cr-4 Sigwartvon PfordtenR. GätschenbergerA. Stöhr    
 
ANTON MARTY
Über subjektlose Sätze
[1/3]

"Gar mancher spricht viel über Religion und Gewissen, über Kirche und Glauben, über Macht und Recht, über Verstopfungen und Flüsse im Körper, über Melancholie und Galle und würde nur wenig in seinen Betrachtungen und Gedanken übrig behalten, wenn man von ihm verlangte, daß er nur an die Dinge selbst denken und alle Worte beiseite lassen sollte."

Erster Artikel

Die Verba impersonalia oder, wie Neuere sie nennen, subjektlosen Sätze, haben seit alter Zeit Grammatiker und Logiker in gleich nachhaltiger Weise beschäftigt. Der Grund des andauernden Interesses ist nicht fern zu suchen.

Nach der gewöhnlichen Anschauung gehört zu jedem Urteil eine Verbindung oder Beziehung von Vorstellungen und entsprechend zu jeder Aussage etwas,  was  und etwas,  wovon  ausgesagt wird,  Prädikat und Subjekt.  In den Sätzen "Es regnet", "Es blitzt", obschon sie wahrhafte Aussagen zu sein scheinen, ist aber, wenigsten auf den ersten Blick, keine Subjektsvorstellung gegeben, kein Gegenstand, welchem das "Regnen" als Prädikat beigelegt würde. Es ist natürlich, daß man sich angelegen sein ließ, diesen Widerstreit zu heben und so sind denn im Laufe der Zeit verschiedene Versuche in dieser Richtung gemacht worden. Nie aber hat die Bemühung zu einem so bündigen und unwidersprechlichen Resultat geführt, daß nicht Spätere, unbefriedigt vom früher Gesagten, sich abermals an die Betrachtung der vielumstrittenen Erscheinung machten.

Unter diesen Umständen ist es gewiß zu begrüßen, daß ihr in neuerer Zeit auch ein so hervorragender Sprachforscher wie FRANZ MIKLOSICH die Aufmerksamkeit zugewendet hat, der nicht bloß in der slawischen Sprachenfamilie, für deren vergleichendes Studium er die Fundamente gelegt hat, sondern insgesamt auf dem Gebiet komparativer Grammatik und Syntax ein seltenes Wissen besitzt.

Schon in einer Denkschrift der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien vom Jahre 1865 (1) forschte er aufgrund seiner reichen Kenntnisse über die fraglichen Erscheinungen in den slawischen und anderen Sprachen und unter Mitberücksichtigung dessen, was andere Grammatiker und namentlich auch Philosophen darüber gesagt, nach der eigentümlichen Natur des Gedankens, den die sogenannten Impersonalia ausdrücken. Er kam dabei, abweichend von den meisten Grammatiker und Logikern, zu dem Resultat, daß die fraglichen Aussagen in Wahrheit  kein Subjekt  enthalten.

Diese Ansicht hält er auch in der kürzlich erschienenen zweiten Auflage jener Denkschrift (2) fest und pflichtet hier aufgrund derselben der in BRENTANOs Psychologie (3) vorgetragenen Lehre vom Urteil bei, die, wenn sie richtig ist, unabweislich fordert, die Logik viel mehr, als es bisher geschehen ist, von der Sprache zu emanzipieren.

Dadurch nimmt nun MIKLOSICHs Lehre von der Bedeutung der Impersonalia in einer Frage Stellung, die dem Philosophen hochwichtig sein muß und darum gerade von dieser Seite heute wieder vielfach neu angeregt wird: ob und wie weit nämlich eine Betrachtung des Urteils unabhängig vom gewohnten sprachlichen Ausdruck möglich, ratsam oder sogar notwendig sei.

Aber auch noch in einer anderen Prinzipienfrage, welche die Grenzen von Grammatik und Logik betrifft, ergreift MIKLOSICHs Schrift entschiedene Partei: ob und wie weit nämlich umgekehrt der Grammatik auf die Lehre vom Urteil Rücksicht zu nehmen habe. Hatten STEINTHAL und andere eine vollständige Emanzipation der Grammatik von der Logik gefordert, so spricht MIKLOSICH durch sein Beispiel, aber auch ganz ausdrücklich dafür, daß die grammatische Betrachtung der Aussage ohne Aufmerksamkeit auf die logische Natur ihrer Bedeutung nicht befriedigen könne.

Auch  diese  entgegengesetzten Strömungen in der Lehre vom Verhältnis von Logik und Grammatik können dem Philosophen nicht gleichgültig sein, wenn ihn auch die erstgenannte Kontroverse noch näher angeht. Jedenfalls verdient die Schrift von MIKLOSICH um ihres Zusammenhangs mit beiden Prinzipienfragen willen die Aufmerksamkeit von Seiten der Philosophie.

Zu diesem Zweck wollte ich die Fachgenossen in dieser Zeitschrift auf sie hinweisen. Ein besonderes Interesse an den beregten Fragen, das mich schon öfter über sie nachdenken ließ, brachte es aber mit sich, daß statt einer bloßen Anzeige eine Abhandlung entstanden ist. Dieselbe berücksichtigt die Resultate von MIKLOSICH, ergänzt aber zugleich im Interesse der allseitigen Anerkennung des Bedeutungsvollen, das er vorgebracht hat, seine Betrachtung sowohl in einigen speziellen Richtungen, als auch nach der Seite ihrer prinzipiellen Voraussetzungen und wichtigsten Konsequenzen.

Wir beginnen mit der kurzen Erörterung der Voraussetzungen, die seiner und jeder ähnlichen Untersuchung stillschweigend zugrunde liegen, aber leider immer noch nicht über jede Kontroverse erhoben sind.


I.
Von der Möglichkeit und Ratsamkeit einer Betrachtung
des Urteils unabhängig von der Aussage


A.

Eine Betrachtung des Gedankens unabhängig von seinem sprachlichen Ausdruck wäre  unmöglich,  wenn beide ihrer Natur nach unzertrennlich wären, wenn zwischen beiden "eine Wesenheit" bestände. Den letzteren Ausdruck gebraucht der bedeutendste unter den neueren Verteidigern dieser alten Anschauung, PRANTL, in einem Aufsatz der Akademie zu München, 1875, (Philosophisch-historische Klasse): Reformgedanken zur Logik. Die Reform der Logik, wovon der Titel spricht und auf welche auch SIGWART (4) aufmerksam macht, soll eben darin bestehen, daß man nicht wie bisher in "haltloser Willkür und Halbheit"  gewisse Satzformen  zur Entwicklung logischer Gesetze  verwerte  und dagegen  andere vernachlässige,  sondern daß man eingedenk der "Wesenheit", in welcher Denken und Sprechen verbunden seien,  die Logik konsequent auf Grammatik,  die Betrachtung der Urteile auf die der Satzform  baue.  Diese Forderung ist auf dem erwähnten Standpunkt gewiß gerechtfertigt. Ist Denken seinem Wesen nach inneres Sprechen, so ist ja eine Betrachtung des Urteils unabhängig von der Aussage ganz unmöglich.

Allein obwohl jene Voraussetzung, wie man sieht, auch heute noch Anhänger findet, ist sie doch so unhaltbar, daß PRANTL selbst ihr gar nicht treu zu bleiben vermag, sondern sie, durch die entgegenstehenden Tatsachen gedrängt, Stück für Stück wieder preisgibt.

Oder ist nicht schon das ein Abfall von ihr, wenn er zugibt, daß auch den Taubstummen wahrhaft menschliches Denken zukommt, indem ihnen Auge und Hand an die Stelle des Ohres und der Sprachwerkzeuge vertritt? Und doch kann er sich dieser Tatsache nicht verschließen. Daß speziell ohne  Lautsprache  kein begriffliches Denken möglich sei, haben in neuerer Zeit überhaupt nur MAX MÜLLER (5) und, wenn ich recht verstehen, JOHANN HEINRICH LÖWE (6) ernsthaft behauptet. Der Erstere bemerkt zugunst dieser Meinung (a. a. O. Seite 64), die  unterrichteten  Taubstummen, denen man menschliches Denken nicht absprechen könne, lernten doch bloß  die Gedanken anderer  durch sichtbare oder tastbare Zeichen erfassen und diese Zeichen seien ihnen dabei nicht Zeichen der Dinge oder Begriffe, wie es die Worte sind, sondern bloß Zeichen von Zeichen (nämlich Lauten).  Allein,  daß die unterrichteten Taubstummen die Gedanken anderer denken lernen, gilt in keinem anderen Sinn, als es etwa auch vom Unterricht vollsinniger Kinder gilt. Und auch das ist offenbar, daß den ersteren Muskelgefühle oder Gesichtsbilder ganz in derselben Weise Zeichen von Gedankeninhalten sind, wie den letzteren die Laute. Der vollsinnige Lehrer mag, indem er den Taubstummen mittels der Wortsprache unterrichtet, anfänglich immer erst an den Laut, dann an das Muskelgefühl denken; aber der Taubstumme seinerseits stellt ja den Ton gar nicht vor. Ihm assoziiert sich mit dem Gedanken ein Muskelgefühl so unmittelbar, wie bei uns eine Lautvorstellung. Und wenn der Lehrer öfter, über diese hinwegeilend, mehr Aufmerksamkeit dem begleitenden Muskelgefühl oder Gesichtsbild zuwendet, so kann es ganz wohl geschehen, daß auch bei ihm jenes Mittelglied der Assoziation ausgeschaltet und der Übergang vom Gedanken zu diesem zweiten Zeichen unmittelbar gemacht wird.

PRANTL gibt also mit Recht zu, daß den Taubstummen  ihre  Zeichen genauso als Werkzeug des Denkens dienen, wie uns die Laute. Allein wenn es so ist, wie kann bei uns der Laut im Verhältnis "untrennbarer Wesenseinheit" zu einem gewissen Gedanken stehen? Wäre er es, so könnte nicht bei anderen eine Figur oder ein Muskelgefühl seine Stelle vertreten. (7) Und wie, falls bei uns ein Laut mit einem bestimmten Begriff wesenseins ist, unmöglich anderswo ein toto genere [auf jede Art, wp] verschiedenes Zeichen in derselben Lage sein kann, so wird es weiterhin  unter  den Lauten nicht irgendein beliebiger, sondern ein einziger, bestimmter, sein. Wie dem Kohlenstoff eine  bestimmte  Kristallform natürlich ist, so wird, wenn Gedanke und Wort in ähnlicher Weise wesentlich zusammengehören (PRANTL, Seite 181), eben auch einem bestimmten Gedanken nur  ein  Laut natürlich sein. Diese Konsequenz und die entgegenstehende Tatsache, daß es doch nicht  eine  Sprache gibt, sondern viele, konnte PRANTL natürlich nicht entgehen. Aber, bemerkt er, er hege den gegründeten Zweifel, ob denn wirklich der sogenannte Gedanken bei verschiedener Sprachbezeichnung des nämlichen Gegenstandes ein so ganz einheitlich gleicher sei. Man sollte auch stets bedenken, daß das Übersetzen in absolut vollgültigem Sinn eine Unmöglichkeit ist. Das Gleiche gilt, wenn man meint, in einer und derselben Sprache könne ein Gedanke durch mehrere Synonyme ausgedrückt werden; denn hierauf sei zu erwidern, daß es, im vollen strengen Sinn genommen, überhaupt keine wahrhaften Synonyme gibt und es sei eine naive Anschauung, daß ein sogenannter Gedanke ausgekleidet und dann wieder anders gekleidet werden könne wie eine Puppe.

Allein ohne zu fürchten, daß der Gedanke dadurch mit den Puppen auf  eine  Linie komme, bei denen ja das Kleid die  Hauptsache  ist, werden doch, denke ich, viele mit mir behaupten, daß es Fälle gibt, wo im strengsten Sinn derselbe Gedanke einen verschiedenen lautlichen Ausdruck findet. Gäbe es aber auch nur  einen  solchen Fall, so wäre damit der Lehre von der Wesenheit zwischen Laut und Gedanke für immer der Boden entzogen. Aber nicht  einen  Fall gibt es, sondern unzählige. Die Gemeinsamkeit der wissenschaftlichen Überzeugungen und praktischen Bestrebungen und die Verständigung darüber unter Völkern verschiedener Zunge ist der unwiederlegliche Beweis dafür. Nur vorübergehend wird es einmal unmöglich sein, für ein theoretisches oder praktisches Urteil in einer zivilisierten Sprache den vollkommen adäquaten Ausdruck zu finden.

Anders freilich, wo die Sprache nicht Mittel der Mitteilung nackter  Tatsachen,  sondern ästhetisches Werkzeug der Erweckung  schöner Vorstellungen  Treue der Übersetzung hat naturgemäß bei Werken der Poesie einen ganz anderen Sinn, als bei der Mitteilung von Erkenntnissen in Wissenschaft und Leben. Auf dem letzteren Gebiet ist jede Übersetzung treu, welche dieselbe Tatsache, nicht mehr und nicht weniger als das Original, mitteilt. Die nicht getreue aber verdient eigentlich überhaupt nicht den Namen einer Übersetzung; sie ist eine Fälschung. Anders, wenn es sich um einen poetischen Schmuck und geistreiche Anregung der Einbildungskraft handelt. Hier verzichtet man - eingedenk der Eigentümlichkeit der Phantasie und Sprachentwicklung bei verschiedenen Völkern - von vornherein auf eine strenge Wiedergabe. Man begnügt sich mit Annäherungen und weil häufig die Ausdrücke, die im prosaischen Gebrauch äquivalent sind, ganz verschiedene poetische Kraft haben, indem sich andere und andere begleitende Nebenvorstellungen (auf welche der Dichter als Elemente des Schönen rechnet) an sie knüpfen, so wird eine sogenannte freie Übersetzung oft in Wahrheit die getreueste sein, d. h. am ehesten ein dem Original verwandtes ästhetisches Vergnügen erwecken. Da aber eben  diese  Wirkung bei der Wiedergabe des poetischen Ausdrucks in Frage kommt, nicht die Erweckung des nackten Verständnisses, so ist klar, daß man sich auf das Fehlschlagen einer wortgetreuen Übersetzung auf jenem Gebiet nicht zugunsten der Behauptung berufen darf, daß verschiedene Sprachen nicht denselben Gedanken ausdrücken könnten.

PRANTL kann dann auch in der Folge selbst gar nicht umhin, wahrhafte und strenge Synonyma in verschiedenen und in derselben Sprache zuzugeben (vgl. a. a. O. Seite 188). Und obschon er festhält, daß für die Logik jeder Satz als ein Urteil gelten müsse (auch Frage-, Bitt-, Wunsch- und Befehlsätze!), soll nach seiner Erklärung damit noch nicht behauptet sein, daß jede grammatische Form als solche zugleich eine logische Form sei (8), sondern nur betont werden, daß es außer den bisher beachteten noch andere von logischem Wert gebe. Welche aber von der Art sind und welche nicht, das müsse eruiert werden, indem man den Denkwert dieser Formen "als solchen festhält" (Seite 203) - also, wenn ich recht verstehe, ganz in der Weise des Seite 165 (vgl. Seite 196) so sehr mißbilligten Dualismus, der Inneres und Äußeres an der Sprache auseinanderhalten und trennen will. Das früher ausgesprochene Prinzip für die logische Reform ist somit wieder aufgegeben. Und nicht minder Seite 205, wo PRANTL zugibt, daß  ein  sprachliches Element verschiedenen Denkwert haben könne.

Wenn er Seite 181, 182 und öfter betont, daß doch wenigstens  jedes  Sprachelement  irgendwie  gedankenhaltig sei, so hat das natürlich nichts mit der Wesenseinheit von Denken und Sprechen zu tun. Die Behauptung ist ja für jeen, der unter Sprache nicht eine bedeutungslose Lautäußerung versteht, selbstverständlich. Nur das gehört nicht zum Begriff der Sprache, daß einer die Gedanken, welche seine Rede bedeutet, d. h. in anderen zu erwecken geneigt ist, immer auch selbst hege. Aber diese Ausnahmefälle des Lügners und Zerstreuten sprechen natürlich noch weniger als die gewöhnlichen für eine Wesenseinheit von Gedanke und Wort.

Auch MAX MÜLLER (9) meint merkwürdigerweise, weil nirgends ein System artikulierter Laute angetroffen wird, außer als Gewand von Begriffen, so folgt, daß auch umgekehrt Begriffe nicht ohne Sprache sein können. In derselben Weise könne man ja, weil nirgends Häute gefunden werden, außer als Bedeckung für tierische Körper, sicher schließen, daß Tiere ohne Haut nicht existieren können. Allein es springt in die Augen, daß diese Schlußweise ungültig und im letzteren Fall der Schlußsatz (wenn überhaupt!) bloß  zufällig  richtig ist. Oder was würde MÜLLER zu folgendem Schluß sagen, der dem vorigen ganz analog ist: Nirgends trifft man einen sechsten Finger außer an einer menschlichen Hand; folglich muß jede menschliche Hand sechs Finger haben?

Fassen wir das über PRANTLs Schrift Gesagte zusammen, so zeigt sich, daß, wo er die alte Lehre von der Wesenseinheit von Denken und Sprechen noch einmal zu Ehren bringen will, er selbst wider Willen fort und fort Zeugnis ablegt für ihre Unhaltbarkeit.


B.

Allein eine Unmöglichkeit, das Urteil unabhängig von der Sprache zu betrachten, könnte jemand auch aus anderen Gründen erschließen wollen, namentlich aus der Unmöglichkeit, daß das Denken, genauer das sogenannte abstrakte oder begriffliche Denken,  ohne  Hilfe der Sprache stattfindet. Wenn nicht alle, so doch diejenigen Erscheinungen des Urteils, die zum sogenannten abstrakten Denken gehören und den Logiker vor allem interessieren, wären dann nur  in  und  mit  der Sprache zu betrachten, weil sie sich nur mit ihrer Hilfe vollziehen. Wiederholt ist in der Geschichte der Philosophie diese Behauptung aufgetaucht und diejenigen, die nicht bei dieser allgemeinen Versicherung oder bei vagen Vergleichen stehen bleiben wollten, präzisierten den Gedanken in der Regel dahin, daß die sprachlichen Zeichen  Stellvertreter  oder Repräsentanten des in sich selbst undenkbaren Begriffs seien. Man verweist dabei auf die Arithmetik als Typus dieser Denkform, wo offenbar die Begriffe der großen Zahlen in sich nicht ausführbar sind, sondern statt ihrer bloß ein Zeichen gedacht wird. In neuerer Zeit hat, im Anschluß an englische und französische Vorläufer (wie HOBBES, CONDILLAC) u. a. HIPPOLYTE TAINE (De l'intelligence) diese Lehre konsequent und ausführlich vertreten. Aber auch RICHARD SHUTEs  Discourse on truth  und ihr deutscher Bearbeiter GOSWIN K. UPHUES (Grundlehren der Logik, Breslau 1883) behaupten etwas Ähnliches. "Die Bausteine des eigentlichen Denkes, abgesehen von den  Wahrnehmungen  und von den Träumereien der Phantasie ... bestehen aus lauter Vorstellungen von Wörter" (Seite 136). "Ohne das Denken in Wortvorstellungen wären keine über ein paar Wörter hinausgehende Schlußreihen, somit keine Wissenschaften, keine auf Schlüssen beruhende Erfindungen möglich" (Seite 150) (10)

Unter den Sprachforschern hat STEINTHAL eine verwandte Ansicht ausgesprochen. Auch er läßt ein "sprachliches Denken" Repräsentant des begrifflichen sein. Doch scheint er nicht wie TAINE u. a. der Letztere an und für sich für ganz unmöglich zu halten. (11) Unter jenem sprachlichen Denken versteht er neben der Lautvorstellung namentlich auch die "Urbedeutung" oder das Etymon, die "innere Sprachform" WILHELM von HUMBOLDTs. Der Laut, anfänglich mit, später auch ohne die "innere Sprachform", ist Stellvertreter des Begriffs und in dieser Funktion eines Werkzeugs für das Denken und nicht bloß als Mittel der Mitteilung hat sich die Sprache von allem Anfang an entwickelt. Derjenige Zug, wodurch die ursprünglichsten onomatopoetischen [lautmalerisch - wp] Lautbezeichnungen dem Bezeichneten ähnlich waren, vertrat die gesamte Anschauung oder eine Gruppe von solchen. So wurde etwa durch den Laut  pap  als Nachahmung des Lippenlautes beim Essen die gesamte Anschauung des Essens "vorgestellt", d. h. vor dem Bewußtsein vertreten. (12) Als später der nachahmende Charakter der Bezeichnungen verloren ging, vertrat jetzt das Etymon der Sprachwurzel den ganzen damit bezeichneten Gegenstand für unser Bewußtsein.  Gyne  war die Gebärende,  filius  (fellare) der Saugende usw. Endlich war aber auch das Etymon vergessen. Es bleibt bloß noch die äußere Sprachform übrig und nun ist es bloß noch der Laut, welcher ins Bewußtsein tritt, wenn wir in Worten denken. So ist also die Sprache eine (stellvertretende)  "Form  des Denkens". (13)

Ähnliche Anschauungen über die Bedeutung des Lautes und der "inneren Sprachform" für das Denken trägt auch LAZARUS vor. (14) "Die Sprache ist nicht nur ein äußeres Mittel der Mitteilung, sondern eine innere Form der Bestimmtheit des Gedankens (Seite 24). "In Vorstellungen denken heißt den Denkinhalt in derjenigen Form und Fassung denken, welche er durch das Wort, also durch die sprachliche Apperzeption desselben (es scheint das Etymon gemeint zu sein, vgl. Seite 138f und 106) empfangen hat" (Seite 251) Aber ausdrücklicher wie STEINTHAL betont er doch auch die Möglichkeit einer Vergegenwärtigung des begrifflichen Gedankeninhalts selbst neben dem sprachlichen oder stellvertretenden Denken desselben.

Freilich wir, auch wer unter den angeführten Forschern am entschiedensten das begriffliche Denken in sich selbst als ein unrealisierbares Ideal betrachtet und an seiner Stelle überall ein symbolisches annimmt, doch nicht behaupten, daß nur  ein einziges bestimmtes  Zeichen einen bestimmten Gedanken repräsentieren könne. Er wird vielmehr zugeben, daß die verschiedenen Laute (und Etyma) der verschiedenen Sprachen unter Umständen denselben Begriff vertreten und es auch überhaupt auch kein Laut zu sein braucht, sondern statt dessen auch ein anderes Zeichen diesen Dienst tun kann.

Aber immerhin bliebe danach, sofern man unter Sprache allgemein jede Art von Zeichensystem versteht, das Urteil mit der Sprache derart verflochten, daß es nur in und mit ihr zusammen betrachtet werden könnte.

Allein die Tatsachen widerlegen die Annahme, daß ein symbolisches Denken in dieser Ausdehnung stattfindet und beweisen, daß die Vergegenwärtigung der begrifflichen Gedankeninhalte in sich selbst unerläßlich und nicht ganz unmöglich ist.

Ich leugne nicht, daß, wie schon LOCKE (Essay IV, 5, § 4) und neuestens WUNDT (Logik I, Seite 45 - 49) lehrreich schildern, das sprachliche Zeichen zuweilen (mit oder ohne das Etymon) als Symbol statt des Gedankens dient. "Gar mancher spricht", sagt der Erstere, "viel über Religion und Gewissen, über Kirche und Glauben, über Macht und Recht, über Verstopfungen und Flüsse im Körper, über Melancholie und Galle und würde nur wenig in seinen Betrachtungen und Gedanken übrig behalten, wenn man von ihm verlangte, daß er nur an die Dinge selbst denken und alle Worte (samt ihren Etyma, die aber nicht die eigentliche Bedeutung sind! möchte ich hinzufügen) beiseite lassen sollte." Und in der Tat käme mancher in Verlegenheit, wenn man ihn aufforderte, etwa durch eine mehrgliedrige Definition die Elemente anzugeben, die die exakte Bedeutung jener Worte, den Begriff des dadurch genannten Gegenstandes, ausmachen.

Denkt man, häufig, wenigstens an irgendeinen konkreten Fall, wo das betreffende Wort angewendet zu werden pflegt, so kommen daneben auch extreme Fälle vor, wo außer dem Namen (und etwa seinem Etymon) gar nichts im Bewußtsein ist, als der vage Gedanke, daß durch den Namen irgendetwas regelmäßig benannt werde.

In vielen Fällen führt Nachlässigkeit und Bequemlichkeit zu diesem blinden Denken. In anderen freilich treibt jeden von uns die Not dazu und die tatsächliche Unmöglichkeit, den Gedanken in sich selbst und eigentlich uns zu vergegenwärtigen. Das ist bei sehr komplizierten Gedanken der Fall. Die Zahl 87 kann niemand in sich selbst ausdenken. Unsere Geisteskraft reicht nicht aus, sich jede Einheit einzeln und alle zusammen in ihren Summenverhältnissen auf einen Blick zu vergegenwärtigen. Wer kann sich die Einheit 87 deutlich vorstellen und so 88 von 87 unterscheiden? Hier hilft der Gebrauch der Zeichen über Unmögliches hinweg. Wir denken bei 87 an die Zahl, welche den Namen oder das Zeichen 87 trägt. Häufig tun wir natürlich etwas mehr und fügen die eine oder andere Relation hinzu. Es schwebt uns bei 87 etwa vor, daß es um 3 kleiner als 90 ist oder dergleichen, bei der Zahl 1000, daß sie aus 10 x 100 entsteht und dgl. Aber dabei ist wieder, für den Moment wenigstens, jenes 80 und dieses 100 nur durch das Zeichen repräsentiert und erst in einem späteren Augenblick gestattet die Enge des Bewußtseins, auch jene Komplexe einer weiteren Analyse zu unterwerfen.

Aber nicht bloß bei Zahlen, sondern auch anderwärts, wo es sich um sehr zusammengesetzte Gedanken handelt, die nicht Gegenstand  eines  beziehenden Bewußtseins sein können, ist dieser im strengen Sinne  stellvertretende  Gebrauch von Zeichen wichtig. Dagegen kann ich nicht zugeben, daß ein solches symbolisches Denken imstande ist, allgemein das eigentliche Denken der begrifflichen Inhalte zu ersetzen.

In einigermaßen ausgedehntem Umfang kann es nur da mit Nutzen angewendet werden, wo es, um einen Ausdruck von JOHANN HEINRICH LAMBERT (15) zu gebrauchen, die Natur der Gedankeninhalte gestattet, die Theorie der Sachen auf eine Theorie der Zeichen zurückzuführen. Das war in einem Teil der Mathematik möglich. Und dieser Teil, die Arithmetik, welche das typische Beispiel eines ausgedehnteren symbolischen Denkens ist, zeigt gleichzeitig, ein wie wohl ausgebildetes System von Zeichen und festen Regeln des Zeichengebrauchs nötig ist, wenn ohne Schaden für die Richtigkeit des Urteils und Gedankenfortschrittes auf die adäquaten Vorstellungen verzichtet werden soll.

Auf keinem anderen Gebiet hat es die Natur der Untersuchungen erlaubt, in irgendeiner ausgehnteren Weise ähnliche Operationen mit Symbolen an die Stelle der geistigen Vergegenwärtigung der eigentlichen Gedankeninhalte und der einsichtigen Schlüsse zu setzen. (16) Hier ist also ein symbolisches Denken überall nur in den engsten Grenzen schadlos und die Gefahr groß, leeren Wortkram für Wissen zu nehmen, welche Verwechslung natürlich einer der schlimmsten Feinde des Fortschritts in der Erkenntnis ist. Ist daraum auch auf diesen Gebieten gelegentlich der Fall gegeben, daß ein Gedanke zu kompliziert ist, als daß wir ihn mit einem Mal zu überschauen vermöchten, so hat man vor jener Gefahr auf der Hut zu sein. Es bleibt der Enge unseres Bewußtseins freilich nichts übrig, als daß wir auch hier die Arbeit in mehrere Schritte zerlegen und das einsichtig gewonnene Resultat des einzelnen Schrittes ähnlich wie das fortschreitende Ergebnis des Zählens vorübergehend nur durch ein Symbol denken, um, indem wir damit als einer Einheit rechnen, eine neue weitergreifende Vielheit von Elementen und Beziehungen umspannen zu können. Aber um nicht zu irren, müssen wir stets imstande sein, für jedes solche Symbol die Bedeutung anzugeben und müssen für jeden Fortschritt des Gedankens auf  logischem  Weg den Boden gewinnen.

Wessen Urteilen sich freilich vorwiegend nur im Konkreten bewegt und hier durch das tierische  expectatio casuum similium  [die Erwartung ähnlicher Fälle - wp] geleitet wird, wer ferner seine allgemeinen Überzeugungen aus der Hand der Mode und Gewohnheit empfängt, der mag sich auch oft, ohne allzuviel einzubüssen, der Mühe entledigen, sich den Sinn der allgemeinen Namen und Aussagen in extenso [ausführlich - wp] klar zu machen. Er mag sogar, wie schon LOCKE (17) mit feiner Ironie bemerkt hat, über theoretische und praktische Fragen mit einem Schein von Verständnis mitreden, weil er sich eine gewisse Zahl von Umständen gemerkt hat, unter denen bestimmte Wendungen am Platz sind.

Allein wer eine exakte Induktion macht oder auf deduktivem Weg eine Wahrheit  entdeckt,  oder wer eine solche Entdeckung prüft und  einsieht,  wer ferner nicht nach einer Schablone, sondern einsichtig in praktischen Dingen einen Plan entwirft, der übt nicht bloß ein symbolisches Denken. Er muß, soweit und während er etwas einsieht, auch den Inhalt selbst irgendwie vorstellen. Mag dieses Denken des Begriffes wie immer zu beschreiben sein - und ich gebe zu, daß darüber von psychologischer Seite das letzte Wort noch nicht gesprochen ist - jedenfalls ist es ein Denken des Begriffs inhaltes,  nicht eines stellvertretenden Zeichens.

Die Lehre aber, daß  alles  Denken von Begriffen bloß symbolisch sei, hebt sich geradezu selbst auf. Nur aufgrund einer eigentlichen Vergegenwärtigung gewisser einfacher begrifflicher Inhalte ist es ja möglich, andere kompliziertere vorübergehend nur symbolisch zu denken. Die Regeln des Zeichengebrauchs, die stückweise ein blindes Denken in Symbolen ermöglichen, sind ihrerseits notwendig ein Ausfluß eines nicht symbolischen, einsichtigen Denkens.

Wir müssen es einer anderen Gelegenheit vorbehalten, der nominalistischen Lehre von der Natur der abstrakten Begriffe im Detail nachzugehen; hier sei nur hervorgehoben, daß, wenn HIPPOLYTE TAINE extrem nominalistisch zu definieren anhebt: "eine allgemeine und abstrakte Idee ist ein Name, nichts als ein Name" - um doch sofort hinzuzufügen: "der bedeutende und  umfassende  Name einer Serie ähnlicher Tatsachen", wobei ihn eben diese Rechenschaft vom Unterschied zwischen verstandenem und unverstandenem Namen sofort zu Zugeständnissen nötigt, die (wie sehr TAINE auch das Gegenteil wahrhaben will) außer den Namen auch die Vorstellung der Bedeutung desselben, des  begrifflichen  Inhalts im Bewußtsein anerkennen. (18)

So kann es dann keinem Zweifel unterliegen, daß, wie auch immer zuweilen Zeichen, sprachliche Symbole im engeren oder weiteren Sinne, das sogenannte begriffliche Denken vertreten mögen, doch ein Residium bleibt, das nicht auf Rechnung dieses sprachlichen Denkens zu setzen, sondern als Leistung einer eigentlichen Vergegenwärtigung der begrifflichen Inhalte selbst zu betrachten ist.

Auch von dieser Seite bleibt es also möglich, das Urteil unabhängig von jeder Art Sprache zu betrachten.
LITERATUR: Anton Marty, Über subjektlose Sätze und das Verhältnis der Grammatik zu Logik und Psychologie, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 18, Leipzig 1894
    Anmerkungen
    1) FRANZ MIKLOSICH, Die Verba imperonalia im Slavischen, Denkschrift der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-historische Klasse, Bd. XIV, Seite 199 - 244, Wien1865
    2) MIKLOSICH, Subjektlose Sätze, Wien 1883
    3) FRANZ BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt I, 1873
    4) CHRISTOPH SIGWART, Logik II, Vorwort
    5) FRIEDRICH MAX MÜLLER, Vorlesungen über die Wissenschaft der Sprache, II. Serie
    6) JOHANN HEINRICH LÖWE, Die Simultaneität der Genesis von Sprache und Denken, in ULRICIs Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 1875
    7) Auch die verschiedene Abfolge der Wurzeln, womit das Chinesische (wie in geringerem Maße auch andere Sprachen) Gedanken ausdrückt, sind  nicht  (wie PRANTL Seite 189 meint) "ein Lautliches".
    8) CARL PRANTL, Reform der Logik, Aufsatz der Akademie zu München (Denkschriften Philosophisch-historische Klasse), München 1875, Seite 202. Vgl. auch Seite 198 und 199. Hier scheint er sogar geneigt, der Einteilung der Urteile in kategorische, hypothetische und disjunktive, die er mit scharfem Tadel eine unsäglich einfältige nennt, entgegenzuhalten, daß zwischen hypothetischen und kategorischen Urteilen kein logischer Unterschied besteht (wobei sie freilich nicht "Urteile" zu nennen wären).
    9) F. M. MÜLLER, Vorlesungen usw. Seite 68
    10) Vgl. auch LÖWE, a. a. O., Seite 21f
    11) Vgl. STEINTHAL, Abriss der Sprachwissenschaft I, 1871, Seite 51f
    12) Vgl. HEYMANN STEINTHAL, Abriss I, Seite 433, 436. Sowei Grammatik, Logik und Psychologie, 1855, Seite 309f und 319
    13) STEINTHAL, Abriss I, Seite 427, 430, 437
    14) MORITZ LAZARUS, Leben der Seele II, Seite 24, 106, 139, 249. Vgl. auch BENNO ERDMANN, Zur zeitgenössischen Psychologie in Deutschland, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1879, Seite 395 und die vorausgehenden beifälligen Äußerungen über STEINTHALs Lehre von der Apperzeption. Nach meiner Ansicht ist es für den Wert dieser Theorie von ganz wesentlicher Bedeutung, daß sie auf die obigen unhaltbaren Voraussetzungen über das Verhältnis der Sprache zum begrifflichen Denken basiert.
    15) LAMBERT, Neues Organon oder Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung des Wahren II, 1764, Seite 22 und öfter. Er erinnert mit Recht daran, daß es in der Arithmetik gelungen ist, an die Stelle des Syllogismus derartig mechanische Operationen zu setzen, daß bekanntlich manche von ihnen durch  Rechenmaschinen  ausgeführt werden können.
    16) Was TAINE a. a. O., Seite 38 vom Namen schlechtweg sagt: "er hat dieselben Affinitäten und denselben Widerwillen wie jede Repräsentation, dieselben Behinderungen und Existenzbedingungen, denselben Umfang und dieselben Anwesenheitsgrenzen" - ist nicht die Schilderung des wirklichen Verhältnisses von Sprache und Denken, sondern eines idealen Zustandes, wie er allerdings notwendig gefordert werden müßte, wenn die Worte in weiterem Umfang Repräsentanten des Gedankens sein sollten.
    17) JOHN LOCKE, Essay III, chap. 2, § 7 und chap. 10. Vgl. auch IV, chap. 5, § 4
    18) Vgl. besonders a. a. O. II, Seite 244