p-4tb-2A. RiehlK. LewinHönigswaldE. BoutrouxC. Prantl    
 
KURT LEWIN
Der Übergang von der
aristotelischen zur galileischen Denkweise

(in Biologie und Psychologie)
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Dieser Begriff der Gesetzlichkeit hat einen quasi-statistischen Charakter. Gesetzlichkeit erscheint als stärkster Grad des Allgemeinen, als das, was vielen in gleicher Weise zukommt...

Die Begriffsbildung der Biologie und Psychologie hat in den letzten beiden Jahrzehnten eine sehr tiefgreifende, zum Teil krisenhafte Wandlung durchgemacht. Die Diskussion stößt überall auf philosophische Fragen erkenntnistheoretischer, logischer und vor allem wissenschaftstheoretischer Natur. Die sich dabei ergebenden Schwierigkeiten sind nicht zuletzt deshalb so groß, weil Erkenntnistheorie und Wissenschaftslehre ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstande gemäß bei der Beantwortung dieser konkreten Fragen notwendigerweise vielfach versagen. Denn diese Fragen lassen sich weder durch allgemeine, "philosophische" Gedankengänge beantworten, die keinen Kontakt mit der Sondernatur der verschiedenen Wissenschaften haben, noch dadurch, daß man die Unterschiede der Wissenschaften zwar berücksichtigt, sie aber zu einer "Heterogenität in jeder Hinsicht" übersteigert. Solche philosophischen Allgemeinheiten pflegen mehr zu schaden als zu nützen; denn sie verstärken nur die vielfachen philosophischen Vorurteile und Fesseln, die den Fortgang der betreffenden Wissenschaft einengen und die es gerade zu sprengen gilt.

Erst eine observative, vergleichende Untersuchung, die es ermöglicht, Parallelen oder Unterschiede von Wissenschaften aufzusuchen, ohne daß sogleich auf Identität oder auf vollkommene Verschiedenheit in jeder Hinsicht geschlossen wird, kann entscheidende Fragen der Wissenschaftslehre und die Fundamentalfragen der Einzelwissenschaften einer Erklärung näher führen. Eine solche Untersuchung im Sinne der vergleichenden Wissenschaftslehre hat die Wissenschaften nicht als logisch fixe, sondern als sich entwickelnde Gebilde aufzufassen, und sie wird sich vor allem hüten müssen, Verschiedenheiten der Entwicklungsstadien als Grundverschiedenheiten der betreffenden Wissenschaften anzusehen oder umgekehrt aus der Verwandtschaft wissenschaftstheoretisch äquivalenter Entwicklungsstadien verschiedener Wissenschaften auf eine  Identität  dieser Wissenschaften zu schließen.

Die folgende Untersuchung, die sich gleichermaßen an den Psychologen und Biologen wie an den Wissenschaftstheoretiker wendet, unternimmt eine solche vergleichende Gegenüberstellung der gegenwärtigen Begriffswandlung in Biologie und Psychologie mit gewissen Wandlungen der Physik, nämlich mit, dem Übergang von der aristotelischen zur galileischen Begriffsbildung. Im Mittelpunkt dieser Gedanken, die mir aus der konkreten psychologischen Forschungsarbeit im letzten Jahrzehnt erwachsen sind, stehen Fragen der Dynamik und zwar so, wie der Forscher diese Fragen sieht. Ihm kommt es ja nicht auf formalphilosophische Probleme in sich, sondern auf inhaltliche Erkenntnis einer Gegenstandswelt an. Philosophische Thesen haben für ihn letzten Endes nur insofern Interesse, als sie inhaltliche Thesen über die Welt dieser Untersuchungsobjekte mitenthalten oder sich in bestimmten praktischen Folgerungen für die Methode der Forschung, für die Art des Beweisganges oder für die konkrete Fragestellung äußern. Auch die Wissenschaftslehre wird, sofern sie als "empirische", nicht spekulative Wissenschaft auftreten will, gut daran tun, sich mehr an den in der tatsächlichen Forschungspraxis der Einzelwissenschaften implizit enthaltenen philosophischen Thesen zu orientieren, als an ihrer philosophischen "Ideologie."

Der Umstand, daß die Frage der Dynamik gegenwärtig unbestritten als der eigentliche Kern und die wichtigste Aufgabe der Psycholgie und Biologie angesehen wird, daß insbesondere in der Psychologie der Terminus Dynamik fast schon zum Schlagwort zu werden droht, ist ein vielleicht primitives, aber handgreifliches Zeichen für die Art der Wandlung dieser Disziplinen, die noch vor nicht allzu langer Zeit als wesentlich beschreibende Wissenschaften galten.

Die Entwicklung der dynamischen Probleme scheint gegenwärtig wenn wir von der "Physik am Lebenden" absehen, in der Psychologie etwas weiter fortgeschritten zu sein, als in den übrigen Disziplinen der allgemeinen Biologie. Ich werde mich daher im folgenden der Kürze halber im wesentlichen auf die Psychologie beschränken, obschon sich die gleichen Entwicklungstendenzen auch sonst in der Biologie aufweisen lassen.

Ich habe nicht die Absicht, aus der Geschichte der Physik deduktiv zu schließen, was die Biologie tun "soll". Denn ich bin nicht der Meinung, daß es letzten Endes nur eine einzige empirische Wissenschaft, die Physik, gibt, auf die alle übrigen zurückgehen. Hier kann es offen bleiben, ob die Biologie und mit ihr die Psychologie auf Physik "zurückführbar" ist oder ob sie eine selbständige Wissenschaft ist.

Bei der Gegenüberstellung der aristotelischen und galileischen Begriffsbildung in der Physik kommt es uns naturgemäß weniger auf die persönlichen Nuancen der Theorie bei GALILEI und ARISTOTELES an als auf einige ziemlich massive Unterschiede der Denkweise, die für die tatsächliche Forschung der aristotelisch-mittelalterlichen und der nachgalileischen Physik maßgebend waren. Ob in einzelnen Punkten einzelne Forscher bereits spätere Gedankengänge vorweggenommen haben, ist in unserem Zusammenhang ohne Belang.

Ich betrachte zunächst einige wichtige allgemeine, Eigentümlichkeiten der aristotelischen und der galileischen Begriffsbildung in Physik und Psychologie, um dann speziell auf die  dynamischen  Grundvorstellungen einzugehen.


A. Der allgemeine Charakter der beiden Denkweisen
1. Physik
Fragt man, was die moderne, nachgalileische Physik von der aristotelischen am stärksten unterscheidet, so trifft man in der Regel auf folgende Auffassung, die das Wissenschaftsideal auch der Psychologen wesentlich mitbestimmt hat: Die Begriffsbildung der aristotelischen Physik war anthropomorph und unexakt; die moderne Physik sei quantitativ exakt und an Stelle anthropomorpher Veranschaulichungen seien rein mathematisch funktionelle Beziehungen getreten. Sie hätten der Physik jenen abstrakten Habitus gegeben, auf den der moderne Physiker besonders stolz zu sein pflegt.

Gewiß ist diese Auffassung über die Entwicklung der Physik bis zu einem gewissen Grade zutreffend. Wenn man aber weniger den "Stil" der jeweils benutzten Begriffe, als ihre tatsächliche Funktion für das Erkennen der Welt ins Auge faßt, so erscheinen diese Unterschiede mehr sekundärer Natur, nur als formale Auswirkungen einer tiefer liegenden sachlichen Verschiedenheit der Auffassung über die Zusammenhänge in der Welt und die Aufgabe der Forschung.

a) ARISTOTELISCHE BEGRIFFSBILDUNG
1. Wertartige Begriffe
Wie in allen Wissenschaften hat auch in der Physik die Abgrenzung von dem Mutterboden der Philosophie und der Praxis sich nur allmählich vollzogen. Die aristotelische Physik ist durchsetzt nicht nur von Begriffen, die uns heute spezifisch biologisch anmuten, sondern vor allem auch von Wertbegriffen, von spezifisch normativen, den ethischen verwandten Begriffen, die eine charakteristische Zwischenstellung zwischen den wertfreien und den Wertbegriffen einnehmen: Die "höchsten Formen der Bewegung sind die vollendete Kreisbewegung und die Bewegung in der Geraden. Sie gibt es nur bei "himmlischen" Bewegungen, den Gestirnen. Die "irdische", sublunarische Welt ist ihrem Wesen nach minderer Art. Ganz ähnliche werthaltige Unterscheidungen gibt es bei den Ursachen: auf der einen Seite stehen die guten und sozusagen berechtigten Kräfte des Körpers, die aus seiner Tendenz zur Vollendung kommen (telos), auf der anderen Seite die "Störungen" durch den Zufall, durch Gegenkräfte anderer Körper (bia).

Diese Art der Gruppierung durch werthaltige Begriffe spielt ja der mittelalterlichen Physik eine außerordentlich große Rolle. Sie schiebt vieles, was sachlich wenig Zusammenhang besitzt, im Denken eng aneinander und reißt vor allem sachlich eng Zusammengehöriges auseinander.

2. Abstraktive Klassifikation
Wenn die galileische und nachgalileische Physik, die "anthropomorphe" Trennung des Himmlischen und Irdischen überwindet und damit ein unerhört weites Gebiet der gleichen Gesetzlichkeit unterstellt, so liegt darin allerdings nicht nur die Ausschaltung der Wertbegriffe, sondern eine veränderte Bedeutung der Klassifikation. Für die aristotelische Physik ist die Zugehörigkeit eines Gegenstandes zu einer bestimmten Klasse von entscheidender Bedeutung, weil die Klasse für ARISTOTELES das Wesen des Gegenstandes bezeichnet und damit sein Verhalten in positiver und negativer Hinsicht bestimmt.

Die Klassifikationen bewegen sich häufig in Gegensatzpaaren (wie warm und kalt, feucht und trocken) und tragen einen "absoluten", starren Charakter. In der modernen quantifizierenden Physik dagegen treten überall an die Stelle zweischnittartiger Klassifikationen fließende Übergänge, an die Stelle von "Substanzbegriffen" treten "Funktionsbegriffe".

Die Art der aristotelischen Abstraktion, bei der ein Aufstieg zum Allgemeinen zugleich ein Fortlassen der konkreten Unterschiede bedeutet, zwingt schließlich dazu, sich entweder auf einen engen Gegenstandsbereich zu beschränken oder bei der Ausdehnung des Bereiches die Begriffe immer mehr zu verdünnen.

3. Der Begriff des Gesetzes
Die "Klasse" ist bei ARISTOTELES a b s t r a k t i v definiert, nämlich als der Inbegriff dessen, was eine Gruppe von Gegenständen an gemeinsamen Merkmalen besitzt. Dieser Umstand ist nicht nur ein charakteristischer Zug aristotelischer Logik, sondern spielt auch für seine Auffassung über Gesetzlichkeit und Zufall eine große Rolle. Auf sie möchte ich etwas näher eingehen, weil sie für die Probleme der gegenwärtigen Psychologie von wesentlicher Bedeutung ist.

Gesetzlich und damit begrifflich faßbar ist für ARISTOTELES das, was ausnahmslos geschieht. Ferner, und das betont er besonders, auch das, was häufig geschieht. Ausgeschlossen aus dem Kreise des begrifflich Faßbaren, nur "zufällig", ist das Einmalige, das Individuuum als solches. In der Tat: ist das Verhalten jedes Dinges durch sein "Wesen" (Begriff) bestimmt, und setzt man das Wesen gleich der abstraktiv definierten "Klasse", also gleich dem Inbegriff dessen, was einer ganzen Gruppe von Gegenständen gemeinsam ist, so wird damit das Einzelne als Einzelnes zufällig. Denn für die Klasse in diesem aristotelischen Sinne entfallen die individuellen Unterschiede.

Die eigentliche Quelle dieser Auffassung dürfte darin zu suchen sein, daß nicht alle physikalischen Vorgänge für die aristotelische Physik Gesetzlichkeit besitzen. Die Welt ihrer Untersuchungsgegenstände erscheint der jungen Physik wie jeder jungen Wissenschaft als ein Gebiet, in dem es Chaotisches ebenso gibt wie Gesetzliches. Die Gesetzlichkeit, die Begreifbarkeit der physikalischen Vorgänge gilt noch beschränkt. Sie kommt nur einigen der in der Wirklichkeit stattfindenden Vorgänge zu, z.B. dem Lauf der Gestirne, aber keineswegs allen flüchtigen und vergänglichen Vorgängen. Für diese Physik ist es noch eine Frage, ob und wieweit Gesetzlichkeit im physikalischen Geschehen herrscht.

Und zwar wirkt sich dieser Umstand auch dann in ihrer tatsächlichen Begriffsbildung aus, wenn philosophisch "prinzipiell" der Gedanke allgemeiner Gesetzlichkeit bereits irgendwie vorhanden ist. Für die nachgalileische Physik entfällt, mit der Unterscheidung gesetzlicher und ungesetzlicher Vorgänge die Notwendigkeit, jeweils besondere Beweise der Gesetzlichkeit des betreffenden Vorganges zu geben. Für die aristotelische Physik dagegen, gibt es notwendig noch Kriterien dafür, ob ein Vorgang gesetzlicher Natur ist oder nicht. Als Kriterium wird im wesentlichen die Regelmäßigkeit benutzt, mit der gleiche Vorgänge in der Natur vorkommen. Scheint doch für die natürliche Auffassung in der regelmäßigen Wiederkehr des Gleichen die innere Gesetzlichkeit sozusagen sichtbar zu werden. Nur die Geschehnisse, die sich wie z. B. die Bewegungen der Gestirne im historischen Verlauf als regelmäßig erweisen oder die wenigstens häufig auftreten, sind gesetzlich, und nur sofern sie häufig sind, also "mehr" sind als etwas individuell Einmaliges, sind sie begrifflich faßbar. Anders ausgedrückt: nur soweit geht das Anspruchsniveau der Wissenschaft in bezug auf das Erkennen der vielfach chaotischen und unverständlichen Welt, nur soweit der Glaube an ihre begriffliche Faßbarkeit, als das jeweilige Geschehen diesem Glauben dadurch eine Stütze gibt, daß es im Weltablauf wiederholt auftritt und damit von sich aus eine gewisse Beharrlichkeit und Festigkeit dokumentiert.

Man wird nicht vergessen dürfen, daß die Betonung des Häufigen bei ARISTOTELES relativ zu seinen Vorgängern bereits eine Wendung zur Ausbreitung und empirischen Durchführung der These der Gesetzlichkeit bedeutet: Der "Empiriker" ARISTOTELES betont, daß nicht nur das Regelmäßige, sondern auch das Häufige gesetzlich ist. Damit wird es allerdings zugleich um so deutlicher, daß Individuum und Gesetz für diese Begriffsbildung Gegensätze sind: Die Gesetzlichkeit bleibt beschränkt auf jene Fälle, in denen sich Gleichartiges wiederholt, in denen Klassenartiges im Sinne der abstraktiven Klasse im Weltgeschehen sichtbar wird.

Diese Einstellung zur Frage der Gesetzlichkeit in der Welt, die die mittelalterliche Physik beherrscht hat, und die auch in den Kämpfen gegen die aristotelische Physik, etwa von GIORDANO BRUNO und BACON nur ganz allmählich in (für die heutige Vorstellung) ganz kleinen Schritten überwunden wird, hat in verschiedener Hinsicht wichtige Konsequenzen.

Dieser Begriff der Gesetzlichkeit hat einen quasi-statistischen Charakter. Gesetzlichkeit erscheint als stärkster Grad des Allgemeinen, als das, was vielen in gleicher Weise zukommt, als Extremfall der Regelmäßigkeit und damit als größter Gegensatz zum Seltenen oder gar Einmaligen. Diese statistische Einstellung zeigt sich (neben Ansätzen zu ihrer Überwindung) noch bei BACON, wenn er versucht die Frage der Zufälligkeit oder Wesenhaftigkeit eines Zusammenhanges von Eigenschaften dadurch zu entscheiden, daß er in seinen  tabulae praesentiae  und  absentiae  Fälle (instantiae) aus dem täglichen Leben ziffernmäßig zusammenstellt. Weniger mathematisch, aber darum nicht minder ausgeprägt, beherrscht diese statistische Denkweise die ganze aristotelische Physik.

Zugleich - und das ist einer der wichtigsten Züge der aristotelischen Begriffsbildung - wird diese Regelmäßigkeit oder Einmaligkeit durchaus historisch verstanden.

Die Ausnahmslosigkeit (das "Immer"), die auch für die spätere Physik im Begriff der Gesetzlichkeit liegt, hat hier noch eine ursprüngliche Beziehung zu der Häufigkeit, mit der im historisch-tatsächlichen Weltablauf gleiche Fälle vorkommen. Dieser Sachverhalt läßt sich etwas vergröbert so veranschaulichen: leichte Gegenstände führen unter den Umständen des täglichen Lebens relativ häufig eine Bewegung nach oben aus, schwere Gegenstände relativ häufig eine Bewegung nach unten. Die Flamme des Feuers geht, jedenfalls unter den Umständen, die ARISTOTELES kannte, fast immer nach oben. Die Häufigkeitsregeln, die sich für die historischgeographisch gegebene Umwelt aufstellen lassen, sind es, die bestimmen, was man jedem Gegenstand als Wesen und Tendenz zuzuschreiben hat.

Die aristotelische Begriffsbildung hat also noch eine unmittelbare Beziehung zu den historisch-geographischen Bestimmungen der Wirklichkeit. Sie erinnert hierin, wie in der oben erwähnten Tendenz zu werthaltigen Begriffen, an das Denken der Primitiven und Kinder.

Wenn der Primitive etwa für das "Gehen" verschiedene Bezeichnungen verwendet, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau geht, ob man von Süden oder Norden kommt, ob man in das Haus hinein oder aus dem Hause heraus geht, so liegt hier eine ganz ähnliche Bezogenheit auf die konkrete Situation im geschichtlichen Sinne vor, wie bei jenen sogenannten "absoluten" Ortsangaben (oben;unten) des ARISTOTELES, die ihrem eigentlichen Sinne nach wohl als geographische Kennzeichnungen, nämlich als Ortsbestimmungen relativ zur Erdoberfläche zu charakterisieren sind.

Diese ursprüngliche Bezogenheit der Begriffe auf die "Wirklichkeit" im speziellen Sinn der historisch-geographischen Gegebenheit ist vielleicht der wichtigste Zug der aristotelischen Physik. Durch sie bekommt diese Physik, fast mehr noch als durch die Teleologie ihren anthropomorphen Gesamtcharakter. Auch in den Einzelheiten der Begriffsbildung und im tatsächlichen Vorgehen der Forschung kommt überall zum Ausdruck, daß nicht nur physikalische und nichtphysikalische (wertartige) Begriffe noch ungetrennt sind, sondern daß auch innerhalb der Physik noch jene Fragestellungen und Begriffe ineinander fließen, die wir heute einerseits als "historisch", andererseits als a-historisch, "systematisch") bezeichnen.

Auch die Stellung der aristotelischen Physik zur Frage der Gesetzlichkeit bekommt von hier aus einen neuen Sinn. Wenn die Gesetzlichkeit auf Vorgänge beschränkt bleibt, die sich gleichartig wiederholen, so kommt darin nicht nur zum Ausdruck, daß die junge Physik noch nicht den Mut hat, die Gesetzlichkeit auf alle physikalischen Erscheinungen auszudehnen, sondern vor allem auch, daß der Begriff der Gesetzlichkeit hier eine primär historische Bedeutung hat. Nicht jene "Allgemeingültigkeit" steht im Vordergrund, die die moderne Physik unter Gesetzlichkeit versteht; sondern es wird innerhalb der historisch gegebenen Welt das herausgehoben, was eine gewisse Beharrlichkeit zeigt und daher für das Gesicht dieser Welt in höherem Grade charakeristisch zu sein scheint als ein flüchtiges, nur einmaliges Geschehen. Der über die Häufigkeit hinaus gehende "höchste Grad" von Gesetzlichkeit wird durch den Begriff "immer", ewig bezeichnet. Das heißt: die historische Zeitstrecke, für die die Konstanz angenommen wird, wird zur Ewigkeit erweitert. Allgemeingültigkeit des Gesetzes und Ewigkeit des Prozesses stehen noch in engster Beziehung. Die Dauer bzw. die häufige Wiederholung allein ist Beweis für mehr als momentane Gewichtigkeit.

Auch bei dem scheinbar über das Historische hinausgehenden Begriff des "Immer" also wird jene unmittelbare Bezogenheit auf die historische Wirklichkeit nicht aufgehoben, die für die Begriffsbildung und Methodik des "Empirikers" ARISTOTELES charakteristisch ist.

I. Homogenisierung
Das Weltgefühl eines GIORDANO BRUNO, KEPLER und GALILEI ist bestimmt durch die Vorstellung einer allumfassenden Einheitlichkeit der physikalischen Welt. Es ist dasselbe Gesetz, das den Lauf der Gestirne und das Fallen des Steines bestimmt diese Homogenisierung" der physikalischen Welt in Bezug auf die Geltung der Gesetze nimmt der Einteilung der physikalischen Gegenstände in feste, abstraktiv definierte Klassen jene entscheidende Bedeutung, die sie für die aristotelische Physik besaß, in der die Zugehörigkeit zu einer bestimmten begrifflichen Klasse auch das physikalische Wesen des Gegenstandes ausdrücken soll.

Damit hängt eng zusammen, daß die "logischen Zweischnitte", die begrifflichen Gegensatzpaare, an Bedeutung verlieren. An ihre Stelle treten mehr und mehr fließende Übergänge, Gradabstufungen, die den Gegensätzen ihren antithetischen Charakter nehmen und sich logisch formal im Übergang vom Klassenbegriff zum Reihenbegriff äußern.
LITERATUR - Kurt Lewin, Der Übergang von der aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie, in Erkenntnis Bd.9, Heft 6, Leipzig 1931