cr-4ra-2BayleHobbesLeibnizDescartesBaconLocke    
 
LUDWIG FEUERBACH
Peter Gassendi

"Die Tiere erkennen und denken nicht die Allgemeinheit oder das allgemeine Wesen, z. B. vom Menschen die Humanität, die Menschheit in der Abtrennung von allen materiellen Bedingungen und Unterschieden, sie stellen nicht das  Abstrakte  selbst vor, sondern immer nur das  Konkrete,  nicht die Farbe, sondern das Farbige, nicht den Geschmack, sondern nur dieses bestimmte, so und so schmeckende Ding. Was schließlich das  Objekt  des Geistes betrifft, so ist dieses nicht ein  bestimmtes,  er  umfaßt alles,  sein Objekt ist  unbegrenzt,  denn alles Wahre,  alles Wesen  als  Wesen  ist sein  Objekt;" 


Das Leben Peter Gassendis und seine
Bedeutung in der Geschichte der Philosophie

Ein Beförderer des Empirismus von großem Ruhm - der ausgezeichnetste Philosoph unter den Humanisten und der gelehrteste Humanist unter den Philosophen, wie ihn BAYLE nennt - war der Zeitgenosse und Freund HOBBES', PETER GASSENDI, erst Domprobst zu Digne, dann Professor der Mathematik am  Collége Royal  zu Paris, geboren 1592, in einem kleinen Ort des französischen Bistums Digne. In seiner Jugend hatte er die  aristotelische  Philosophie, die damals noch allein auf den Schulen herrschte, nicht nur studiert, sondern selbst auch mehrere Jahre als Professor der Philosophie vorgetragen. Aber ARISTOTELES hatte bei ihm frühzeitig durch die Lektüre CICEROs, PIERRE RAMUS, LUDWIG VIVES' und danderer seine Autorität verloren. Er genügte ihm so wenig, daß er seine Ansichten, wenn er sie am Vormittag seinen Schülern erklärt hatte, am Nachmittag widerlegte. Seine erste Schrift war daher auch gegen ARISTOTELES, wenigstens den von der Schule vergötterten ARISTOTELES gerichtet und im Geist der Skepsis geschrieben (1). Ihr Titel ist:  Exercitationes paradoxicae adversus Aristoteleos.  Seine Neigung zog ihn dagegen zur Philosophie des EPIKUR hin, die er daher wieder hervorrief und in folgenden Schriften erläuterte:  De vita et moribus Epicuri. Animadversiones in X Librum Diog. Laertii. Syntagma Philosophiae Epicuri. 

GASSENDI erwarb sich durch die Wiederbelebung der epikurischen Philosophie viel Beifall. Dem die Natur sezierenden und auf das Sinnliche gerichteten Geist des Empirismus mußte die von sinnlich bestimmten Prinzipien ausgehende und die Natur zerlegende demokritische oder epikurische Atomlehre sich natürlich mehr empfehlen und mehr entsprechen, als die aristotelische Philosophie. So zog schon BACON den DEMOKRIT dem ARISTOTELES vor. So hatten auch die Ärzte CLAUDE de BERIGARD († 1663) und JOHANN CHRISTOSTOMUS MAGNENUS in seinem  Democritos reviviscens  die Atomlehre wieder zu beleben gesucht.

GASSENDIs Philosophie, sein  Syntagma philosophicum  enthält die beiden ersten Foliobände seiner Werke, die im Ganzen aus 6 Bänden bestehen, und zu Lyon 1658 erschienen. Sein Leben, das im Jahre 1655 endete, beschrieb SAMUEL SORBIERE.

GASSENDI kommt keineswegs in der Geschichte der Philosophie nur als reproduzierender, gelehrter, historischer Philosoph in Betracht, sondern auch als Selbstdenker. Welche Pöbelhaftigkeit, ruft er daher mit Indignation den Aristotelikern zu, in Dingen, welche nicht die Religion, wo man freilich den Verstand unter den Gehorsam des Glaubens gefangen nehmen muß, sondern die Natur betreffen, der Autorität dieses oder jenen Philosophen seinen Geist zu unterwerfen! Und welche Faulheit, statt mit den eigenen Augen, nur mit den Augen des ARISTOTELES zu sehen und statt die Natur selbst, nur die Schriften des ARISTOTELES über die Natur zu studieren! Und welche Kleinmütigkeit, den eigenen Kräften und Anlagen zu mißtrauen, zu glauben, daß die Natur sich in  einem  Genie erschöpft hat, daß sie folglich keine Menschen mehr, sondern nur noch Affen hervorbringen kann, als wenn sich die Natur nicht immer gleich bliebe und daher nicht ebensogut noch heute, wie einst, große Geister erzeugen könnte. (Exercit. parad. L. I. Exerc. II) In diesem Geist, in dem GASSENDI hier die Aristoteliker anredet, hat er sich dann auch die epikurische Philosophie angeeignet - nicht als Affe, sondern als Mensch, nicht als Wiederkäuer, sondern als Selbstdenker. Er weicht von EPIKUR keineswegs nur da ab, wo er sich nicht mit der christlichen Theologie verträgt und wo sich freilich GASSENDI große Inkonsequenzen zu Schulden kommen läßt, sondern auch da, wo seine Lehren sich nicht mit der Vernunft und den Fortschritten der Naturwissenschaften vertragen, so daß in dieser Beziehung EPIKUR nur der historische Anknüpfungspunkt ist für GASSENDIs eigene Gedanken und seine trefflichen, lichtvollen Entwicklungen von den Entdeckungen der modernen Physik und Astronomie (2).


Die Logik Gassendis

Die  Philosophie  ist die Liebe, das Studium und die Ausübung der Weisheit, welche die Disposition der Seele ist, richtig über die Dinge zu denken und im Leben richtig zu handeln, sie hat daher zu ihren Hauptgegenständen  Wahrheit  und  Tugend und damit zu ihren Hauptteilen  Physik  und  Ethik.  Die Propädeutik beider ist die  Logik Sie ist die allgemeine Wissenschaft, die sich auf keinen besonderen Gegenstand bezieht. Die Physik und die übrigen Wissenschaften erforschen das Wahre an den bestimmten Gegenständen, mit denen sie sich beschäftigen, die Logik aber leuchtet ihnen allen voran, insofern sie allgemeine Vorschriften und Regeln gibt, durch deren Anwendung sie sich auf dem Weg der Wahrheit erhalten, oder im Falle einer Verirrung diese erkennen und den richtigen Weg wieder einschlagen können. Die Logik kann aber bestimmt werden als die Kunst, richtig zu denken, d. h. richtig vorzustellen (bene imaginari), richtig zu urteilen (bene proponere), richtig zu schließen (bene colligere), richtig zu ordnen (bene ordinare). (Logica II, Seite 6)

Was die Erkenntnis und das Kritierium der Wahrheit betrifft, so muß man die Mittelstraße zwischen den Skeptikern und Dogmatikern einschlagen. Es gibt nämlich ein doppeltes Kriterium der Wahrheit in uns, eins, wodurch wir das  Zeichen  des Objekts wahrnehmen, der Sinn, das andere, durch das wir mittels Schlüsse die verborgene Sache erkennen, der  Geist  oder die  Vernunft.  Denn da wir Etwas mit dem Sinn, Etwas mit der Vernunft wahrnehmen, und alle Vernunfterkenntnisse aus den Sinnen entspringen; so muß der Vernunft notwendig ein sinnliches Zeichen vorangehen, welches sie zur Erkenntnis der verborgenen Sache hinleitet. So schließen wir z. B. aus dem Schweiß, welcher durch die Haut ausschwitzt, als aus einem sinnlichen Zeichen, daß sie Poren hat, obgleich die Sinne keine an ihnen unterscheiden und uns zeigen. Zu diesem Schluß nehmen wir aber noch andere unbezweifelte Sätze und Prinzipien zuhilfe, die wir durch Induktion aus den sinnlichen Dingen erschlossen haben, und in unserem Gedächtnis aufbewahren, und verfahren dabei ungefähr so: diese Feuchtigkeit ist ein Körper, jeder Körper geht aber nur durch ein Medium von einem Ort zum andern, diese Feuchtigkeit muß also durch das Medium der Haut hindurchgehen. Aber die Haut ist selbst ein Körper, und da kein Körper durch einen Ort hindurchgehen kann, wo schon ein anderer ist, weil nicht zwei Körper zugleich an ein und demselben Ort sein können; so könnte die Feuchtigkeit nicht durch die Haut dringen, wenn die ganze Haut Körper wäre, sie muß also Poren haben. So schließen wir auch von den Äußerungen und Handlungen der Seele nicht nur auf ihr Dasein, sondern auch auf ihr Wesen, und wir erkennen sie umso vollkommener, je mehr Gattungen von Wirkungen uns bekannt werden, indem wir dadurch einsehen, daß sie mehrere Eigenschaften hat. Denn die Natur eines jeden Dings ist nicht so unteilbar, daß es nicht eine  Breite  von Eigenschaften und Qualitäten hätte. Obgleich aber der Sinn bisweilen täuscht, und daher kein sicheres Zeichen ist; so kann doch die Vernunft, die über dem Sinn steht, die Wahrnehmung des Sinnes berichtigen, so daß sie kein Zeichen annimmt, wenn sie es vorher nicht berichtigt hat, und erst dann über die Sache ein Urteil fällt (a. a. O., Seite 5).

Jede Idee oder  Vorstellung  (d. h. das Bild der Sache) im Geist entspringt nur aus dem  Sinn.  Denn ein Blindgeborener hat keine Vorstellung von der Farbe, ein Taubgeborener keine vom Ton, weil sie der Sinne entbehren, mittels derer sie sie nur bekommen; und wenn einer ohne alle Sinne leben könnte, was aber unmöglich ist, so hätte er gar keine Vorstellung von Etwas, und würde daher nichts vorstellen. Daher haben die berühmten Sätze, es ist nichts im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war, und der Geist ist eine  tabula rasa  ihre Richtigkeit. Denn die, welche eingeborene Ideen behaupten, beweisen nicht ihre Behauptung. (Inst. Log. P. I. de simpl. Rerum Imagin. can. II.)

Jede Vorstellung wird entweder durch die Sinne dem Geist eingedrückt, oder aus solchen Vorstellungen gebildet, die in die Sinne kommen, und zwar entweder durch Zusammensetzung und Vereinigung mehrerer, oder durch Erweiterung oder Verminderung, wie wenn ich aus der Vorstellung des Menschen die eines Riesen oder Zwerges bilde, durch Übertragung oder Vergleichung, wie wenn man die Vorstellung einer schon gesehenen Stadt auf eine noch nicht gesehene überträgt, oder Gott, der nicht in die Sinne fällt, mit einem ehrwürdigen Greis vergleicht (a. a. O. can. III.)

Alle durch die Sinne eingedrückten Vorstellungen sind  einzeln,  der Geist aber bildet  allgemeine  aus den einzelnen, einander ähnlichen Vorstellungen, und zwar entweder so, daß er die ähnlichen auf  einen  Haufen zusammenbringt, oder so, daß er, wenn einzelne Vorstellungen zwar in Etwas übereinstimmen, aber doch viele Unterschiede an sich haben, von diesen Unterschieden absieht und nur das herauszieht, was sie miteinander gemein haben. Die allgemeineren Vorstellungen werden nun ebenso wieder aus den weniger allgemeinen gebildet. Die einzelne Vorstellung ist umso vollkommener, je mehr Teile und Eigenschaften einer Sache sie vorstellt; die allgemeine aber ums vollkommener, je vollständiger sie ist, und je reiner sie das Gemeinsame der einzelnen darstellt. (a. a. O. IV., V., VIII.)


Kritische Bemerkung über Gassendis
Theorie des Ursprungs der Erkenntnis

GASSENDIs Theorie vom Ursprung der allgemeinen Ideen ist eine Theorie des Scheins, die  phainomene sophia ousa de me.  [scheinbare Weisheit des Seins ohne mich - wp]. Die wahrhaft allgemeine Vorstellung aus den einzelnen, d. h. das Allgemeine aus dem Einzelnen  realiter  entspringen lassen wollte; denn das Einzelne ist nur dem Schein, nicht der Wahrheit nach früher, als das Allgemeine, diese ist das der Natur und dem Begriff nach Frühere. Da die allgemeine Vorstellung die geistige ist, so kommt man überdies nur durch einen  Salto mortale  von der sinnlichen zur geistigen. Denn da die allgemeine Vorstellung erst die wahrhafte, die denkende, die vernünftige Vorstellung, d. h. ein Gedanke ist, ein Geist aber oder eine Vernunft, die gar keine Gedanken hat, also gar nichts denkt, doch hoffentlich wohl kein Geist, keine Vernunft ist, so wie ein Licht, das nicht leuchtet, kein Licht ist, (denn was ist die Vernunft in dieser Beziehung anders, als die Denk- die Gedankentätigkeit?) so läßt man in jener Theorie eigentlich den Geist, die  Vernunft  aus den  Sinnen entspringen.  Aber wie man ohne Vernunft zu Vernunft, ohne Denken zum Denken, ohne Gedanken zu Gedanken kommen kann, wie die Vernunft aus den Sinnen entsteht, dürfte schwer einzusehen sein. LEIBNIZ sagt daher schon vortrefflich in dieser Beziehung von LOCKE, der im Wesentlichen dieselbe Theorie vom Ursprung der Begriffe und Erkenntnisse hatte, wie GASSENDI: "Idem non satis animadvertit, ideas entis, substantiae, unius et ejusem, veri, boni, aliasque multas menti nostrae ideo innatas esse,  quia ipsa innata est  sibi et in se ipsa haec omnia deprehendit. Nempe nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu, nisi  ipse intellectus."  GASSENDIs Vorstellungstheorie hat deswegen zu ihrem Prinzip die hauptsächlich erst in der neueren Zeit allgemein gewordene, und fast allen Theorien von der Erkenntnis und Seele zugrunde liegende Identifikation oder richtiger Verwechslung des Geistes, der Seele, der Vernunft mit dem einzelnen, sinnlichen, bestimmten Individuum. Denn dieses kommt notwendig als ein sinnliches Einzelwesen erst mittels des Sinnlichen zum Denken und zum Bewußtsein des Allgemeinen, aber die allgemeinen Ideen und Gedanken  entstehen  oder  entspringen  realiter ebensowenig erst aus den einzelnen, sinnlichen Vorstellungen, da die Vernunft in jedem Einzelnen und mit jedem Einzelnen  realiter  entsteht. Für den Einzelnen entstehen sie wohl, aber diese Entstehung ist eben eine nur auf den Einzelnen sich beziehende, nur eine scheinbare, keine wahrhafte reelle Entstehung. In jener Theorie wird daher der Schein für die Sache genommen (3).


Die Physik oder Atomlehre Gassendis

Die  Atome  sind die ersten Prinzipien der Dinge, die erste Materie. Unter Atom muß man aber nicht, wie gewöhnlich geschieht, etwas verstehen, was keine Teile hat, und ohne alle Größe und daher nichts anderes als ein mathematischer Punkt ist, sondern, was so fest und gleichsam so hart und kompakt ist, daß es durch keine Gewalt in der Natur zerteilt werden kann. Die bestimmten, d. h. die zusammengesetzten Körper sind teilbar, wegen der Beimischung des  Leeren,  bis auf die Atome, die ersten Bestandteile der Körper, die, weil sie nichts Leeres mehr in sich enthalten, absolut fest sind und keine Sonderung und Trennung erleiden können; denn wie es in der Welt ein reines  Leeres  gibt, in dem nichts Körperliches ist, so gibt es in ihr so  feste Körper,  in denen nichts Leeres, also kein Prinzip der Trennung ist. Wegen ihrer außerordentlichen Kleinheit aber können die Atome auch nicht durch das allerschärfste Gesicht wahrgenommen werden. Die Notwendigkeit der Atome liegt darin, daß es eine erste Materie geben muß, die unerzeugt und unverderblich ist, und in die sich alles zuletzt auflösen läßt. Denn da die Natur Nichts aus Nichts macht oder in das Nichts zurückführt; so muß bei der Auflösung des Zusammengesetzten etwas Unauflösliches, das nicht mehr weiter in ein Anderes zersetzt werden kann, übrig bleiben. Der Satz des EPIKUR und LUKREZ aber: aus Nichts wird Nichts, darf nur von den Kräften der Natur verstanden werden, und die Ewigkeit und Unsterblichkeit der Materie nur so, daß, solange die Welt erschaffen ist und dauert, kein Teil von ihr untergeht oder zu Nichts wird. (Physic. S. I. L. III. Seite 5)

Den wesentlichen Beschaffenheiten oder dem  Wesen  nach sind die Atome nicht unterschieden, denn sie sind alle gleich fest, gleich körperlich und einfach. Die Atome haben aber noch  besondere  Eigenschaften, nämlich  Größe, Gestalt,  und Gewicht oder  Schwere,  durch sie sich voneinander unterscheiden. Deswegen ist das Atom kein Punkt, der, weil er keine Größe hat, auch keine Größe geben kann, denn es ist ganz richtig, wenn man sagt, Unteilbares zu Unteilbarem hinzugetan erzeugt keine Größe. Obgleich aber das Atom Teile hat und deswegen groß ist; so ist es darum doch nicht teilbar und der Zerstörung unterworfen, weil es außerordentlich fest ist und nichts Leeres in sich hat, und seine Teile daher nur dem  Gedanken  nach unterschieden werden, in der  Tat  aber nicht sowohl viele Teile, als vielmehr  eine  höchst  einfache Wesenheit  sind. Diese Teile sind außerordentlich, unvergleichlich, absolut klein,  ta elachista,  Minima. Der Dem Sinn nach kleinste Teil ist noch aus vielen Myriaden von Atomen zusammengesetzt und daher unendlich größer als ein Atom. Das mag sonderbar klingen, aber was unserem Gesichtssinn sehr klein vorkommt, ist für die Natur selbst sehr groß; ja wo unsere sorgfältigste und feinste Unterscheidungskraft aufhört, da beginnt erst die subtile und feine Unterscheidungskraft (gleichsam die Spitzfindigkeit) der Natur. In einem Hirsekörnlein unterscheidet die Natur mehr Teile, als ein Mensch am Kaukasus, ja am ganzen Erdball zu unterscheiden vermag. Obgleich aber die Atome außerordentlich klein sind; so sind sie doch unterschiedlich  gestaltet,  denn sie haben ja eine  Größe,  und die Figur ist nichts, als eine Grenze und Bestimmung der Größe  termins ac modus magnitudinis.  Diese verschiedenen Gestalten der Atome sind zwar unbegreiflich, aber dennoch nicht unendlich. Die dritte Eigenschaft der Atome, die  Schwere  oder das Gewicht ist nichts anderes, als ihre natürliche Kraft und Fähigkeit,  sich selbst zu bewegen  oder ihr eingeborener, ursprünglicher, von ihnen unzertrennlicher Trieb und Hang zur Bewegung. Die Bewegung ist doppelter Art, die natürliche, wenn sich das Atom vermöge seines Gewichts abwärts bewegt, und die reflexive, wenn das Atom bei seinem Zusammenstoßen mit andern wieder zurückprallt. Die Ursace der reflexen Bewegung liegt sowohl in der Natur des Leeren, weil dieses dem zurückspringenden Atom keinen Widerstand leisten kann, als auch in der Natur der Atome selbst, weil sie sich wegen ihrer außerordentlichen Festigkeit nicht durchdringen können, und daher bei einem Zusammentreffen wieder zurückprallen müssen. Alle Atome bewegen sich mit gleicher Geschwindigkeit. Diese apriorische Lehre EPIKURs, daß alle Atome, ungeachtet der Verschiedenheit an Gewicht und Masse doch gleichgeschwind sind, bestätigt die Erfahrung, die da zeigt, daß alle Körper, wenn sie gleich von noch so verschiedener Größe und Masse sind, doch gleichgeschwind von einer Höhe herabfallen (a. a. O., Seite 6 und 7).

Die Atome und das Leere, denn dieses ist unzertrennlich von jenen, sind also die Prinzipien der Dinge. Dies muß man aber nicht so verstehen, wei man den EPIKUR mißverstanden hat, nämlich als wenn die Welt oder die vergänglichen zusammengesetzten Dinge aus ihnen, wie aus zwei Teilen oder zwei sie zusammensetzenden und konstituierenden Prinzipien beständen. Denn nicht die Atome  und  das Leere, sondern nur die Atome sind die Elemente der Körper, das  Leere  dient nur zum  Ort  und zur  Trennung.  Denn da das Leere kein Körper ist, wie wäre es denn möglich, daß die Körper aus ihm bestünden? Obgleich es sich zwischen den Körpern befindet, so macht es doch keinen  Teil  derselben aus, so wenig wie die Luft, die sich in uns innerhalb der Nasen, des Mundes, der Lungen befindet, ein Teil von uns ist. (a. a. O. Seite 8)

Die Atome darf man aber nicht durchaus so annehmen, wie sie EPIKUR auffaßte, sondern nur mit Beschränkung und Ausscheidung mancher Bestimmungen. So muß man die Bestimmung von ihnen wegnehmen, daß sie ewig, nicht hervorgebracht und der Zahl nach unendlich sind. Man muß sie zwar annehmen als die erste Materie, aber dabei hinzudenken, daß sie Gott endlich schuf, sie zu dieser sichtbaren Welt machte, und dann nach ihren eigenen, ihr aber eingegebenen Kräften und Gesetzen sich entwickeln ließ. Man muß daher auch die Bestimmung von den Atomen wegnehmen, daß sie aus sich die Kraft und das Vermögen haben, sich zu bewegen, demzufolge bloß Beweglichkeit in ihnen annehmen, die wirkliche Kraft der Bewegung von Gott ableiten, der sie bei ihrer Erschaffung in ihnen erzeugt und mitwirkt, weil Gott, wie er alles erhält, so auch bei allen Dingen mittätig ist. Der Irrtum EPIKURs besteht aber hauptsächlich darin, daß er erstens behauptete, nicht Gott, sondern der Zufall sei die Ursache der Welt, und zweitens, die Welt sei weder Gottes noch des Menschen wegen gemacht. Denn Gott ist in der Tat die hervorbringende und alles lenkende Ursache der Welt. Wenn man aber gleich Gott die Oberherrschaft über die Natur einräumt, so werden doch deswegen nicht die besonderen Ursachen aufgehoben, die durch seinen Willens ind, und die er ihre eigenen Rollen spielen läßt. Bei irgendeiner Wirkung der Natur muß man daher nicht sogleich Gott zu Hilfe rufen, als wenn er allein die Ursache und keine natürliche Ursache dazwischen wäre, sondern er ist nur die allgemeine Ursache. (a. a. O. Sect. I. 1. IV. Seite 6)


Kritik von Gassendis Atomlehre

Das sich selbst Widersprechende, das Willkürliche diser Verbindung des Prinzips der Atome und ihrer Bestimmungen mit den Vorstellungen der Theologie, den Vorstellungen von Erschaffung, Mitwirkung, Einpflanzung der Bewegungskräfte erhellt sich auf der Stelle. Denn vom Atom ist die Bewegung oder das Prinzip und Vermögen derselben unzertrennlich. Das Atom nämlich ist ein Einfaches, Unteilbares; es ist für sich, getrennt von anderen Atomen; das Leere des EPIKUR ist nichts anderes, als die  sinnliche  Vorstellung, der sinnliche Ausdruck dieser im Begriff des Atoms liegenden Trennung. Das Atom kann aber zugleich  nur  als viele Atome gedacht werden, es ist unmöglich, daß nur  ein  und nicht mehrere, nicht unzählig viele Atome sind; es ist daher in Beziehung, aber in einer äußerlichen, ihm selbst gleichgültigen Beziehung auf die anderen Atome; der  sinnliche  Ausdruck, die sinnliche Erscheinung dieser mit dem Atom selbst identischen Bestimmung der  Beziehung  und  Trennung  ist die  Bewegung die Atome müssen sich stoßen, drängen, oder sonstwie bewegen. Was soll also ein Atom bedeuten, das gar nicht ohne das Prinzip der Bewegung gedacht werden kann, und dem doch die Bewegung erst eingegeben worden ist und werden soll? Und was soll man nun gar darunter denken, daß Gott mit den Atomen mitwirkt? Die Atome sind absolute Atheisten (4), oder doch zumindest Freigeister, die sich so wenig um Gott bekümmern, als der Gott des EPIKUR um die Welt und die Atome; sie sind Autokraten, Monarchen, sie dulden keinen Mitregenten, sie sind eine Welt für sich.

Ebenso unzertrennlich vom atomistischen Prinzip, wie die Bewegung und Freigeisterei, ist die Bestimmung, daß die Welt, d. h. die Ordnung, der Inbegrif der konkreten, der bestimmten, d. h. aus den Atomen bestehenden Körper, oder diese selbst zusammen ein Werk des  Zufalls  sind; denn die bestimmten Körper sind nur Zusammensetzungen von Atomen, die, obgleich das Atom sich seinem Begriff nach auf andere bezieht, doch in der Zusammensetzung oder Verbindung in ein Aggregat auseinander bleiben, gegen die Zusammensetzung und die Verbindung gleichgültig sind, die daher nur ein Zufälliges ist; im Prinzip des Atoms liegt kein Grund, keine Notwendigkeit, daß es sich mit andern verbindet oder auf diese und jene Weise zu einem bestimmten Aggregat zusammensetzt, es tritt nur in eine  äußerliche,  d. h. zufällige' Verbindung; die Welt ist nur ein Aggregat, kein System, ohne Einheit und Notwendigkeit, eine Sache, ein Werk des Zufalls. Äußerliche Notwendigkeit läßt sich wohl mit dem atomistischen Prinzip verbinden, aber diese ist vom Zufall nicht unterschieden. Das Atom zum Prinzip der Dinge machen, heißt daher nichts anderes, als den  Zufall  zum Prinzip der Welt machen. Was soll nun aber gar, um andere Widersprüche und Nachlässigkeiten zu übergehen, zwischen dem Atom, welches unauflöslich, das unteilbare  Erste  und  Letzte  der Welt, in einer sinnlichen Vorstellung, d. h. in Bezug auf die Zeit ausgedrückt,  ewig  und  unsterblich  ist, wie es LUKREZ (de Rer. Nat. I, Seite 237, 501, 520, 545 etc.) nennt, und zwischen dem Geschaffensein für einen Zusammenhang stattfinden?

Übrigens ist gerade in dieser seiner Inkonsequenz GASSENDI ein höchst konsequenter Atomist; in diesen seinen Widersprüchen befindet er sich gerade im Einklang mit dem atomistischen Prinzip; gerade darin, daß sein Denken so inkohärent ist, stellt er, in seinem Denken den Geist des Atomismus perfekt dar. Denn wie die Verbindung der Atome miteinander zu konkreten Körpern äußerlich und zufällig ist, ist es die Verbindung seines atomistischen Prinzips mit seinen anderweitigen Gedanken oder richtigen Vorstellungen; es läßt sich ebensowenig ein innerer Zusammenhang zwiscen diesen auch nur einigermaßen denken, als zwischen den aggregierten Atomen eine innere Einheit; sei Denken ist ein äußerliches zufälliges Aggregieren. Und wie die Atome nur da, wo kein Körper ist, sich im Leeren bewegen, aneinander kommen, sich verbinden; so verbinden sich im Kopf des GASSENDI nur da, wo kein Denken ist, in der  Gedankenleerheit  die Vorstellungen von den Atomen mit seinen anderweitigen Vorstellungen.

GASSENDI stellt daher auch in dieser Verbindung des Atomismus mit den Vorstellungen christlicher Theologie den schon bei BACON und HOBBES berührten Widerspruch dar, daß er anders  denkt,  als er  gesinnt  ist und  fühlt,  ein seinem  Denkprinzip  entgegengesetztes religiöses Prinzip' hat, mit dem, was die wesentliche Art, das wesentliche Objekt seines Geistes, das Objektive also in ihm selbst ist (wenn man anders bei einem so eklektischen, in die Breite des gelehrten Wissens ausgedehnten Denker etwas Bestimmtes als das wesentliche Objekt seines Geistes aussprechen und einen entschiedenen Widerspruch annehmen kann),  radicitus  entgegengesetzte religiöse Vorstellungen verbindet, jenen Widerspruch also, der sich in neuerer und neuester Zeit auf die verschiedenste und krasseste Weise aussprach und schließlich so weit ging, daß man der Vernunft nichts ließ, als endliche eitle Begriffe, als die leere Schale, die abgezogene Haut von den Dingen, allen Inhalt aber in den Preßsack des Herzens hinabstopfte, Gott aus dem Tempel der Vernunft in den Schlupfwinkel, das Alteweiberspital, das  Asylum ignorantiae  des Herzens jagte, aus der offenen, bestimmten, klaren und freien Welt des Denkens alles Göttliche wie eine die frische Luft nicht vertragende Treibhauspflanze in die wohlbehagliche Stubenwärme erkünstelter,  sophistischer Gefühle  versetzte, daß man bei  Tag,  sozusagen, im öffentlichen Geschäftskreis des Verstandes, d. h. im Kopf ein Atheist, im Herzen aber, bei der  Nacht,  privatim im Rücken der Vernunft der abergläubigste Christ, der religiöseste Mensch von der Welt war, aber eben deswegen auch nur einen Hauspenaten als Gott verehrte.


Gassendis Lehre vom Geist

Infolge dieses Widerspruchs, in dem GASSENDI mit sich selbst steht, und der Willkür seines Denkens gibt er nun weiter auch noch andere, mit dem atomistischen Prinzip zusammenhängende Bestimmungen auf, bestimmmt Gott auf eine diesem Prinzip ganz entgegengesetzte Weise und behandelt dann auch die Unkörperlichkeit und Unsterblichkeit des Geistes. Hätte GASSENDI, statt den CARTESIUS widerlegen zu wollen, ihn zu erkennen und wahrhaft aufzufassen gesucht; so würde er auch in Betreff des Geistes nicht im Kreis unbestimmter Vorstellungen stehen geblieben sein, wiewohl er über ihn einige, tiefere philosophische Gedanken berührende Vorstellungen äußert, die folgende sind.

Bei der Frage, ob der Geist unsterblich ist, kommt es vor allem auf die Lösung der Frage an, ob der Verstand oder die  Vernunft,  denn diese ist der hauptsächlichste, vorzüglichste Teil des Geistes, die Wurzel daher auch des Willens, etwas Immaterielles ist. Der Verstand ist nun aber erstens etwas von der Phantasie oder sinnlichen Vorstellungskraft unterschiedenes; denn er ist die Fähigkeit in uns, durch die wir mittels Schlüsse uns zur Einsicht dessen erheben, was nicht sinnlich vorgestellt werden, wovon man sich kein sinnliches Bild machen kann. Der  Verstand  hat nicht, wie die Vorstellung,  materielle Bilder,  unter denen er die Dinge vorstellt; was aber  ohne materielle Form einsieht,  ist  immateriell.  Zweitens dem Geist kommen allein  reflexive  Handlungen zu,  er  nur sieht  sich selbst  und seine Handlungen ein, und besonders  weiß er,  daß  er erkennt.  Aber diese Funktion ist über dem Vermögen einer körperlichen Natur; denn alles Körperliche ist so an einen bestimmten Ort gebunden, daß es sich nicht auf sich selbst, sondern nur auf ein Anderes, von ihm Verschiedenes hinrichten kann. Daher der Satz: Nichts wirkt auf sich selbst zurück. Es kann wohl so scheinen, als ob die Handlung von etwas Körperlichem auf es selbst zurückginge, aber es ist dann in der Tat nur ein Teil, der auf einen anderen Teil wirkt. Drittens, wir bilden uns nicht bloße allgemeine Begriffe, sondern wir  denken  auch selbst das  Wesen  und  Prinzip  der  Allgemeinheit.  Da aber das Allgemeine von der Art ist, daß es von allen materiellen Bedingungen und Unterschieden der Einzelheit abgetrennt ist; so muß wahrlich der Geist, der diese Trennung von der Materie macht, frei von der Materie sein. Die Tiere erkennen und denken nicht die Allgemeinheit oder das allgemeine Wesen, z. B. vom Menschen die Humanität, die Menschheit in der Abtrennung von allen materiellen Bedingungen und Unterschieden, sie stellen nicht das  Abstrakte  selbst vor, sondern immer nur das  Konkrete,  nicht die Farbe, sondern das Farbige, nicht den Geschmack, sondern nur dieses bestimmte, so und so schmeckende Ding. Was schließlich das  Objekt  des Geistes betrifft, so ist dieses nicht ein  bestimmtes,  er  umfaßt alles,  sein Objekt ist  unbegrenzt,  denn alles Wahre,  alles Wesen  als  Wesen  ist sein  Objekt;  sein  Erkenntnisvermögen  erstreckt sich daher auf  alle Gattungen  der Dinge, sowohl  körperliche  als  unkörperliche,  wenngleich manche Hindernisse ihn von der Erkenntnis vieler Sachen abhalten, und er ist daher unkörperlich; denn er könnte nicht einmal etwas Unkörperliches ahnen, wenn er selbst materiell wäre. Da nun aber der Geist oder die vernünftige Seele unkörperlich ist, so folgt notwendig, daß sie unsterblich ist; denn was unkörperlich ist, folglich keine Masse und Teile hat, in die es getrennt und aufgelöst werden könnte, muß notwendig immer so bleiben, wie es ist; denn weder in ihm selbst, noch in einem andern kann der Grund seiner Auflösung liegen, es muß daher in alle Ewigkeit fortdauern. (5)


Kritischer Rückblick auf Gassendi

Es erhellt sich aber auch hier wieder auf der Stelle, wie wenig  der  GASSENDI, der die Atome als Prinzipien der Welt annimmt, mit  dem  GASSENDI, der aus der Unkörperlichkeit der Seele auf ihre Unsterblichkeit schließt, im Zusammenhang steht. Ganz unlogisch ist es, wenn er an einer Stelle behauptet, die Annahme selbst von unvergänglichen Körpern hebe nicht die Richtigkeit seines Arguments auf; denn wenn sogar der Körper unvergänglich sein kann, muß es der  Geist  um so viel mehr sein;  licet aliqua corpora incorrupta sint, non minus, imo magis res incorporare sint incorruptae.  Und wie stimmt das mit den Atomen überein, die keine andere Unkörperlichkeit, als die Leerheit kennen, denen Nicht-Körper-sein, gleich Nicht-sein ist? Mit GASSENDIs Atomen stimmt es freilich überein; aber diese stimmen mit sich selbst nicht überein, widersprechen sich selbst; denn sie sind nicht die absolut festen, tapferen, jede Teilung von sich abweisenden, gegen jeden An- und Eingriff gewappneten Kampfhelden des EPIKUR, sondern alleruntertänigste Diener der Willkür, ganz feige, gutmütige Tölpel, die ohne Einspruch und Gegenwehr sich die Seele aus dem Leib ziehen lassen; denn obgleich sie sich schon anfangs auf das Geduldigste ausplündern lassen, und so hinreichende Proben ihrer Untertänigkeit und Gutwilligkeit gegeben haben, so sollen doch die blutarmen Teufel zuletzt noch sogar die Unauflöslichkeit durch die Länge der Zeit verlieren. (Physic. Sect. III. Lib. XIV. Fol. 628. T. II.) Was ist aber das für ein Atom, d. h. für ein Unauflösliches, das auflöslich ist? Freilich ist auch diese Bestimmung der Unauflöslichkeit ihnen eigentlich schon dadurch genommen, daß sie als hervorgebrachte vorgestellt werden; denn das Unauflösliche ist eben ein Erstes, über das ich nicht hinausgehen kann, was kein Prinzip hat, es mag dieses bestimmt werden, wie es will. Übrigens ist zur Entschuldigung dieser Widersprüche die Bemerkung hinreichend, daß für GASSENDI das Atom selbst eigentlich keine andere als eine  hypothetische  Bedeutung und Existenz hat.
LITERATUR Ludwig Feuerbachs sämtliche Werke, Bd. IV, Leipzig 1847
    Anmerkungen
    1) Vgl. Exercitationes Paradoxicae: Lib. II. Exercitio VI, der Resultat ist: "Nihil adhuc vere sciri per Philosophiam universam ex Rebus Naturalibus." [Es ist noch nichts wirklich bekannt durch die Philosophie des Universums von den Dingen der Natur. - wp] Da läßt er den Schulphilosophen reden, daß in der Sonne Form und Materie ist, sagen, daß in der Luft Form und Materie ist, sagen, daß im Regen Form und Materie ist, sagen, daß im Stein, sagen, daß im Baum, sagen, daß im Menschen Form und Materie ist. O herrliche Philosophie! Alles hat Materie und Form! Damit wissen wir alles! Wozu plagen wir uns also noch mit der Ergründung der Natur?
    2) Die Bedeutung GASSENDIs hat SCHALLER in seiner "Geschichte der Naturphilosophie, Bd. 1, richtig bestimmt. Ich konnte, ohne den ganzen Standpunkt meiner Geschichte zu verrücken, mein früheres Urteil über GASSENDI nicht anders berichtigen und erweitern, als in der hier geschehenen Weise. Auch hatte ich leider! bei der Revision meiner Darstellung GASSENDIs nur seine Exercitationes und Animadversiones in Diog. Lart., die übrigens allerdings eine kompediarische Übersicht über den ganzen GASSENDI gewähren zur Hand.
    3) Diese Kritik der Erkenntnislehre GASSENDIs ist von dem Standpunkt aus gefällt, welchen ich in meinen Grundsätzen der Philosophie § 9 - 18 charakterisierte, wo der Mensch das Wesen Gottes in die Vernunft metamorphisiert, von einer Entstehung der Vernunft und Allgemeinbegriffe daher so wenig die Rede sein kann, wie auf dem Standpunkt des Theismus von einer Entstehung Gottes. Da aber gleichwohl die Erfahrung eine Genesis der Vernunft lehrt, so bleibt auf diesem Standpunkt nichts anderes übrig, als ihr nur eine scheinbare oder subjektive Bedeutung einzuräumen.
    4) CICERO, de Nat. Deo. I. 44. - Wie GASSENDI sagt übrigen auch MAGNENUS in seinem  Democritus  (Hagae Comit. 1658, Seite 268): "Opinio quae atomos admittit Deum creantem nullo modo respuit." Überhaupt erklärten die christlichen Physiker, die sich zum Atomismus bekannten oder hinneigten, die Verbindung desselben mit dem Atheismus für nicht notwendig oder geradezu zufällig. Ja BACON sagt sogar, der Atomismus führe notwendig zum Theismus. Mit Recht: jedes beschränkte Naturprinzip erfordert notwendig zu seiner Ergänzung eine außernatürliche Ursache.
    5) T. II. Phys. Seite III, Membr. post. IX. Seite 2, 4. Membr. post XIV, Seite 2 und T. I. Phys. Seite I, IV und 3.