cr-2tb-1Glaube und UrteilLaura Bridgmandow36 KB    
 
WILHELM JERUSALEM
Gegenstand und Aufgabe der Logik

"Wenn ich genau sage, was ich meine, wenn ich genau verstehe, was der andere zu mir sagt, dann hat die Sprache ihren Zweck erfüllt. Die Frage, ob meine Behauptungen sachlich richtig sind, kommt hier entweder gar nicht oder jedenfalls erst in zweiter Linie in Betracht."

Die Logik ist die Lehre von den Formen des richtigen Denkens. Als richtig gilt uns das Denken dann, wenn es zu  objektiven  gewissen Urteilen führt. Objektiv gewiß sind solche Urteile, die jeder, der sie hört und dem zu ihnen führenden Gedankengang mit Verständnis folgt, als wahr anzuerkennen nicht umhin kann. Als ein zweites Kriterium für die objektive Gewißheit eines Urteiles betrachten wir ferner das Eintreffen der auf das betreffende Urteil gegründeten Voraussagen.

Der objektiven Gewißheit steht die subjektive gegenüber, welche meist nicht auf einen anderen übertragen werden kann. Subjektive Gewißheit haben wir z.B. davon, daß unser Freund, den wir viele Jahre kennen, in einem bestimmten Falle so und nicht anders handeln wird. Objektive Gewißheit dagegen haben wir z.B. davon, daß das Steigen des Barometers eine Vermehrung des Luftdrucks bedeutet.

Die Formen des richtigen Denkens, d.h. des Denkens, das zu objektiv gewissen Urteilen führt, sind nun nichts anderes als die allgemeinen Bedingungen dieser objektiven Gewißheit. Berücksichtigt man noch den Umstand, daß man in der wissenschaftlichen Forschung nicht immer zu objektiv gewissen, sondern sehr häufig nur zu mehr oder minder wahrscheinlichen Urteilen gelangt, so kann man die Logik auch definieren als die Lehre "von den allgemeinen Bedingungen der objektiven Gewißheit und Wahrscheinlichkeit".

Um die Formen des richtigen Denkens zu finden, müssen zunächst die Formen des Denkens überhaupt untersucht werden, d.h. es muß nach dem geforscht werden, was alle Denkakte gemeinsam haben. Hier drängt sich nun vor allem die "Urteilsform" auf, welche allem Denken zugrunde liegt. Die einfachsten Wahrnehmungen sowie die Resultate der verwickeltetsten Überlegungen, sie alle kommen in der Form des "Urteils" zum Ausdruck.

Diese Denkform hat in der Sprache die Form des Behauptungssatzes angenommen und so bilden denn Satz und Urteil oder, wie wir auch sagen können, der "Urteilssatz" den Mittelpunkt aller logischen Untersuchungen. Wann ist ein Urteil richtig? Unter welchen Bedingungen läßt sich aus einem oder aus mehreren richtigen Urteilen ein neues richtiges ableiten? Das sind die Fragen, welche den Hauptgegenstand der Logik bilden. Man könnte demnach die Logik auch bestimmen als die Lehre von den allgemeinen Bedingungen des "richtigen Urteilens".

Aber nicht an allen Urteilen sind solche allgemeine Bedingungen ihrer Richtigkeit festzustellen. Eine große Zahl von Urteilen dient dazu, individuelle Wahrnehmungen, Erinnerungen, Erwartungen zu formulieren und auszudrücken. Alle solchen Urteile, ich nenne sie Urteile der Anschauung, haben ihrer Natur nach nur subjektive Gewißheit und geben daher zu logischer Prüfung keinen Anlaß.

Eine solche Prüfung kann nur an Urteilen vorgenommen werden, welche allgemeine Behauptungen aufstellen, d.h. genauer gesprochen, welche nicht individuelle bestimmte und individuell gefärbte Tatsachen bezeichnen, sondern vielmehr ein Ausdruck sind für "Gesetze des Geschehens". Solche Urteile nennen wir "Begriffsurteile" und nur diese können Gegenstand logischer Prüfung werden.

Eine solche Prüfung gelingt, wie eine mehr als zweitausend Jahre alte Tradition lehrt, am besten dadurch, daß die Begriffsurteile künstlich in ihre Elemente zerschlagen werden. Diese Elemente sind hier "Begriffe", eine Denkform, die zwar erst im Urteil zu lebendiger Wirkung kommt, trotzdem aber auch zu logischen Zwecken einer selbständigen Betrachtung unterzogen werden muß.

Jeder Begriff hat das Merkmal der "Allgemeinheit". Er entsteht als Niederschlag vieler Anschauungsurteile und ist der einheitliche Träger von Eigenschaften und Zuständen, die einer Anzahl von Vorstellungen gemeinsam sind. Der Begriff wird durch ein symbolisches Zeichen, meist durch ein Wort, im Bewußtsein festgehalten. Die genau präzisierte Bedeutung des Wortes, d.h. die Eigenschaften und Zustände, deren Träger der Begriff ist, bilden seinen "Inhalt", die Objekte, an denen sich die betreffenden Eigenschaften und Zustände finden, den "Umfang" des Begriffes.

Die traditionelle Logik hat nun die Prüfung der Urteile in der Weise in Angriff genommen, daß sie dieselben als "Aussagen über Begriffsverhältnisse" betrachten lehrte. Dabei erwies sich die Betrachtung der Umfangsverhältnisse als viel geeigneter, weil diese auch mit Vorteil mathematische Formeln anwenden lassen. Dagegen bleiben die Inhaltsbeziehungen immer abstrakt, lassen sich weder anschaulich darstellen noch mathematisch formulieren.

Die traditionelle Logik ist also meist eine "Umfangslogik" geblieben. Sie untersucht die möglichen Begriffsverhältnisse an sich, fragt dann welche von denselben in den Urteilen zum Ausdruck gelangen, und sucht zu ermitteln, wie sich aus gegebenen Begriffsverhältnissen neue ableiten lassen. Diese Ableitung nennt man "Schließen", und so zerfällt die traditionelle Logik in die Lehre vom "Begriff", vom "Urteil", vom "Schluß".

Die Auffassung des Urteils als einer Aussage über ein Begriffsverhältnis hat lange über die wahre psychologische Natur des Urteilsaktes getäuscht. Indem man immer von zwei Bestandteilen des Urteils sprach, hat man vergessen, daß der dem Urteil zugrunde liegende und durch dasselbe geformte Vorgang beide Bestandteile ungesondert enthält.

Über die psychologische und namentlich erkenntnistheoretische Bedeutung der Urteilsfunktion werden wir weiter unten zu sprechen haben. Hier muß jedoch hervorgehoben werden, daß die Logik in ihrem vollen Rechte ist, wenn sie das Urteil in Begriffe auflöst, insofern diese Auflösung ihren Zwecken dient. Nur darf eine zu bestimmten wissenschaftlichen Zwecken vollzogene künstliche Umformung nicht den Anspruch erheben, für die ursprüngliche und wesentliche Natur des psychischen Aktes maßgebend sein zu wollen.

Mit der Lehre vom Begriff, Urteil und Schluß ist jedoch die Aufgabe der Logik nicht erschöpft. Sie soll auch zeigen, wie diese Formen im wissenschaftlichen Denken Anwendung finden und demgemäß die "Methoden" der Forschung untersuchen. Dabei wird man mit WUNDT am besten die Methoden der Darstellung eines bereits bekannten Inhaltes von den Methoden der Untersuchung sondern. Die Methoden der Darstellung sind vor allem die "Definition" und "Einteilung" der "Begriffe" sowie die verschiedenen Arten der  Beweise. 

Bei den Methoden der Untersuchung werden dann "Induktion" und "Deduktion", "Analyse" und "Synthese", "Hypothese" und "Fiktion" (1) sowie speziellere Methoden zur Darstellung gelangen. Die Methodenlehre wird aber erst dann fruchtbringend, wenn sie zu den einzelnen Wissenschaften herabsteigt und die ihnen eigenen Methoden zur Anschauung bringt. Wir unterscheiden demnach eine allgemeine und eine spezielle Methodenlehre, welch letztere die Logik der einzelnen Wissenschaften darstellt. WUNDT hat in seinem dreibändigen Werke über Logik diese Riesenarbeit geleistet und damit die Aufgabe der Logik ungemein erweitert.


Entwicklungen und Richtungen der Logik

Das Bedürfnis nach einer präzisen Formulierung der allgemeinen Denkgesetze machte sich gegen das Ende des vierten Jahrhunderts vor Christus fühlbar, als die der sogenannten megarischen Schule angehörigen Denker einerseits an der Möglichkeit wahrer Urteile Zweifel erhoben, anderseits durch sophistische Fangschlüsse den Gegner zu verwirren suchten. Nachdem SOKRATES die Forderung nach "begrifflicher" Erkenntnis erhoben und PLATON über die Definition und Einteilung der Begriffe Untersuchungen angestellt hatte, unternahm es ARISTOTELES, die Regeln des Schließens und Beweisens genau und ausführlich zu erforschen und darzulegen, und wurde dadurch Begründer der Logik.

ARISTOTELES war sich vollkommen darüber klar, daß es dabei nicht auf die Entdeckung neuer Wahrheiten, sondern auf die Prüfung der Resultate des natürlichen Denkens ankomme. Er sagt ausdrücklich, die Logik habe die Aufgabe, die tatsächlich vollzogenen Schlüsse auf bestimmte Formen zurückzuführen, um dadurch ihre Richtigkeit zu prüfen. Auch das wußte ARISTOTELES, daß man zu diesem Zwecke die wirklich vollzogenen Schlüsse in die zugrundeliegenden Urteile und die Urteile in ihre begrifflichen Elemente auflösen müsse. Der Name, den er seiner Wissenschaft gab, lautete demgemäß ganz richtig "Analytik", d.h. Zergliederungskunst.

Die logischen Schriften des ARISTOTELES (von den Kategorien oder Grundbegriffen, vom Urteilssatze, von der Schluß- und Beweislehre, die Lehre vom Wahrscheinlichkeitsbeweise und von der Definition, enthalten in den acht Büchern der Topik) wurden vom späteren Altertum und im Mittelalter unter dem Namen "Organon", d.i. Werkzeug (des Denkens), zusammengefaßt.

Eine vom Neuplatoniker PORPHYRIUS (drittes Jahrhundert n. Chr.) verfaßte und von BOETHIUS (sechstes Jahrhundert) ins Lateinische übertragene Einführung in diese Schriften, worin die fünf wichtigsten Grundbegriffe (Gattung, Art, Artunterschied, besonderes Merkmal und zufälliges Merkmal) behandelt sind, war unter dem Namen "Quinque voces" als Lehrbuch in den Schulen des Mittelalters allgemein eingeführt. Durch die Schüler des ARISTOTELES, THEOPHRAST und EUDEMOS, durch die Stoiker und vielfach auch durch die scholastischen Philosophen des Mittelalters wurden die Formen der Schlüsse noch feiner ausgearbeitet und eine Menge neuer Kunstausdrücke geschaffen, mit denen der geschulte Dialektiker rasch und sicher operieren mußte.

Im sechzehnten Jahrhundert hat PETRUS RAMUS, ein heftiger Gegner des ARISTOTELES und der Scholastik im Anschluß an CICERO und QUINTILLIAN ein Lehrbuch der Logik verfaßt, in dem der Stoff so angeordnet war, wie heute noch in den meisten Lehrbüchern der Logik.

Der Engländer BACON hat in seinem "Novum Organon" die Wertlosigkeit der aristotelischen Logik darzutun gesucht und ernergisch auf die Induktion hingewiesen, wo man vom einzelnen zum allgemeinen aufsteigt. Trotzdem erhielt sich die Aristotelisch -scholastische Logik in ihren Hauptlehren auch weiterhin noch als Gegenstand des Schulunterrichtes und ist es zum großen Teil bis heute geblieben.

Eine neue Richtung und ein neuer Inhalt wurde der Logik durch KANT gegeben. Neben der alten rein formalen Logik, die er gelten läßt, schuf er eine neue Art logischer Betrachtung, die er selbst "transzendentale Logik" nannte. In den Formen des Urteils glaubte er die Grundfunktionen des menschlichen Verstandes zu finden, vermöge deren dieser die von außen einströmenden Eindrücke formt und gestaltet. KANT betrachtet diese Grundfunktionen als eine Art Urbesitz unseres Geistes, der durch die Betätigung dieser Funktionen die Gesetzmäßigkeit des Naturgeschehens gleichsam selbst schafft. Dadurch aber erhalten die logischen Formen eine erzeugende, fast schöpferische Kraft.

In einseitiger Weiterentwicklung dieses Gedankens hat dann HEGEL eine "metaphysische Logik" ersonnen, in welcher die logische Selbstentwicklung Begriffe mit dem wirklichen Geschehen, mit dem Sein der Dinge in eins zusammenfällt. Die Logik HEGELs, deren dialektische Methode tiefgreifende Wirkungen ausgeübt hat, schien in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vollständig überwunden, lebt aber jetzt in anderer Form wieder auf. Ebenso findet die Logik der Scholastiker des Mittelalters wieder energische Verteidiger. Diesen Stimmungen gegenüber sucht sich wiederum eine ganz andere Auffassung zur Geltung zu bringen, welche den streng erfahrungsmäßigen Charakter der logischen Gesetze betont. In der Logik der Gegenwart lassen sich etwa folgende Richtungen unterscheiden.
  • Die psychologische Logik
    untersucht eingehend die psychologischen Grundlagen der Denkgesetze. Indem man hier das tatsächliche Denken zum Ausgangspunkt nahm, hat man sehr viel zur Psychologie des Denkens beigetragen und die Natur des Denkprozesses, wie er sich tatsächlich vollzieht, aufgehellt. Die entschiedensten Vertreter dieser Richtung, zu denen sich auch der Verfasser dieses Buches zählt, fassen die logischen Gesetze auf als den Niederschlag der allgemeinen und bewährten Erfahrung. Die Aufgabe der Logik besteht dann lediglich darin, zu untersuchen, wieviel allgemeine und bewährte Erfahrung in jeder einzelnen Erfahrung enthalten ist.

  • Die erkenntnistheoretische Logik
    sucht nicht nur die Geltung der Denkgesetze im Bereich des Erkennbaren festzustellen, sondern auch die Grenzen des Erkennens zu bestimmen. Damit geht sie über den Rahmen des spezifisch Logischen hinaus und kommt tief in die Probleme der Erkenntniskritik und Metaphysik hinein. Die betreffenden Untersuchungen sind vielfach sehr bedeutend, allein sie erreichen den speziellen Zweck der Logik, nämlich die Erkenntnis der allgemeinen Bedingungen objektiver Gewißheit, weniger, weil sie zu tief graben und den Glauben an jede objektive Gewißheit erschüttern.

  • Die mathematische Logik
    sucht für die Urteils- und Schlußformen eine möglichst genaue mathematische Formulierung zu gewinnen. Die betreffenden Untersuchungen legen sämtlich die Umfangsverhältnisse der Begriffe zugrunde und haben in der Tat oft überraschende Resultate erzielt. Die alten Schulregeln werden dadurch oft sehr vereinfacht und erhalten eine viel exaktere Fassung. Die einfacheren der so gewonnenen Formeln könnten mit großem Nutzen für den Schulunterricht verwendet werden, die komplizierten dagegen sind oft auch für den Fachmann schwer verständlich. Jedenfalls ist hier ein Feld fruchtbringender Tätigkeit erschlossen.

  • Die methodologische Logik
    ist eine überaus fruchtbringende Erweiterung der logischen Forschung. JOHN STUART MILLs System der induktiven Logik und WILHELM WUNDTs oben erwähntes, groß angelegtes Werk haben bereits Bedeutendes geleistet. Hierher gehören auch die von amerikanischen Denkern ausgehenden sehr beachtenswerten Versuche, die Logik auf empirisch-praktischer Grundlage aufzubauen, Versuche, die auf Grund des "pragmatischen" Prinzips unternommen wurden.

    Es sind dies hauptsächlich die Arbeiten JOHN DEWEYs, MARK BALDWINs und C.F.S. SCHILLERs. Hier ließe sich noch tiefer dringen, wenn man die Logik schlechtweg als Methodenlehre des Denkens betrachten sich entschlösse und den von ERNST MACH eingeführten Begriff der Denkökonomie darauf verwenden wollte. Logik wäre dann nichts anderes als allgemeine "Ökonomik des Denkens", und ihre Aufgabe bestünde darin, herauszufinden, wie sich die Denkmittel immer ökonomischer gestaltet haben und weiter gestalten lassen.
KANTs bekannter Ausspruch, daß die Logik seit ARISTOTELES keinen Schritt vorwärts habe tun können, aber auch keinen Schritt nach rückwärts habe tun müssen, war kaum zu der Zeit, wo er getan wurde, berechtigt und ist es heute noch viel weniger. Manche der grundlegenden Gedanken des ARISTOTELES werden erst jetzt richtig verstanden und gewürdigt. Allein in der Probestellung und in der Formulierung ist man vielfach von ARISTOTELES ab und über ihn hinausgekommen.


Grammatik, Logik und Psychologie

Die Logik ist gleich bei ihrem Ursprunge sowie im Laufe ihrer Entwicklung in die engsten Beziehungen zur Grammatik getreten. Die Unterscheidung von Subjekt und Prädikat, von Substantiv, Adjektiv und Verbum ist ein Resultat mehr logischer als grammatischer Erwägung. Die Denkgesetze konnten nur durch Zergliederung des sprachlichen Ausdrucks gefunden werden. Im Laufe der weiteren Entwicklung hat jedoch die Verquickung logischer und grammatischer Untersuchungen vielfach zu Irrtümern Anlaß gegeben. Indem man die Bedeutung eines Wortes mit dem Inhalt des Begriffes, den Satz mit dem Urteil identifizierte, glaubte man, daß jede grammatische Beziehung gleich eine logische sei und daß umgekehrt die Sprache sich nach logischen Gesetzen entwickle oder entwickeln solle.

Die Grammatik ist die Lehre von den Gesetzen des menschlichen Sprachbaues. Diese Gesetze entwickeln sich nach physiologischen und psychologischen Gesichtspunkten, und deshalb muß Physiologie und Psychologie, nicht aber die Logik die Grundlage der Grammatik bilden. Die Sprache ist der Ausdruck der Vorstellungen, Gedanken, Gefühle und Willensrichtungen. Wenn ich genau sage, was ich meine, wenn ich genau verstehe, was der andere zu mir sagt, dann hat die Sprache ihren Zweck erfüllt. Die Frage, ob meine Behauptungen sachlich richtig sind, kommt hier entweder gar nicht oder jedenfalls erst in zweiter Linie in Betracht. Die Grammatik muß also ganz von der logischen Grundlage losgelöst und auf Psychologie gegründet werden.

Dagegen wird die Logik die in der Sprache geleistete Denkarbeit immer benützen und sich in ihren Bestimmungen an den herrschenden Sprachgebrauch halten müssen. Es wird der logischen Schulung gewiß immer ein wesentlicher Einfluß auf die Korrektheit des Ausdruckes zukommen, aber nie darf es der Logik einfallen, die Sprache meistern zu wollen. Die Logik hat es mit den Formen des Denkens zu tun, und nur die daraus hervorgehenden Beziehungen sind ihr Gegenstand. Vielfach wird sie die Sprache mit Vorteil als Wegweiser benützen, aber nirgends darf sie sich von derselben irreleiten lassen.

Das Verhältnis der Logik zur Psychologie ergibt sich eigentlich schon aus dem oben Bemerkten. Die Psychologie muß das menschliche Denken in seinem tatsächlichen Verlaufe ebenso zu erforschen suchen wie die anderen Seelentätigkeiten. Auch der Logiker tut gut, sich die darauf bezüglichen Resultate der Psychologie zu eigen zu machen. Allein es steht der Logik vollkommen frei, ja es ist ihre eigentliche Aufgabe, die natürlichen Denkformen künstlich so umzugestalten, daß die Prüfung der allgemeinen Bedingungen objektiver Gewißheit dabei möglich werde.

Für den Psychologen sind die Umstände, unter denen ein Urteil gefällt wird, die Personen, die es fällen, die Nebengedanken und die Zwecke, die dabei im Spiele sind, von der allergrößten Bedeutung. Der Logiker sieht nur das Urteil, beziehungsweise das Begriffsverhältnis. Er muß den Gedanken von allen Assoziationen, von allen Gefühlsmomenten, von allen Zwecken des Denkenden, ja womöglich von der Person des Denkers loslösen, um ihn auf seine formale Richtigkeit zu prüfen. Je genauer, je vollständiger der Logiker diese Abstraktion von allen Nebenumständen vollzieht, desto besser gelingt seine logische Aufgabe. Nur darf er dabei nicht in den Irrtum verfallen, als sei sein künstliches Präparat das wahre, ursprüngliche, lebendige Denken selbst.

Die reinliche Abgrenzung der logischen Aufgabe ist mitunter eine recht schwierige. Eben diese Schwierigkeiten nötigen oft dazu, über das spezifisch Logische zu höheren Problemen aufzusteigen. Dadurch entstehen die Beziehungen der Logik zur Philosophie, zu deren Besprechung wir jetzt übergehen.


Logik und Philosophie

Die Logik gilt als unentbehrliche Vorschule der Philosophie und wird als philosophische Propädeutik (Einführung) vielfach an Mittelschulen gelehrt. Die Logik ist auch tatsächlich eine unentbehrliche Vorschule, aber nicht nur für die Philosophie, sondern für jede Wissenschaft. Der Geist wird dadurch nicht, wie MEPHISTO scherzt, in spanische Stiefel eingeschnürt, sondern nur zur Besonnenheit erzogen, vor raschen und voreiligen Verallgemeinerungen bewahrt und daran gewöhnt, das Sichere von dem bloß Wahrscheinlichen zu unterscheiden.

Die Logik bringt die instinktiv gebrauchten Denkgesetze zum Bewußtsein und heißt uns das Gedachte vorsichtig prüfen. Eine solche Schulung ist für jede wissenschaftliche Arbeit unerläßlich. Die intensive Beschäftigung mit den logischen Problemen führt jedoch fast notgedrungen über das rein Logische hinaus und nötigt zu streng philosophischen Untersuchungen. Wer in der Lehre vom Begriff über das Verhältnis des Begriffes zu seinen Merkmalen ins klare kommen will, wer den Geltungsbereich unserer Urteile und Schlüsse zu prüfen unternimmt, der kann an der Frage nicht vorübergehen, inwiefern unser Verstand überhaupt fähig ist, das Wirkliche zu erkennen.

Die Frage nach der Möglichkeit und nach dem Ursprung menschlicher Erkenntnis taucht auf, und damit sind wir mitten in einer der wichtigsten philosophischen Disziplinen, in der Erkenntnistheorie.
LITERATUR - Wilhelm Jerusalem, Einleitung in die Philosophie, Wien/Leipzig 1919
    Anmerkungen
  1. Unter einer Fiktion verstehen wir eine bewußt falsche, in sich widerspruchsvolle Annahme, die wir zu machen uns veranlaßt sehen, um eine bestimmte wissenschaftliche Aufgabe zu lösen. Die überaus große und sehr interessante Rolle, die dieser Kunstgriff des menschlichen Geistes in der Entwicklung der Wissenschaften spielt, besonders in der Mathematik, Physik, Jurisprudenz und Nationalökonomie, findet man jetzt lichtvoll dargestellt in dem auch anderweitig sehr bedeutsamen Buche "Die Philosophie des Als ob" von HANS VAIHINGER

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