls gebraucht er die Termini "erste" und "zweite Philosophie" als Klassennamen in der Einteilung der Erkenntnisse unter einem  theoretischen  Gesichtspunkt, und spricht also seine Klassifikation und Begriffsbestimmung, weil von einer ganz anderen Rücksicht beherrscht, nicht gegen das von uns Behauptete. - - - Aber auch wenn manche Philosophen, gerade auf den praktischen Gesichtspunkt der Organisation der Arbeit reflektierend, eine von der unsrigen abweichende Einteilung gegeben hätten, würden wir dies nicht als das Entscheidende ansehen können. Die zweckmäßigste Scheidung und Vereinigung der wissenschaftlichen Arbeit ist eine Sache der auf den gesamten Gang der Forschung angewandten Methodologie und Logik. Im Großen wie im Kleinen aber ist die logische Praxis in der Regel früher als die logische Theorie. Die Methoden der Prüfung und Entdeckung der Wahrheiten werden spontan geübt, ehe die Reflexion sich  in abstracto  von ihnen Rechenschaft gibt. Und so erscheint uns dann auch in Bezug auf die heuristisch ersprießliche Einteilung der Wissenszweige die tatsächliche Praxis der Forscher, wie sie sich allmählich historisch herausgebildet hat, ein entscheidenderes Zeugnis des Richtigen als die Versuche zur Besinnung und Orientierung darüber. - - - Was aber den Einwand betrifft, daß eben auch der Lauf der Dinge selbst nicht völlig dem von uns geforderten Schema entspricht, indem sich eine ganze Reihe von Philosophen anführen lassen, die mehr oder weniger weit über den Rahmen des heute vom Namen "Philosophie" umspannten Arbeitsgebietes hinausgegriffen haben, so ist zu sagen, daß es sich nicht darum handeln kann, ob der eine oder andere Forscher - namentlich wenn besondere Gründe hierfür vorlagen - mit den heute zur Philosophie gerechneten Gebieten auch noch andere zusammen angebaut hat, sondern  was in dieser Beziehung die Regel war  und annähernd allgemein stattgefunden hat. Vor allem kommen hier nicht Männer in Betracht, für die vermöge ihrer außerordentlich vielseitigen Talente und umfassenden Arbeitskraft eine Konzentration und Teilung der Arbeit  unnötig  war, und ist somit abzusehen von einem Polyhistor wie ARISTOTELES und von LEIBNIZ, der nach einem Wort FRIEDRICHs des Großen für sich allein eine ganze Akademie der Wissenschaften repräsentierte. Andererseits entfällt auch der Hinweis auf den zur Zeit der Ionier, Eleaten und Pythagoräer herrschenden Zustand, indem damals wegen des geringen Umfangs der wissenschaftlichen Arbeit eine Teilung derselben  noch gar nicht eingetreten war.  Einem Analogon zu jenen Anfängen der Forschung begegnen wir aber auch beim Beginn der modernen Ära, als man, mit der Tradition völlig brechend, sich wiederum unmittelbar und ausschließlich zum Studium der Natur wendete. Freilich waren Männer, die mit dieser Vielseitigkeit zugleich einen glücklichen Blick auf den heterogenen Gebieten verbanden und etwa wie CARTESIUS zugleich die Mathematik, Physik und Philosophie (im engeren Sinn) mit bleibenden Entdeckungen bereicherten und der Medizin wertvollere Anregungen gaben, in dieser  zweiten Jugendzeit  der Wissenschaft selten. - - - Schließlich kann auch  das  nicht gegen uns geltend gemacht werden, wenn in gewissen  Zeiten des Verfalls  der Philosophie von ihren Bearbeitern - und wenn es auch die Großzahl derselben war - das von uns umschriebene Feld überschritten wurde. Indem sie nach unnatürlich-willkürlicher Methode verfuhren (vgl. dazu BRENTANO, Die vier Phasen der Philosophie, Stuttgart 1895), gebrach es ihnen an jedem inneren Maßstab und Grund für eine Einhaltung der Grenzen natürlicher Arbeitsteilung. Nur zufällige äußere Umstände hätten darin für sie bestimmend sein können. In derselben luftigen und sophistischen oder phantastischen Weise, mit der sie über psychologische und metaphysische Fragen sprachen, meinten sie eben auch die Fragen der Naturforschung und Geschichte behandeln und ohne umständliche Vorstudien und Hilfsmittel lösen zu können. Und so sehen wir allerdings Männer wie SCHELLING und HEGEL und ihre Schüler zuversichtlich "Naturphilosophie" betreiben, eine "Zeitschrift für spekulative Physik" (1800 - 1801) und "Jahrbücher der Medizin als Wissenschaft" (1806 - 1808) herausgeben und sich in kühner Weise auf Astronomie und Chemie, auf Biologie und Weltgeschichte einlassen. - - - Nebenbei bemerkt, erklärt sich aus der einseitigen Achtsamkeit auf diese Erscheinungen in der Geschichte der Philosophie eine der früher erwähnten Definitionen des Fachs und zwar eine von denen, welche wir am allerwenigsten billigen konnten. Im Hinblick darauf meinte man nämlich, es sei der Philosopie wesentlich, alle möglichen Fragen im kühnen Flug nach einer spekulativen oder apriorischen Methode zu behandeln, während die "Spezialforschung", die man ihr entgegenstellte, sie auf einem langwierigerem, empirischen Weg zu entscheiden sucht, und man ging dann dazu weiter, "Philosophie" geradezu zum Namen einer falschen Forschungsmethode zu machen. Das letztere war insofern konsequent, als, wenn überhaupt Empirie die ersprießliche Quelle zur Lösung gewisser Probleme ist, die apriorische Spekulation nur ein Irrweg sein kann. Allein es war ungerecht, aus der einseitigen Betrachtung gewisser Phasen in der Geschichte der Philosophie ein Urteil über das Ganze ihrer Bestrebungen zu gestalten. Wie nach eine Wort PLATONs ein schlechter Arzt eigentlich kein Arzt ist, und man kein Recht hat, die voreiligen und phantastischen Theorien, die etwa zeitweilig in der Medizin geherrscht haben, zum Wesen dieses Fachs zu rechnen, so muß das Analoge auch bezüglich der Philosophie gelten. - - - Übrigens hatten jene unglücklichen Streifzüge gewisser Philosophen ins Gebiet der Naturforschung, Geschichte usw. auch glückliche Folgen für die Philosophie. Denn das unausbleibliche und offenkundige Mißlingen ihrer Bestrebungen auf diesen Gebieten, wo ein sicherer Maßstab für wirkliche Leistungen dem Haltlosen bald unerbittlich das Urteil sprach, mußte ihren Sturz auch auf dem Feld der Psychologie, Ethik usw. und die Erkenntnis vorbereiten, daß hier wie dort die gepriesene "intellektuelle Anschauung" und das Zaubermittel der "dialektischen Methode" bloß zu Scheinresultaten führen und nur ein schrittweise bedächtiges Vorgehen durch die Mittel der Beobachtung und des Experiments, der Induktion und soliden Demonstration, gesunde Früchte tragen kann. - - - Aber wenn in solchen Verfallszeiten die tatsächliche Ausdehnung der sogenannten philosophischen Bestrebungen nicht als Zeugnis gelten kann für die natürlichen Schranken des Gebietes, so genügt doch, indem für die Forscher in anderen Fächern die Gründe natürlicher Arbeitsteilung nicht weggefallen sind, ein Blick auf die Praxis der  letzteren,  um auch da, wenigstens von außen, jene Grenzen hervortreten zu lassen, und zwar in umso schärferer Zeichnung, je mehr unter solchen Umständen der Gegensatz in der Behandlungsweise der Probleme hier und dort in die Augen fallen muß. - - - Wir gaben zu, daß auch sehr ernst zu nehmende philosophische Forscher auf das Feld der Naturwissenschaft, Mathematik usw. übergegriffen haben und sie durch bedeutende Beiträge bereicherten. Auch das Umgekehrte hat stattgefunden, und insbesondere haben wiederholt hervorragende Naturforscher mit mehr oder weniger Bewußtsein, daß sie beim Philosophieren angelangt waren, psychologische und kosmologische, ja selbst logische und ästhetische Fragen mit Erfolg zum Gegenstand ihres Nachdenkens gemacht. Wir verdanken, wie bekannt, einem NEWTON u. a. bemerkenswerte Reflexionen zur Logik, einem JOHANNES MÜLLER, FECHNER, HELMHOLTZ, HERING, MACH, FICK u. a. sehr dankenswerte Beiträge zur experimentellen Psychologie und Anderen Anderes, was ohne Zweifel eine philosophische Leistung ist. Allein man wird zugeben, daß auch hier ein solches Übergreifen nicht die Regel, sondern die Ausnahme bildet, und so genügt auch von dieser Seite, was wir historisch gegeben finden, recht wohl als Verifikation der Resultate unserer aus der Natur der Sache geschöpften Betrachtung. - - - Schließlich möchte ich noch kurz einem möglichen Mißverständnis kurz begegnen. Indem wir im Vorausgehenden für alle heute philosophisch genannten Gruppen von Wahrheiten und Disziplinen eine logisch-praktische Zusammengehörigkeit hinsichtlich ihrer Erforschung und Lehre behaupten, wollen wir damit für sie keineswegs eine weitere Gliederung der Arbeit in jedem Sinn und für alle Zeiten ausschließen. Überblicken wir das ganze Gebiet, so erweist es sich als kaum weniger ausgebreitet wie dasjenige der Naturwissenschaft, und wie  hier  einst die mäßige Zahl der in Angriff genommenen Fragen und der geringe Umfang des Erforschten es erlaubte, eine Reihe von theoretischen und praktischen Fächern im strengen Sinn demselben Forscher und Lehrer zuzuweisen, während wie sie heute an eine ganze Anzahl verschiedener wissenschaftlicher Institute und Lehrkanzeln verteilt finden, so kann und muß ein analoger Wandel sich allmählich auch in der Philosophie vollziehen. Einstweilen haben wir bezüglich ihrer - oder hatten zumindest bis in die jüngste Zeit - noch Zustände ähnlich denjenigen, die etwa in der Biologie und Medizin vor hundert und mehr Jahren herrschten, als der Kliniker zugleich Anatomie und Physiologie, ja vielleicht wie BOERHAVE auch Botanik und Chemie zu betreiben und zu lehren hatte. Da ist dieses Verhältnis allmählich einem anderen gewichen, das von manchen sogar als Zersplitterung beklagt werden will. Doch zu klagen wäre nur bei einer ungebührlichen Ablösung der einzelnen Zweige vom Zentrum, von Anatomie und Physiologie. Unter den philosophischen Disziplinen nimmt, wie wir sahen, die Psychologie eine analoge zentrale Stellung ein, und darum müßte allerdings ein Ethiker oder Ästhetiker ohne eine tüchtige Kenntnis der Psychologie ebenso als Pfuscher gelten wie ein Arzt, der in Anatomie und Physiologie ein Fremdling wäre. Allein wenn mit jenem Herzen der Philosophie der Kontakt gewahrt bleibt, mögen im übrigen die einzelnen Organe ein relativ selbständiges Leben führen. Kurz: die Arbeitsteilung, welche Philosophie und Naturwissenschaft als weite Gruppen einander gegenüberstellt, braucht nach diesem ersten Schritt nicht schlechtweg haltzumachen, und es ist kein Widerspruch, wenn sie, was sie in Hauptklassen vereinigt, bei einer fortschreitenden Ausdehnung und Vertiefung der Forschung, nun in untergeordnete Klassen scheidet, falls nur diese Teilung nicht den Charakter der Zusammenarbeit verliert. Gewiß aber wird die Praxis zeigen, daß sich der naturforschende Spezialist öfter beim Spezialisten anderer naturwissenschaftlicher Fächer Rat holen muß als beim philosophischen und umgekehrt.
    10) Vielleicht vermißt man die Erwähnung der  Pädagogik Doch scheint mir diese, soweit sie im vollen und strengen Sinn zur Philosophie gehört, in den aufgezählten Disziplinen bereits mit gegeben. Denn sie ist in dieser Begrenzung nichts als ein Ausschnitt aus den drei bekannten praktischen Geistesdisziplinen, ein Stück kommunikativer Logik, Ethik und Ästhetik in einer speziellen Anwendung auf das unreife Alter. Ich sagte: soweit sie im strengstens Sinne philosophisch ist. Denn das ist sie nur, sofern sie die Erziehung der Seele zum Gegenstand hat und somit vornehmlich aus der Psychologie schöpft. Als Lehre von der Hygiene und Erziehung des Körpers ist sie mit einer speziellen Partie der Medizin identisch und stützt sich wie diese auf die Resultate der biologischen Forschung. Doch wird, indem man die physische Tüchtigkeit nicht als Selbstzweck, sondern als Vorbedingung für die psychische betrachtet (mens sana in corpore sano [In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist. - wp]), gewöhnlich der physiologisch-medizinische Teil der Pädagogik dem psychologischen untergeordnet und stillschweigend in ihn einbezogen. - - - Daß auch die  Nationalökonomie  von ihren Begründern als eine philosophische Disziplin angesehen wurde, ist bekannt. ADAM SMITH behandelt sie ausdrücklich als einen Teil seines Systems der Moralphilosophie, und in neuerer Zeit ist von der sogenannten österreichischen Schule ihr Zusammenhang mit der Psychologie besonders dringlich betont worden. Ohne hier die Frage entscheiden zu wollen, wie weit schon heute ein ausgiebigeres Hereinziehen der Psychologie in die Studien des Nationalökonomen von Nutzen ist, müssen doch auch wir das Fach zur Gruppe der philosophischen rechnen und haben es bloß darum nicht ausdrücklich aufgezählt, weil es uns nur als ein spezieller Teil der Politik (im alten aristotelischen Sinn des Wortes) erscheint. - - - Daß aber  diese  aufs innigste mit der  Ethik  zusammenhängt und ohne ein Zurückgehen auf das Letzte und Prinzipielle in der Frage nach den Werten und menschlichen Aufgaben jedes Leitsterns entbehrt, ist von den bedeutendsten Förderern der Disziplin, von ARISTOTELES bis BENTHAM, einmütig anerkannt worden. BENTHAM meint, staatliche Legislation und Moral hätten dasselbe Ziel im Auge, nur in verschiedener Ausdehnung. Und bei ARISTOTELES erscheinen Politik und Ethik so innig verknüpft, daß sich diese nur wie ein erster und grundlegender Teil von jener darstellt. - - - Daß im übrigen gerade in Bezug auf die politische Ökonomie - und dasselbe gilt zum Teil auch von der Pädagogik - jene relative Verselbständigung und engere Arbeitsteilung, die wir als mit der Zusammengehörigkeit zur Philosophie als weiterer heuristisch-praktischer Gruppe für wohl vereinbar erklärten, bereits eingetreten ist, kann nicht wundernehmen. Beide, und insbesondere die Nationalökonomie, bedürfen, um zu fruchtbaren und zuverlässigen Generalisierungen zu gelangen, ein ausgebreitetes empirisches, historisch-statistisches Material, zu dessen Sammlung und Sichtung auch eine besondere Befähigung, ein Blick für das Konkrete und Praktische und eine methodische Schulung in Ordnung und Benutzung historischer Tatsachen nötig ist - Eigenschaften, die der bloße Psychologe nicht ohne weiteres zu besitzen braucht. Ja, es kann auch geschehen, daß man in einem solchen Forschungszweig zu gewisser Zeit überhaupt vorwiegend auf die Sicherung eines reichen Tatsachenmaterials ausgeht, ohne daß doch die Arbeit den wissenschaftlichen Charakter einbüßt. Ist sie doch dabei überall von der Absicht geleitet, die Gewinnung allgemeiner Gesetze durch Induktion anzubahnen und vorzubereiten. Wer aber die Prämissen beschafft, von dem kann man in gewissem Sinne sagen, daß er dabei mit dem Schluß anfängt.
    11) ERICH ADICKES hat der Rektoratsrede MARTYs eine Besprechung (Deutsche Literaturzeitung, 1899, Seite 855 - 857) gewidmet, in welcher er gegen die oben gegebene Begriffsbestimmung der Philosophie hauptsächlich den Vorwurf des "Psychologismus" erhebt. - MARTY hat noch selbst die erhobenen Einwände gründlich widerlegt in seinen "Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie", Halle 1908, Bd. 1, Seite 6 - 18 (Anm. d. Hg)
    12) Und natürlich auch die irrigen Ansichten über das, was hier der Forschung überhaupt erreichbar ist, und das zeitweilige gänzliche Fehlgreifen in der Methode. Wenn wir uns überzeugten, daß die Diskrepanz zwischen den von verschiedenen Philosophen aufgestellten Definitionen zum Teil damit zusammenhängt, daß die Philosophie in verschiedenen Teilen von recht verschiedenen Gegenständen handelt, so ist Anderes doch auch darauf zurückzuführen, daß die Begriffsbestimmung des Fachs naturgemäß mit den fundamentalen Anschauungen über die Tragweite unserer Verstandeskräfte und das richtige Verfahren bei der Forschung zusammenhängt. Nur im Vertrauen auf seine vermeintliche absolute Methode konnte HEGEL die Philosophie als Wissenschaft der absoluten Wahrheit definieren. Aber auch die Definition, die in der kantischen Schule üblich war (die Philosophie sei das System der Erkenntnisse aus bloßen Begriffen), ist auf die dort herrschende besondere Theorie über die Natur und die Bedingungen unserer Erkenntnis zurückzuführen.
    13) ARISTOTELES, Nikomachische Ethik, VIII, 1, p 1155a, 5.
    14) BERNARD BOLZANO, geboren 1781 in Prag, für Mathematik und Philosophie in gleicher Weise begabt und mit vorzüglicher Lehrgabe ausgerüstet, war bekanntlich durch eine Reihe von Jahren Professor der philosophischen Religionswissenschaft an der Prager Universität, wo er durch Lehre und Beispiel einen wohltätigen, auf Verinnerlichung und ethische Vertiefung des religiösen Bewußtseins gerichteten Einfluß auf die Studierenden ausübte. Die 1813 veröffentlichten Erbauungsreden an die akademische Jugend und allerlei Gerüchte, daß seine Vorträge für Staat und Kirche verderbliche Neuerungen enthielten, erweckten das Mißtrauen seiner Vorgesetzten, und da er den Widerruf seiner Lehren verweigerte, wurde er nach fünfzehnjähriger aufopfernder Lehrtätigkeit seines Amtes entsetzt. Er zog sich aufs Land zurück und hat dort als fruchtbarer Schriftsteller bis 1848 gewirkt. - - - Die bedeutendsten seiner philosophischen und theologischen Schriften sind von seinen Schülern herausgegeben worden. So die "Wissenschaftslehre", Sulzbach 1837, die "Paradoxien des Unendlichen", Leipzig 1851, das "Lehrbuch der Religionswissenschaft", Sulzbach 1834. Auch die Urheber der obenerwähnten Stiftung gedachten zunächst die bezüglichen Geldmittel auf eine Neuauflage der Werke ihres Lehrers zu verwenden.
    15) ERNST MACH, Populär-wissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1896, Seite 101