p-4Über die Notwendigkeit marxistischer Sprachforschung    
 
A.N. LEONTJEW / A.R. LURIA
Marxistische Sprachpyschologie

Jede Art von Bedeutung ist eine Verallgemeinerung.

Die jetzt in einem Band veröffentlichten ausgewählten psychologischen Forschungsarbeiten WYGOTSKIs (1896-1934) spiegeln eine wichtige Etappe in der Entwicklung der Psychologie wider. Die Psychologie jener Zeit entwickelte sich zu einer Wissenschaft, die bewußt auf der Grundlage der marxistischen Philosophie fußte. WYGOTSKIs Beitrag bestand darin, daß er die historische Behandlung der Entwicklung der psychischen Prozesse des Menschen in die sowjetische psychologische Wissenschaft einführte und für die Schaffung einer konkreten psychologischen Bewußtseinstheorie eintrat. Gleichzeitig untersuchte er auf experimenteller Basis eingehend die Entwicklung der Begriffsbildung bei Kindern, um die komplizierte Frage nach dem Wechselverhältnis zwischen Unterrichtung und geistiger Entwicklung des Kindes zu klären.

Bei seinem Bestreben, jene Formen der psychischen Tätigkeit zu analysieren, die im historischen Entwicklungsprozeß des Menschen entstanden sind, richtete WYGOTSKI sein besonderes Augenmerk auf jene Rolle, die die Benutzung von Werkzeugen im Kampf mit der äußeren Natur und die Verwendung von Hilfsmitteln (vor allem der Sprache) im Verkehr der Menschen untereinander spielte. Alle diese Mittel betrachtete WYGOTSKI nicht nur als bei der gesellschaftlichen Entwicklung entstandene Mittel, die das Verhältnis zur Wirklichkeit erkennen lassen, nicht nur als komplizierte Formen der Wiederspiegelung der äußeren Welt, sondern gleichzeitig als grundlegende Methode zur Erwerbung jener psychischen Tätigkeit des Menschen ausüben.

Diese eigenartigen Werkzeuge der psychischen Tätigkeit des Menschen besitzen ein sonderbares, ihnen eigenes Material: sie entsprechen stets irgendeiner Erscheinung, sie haben stets eine Bedeutung. Ein Wort ohne Bedeutung ist im allgemeinen kein Wort; ein mathematisches Symbol oder ein mnemotechnisches Zeichen, das nichts bedeutet, ist eben sinnlos. Somit hat eben alles, was die psychischen Prozesse vermittelt, eine bestimmte Bedeutung, man bezeichnet es als "Symbol" (Zeichen). Dieser Terminus wird dann auch von WYGOTSKI im Sinne von "Bedeutung haben" benutzt, wobei er für ihn keinen erkenntnistheoretischen, sondern einen psychologischen Sinn besitzt.

Der Mensch verändert, indem er sich der Hilfsmittel und Symbole bedient (er macht sich zum Beispiel einen Knoten in das Taschentuch oder schneidet eine Kerbe in einen Gegenstand, um sich an etwas zu erinnern), zwar die äußeren Dinge, doch diese Veränderungen wirken dann während der weiteren Tätigkeit auf seine inneren psychischen Prozesse ein. Indem er die Umwelt verändert, lernt er sein eigenes Verhalten meistern, seine psychischen Prozesse lenken.

Die Wahrnehmung der Umwelt, die bei Säuglingen einen unmittelbaren Charakter aufweist und mit seinen unmittelbaren Bedürfnissen und Affekten in engstem Zusammenhang steht, wird allmählich durch die auf dem Wege der Anschauung gewonnenen früheren Erfahrungen beeinflußt, wobei zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis enge Beziehungen entstehen.

Später - mit zunehmender Sprechfertigkeit - beginnt die Wahrnehmung dann die Wirklichkeit differenzierter widerzuspiegeln; sie stützt sich dabei auf die Hauptfunktionen des Wortes - Abstraktion und Verallgemeinerung - und tritt in enge Beziehungen zu den Prozessen des Denkens. Das Entstehen solcher Besonderheiten der menschlichen Wahrnehmung kann nicht losgelöst von der komplizierten Entwicklungsgeschichte der wechselseitigen Verbindungen zwischen der Wahrnehmung und den anderen Seiten der psychischen Tätigkeit verstanden werden.

Einer ähnlichen Veränderung innerhalb seines Entwicklungsprozesses ist auch das Gedächtnis ausgesetzt.

In den Anfangsetappen seiner Entwicklung ist es eng mit den unmittelbaren Bedürfnissen und Affekten des Kindes verbunden und hat hier den Charakter eines emotional-bildhaften Gedächtnisses, später steht es dann mit der gegenständlichen Wahrnehmung in Verbindung und verwandelt sich in ein konkretes bildhaftes Gedächtnis. Schließlich nimmt es, während es sich zunehmend auf das Wort stützt, immer mehr einen mittelbaren Charakter an und entwickelt sich nach und nach zu jenem komplizierten logischen Gedächtnis; es verbindet sich mit dem abstrakten Denken, und es entsteht das logische Gedächtnis.

Das gleiche kann man auch von der Struktur der menschlichen Aufmerksamkeit sagen.

In allen diesen Fällen bedeutet die Entwicklung der sich auf irgendein Mittel stützenden, d.h. der mittelbaren psychischen Prozesse untereinander, neuer Formen der "interfunktionalen Beziehungen". Die neuen Formen der Tätigkeit des Kindes, die mit neuen Formen des Verkehrs und dem Gebrauch neuer Mittel in Verbindung stehen, werden zum entscheidenden Faktor bei dem Entstehen eines neuen Systems der psychischen Funktionen.

Die Vulgarisierung und Schematisierung der psychologischen Anschauungen, die in den experimentellen Arbeiten jener Zeit entwickelt wurden, führte WYGOTSKI darauf zurück, daß sie, während sie sich auf die Analyse der Struktur der Prozesse konzentrierten, deren inhaltliche, sinnhaltige Seite, die das Wichtigste darstellt, außer acht ließen.

Läßt man diese sinnhaltige Seite der psychischen Prozesse unberücksichtigt, so ist es ausgeschlossen, den Entstehungsprozess jener Verbindungen zu erforschen, die die Systematik im Aufbau des Bewußtseins charakterisieren. Denn ein Knoten wird doch hier erst zum Knoten, indem der den Prozeß des Einprägens vermittelt und nicht etwa auf Grund der ihm eigenen materialen Eigenschaften. Erst wenn er für denjenigen, der etwas in seinem Gedächtnis festhalten möchte, eine bestimmte Bedeutung angenommen hat, kann er seine Funktion erfüllen. Um aber zu einem psychologischen Faktum zu werden, muß er eine bestimmte Bedeutung erlangen und zum "Träger" dieser Bedeutung werden.

Somit tauchte also eine neue Aufgabe auf: nämlich die Bedeutung, ihre Herkunft und diejenigen Gesetze psychologisch zu erforschen, nach denen sie aufgebaut ist.

In ihrer klassischen Grundform begegnet man ihr innerhalb eines Wortes. Es ist also ganz natürlich, daß man sich bei der Erforschung des Begriffs "Bedeutung" vor allem auf diese Seite konzentrierte.

Was versteht man nun - psychologisch gesehen - unter der Bedeutung eines Wortes? In der Bedeutung eines Wortes spiegelt sich die Wirklichkeit wider. Deshalb heißt Bedeutung eines Wortes in erster Linie Widerspiegelung. Doch haben wir es hier mit einer besonderen Form der Widerspiegelung zu tun. Die Bedeutung ist aber keine psychologische Erscheinung etwa von der Art einer Empfindung. Ein Wort vermittelt vielmehr durch seine Bedeutung den Prozeß der unmittelbaren, sinnlichen Widerspiegelung der Welt: der Mensch sieht nicht nur etwas Rechtwinkliges, Weißes, mit Linien Bedecktes; er sieht auch nicht nur ein gewisses Ganzes, ein komplexes Bild, sondern z.B. ein Blatt Papier, eben:  Papier. 

Das kommt einmal daher, daß er über früher gesammelte gegenständliche Erfahrungen auf mündlichem Wege in der entsprechenden Bedeutung ("Papier") gesammelt wurden. Wer nämlich nicht die Bedeutung des Wortes  Papier  kennt, wer nicht weiß, was man unter Papier versteht, wird in der Tat nur etwas Weißes, Längliches usw. sehen. Wenn man aber Papier wahrnimmt, so ist es eben dieses reale Papier und nicht die Bedeutung "Papier"; die Bedeutung als solche tritt gewöhnlich nicht im Bewußtsein in Erscheinung: wenngleich sie einen sichtbaren Gegenstand in sich aufnimmt und verallgemeinert, bleibt sie selbst unbemerkt.

Die Bedeutung des Wortes erschöpft sich niemals durch den Hinweis auf eine individuelle Sache; vielmehr versteht man darunter jene Verallgemeinerung, wie sie durch die Bedeutung fixiert wurde. Sie ist stets ein gewisses System von Verbindungen und Beziehungen, das eben durch die Bedeutung gekennzeichnet wird; sie ist eine ideelle, geistige Kristallisationsform der gesellschaftlichen Erfahrung, der gesellschaftlichen Praxis der Menschheit.

Der Vorstellungskreis der Gesellschaft, ihre Wissenschaft, ja selbst ihre Sprache - alles das ist ein System von Bedeutungen. Der Mensch der sich innerhalb der Bedingungen der Gesellschaft entwickelt, macht sich mit bereits vorhandenen Bedeutungen vertraut; somit ist sein individuelles Bewußtsein seiner Natur nach gesellschaftlich. Der Mensch nimmt die Welt als eine konkrete historische Erscheinung wahr, genauso stellt er sie sich auch vor; er ist darüber hinaus auch an Vorstellungen und Begriffe seiner Epoche und seiner Klasse gebunden. Somit existiert die Bedeutung, die zum Kreis der objektiven gesellschaftlichen Erscheinungen, zu den Erscheinungen des gesellschaftlichen Bewußtseins gehört, auch als Faktum des individuellen Bewußtseins, als psychologische Erscheinung.

Wie kann man nun die Bedeutung psychologisch erforschen? Man muß diese Frage, vor der sich seinerzeit WYGOTSKI sah, in ihrer ganzen Kompliziertheit sehen.

Jede Art von Bedeutung ist eine Verallgemeinerung. Somit wird die Bedeutung erstens dadurch charakterisiert, auf welchen Kreis von Erscheinungen sie sich bezieht, welcher Kreis von Erscheinungen in ihr verallgemeinert ist. Doch das macht noch nicht ihre psychologische Charakteristik aus. Die Frage, was objektiv in der Bedeutung "Dreieck" verallgemeinert ist, gehört z.B. in das Gebiet der Geometrie, aber nicht der Psychologie. Man könnte diese Frage allerdings etwas anders stellen und fragen: Worin sehe ich selbst die jeweilige Bedeutung? Denn das, was ich mir unter einem Dreieck vorstelle, welche Auffassung ich davon habe und was ich darüber weiß, braucht nicht immer mit dem wissenschaftlichen Begriff übereinzustimmen.

Es handelt sich hier jedoch nicht um einen prinzipiellen Unterschied. In beiden Fällen haben wir es nicht mit einem Gegensatz zu tun, denn die Bedeutungen existieren nirgends anders als in konkreten menschlichen Köpfen. Folglich darf man der wissenschaftlichen Bedeutung nicht jene im Bewußtsein des Menschen als "psychologische" Bedeutung gegenüberstellen. Kann denn ein wissenschaftlicher Begriff aufhören, ein Begriff zu sein, wenn er mir selbst zum Begriff wird? Kann es überhaupt einen "Begriff an sich" geben?

Es ist aber auch möglich, noch von einer anderen Seite an die Bedeutung heranzugehen, und zwar könnte man sich die Aufgabe stellen, die historische Entwicklung und Veränderung der Bedeutung eines Wortes zu untersuchen. Doch auch diese Aufgabe gehört offensichtlich nicht zu dem Kreis der psychologischen Aufgaben, sondern vielmehr in den Bereich der Sprachwissenschaft.

So bleibt für die Psychologie schließlich lediglich die Aufgabe zu untersuchen, welchen Eindruck die Bedeutung hinterläßt. Wie allerdings viele Forschungen gezeigt haben, wird die Bedeutung als solche meistens nicht nachempfunden; der Mensch gibt sich keine Rechenschaft darüber ab, er erfaßt nicht die Bedeutung an sich, sondern nur die durch das jeweilige Wort bezeichnete Sache. Nur in Ausnahmefällen kann die Bedeutung selbst zum Gegenstand seines Bewußtseins, seines Gedankens werden.

Dadurch wird - das ist unschwer zu erkennen - die psychologische Forderung recht kompliziert. Führen wir noch ein Beispiel an: Wenn ich einen weißen rechtwinkligen Gegenstand usw. sehe und gleichzeitig erkenne: "Das ist ein Stück Papier", so denke ich selbstverständlich nicht an meine Empfindungen, nicht an das nacherlebte Abbild eines weißen rechtwinkligen Gegenstandes und auch nicht an die Verallgemeinerung "Papier", sondern ich meine den Gegenstand selbst, den es jeweils zu verallgemeinern gilt. Beide Fälle muß man also zu unterscheiden wissen. Die klassische bürgerliche Psychologie des Denkens tat das, indem sie einmal den Begriff des "Inhalts" einführte, worunter man den sinnvollen Inhalt des Bewußtseins verstand, und zum anderen den Begriff des "Gegenstandes", worunter man das, was man denkt, was man "vor Augen hat" verstand.

Die Erscheinungen und Prozesse, die zum "Inhalt" des Bewußtseins gehören, d.h. seine sinnlichen Elemente, charakterisieren nicht - und können das auch nicht - die eigentliche Auffassung des Gegenstandes.
    "Derjenige, der sich mit der Absicht trägt, die Auffassung und den Gedanken umfassend zu charakterisieren, und zu diesem Zwecke die darin enthaltenen Empfindungen und Abbilder beobachtet, würde einem Menschen ähneln, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Wesen des Geldes einzig und allein an Hand des Stoffes zu ergründen, aus dem es hergestellt ist",
schrieb bereits MESSER.

So wurde es als unumstößlich anerkannt, daß das Verständnis, das Erkennen eines Gegenstandes nicht auf die Empfindungen, die sinnlichen Abbilder zurückzuführen ist, die hierbei entstehen, und daß dieser Prozeß zwar dem Begriff, der Bedeutung entspricht, aber durchaus nicht den sinnlichen Elementen des Bewußtseins.

Andererseits wurde der Beweis erbracht, daß es unmöglich ist, die Bedeutungen und Begriffe selbst psychologisch zu charakterisieren: "Man kann sagen", so schrieb MARBE, einer der bekanntesten Vertreter der Würzburger Schule, "daß es für den Begriff keinerlei psychologisches Äquivalent gibt". Selbst dann, wenn der Begriff zum Gegenstand des Studiums gemacht wurde, war eine Erforschung in Wirklichkeit doch nicht möglich. Wir denken hier an die bekannte Forschungsarbeit von NARZISS ACH, einem Vertreter der gleichen psychologischen Schule.

In seinen Forschungen gelang es ACH nachzuweisen, daß die Bildung des Begriffes nicht eine Auswirkung jener Gesetze ist, die die Reihenfolge der sinnlichen Abbilder bestimmen, und daß diese Gesetze den Begriff auch nicht zu erläutern vermögen. Ein Begriff kann sich nur infolge eines besonderen Prozesses bilden. ACH war darüber hinaus bestrebt zu zeigen, daß dieser Prozeß jeweils durch die Aufgabe selbst bestimmt wird, vor der ein Prüfling steht. Somit nahm der Gegenstand der Forschung eine andere Gestalt an, und die Aufgabe, nicht der Begriff oder die Bedeutung, erhielt eine psychologische Charakteristik.

Die Forderung, die sich unvermeidlich aus diesen Schlußfolgerungen ergibt, die wiederum aus einer großen Anzahl früherer Arbeiten zur Psychologie des Denkens gewonnen wurden, bestand darin, in der psychologischen Forschung die Lehre von der Einheit zwischen Wort und Bedeutung durchzusetzen. Doch gerade der Versuch der Psychologen der Würzburger Schule, das Wort zu "entkleiden" und unmittelbar zum Begriff, zur Idee vorzubringen, wirkte sich auf die psychologische Forschung verhängnisvoll aus.

Ein Wort - das ist keine "Hülle"; ein Wort ruft uns seine Bedeutung keineswegs so ins Gedächtnis, wie es der Mantel eines Bekannten tut, der uns sofort an diesen Menschen erinnert; das Wort ist untrennbar mit der Bedeutung verbunden, die Bedeutung untrennbar mit dem Wort. Die psychologische Bedeutung studieren, heißt, das Wort im Hinblick auf seine Funktion, seine Verwendung im Prozeß der Verallgemeinerung zu untersuchen. Das waren die ersten Voraussetzungen der von WYGOTSKI begonnenen experimentellen Forschungen im Hinblick auf die Entwicklung der Begriffsbildung. Der Weg dieser Forschungen wurde durch die Gedanken WYGOTSKIs bestimmt.

Die einzelnen Bedeutungen unterscheiden sich vor allem durch den objektiven Inhalt voneinander, der in ihnen verallgemeinert ist. Doch in psychologischer Hinsicht ist noch etwas anderes wesentlich, nämlich, daß der auf verschiedene Art verallgemeinerte Inhalt für seine Widerspiegelung im Bewußtsein auch verschiedener psychischer Prozesse, verschiedener geistiger Operationen bedarf. Hierbei kann, je nach dem Aufbau des entsprechenden Systems der Prozesse, ein und derselbe objektive Inhalt auf verschiedene Art, auf verschiedenen Verallgemeinerungsstufen, verstanden werden.

So sind beispielsweise für die Entstehung solcher Bedeutungen wie "wollig" und "rauh" lediglich elementare Prozesse erforderlich, die mit der Hervorhebung und sinnlichen Verallgemeinerung der entsprechenden Eigenschaften in Verbindung stehen. Anders verhält es sich mit den abstrakten Bedeutungen wie "mittelbar" und "funktional"; hier sind zweifellos die komplizierten Prozesse der logischen Verarbeitung des entsprechenden Inhalts erforderlich, der sin in diesen Bedeutungen widerspiegelt.

Will man also die Bedeutung eines Wortes untersuchen, so muß man jenes System von Prozessen studieren, das durch den Gebrauch des jeweiligen Wortes, das einen objektiven, in seiner Bedeutung verallgemeinert wiedergespiegelten Inhalt vermittelt, zu wahrem Leben erweckt wird. Auf diese Weise läßt sich eine falsche Gegenüberstellung der "Objekte" und der "Inhalte" des Bewußtseins, seiner "Funktionen" und "Erscheinungen" grundsätzlich vermeiden.

Die Versuche L. SACHAROWs, eines der Schüler WYGOTSKIs, die später von WYGOTSKI selbst fortgeführt wurden, sollten die Funktionen des Wortes bei der Begriffsbildung bloßlegen. Dadurch verlief die Forschung WYGOTSKIs diametral zu jenem Weg, den ACH beschritten hatte. ACH sah in der Aufgabe, dem Ziel, das die "determinierende Tendenz" hervorbrachte, einen den Verlauf des Prozesses bestimmenden Hauptfaktor. Für WYGOTSKI bestand umgekehrt das Hauptproblem darin, die geistigen Prozesse selbst, die zur Bildung einer Verallemeinerung führten, zu studieren.

Wie die experimentelle Forschung zeigte, können die Prozesse der "funktionalen Verwendung eines Wortes", nach denen die Verallgemeinerung vor sich geht, zutiefst verschieden sein.

Sie bestehen einmal in der Hervorhebung von Merkmalen auf der Grundlage unmittelbar sinnlicher Eindrücke und zum anderen in der Vereinigung von Objekten gemäß ihrer Beteiligung an einer konkreten Situation (Verbindung der Anschaulichkeit und der Situation); schließlich können sie auch in der Herstellung von Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen abstrahierten und verallgemeinerten Merkmalen bestehen (theoretische, logische Verbindungen).

Die Ergebnisse dieser Forschung gestatten es vor allem, die einzelnen Etappen der Begriffsentwicklung bei Kindern zu erkennen. Sie zeigen, daß sich im Entwicklungsprozeß des Kindes jener Typus der Verbindungen und Wechselbeziehungen zwischen den Dingen wesentlich ändert, den das Kind selbst zu bestimmen in der Lage ist und der den entsprechenden Grad der Begriffsentwicklung charakterisiert.

Die WYGOTSKIsche Beschreibung der Entwicklungsetappen der Verallgemeinerungsfähigkeit vom unmittelbar Sinnlichen, Synkretischen zum anschaulich Situationsmäßigen und von diesem zum Logischen, Begrifflichen, gehört zu jenen Errungenschaften der sowjetischen Psychologie, die in der internationalen psychologischen Literatur ein großes Echo fanden.

Doch von nicht geringerer Bedeutung ist auch, daß diese Forschungen eine wichtige psychologische Tatsache erkennen lassen: Der Veränderung der Struktur der Verallgemeinerungen, die sich in den aufeinanderfolgenden Stufen der psychischen Entwicklung des Kindes bemerkbar macht, kennzeichnet gleichzeitig die Veränderung jener psychischen Prozesse, mit deren Hilfe diese Verallgemeinerungen vorgenommen werden.

Die vorhergehende Rolle des unmittelbaren, oft emotionalen Eindrucks auf der ersten Stufe, die führende Rolle der unmittelbaren praktischen Erfahrung und des Gedächtnisses auf der zweiten und die entscheidende Rolle des Wortes mit seinen Hauptfunktionen (Abstraktion und Verallgemeinerung) auf der dritten Stufe der Begriffsentwicklung - alles das zeigt, daß hinter jeder Stufe der verallgemeinernden Tätigkeit des Kindes tatsächlich verschiedene psychologische Prozesse stehen und daß der Psychologe, der den folgerichtigen Wechsel der Formen der Widerspiegelung studiert, gleichzeitig auch die konsequenten Veränderungen der psychischen Prozesse, mit deren Hilfe diese Widerspiegelung vor sich geht, untersuchen muß.

Gerade dieser Umstand veranlaßte WYGOTSKI zu der Feststellung, daß das Studium der Begriffsentwicklung den Psychologen zu einem weiteren Ziel führt: zum Studium des - wie er es nannte -  sinnvollen und systematischen Aufbau des Bewußtseins. 

Die Verfahren zur Erforschung der Begriffsentwicklung, wie sie WYGOTSKI benutzte, wurden mehrmals mit Recht kritisiert, wobei auf ihren gekünstelten Charakter sowie auf die Tatsache hingewiesen wurde, daß sie unvermeidlich zu einer von der praktischen Tätigkeit des Kindes losgelösten Betrachtung der Begriffe führen müssen. Ungeachtet dessen leistete WYGOTSKI mit seinen Forschungen im Hinblick auf die Begriffsentwicklung einen Beitrag zum experimentellen Studium der Denktätigkeit, wodurch es möglich war, die eben genannten wichtigen Fragen zu berühren, die uns wiederum zu einem der umfassendsten Probleme der modernen Psychologie führen.
LITERATUR - A.N. Leontjew / A.R. Luria, Die psychologischen Anschauungen L.S. Wygotskis, in L.S. WYGOTSKI: Denken und Sprechen, Berlin 1964