tb-1J. CohnE. SternH. HöffdingT. K. OesterreichH. Lüdemann    
 
OTTO LIEBMANN
Der Ursprung der Werte

"Der Kerngedanke meiner Weltauffassung besteht, lakonisch ausgesprochen, in der fundamentalen, aber spät gewonnenen Einsicht, daß der Mensch  Alles  schlechthin nur im Medium des menschlichen Bewußtseins erkennt, daß mithin auch alle Philosophie, wie überhaupt alle Wissenschaft, sich immer nur innerhalb der Sphäre menschlicher Gedanken und menschlicher Vorstellungen bewegen kann und diese Sphäre niemals und unter keinen Umständen zu überschreiten vermag."

"Gesetzt, das berüchtigte Problem von der psychophysischen Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele wäre zur Erörterung gestellt, so dürfte man niemals vergessen, daß natürlich nur davon die Rede sein kann, wie der Leib, die Seele und deren wechselseitiges Verhältnis sich  innerhalb des menschlichen Bewußtseins  darstellen, während wir von dem, was ihnen außerhalb und jenseits des menschlichen Bewußtseins zugrunde liegen mag, empirisch nichts wissen und nichts wissen können."

"Wie es ohne ein zeitsetzendes, im Wechsel mit sich identisch beharrendes, im Fluß der Veränderung feststehendes Ich keine Zeit gibt, und ohne ein raumanschauendes, seine Eindrücke räumlich lokalisierendes Subjekt keinen Raum gibt, so gibt es ohne wertschätzendes, wertsetzendes, zustimmendes und verwerfendes Subjekt keinen Wert."

"Oft genug wird ja leider in dieser mangelhaften Welt das Bessere vom Schlechteren besiegt. Oft genug triumphiert der Schurke über den Ehrenmann; aber der siegreiche Schurke bleibt trotz seines Sieges das, was er ist; - ein Schurke nämlich. Wenn ein Genie von Straßenräubern ermordet, ein Mensch von Wölfen aufgefressen, ein hochbegabtes, edles, geniales Kulturvolk von einer bestialischen Barbarenhorde überrannt und vernichtet wird, so bejubeln wir nicht, sondern beklagen wir den Sieg."


Vorrede zu ersten Auflage

Das hier vorliegende Werk, dessen zweiter Band dem ersten in nicht entfernter Zeit nachfolgen soll, enthält eine Sammlung philosophischer Schriften von größerem und geringerem Umfang, verschiedener Form und mannigfaltigem Inhalt, welche sich auf der hindurchlaufenden Gedankenschnur einer ihnen gemeinsamen Weltauffassung aneinanderreihen und über sämtliche Hauptgebiete des philosophischen Nachdenkens, von der Naturphilosophie und Psychologie bis zur Transzendentalphilosophie und Metaphysik, von dieser bis zur Ästhetik und Ethik nebst den damit zusammenhängenden Gegenständen, hinerstrecken. Der prinzipielle Standpunkt, welchen das Werk einnimmt, fällt genau mit demjenigen zusammen, den man in meiner "Analysis der Wirklichkeit" mit aller wünschenswerten Ausführlichkeit und Gedankenstrenge begründet finden kann; also, um den von KANT eingeführten und durch ihn zur Klassizität erhobenen Ausdruck in einem etwas erweiterten Sinn zu gebrauchen, mit dem Standpunkt einer kritischen Weltauffassung. Der Kerngedanke dieser Weltauffassung besteht, lakonisch ausgesprochen, in der fundamentalen, aber spät gewonnenen Einsicht, daß der Mensch Alles schlechthin nur im Medium des menschlichen Bewußtseins erkennt, daß mithin auch alle Philosophie, wie überhaupt alle Wissenschaft, sich immer nur innerhalb der Sphäre menschlicher Gedanken und menschlicher Vorstellungen bewegen kann und diese Sphäre niemals und unter keinen Umständen zu überschreiten vermag. Ohne die wirklichen, dauernden Errungenschaften einer zweitausendjährigen glorreichen Geschichte der Philosophie nach Dilettantenart leichtfertig preiszugeben, vielmehr all das, was geniale Selbstdenker alter und neuer Zeit, von den Pythagoreern, Eleaten und HERAKLIT, von PLATON und ARISTOTELES an bis auf CARTESIUS, SPINOZA, LEIBNIZ und LOCKE, sowie deren Nachfolger im 19. Jahrhundert als ihre Überzeugung verkündigt haben, mit Dankbarkeit verwertend, hat diese Weltauffassung doch vom gewaltigen Urheber der "Kritik der reinen Vernunft" soviel gelernt, daß sämtliche Spekulationen über Gott und die Welt, über Geist und Natur, über Atome, Monaden und Kräfte, über Seele und Leib und deren rätselhaften Zusammenhang, über natürliche Zweckmäßigkeit und mechanische Kausalität, über Freiheit und Notwendigkeit, über Gut und Böse, Recht und Unrecht und andere der denkenden Menschheit von jeher am Herzen liegende Probleme sich doch eben innerhalb der Schranken des menschlichen Bewußtseins vollziehen, als dessen Inhalt uns das ganze körperliche und geistige Universum entgegentritt; welches Bewußtsein daher die Urtatsache  kat exochen  [schlechthin - wp] genannt werden muß. Wohl gemerkt: nicht etwa die Welt, sondern unser Bewußtsein ist die Urtatsache. Zwar werden wir im Hinblick auf die psychogenetische Entwicklung des individuellen Denkens mit der Anwendung einer aristotelischen Formel zugeben müssen, daß das Wissen von der Welt  to proteron  [ein Früheres - wp], das Wissen von uns selbst  to hysteron pros nemas  [was erst später bewußt wird - wp] ist; aber sobald der Mensch einmal zu voller kritischer Selbstbesinnung herangereift ist, so wird ihm auch endgültig klar, daß die ganze Welt nur im Bewußtsein, als Bewußtseinsinhalt, Bewußtseinsphänomen gegeben wird und entgegentritt, daß also das Bewußtsein  to proteron physei  [das ansich Erste - wp] ist. Wovon sollte und könnte dann auch wohl der Mensch sprechen, außer vom menschlichem Bewußtseinsinhalt? Enthält nicht schon der bloße Gedanke, ja der leere Wunsch, von etwas Anderem wissen und reden zu wollen, eine ganz greifbare  contradictio in adjecto  [Widerspruch insich - wp]? Denn wie wir die Farben nur im Licht sehen, so erkennen wir die Welt nur im eigenen Bewußtsein; und was bei einer Aufhebung jedes menschlichen Bewußtseins überhaupt als Rest zurückbleiben würde, ist für uns ein völlig unbekanntes, unfaßbares Etwas oder Nichts, eine absolute Finsternis, eine undurchdringliche mystische Nacht, bevölkert von den Phantasiegeschöpfen der subjektiven Einbildungskraft und von hypostasierten [vergegenständlichten - wp] Gedankendingen der dogmatischen Metaphysik. Soviel also sollte man billigerweise von KANT gelernt haben; auch dann, wenn man weit entfernt ist, sich an den Buchstaben und an die Einzeldoktrinen des kantischen Systems schülerhaft festzuklammern. Übrigens bleibt auch für Denjenigen, welcher den nicht gerade leichten Entschluß zur Verzichtleistung auf dogmatische Metaphysik ernsthaft gefaßt hat, noch eine kritische Metaphysik übrig; und von dieser wird in diesem Werk sattsam Rechenschaft gegeben werden.

Will man den kritischen Standpunkt, wie dies KANT selber nicht ohne wohlbegreifliche Skrupel und Bedenklichkeiten getan hat, mit dem Namen "Idealismus" bezeichnen, so mag das immerhin geschehen; der Name ist ja für das Wesen der Sache gleichgültig. Wenn dann aber ein sogenannter Realismus auftritt und, unter Berufung auf das Zeugnis der Sinne, auf die Unantastbarkeit der empirischen Tatsachen sowie auf die notorische Abhängigkeit des menschlichen Geisteslebens vom Lauf der Natur, die naive Ansicht aufstellt, daß das uns empirisch bekannte Universum eine von der Beschaffenheit des menschlichen Erkenntnisvermögens ganz unabhängige Realität und Existenz besitzt, wenn er, auf diese Annahme gestützt, eben jenen Idealismus als eine künstliche, einseitige und hyperbolische [übertreibende - wp] Parteimeinung kennzeichnen zu dürfen glaubt, so versteht er weder die Sache noch sich selbst. Er möge erinnert werden an ein Wort des weisen LICHTENBERG, dieses überlegenen Geistes, der als Naturforscher von Beruf und Experimentalphysiker, als praktischer Welt- und Menschenkenner, zugleich aber als Satiriker und bis zur reifen Höhe echter Selbstironie emporgestiegener Humorist über blinde Jugendschwärmerei sowie über einen doktrinären Unfehlbarkeitswahn selbstgenügsamer Schulgelehrsamkeit weit erhaben ist und auf den Streit dogmatischer Parteien und Systeme von oben hinunterblickt. Nach langer Lebenserfahrung äußert sich LICHTENBERG einmal folgendermaßen:
    "Wenn man über  Idealismus  in verschiedenen Stadien des Lebens nachdenkt, so geht es gemeiniglich so: zuerst als Knabe lächelt man über die Albernheit desselben; etwas weiter findet man die Vorstellung artig, witzig und verzeihlich; disputiert gern darüber mit Leuten, die sich ihrem Alter oder Stand nach noch im ersten Stadium befinden. Bei reifen Jahren findet man ihn zwar ganz sinnriech, sich und andere damit zu necken, aber im Ganzen kaum einer Überlegung wert und der Natur widersprechend. Man hält es nicht der Mühe wert, weiter daran zu denken, weil man glaubt, oft genug daran gedacht zu haben. Aber weiterhin bekommt der Idealismus, bei ernsthaftem Nachdenken und nicht ganz geringer Bekanntschaft mit menschlichen Dingen eine ganz überwindliche Stärke." [Vermischte Schriften, Bd. 1, 1853, Seite 81]
In der Tat, wenn man das Wort  Idealismus  in der von KANT gemeinten Wortbedeutung, wonach derselbe bekanntlich die empirische Realität der Welt nicht im entferntesten anweifelt, irgendwie verstanden hat, so wird man eingestehen müssen, daß der Idealismus in Wahrheit die einzige immanente Philosophie ist, während derjenige Realismus, der von der Materie, den Stoffen, Kräften, den chemischen Elementen, von der körperlichen Organisation, kurz von der Außenwelt ausgeht, diese als etwas Ansichseiendes betrachtet und aus ihnen alles ableiten möchte, ein durchaus transzendentes System genannt werden muß. Der Allwissenheitswahn und der Allwissenheitsdünkel des dogmatischen Philosophierens tritt gerade an diesem von keiner Skepsis berührten Realismus, der aber doch selbst unter Gelehrten sehr verbreitet ist, in besonders naiver Weise zutage. Er philosophiert über Alles und vergißt dabei nur Eines; nämlich sich selbst. Gesetzt zum Beispiel, es handelte sich um die alte  crux metaphysicorum,  das berüchtigte Problem von der psychophysischen Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele - (welche, beiläufig gesagt, mit dem erkenntnistheoretischen oder transzendentalen Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, Erkennendem und Erkanntem, Ich und Nichtich schlechterdings zusammenfällt) -; gesetzt, dieses Problem wäre zur Erörterung gestellt, so dürfte man niemals vergessen, daß natürlich nur davon die Rede sein kann, wie der Leib, die Seele und deren wechselseitiges Verhältnis sich  innerhalb des menschlichen Bewußtseins  darstellen, während wir von dem, was ihnen außerhalb und jenseits des menschlichen Bewußtseins zugrunde liegen mag, empirisch nichts wissen und nichts wissen können.

Gerade die kritische Philosophie richtet auch, zur Verhütung transzendenter Jllusionen, die dringende Mahnung an uns, daß die philosophische Spekulation, sofern sie es verabsäumt sich pünktlich und gewissenhaft an die unmittelbaren Tatsachen der Erfahrung zu halten und mit den gesicherten Ergebnissen wissenschaftlicher Spezialforschung vertraut zu machen, auf die grenzenlose Wildbahn rein subjektiver, ja individueller Meinungen gerät, wo allerlei Vorurteile, Neigungen und Abneigungen, Sympathien und Antipathien das Denken hierin oder dorthin in die Irre lenken, wo jedes zuverlässige Kriterium für den Unterschied von Wahrheit und Dichtung dahinschwindet, und wo, um mit SHAKESPEARE zu sprechen
    "Dein Wunsch der Vater des Gedankens ist."
    [Heinrich IV, zweiter Teil, Akt IV, Szene 4]
Der Standpunkt der kritischen Weltauffassung also bildet den gemeinsamen Grund und Boden, auf dem die nachfolgenden Betrachtungen, allerdings mit völliger Freiheit, Ungebundenheit und Selbständigkeit, sich bewegen; und es wird sich zeigen, inwiefern mit diesem prinzipiellen Standpunkt die bedeutungsschweren Konzeptionen und Denkergebnisse einer zweitausendjährigen Vorgeschichte der Philosophie, sowie auch die bemerkenswertesten philosophischen Neubildungen des 19. Jahrhunderts vereinbar sind. Da das Jahrhundert stark zur Neige geht, läge es uns nahe, auf diesen in kulturgeschichtlicher, politischer und auch wissenschaftlicher Beziehung so ereignisreichen Zeitabschnitt einen prüfenden und zusammenfassenden Rückblick zu werfen; wobei dann für mancherlei interessante Auseinandersetzungen über historischen Fortschritt, Rückschritt und Stillstand und über die seltsamen Kurven, welche die Geschichte beschreibt, eine Gelegenheit dargeboten wäre. Indessen so verführerisch diese Aufgabe auch erscheint, leisten wir doch am gegenwärtigen Ort darauf Verzicht und wenden uns demjenigen zu, was den Wechsel der Jahrhunderte überdauert, weil es mit dem Gattungstypus des menschlichen Geistes in einer solidarischen Verknüpfung steht.


I.

Das Ja und das Nein sind schlechthin ursprüngliche, elementare, aus verborgener Wesenstiefe hervorspringende Akte des Subjekts, durch die es der ihm erscheinenden Welt mit monadenhafter Selbständigkeit entgegentritt, als Zustimmer und Verweser, um sich weiter hinauf zum bewußten Kritiker und Richter über alles Sein und Geschehen aufzuwerfen und damit eine neue, von Innen stammende Welt der Werte zu erschaffen. Nicht Worte, nicht  flatus vocis  [bloßer Lufthauch - wp] sind sie; denn es gibt auch ein stummes, verschwiegenes, wortloses, unausgesprochenes Ja und Nein; sondern innerliche, unsichtbare und unhörbare Grundfunktionen jedes beseelten Lebewesens sind sie, die, schon in der Dämmerung tierisch-instintiven Begehrens und Verabscheuens beginnend, sich in der Mittagshelle selbstbewußten menschlichen Seelenlebens bis zu besonnenen, überlegten Geisteshandlungen steigern. Kein bloß abspiegelnder Spiegel, kein sklavisch widerhallendes Echo, kein blindlings mitschwingender Resonanzboden ist das Subjekt, kein passives Rezeptakulum, keine LOCKEsche  tabula rasa,  auch keine HERBARTsche Vorstellungsmaschinerie, Assoziations- und Reproduktionsapparat, kein physiologischer Nerven- und Muskelmechanismus ist es, sondern ein selbständiger Bejaher und Verneiner, ein Schöpfer der Werte, ein Wesen, dem, wie tief auch die unbekannte Wurzel der Individualität unter die Bewußtseinsschwelle in den dunklen, rätselhaften Weltgrund hinabreichen mag, in irgendeinem Sinn eine Initiative, Spontaneität zukommen muß. Man erdichte und präpariere sich im psychologischen Begriffslaboratorium ein  bloß  vorstellendes Wesen  ohne  Für und Wider, ohne Zustimmen und Sichverweigern, ohne Ja und Nein, so ist für dieses erdichtete Phantom trotz aller bunten Bilderfülle und wechselnden Mannigfaltigkeit seines Vorstellungsspiels nichts gut und nichts schlimm, nichts häßlich und nichts schön, auch nichts wahr und nichts falsch, sondern alles  adiaphoron  [nicht unterschieden - wp]. Ein solches Fabelwesen ist eine praktische und intellektuelle Null; es kennt keine Werte; diese entspringen erst durch Zustimmen und Verwerfen, durch Ja und durch Nein. Der Ursprung der Werte liegt in uns und ist also subjektiv. Die bloße Rezeptivität ohne Spontaneität erklärt in praktischer wie in theoretischer Beziehung  nichts.  Wie der Mensch das  complementum possibilitatis  [Vollendung der Möglichkeit - wp] unserer Tatsachenwelt ist, so ist er  fundamentum possibilitatis  [Grundlage der Möglichkeit - wp] unserer Welt der Werte.


II.

Daß ich die Lust der Unlust, das Anständige dem Unanständigen, die Vernunft der Unvernunft, die Weisheit der Narrheit, die Gesundheit der Krankheit, das Schöne dem Häßlichen, das Recht dem Unrecht, das Wahre dem Falschen, das Verdienst der Schuld, das Genie dem Stumpfsinn, den Ehrenmann dem Schurken vorziehe und die reine Güte und Liebe für besser halte als den wilden fanatischen Haß, das geht - (wie mannigfaltig auch Umgebung, Mitwelt und Vorwelt auf mein persönliches Urteil bestimmend, richtunggebend, führend und irreführend eingewirkt haben) - in letzter Instanz aus mir selbst hervor, aus dem unergründlichen Wesen eines von niemandem entschleierten Ich. Die ganze unerschöpfliche Skala der höheren und niederen Werte, das vielverzweigte, widerspruchsfreie Stufenreich hedonistischer, utilitaristischer, ästhetischer, logischer, egoistischer und uneigennütziger Wertgefühle, Wertschätzungen, Wertunterschiede wächst aus mir hervor wie die Früchte aus dem Baum und würde, trotz aller Umgebungseinflüsse ("Milieu"), für mich gar nicht vorhanden sein, wenn Ich nicht Ich wäre, sondern ein Anderer, als der ich bin, wenn ich mich zu jenen "Werten" so verhielte, wie der luftleere Raum zur Musik. Aus einer tauben Nuß wächst niemals ein Baum hervor, aus dem Windei entwickelt sich nie ein Tier. Der Ursprung der Werte liegt in uns, nicht außerhalb von uns. Wer dies bestreiten, wer alle Wertschätzungen und Werturteile auf den Umgebungseinfluß zurückführen wollte, der hätte die Pflicht, zuerst den Grund anzugeben, weshalb den Steinen vergeblich gepredigt wird.

Geschichte, Tradition von Geschlecht zu Geschlecht, Beispiel und Nachahmung, Gewöhnung und Gewohnheit, schließlich Abstammung und "Vererbung" - (dieses große, unerklärte, lange genug zu Scheinerklärungen mißbrauchte Grundphänomen und Grundrätsel der ganzen Lebewelt) - wirken ja ganz augenscheinlich auf die Wertgefühle, Wertschätzungen, Werturteile des geschichtlich bedingten, in der Zeit entstehenden Individuums ein. Aber die Wurzel des Individuums, ebenso wie die der ganzen in der Linie der Zeit sich empirisch entwickelten Gattung, reicht in das Zeitlose, das der zeitlichen Entwicklung zugrunde Liegende hinein, und man müßte erst die Vererbung als Funktion des Individuums begriffen und verstanden haben, wenn man die Begabung des Individuums aus der Vererbung "erklären" will. Andernfalls begeht man ein gewaltiges  Hysteron-Proteron  [das Spätere kommt vor dem Früheren - wp].


III.

SPINOZA definiert den Willen als die Fähigkeit des Bejahens und Verneinens, woran er die überraschende Behauptung knüpft, Wille und Intellekt seien identisch, seien Einunddasselbe. Diese befremdliche, halb im Anschluß an, halb im Gegensatz zu DESCARTES aufgestellte Lehrmeinung, insbesondere die völlige Identifizierung von Wille und Intellekt (Verstand), ist zunächst ein auffallendes Paradoxon, beruth aber auf dem unanfechtbaren Umstand, daß es mehrere koordinierte Arten der Bejahung und Verneinung gibt, die offenbar unter denselben Gattungsbegriff gehören. Verstand ist die theoretische, Wille die praktische Bejahung und Verneinung. Die beiden kontradiktorisch entgegengesetzten Grundfunktionen des Bejahens und Verneinens sind in der Tat etwas dem Willen und dem Verstand Gemeinsames, ihnen beiden Wesentliches, weil sowohl beim Denken und Urteilen, als auch beim Wollen und Beschließen stets entweder affirmiert oder negiert, entweder zugestimmt oder verworfen wird. Wenn überhaupt, dann entweder Ja oder Nein.  Tertium non datur  [ein Drittes gibt es nicht - wp]. Das Mittlere zwischen Ja und Nein, zwischen Für und Wider ist in theoretischer Hinsicht das Garnichturteilen, die Urteilsenthaltung, die  aphasia,  in praktischer Hinsicht das Garnichtwollen, die Unschlüssigkeit, der Zustand von BURIDANs Esel, also der neutrale, indifferente Nullpunkt zwischen der positiven und der negativen Seite der Verstandestätigkeit und der Willenstätigkeit. Übrigens hat schon ARISTOTELES diese Analogie von Wille und Intellekt ins Auge gefaßt, indem er zwischen dem theoretischen und dem praktischen Bejahen und Verneinen eine psychologische Parallele zieht (1).

Ferner sagt SPINOZA: Nicht deshalb erstreben wir etwas, weil es gut ist, sondern umgekehrt, weil wir es erstreben, darum nennen wir es gut; und nicht deshalb verabscheuen wir etwas, weil es schlecht ist, sondern weil wir es verabscheuen, darum nennen wir es schlecht. - Auch dieser Satz enthält einen gediegenen, beherzigenswerten Wahrheitskern, und es entspringt aus ihm durch Verallgemeinerung der universelle Grundsatz von der wesentlich subjektiven Begründung sämtlicher Werte. Wert hat etwas nur vermöge unseres ureigenen Ja. Verwerflich ist etwas nur vermöge unseres ureigenen Nein. Objektive Werte sind objektivierte Bejahungen.


IV.

Das Fundament und der Ursprung der Werte liegt in uns, nicht außerhalb von uns. Wie es ohne ein zeitsetzendes, im Wechsel mit sich identisch beharrendes, im Fluß der Veränderung feststehendes Ich keine Zeit gibt, und ohne ein raumanschauendes, seine Eindrücke räumlich lokalisierendes Subjekt keinen Raum gibt, so gibt es ohne wertschätzendes, wertsetzendes, zustimmendes und verwerfendes Subjekt keinen Wert. Selbst "objektive" Werte, wie der ökonomische Gebrauchswert oder Tauschwert einer Sache, der "natürliche Preis" und der Marktpreis einer Ware, der innere Kunstwert eines großen Kunstwerkes, und sogar der Wert der Geldes, dieses bloßen Tauschmittels und Wertsymbols, hören alsbald auf Werte zu sein und sind sofort entwertet, wenn jedes ihnen werterteilende Subjekt wegfällt. Einen Wert haben, aber für niemanden einen Wert haben, das ist ein für alle Mal ein Unding, eine  contradictio in adjecto  [Widerspruch in sich - wp]. Demgemäß wächst der objektive Wert einer Sache proportional mit dem subjektiven Bedürfnis nach ihr, und nimmt proportional mit diesem subjektiven Bedürfnis ab; bis zur Null hinunter und eventuell noch weiter hinab. In der wasserlosen, staubtrockenen, glühendheißen Sahara ist Wasser für Mensch und Tier von allerhöchstem Wert, auf einem Süßwassersee oder in einem überschwemmten Flußtal, bei wochenlangem Regenwetter sinkt sein Geldwert auf Null. Ändere meine Sinne, meine Neigungen und Bedürfnisse, meine psychophysische Organisation, meine niederen und höheren, materiellen und ideellen Triebe und Triebfedern, meine physischen und geistigen Instinkte, Anlagen, Bestrebungen und du änderst von Grund auf die Welt der Werte. Ohne ein werterteilendes Subjekt zerrinnt und verduftet sie in ein Nichts.

Der Gradmesser der Werte, der Wertmaßstab liegt in uns.


V.

Umgebungseinfluß, Erziehung, Nachahmung, Sitte und Brauch, öffentliche Meinung, Urteil und Vorurteil der Familie, des Standes, der Nation, die Tyrannei der Gesellschaft, kurz das Vorbild und die Überzeugung  Anderer  flößen dem Einzelnen von Kindheit an gewisse Wertbegriffe, Normen, Vorschriften, Gebote und Verbote ein, die das Ergebnis langjähriger Tradition sind und die ihn dann beinahe ebenso despotisch beherrschen, wie den fallenden Stein das Gesetz der Schwere beherrscht. Es wäre lächerlich anzunehmen, daß ein in Indien von Brahmanen oder Buddhisten erzogener Mensch dieselbe Ästhetik und Moral haben könnte wie ein Athener des perikleischen Zeitalters, ein muslimischer Araber, ein mittelalterlicher Christ, oder ein Sohn des stolzen Zeitalters der Renaissance. Oft genug ist das ja, sei es im empirischen, sei es in einem skeptischen Sinn, breitgetreten worden. Und doch stellt sich das Kind, nachdem es lange genug gesäuft, getragen, gegängelt und erzogen worden ist, geistig wie leiblich auf seine eigenen Beine, wächst den Lehrern aus der Schule heraus, setzt seinen eigenen Kopf auf, emanzipiert sich in einem höheren oder niederem Grad vom "Milieu", approbiert [akzeptiert - wp] die alten oder findet neue Gesetze, stellt eigene Werte auf und behandelt überlieferte Wertsysteme als Objekt seiner selbsteigenen persönlichen Kritik. Allerdings schwimmt das Individuum in der Gemeinschaft als seinem Lebensmedium wie der Vogel in der Luft schwebt und der Fisch im Wasser schwimmt. Selbst der völlig Vereinzelte, Vereinsamte, aus der Welt Verschlagene oder Geflüchtete, selbst der in der Wüste mit sich allein lebende Eremit, selbst TIMON von Athen und  Robinson Crusoe  wird in seinem vereinsamten, höchst isolierten, höchst persönlichen Denken, Fühlen, Wollen, Tun und Treiben durch hundert unsichtbare Fasern und Fäden mit der weit, weit entfernten menschlichen Gemeinschaft und Gesellschaft in Verbindung gesetzt, der er entstammt, der er seine Sprache, seine Grundsätze, seine anerzogenen Begriffe, Kenntnisse, Vorurteile verdankt. Er kann dieses unsichtbare Gespinst nicht gänzlich durchschneiden und austilgen. Was aus dem isolierten Individuum  ohne  Medium,  ohne  Milieu,  ohne  Umgebungseinfluß wird, das zeigt uns jener KASPAR HAUSER, der als zwanzigjähriger Jüngling fast so inhaltsleer war wie ein noch unmündiges Kind. Und doch gibt es in jedem von uns ein durchaus spontanes, urwüchsiges Ich, welches allem Überlieferten als Kritiker entgegentritt, um es entweder anzunehmne oder zu verwerfen. Allerdings fügt sich der Mensch als nachahmendes Geschöpf vermöge seiner Herdentiernatur der Sitte und dem Brauch und ist in vielen Dingen ein Sklave der Massengewohnheit. Er tut oder denkt oder spricht oder glaubt gerade so, weil es die anderen ebenso auch tun, denken, sprechen und glauben. Aber schließlich beruth die freiwillige Unterordnung des Einzelnen unter Sitte, Gebrauch, Gesetz, Geschmack und Glauben doch auf einem individuellen Ja und Nein, auf einem individuellen, subjektiven Wertgefühl und Werturteil. Ich bin sehr geneigt, der Auffassung THOMAS CARLYLEs beizustimmen, daß "die Geschichte der Menschheit die Geschichte großer Menschen" ist, daß es "Heroen" sind, denen die Menschheit ihre besten Überzeugungen und ihre wahren Fortschritte zu verdanken hat. So in der Kunst, so in der Ethik, in der Wissenschaft, in der Politik und auf anderen Gebieten mehr. Ausnahmemenschen oder Heroen sind es, die der Menschheit neuenteckete Ziele anweisen; die der Menschheit  mehr  geben, als die Menschheit ihnen gegeben hat. Propheten, Weise, Gesetzgeber, Religionsstifter, Sektierer und Häretiker, große Denker, Philosphen, Dichter, künstlerische Genies stellen neue Maximen und neue Wertsysteme auf; und sie finden ihre Nachfolger. Aber  warum  haben denn BUDDHA,  Christus,  MOHAMMED ihre Jünger und Apostel, ARISTOTELES, NEWTON, KANT ihre Schüler gefunden? warum HOMER, DANTE, SHAKESPEARE, GOETHE, BEETHOVEN ihre begeisterten Bewunderer? -

Nur deshalb und darum, weil sehr viele andere Menschen das von jenen Großen, jenen Heroen Entdeckte in sich selbst, in ihrem eigenen Kopf, in ihrer eigenen Brust nachentdeckt und durch ihr selbsteigenes "Ja!" bestätigt und zum Wert gestempelt haben. Es gibt sehr viele Gradabstufungen der individuellen Existenz, Gemütstiefe, Geistesgröße und Urteilsfähigkeit, und dem monadenhaften, autonomen Selbstherrentum sind gewisse äußerste Grenzen gezogen in der menschlichen Gattungsorganisation. Aber trotz aller lobenswerten oder beklagenswerten Gebundenheit des Individuums an Umgebung und Tradition ist jeder ein kleiner oder großer Gesetzgeber, Ästhetiker und praktischer Philosoph für sich, der das ihm eingeflößte Wertsystem der höheren Instanz seines eigenen persönlichen Werturteils unterwirf und zu ihm Ja oder Nein sagt. Der Ursprung der Werte liegt in uns, nicht außerhalb von uns.


VI.

Wer den Tod höher als das Leben schätzt, und das Nichtsein für besser hält als das Sein, wird sich nur schwer mit  dem  verständigen können, der das Leben höher schätzt als den Tod. Werden ja doch fast alle übrigen Wertschätzungen von diesem  einen,  fundamentalen Werturteil mitbestimmt.

Doch muß man sich vor einem argen Mißverständnis hüten, welches sich hier als verfälschendes  proton pseudos  [erster Irrtum - wp] einzudrängen droht. Es ist ein großer Unterschied zwischen der persönlichen Schätzung unserer individuellen Einzelexistenz und einer philosophischen Schätzung des Lebens der Menschheit überhaupt. Es kommt nicht auf die Daseinsliebe oder Daseinsunlust des Einzelnen, sondern auf den Daseinswert der Gattung und des Gattungstypus an.

Wenn die Lebensverneinung, die Bevorzugung des Nichts vor dem Sein, lediglich Ausdruck eines persönlichen Affekts ist, lediglich Frucht der Verzweiflung über ein individuelles  Hiobs schicksal und  Hekuba geschick, dann begreifen wir sie wohl und finden sie psychologisch, ästhetisch, vielleicht auch moralisch gerechtfertigt. Wir verstehen und begreifen jene lange Reihe pessimistischer, lebenverneinender Aussprüche tragischer Dichter aller Zeitalter, die sich zusammenfassen läßt in das  eine  monumentale Wort des SOPHOKLES:
    Nie geboren zu sein, ist
    Weit das Beste; doch wenn du lebst,
    Ist das Zweite, dich schnell dorthin
    Wieder zu wenden, woher du kamst.
Hiob  und  Hekuba! - Für diejenigen freilich, und auch für weniger Zertrümmerte ist das Nichtgeborensein allerdings weitaus das Bessere, ist der Tod ein Freund, und die Nichtexistenz ein "Ziel auf das Innigste zu wünschen." Ja, es läßt sich nicht hinwegleugnen, daß es im Leben  jedes  Menschen einzelne Stunden und Momente gibt, wo ihm das Nichtsein erwünscht ist; und daß, wenn jeder solche momentane Todeswunsch sogleich in Erfüllung ginge, die Menschheit längst ausgestorben sein würde.

Aber so begreiflich das ist, ein Maßstab philosophischer Schätzung der Werte liegt hierin nicht. Wenn der dogmatische Pessimismus aus solchen vereinzelten pathologischen Äußerungen individueller Lebensverneinung und Höherschätzung des Nichts einen allgemeingültigen Wertmaßstab herausholen will, so gerät er in einen flagranten Widerspruch mit der herrschenden Durchschnittsmeinung und Durchschnittspraxis des ganzen Menschengeschlechts. Wer einen allgemeingültigen Wertmaßstab sucht, der wird etwas weiter blicken und tiefer ausholen müssen.

Schreiten wir auf dem Weg eine  normalen,  nicht pathologisch angekränkelten Denkens in der Richtung von Außen nach Innen, von der Peripherie gegen das Zentrum hinein, so bildet der Makrokosmos der Natur ein vielgegliedertes Stufenreich niedrigerer und höherer Geschöpfe und Daseinsstufen, auf dessen Gipfelhöhe als vollkommenstes aller uns bekannten Geschöpfe anerkanntermaßen der Mensch steht; - exei o anthropos ten physin apotetelesmenen [Der Mensch ist das Höchste aller Lebewesen - wp], wie ARISTOTELES sagt. Und zwar ist dasjenige, wodurch der Mensch alle übrigen Geschöpfe übertrifft, sein  geistiges Leben, seine vgeistige Innenwelt.  Sobald man die Weltordnung von einem  teleologischen  Gesichtspunkt aus betrachtet, so sagt uns ein durchaus unbefangenes und unegoistisches Werturteil, daß das körperliche Dasein als Mittel zum Zweck des geistigen Daseins aufzufassen ist, nicht aber umgekehrt. Der Körper ist Organ des Geistes, und die ganze leibliche Organisation mit all ihren kausal unerklärten Zweckmäßigkeitswundern hat den Zweck, Träger und Werkzeug des  geistigen Lebens  zu sein. Hier, an dieser Stelle ist es, wo einer der zahlreichen teleologischen Zirkel, in die sich das Denken bei rein theoretischer Betrachtung der Dinge verwickeln muß, endgültig durchbrochen, und damit der Teleologie die Krone aufgesetzt wird. Es ist wahr: die Pflanze wächst und blüht, um Frucht zu tragen, und  vice versa  die Frucht ist da, um Pflanze zu werden; das Huhn ist da, um Eier zu legen, und das Ei wiederum ist da, um Huhn zu werden; das Tier lebt um zu genießen, und es genießt, um zu leben; der Mensch arbeitet um zu leben, und er lebt um zu arbeiten. So auch weiterhin: Der Mensch muß atmen, essen, trinken, verdauen, um denken, fühlen, wollen zu können, und umgekehrt, er muß denken, fühlen und wollen, um sich Lust, Speise, Trank usw. verschaffen zu können; also der Leib ist Mitte, der Geist ist Zweck, und  vice versa  der Geist ist Mittel, der Leib ist Zweck. Aber hier tönt uns ein ganz kategorisches "Halt!" entgegen; und der endlose Zirkel wird durchbrochen und zerstört. Allerdings dienen ja das Empfinden, das Erkennen, das Wollen, kurz die geistigen Funktionen  per accidens  [durch Zufall - wp] auch dazu, die Existenz des Leibes zu ermöglichen, das leibliche Leben zu fristen; und nicht mit Unrecht hat ein witziger Denker bemerkt, "dem Schwein habe die Natur statt des Salzes deshalb eine Seele verliehen, damit es nicht verfaule". Aber beim Menschen wird es eviden und ist Ausdruck eines unvermeidlichen Werturteils, daß das geistige Leben höher als das leibliche Leben steht, daß der Geist, weit über die Aufgabe, Lenker, Führer und Ernährer der Leiblichkeit zu sein, hinausgreifend gewisse Dinge hervorbringt, die alle materiellen Dinge und Werte hoch überragen. Angesichts eminenter geistiger Leistungen, angesichts der Schöpfungen des Genius, erhabener Werke der Kunst, der Poesie, der Wissenschaft, angesichts der Vernunft und der Liebe tritt unser Denken aus jenem endlosen Zirkel heraus und sagt uns mit lauter, deutlicher Stimme: Der Geist ist besser als der Leib; Vernunft ist besser als Unvernunft; der Geist des Menschen, an den sich die Erdenschwere der Materie hängt, ist, trotz aller seiner Mängel und Gebrechen, das Höchste, Vollkommenste, Wertvollste in der uns bekannten Welt; der Mensch steht axiologisch  über  dem Tier, und zwar deshalb, weil er es in geistiger, nicht weil er es in körperlicher Hinsicht übertrifft. Der Geist erfaßt sich als Endzweck der Natur und als Selbstzweck; und alles leibliche Leben kann nur als Mittel für diesen höchsten Zweck gedacht werden. Was hätte unser ganzes leibliches Leben für einen Wert, wenn es nicht Träger, Werkzeug und Mittel des unendlich wertvollen geistigen Lebens wäre? -

Dies ist das  entscheidende Werturteil.  Wäre  dieses  Werturteil falsch, illusorisch, eine aus Beschränktheit und verblendetem Egoismus entsprungene Selbsttäuschung, wie dann? würden nicht dann fast  alle  unsere Werturteile überhaupt zu nichtigen Jllusionen herabgesetzt? Gäbe es dann in der Welt überhaupt irgendeinen Wert? Würde dann der Begriff "Wert" nicht ganz aus dem philosophischen Wörterbuch auszustreichen sein?


VII.

"Jede Klassifikation - sagt JEAN PAUL - "ist solange wahr, wie die neue Klasse fehlt." - Wenn die trockene Ironie dieser kritischen Bemerkung gegenüber der unantastbaren Sicherheit mancher apriorischen, namentlich mathematischen, Vernunfteinteilungen ihren Stachel verliert, so bleibt sie doch für alle rein empirischen Klassifikationsversuche, von den Einteilungsschablonen der Botanik und Zoologie bis zu den Begriffsnetzen der Psychologie, der Jurisprudenz und der Nationalökonomie hinaus, zu Recht bestehen. Jede empirische Klassifikation hat im Hinblick auf den unbegrenzbaren Spielraum neuer Tatsachen und schärferer Unterscheidungen etwas Problematisches, Flüssiges, Unfertiges, Fragwürdiges, Rhapsodisches an sich. Immerhin wird man nicht fehlgreifen, wenn man zuoberst einen Unterschied zwischen sinnlichen und geistigen, materiellen und ideellen, allgemein animalischen und spezifisch humanen Werten feststellt. Jene stehen mit der körperlichen Leibesorganisation und leiblichen Lebensnotdurft in einem unmittelbaren funktionellen Zusammenhang, und der Mensch hat sie mit den höheren Tiergattungen gemein; diese hingegen hat der Mensch vor den Tieren voraus; sie bauen sich bei ihm auf der allgemeinen Unterlage animalischer Existenz, Bedürftigkeit und leiblicher Lebensfähigkeit als "oberes Stockwerk" auf. Ebenso wird man fehlgreifen, zumindest nach der vorherrschenden Meinung des zivilisierten Teils der Menschheit nicht fehlgreifen, wenn man jene sinnlichen Werte als die niederen, untergeordneten, diese geistigen Werte aber als die höheren, übergeordneten bezeichnet. Dorthin gehören Speise und Trank, Luft, Licht und Wärme, ferner Gesundheit, Körperkraft, freier Raum für freie Leibesbewegung und dgl. mehr, hierher aber um gleich das Vornehmste zu nennen, innerer Seelenfrieden, Harmonie mit sich selbst, geistige Bildung, gesellschaftliche Ordnung, Kunst und Wissenschaft. Diese Humaniora und Humanissima, diese schwerwiegenden Imponderabilien [Unwägbarkeiten - wp], dieses spezifisch Menschliche am Menschen, diese den Tieren mangelnden Werte höherer und höchster Art, deren Gesamtheit man unter dem Namen "Kultur" der "Natur" gegenüberzustellen pflegt, müssen, vom einseitigen Standpunkt der Physiologie aus beurteilt, als ein Luxus und Überfluß über das zum animalischen Leben Notwendige erscheinen; aber für denjenigen, der sie kennt, sind sie das, wodurch das menschliche Leben erst lebenswürdig wird. Es sind Werte intellektueller, ästhetischer und ethischer Art.  Sie  erheben den Menschen über das Tier.  Sie  machen ihn zu einem Wesen  sui generis  [aus sich selbst heraus - wp].  Sie  erhöhen ihn zum höchsten Geschöpf in der uns bekannten Welt. Nur von der Höhe  dieses  Standpunkts aus kann die wahre Hierarchie der Werte erkannt, ihre richtige Rangordnung entdeckt werden; wie sich nur von hohen Berggipfeln aus, nicht in der Tiefe der Talschluchten das Land erblicken läßt. Die niedrigeren Stufen werden von den höheren Stufen aus überblickt; die höheren Stufen werden von den tieferen Stufen aus nicht überblickt; der Mensch durchschaut die Werte des Tieres, während das Tier die menschlichen Werte nicht kennt. Von oben herab ist zu urteilen, nicht von unten hinauf. Sollte aber jemand, im wohlbekannten Sinn des skeptischen Relativismus Protest erhebend, den Menschen daran erinnern, daß auch  sein  Urteil von typischen Gattungsgrenzen eingeschränkt ist und von unten, von oben, von allen Seiten her bedingt wird, dann würde mit einer Erweiterung jener Gegenfrage zu antworten sein, die wir auf ästhetischem Gebiet als Antwort gegeben haben: Was geht uns eine Krötenästhetik an? - und was Götterästhetik?

Wenn es gefordert wäre, sich bi zu rein individuellen Monomanien [Wahnvorstellungen - wp], Geschmacksverschiedenheiten und Idiosynkrasien [Eigenmischung - wp] herabzulassen, dann gäbe es der Wertsysteme unendlich viele. Jeder Einzelne hätte dann sein eigenes Wertsystem für sich; und diese unendliche Anzahl würde unaufhörlich - (besonders auch von Irrenhäusern her) - durch überraschende Nova [Neuigkeiten - wp] ins Überunendliche vermehrt. Indessen gibt es einen deutlich bemerkbaren Unterschied zwischen Zurechnungsfähigkeit und Unzurechnungsfähigkeit; der Wahnsinnige ist nicht maßgebend für die sakrosankte Logik, der Idiot nicht gesetzgebend für das schöpferische Genie; und wem es nicht auf eine pathologische Kuriositätensammlung ankommt, sondern auf die Entdeckung einer allgemeingültigen, mindestens für das Menschengeschlecht allgemeingültigen Normentheorie, der nimmt das Ideal der Gesundheit, nicht die Musterkarte der in endlosen Spielarten variierenden Krankheit als Maßstab in die Hand.

Ferner treten im Lauf der Geschichte gar manche Verschiebungen der Wertschätzung auf. Die Menschheit steht nicht still, sondern bewegt sich von Ort zu Ort; eine Generation steigt auf die Schultern der anderen Generation hinauf und gibt, nachdem sie lange genug als Lehrling gelernt hat, ihr eigenes Urteil ab. Reformen, Umwälzungen, Umkehrungen der Gütertafeln und Wertsysteme vollziehen sich bald hier bald dort; und es bleibt sehr fraglich, ob solche Umänderungen, wie die optimistische Geschichtsphilosophie sich einreden will, als aufsteigende Entwicklungsreihe, als stetiger Fortschrittsprozeß, als rastloses Vollkommenerwerden, Vorwärtskommen, eine planmäßige Höherbildung aufzufassen sind. An Rückfällen, Seitensprüngen, Verirrungen, Entartungen und grauenhaften Naturkatastrophen hat es in der Geschichte des Menschentums wahrlich nicht gefehlt; vom Zusammenbruch der griechischen Kultur an bis zu den furchtbaren Siegen des DSCHINGIS KHAN. Nur wenn man die Sache ganz im Großen, Groben, Makroskopischen betrachtet, läßt es sich allerdings nicht ableugnen, daß das Menschengeschlecht seit seinem prähistorischen Ursprung aus untermenschlichen, halbierischen Anfängen in intellektueller, technischer, wissenschaftlicher Hinsicht ein ansehnliches Stück  vorwärts gekommen ist und heute nicht niedriger, sondern um ein Erkleckliches höher steht, als es vor zehn oder zwanzig Jahrtausenden stand. Möglicherweise hat es abgenommen an physischer Stärke und tierischer Muskelkraft, zweifellos aber zugenommen an geistiger Eminenz und Humanität. Was andererseits Zukunftsperspektiven betrifft, so bleibt uns das Hoffen, das Erwarten, das Glauben, das Bestreben, das  bona fide  [in gutem Glauben - wp] Handeln, das eifrige Hinarbeiten auf den "Sieg des Besseren"; und der Wertmaßstab für das, was besser, was schlechter, was vollkommen, was unvollkommen ist, liegt  in uns.  Oder wo sollte er sonst liegen? Vielleicht ist er eine "virtuell angeborene Idee". Vielleicht, wie der gesunde Menschenverstand, ein mystischer, in der Tiefe verborgener Instinkt. Vielleicht sind alle Verbesserungen des Wertsystems astronomische Entdeckungen solcher Sternsysteme, die bisher schon unsichtbar am Himmel gestanden haben, nun aber durch schärfere Teleskope sichtbar geworden sind. Auf jeden Fall werden wir uns vor der kindlichen Tautologie und Fehlschlußfolgerung der Darwinisten gewöhnlichen Schlags zu hüten haben:
    "Wer im Kampf ums Dasein den Sieg davonträgt, eben  der  ist der Bessere;  ergo  der Bessere ist es, der stets im Kampf ums Dasein den Sieg davontragen muß; folglich wird der Mensch, der im  bellum omnium contra omnes  [Krieg aller gegen alle - wp] den Tieren über den Kopf gewachsen ist, durch immer weiter fortgesetzten Kampf ums Dasein  eo ipso  [schlechthin - wp] immer besser und besser werden."
O nein! Vielmehr: wenn, weil und sofern der Mensch - (nach  unserem Werturteil!) - etwas Besseres, Höheres, Vollkommeneres ist als das Tier, dann, darum und insofern ist der Sieg des Menschen über das Tier als Fortschritt anzusehen, nicht als Rückschritt.  Ob  er aber in Wahrheit etwas Besseres ist als das Tier, das wird nicht danach bemessen, daß er zum Kampf ums Dasein tauglicher ist und deshalb natürlicherweise tatsächlich den Sieg davongetragen hat, sondern danach, ob er den Sieg  verdient; - nach  unserem Werturteil! - Oft genug wird ja leider in dieser mangelhaften Welt das Bessere vom Schlechteren besiegt. Oft genug triumphiert der Schurke über den Ehrenmann; aber der siegreiche Schurke bleibt trotz seines Sieges das, was er ist; - ein Schurke nämlich. Wenn ein Genie von Straßenräubern ermordet, ein Mensch von Wölfen aufgefressen, ein hochbegabtes, edles, geniales Kulturvolk von einer bestialischen Barbarenhorde überrannt und vernichtet wird, so bejubeln wir nicht, sondern beklagen wir den Sieg.  Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni

Alle höheren, idealen, auf dem breiten Erdgeschoß der sinnlichen Triebwelt und Bedürftigkeit aufgebauten, das Tierische überragenden, den animalischen und den wirtschaftlichen Werten übergeordneten Werte fallen unter den dreifachen Gesichtspunkt der Logik, der Ästhetik und der Ethik.

Was vor diesen Richtern standhält, zu dem sagen wir Ja. Was vor ihnen nicht standhält, zu dem sagen wir Nein.


VIII.

Wie sind überhaupt Werturteile möglich? 

Es ist ein überaus dunkles, hartes, letztenendes vielleicht unlösbares Problem, ja ein verwickelter Knäuel von Problemen, was sich in dieser einfach lautenden Frage verbirgt; einer Frage, an der nicht nur kurzsichtige Alltagsköpfe und resolute, jeder rein theoretischen Grübelei den Rücken zukehrende Männer der Lebenspraxis, sondern auch ruhmgesättigte Weltweise und in weite Fernen hinausspähende Weltverbesserer mit bemerkenswerter Hurtigkeit und Unachtsamkeit vorübergewandert sind. Und doch handelt es sich hier um das innerste, wesentlichste Zentralproblem der gesamten tieferdenkenden Philosophie, um ein Problem, ohne dessen Lösung alle vermeintlichen Weltenrätselungen, alle gesetzgeberischen Wertaufstellungen, Wertumkehrungen, Wertumstülpungen im Prinzip verfehlte ohnmächtige Gedankenspielereien, individuelle Selbsttäuschungen und nichtige Jllusionen sind. Wie kommen und passen Werte, Wertunterschiede, Werturteile in eine Weltordnung hinein, die durchgängig von einer kausalen Naturnotwendigkeit regiert wird? Man bedenke das wohl und überlege es gründlich, wenn man nicht sich selbst zur Unrteilslosigkeit verurteilen und somit logischer Selbstmörder werden will! Wertbegriffe, Wertschätzungen, Werturteile involvieren selbstverständlich ein Loben und Tadeln, ein Zustimmen und Verwerfen, Bevorzugen und Zurücksetzen, Fordern und Verbieten, ein Bejahen und Verneinen, haben also zu ihrer unumgänglichen Fundamentalvoraussetzung die Annahme, daß gar Vieles anders sein  sollte,  folglich anders sein  könnte,  als es tatsächlich ist. Wie aber paßt das und wie kommt das in eine Weltordnung hinein, in der alles und jedes kraft einer alldurchdringenden, allgegenwärtigen, allbeherrschenden Kausalnotwendigkeit mit eindeutiger Streng determiniert ist, mithin genau so ist und so geschieht, wie es sein und geschehen  muß? -  Wie  sind Werturteile möglich?

Wendet man sich an den hierbei in Betracht kommenden wissenschaftlichen Instanzenzug, also an Psychologie, Metaphysik und schließlich Transzendentalphilosophie, so scheint der Beitrag, den die Psychologie zu liefern hat, am einfachsten zu sein.

Daß jedes Werturteil, worin einer Sache, einer Person, einer Eigenschaft oder Funktion Wert beigelegt oder abgesprochen wird, aus einem subjektiven Wert gefühl,  aus Befriedigung oder Nichtbefriedigung entspringt; daß die diesen Gefühlen ausdruckgebenden Wörter angenehm und unangenehm, schön und häßlich, gut und schlecht etc. vermöge einer unwillkürlichen naiven Objektivierung beigelegt werden; daß Befriedigung und Nichtbefriedigung auf bewußten oder unbewußten  Bedürfnissen  des Subjekts beruth; daß also das urteilende Subjekt vermöge seiner Bedürftigkeit seinen Wertmaßstab und Wertbarometer  in sich selber  trägt; - dies sind ohne weiteres einleuchtende Dinge. Bedürftigkeit ist ein allgemeiner Grundcharakterzug aller Lebewesen. Als ein lebendiges "Konkrement [Ablagerung - wp] von Bedürfnissen" tritt der Mensch, wie jedes andere  zoon  [Lebewesen - wp], in die Welt. Hunger und Durst, Bewegungsbedürfnis, Spieltrieb, Geschlechtstrieb, dann Neugier, Wißbegier, Erkenntnistrieb, Schönheitssinn, Bedürfnis nach innerer Harmonie, nach Frieden mit sich selbst, nach einem Einklang unserer eigenen Gedanken, Gefühle, Wünsche und Urteile unter sich, nach widerspruchsloser Übereinstimmung von Kopf und Herz, von Beschließen und Handeln beseelen ihn; und jedes Bedürfnis verlangt nach Befriedigung. Je nachdem etwas die Bedürfnisse in einem höheren oder geringerem Grad befriedigt oder nicht befriedigt, ihnen entspricht oder widerspricht, hat es einen höheren oder geringeren Wert, ist es wertvoll oder verwerflich. Für ein absolut gleichgültiges, nichtwollendes, nichtfühlendes, nichtbedürftiges, ein "bloß vorstellendes" Subjekt ist alles wert los,  indifferent,  adiaphoron.  Ein solches Subjekt ist bloßer Spiegel, bloßes Echo der puren Tatsächlichkeit, eine axiologische Null; es ist anästhetisch für Wertunterschiede, wie der Taubstumme für Töne, der Farbenblinde für Farben, der Chloroformierte für Schmerzen anästhetisch ist. Die Welt der Werte ist ein Kind der Bedürfnisse, wie  *Poros  der Sohn der  *Penia  ist. Wo aber im Bedürftigen eine Mehrheit von Bedürfnissen miteinander in Konflikt und Widerspruch gerät, da ist das  bouleuesthai  [Sichberatenlassen - wp], die Wahl Sache des Subjekts; ihm bleibt es anheimgestellt, den inneren Streit zu entscheiden, das Höhere dem Niedrigeren, das Bessere dem Schlechteren vorzuziehen.

Bis hierher spricht die  Psychologie,  in deren Augen Wertgefühle und Werte natürlich nichts anderes als interne Seelenzustände, als kausal bedingte, rein subjektive Phänomene des individuellen Lebens sind.

Nun aber greift die  Metaphysik  ins Spiel ein, um unsere wissenschaftlich unvollendete, wahrscheinlich unvollendbare Psychologie nach einer gewissen Richtung hin zu ergänzen. Das individuelle Seelenleben bildet einen integrierenden Bestandteil im Getriebe der allumfassenden Gesamtnatur. Die Natur, die uns, trotz aller wohlgelungenen Kausalerklärungen der theoretischen Naturwissenschaft, im Ganzen doch als ein ungelöstes Rätsel gegenübersteht, verfährt bei der Erschaffung animalisch-organischer Wesen auf entschieden  theologische  Art. Sie bringt, sichtbar auf ganz bestimmte Ziele hinarbeitend, in einem unendlich fein gegliederten anatomischen Körperbau und in den physiologischen Funktionen der Tiere und der Menschen mit unbegreiflicher, unbegriffener Zwecktätigkeit organische Kunstwerke, Zweckmäßigkeitswunder hervor, mit welchen verglichen selbst die bewunderungswürdigsten Erzeugnisse menschlicher Technik wie ein schwaches Kinderspiel erscheinen müssen. Und sie vollendet ihr Werk, indem sie diesen ihren Geschöpfen das zu ihrer körperlichen Organisation passende System von Instinkten, Trieben, Bedürfnissen, von intellektuellen und praktischen Fähigkeiten einpflanzt, damit sie ihre Organe gebrauchen, sich selbst am Leben erhalten, ja schließlich solche Handlungen vollziehen können, aus denen die Erzeugung neuer Geschöpfe von demselben Gattungstypus als Wirkung hervorgeht. Sie hat damit den Lebewesen indirekt die ihnen angemessenen Werte und Wertschätzungen eingeimpft, durch die ihr Handeln zweckmäßig determiniert werden soll. Ja, im Menschen tut sie noch ein Übriges; sie greift über sich selbst hinaus; sie erteilt ihm den Luxus eines geistigen Lebens, einer geistigen Begabung, die das zum animalischen Leben erforderliche Maß weit übersteigt und eine Welt  idealer  Werte erschafft,  ohne  die der Mensch in seiner zoologischen Eigenschaft als zweibeiniges Säugetier ganz wohl existieren und auch sich propagieren könnte, die aber uns als das Beste und Höchste erscheint, was es gibt. Wie das möglich ist, bleibt für unsere kausal erklärende Wissenschaft ein Rätsel. Wie die blind und mechanisch nach starren Gesetzen der Physik und Chemie wirkende Natur zur Teleologie kommt, wie sie in der Erzeugung, im zielstrebenden Wachstum, im planmäßig aus dem Keim sich entwickelnden Körperbau des tierischen Organismus, bis zur unendlich feinen Gliederung des Nervensystems und Gehirns hinauf, ein übermenschliches Wunderwerk genial betrachteter Zweckmäßigkeit hervorbringen kann, - das wissen wir nicht. Genug: sie tut es. -

Noch weniger wissen wir, wie es dieselbe blinde Künstlerin - (unsere seltsame Mutter Natur!) - zustande bringt, diesen erstaunlichen Organismus zu  beseelen,  ihm ein System von Trieben, Neigungen, Instinkten, Bedürfnissen, von psychischen Anlagen, intellektuellen Kräften einzupflanzen, welches vermöge einer prästabilierten Harmonie dem Bau und Lebenszweck der leiblichen Organisation in ihrer Beziehung zur sie umgebenden Außenwelt wunderbar genau und planvoll angepaßt ist. Wir wissen es nicht. Genug: sie tut auch  dies. -

Der ganze kausale  Naturmechanismus  steht im Dienst einer unbegriffenen  Naturtechnik,  die bis in die Neigungen, Bedürfnisse, Wertgefühle der Tierwelt und schließlich bis in die idealen Werte und Werturteile des menschlichen Geistes hinaufreicht.

Wir stehen vor einem teleologischen Welträtsel. Was sich darüber mit besonnener Selbstkritik sagen läßt, findet man im dritten Buch meiner kritischen Metaphysik dargelegt.

Aber mit all dem ist der eigentliche Kern der Frage "wie Werturteile möglich sind?" noch gar nicht berührt. Bliebe es beim Bisherigen, so wären eben die Wertgefühle nichts anderes als psychologische Motive, wirkende Kräfte, kausale Faktoren im Mikrokosmos des individuellen Seelenlebens; jedes Einzelwesen würde eben zu seinen individuellen Wertgefühlen determiniert, die lediglich als psychologische Triebfedern das Wollen und Handeln des Individuums hierhin und dorthin lenken, -  ohne  jeden  Anspruch  auf transindividuelle, objektive Geltung und  normative Allgemeingültigkeit.  Indessen genügt das nicht. Bereitwilligst wird man zugeben, daß sämtliche Werte des Individuums und der Gattung Funktionen der Individualnatur und der menschlichen Gattungsnatur sind, also mit diesem Typus stehen und fallen, erscheinen und verschwinden. Man hebe den Typus auf, und alle unsere Werte fallen weg, sind alsbald entwertet und annulliert. Aber -  alle?  wirklich -  alle? - Man bedenke es wohl! - Gibt es nicht vielleicht Ausnahmen hiervon? - Gibt es nicht unter anderem einen objektiven Wertunterschied zwischen  wahr  und  falsch? - einen Unterschied, ohne den das Erkennen, das Behaupten, das Widerlegen, das Verwerfen des Irrtums, das Verpönen der Absurdität, genug  die Wissenschaft selbst  unmöglich wird? zu einer nichtigen  Chimäre  wird?

Hier greift die  Transzendentalphilosophie  ein.

Wie, unter welchen Bedingungen allein ist es möglich, wodurch allein sind wir berechtigt und befugt, irgendein theoretisches oder praktisches Werturteil mit dem Anspruch auf objektive Anerkennung, objektive Richtigkeit, auf normative Allgemeingültigkeit aufzustellen? - Solange das Wertgefühl ein bloßes  Gefühl  bleibt und (egal ob in Worten formuliert oder als wortlos (stummer Seelenakt) - das Wollen, Handeln und Denken des Individuums nach dieser oder jener Seite hin determiniert, ist es lediglich ein psychologisches Motiv, lediglich ein kausaler Koeffizient im psychomechanischen Getriebe des Einzellebens und weiterhin, vermöge des psychophysischen Parallelismus zwischen Gehirnprozeß und seelischem Prozeß, kausaler Koeffizient im allumfassenden kosmomechanischen Getriebe der Gesamtnatur. -

Sobald aber das Wertgefühl sich in ein über das Individuum hinausgreifendes, Anerkennung forderndes Wert urteil  umwandelt, also unter Objektivierung seines positiven oder negativen Inhalts eine solche Prädikate wie schön und häßlich, gut und schlecht, überhaupt annehmbar oder verwerflich auf den beurteilten Gegenstand als dessen Eigenschaft überträgt, hört es auf bloß ein psychologisches Motiv, bloß ein innerer Seelenzustand des Urteilenden, bloß ein Modus des subjektiven Befindens zu sein, stellt es die Anforderung des  Seinsollens  oder  Nichtseinsollens,  setzt also voraus, daß Vieles in uns und außerhalb von uns anders sein  könnte,  als es tatsächlich ist. Hierdurch aber gerät es in einen flagranten Widerspruch mit dem Prinzip der Kausalität, laut welchem der ganze Weltlauf, bis in unser eigenes Seelenleben, in unser Denken, Wollen, Wünschen und Handeln hinein, mit eindeutiger Naturnotwendigkeit prädeterminiert ist und genauso abläuft, wie es ablaufen  muß,  so daß jedes Anderssein sollen  zugleich mit dem Anderssein können  als Chimäre wegfällt.

Wie nun? Scheinen demnach nicht sämtliche Werturteile, in denen mit Bewußtsein einiges für objektiv richtig und seinswürdig, anderes für objektiv unrichtig und verwerflich erklärt wird, eine durchaus irrationale, mit der Naturordnung unvereinbare Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] unserer persönlichen Befriedigung oder Nichtbefriedigung zu sein? Müssen wir nicht das Loben und Tadeln ganz einstellen? Sind nicht alle auf objektive Gültigkeit Anspruch erhebenden Werturteile eine Jllusion? Sind wir nicht glücklich bei jenem indifferentistischen Apophtegma [kerniger Spruch - wp] angelangt: "Nichts ist ansich weder gut noch schlimm, weder richtig noch unrichtig; die Gedanken des Menschen machen es erst dazu"? Ja endlich: eben dieser indifferentistische Satz selbst, der ja doch wohl im Mund desjenigen, der an ihn glaubt, eine objektiv gültige Wahrheit aussprechen will, ist er nicht auch eine rein individuelle, vom kausalen Mechanismus des individuellen Seelenlebens dem Urteilenden aufgezwungene Zwangsmeinung, Zwangsvorstellung und fixe Idee? - - -

Wir sind bei einer Krisis und Katastrophe angelangt. Gerade hier aber greift die  Transzendentalphilosophie  ein, der höchste Standpunkt, den das philosophische Denken bisher erklommen hat, und der allein die Fähigkeit besitzt, uns aus einem unerträglichen Dilemma herauszuretten. Die Transzendentalphilosophie ist zu der tiefen Einsicht durchgedrungen, daß nicht die Natur, nicht die Welt, sondern das  Bewußtsein  Urtatsache ist, und zwar  die  Urtatsache  kat exochen  [schlechthin - wp]; daß die uns gegebene Natur nicht "Ding ansich" ist, sondern Bewußtseinsinhalt, Bewußtseinsphänomen; daß diese Natur, zu der wir selbst empirisch als ihr Bestandteil und Produkt gehören, nur aufgrund eines mit sich identisch bleibenden Ich und  für  dieses Ich existiert; daß sie durch die Zusammenfassung und Ergänzung isolierter Wahrnehmungsfragmente nach gewissen Interpolationsmaximen zustande gebracht wird; daß auch das Kausalitätsprinzip unter diese weltbedingenden, metakosmischen Interpolationsmaximen gehört; und daß schon der aller Wissenschaft als Lebensbedingung stillschweigend zugrunde gelegte Unterschied zwischen objektiver Wahrheit und objektiver Falschheit aus Bejahung und Verneinung, d. h. aus logischen Werturteilen des Ich hervorgeht. Individuelles Fürwahrhalten ist Meinung, ist Ansicht, ist Glaube, ist ein subjektiver, psychologisch determinierter Seelenzustand des Einzelnen, der in Ermangelung jeder zureichenden Begründung keinerlei Anspruch auf Anerkennung seitens Anderer besitzt. Objektive Wahrheit oder objektive Falschheit hingegen hat ein Urteil , welches allen Zurechnungsfähigen, Vernunftbegabten, an der Vernunft Teilhabenden Zustimmung respektive Verwerfung gebietet und  befiehlt.  Das Erkenntnisurteil ist ein logisches  Werturteil  und appelliert an eine höchste Instanz, eine über den psychologischen Mechanismus des individuellen Seelenlebens erhabene allgemeine Vernunft. Vernunft, als eine über den Zwang psychomechanischer Determiniertheit des individuellen Seelenlebens sich frei erhebende, Denkfreiheit involvierende Fähigkeit, einen streng allgemeingültigen Unterschied zwischen objektiver Wahrheit und objektiver Falschheit zu machen, und zwischen Sinn und Unsinn, zwischen logischer Richtigkeit und logischer Unrichtigkeit eine absolute Grenze zu ziehen, ist eine unumgängliche Grundbedingung der Möglichkeit der Wissenschaft. Das Prinzip des Widerspruchs, welches ARISTOTELES den  gewissesten  unter allen Grundsätzen nennt, von dem er sagt  er  sei von Natur das Grundprinzip auch aller übrigen Axiome. das Prinzip des Widerspruchs, laut welchem Einunddasselbe zu bejahen und doch zu verneinen schlechthin und bedingungslos absurd und verboten ist, - oder (um ein beliebiges Sonderbeispiel zu wählen) die kategorische Behauptung, daß der Satz "3 x 3 = 9" ansich richtig, der andere Satz "3 x 3 = 10" ansich falsch ist, nicht nur für mich und für dich, sondern ansich und unbedingt richtig, bzw. falsch ist, - hat zur Voraussetzung die Annahme, daß es eine über den kausalen Mechanismus des individuellen Seelenlebens erhabene, und insofern überpersönliche,  allgemeine Vernunft  gibt, an der wir teilnehmen, der wir uns als höchster Instanz zu unterwerfen haben, und die mindestens in theoretischer Hinsicht unbeschränkt allgemeingültige Werturteile sanktioniert, ohne deren Anerkennung die Wissenschaft selbst ein Unding, ja schon die Idee oder das Ideal der Wissenschaft ein innerlich unmögliches Hirngespinst sein würde. Wer dies ableugnet, der leugnet sein eigenes Ableugnen ab, verurteilt sich selbst zur Urteilslosigkeit und hat damit den Gipfel der Absurdität erreicht.

Auf der einen Seite werden wir, solange der heilige Geist der Wissenschaft uns nicht im Stich läßt, beharrlich an der Überzeugung festhalten, daß,  wenn  unsere in so mancher Hinsicht unvollendete, vielleicht unvollendbare Psychologie bis zu ihrem letzten Endziel gelangt  wäre,  dann nicht nur die Entschlüsse und Handlungen, sondern auch die Einfälle und Gedanken eines Menschen sich mit derselben Sicherheit müßten vorausberechnen lassen "wie eine Sonnen- und Mondfinsternis". Auf der anderen Seite aber läßt sich auch nicht bestreiten, daß der in seiner eigenen Schlinge Verstrickte, der zum Determinismus determinierte Determinist unter die seltsamsten, bedauerlichsten Exemplare der weitverbreiteten Klasse der logischen Selbstmörder gehört.

Den Ausweg aus diesem unterträglichen Dilemma zeigt uns die Transzendentalphilosophie.


IX.

Der Mensch ist ein höchst seltsames, helldunkles Mittelwesen von ganz eigener, einzig dastehender Art. Er nimmt in der Welt eine rätselhafte, zweideutige, für ihn selbst keineswegs behagliche, von tieferen Geistern als tragisch empfundene Mittelstellung ein. Er ist mehr als Tier, und nicht weniger als Gott. Er erhebt sich durch sein Denken frei über die Natur hinaus, die ihn doch am Stoff festhält, vom Stoff nicht losläßt. Er ist das einzige Wesen, welches einen haarscharfen Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich macht; das einzige, welches ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein und Weltbewußtsein besitzt; das einzige, welches seine eigene Endlichkeit, Begrenztheit, Unvollkommenheit fühlt und erkennt, aber zugleich über diese Grenzen weit hinausschauend die Ideen der Unendlichkeit, der Ewigkeit, der Vollkommenheit erfaßt; das einzige, welches die Dinge und sich selbst einer bewußten Wertschätzung, Kritik und Wertbeurteilung unterwirft. Er steht einsam in der Unendlichkeit da, blickt unter sich hinab und über sich hinaus, und soll sich in dieser Einsamkeit durch eigene Kraft zurechtfinden.

Die großen, folgenschweren Vorzüge, die der Mensch vor dem Tier voraushat, und durch die er zum Vornehmsten auf der Erde erhoben, zum obersten Richter über Wert und Unwert berufen wird, lassen sich, was ja schon oft geschehen ist, in einem langen, ausführlichen Register aufzählen, oder auch in eine ganz kurze, knappe, prägnante Formel zusammendrängen. Aber es steht mit Sicherheit zu befürchten, daß das Register doch niemals vollständig erschöpfend, und daß die kurze Formel doch niemals bis zu völliger Eindeutigkeit sein würde.

Es wird erzählt, daß ANAXAGORAS, von den Athenern wegen Atheismus verurteilt, nach Lampsakus entflohen ist, und daß, nachdem er dort in hohem Lebensalter gestorben war, von seinen neuen Mitbürgern ihm zu Ehren zwei Altäre errichtet wurden; Altäre des  nous [Geist - wp] und der  aletheia  [Wahrheit - wp]. Mir hat es so scheinen wollen, als ob in dieser ehrenvollen Pietätserweisung eine Art von Pleonasmus [überflüssige Häufung sinngleicher Ausdrücke - wp] enthalten gewesen wäre. Wenn ich Altäre zu errichten hätte, so würde ich dem  logos  und der  agape,  der Vernunft und der Liebe, Altäre errichten.
LITERATUR Otto Liebmann, Gedanken und Tatsachen, Bd. 2, Straßburg 1904
    Anmerkungen
    1) ARISTOTELES, De anima, III, cap. 7