p-4p-4G. SimmelF. StaudingerM. D. VernonJ. Rehmke    
 
HERMANN SCHWARZ
[mit NS-Vergangenheit]
Die Umwälzung der
Wahrnehmungshypothesen

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"Entweder die  eidola  [Bilder, Ideen, Vorstellungen] bringen, wie Epikur und Demokrit lehrten, sich selbst und nur sich selbst zur Darstellung; dann wird der Nutzen, den sie für die Erklärung der Wahrnehmung entfernter Objekte gewähren, illusorisch und das System der Griechen ist in der Wurzel verfehlt. Oder die Spezies bringen sich nicht selbst zur Darstellung. Ihre Funktion geht  völlig  in den Aufgaben auf, für die sie erfunden worden sind, nämlich das ferne Objekt zur Darstellung zu bringen. Letzteres ist der Grundgedanke der scholastischen Lehre von der  ausschließlich repräsentativen Bedeutung der Spezies." 

Vorrede

Wer von mathematisch-physikalischen Studien herkommend der Beschäftigung mit der Philosophie obliegt, auf den werden die subjektivistischen Lehren der neueren Philosophie nicht verfehlen, den Eindruck der allergrößten Wahrscheinlichkeit zu machen. Seine bisherige Beschäftigung trägt den Keim der idealistischen Denkweise gleichsam im Schoß. In doppelter Hinsicht: durch die analytische Geometrie ist der mathematischer Studien Beflissene gewöhnt, mit n-dimensionalen Räumen, d. h. mit Räumen von beliebig vielen Dimensionen ebenso leicht und sicher zu operieren, wie mit dem dreidimensionalen Raum der gewöhnlichen Anschauung (1). Die bloß vorgestellte Existenz der ersteren wird niemand leugnen; es braucht nicht erst das Vertrauen des Mathematikers auf die von aller Erfahrung unabhängige Leistungskraft die menschlichen Geistes hinauszulaufen, um den phänomenalen Charakter auch des Sinnenraums wohl diskutierbar erscheinen zu lassen. Und wie die  reine,  so disponiert nicht minder die  angewendete  Mathematik zu einer idealistischen Denkweise. Die physikalischen Theorien der Optik und Akustik haben den anwendenden Mathematiker geübt, überall dort, wo für die sinnliche Erfahrung die der mathematischen Fassung ganz unfähigen Vorkommnisse von Farben und Tönen vorliegen, mit den Bewegungsgleichungen der Systeme von Äther- und Luftmolekülen zu rechnen. An diesen mechanischen Gebilden, nicht an der bunten, fließenden Mannigfaltigkeit jener sinnlichen Qualitäten findet die theoretische Konstruktion Halt und Sicherheit. Da sich die von den Bedürfnissen der Rechnung geforderte mechanische Behandlung des Licht- und Tonreichs außerdem durch die glänzendsten praktischen Erfolge bewährt hat, so muß dem Physiker die Annahme objektiver, den äußeren Körpern anhaftender Farben und Töne umso überflüssiger vorkommen, weil durch das Hinzutreten solcher objektiver Farben und Töne am Naturlauf doch nichts geändert würde.

Die gläubige Annahe der Lehren des philosophischen Subjektivismus seitens des philosophierenden Mathematikers ist die natürliche Folge der gesamten eben geschilderten Vorschulung. Daß der dreidimensionale Raum unserer sinnlichen Erfahrung eine apriorische Form der menschlichen Anschauung sei, daß in den Sinnesqualitäten, den Farben, Tönen usw. nichts, gar nichts erblickt werden dürfe als rein innerliche Zustände des Bewußtseins, die mit Hilfe der genannten apriorischen Form des Raums und anderer apriorischer Formen, bwz. Kategorien mit dem bloßen Schein der Äußerlichkeit ausgestattet werden, das dünkt dem mathematisch-physikalisch vorgebildeten Philosophen als die glückliche theoretische Formulierung einer von ihm längst praktisch geübten Wahrheit. Dazu kommt die hinreißende Kühnheit des Gedankens, daß wir selbst ein jeder Schöpfer und Baumeister der Welt sind, die den Gegenstand der naturwissenschaftlichen Untersuchungen bildet; unser Gemüt kann nicht leicht der so einschmeichelnden Vorstellung widerstehen, alle die in jenen Untersuchungen entdeckten bewunderungswürdigen Zusammenhänge als das eigenste Kind unseres die Naturgesetzlichkeit unbewußt erzeugenden Geistes ansprechen zu dürfen.

Es bedurfte persönlicher Anstöße, um im Verfasser die ersten Zweifel an der subjektivistischen Weltanschauung zu merken. In Wort und Schrift verteidigte GOSWIN UPHUES von ganz andersartigen Gesichtspunkten, von psychologischen Gesichtspunkten geleitet, die Unmittelbarkeit der äußeren Wahrnehmung (2). War diese von der Psychologie geforderte Lehre richtig, - und die durchdachten Argumentationen von UPHUES verfehlten ihren Eindruck nicht -, so ergab sich als die naheliegende, ja wie vermutet werden konnte, als die einzig mögliche Konsequenz die objektive Wirklichkeit unserer Wahrnehmungswelt. Eben diese Konsequenz wurde durch die geläufige philosophische Deutung der naturwissenschaftlichen Theorien verleugnet. Für den Verfasser ergab sich daraus der zwingende Antrieb einer Untersuchung darüber, ob jener Widerspruch des naturwissenschaftlichen und des psychologischen Ergebnisses tatsächlich vorliegt oder nur vorzuliegen scheint. Es zeigte sich, daß die Theorien der mathematischen Physik  nicht,  wie er ursprünglich, damals noch ein Anhänger des erkenntnistheoretischen Idealismus, geglaubt hatte, die metaphysische Subjektivität des Sinnesqualitäten als ihre notwendige Ergänzung forderten. Man findet das bezügliche Ergebnis in seinem "Wahrnehmungsproblem vom Standpunkt des Physikers, des Physiologen und des Philosophen" (1892) entwickelt: Das naturwissenschaftliche Verfahren, so lautet das Ergebnis, brauche nicht in der gleichen Weise interpretiert zu werden, wie KANT es interpretiert hatte, der die obersten Grundsätze desselben auf Rechnung  apriorisch  uns innewohnender  Denk formen setzte; diese ihm von KANT gegebene Relativität,  die  die Subjektivität von Raum und Zeit voraussetzt, besitzt es nicht. Wohl aber sei es in anderer, verständlicher Weise relativ bedingt, und sogar nach zwei Richtungen. Einmal bestätigt eine Reihe von Äußerungen bei HELMHOLTZ (3) daß nach den eigensten Anschauungen der naturwissenschaftlichen Methodiker bei der Aufstellung der optischen und akustischen Theorien der Vorzug eine wichtige Rolle spielt, den wir alle der  Tastwahrnehmung  vor der Gesichts- und der Gehörswahrnehmung einräumen. Andererseits wirkt ebendabei der weitere Vorzug mit, den wir alle den sogenannten  normalen  von den nicht-normalen Sinnesvorkommnissen zuzuschreiben geneigt sind. Beides muß den Philosophen bedenklich machen, die Theorien der Optik und der Akustik, zu deren Ausbildung ein nur  methodischer  Vorzug gewisser sinnlicher Aussagen vor anderen den Anstoß gegeben habe, ohne weiteres als ein Zeugnis für den Ausfall der Sinnesqualitäten aus der objektiven Wirklichkeit hinzunehmen.

Die Untersuchungen des "Wahrnehmungsproblems" sind zweier Ergänzungen fähig, einer historische und einer systematischen. Sehr nahe liegt die historische Frage, inwieweit, wenn man den Blick nach rückwärts richtet, bei der Begründung der modernen Naturwissenschaft die heute so diktatorisch auftretende metaphysische Behauptung von der Subjektivität der Sinnesqualitäten ihre etwaige Mitbegründung gefunden habe. Jener Fundamentierung unserer jetzigen Naturwissenschaft ging eine zeit voran, in der an das Vorhandensein wirklicher Farben, wirklicher Töne nicht nur seitens der Laien, sondern auch seitens der Philosophen geglaubt wurde. Damals enthob noch nicht, wie gegenwärtig, die philosophischen Erfinder bzw. Interpretatoren der noch neuen optischen und akustischen Theorien eine mit der Zeit unbeweglich gewordene Denkgewöhnung der Mühe einer  Beweisführung  für jene behauptete Subjektivität. Wenn irgendwo, so mußte bei DESCARTES und bei HOBBES das Recht oder Unrecht der letzteren Therie deutlich hervortreten. Der zweite Teil des vorliegenden Werkes "das Problem der Sinnesqualitäten" bringt die hier einschlägigen historischen Untersuchungen. - Dem Systematiker andererseits bot das "Wahrnehmungsproblem" im wesentlichen nur eine Besprechung des physikalischen und des physiologischen Standpunktes, und daas war gleichbedeutend mit der vorzugsweisen Erörterung des Problems der Sinnesqualitäten. Das  weit tiefer greifende und fruchtbarere Problem,  dessen neue Behandlung durch UPHUES den Verfasser allererst zur Idee seiner früheren Arbeit gemacht hatte, war in der letzteren zu kurz gekommen, das  Erkenntnisproblem Die genannte Lücke des ersten Werkes konnte in den nachstehenden, dem Leser neu vorgelegten Zeilen wegen der gewählten historischen Anlage noch nicht durch eine systematische Zergliederung jenes psychologischen Grund- und Kardinalproblems aller Wissenschaften vom Seienden behoben werden. Das systematische Interesse des Lesers sei an die bezüglichen Erörterungen bei UPHUES' "Psychologie des Erkennens" (1893) und bei TWARDOWSKI "Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen" (1894) verwiesen. Wohl aber glaubte der Verfasser, es seiner früheren Arbeit, als eine Art Abschlagszahlung auf in Bälde nachzuholendes, schuldig zu sein, das anregende  historische  Material, das seine neuen Studien  auch in dieser Hinsicht  zutage förderten, in einer einheitlichen Gesamtbetrachtung zusammenzuschließen. Sie bildet unter dem Titel "Das Problem des unmittelbaren Erkennens" den ersten Teil der vorliegenden Schrift.

Die in Rede stehenden Ausführunen ergänzen nicht nur das "Wahrnehmungsproblem", sie gehen auch in einer Reihe von Punkten über das ältere Werk hinaus. Einmal werden sie durch die neugewonnene Einsicht beherrscht, daß es mehr als einen Weg gibt, das Verfahren der akustisch-optischen Erklärungsweise methodisch zu begründen. Dasselbe kann  sensualistisch  begründet werden, indem man die Aufstellung der akustischen und optischen Theorien auf den Vorzug des Tastsinns vor den übrigen Sinnen zurückzuführen sucht. Mit dieser von LOCKE stammenden und in der heutigen Naturwissenschaft öfters anklingenden (vgl. die oben erwähnten Äußerungen bei HELMHOLTZ) sensualistischen Begründung hattes es das "Wahrnehmungsproblem" allein zu tun. Das mechanistische Verfahren der physikalischen Optik und Akustik kann seine Begründung aber noch aus  mathematischen  Gesichtspunkten heraus erfahren, und das war gerade der Standpunkt eines DESCARTES und eines HOBBES, der begeisterten Verkünder des  mos geometricus  [des geometrischen Verfahrens - wp] Wie ihm Wahrnehmungsproblem die sensualistische Begründung, so ist diese zweite, mathematische Begründung in den nachstehenden Blättern in den Vordergrund des Interesses gerückt, eine natürliche Folge der historischen auf die Grundlegung der "mechanischen Methode" zurückgehenden Betrachtungsweise einerseits, eine Forderung der systematischen Vollständigkeit andererseits. Im übrigen wird, mag man in Bezug auf die methodische Begründung des naturwissenschaftlichen Verfahrens sensualistisch, mag man mathematisch denken, am Hauptresultat des "Wahrnehmungsproblems", dem Nachweis einer doppelten Relativität jenes naturwissenschaftlichen Verfahrens, nichts geändert. Der Verfasser hofft das in seiner inzwischen erschienenen Broschüre "Was will der kritische Realismus?" (1894) in überzeugender Weise dargetan und eben damit die Meinung widerlegt haben, als sei sein eigener Standpunkt, der des kritischen Realismus durch die sensualistische Interpretation des naturwissenschaftlichen Verfahrens bedingt, oder bedingt seinerseits dieselbe. Wo die wirklichen Wurzeln des realistischen Standpunktes liegen, das dürfte obiges Vorwort deutlich genug zu erkennen gegeben haben. - Gleichfalls neu gegenüber den Ausführungen im "Wahrnehmungsproblem" ist das, was der Anhang bietet. Den Anstoß zu den bezüglichen Betrachtungen gab die hervorragende Arbeit von SIEGMUND EXNER, "Entwurf zu einer physiologischen Erklärung der psychischen Erscheinungen" (1894), die über die Position der physiologischen Psychologie ein helles, klärendes Licht verbreitet hat. Diese Position ist mit dem Fundament, auf dem die großen mechanistisch gesinnten Denker des 17. Jahrhunderts ihre Systeme aufführten, so innig verwandt, die Zurückführung der Bewußtseinsvorgänge auf Nervenwellen (Neurokymen) der Großhirnrinde hat mit der Zurückführung der Farben auf Ätherwellen, der Töne auf Luftwellen so viel Analoges, daß sich eine Kritik der physiologischen Tendenzen in der Psychologie von selbst in den Rahmen des Buches einfügte. Die Richtung der Kritik wird durch den Titel "Über die Grenzen der physiologischen Psychologie" bezeichnet.


Erster Teil
Das Problem des
unmittelbaren Erkennens


Einleitung

Wenn ich ein Haus zwanzig Schritt vor mir erblicke, so nehme ich es, wie man sagt, aus der  Ferne  wahr. Nun trete ich mit geschlossenen Augen an das Haus heran und berühre seine Wand mit dem Finger. Eine Tastwahrnehmung erfolgt. In diesem Fall sagt man, daß das, was sich vorhin aus der Ferne dem Gesichtssinn anzeigte, sich jetzt aus unmittelbarer  Nähe  dem Tastsinn kundgibt. Beides sind zwei verschiedene Tatsachen. Es fragt sich, ob sich dieselben einheitlich erklären lassen.

Der gewöhnliche Mann sieht hier keinerlei Schwierigkeit und antwortet ohne Zaudern mit "ja". Das Objekt habe beidemal eine Wahrnehmung bewirkt, beidemal in derselben Weise, nur je auf einen anderen Sinn. Der Philosoph stutzt. Auch er wünscht eine Einheitlichkeit der Erklärung. Aber seine Augen sehen die Schwierigkeit, die dem Laien entging: Wenn das Objekt sich vorher dem Gesichtssinn mitteilte, warum teilte es sich nicht  gleichzeitig  dem Tastsinn mit, warum nahm nicht auch der Tastsinn das zwanzig Schritt entfernte Objekt wahr, das vom Auge erblickt wurde? Entweder folgt die Sinneswahrnehmung bei Auge und Hand verschiedenen Gesetzen, und die Einheitlichkeit der Erklärung ist dahin; - diese Alternative ist eine Not-Alternative und zurückzuschieben, solange der entgegengesetzte Weg gangbar erscheint; oder es muß möglich sein, die Verschiedenheit in der Weise der Sinnesaussagen wegzuerklären, zu zeigen, daß jene Verschiedenheit nur scheinbar ist, bei genauerem Zusehen einer inneren Gleichartigkeit in der Objekt-verkündenden Funktion des Tast- und des Gesichtssinns weicht. Bereits die Philosophen des Altertums haben das versucht, ARISTOTELES, indem er  alle  Sinne als Fern-Sinne, DEMOKRIT, indem er  alle  Sinne als Nah-Sinne deutete.

Nach ARISTOTELES (4) haben alle Sinne ihre Medien, mittels derer die äußeren Objekte aus der Ferne auf den Körper wirken. Das Medium für die Wahrnehmungen des Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-Sinnes ist die Luft, bzw. das Feuchte. Die Objekte der betreffenden Sinne, äußere Farben, Töne, Gerüche, würden überhaupt nicht wirken, wenn zwischen ihnen und dem aufnehmenden Sinnesorgan eine Leere bestände. Bringt man daher einen Gegenstand mit dem Auge, dem Gehör und dem Geruchssinn in unmittelbare Berührung, so findet keine Wahrnehmung statt. Aber auch beim Tastsinn und dem diesem verwandten Geschmackssinn übt das Objekt nur scheinbar eine Nahwirkung auf das Sinnesorgan aus. Für diese beiden Sinne übernimmt das Fleisch die Rolle des Mediums.

Anders DEMOKRIT (5). Er kann, im Gegensatz zu der bei ARISTOTELES vorliegenden Tendenz, die Sinnesobjekte nicht nahe genug an das Sinnesorgan heranbringen. Ihmzufolge gehen substanzielle Ausflüsse, Atomströmungen von den Dingen aus, welche, die Gestalt der Dinge behaltend,  eidola,  Bilder der letzteren darstellen. Die genannten Atomströmungen verbreiten sich nach allen Richtungen, unter anderem nach dem Ort des Sinnesorgans. Solange dieselben das Sinnesorgan noch nicht erreicht haben, findet keine Wahrnehmung statt; erst in dem Augenblick, wo sie auf ihrem Weg das Sinnesorgan berühren, in das letztere eintreten, von ihm aufgenommen werden, sind alle objektiven Bedingungen für die Wahrnehmung erfüllt; dieselbe findet, Nicht-Behinderung des Subjekts vorausgesetzt, ohne weiteres statt. - Dies ist das Gegenteil der aristotelischen Auffassung. Nach der Lehre des Stagiriten prägt das Objekt dem Sinnesorgan seine Einwirkung aus der Ferne auf; es bleibt an seinem Ort. Nach DEMOKRIT bleibt das Ding, das sich den Sinnen lebender Wesen mitteilen will, nicht an seinem Ort, sondern wandert ans Sinnesorgan, in dasselbe hinein; vielmehr schickt es  Boten,  die an seiner Statt die Wanderung übernehmen. Der Erkennende weiß nichts vom Objekt, sondern von den Boten, die dasselbe schickt, von diesen aber weiß er, weil sie ihm so nahe wie möglich auf den Leib gerückt sind. Mit anderen Worten: das Auge, das Ohr, der Geruchssinn sind zu Nah-Sinnen geworden, ebensogut wie der Geschmacks- und der Tastsinn Nah-Sinne sind. - ARISTOTELES verwandelte alle Sinne in Fern-Sinne, DEMOKRIT verwandelt alles Sinne in Nah-Sinne. Die Einheitlichkeit der Erklärung ist in beiden Fällen gewahrt, die Verschiedenheit des Tatbestandes beidemal theoretisch überwunden.

In der  Scholastik  lebte der Gegensatz der demokritischen und der aristotelischen Erklärungsweise wieder auf. Nicht so, daß DEMOKRIT jemals die Geltung eines schulfähigen Philosophen besessen hätte; aber in der Interpretation eigenster aristotelischer Wendungen ging das Verständnis in zwei Richtungen auseinander, von denen die eine in die unmittelbare Nähe des älteren griechischen Denkers führte.

Aristoteles spricht davon, daß das erkennende Subjekt die Form des Objekts ohne dessen Materie aufnimmt. Wie das im Sinne des echten ARISTOTELES zu verstehen ist, unterliegt keinem Zweifel. Es heißt: Indem die Dinge (aus der Ferne) auf den Wahrnehmenden wirken und ihm ihre Form einprägen, geben sie  nicht  etwa diese Form an den Wahrnehmenden ab oder gehen mit ihm eine Verbindung ein, gemäß der die Form den Wahrnehmenden und Dingen als ein und dieselbe Form gemeinsam wäre; vielmehr, die Wahrnehmenden erleiden unter der Einwirkung des äußeren Objekts eine gewisse Veränderung ihres Zustandes, sie geraten in eine Beschaffenheit, die des Wahrnehmungsaktes, in der sie sich den Dingen geistig  verähnlichen  und insofern die Form derselben annehmen (6). - So ist jene Stelle des ARISTOTELES in der Scholastik tatsächlich mehrfach verstanden worden, z. B. von THOMAS von AQUIN (7).

Aber es hat nicht an anderen abweichenden Interpretationen gefehlt. Man verstand das Aufnehmen der Form seitens des erkennenden Subjekts vielfach in einem handgreiflicheren Sinn, dachte es sich als einen Übergang, ein  Hinüberwandern  aus dem einen in das andere und war damit bei einer Grundanschauung angelangt, die mit der Lehre DEMOKRITs einen prinzipiellen Gesichtspunkt gemeinsam hatte. Das Objekt wirkt danach nicht aus der Ferne auf das Subjekt, sondern vom Objekt tritt ein stellvertretendes Etwas an das erstere heran, was durch Berührung auf dieses überzugehen vermag (8). Die echte aristotelische Fernwirkungstheorie wird durch eine (um den bezeichnenden Ausdruck ein für alle Mal festzulegen) Vermittlungstheorie ersetzt. - Die scholastische Vermittlungstheorie ist mit der Lehre DEMOKRITs nun aber auch gerade nur in der Grundansicht verwandt. Im einzelnen ist das System, das die Schulgelehrten im Gegensatz zur Fernwirkungstheorie aufbauen, von dem auf dem gleichen Gedanken der Vermittlung basierten System der griechischen Atomisten grundverschieden.

Ein erkenntnistheoretisches Problem von eigenartigem Interesse verbirgt sich in dieser Verschiedenheit, dasjenige, das der gegenwärtigen Untersuchung den Titel gegeben hat.


Erster Abschnitt
Das Problem des unmittelbaren
Erkennens in der Scholastik


A. Warum die scholastischen Vermittlungstheoretiker
der Lehre Demokrits nicht folgen konnten

1. SUAREZ nannte das Etwas, das vom Objekt als dessen Stellvertreter zum Sinnesorgan übergehen muß, um die Vereinigung des Organs mit dem Objekt herzustellen,  specie intentionalis.  Die specie intentionalis sind hierdurch vorläufig definiert als "quasi instrumenta quaedam, per quae communiter objectum cognoscibile uniatur potentiae." [die Instrumente, durch die das allgemeine Objekt zu einem erkennbaren machbaren Wissen wird. - wp] (9). Bei DEMOKRIT waren jene "quasi instrumenta quaedam"  Atomkomplexe.  In der scholastischen Vermittlungstheorie sind sie es aus guten Gründen  nicht,  und hierin liegt bereits ein Unterschied zwischen der Vermittlungslehre des griechischen Atomisten und derjenigen Scholastiker, für deren bezügliche Ansicht SUAREZ typisch ist.

In letzter Linie war es das Gewicht des ARISTOTELES, das die genannten Scholastiker abhielt, die Spezies körperlich, materiell zu denken. Es ist wahr, die richtig verstandene aristotelische Lehre hätte den Gedanken an intermediäre Spezies, welche die Vermittlung zwischen Objekt und Subjekt besorgten, gar nicht aufkommen lassen dürfen. Allein das Mißverständnis war einmal da und die, die es begingen, meinten den echten Geist der aristotelischen Lehre zu verkünden. Ihr Bestreben, sich im Einklang mit den Worten des Meisters zu halten, mußte sie, trotz der unbewußten prinzipiellen Annäherung an DEMOKRIT, zur Ablehnung der älteren, atomistischen Fassung der Spezies führen. War es richtig, was ARISTOTELES sagte, daß in der Sinneswahrnehmung die Formen der Dinge  ohne  ihre Materie vom Erkennenden aufgenommen werden, nun, so konnte eben DEMOKRIT nicht Recht haben, die Spezies durften unmöglich Substanzen, sie mußten etwas anderes, mußten  Akzidenzien  [Merkmale - wp] sein.

SUAREZ unterstützte diese Behauptung nicht nur durch die Autorität des ARISTOTELES. Er weiß wirkliche Gründe dafür ins Feld zu führen. Dieselben sind direkte und indirekte: die Spezies sollen ihm zufolge an den objektiven Qualitäten der Dinge (objektiven Farben, Tönen usw.) ihren Ursprung und Halt haben. Sie müssen deshalb selber Akzidenzien sein. Es genügt aber auch, daß sie Qualitäten sind; denn ihre Aufgabe besteht darin und nur darin, die sinnlichen Potenzen zur wirklichen Ausübung der in ihnen angelegten Erkenntnisfunktion anzuregen. Zur Erfüllung dieser Aufgabe reicht ihr akzendentieller Charakter aus; ein mehreres wäre überflüssig. Wären endlich die Spezies nicht Akzidenzien sondern Substanzen, so führte dies bei den Gesichtsobjekten auf Schwierigkeiten. Es bliebe dann unverständlich, wie sie von diesen in so kurzer Zeit ins Auge gelangen könnten, wie doch tatsächlich der Fall ist. (10)

2.  Diese Qualitäten sollen nun aber von ganz besonderer Art sein.  Sie stammen zwar von den äußeren sinnlichen Qualitäten, Licht, Farbe und dgl. ab. Aber man würde irren, dächte man sich ihr Verhältnis zum Objekt etwa so, wie das von  lumen  und  lux,  wie das in der Luft verbreiteten Tageshelligkeit (lumen) zum primären Licht (lux) der Sonne. Bei diesem Vergleich erschienen die  species  noch immer zu materiell, um jene  formae sine materia  [Form ohne Materie - wp] zu sein, die nach ARISTOTELES von den Sinnen rezipiert werden. Vielmehr machen SUAREZ und CASMANN zwischen den übrigen Qualitäten und den der Wahrnehmung dienenden Spezies einen fundamentalen Unterschied. Die gewöhnlichen Qualitäten, unter ihnen die Helligkeit, sollen ein eigenes natürliches Sein haben; das Sein der  species visibiles  (und so auch der anderen Sinne) gehe in der repräsentativen Darstellung eines anderen auf. Nur den ersteren soll die Fähigkeit zukommen, physische Wirkungen hervorzubringen, die intentionalen Spezies besitzen diese Fähigkeit nicht. Wenn letzterem die Tatsache entgegensteht, daß ein grelles Licht, ein starker Ton das Organ vorübergehend oder dauernd schädigen, so wird diese Wirkung nicht auf Rechnung der species intentionales, sondern gewisser materieller Aktionen gesetzt, die das Objekt außer und neben der Entsendung von species intentionales auf das Organ ausübt.

Die Lehre, die hier in kurzen, der näheren Ausführung bedürftigen Zügen hervortritt, die Lehre von der ausschließlich  repräsentativen  Funktion der species intentionales,' ist von fundamentaler Wichtigkeit. Der zweite, bedeutsamere Unterschied der scholastischen Vermittlungstheorie von der Lehre DEMOKRITs und EPIKURs kommt hier zum Vorschein.

3. Nach der Auffassung der Griechen waren die Atomkomplexe, die von jedem äußeren körperlichen Ding ausgehend an das Sinneorgan gelangten, gewissermaßen das Ding selbst in verkleinertem Maßstab (11). Sie galten als Bilder der Dinge, in jeder Beziehung als ein vollständiger Ersatz derselben. Es war gar nicht nötig, daß das wahrnehmende Subjekt, in dessen Organ jene  eidola  übertraten, die Dinge selbst anschaute; die Anschauung der in der Organ, das Gehirn eindringenden, der Erkenntnis sich aufdrängenden  eidola  leistete denselben Effekt. Nachdem diese sich der Anschauung dargeboten haben, war es, abgesehen von geringfügigen Abweichungenn, genau so, als habe ein wirkliches Erkennen des äußeren entfernten Objekts stattgefunden. - Die wirkliche Anschauung des äußeren, entfernten Objekts wäre nicht nur unnötig, nein, sie wäre gar nicht möglich gewesen. Das ferne äußere Objekt blieb dem Sinnesorgan nach wie vor unerreichbar. Nichts war dem Sinnesorgan nahe, als das Bild jenes Objekts; nichts anderes als das Bild bot sich ihm als unmittelbarer, greifbarer Gegenstand der Anschauung, der Wahrnehmung dar. - Es lag in der Konsequenz dieser Lehre, daß, insofern an der Übereinstimmung des organ-nahen Bildes mit dem organ-fernen äußeren Gegenstand etwas fehle, von letzterem überhaupt keine sinnliche Kunde erlangt wurde, nicht einmal die höchst uneigentliche, die im normalen Fall der Wahrnehmung die durchgreifende Ähnlichkeit eines  statt  des Gegenstandes erkannten anderen Gegenstandes, Bild genannt, mit ihm bot.

EPIKUR benutzte diese Konsequenz, um die Sinnestäuschungen zu erklären. Sind in der Regel "die vom gleichen Gegenstand ausgehenden Bilder sehr ähnlich, so ist es doch auch möglich, daß sie aus verschiedenen Ursachen voneinander abweichen. Wenn sich daher der gleiche Gegenstand verschiedenen Personen verschieden darstellt, so haben sie eben in Wahrheit nicht dasselbe, sondern verschiedenes wahrgenommen; denn es waren verschiedene Bilder; von denen sie affiziert wurden; und wenn uns unsere Wahrnehmung getäuscht hat, so lag die Schuld nicht an unseren Sinnen, die uns etwas Unwirkliches vorgespiegelt haben, sondern an unserem Urteil, das sich einen unbegründeten Schluß vom Bild auf den Gegenstand erlaubt hat". (12) Diese epikureische Erklärung der Sinnestäuschungen aus dem Umstand, daß wir nicht die Dinge selbst, sondern nur ihre Bilder wahrnehmen, spricht noch aus folgener Darstellung bei ZELLER: "Die von den Dingen ausgehenden Bilder können sich auf dem Weg zu unserem Auge und Ohr verändern; es können auch bloße Bilder, denen kein fester Körper entspricht, unsere Sinne treffen; wenn wir nun das Bild mit der Sache, den subjektiven Eindruck mit dem Objekt selbst verwechseln, so sind wir allerdings im Irrtum, aber diese Täuschung kann nicht unserem Sinn, sondern nur unserer Meinung zur Last gelegt werden." (13)

4. Von der hier geschilderten demokritisch-epikureischen Anschauung, als würden die Spezies selbst wahrgenommen werden, sind die scholastischen Vermittlungstheoretiker weit entfernt. Es scheint, daß sie den furchtbaren Einwand bemerkt haben, welcher der Vermittlungstheorie droht.

Die Vermittlungstheorie ist dazu erfunden, um die Wahrnehmung der entfernten Objekte zu erklären. Das kann ihr zufolge nur dadurch geschehen, daß die entfernten Objekte Stellvertreter zu den Sinnesorganen schicken. Aber nun sind es auf einmal die Stellvertreter der fernen Objekte und gerade  nicht  die fernen Objekte, die wahrgenommen werden. Was die Wahrnehmung der fernen Objekte erklären sollte, läßt dieselbe erst recht unmöglich erscheinen. Die Zwischenräume zwischen Objekt und Sinnesorgan werden mit Kopien bevölkert, um das Dasein des Objekts nach allen Richtungen zu vervielfältigen, aber vor lauter Kopien wird jetzt das Original erst recht der Wahrnehmung entzogen. Entweder die  eidola  bringen, wie EPIKUR und DEMOKRIT lehrten, sich selbst und nur sich selbst zur Darstellung; dann wird der Nutzen, den sie für die Erklärung der Wahrnehmung entfernter Objekte gewähren, illusorisch, das System der Griechen ist also in der Wurzel verfehlt. (Dieses gewichtige Bedenken läßt sich aus der Welt schaffen, sobald man den Gedanken DEMOKRITs und EPIKURs entschlossen preisgibt und zu der anderen Alternative übergeht.) Oder die Spezies bringen sich nicht selbst zur Darstellung. Ihre Funktion geht  völlig  in den Aufgaben auf, für die sie erfunden worden sind, nämlich das  ferne  Objekt zur Darstellung zu bringen.'

Letzteres ist der Grundgedanke der scholastischen Lehre von der  ausschließlich repräsentativen Bedeutung der Spezies. 

5. Sehr instruktiv wird diese Lehre erläutert durch eine Polemik, in der SUAREZ die Behauptung des DUNS SCOTUS widerlegt, daß die Tageshelligkeit mit den  species visibiles  der leuchtende Objekt ein und dasselbe ist.

Wäre, so tritt unser Autor der Behauptung des DUNS SCOTUS entgegen, die von einem Objekt (im genannten Fall: der Sonne) ausgehende Helligkeit dasselbe, wie seine species visibilis, so müßte man stets dann, wenn jene Helligkeit das Auge träfe, das Objekt (die Sonne) selbst sehen. Das widerspricht aber aller Erfahrung. Wer, von der Sonne abgewendet, in die Tageshelligkeit sieht, der sieht nicht die Figur der Sonne, sondern eine gleichmäßige Erfüllung des vor ihm befindlichen Luftraums mit Licht. Die Tageshelligkeit fungiert daher nicht, wie die Spezies als bloßes Mittel zum Sehen eines andere, sondern bildet ein selbständiges Objekt der Gesichtswahrnehmung. Eigene und besondere Spezies gehen von ihr aus, die die letztere wahrnehmbar machen, genauso, wie jede sinnliche Qualität sich durch Spezies wahrnehmbar macht. - Aus dieser grundsätzlichen Verschiedenheit zwischen der species visibilis eines leuchtenden Objekts und der von ihm ausgehenden Helligkeit entspringt ganz konsequent die wunderliche Lehre, daß ein Licht (lux) gesehen werden könne, ohne daß dazu das umgebende Medium erhellt zu sein braucht.

Jedem leuchtenden Objekt kommen danach zwei unabhängig voneinander bestehende Tätigkeiten zu, die eine (intentionale) die Produktion der species visibiles, die andere (reale) die Mitteilung der von ihm ausgehenden Helligkeit ans Medium. Wie die Helligkeit (lumen), so wird auch die Spezies nach allen Seiten hin verbreitet, aber die Spezies in eine größere Entfernung als das lumen. Dieses habe seinen Grund darin, daß der Spezies ein unvollkommeneres (nur repräsentatives) Sein als der Helligkeit (natürliches Sein) zukomme. Sie bedürfe daher zu ihrer Hervorbringung eines verhältnismäßig geringen Kraftaufwandes, werde daher von der gleichen Kraft des leuchtenden Körpers in eine weitere Entfernung entsendet als jene.

In der vorgelegten Polemik tritt die ausschließlich  repräsentative  Bedeutung der Spezies scharf hervor. Die Spezies sind von allen übrigen Qualitäten durch die Eigentümlichkeit unterschieden, daß ihr Sein in der repräsentativen Darstellung von etwas anderem aufgeht. (14)  Sie selbst sind folglich niemals Objekte der Wahrnehmung. 

Man hatte auf eine Reihe von Erfahrungen hingewiesen, aus denen das Gegenteil zu folgen schien. Jedermann sehe im Spiegel seine eigene Spezies, desgleichen in der Pupille eines anderen. Ebenso rührt die Färbung der durch ein rotes Glas hindurchgehenden Sonnenstrahlen daher, daß letzteren die Spezies der roten Farbe zugemischt und diese daher selbst sichtbar wären. Darauf SUAREZ: Zweifellos schickt der sichtbare Gegenstand seine Spezies zur Oberfläche des Spiegels; dort werden sie reflektiert und gelangen ins Auge. Aber man möge darauf achten,  wo  das Bild des gespiegelten Gegenstandes erscheint, ob auf der Oberfläche des Spiegels oder nicht vielmehr in seiner Tiefe. Wäre es wahr, daß die auf den Spiegel auffallenden Spezies selbst gesehen werden, so müßten sie sicherlich dort erblickt werden, wo sie sind, auf der Oberfläche des Spiegels, dem sie inhärerieren [innewohnen - wp]. Das Gegenteil ist der Fall! Das Objekt wird in der Tiefe des Spiegels und soweit zurückliegend gesehen, wie es vom Spiegel entfernt ist. Hieraus folgt, daß wie in allen übrigen Fällen, so auch bei der Spiegelung nicht die Spezies, sondern das durch sie repräsentierte Objekt der ausschließliche Gegenstand der Wahrnehmung ist.

6. Um zu rekapitulieren: Ein doppelter Unterschied trennt die Vermittlungslehre der Scholastik von jener DEMOKRITs und EPIKURs. - Der erste Unterschied war, daß nach den griechischen Philosophen es Körper, Atomkomplexe sind, die von den äußeren Objekten sich loslösend zu den Sinnesorganen überströmen; die Spezies der Scholastiker dagegen sind Qualitäten. Jetzt hören wir, daß zweitens die scholastischen Spezies nicht Objekte der Wahrnehmung sind, nicht etwas, das statt der Dinge angeschaut wird, sondern unbekannte, nur durch ihre Funktion definierte Hilfen der Wahrnehmung. Sie sollen die von den Sinnen  entfernten  Objekte zur Wahrnehmung bringen; gerade deshalb dürfen sie, die  in  den Organen aufgenommen sind, im Gegensatz zur demokritisch-epikureischen Anschauung nicht wahrgenommen werden.

Mit der letzteren Bestimmung hängt zusammen, daß das, was die epikureischen  eidola  so geeignet macht, in der Wahrnehmung die äußeren Objekte zu vertreten, was sie allererst befähigt, sich selbst an die Stelle der letzteren zu setzen, den scholastischen Spezies ohne Schaden abgehen kann, die Ähnlichkeit mit den äußeren Objekten. SUAREZ bekämpft ausdrücklich die Auffassung, daß die Spezies "formales similitudines ac veluti picturae objectorum" [formale Ähnlichkeiten als Gemälde und Objekte - wp] sind. Die species intentionales und die von ihnen repräsentierten fernen, äußeren Qualitäten sind vielmehr so grundverschieden, daß selbst der Unterschied des den letzteren eigentümlichen konträren Gegensatzes für die ersteren sich verflüchtigt: die Spezies entgegengesetzter Qualitäten sollen gleichzeitig demselben Subjekt inhärieren können.


B. Vervollständigung der Lehre
von den intermediären Spezies

1. Wären die Spezies körperlich, so wäre es selbstverständlich, daß sie nach ihrer einmal erfolgten Lostrennung von den äußeren Objekten in Zukunft ohne die Hilfe der letzteren weiter existierten. Ebenso wäre es selbstverständlic, daß sie eines stützenden Substrats nicht bedürften, an das ihr Sein geheftet wäre. Es wäre schließlich eine rein physikalische Aufgabe, freilich eine schwierige Aufgabe, jenen Prozeß der Loslösung der Korpuskeln von den äußeren Objekten als solchen zur Darstellung und zum Verständnis zu bringen. In jeder dieser Beziehungen werden Untersuchungen nötig, sobald man, wie die Scholastik es tut, die Spezies als Qualitäten auffaßt.

Die  kausale  Abhängigkeit der Spezies von den äußeren sinnlichen Qualitäten betreffend, urteilt SUAREZ, daß die  species sensibiles  der äußeren Objekte nicht nur zu ihrer Hervorbringung, sondern auch zu ihrer Fortdauer und Erhaltung bedürfen. Dem scheint freilich der Umstand zu widersprechen, daß ein scharf fixiertes helles Objekt im geschlossenen Auge farbig abklingende Nachbilder hervorruft. Unser Autor will das nicht zugeben: da derartige Nachbilder nur bei längerem Anschauen eines belichteten Körpers entstehen, so könne die Erscheinung unmöglic auf Rechnung etwaiger im Auge verbleibender Spezies gesetzt werden; sonst müßten ebensogut bei beliebig kurzer Betrachtung des Objekts solche Spezies im Auge verbleiben und dieselbe Erscheinung verursachen. Durch das lange Hinstarren wird vielmehr die Einbildung und das Gedächtnis heftig erregt. Diese Potenzen, nicht die Wahrnehmen sind bei diesem Vorgang beteiligt. (S XII) - Wird hierdurch die unbedingteste  kausal Abhängigkeit  der Spezies von den  äußeren sinnlichen Qualitäten  ausgesprochen, so fragt es sich, wie die zweite Art von Abhängigkeit damit harmoniert, die den Spezies außerdem zukommt. Wie die  species sensibiles  in ihrer Entstehung und Fortexistenz von den äußeren sinnlichen Qualitäten (kausale Beziehung) , so sollen dieselben von  den Teilen des äußeren Mediums und der Sinnesorgane als von ihren Substraten  (Inhärenzbeziehung) abhängig sein. Deswegen wurde ihnen die Eigenschaft der Ausdehnung, deswegen Materialität und Teilbarkeit zugeschrieben.

2. Offenbar liegt es nahe, zur Lösung er hier sich andeutenden Schwierigkeit an die begrifflichen Mittel zu denken, mit denen die aristotelische Philosophie ähnliche Fälle scheinbar verwandter Art bewältigt. Einen solchen Fall bietet das Verhältnis der Tageshelligkeit zum Licht. Die Tageshelligkeit zeigt eine ähnliche Doppelnatur wie die intentionalen Spezies. Sie ist sowohl von der Sonne (kausal), wie von dem durchsichtigen Mittel (ihrem Substrat) bedingt, dessen Teilchen sie anhaftet. In der Sprache der Scholastik gilt in diesem Fall die Sonne, der leuchtende Körper, als das in Wirklichkeit, was das durchsichtige Mittel der Möglichkeit nach ist. Indem sie mit dem Medium in Berührung tritt, wird die diesem innewohnende Potenz zur Aktualität gebracht, das Hellwerden innerhalb des Rahmens der aristotelischen Denkweise  erklärt.  Dieselbe Erklärung scheint auf die Doppelnatur der Spezies angewendet werden zu müssen. Allein SUAREZ bekämpft, wie wir wissen, von vornherein den Versuch, die Verbreitung der Helligkeit mit der Ausströmung der  species sensibiles  in eine Reihe zu stellen. Man sieht auch ein, warum. Die Spezies sollen die äußeren Objekte, und nur diese, wahrnehmbar machen; durch den Prozeß der Mitteilung der Spezies an das Medium seitens der äußeren Objekte darf dieser Effekt nicht verhindert werden. Er würde verhindert, sobald jene Mitteilung in der Hervorlockung einer im Medium angelegten entsprechenden Spezies bestände. Das Medium würde dann selbst aktuell erkennbar und ungeeignet sein, die Wahrnehmbarkeit des Objekts rein passiv weiter zu tragen. (15) - Ist es  unstatthaft,  die Verbreitung der Spezies vom Objekt und ihre Aufnahme im Medium mit jener Mitteilung realer Qualitäten in Analogie zu bringen, so wird nun aber die begriffliche Formulierung des zu schildernden Vorgangs äußerst schwierig. SUAREZ weist mit Recht die spitzfindige Unterscheidung eines CAJETAN zurück, wonach die materiellen Dinge einer doppelten Aktionsweise fähig sind; einer ihrer eigentümlichen Natur zukommenden, bei ihren gewöhnlichen Einwirkungen; und einer anderen, nämlich bei der Hervorbringung der Spezies, die ihnen durch eine Teilnahme an der Wirkungsart immaterieller Agenzien verliehen wird (S IX). Allein er selbst weiß nur zu sagen, daß die Spezies  vestigia quaedam  [eine Bezeichnung - wp] der Dinge  tenuiorisque entatitis  [bestimmtes Dasein - wp] sind (S IX), und daß der Sprachgebrauch Recht hat, wenn er der Wärme eine wirksame Tätigkeit nur in dem Sinn zuschreibt, daß sie sich anderen Körpern reell mitteilt, nicht in dem Sinne, daß sie schattenhafte Wesenheiten wie die intentionalen Spezies ausschickt (ebd.).

Es ist offenbar: der Vorgang der Ausströmung der  species intentionales  und ihrer Aufnahme ins Medium bleibt dabei seinem Wesen nach unerklärt. Weder die demokritische, noch die aristotelische Denkweise paßt hier zur Erläuterung. Man wird vielmehr an die neuplatonischen Vorstellungen von der Emanation der abgeleiteten Dinge aus dem Urwesen erinnert, die ebenso unklar, ebenso widerspruchsvoll sind, wie dieser Teil der scholastischen Wahrnehmungslehre (16).

3. Die intermediären [vermittelnden - wp] Spezies hören auf, intermediär zu heißen, sobald sie in das Sinnesorgan aufgenommen worden sind. Sie erhalten dann den Namen  species impressae  und entfalten nun erst die ihnen eigentümliche Funktion; sie führen die Wahrnehmung des entferten Objekts herbei. Das geht ohne physische Wirkung von ihnen auf das Sinnenorgan ab. Solche physischen Wirkungen sind die Spezies ja ein für alle Mal nicht fähig. Gerade ihre Unfähigkeit, physische Wirkungen hervorzubringen, bildete einen ihrer Hauptunterschiede von den realen Qualitäten. - Das Sinnesorgan bleibt deshalb, äußerlich angesehen, völlig ungeändert. Kein Partikelchen wird von seiner Stelle geschoben, keine Mischung in seinem Inneren gestört. Wo derartiges der Fall ist, da kommt es auf die Rechnung der  species impressae,  sondern auf Rechnung besonderer materieller Aktionen, die zufälligerweise die Entsendung der Spezies seitens des Objekts begleiten können.

Die Spezies, daran ist festzuhalten, tut nichts weiter, als daß sie das Vermögen der Wahrnehmung aus der Potenzialität in die Aktualität überführt. Nicht als die ausschließliche und totale Ursache des Wahrnehmungsaktes; in diesem Fall würde der Aufnahme der Spezies im Sinnesorgan die Erkenntnis ebenso passiv folgen, wie sich die Erwärmung des Wassers bei Einwirkung der Flamme passiv vollzieht. Das aber, führt SUAREZ aus, widerspräche ganz und gar der aristotelischen Definition des lebenden Körpers. Denn der lebende Körper ist von einem toten, z. B. dem Wasser, dadurch unterschieden, daß er das Prinzip seiner Tätigkeit in sich hat. Eine solche lebendige Tätigkeit sei auch das Erkennen und könne daher unmöglich mit der bloßen Aufnahme der Spezies ins Organ identisch sein (S IV). Die "tote" Aufnahme der Spezies ins Organ, dann, wenn wir auf etwas anderes aufmerksam nichts sehen, müsse vielmehr von der "lebenden", unter Zuwendung der Aufmerksamkeit erfolgenden Aufnahme derselben streng unterschieden werden.

Andererseits darf man die Mitwirkung der Spezies bei der Herbeiführung des Wahrnehmungsaktes auch nicht unterschätzen. Manche gaben der  species impressa  nur die nebensächliche Bedeutung, der mit der Aufmerksamkeit wesentlich identischen Wahrnehmung die Richtung auf das bezügliche Objekt zu erteilen. Dagegen sprechen alle die Fälle, in denen wir ohne irgendeine Aufnahme von Spezies ins Sinnesorgan aufmerksam sind, z. B. wenn wir horchen, ob sich in stiller Umgebung ein Geräusch erhebt. Da die gegnerische Ansicht das Wesentliche des Hörens in die Aufmerksamkeit verlegt, diese aber bereits gespannt ist, so müßte in jenen Fällen, die Richtigkeit der gegnerischen Aussicht vorausgesetzt, das Hören eines Tones vor der Entstehung eines wirklichen Geräusches eintreten. Umgekehrt läßt sich dann, nachdem das wirkliche Geräusch entstanden ist, eben dann nicht einsehen, was durch die im Sinnesorgan aufgenommene Spezies am Zustand der Seele noch geändert werden könnte (S III).

4. Welches die einzig übrigbleibende Erklärung ist, kann nicht zweifelhaft sein. Es ist die, daß beim Zustandekommen des Erkenntnisaktes sowohl die Spezies wie auch das geistige Vermögen aktiv und wesentlich beteiligt sind. Das war die Ansicht des DUNS SCOTUS, der sich SUAREZ und CASMANN anschließen, Die  species sensibiles  gleichen ihrzufolge dem tierischen Samen. Wie dieser mit organbildender Kraft in den weiblichen Uterus eindringt, ohne selbst Organe zu besitzen, so geht den  species intentionales  die wirkliche Ähnlichkeit mit dem äußeren Objekt ab, aber sie bringen eine Verähnlichung der erkennenden Potenz mit dem letzteren hervor, die wirkliche Erkenntnis, den  conceptus  (17). Mit Beiseitelassung des Gleichnisses: Zuerst wird die intentionale Spezies als  species impressa  in das Sinnesorgan aufgenommen; das ist das Anfangsstadium, in der scholastischen Terminologie der  actus primus.  Darauf beginnt die Kooperation der Spezies mit der erkennenden Potenz, die sogenannte "Informierung" der letzteren. Das Resultat dieser Kooperation ist der  actus secundus,  die Verähnlichung der Potenz mit dem Gegenstand, der Akt der Erkenntnis selbst.


C. Der Erkenntnisvorgang
und sein Objekt

1. Wir haben die scholastische Speziestheorie bis zu dem Punkt verfolgt, wo sich mit der Erweckung des Erkenntnisvorgangs die Wirksamkeit der  species impressa  vollendet. Hier ist die Stelle, wo gleichsam die Früchte der Anstrengungen gepflückt werden, die das Ersinnen jener Theorie gekostet hatte.

Sich selbst verleugnende, nur auf das Original hinweisende Sendboten des Objekts sollten die  species impressae  sein. Der Erkenntnisvorgang, den sie in der Seele des erkennenden Subjekts wachrufen, trägt die Spuren jener Selbstverleugnung der treuen Boten. Er erscheint unmittelbar auf das Objekt gerichtet, von dem die Spezies ausgingen. Der vorher ungewußte, vom wahrnehmenden Subjekt entfernte Gegenstand ist, wie es sein sollte, zum erkannten, gewußten Gegenstand geworden. - Soweit diese Lehre rein durchführbar ist, ist sie als eine wissenschaftliche Formulierung des Standpunktes des naiven Realismus zu bezeichnen. EDUARD von HARTMANN schildert die Meinung des naiven Realisten von den Funktionen seiner Wahrnehmung einmal mit folgenden Worten: "Das Wahrnehmen durch die Sinne gilt hier noch als ein vom Ich auf die Dinge ausströmendes oder ausstrahlendes, welches die Dinge umspannt und umklammert, wie der Polyp seine Beute" (Das Grundproblem der Erkenntnistheorie, Seite 3). Auf ein solches Eingreifen, ein solches Umspannen der Wirklichkeit seitens des Bewußtseins im Wahrnehmungsvorgang ist die ganze, oben entwickelte Speziestheorie angelegt. - Wenn z. B. CASMANN erklärt "Species movent sensus ut intendant vires  in res ipsas sensiles"  [Spezies bewegen die Sinne und wecken die eigentlichen Kräfte in den Empfindungen. - wp] (a. a. O. Seite 301), so bringt er jenen Sinn der Speziestheorie zu einem klaren und unzweideutigen Ausdruck.

Im folgenden soll die bezügliche Theorie, nach welcher im Erkenntnisvorgang die äußere Wirklichkeit unmittelbar erfaßt und umspannt wird, als  haptische  Theorie des Erkennens bezeichnet werden.

2. Es wurde eben bemerkt, daß, um jenes Umspannen, Umfassen der äußeren Wirklichkeit seitens des Wahrnehmungsvorgangs einzuleiten, die vom entfernten Objekt kommenden  species impressae  sozusagen mit einem Charakter der Selbstverleugnung ausgestattet wurden. Die stehende scholastische Formel zur Bezeichnung dieses Charakters ist die, daß wir erkennen  non speciam ipsam, sed per speciem  [nicht die Spezies selbs, sondern  durch  die Spezies - wp] (z. B. CASMANN, a. a. O. Seite 297). - Der Gebrauch dieser Formel setzt sich aber noch fort. Nicht nur auf die nächsten Antezedentien [Vorausgehendes - wp] des Erkenntnisvorgangs findet sie Anwendung, auch dieser selbst wird ihr unterworfen, ja, noch weitere Kreise zieht die in Rede stehende scholastische Anschauungsweise.

Wie die Formel Anwendung auf den  Erkenntnisvorgang  erfährt, lehrt ein Blick auf die Auseinandersetzungen bei SUAREZ. Wir verließen seine Lehre an der Stelle, wo gezeigt wurde, wie durch das Zusammenwirken der erkennenden Potenz und der  species impressa  eine gewisse Veränderung des Bewußtseins erzeugt wurde, die in der Verähnlichung desselben mit dem Gegenstand besteht. Auf das richtige Verständnis dieser Verähnlichungslehre kommt es an.

Man ist heute geneigt, als Resultat der physikalisch-physiologischen Einwirkungen eine solche Zustandsänderung im Bewußtsein zu setzen, die, weit entfernt, ein bloßes Erkenntnismittel zu bilden, selbst, sei es durch eine sogenannte "Ausscheidung", sei es durch ein kausales Urteil, zum Gegenstand der Anschauung wird. Zu dieser Ansicht steht die im Ausgang des Mittelalters herrschende Wahrnehmungstheorie im Gegensatz. Die Verähnlichung des Bewußtseins mit dem Gegenstand bedeutet für SUAREZ nicht, daß dadurch in das Bewußtsein Elemente hineingebracht werden, die im Objektverhältnis zu anderen Funktionen des Bewußtseins stehen, diesen sich als  Gegenstand  vortäuschen, vielmehr das ist seine Meinung, daß sozusagen das ganze Bewußtsein zu einem Erkenntnismittel und insofern zu einem Bild (besser: zu einem Ausdruck, species  expressa)  des Gegenstandes wird. Das Bewußtsein vollzieht eine Handlung, gerät in eine eigentümliche Beschaffenheit, die ohne weiteres wirkt, daß es sich auf den wirklichen Gegenstand richtet. Die lebendige Tätigkeit des Bewußtseins, die das mittels der Spezies wirkende bewußtseinsfremde Objekt erkennt, ein anschauendes, nicht ein angeschautes, wird als das mit dem Gegenstand Ähnliche bezeichnet (18).

Die Namen, welche der in der geschilderten Weise mit der Funktion einer unmittelbaren Anschauung des Objekts betraute Erkenntnisvorgang empfängt, sind mannigfaltige. Am prägnantesten ist die Bezeichnung  species expressa,  die bei aller Verschiedenheit des Erkenntnisvorgangs und seines vom Objekt herrührenden Erregers die zwischen beiden dennoch bestehende Ähnlichkeit kundgibt, die,  daß beide sich der Kenntnisnahme verbergen, um ausschließlich der Wahrnehmung des äußeren Objekts zu dienen.  Andere Namen für den Erkenntnisvorgang sind  terminus, actus cognoscendi, verbum mentis.  Namentlich die letztere Wendung gebraucht SUAREZ mit Vorliebe, z. B. wenn er sagt: Die aktuelle Erkenntnis und das geistige Wort hervorbringen, ist ein und dasselbe. Das geistige Wort ist der Qualität nach nichts anderes, als der Erkenntnisvorgang, nur modal von diesem verschieden. Es ist das  Mittel  der Erkenntnis, nicht selbst Erkenntnisobjekt.

3. Der Gebrauch der Formel, daß wir erkennen  non speciam ipsam, sed per speciem,  hat sich in der Scholastik noch weiter erstreckt. Der Unterschied in der thomistischen Auffassung und in der Auffassung des SUAREZ vom Erkenntnisvorgang muß hier für die Zwecke einer genaueren Orientierung über jenen erweiterten Gebrauch zur Sprache kommen.

THOMAS von AQUIN kennt keine  species impressae  in dem Sinne, wie sie SUAREZ statuiert hatte, keine Wesenheiten, die dem Erkenntnisakt vorangehen. Er braucht sie auch gar nicht; denn er hält eine Fernwirkung des Objekts auf das Subjekt für möglich. Das Objekt wirkt ihm zufolge unmittelbar auf das Subjekt. Dadurch wird der Seele ohne weiteres die Beschaffenheit aufgedrückt, in der sie sich mit dem Objekt verähnlicht, die zu Erkennen des letzteren nötig ist. Was bei SUAREZ das Resultat eines langen, vermittelten, in seinen einzelnen Stadien nicht immer klaren Prozesses war, ist für THOMAS auf einmal, mit einem Schlag da, der von der Ähnlichkeit des äußeren Gegenstandes informierte Erkenntnisakt. Er, bzw. seine immanente Form ist es, was THOMAS ganz konsequent im Verfolgen seiner Anschauungsweise als  species impressa  bezeichnet, während SUAREZ denselben Vorgang als  species expressa  zu beschreiben genötigt ist. - Also einmal verschiedene Namen bei beiden Schriftstellern und doch derselbe Vorgang: letzteres, weil auch THOMAS den Erkenntnisvorgang als bloßes Mittel der Erkenntnis schildert, als einen solchen, der nichts von sich, sondern unmittelbar das Objekt erkennt. Und umgekehrt zweitens: Derselbe Ausdruck  species impressa  bei THOMAS und bei SUAREZ mit verschiedenen Bedeutungen. Nach SUAREZ ist die  species impressa  eine der Erkenntnis vorangehende, vom äußeren Objekt ausgesendete Wesenheit, nach THOMAS die erkennende, von der Ähnlichkeit des Objekts bereits informierte Bewußtseinsbeschaffenheit selber.

Unter diesen Umständen wird beim älteren Scholastiker die Bezeichnung  species expressa  für die Benennung von etwas anderem frei. ARISTOTELES hatte die Bemerkung gemacht, daß wir nichts schließen, nichts überlegen, ohne daß sich bei unseren Denkoperationen sinnliche Phantasmen einstellen. THOMAS akzeptiert jene Beobachtung, und bei dieser Gelegenheit erfahren wir, was er unter  species expressa  versteht. Nichts anderes als derartige Phantasmen. Diese  species expressae  sind nach ihm nicht in der Sinneswahrnehmung vorhanden,  sondern werden erst nachträglich in der Einbildungskraft oder Phantasie gebildet.  Sie sollen, wie er weiter erklärt, dem Verstand und seinen Operationen dienen, nicht so, daß ersterer sich selber erkennt, sondern daß er erkennt  ea quorum sunt phantasmata  [durch die Phantasmen vertreten - wp]. Der Intellekt wendet sich zu diesen,  convertit se ad phantasmata  [um die Bilder auszutauschen - wp], dabei bewegen sie ihn (unter Mitwirkung des intellectus agens) zur Ausübung seiner Operationen, ebenso wie die Sinnesobjekte die sinnlichen Potenzen zur Ausübung ihrer Funktionen bewegen, und das Resultat ist, daß  nicht die Phantasmen, sondern die Dinge,  deren Repräsentationen die Phantasmen sind, Gegenstände der intellektuellen Erkenntnis werden.

4. So kehrt hier zum dritten Mal die Formel wieder, daß wir erkennen  non ipsam speciem, sed per speciem.  - Das erstemal galt der Satz von der  species impressa exterior,  deren uneigenen, in der Darstellung von etwas Anderem, Fremdem aufgehenden Charakter er zum Ausdruck bringen solte. Dann erfuhr er eine Anwendung auf den  Bewußtseinsvorgang der Erkenntnis,  die  species expressa  des SUAREZ. Auch diesem fehlt jede Bezugnahme auf sich selber, er geht ganz auf in der Auffassung, in der Anschauung des äußeren, bewußtseinsfremden Gegenstandes, der ihn hervorruft. Schließlich wird auch die  species expressa  im Sinne des THOMAS jenem Satz unterworfen. Diese, das  Phantasma,  verbirgt sich gleichfalls dem Blick wie ein Spiegel, der sich nach Gestalt und Größe mit den abgebildeten Gegenständen völlig deckend, nur die letzteren, nicht sich selbst zur Darstellung bringt. - Jede der drei Wendungen ist kennzeichnend für die haptische Tendenz der scholastischen Erkenntnislehre, für das Bestreben, begreiflich zu machen, wie es sein kann, daß der äußere Gegenstand zum unmittelbaren Objekt der Erkenntnis wird.
LITERATUR: Hermann Schwarz - Die Umwälzung der Wahrnehmungshypothesen durch die mechanische Methode, Leipzig 1895
    Anmerkungen
    1) Vgl. auch meine mathematische Dissertation "Ein Beitrag zur Theorie der Ordnungstypen", Halle a. d. Saale, 1888.
    2) GOSWIN K. UPHUES, Wahrnehmung und Empfindung, 1888 und "Über die Erinnerung", 1889.
    3) Zusammengestellt in meiner Broschüre "Was will der kritische Realismus?", 1894, Seite 8f
    4) Man vergleiche zu dem folgenden: EDUARD ZELLER, Philosophie der Griechen II, Seite 537f
    5) Vgl. ZELLER, Griechen I, Seite 913
    6) Vgl. UPHUES, Psychologie des Erkennens, im Anhang.
    7) THOMAS AQUINAS, De Mente, art. 4, ad quart.
    8) CASMANNUS, Psychologia anthropologica (Hanoviae 1594), Seite 289
    9) Abkürzung für SUAREZ, De anima.
    10) Man vgl. die ähnlichen Gründe bei CASMANN, a. a. O. Seite 300
    11) SIEBECK, Geschichte der Psycologie I, Seite 142. Vgl. DESCARTES bei COUSIN, Werke VIII, Seite 202 und 217.
    12) ZELLER, Griechen a. a. O., Bd. III, Seite 394
    13) ZELLER, a. a. O., Bd. III, Seite 388
    14) Diese repräsentative Fähigkeit wurde in der Nähe größer als in der Ferne gedacht, wodurch die Abnahme in der scheinbaren Größe des Gesichtsobjekts erklärt werden sollte.
    15) GABRIEL BIEL führt uns eine solche ihren Zweck verfehlende Theorie über die Entstehung der Spezies im Medium vor. Super Quattuor Libros Sententiarum, Lib. II, Distinctio III, Quaestio II, sub C.
    16) Die widerspruchsvolle Natur der  species intermediariae  äußert sich darin, daß man sie nach allem Vorhergehenden als  wandernde Eigenschaften  betrachten muß. CASMANN sagt direkt, daß das äußere Objekt dieselben, die doch Akzidentien sein sollen, a se diffundit [verstreut ausbreiten - wp]. Aber auch die Redeweise des SUAREZ ist kaum weniger deutlich, wenn wir hören, daß das Objekt  multiplicat sui speciem in circulum  (S II), daß dabei die Spezies in eine weitere Entfernung getragen werden, als die natürliche Wirksamkeit des Objekts (S XIV), daß sie der Reflexion im Spiegel unterworfen sind (S II) usw., alles Fähigkeiten, die man sonst bei bloßen Eigenschaften nicht sucht.
    17) SUAREZ unterscheidet eine doppelte Ähnlichkeit, die reale und die intentionae. Letztere besteht (siehe den folgenden Artikel) zwischen dem Erkenntnis akt  und dem äußeren Objekt.
    18) Gilt in diesem Sinne die Ähnlichkeit der Erkenntnis mit dem Gegenstand, so kann sie offenbar nur in sehr übertragener Weise ausgesagt werden. Sie wird als  similtudo intentionalis  eingeführt und von jeder realen Ähnlichkeit mit dem Objekt scharf geschieden. Nur analogische Geltung soll sie haben. Die erkenenden Bewußtseinsbeschaffenheit gleicht dem Objekt nicht anders wie ein Schatten, in höchst unvollkommener mangelhafter Weise.