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CARL GUSTAV JUNG
Über das Wort "Geist"

Ebenso allgemein ist die Auffassung, daß Geist und Seele wesentlich dasselbe und deshalb nur willkürlich zu trennen seien.

Das deutsche Wort "Geist" besitzt einen dermaßen großen Anwendungsbereich, daß es eine gewisse Mühe verursacht, sich zu vergegenwärtigen, was alles damit gemeint ist. Als "Geist" bezeichnet man jenes Prinzip, das im Gegensatz zur "Materie" steht. Darunter denkt man sich eine immaterielle Substanz oder Existenz, die auf höchster und universalster Stufe "Gott" genannt wird. Man stellt sich diese immaterielle Substanz auch als Träger des psychischen Phänomens oder gar des Lebens vor.

Im Widerspruch zu dieser Auffassung steht der Gegensatz "Geist - Natur". Hier ist der Begriff des Geistes auf das Über- oder Gegennatürliche eingeschränkt und hat die substantielle Beziehung zu Seele und Leben verloren. Eine ähnliche Einschränkung bedeutet die Auffassung SPINOZAs, daß der Geist ein "Attribut" der Einen Substanz sei. Noch weiter geht der "Hyloziosmus", der den Geist als Eigenschaft des Stoffes versteht.

Eine allgemein verbreitete Anschauung faßt den Geist als ein höheres, die Seele aber als ein niedrigeres Tätigkeitsprinzip auf, und umgekehrt gilt bei gewissen Alchemisten der Geist als ligamentum animae et corporis, wobei letzterer offenbar als spiritus vegetativus (der spätere Lebens- oder Nervengeist) gedacht ist. Ebenso allgemein ist die Auffassung, daß Geist und Seele wesentlich dasselbe und deshalb nur willkürlich zu trennen seien. Bei WUNDT gilt Geist als "das innere Sein, wenn dabei keinerlei Zusammenhang mit einem äußeren Sein in Rücksicht fällt". Bei andern wird der Geist auf gewisse psychische Vermögen oder Funktionen oder Eigenschaften beschränkt, wie Denkfähigkeit und Vernunft gegenüber dem mehr "seelischen Gemüte". Bei diesen bedeutet der Geist die Gesamtheit der Phänomene des rationalen Denkens, resp. des Intellektes, inkl. Wille, Gedächtnis, Phantasie, Gestaltungskraft und durch ideale Motive bedingte Strebungen.

Eine weitere Bedeutung von Geist ist die von "Geistreichsein", worunter ein vielfältiges und überraschendes Funktionieren des Verstandes gemeint ist. Ferner wird als Geist eine gewisse "Einstellung" oder deren Prinzip bezeichnet, z. B. man erzieht "im Geiste Pestalozzis", oder der "Geist von Weimar ist das unvergängliche deutsche Erbe". Ein Spezialfall ist der "Zeitgeist", welcher das Prinzip und Motiv gewisser Auffassungen, Urteile und Handlungen kollektiver Natur darstellt. Es gibt des weiteren einen sogenannten "objektiven Geist", unter welchem man den gesamten Bestand menschlicher Kulturschöpfungen insbesondere intellektueller und religiöser Natur versteht.

Der Geist, als Einstellung verstanden, hat, wie der Sprachgebrauch zeigt, unverkennbare Neigungen zur Personifikation: Der Geist PESTALOZZIs kann auch in konkretistischem Sinne dessen Geist, d.h. dessen imago oder Gespenst sein, so wie die Geister von Weimar die persönlichen Geister von GOETHE und SCHILLER sein können, denn Geist heißt immer auch noch der Spuk, d. h. die Seele eines Verstorbenen. Der "kühle Geisterhauch" weist auf die ursprüngliche Bedeutung von "pneuma", welches nichts anderes als "bewegte Luft" bezeichnet, wie auch animus und anima mit "Wind" zu tun haben.

Das deutsche Wort "Geist" hat wohl mehr mit Aufschäumendem und Aufbrausendem zu tun, weshalb einerseits eine Verwandtschaft mit "Gischt, Gäscht, gheest", andererseits mit dem emotionalen "aghast" nicht von der Hand zu weisen ist. Die Emotion wird ja seit Urzeiten als Besessenheit aufgefaßt, und darum sagt man heute noch von einem Jähzornigen z. B. er sei vom Teufel oder einem bösen Geist besessen oder geritten oder ein solcher sei in ihn gefahren.

Wie die Totengeister und -seelen nach alter Anschauung von feinstofflicher Beschaffenheit gleich einem Lufthauch oder einem Rauch sein, bedeutet bei den Alchemisten der spiritus eine subtile, volatile, aktive und belebende Essenz, als welche z. B. der Alkohol verstanden wurde, sowie sämtliche Arkansubstanzen. Geist auf dieser Stufe ist Weingeist, Salmiakgeist, Ameisengeist usw.

Dieses Viertelhundert von Bedeutungen und Bedeutungsnuancen des Wortes "Geist" erschwert einerseits dem Psychologen die begriffliche Abgrenzung seines Gegenstandes, andererseits erleichtert es ihm die Aufgabe, seinen Gegenstand zu beschreiben, da die vielen verschiedenen Aspekte ein anschauliches Bild des Phänomens vermitteln. Es handelt sich um einen funktionalen Komplex, der ursprünglich auf primitiver Stufe, als eine unsichtbare, hauchartige Gegenwart - a presence - empfunden wurde.

WILLIAM JAMES hat in seinen "Varieties of Religious Experience" dieses Urphänomen anschaulich geschildert. Ein allbekanntes Beispiel ist auch der Wind des Pfingstwunders. Für die primitive Erfahrung liegt die Personifikation der unsichtbaren Präsenz als Spuk oder Dämon unmittelbar nahe. Die Seelen oder Geister der Verstorbenen sind dasselbe wie die psychische Tätigkeit des Lebenden; sie setzen dieselbe fort.

Die Auffassung, daß die Psyche ein Geist sei, ist damit ohne weiteres gegeben. Wenn daher im Individuum sich etwas Psychisches ereignet, das es als zu ihm selber gehörig empfindet, so ist das sein eigener Geist. Geschieht ihm aber etwas Psychisches, das ihm fremdartig erscheint, so ist das ein anderer Geist, der vielleicht eine Besessenheit veranlaßt. Der Geist im ersteren Falle entspricht der subjektiven Einstellung, im letzteren der öffentlichen Meinung, dem "Zeitgeist" oder der ursprünglichen, noch nicht menschlichen, anthropoiden Disposition, die man auch als das "Unbewußte" bezeichnet.

Entsprechend der ursprünglichen Windnatur des Geistes ist letzterer stets das aktive, beflügelte und bewegte sowohl wie das belebende, anregende, aufreizende, anfeuernde, inspirierende Wesen. Der Geist ist, modern ausgedrückt, das "Dynamische", und darum formiert er den klassischen Gegensatz zum Stoff, nämlich zu dessen Statik, Trägheit und Unbelebtheit. Es ist in letzter Linie der Gegensatz zwischen Leben und Tod. Die spätere Differenzierung dieses Gegensatzes führt zu der eigentlich merkwürdigen Gegenüberstellung von Geist und Natur. Indem der Geist das essentiell Belebte und Belebende ist, kann man die Natur doch nicht als ungeistig oder tot empfinden. Es muß sich als um die (christliche) Voraussetzung eines Geistes handeln, dessen Leben demjenigen der Natur so sehr überlegen ist, daß letztere sich zu ihm wie der Tod verhält.

Diese spezielle Entwicklung der Anschauung vom Geiste beruht auf der Erkenntnis, daß die unsichtbare Präsenz des Geistes ein psychisches Phänomen, d. h. der "eigene Geist" sei, und daß dieser nicht nur aus Lebensaufwallungen, sondern auch aus inhaltlichen Gebilden bestehe. Unter ersteren treten besonders hervor jene Abbilder und Vorbilder, welche das innere Gesichtsfeld erfüllen, und unter letzteren ist es Denken und Vernunft, welche die Bilderwelt ordnen.

So hat sich ein "Übergeist" dem ursprünglichen, natürlichen Lebensgeist superponiert und sich zu letzterem sogar als zu etwas bloß Natürlichem im Gegensatz gestellt. Der Übergeist wurde zum übernatürlichen und überweltlichen, kosmogonischen Ordnungsprinzip, und als solchem wurde ihm die Bezeichnung "Gott" gegeben, oder er wurde wenigsten zu einem Attribut der Einen Substanz (wie bei SPINOZA) oder zu einer Person der Gottheit (wie im Christentum).

Die entsprechende Entwicklung des Geistes in umgekehrter, hylozoistischer Richtung, also a maiori ad minuns, fand unter antichristlichen Vorzeichen im Materialismus statt. Voraussetzung zu dieser Rückbildung ist die bis zur ausschließlichen Gewißheit gelangte Identität des Geistes mit psychischen Funktionen, deren Abhängigkeit von Gehirn und Stoffwechsel immer deutlicher wurde. Man mußte der "Einen Substanz" nur noch einen anderen Namen geben und sie "Materie" benennen, um den Begriff eines Geistes zu erzeugen, welcher von der Ernährung und der Umwelt unbedingt abhing, und dessen Höchstform der Intellekt, resp. der Verstand war.

Damit war die ursprünglich hauchartige Präsenz anscheinend ganz in den Bereich der menschlichen Physiologie geraten, und ein KLAGES konnte seine Anklage gegen den "Geist als Widersacher der Seele" vorbringen. In letzteren Begriff nämlich hatte sich die Urspontaneität des Geistes zurückgezogen, nachdem dieser zum unfreien Attribut des Stoffes herabgesunken war. Irgendwo mußte ja die dem Geiste eigentümliche Qualität des deus ex machina erhalten bleiben - wenn nicht bei ihm, so doch bei seinem ursprünglichen Synonym, der "Seele", dem buntschillernden, schmetterlingsartigen Hauchwesen (anima).

Wenn schon nicht überall die materialistische Auffassung des Geistes durchdrang, so blieb doch dessen Begriff außerhalb der religiösen Sphäre, im Raume der Bewußtseinsphänomene hängen. Geist als "subjektiver Geist" wurde zur Bezeichnung des endopsychischen Phänomens schlechthin, während "objektiver Geist" nicht etwa den Universalgeist oder die Gottheit bedeutete, sondern die Gesamtheit intellektueller Kulturgüter, welche unsere menschlichen Institutionen und den Inhalt unserer Bibliotheken ausmachen. Der Geist hat seine urtümliche Wesenheit, seine Autonomie und Spontaneität in weitestem Umfange eingebüßt, mit der einzigen Ausnahme des religiösen Gebietes, allwo ihm sein Urcharakter wenigstens im Prinzip erhalten blieb.

In diesem Résumé ist eine Wesenheit beschrieben, die sich als unmittelbar psychisches Phänomen präsentiert, im Gegensatz zu andern Psychismen, deren Existenz für die naive Anschauung kausal auf physischen Einwirkungen beruht. Eine Beziehung des Geistwesens zu physischen Bedingungen ist nicht ohne weiteres ersichtlich, weshalb dem geistigen Phänomen Immaterialität zugeschrieben wird, und zwar in noch höherem Maße, als dies bei der im engern Sinne "seelischen" Erscheinung der Fall ist. Letzterer wird nicht nur eine gewisse Abhängigkeit von der Physis, sondern selbst eine gewisse Stofflichkeit zugedacht, wie dies die Idee des subtle body und die chinesische Anschauung von der gui-Seele zeigen.

Bei der innigen Verbindung gewisser noch psychischer Vorgänge mit physischen Parallelerscheinungen läßt sich eine totale Unstofflichkeit des Seelischen nicht wohl denken. Im Gegensatz dazu insistiert der consensus omnium auf der Immaterialität des Geistes, wobei ihm allerdings nicht alle auch eine eigene Substantialität zubilligen. Es ist aber nicht leicht einzusehen, warum die hypothetische Materie, die heute schon ganz anders aussieht als noch vor dreißig Jahren, allein real sein soll, der Geist aber nicht. Obschon der Begriff der Immaterialität an sich den der Realität keineswegs ausschließt, so verbindet die laienhafte Anschauung doch stets Wirklichkeit mit Stofflichkeit. Geist und Materie sind wohl Formen eines an sich transzendentalen Seins. So sagen die Tantristen z. B. mit ebenso großem Recht, daß der Stoff nichts anderes sei als die Bestimmtheit der Gedanken Gottes. Die einzige unmittelbare Wirklichkeit ist die psychische der Bewußtseinsinhalte, die als geistiger oder materieller Herkunft gewissermaßen etikettiert sind.

Dem geistigen Wesen eignet erstens ein spontanes Bewegungs- und Tätigkeitsprinzip, zweitens die Eigenschaft der freien Bilderzeugung jenseits der Sinneswahrnehmung, und drittens autonome und souveräne Manipulation der Bilder. Dieses Wesen steht dem primitiven Menschen "gegenüber", gerät aber mit zunehmender Entwicklung in den Bereich des menschlichen Bewußtseins und wird zu einer Funktion, welche ersterem unterstellt ist, womit sein ursprünglicher Charakter der Autonomie anscheinen verloren geht. Letzterer wird nur noch von den konservativsten Anschauungen, nämlich von den Religionen, festgehalten.

Der Herabstieg des Geistes in die Sphäre des menschlichen Bewußtseins drückt sich aus im Mythus vom göttlichen nous, der in die Gefangenschaft der physis gerät. Dieser Prozeß, der sich über die Jahrtausende erstreckt, ist wohl unabwendbare Notwendigkeit, welcher gegenüber die Religionen sich auf verlorenem Posten befänden, wollten sie an den Versuch glauben, die Entwicklung aufhalten zu können. Es ist aber nicht deren Aufgabe, wenn sie wohlberaten sind, den unvermeidlichen Gang der Dinge zu hindern, sondern im Gegenteil diesen so zu gestalten, daß er ohne fatale Schädigungen der Seele verlaufen kann. Die Religionen sollen daher immer wieder an den Ursprung und den ursprünglichen Charakter des Geistes erinnern, damit der Mensch nie vergesse, was er in seine Sphäre hineinzieht und womit er sein Bewußtsein erfüllt. Er hat den Geist ja nicht selbst erschaffen, sondern dieser macht, daß er erschafft; er gibt ihm den Antrieb und den glücklichen Einfall, die Ausdauer, die "Begeisterung" und die "Inspiration". Aber er dringt so ins menschliche Wesen ein, daß der Mensch in schwerster Versuchung steht, zu glauben, daß er selber der Erschaffer des Geistes sei und daß er ihn "habe".

In Wirklichkeit aber nimmt das Urphänomen des Geistes den Menschen in Besitz, und zwar genau so, wie die physische Welt zwar anscheinend das willfährige Objekt menschlicher Absichten ist, in Wirklichkeit aber die Freiheit des Menschen in tausend Bande schlägt und zur obsedierenden idée-force wird. Der Geist bedroht den naiven Menschen mit "Inflation", wofür unsere Zeit wohl die lehrreichsten Beispiele geliefert hat. Die Gefahr wird umso größer, je mehr das äußere Objekt jetzt das Interesse fesselt, und je mehr man vergißt, daß mit der Differenzierung unserer Beziehungen zur Natur eine solche der Beziehung zum Geiste Hand in Hand gehen sollte, um das nötige Gleichgewicht zu schaffen. Steht dem äußeren Objekt nicht das innere gegenüber, so entsteht ein hemmungsloser Materialismus, gekoppelt mit wahnhafter Selbstüberhebung oder mit einer Auslöschung der autonomen Persönlichkeit, was sowieso das Ideal des totalitären Massenstaates ist.

Wie man bemerkt, stimmt der allgemeine moderne Begriff des Geistes schlecht zur christlichen Anschauung, insofern diese den Geist als summum bonum, als Gott selber, auffaßt. Allerdings besteht auch der Begriff eines bösen Geistes. Aber auch damit läßt sich der moderne Geistbegriff nicht zur Deckung bringen, indem letzterer nicht notwendigerweise böse ist; vielmehr muß er moralisch indifferent oder neutral genannt werden. Wenn die Schrift sagt: "Gott ist Geist", so klingt es wie die Definition einer Substanz oder wie eine Qualifizierung. Dem Teufel aber kommt allem Anschein nach die gleiche Eigentümlichkeit einer geistigen Substanz zu, obschon einer bösen und verderbten. Die ursprüngliche Identität der Substanz drückt sich noch im Gedanken des Engelsturzes aus, wie in der nahen Beziehung von JAHWE und Satan im Alten Testament.

Eine Nachwirkung dieser primitiven Beziehung dürfte wohl auch die Bitte des Vaterunsers sein: "Führe uns nicht in Versuchung", wo dies doch das eigentliche Geschäft des "Versuchers", des Teufels selber, ist. Damit kommen wir nun zu einer Frage, die wir im bisherigen Verlauf unserer Betrachtung noch gar nicht aufgeworfen haben. Wir haben ja erst die kulturgeschichtlichen und landläufigen Auffassungen, welche aus dem menschlichen Bewußtsein und dessen Überlegungen hervorgegangen sind, herangezogen, um uns ein Bild von der psychischen Erscheinungsweise des Faktors "Geist" zu machen. Wir haben aber noch nicht berücksichtigt, daß der Geist kraft seiner ursprünglichen, auch psychologisch nicht zu bezweifelnden Autonomie durchaus in der Lage ist, "sich selbst zu offenbaren".
LITERATUR - C. G. Jung, Bewußtes und Unbewußtes, Olten 1971