cr-2ra-1p-4H. BergmannW. G. PetschkoE. ZellerNorströmW. Freytag    
 
WILHELM DILTHEY
Ursprung unseres Glaubens
an die Realität der Außenwelt

[Vorgetragen am 1. Mai 1890]

"Der Primäre, darum konstitutive Vorgang ist: ein Bewegungsimpuls mit einer bestimmten Intention dauert fort, ja er wird verstärkt, und anstatt der intendierten äußeren Bewegung treten Druckempfindungen auf. Dieses Zwischenglied zwischen dem Bewußtsein des Impulses und dem der Hemmung der Intention, das in einem Aggregat von Druckempfindungen liegt, ist jedesmal da. Wir kommen also zum Bewußtsein der Außenwelt nur durch Vermittlungen. Man kann sich die Begründung des Glaubens an die Außenwelt nicht durch irgendeine Art von Übertreibung erleichtern, etwa durch die Annahme einer unmittelbaren Willenserfahrung des Widerstands oder überhaupt durch die psychologische Fiktion eines unmittelbaren Gegebenseins irgendeiner Art."

"Operierte mußten lernen, daß das, was sie sahen, die ihrem Getast wohlbekannten Gegenstände sind. Aber  das  brauchten sie nicht erst zu lernen: ihre affizierte Netzhaut vom affizierenden Ding künstlich zu sondern. Keiner von ihnen sah die Empfindung des Lichts als einen inneren Zustand, ähnlich dem des Schmerzes oder Hungers an."

"Das Denken stellt zunächst zwischen den Veränderungen im Sinnesorgan, dem unabhängigen äußeren Objekt, den Bewegungsantrieben und willkürlichen Bewegungen des eigenen Körpers einen Kausalzusammenhang her. Dieser hat zu seiner ganz allgemeinen Voraussetzung die Realität der Außenwelt. An diesem Kausalzusammenhang weben alle Induktionen des täglichen Lebens und der Wissenschaft. So ist schließlich das ganze Leben, ja das Leben aller miteinander verketteten Generationen ein System von Induktionen, die unter der Voraussetzung der Existenz äußerer Objekte stehen und unter ihr eine widerspruchslos Erkenntnis des Kausalzusammenhangs aller Erscheinungen erwirken. Da diese Voraussetzung durch keine andere ersetzt werden kann, so vollzieht sich hier ein immer neuer, in der Kraft der Verkettung seiner Glieder stets wachsender Erweis der Realität der Außenwelt."

"Könnte man sich einen Menschen denken, welcher ganz Wahrnehmung und Intelligenz wäre, dann würde dieser intellektuelle Apparat vielleicht alle möglichen Mittel zur Projektion von Bildern enthalten: niemals würde das alles jedoch die Unterscheidung eines Ich von realen Gegenständen möglich machen. Deren Kern ist vielmehr das Verhältnis von Impuls und Hemmung der Intention, von Wille und Widerstand."

Dem Laien erscheint die Realität der Außenwelt selbstverständlich; die Frage nach dem Ursprung und dem Recht unseres Glaubes an diese Realität für müßig. Doch wird die Frage nach dem Ursprung dieses Glaubens immer ein starkes Interesse erregen. Von ihr gehe ich hier aus. Zugleich möchte ich mich durch eine Behandlung derselben auch der Auflösung der zweiten Frage nach dem Rechtsgrund dieses Glaubens annähern. Denn soll es für den Menschen eine allgemeingültige Wahrheit geben, so muß, nach der zuerst von DESCARTES angegebenen Methode, das Denken sich einen Weg von den Tatsachen des Bewußtseins entgegen der äußeren Wirklichkeit bahnen. Die objektive Gültigkeit der inneren Erfahrung, die Realität der Außenwelt, die Bestimmung des Erkenntniswertes unserer Empfindungen, unserer Raumanschauung und der Denkformen bilden die ersten und schwierigsten Stadien dieses Weges. Nur indem derselbe mit strenger Pünktlichkeit von den ersten Schritten ab durchmessen wird, können auch die Prinzipien des individuellen und sozialen Handels die ihnen mögliche Sicherheit erlangen. An diesen haftet freilich schließlich das wesenhafte Interesse der Philosophie, ja aller Wissenschaft, zumal in unseren Zeiten.


Der Satz der Phänomenalität

Der oberste  Satz der Philosophie  ist der Satz der Phänomenalität: nach diesem  steht alles, was für mich da ist, unter der allgemeinsten Bedingung, Tatsache meines Bewußtseins zu sein;  auch jedes äußere Ding ist mir nur als eine Verbindung von Tatsachen oder Vorgängen des Bewußtsein gegeben; Gegenstand, Ding ist nur für ein Bewußtsein und in einem Bewußtsein da.

Die Außenwelt erstreckt sich von meinem eigenen Leib nach ihren drei Dimensionen in unermeßliche Ferne. Dort schweben im unendlichen Raum zahllose ungeheure Kugeln. Viele derselben sind so unvorstellbar fern, daß ihr Licht, welches in eine Sekunde 42 000 Meilen durchläuft, Jahrtausende bedarf, um zu mir zu gelangen. Mehr als eine halbe Million dieser ungeheuren Körper muß ich im Ozean des Raumes, schwebend, rollend denken. Ich selbst scheine mich in diesem Universum zu verlieren, wie ein Infusorium [Einzeller - wp] in einem Wassertropfen des Meeres. Und nun sagt mir dennoch meine Selbstbesinnung: diese Kugeln im unermeßlichen Raum, ja dieser Raum selbst, in dem sie schweben, existiert für mich nur, weil und sofern das alles eine Tatsache meines Bewußtseins ist. Jedes Objekt kann in Tatsachen des Bewußtseins, nämlich in Farbenempfindung, Empfindung von Widerstand, Dichte, Schwere, einheitliche Verbindung dieser Eindrücke usw. aufgelöst werden. Auch nützt es nichts zu sagen, daß zwar Empfindungen und Bilder nur Bestandteile meines Bewußtseins sins, daß aber diese meine Eindrücke und Vorstellungen sich doch auf einen Gegenstand außerhalb meiner selbst beziehen. Denn nur im Bewußtseinsakt ist ja das Gegenüberstellen, das Trennen von Selbst und Objekt da.


Die intellektualistische Ausdeutung dieses Satzes.
Der Phänomenalismus.

Dieser Satz geht in unmerklicher Weise durch Trugschlüsse in den Phänomenalismus über. Nach diesem besteht die menschliche Erkenntnis in der Herstellung eines widerspruchslosen Zusammenhangs der Erscheinungen; mein Wissen vermag nirgendwo den Horizont der Phänomene, d. h. des Zusammenhangs von Bestandteilen meines Bewußtseins zu überschreiten. Dieser Standpunkt darf nicht durch eine Deutung im Sinne des Solipsismus entstellt werden. Vielmehr wird der Satz: das Erkennen vermag nicht über die Auffassung des Zusammenhangs der Erscheinungen hinauszugehen, geradezu aufgehoben von dem solipsistischen Satz: ein vom Bewußtsein Unabhängiges besteht nicht. Der  Phänomenalismus  ist die bewußte  kritische Einschränkung der Wissenschaft auf Erscheinungen,  nämlich auf die im Bewußtsein auftretenden Empfindungen und Gemütszustände, auf ihre Koexistenz, ihre Abfolge und ihre logischen Beziehungen. Raum, Zeit, Substanz, Kausalität, Zweck, Ich und Außenwelt werden in gleichförmige Beziehungen zwischen phänomenalen, nach ihrem objektiven Wert nicht bestimmbaren Beziehungspunkten aufgelöst.

Dieser Standpunkt entsteht unweigerlich aus dem Satz der Phänomenalität, wenn die Voraussetzung zu ihm hinzutritt, daß die Bewußtseinstatsache: Ding oder Gegenstand aus  vorstellungsmäßigen  Bestandteilen, sonach aus Empfindungen, Vorstellungen, Denkvorgängen zusammengesetzt ist. Man bezeichnete solche vorstellungsmäßige Bestandteile der Elemente der Wirklichkeit in der englischen Schule als  Ideen

Die intellektualistische Umdeutung des Satzes der Phänomenalität entsprang aus den Antrieben der mathematischen Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts. Diese suchte für das menschliche Erkennen einfache verstandesgemäße Elemente, welche entweder in der Empfindung oder im Intellekt eindeutig gegeben sind. So betrachtete sie auch die Objekte als zusammengesetzt aus den Empfindungen und den Formen ihrer Synthesis. Diese Richtung herrscht bis heute gleichmäßig in den beiden Fraktionen des Phänomenalismus. HUME, TURGOT, d'ALEMBERT und COMTE, die Begründer der positiven Philosophie, teilen sie mit KANT, MAIMON, BECK und den neueren Vertretern der Transzendentalphilosophie. Die Positivisten streben die Erkenntnis in ein System von Formeln überzuführen, welche Verhältnisse des Enthaltenseins, der Gleichung und Abhängigkeit enthalten. KANT hat durch eine Art von Filtrierung aus Raum, Zeit und Kausalität die formelhaften Begriffe der mathematischen Naturwissenschaft ausgelöst und alle anderen Bestandteile dieser Bewußtseinstatsachen als erdigen Rückstand zurückgelassen.

Die Konsequenzen dieses Verfahrens waren unvermeidlich. Die Subjektivität der Empfindungen ist ein gesichertes Ergebnis der Wissenschaft; sie wurde gleicherweise durch Physik, Physiologie und philosophische Analyse dargetan. Nun ist uns das Verhältnis der Empfindungen zu etwaigen, sie hervorrufenden Ursachen gänzlich unbekannt. Ebensowenig kennen wir das Verhältnis der in unserem Bewußtsein auftretenden Formen von Verknüpfung der Empfindungen in den Wahrnehmungen und Denkvorgängen zu etwas außerhalb von uns. Sowohl die Empfindungen wie auch diese Beziehungsformen sind innere Tatsachen. So scheint sich eine Wirklichkeit, die aus ihnen besteht, in lauter Erscheinungen auflösen müssen. Besonders energisch hat KANTs Schüler, BECK, von den Voraussetzungen der Transzendentalphilosophie aus die Annahme von Objekten aufgelöst. Nach diesen transzendentalphilosophischen Voraussetzungen entsteht ja jede Aussage von einem Dasein der Dinge erst innerhalb der Kategorien der Relation, und Realität oder Wirklichkeit sind nur begriffsmäßige Formeln für Verstandesfunktionen.


Die herrschende naturwissenschaftliche
Hypothese über den Ursprung des Glaubens
an die Realität von Objekten

Im Zusammenhang dieser intellektualistischen Voraussetzungen sind nun mehrere Versuche aufgetreten, den Ursprung unseres Glaubens an eine Außenwelt zu erklären. Unter ihnen ist besonders einer sowohl durch die Zahl, wie auch durch das Gewicht seiner Vertreter von hervorragender Bedeutung.

Nach JOHANNES MÜLLER (1) empfindet das Sinnesorgan zunächst nur  sich selbst,  seine immanente Energie und deren Zustände. So verdankt jedes tierische oder menschliche Geschöpf das Bewußtsein von Etwas außerhalb von ihm erst dem Verlauf seiner Erfahrungen, der Verbindung der Empfindungen untereinander und derselben mit den Vorstellungen. Nach von HELMHOLTZ ("Handbuch der physiologischen Optik", Seite 453f) kann dann die Natur dieser Erfahrungen als  unbewußtes Schlußverfahren  bestimmt werden.
    "Wir können niemals aus der Welt unserer Empfindungen zur Vorstellung von einer Außenwelt kommen, als durch einen Schluß von der wechselnden Empfindung auf äußere Objekte als die Ursache dieses Wechsels. Demgemäßt müssen wir das Gesetz der Kausalität als ein aller Erfahrung vorausgehendes Gesetz unseres Denkens anerkennen."
So ist für HELMHOLTZ der Glaube an die Außenwelt der zureichende Beweis für ein a priori in uns wirkendes Kausalgesetz. Dieser Beweis ist wie der KANTs für den apriorischen Ursprung des Raums nach der Regel gebildet: was die Bedingung der Erfahrung ist, kann nicht selber aus der Erfahrung abgeleitet werden.

Diese unter den Naturforschern einflußreiche, für den Fortschritt der Analyse unserer Wahrnehmungen höchst wirksame Ansicht darf zunächst nicht mit derjenigen konfundiert werden [vermischt - wp], welche SCHOPENHAUER geltend machte ("Vierfache Wurzel etc.", zweite Auflage, § 21, Seite 50f, "Über das Sehen und die Farben, sowie im Anfang der Schrift "Welt als Wille"; Bd. 2, Seite 43). Die Ansicht SCHOPENHAUERs ist wie so manche andere dieses großen Schriftstellers eine Fortbildung von Sätzen seines Lehrers FICHTE ("Bestimmung des Menschen", Ausgabe Kehrbach Seite 48, 49; vgl. auch "Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre", Gesammelte Werke, Bd. 1, Seite 482), dessen er dann freilich dabei nicht gedenkt, ja dessen Namen er selten ohne Scheltworte ausspricht. Schon der Begründer der modernen Methode der Philosophie, DESCARTES, hatte, da er nur die Tatsachen des Bewußtseins als gegeben anerkannte und das Problem so vor ihm lag, von diesen zu einem Bewußtseinstranszendenten zu gelangen, in der zweiten Meditation erklärt, daß nicht die Sinne uns die Objekte erweisen, sondern unser Verstand aufgrund der Sinnesempfindungen ihr Dasein annimmt. HUME hat dann eine genaue Theorie entworfen, wie wir von unseren im Bewußtsein auftretenden Eindrücken, und zwar von der Wiederholung ähnlicher Eindrücke, mittels der Denkvorgänge, welche auf Assoziation und Gewöhnung beruhen, zurückgehen auf die Existenz von Dingen, als auf den Grund hiervon. Aber die Formel des unbewußten Schlusses finde ich zuerst bei FICHTE. Nach FICHTE sind Empfindungen zunächst bloße Affektionen meiner selbst, also  meine  Zustände. Indem ich diese Empfindungen als Wirkungen ansehe, gehe ich im Denken über sie hinaus zu einer hinzugedachten Ursache, die nicht in mir selber gelegen sein kann. Bei SCHOPENHAUER sind dann Empfindung, Verstand, Anschauung abstrakte Wesenheiten. Die Empfindung wird mittels des Verstandes durch die ihm eingeborene Funktion von vornherein in die Anschauung eines Äußeren umgesetzt. Daher verfällt das Neugeborene bei der gleichsam ungeschickten Anwendung dieser Funktion auf die Data der Sinne in eine Art von Stupor [Starre - wp]. Bei von HELMHOLTZ dagegen liegt wie bei seinem Lehrer JOHANNES MÜLLER der Akzent auf den  Erfahrungen auf den Verbindungen der Empfindungen mit den  erworbenen Vorstellungen.  Unter unbewußten Schlüssen versteht er einen Inbegriff von Prozessen, welcher nachträglich in die Form des Schlusses gebracht werden kann und darum diesem äquivalent ist. Und er erweist das Wirken solcher den Schlüssen äquivalenter Prozesse in der Entstehung unserer Wahrnehmungen an einer großen Zahl von Tatsachen, welche von ihnen aus eine angemessene Erklärung erhalten. So hat er sich auch um die Auflösung der großen philosophischen Frage von der Entstehung unseres Bewußtseins der Außenwelt und der äußeren Objekte ein unsterbliches Verdienst erworben, indem er die in diesem Vorgang mitwirkenden Denkprozesse induktiv und experimentell nachwies und so die Lehre vom unmittelbaren Gegebensein eines Außen definitiv beseitigte.

Doch scheinen mir auch in der Ansicht von HELMHOLTZ die intellektualistischen Voraussetzungen fortzuwirken. In allen seinen Schriften nimmt er an, daß das Kausalgesetz als a priori gegebenes, transzendentales Gesetz ("Tatsachen in der Wahrnehmung", Vorträge II, Seite 247) die Bedingung ineinandergreifender Schlüsse ist, mittels deren wir von unserem Selbst ein anderes Unabhängiges trennen. In der Optik (Seite 453) bestimmt er die Natur dieses Gesetzes dahin, daß wir vermöge desselben von der Wirkung auf die Ursache schließen. Und wenn später HELMHOLTZ die Konzeption der Ursache in die Beziehung von Gleichförmigkeit, von Abhängigkeit aufzulösen scheint ("Tatsachen i. d. Wahrnehmung", a. a. O., Seite 243f), so hat er doch außer den Empfindungen und den unbewußten Schlüssen nur den Willensimpuls (gelegentlich a. a. O., Seite 245 den Schmerz) in seine Betrachtung aufgenommen. Seit DESCARTES haben ja die meisten Erklärer das Merkmal der Empfindungen, daß der Wille sie weder zu verdrängen, noch hervorzubringen oder festzuhalten vermag, als Grund der Überzeugung über ihre Unabhängigkeit von diesem Willen anerkannt und benutzt. Wenn nun HELMHOLTZ und ZELLER (2) ebenfalls hiervon ausgehen, wenn ihnen die Außenwelt durch eine Ergänzung der Empfindungen aufgrund von deren Eigenschaften, unter denen sich auch ihre Unverdrängbarkeit vom Willensimuls befindet, in Denkprozessen besteht, so möchte ich doch im Folgenden versuchen, den Menschen in seiner empirischen Lebensfülle zu Grunde zu legen und eine breitere Wirkung des Triebsystems, der Tatsachen des Willens und der mit ihnen verbundenen Gefühle zu erweisen. Ich möchte auch über die Annahme hinauskommen, daß die Realität der Außenwelt nur den Wert einer Hypothese hat. Sie ist nach HELMHOLTZ die einfachste, die wir bilden können: geprüft und bestätigt in außerordentlich weiten Kreisen der Anwendung und darum höchst fruchtbar für das Handeln. Aber neben ihr sind andere unwiderlegbare idealistische Hypothesen möglich (Tatsachen 243). In welchem Sinne ich diese Auffassung zu ergänzen hoffe, wird sich aus dem Folgenden ergeben.


Das Prinzip der Erklärung

Ich erklären den Glauben an die Außenwelt nicht aus einem Denkzusammenhang des Lebens, der dann durch Prozesse, die den Denkvorgängen äquivalent sind, vermittelt ist. Wir gewahren in uns eine Mannigfaltigkeit innerer Vorgänge, welche sich im Bewußtsein deutlich voneinander abheben: Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle, Triebe, Volitionen. Diese Vorgänge sind miteinander in einer Struktur des Seelenlebens verbunden, welche bei allen animalischen Wesen auf unserer Erde dieselbe ist und das psychische Grundgesetz dieser Lebewesen ausmacht. Man könnte sich Lebewesen denken, welche ihre Anpassung an ihre Umgebung beständig durch die Einsicht in den Kausalzusammenhang zwischen Organismus und Außenwelt sowie in den aus diesem Zusammenhang sich ergebenden Nutzen oder Schaden der einzelnen gegebenen Lebensbedingungen herstellen. Wir sind nicht Wesen dieser Art. Die Natur hat mit einem viel geringeren Aufwand an Mitteln, freilich auch in einer etwas groben und durchschnittlichen Art dem Lebewesen die Anpassung an seine Lebensbedingungen ermöglicht. Im System der Triebe, in den mit ihnen verbundenen lustvollen und unlustigen Gefühlen, in den von konstanten Ursachenklassen der Außenwelt regelmäßig hervorgerufenen Gemütszuständen ist die Erhaltung des Individuums und der Gattung unmittelbar zu den äußeren Lebensbedingungen in Beziehung gesetzt. So lehren und der unwiderstehliche Nahrungstrieb und die im Geschmackssinn auftretenden Gefühle, welche mit seiner Befriedigung verbunden sind, Nahrung zu suchen und das unter allen Umständen der Ernährung Schädliche zu vermeiden. Hiernach besteht die Struktur allen Seelenlebens, der Grundtypus desselben darin: Eindrücke und Bilder rufen im System der Triebe und der mit ihnen verbundenen Gefühle zweckmäßige Reaktionen hervor; durch diese werden willkürliche Bewegungen ausgelöst, und so wird das Eigenleben an seine Umgebung angepaßt. Daher ist die tierisch-menschliche Lebenseinheit, von innen angesehen, auf jeder Stufe ein Bündel von Trieben, Lust- und Unlustgefühlen sowie von Volitionen. Nahrungstrieb, Geschlechtstrieb, Kinderliebe, Abwehr-, Schutz- und Vergeltungstriebe, Bewegungs- und Ruhebedürfnis, die sich daran anschließenden sozialen, intellektuellen Gefühle und Volitionen bilden zusammen die Willensmacht des Menschen, welche gleichsam ihre Fangarme ringsumher nach Erfüllung und Befriedigung ausstreckt. Die Vorgänge von Wahrnehmung und Denken, welche sich zwischen dem Reiz und der Willensreaktion auf den höheren Stufen des Lebens einschalten, erweitern und vermannigfaltigen sich nur in diesem Zusammenhang mit dem Triebleben. Daher hat jeder Vorgang von Wahrnehmung, jeder Denkprozeß gleichsam eine innere Seite: Interesse, Aufmerksamkeit und die aus den inneren Strebungen stammende Energie und Gefühlsbetonung; durch diese hängt er mit dem Eigenleben zusammen. Aus dem Eigenleben, aus den Trieben, Gefühlen, Volitionen, welche es bilden und deren Außenseite nur unser Körper ist, scheint mir nun innerhalb unserer Wahrnehmungen die Unterscheidung von Selbst und Objekt, von Innen und Außen zu entspringen.


Historische Bemerkung

Die Lösung der Aufgabe in dieser Richtung ist schon früher versucht worden. Jede Theorie hat natürlich für den Vorgang, in welchem die Realität der Objekte entsteht, die Unveränderlichkeit der Sinneseindrücke durch den Willen verwertet. Dies kann am einfachsten an LOCKEs klassischen Kapitel "Über die Erkenntnis anderer Dinge" festgestellt werden (Buch 4, Kapitel 11). Nach ihm beruth eine für die Praxis ausreichende Gewißheit der Existenz von Außendingen auf folgenden vier Gründen:
    1. Die Sinnesvorstellungen sind abhängig vom leistungsfähigen Zustand des Sinnesorgans, das von außen affiziert wird.

    2. Ich kann zwar Gedächtnisbilder willkürlich hervorbringen; dagegen Sinneseindrücke vermag ich weder durch den bloßen Willensimpuls zu verdrängen, noch durch ihn herbeizuführen.

    3. Ebenso sind die Gefühle, welche sich an diese Sinneseindrücke knüpfen von unserem Willen unabhängig; dieselben belasten oder ergötzen uns, während bloße Vorstellungen von Gefühlen keine solche Wirkung haben.

    4. Das Zeugnis eines einzelnen Sinnes empfängt in vielen Fällen eine Bestätigung durch die Aussage eines anderen; ein Feuer, das im Gesichtssinn gegeben ist, empfängt einen höheren Grad an Realität für mich durch das Hautgefühlt, wenn ich ihm meine Hand nähere.
Ebenso ist nach BERKELEY die Überzeugung von der Existenz äußerer Ursachen für unsere Sinneswahrnehmungen gegründet in der größeren Lebhaftigkeit derselben, verglichen mit den Erinnerungsbildern, in ihrer größeren Beständigkeit und Ordnung, in ihrer Unveränderlichkeit, in ihrer Unverdrängbarkeit durch unseren Willen. Dennoch haben diese Denker, ganz wie die heute herrschende Theorie, die Außenwelt mit einer falschen Abstraktion den Gebilden der vorstellenden Tätigkeit eingeordnet und durch eine Ergänzung der Empfindungen im Denken mittels von Merkmalen, unter denen sich dann die Unabhängigkeit vom Willen befand, erklärt. Hierdurch bereiteten sie die phänomenalische Lehre vor. Gegenüber dem Skeptizismus HUMEs und der deutschen Transzendentalphilosophie erstrebten dann eine Überwindung der phänomenalistischen Lehre die schottische Schule und einige französische denker des ausgehenden 18. sowie des beginnenden 19. Jahrhunderts. Fehlte dieser  intuitionistischen Schule  die Klarheit der psychologischen Analyse, so hat sie doch die Lücke in der Erklärung gesehen und das Problem einer Überwindung des Phänomenalismus von der Betonung des Willens aus angegriffen. Ich habe mir dieselbe Aufgabe in einem allgemeineren Zusammenhang stellen müssen. So bezeichnete ich im ersten Band meiner Einleitung in die Geisteswissenschaften als die Methode: von der Analyse der ganzen Menschennatur aus müsse die Frage nach Ursprung und Recht unserer Überzeugung von der Realität der Außenwelt aufgelöst werden.
    "Dem bloßen Vorstellen bleibt die Außenwelt immer nur Phänomen, dagegen in unserem ganzen wollend fühlend vorstellenden Wesen ist uns mit unserem Selbst zugleich und so sicher wie dieses eine äußere Wirklichkeit (d. h. ein von uns unabhängiges Anderes, ganz abgesehen von seinen räumlichen Bestimmtungen) gegeben; sonach als Leben, nicht als bloßes Vorstellen. Wir wissen von dieser Außenwelt nicht kraft eines Schlusses von Wirkungen auf Ursachen oder eines diesem Schluß entsprechenden Vorganges, vielmehr sind diese Vorstellungen von Wirkung und Ursache selber nur Abstraktionen aus dem Leben unseres Willens." (3)
Neuerdings hat RIEHL in seiner Schrift über den philosophischen Kritizismus die Frage nach der Realität der Außenwelt im Gegensatz gegen die idealistischen Theorien in derselben Richtung geistvoll behandelt (4). Inzwischen bezeichnet auch RIEHL als sein Ziel, der idealistischen Hypothese gegenüber die realistische zu begründen (5).


Impuls und Widerstand

Das Schema meiner Erfahrungen, in welchen mein Selbst von sich das Objekt unterscheidet, liegt in der Beziehung zwischen dem Bewußtsein der willkürlichen Bewegung und dem des Widerstandes, auf welchen diese trifft. Ich füge ausdrücklich hinzu, daß ich hier zunächst nur  einen  der Faktoren, welche zugleich das Bewußtsein des Ich und der realen Objekte hervorbringen, ins Auge fasse. Und ich will natürlich den einzelnen Impuls zu einer Bewegung sogleich in seinem Zusammenhang mit den Trieben und den von ihnen untrennbaren Gefühlen aufgefaßt wissen. Denn der Mensch ist zunächst ein System von Trieben, diese drängen vom Bedürfnis nach der Befriedigung und in diesem Zusammenhang treten die Impulse zu Bewegungen auf. Nur von diesem System der Triebe und Gefühle aus ist dann auch die zusammengesetzte Natur der Widerstandserfahrung auflösbar.

Die grundlegende Bedeutung dieser Erfahrungen von Impuls und Widerstand ist schon dadurch bedingt, daß dieselben zuerst von allen vor der Geburt durch den Embryo gemacht werden und bereits in diesem ein unvollkommenes Bewußtsein des Eigenlebens und eines äußeren Etwas zur Folge haben.
    "Der Mensch", sagt  Kussmaul,  "kommt mit einer wenn auch dunklen Vorstellung eines äußeren Etwas, mit einer gewissen Raumanschauung, mit dem Vermögen, gewisse Tastempfindungen zu lokalisieren und einer gewissen Herrschaft über seine Bewegungen zur Welt". (Kussmaul, Untersuchungen über das Seelenleben des neugeborenen Menschen, Seite 36).
KUSSMAUL ist in Bezug auf diesen Satz in Übereinstimmung mit VOLKMANN ("Neue Beiträge zur Physiologie des Gefühlssinnes", 1836, Kap. 3, Seite 17f) und JOHANNES MÜLLER, ("Physiologie, Bd. 2, 1837, Seite 269). Er hat nun denselben durch interessante Versuche an Neugeborenen bewiesen. Unter diesen ist folgender besonders bemerkenswert.
    "Ein vollkommen ausgetragenes schönes, lebhaftes Mädchen wr um 7 Uhr morgens zur Welt gekommen, hatte bald und wiederholt Hunger gezeigt, wurde aber bis ½ 12 Uhr mittags nüchtern gehalten. Ich streichelte mit dem Zeigefinger sachte seine linke Wange, ohne die Lippen zu berühren. Rasch wendete es den Kopf auf diese Seite, faßte meinen Finger und begann zu saugen. Ich nahm den Finger heraus und streichelt die rechte Wange. Ebenso rasch wendete es sich jetzt auf diese Seite und faßte den Finger nochmals. Von neuem nahm ich den Finger heraus und streichelte die linke Wange."
So wurde mehrmals noch mit demselben Erfolg zwischen der linken und rechten Wange gewechselt.

Diese Unterscheidung eines äußeren Etwas vom Eigenleben, welche das Neugeborene mitbringt, sowie die damit verbundene unvollkommene Herrschaft über die eigenen Glieder und unvollkommene Lokalisation ist an neugeborenen Tieren noch auffallender. Ich sah ein eben geborenes Kalb vor nahen größeren Objekten erschrecken, dieselben aber dann durch eine ungeschickte Bewegung vermeiden; es bewegte sich noch ungern und ruckweise. Und ein anderes Kalb von einem ¾ Tag bewegte sich im Stall zwischen Säulen und Pfosten mit vollständiger Sicherheit und wich, wenn auch noch ungeschickt, dem Schlag aus. SPALDINGs Versuch ist öfters wiederholt und variiert worden. Er verband einem neugeborenen Ferkel die Augen; als ihm am zweiten Tag die Binde abgenommen wurde, war es nach zehn Minuten kaum von einem anderen Ferkel zu unterscheiden, das sich ohne Unterbrechung des Augenlichts erfreute. Auf einen Stuhl gesetzt, zauderte es, kniete dann nieder und sprang herab (bei PREYER, Seele des Kindes, Seite 49). Versuche mit Hühnern, denen Tagelang die Augen geschlossen gehalten wurden, zeigen, wie, nachdem die Bedeckung abgenommen ist, sogleich ein ganz sicheres Verhältnis zur Außenwelt vorhanden ist.

Einen erheblichen Teil dieser Tatsachen erklären die Erfahrungen im embryonalen Leben. Der Embryo des Säugetiers oder Menschen berührt häufig bei seinen Bewegungen die Wände der Gebärmutter und seine eigenen Teile berühren einander. Auch ist ihm die Verbindung von Durst, Aufsaugen einer äußeren Flüssigkeit und Durststillung bereits durch die Erfahrung vollzogen. Schon HARVEY sah das Küken im Ei sich sanft in der umgebenden Flüssigkeit bewegen, den Schnabel öffnen und wieder verschließen. Und aus der Untersuchung des Magen- und Darminhalts der Früchte läßt sich wahrnehmen, daß sie schon im Mutterleib eine amniotische [zur Eihaut werdende - wp] Flüssigkeit verschlucken. So geben willkürliche Bewegung, Tastwahrnehmung, Hunger und Durst, eine Befriedigung derselben durch die Aufsaugung äußerer Flüssigkeit dem Embryo schon einen Kreis von Erfahrungen, während Gehör, Geruch und Gesicht erst nach der Geburt Eindrücke wahrnehmen.

Bevor das Junge geboren wird, besitzt es demnach im Grundschema ein dunkles, vielleicht mehr traumartiges Bewußtsein der Trennung seines Eigenlebens von einem es ringsum bedingenden äußeren Etwas.

Wir fragen nun zunächst, worin dieses Bewußtsein von willkürlicher Bewegung und von Widerstand besteht, in welchem, zusammen mit dem Bewußtsein von Trieb und Erfüllung, die Trennung von Eigenleben und Anderem, von Selbst und Objekt gleichsam eingewickelt vorhanden ist.

Die Wahrnehmung einer aktiven  willkürlichen Bewegung  ist auch bei Ausschluß der Mitwirkung von Gesichtsempfindungen ein zusammengesetzter Vorgang. Sollten sich die neueren Untersuchungen bestätigen, so würden zwar die Annahmen über die Innervationsempfindungen [Nervengefühle - wp] eine Änderung erfahren, aber umso mehr müßte die zentrale Stellung des mit der Bewegungsvorstellung verbundenen Impulses, als eines rein psychischen Aktes, hervortreten. Der in die innere Erfahrung fallende Vorgang ist nun folgender.

Wir können willkürlich die Impulse nach ihrer Intensität und ihrer Verteilung, entsprechend der Vorstellung einer bezweckten Wirkung, bemessen. Der Größe der hierbei aufgewandten Arbeit oder Kraft werden wir uns bewußt. Wir können nicht nur Erinnerungen willkürlicher Bewegungen, sondern auch solche von den zu ihnen gehörigen Impulsen, von der für sie aufgewandten Energie bewahren und zurückrufen. So bildet der bewußte Willensvorgang in verschiedenen Graden von Stärke eine Unterlage all unserer Erfahrungen über willkürliche aktive Bewegungen.

Die neueste Untersuchung über den Muskelsinn stellt sich dann das  Zusammenwirken der Faktoren  zur Wahrnehmung willkürlicher Bewegungen folgendermaßen vor (6).

Eine Bewegungsvorstellung taucht in uns auf und wirkt durch einen eigentümlichen Vorgang, der den Willensprozeß ausmacht, auf das motorische Feld. Es finden nun zentrifugale Erregungen statt und führen die peripherischen Lokomotionen [Fortbewegungen - wp] herbei. Dieser Vorgang, der den Willensprozeß ausmacht, auf das motorische Feld. Es finden nun zentrifugale Erregungen statt und führen die peripherischen Lokomotionen herbei. Dieser Vorgang ist aber nicht von ihm entsprechenden Empfindungen (Innervationsempfindungen) begleitet. Wir wissen vielmehr von den so herbeigeführten Bewegungen nur mittels der von der Peripherie und zugehende Empfindungen, welche durch die Ausführung der Bewegungen hervorgerufen werden. Unter diesen beachtete und untersuchte man bekanntlich zunächst die Druckempfindungen der Haut, welche die Verschiebungen der Lage der Haut, sowie der subkutanen Teile begleiten, alsdann die Kontraktionsempfindungen in den Muskeln, welche man zumeist als durch in den Muskel eingehende sensible Nerven bedingt ansieht. Neben diesen beiden Empfindungsarten, welche als Faktoren in die Wahrnehmung der willkürlichen Bewegung eingehen, hebt neuerdings besonders GOLDSCHEIDER eine dritte hervor, welche nach seinen Untersuchungen für die Genauigkeit unserer Wahrnehmungen entscheidend ist. Das Gelenkinnere ist ein Sinnesapparat; sein Nervenreichtum bedingt seine Empfindlichkeit; diese ist nach den Gelenken verschieden, überall aber wird ihr die genauere Bestimmung der Bewegungswahrnehmung verdankt.

Wir vermeiden nun den Kreis dessen, was sich noch in der psychophysischen Diskussion befindet. Der Satz, welcher uns interessiert, tritt als ganz sicher heraus. Den Kern meiner Wahrnehmung von willkürlicher Bewegung bildet das Bewußtsein von meinem Bewegungsimpuls, in dieses gehen Empfindungen von ganz verschiedener Herkunft ein und geben ihm seine abgemessene Bestimmtheit.

Dieses Bewußtsein der willkürlichen Bewegung tritt nun aber zur  Erfahrung des Widerstandes  in Beziehung; so entsteht zuerst eine, obwohl noch unvollkommene Unterscheidung von Eigenleben und dem Anderen, dem von ihm Unabhängigen.

Ich taste mit der Sonde. Hierbei habe ich das Bewußtsein meiner Impulse, zugleich verlege ich aber an die Spitze der Sonde eine Widerstandserfahrung, da mir die Sonde als ein fühlsames Tastorgan, als eine Art von Fortsetzung der tastenden Hand erscheint. Die Natur dieser Tasterfahrung wird von mir in der Regel nicht näher beachtet. Bediene ich mich doch derselben gewöhnlich nur, um die Anwesenheit eines Objekts mittels einer willkürlichen Bewegung festzustellen. Ich richte nun meine Aufmerksamkeit auf diesen Eindruck; er ist sowohl von dem der Schwere, als dem des Druckes augenscheinlich unterschieden. Eine eigentümliche Verwandtschaft zwischen der Erfahrung der willkürlichen Bewegung und der des Widerstandes in Bezug auf die Art und Weise des Bewußtseins oder Innewerdens läßt mich annehmen, daß den Kern dieses Eindruck ebenfalls eine Willenserfahrung ausmacht.

Im Eindruck des Widerstandes unterscheiden wir zunächst eine Druckempfindung. Dann sieht GOLDSCHEIDER den wichtigsten Faktor auch für diesen Eindruck des Widerstandes im Gelenkinneren, als einem mit Nerven ausgestatteten besonderen Sinnesapparat. Wie die Verschiebung der Gelenkflächen nach ihm als Bewegungsempfindung perzipiert wird, so bewirkt nach seiner Ansicht die Verstärkung des Gelenkdrucks die Empfindung des Widerstandes. Nun handelt es sich aber, dies angenommen, weiter darum, wie diese Empfindungszustände in den Gelenken die Setzung eines Objekts außerhalb des Körpers zur Folge haben können. Die Annahme ist unbefriedigen, daß diese Objektivierung durch die Empfindungen, insbesondere durch die oben zuerst als Bestandteile der Widerstandserfahrung herausgehobenen Druckempfindungen, welche an den Fingerspitzen lokalisiert sind, bewirkt wird. Dies würde nur eine tote örtliche Empfindung, nichts von der Erfahrung der lebendigen Kraft im Widerstand zur Folge haben. Mein Bewußtsein des Widerstandes hat in der lebendigen Erfahrung, bestimmt zu werden, einen Impuls zu erleiden, augenscheinlich denselben Kern von Willensvorgang, den wir am Bewußtsein des Impulses herausholen. Die Erfahrung des Willensimpulses verbindet sich in der Widerstandsempfindung mit der einer Hemmung der Intention. Eine Volition erteilt zunächst einen Bewegungsimpuls, dieser ist beim Ablauf der vorgestellten Bewegung von gering merklichen Lustgefülen begleitet: hierauf tritt nun die Erfahrung des Widerstandes auf. Geht in ihr etwa der Impuls nun einfach unter? Verschwindet er in einen bloßen Empfindungszustand? Vielmehr dauert er fort, und das Bewußtsein von Willenshemmung tritt nun hinzu. Ein Willens- und Gefühlszustand des Erleidens, des Bestimmtwerdens wird erfahren. Jeder kennt diesen Zustand aus Erfahrungen anderer Art. Mitten in meiner Arbeit stört mich ein unwillkommenes Geräusch, eine fatale Vorstellung; ich vermag sie nicht zu verdrängen, ihr Druck lastet auf mir. Dieser Druck auf die psychische Aktion, dieser gepreßte Zustand von Unlust und von Hemmung besteht nun auch hier: Erfahrung, bestimmt zu sein.

Ich erläutere und begründe nun näher diese Annahme, nach welcher den Kern der Widerstandserfahrung, sonach der Realität von Objekten, das Bewußtsein des Willensimpulses und der Intention, dann das der Hemmung der Intention, also  zwei Willenszustände,  ausmachen. Hierbei müssen wir wieder davon ausgehen, daß der Mensch, von innen gesehen, ursprünglich ein Bündel von Trieben ist, welche gleichsam nach allen Seiten, im Zusammenhang mit den Gefühlen von Unlust und Bedürfnis, die verschiedensten Strebungen und Volitionen ausstrahlen. In diesem Zusammenhang entspringen nun auch die Impulse zu Bewegungen, und eben in ihm wird denselben die nie nachlassende Kraft zuteil, fortzudauern, sich zu verstärken. Das Bewußtsein der Hemmung der Intention in der Widerstandserfahrung entsteht nun nicht unmittelbar, wenn ein Druckempfindungsaggregat auftritt. Wohl hat dieses Bewußtsein der Hemmung zunächst zu seinem Antezendens [Vorhergehenden - wp] unter allen Umständen eine Druckempfindung oder vielmehr ein Aggregat von solchen. Der Primäre, darum konstitutive Vorgang ist nämlich: ein Bewegungsimpuls mit einer bestimmten Intention dauert fort, ja er wird verstärkt, und anstatt der intendierten äußeren Bewegung treten Druckempfindungen auf. Dieses Zwischenglied zwischen dem Bewußtsein des Impulses und dem der Hemmung der Intention, das in einem Aggregat von Druckempfindungen liegt, ist jedesmal da. Wir kommen also zum Bewußtsein der Außenwelt nur durch Vermittlungen. Man kann sich die Begründung des Glaubens an die Außenwelt nicht durch irgendeine Art von Übertreibung erleichtern, etwa durch die Annahme einer unmittelbaren Willenserfahrung des Widerstands oder überhaupt durch die psychologische Fiktion eines unmittelbaren Gegebenseins irgendeiner Art. Wie die Intention eine Bewegungsvorstellung einschließt, wie die willkürliche Bewegung in mit der fortdauernden, verminderten oder verstärkten Intention verschmolzenes Aggregat von Empfindugngen und Vorstellungen in sich faßt, so hat auch das Hemmungsbewußtsein, das in der Widerstandserfahrung auftritt, ein Druckempfindungsaggregat zur Vorbedingung. Nun tritt aber als zweites und weiteres Glied in dieser Verkettung von Prozessen, welche zum Bewußtsein des Widerstandes führen, ein Denkvorgang auf. Erst im Aneinanderhalten der Bewegungsvorstellung und des Druckempfindungsaggregates, und in dem so entstehenden Bewußtsein ihres Unterschiedes kann das Urteil entstehen, daß das Eingetretene den Erwartungen, den Intentionen nicht entspricht. Unerwartet: dieses Wort bedeutet hier nur das Auftreten eines Empfindungsaggregats, das im Widerspruch zur Intention steht. Dagegen Hinderung, Widerstand, Hemmung: in diesen Ausdrücken ist zunächst schon in Bezug auf das Empfindungsmaterial und den Denkvorgang  mehr  enthalten. Denn in denselben liegt zunächst das  Aufhören  der mit dem Impuls verbundenen und einer glatt ablaufenden  Bewegung  angehörigen  Empfindungen,  während doch der Fortbestand der Bewegung in der Intention enthalten war: dann liegt in diesen Ausdrücken der  Ersatz  der beabsichtigten Bewegung durch das  Empfindungsaggregat des Drucks,  das nicht innerhalb der Intention lag. Sind alle diese Bedingungen erfüllt, laufen vom Impuls aus alle diese Beziehungen zwischen Empfindungen und deren Aggregaten in Denkvorgängen ab: dann entsteht nun in diesem System von Trieben, welches der Mensch ist, in welchem ringsum nach allen Seiten Strebungen ausgehen und Gefühle untrennbar mit ihnen verwoben sind, ein  neuer Willenszustand,  eine neue Erfahrung: die  Erfahrung der Hemmung der Intention.  Willensbestand und Gefühlsbestand sind in dieser Tatsache nicht trennbar. Sie ist als Tatbestand unmittelbar in der Erfahrung auftretend und durch alle Erfahrungen des Lebens immer neu bestätigt, ganz wie der Impuls. Sie ist der der Kern der Widerstandsempfindung.

Wir erkennen also: in der Widerstandsempfindung ist ein von mir Unabhängiges  nicht  in einer unmittelbaren Willenserfahrung  gegeben.  Die Lehre von der unmittelbaren Gegebenheit der Realität der Außenwelt erweist sich zunächst an diesem Punkt nicht als stichhaltig. Andererseits ist aber auch - und das möchten wir eben feststellen - die Realität der Außenwelt  nicht  aus den Datis des Bewußtseins  erschlossen,  d. h. durch  bloße  Denkvorgänge abgeleitet. Vielmehr wird durch die angegebenen Bewußtseinsvorgänge eine  Willenserfahrung, die Hemmung der Intention vermittel,  welche nun im Widerstandsbewußtsein enthalten ist und die kernhafte lebendige Realität des von uns Unabhängigen erst aufschließt.

Ein Ergebnis der Erfahrung kann darum hier mit dem Charakter von Unmittelbarkeit auftreten, ja in vielen Tieren kann sich die Existenz der Außenwelt auch mit den Gesichtsbildern baldigst nach der Geburt verbinden, weil schon die Frucht im Ei oder im Mutterleib Erfahrungen von Impuls, Bewegung, Hemmung und Druck macht, wie wir gesehen haben.

Auch tragen noch Erfahrungen des Widerstandes, welche weiter zusammengesetzt sind, trotzdem den Charakter von Unmittelbarkeit im Bewußtsein. Wenn bei verstärkter Intention der Druck abnimmt, ja verschwindet, so mache ich die Erfahrung eines von meinem Willen Unabhängigen, das ich als zurückweichend nunmehr perzipiere. Nimmt bei geminderter oder gleich fortdauernder Intention der Druck zu, so drängt mir dies noch entschiedener die Erfahrung eines von meinem Willen Unabhängigen auf, das ich nun als andringend oder in der Intensität der Kraft wachsend perzipiere. Auch in diesen zusammengesetzteren Fällen dauert der Charakter des Unmittelbar-Erfahrenen in diesen Eindrücken fort.

So wird im Impuls und Widerstand, als in den zwei Seiten, die in jedem Tastvorgang zusammenwirken, die erste Erfahrung des Unterschiedes eines Selbst und eines Anderen gemacht. Der erste  Keim von Ich und Welt,  sowie von deren Unterscheidung, ist hier vorhanden. Dies aber in der lebendigen Erfahrung des Willens.


Der Druck der Außenwelt

Indem ein Kind die Hand gegen den Stuhl stemmt, ihn zu bewegen, mißt sich seine Kraft am Widerstand: Eigenleben und Objekte werden zusammen erfahren. Nun aber soll das Kind eingesperrt sein, es rüttelt umsonst an der Tür: dann wird sein ganzes aufgeregtes Willensleben den Druck einer übermächtigen Außenwelt inne, welche sein Eigenleben hemmt, beschränkt und gleichsam zusammendrückt. Dem Streben, der Unlust zu entrinnen, all seinen Trieben Befriedigung zu verschaffen, folgt ein Bewußtsein der Hemmung, Unlust, Unbefriedigung. Was das Kind erfährt, geht durch das ganze Leben des Erwachsenen hindurch. Der Widerstand wird zum Druck, ringsum scheinen uns Wände von Tatsächlichkeit zu umgeben, die wir nicht durchbrechen können. Die Eindrücke halten Stand, gleichviel ob wir sie ändern möchten; sie verschwinden, obwohl wir sie festzuhalten streben; gewissen Bewegungsantrieben, die von der Vorstellung, dem Unlusterregenden auszuweichen, geleitet werden, folgen unter bestimmten Umständen regelmäßig Gemütsbewegungen, die uns in einem Bezirk des Unlustvollen festhalten. Und so verdichtet sich um uns gleichsam immer mehr die Realität der Außenwelt.


Die leibliche Umgrenzung des Eigenlebens
und die Außenwelt

Der Willensimpuls und die Erfahrung des Widerstandes sind ausgestattet und gleichsam ausgekleidet mit qualitativen und rämlichen Bestimmungen von den Empfindungsaggregaten her. Wir mischen uns hier nicht in den Streit wie diese Verräumlichung entsteht, sondern wir nehmen die Tatsache hin, ohne sie zu erklären. Wir bedürfen aber, um von hier dann weiter zu gehen, keiner Hypothese einer  Projektion.  Denn die räumlich aufgefaßten Sinnesinhalte treten ja im Bewußtsein zunächst gar nicht in einem räumlichen Verhältnis zu einem Sinnesorgan auf. Auge oder Ohr werden vom Kind erst verhältnismäßig spät durch Tastwahrnehmungen, oder durch die Erfahrungen am Spiegelbild, oder durch die Vergleichung mit Auge oder Ohr anderer Personen als räumlich in der Wahrnehmung gegeben und zu den Gegenständen orientiert aufgefaßt. Auch sind sie ja selber Bilder so gut wie die von Objekten, und beides, das Wahrnehmungsobjekt wie das Sinnesorgang, gehören dem Zusammenhang der im Bewußtsein enthaltenen Bilder an. So wird nun nicht vom räumlich bestimmten Sinnesorgan aus der Gegenstand in den Wahrnehmungsraum projiziert, sondern umgekehrt wird von den Sinnesinhalten aus die räumliche Orientierung ausgebildet, welcher dann auch das Bild des Sinnesorgans eingeordnet wird. Sonach hat der Glaube an die Realität der Außenwelt gar nichts mit einer solchen Projektion der Empfindungen in einen äußeren Seh- oder Hörraum zu tun. Die Annahme einer solchen Projektion ist überflüssig.

Innerhalb dieser räumlichen Wirklichkeit grenzt sich nun im Verlauf seiner Erfahrungen ein Selbst als  Körper,  als räumlich gestaltet und orientiert von den Objekten ab. Dies ist zunächst darin gegründet, daß innerhalb einer so räumlich abgegrenzten Sphäre unsere Bewegungsimpulse direkt willkürliche Bewegungen zur Folge haben. Unser Körper ist also zunächst der Bezirk unserer beweglichen Glieder. Das Spiel unserer Triebe, in Verbindung mit Bewegungsvorstellungen, erfüllt gleichsam von einem inneren Mittelpunkt aus den in seinen Gliedern beweglichen Körper. Der Bezirk dieses Körpers grenzt sich von einer Umgebung ab, innerhalb deren Bewegungsimpulse nur indirekt noch eine Bewegung hervorrufen, welcher äußeren Bewegung dann die innen begleitenden Empfindungen in Muskeln, Gelenken und an empfindlichen Flächen fehlen. Zugleich erfüllen dunkle, unbestimmt lokalisierte Organgefühle gleichsam einen Innenraum meines körperlichen Selbst. In pathologischen Zuständen treten sie intensiver, deutlicher bestimmt, genauer lokalisiert hervor. Vorhanden sind sie aber immer. Sie werden durch die Vorstellungen, die früher von den Organen und ihren Zuständen erworben wurden, unterstützt. Und indem gerade an den Muskeln der beweglichen Glieder und an den Sinnesorganen die sinnlichen Gefühle schärfer akzentuiert auftreten, skizzieren sie gleichsam in ihrer dunklen Symbolsprache ein inneres Gerüst, eine Grundverzeichnung unseres leiblichen Selbst. Im Menschen entsteht durch die Verbindung erinnerter sinnlicher Gefühle und des durch sie erworbenen Zusammenhangs der Vorstellungen über unsere fühlsamen Organe mit den gegenwärtigen inneren Zuständen derselben ein fest verzeichneter Umkreis, innerhalb dessen Eigenleben, Heimlichkeit des Spiels der Gefühle stattfindet; von seinen Grenzen ringsum erstrecken sich Veränderungen, die von keinen sinnlichen Gefühlen mehr begleitet sind, sondern nur etwa von den ganz verschiedenen Erregungen der Sympathie. Und an der Umgrenzung dieser von Trieben, willkürlichen Bewegungen und sinnlichen Gefühlen erfüllten Lebenssphäre treten nun, deutlich lokalisiert, rings auf der Haut Temperatur- und Druckempfindungen auf. Vor allem geben die Tasteindrücke Erfahrungen von Wirklichkeit, die jenseits unserer Haut und sonach Außen ist: von einem Anderen, das ganz außerhalb des Bezirks unseres leiblichen Eigenlebens gelegen ist.

So setzt sich also das an der Widerstandserfahrung nachgewiesene Verhältnis, nach welchem Impuls und Widerstand die Grundlage des Bewußtseins unseres Selbst und seiner Abgrenzung von anderen Objekten oder Personen ausmachen, in der Bildung der Anschauung von unserem körperlichen Selbst fort. Die Erfahrungen, welche bei der Bildung dieser Anschauung mitwirken, enthalten überall Impuls, Gefühl, Intention, Hemmung, Widerstand in sich, und setzen sich aus diesen und den Empfindungsaggregaten in derselben Weise zusammen, als die primäre und einfachere Erfahrung des Widerstandes.

Diese Sätze über die Entstehung der Abgränzug unseres Körpers von der Außenwelt können auch aus den  Veränderungen  abgeleitet werden, welchen die  Abgrenzung  dieses  körperlichen Selbst unterliegt.  Viele Anomalien der Personalität, welche an Wahnsinnigen beobachtet worden sind, fallen unter diesen Gesichtspunkt. Aus anomalen Hautsensationen oder einem krankhaften Muskelspiel entsteht die Annahme, daß fremde Körper, Spinnen, Grillen usw. sich im Innern des eigenen Körpers befinden oder daß einzelne Organe von einem bösen Geist besessen sind (7). Erkrankte Organe werden als fremde Wesen aufgefaßt (8). Unbewegliche Glieder gelten als fremde Körper, ja ein Gelähmter und der Hautempfindlichkeit Beraubter betrachtet den ganzen eigenen Körper als eine nachgemachte Maschine. Analog hiermit ist, daß Kinder, die schon Auge, Nase, Hände zu sich rechnen, mit ihren Zehen spielen, und sie dabei rücksichtslos wie fremde Gegenstände behandeln: erst die Schmerzen, die sie sich so verursachen, belehren sie darüber, daß diese Zehen zu ihnen gehören. So erstreckt sich auch unser unmittelbares Lebensgefühl in gewissem Grad über jede beständige Erweiterung unserer Person, welche an unseren willkürlichen Bewegungen teil nimmt und uns eine Druck- und Widerstandsempfindung vermittelt. Freilich bemerken wir zugleich den Mangel an Gefühl in einem Stock sowie die Druckempfindungen der ihn fassenden Hand, und diese Wahrnehmungen modifizieren die angegebene Erfahrung. Auch das Leben der Tiere läßt uns diese Veränderlichkeit gewahren, welcher die Abgrenzung der Personalität unterworfen ist. Beobachtet man den brütenden weiblichen Vogel, so will es scheinen, als rechne er Nest, Eier, Junge zu sich selbst und empfinde, was diesen geschieht, als geschähe es ihm selber.


Gesichtswahrnehmung und Außenwelt

Die Gesichtswahrnehmung tritt nun hinzu. Alle Vorstellungen eines Außen im Unterschied vom Selbst, die bisher erörtert wurden, können auch ohne Mitwirkung des Gesichts entstehen. Denn der Blindgeborene erwirbt mittels des Tastsinns, welcher gewöhnlich im Wettstreit der Sinne vermöge der Präponderanz des Gesichtssinne in seinen Leistungen zurückgedrängt bleibt, ebenfalls eine Orientierung in der Außenwelt.

Wie im isoliert wirkenden Gesichtssinn die Bilder in Bezug auf ihre Realität und ihre Unterscheidung vom leiblichen Selbst sich verhalten würden, ist ganz verschieden vorgestellt worden und schwer zu entscheiden. Denn wenn das Hühnchen oder das eben geborene Säugetier schon das Bewußtsein einer Außenwelt mitbringen und sich mittels des Gesichts in ihr sofort im großen Umfang orientiern, so arbeiten sie eben schon mit dem Erwerb von willkürlichen Bewegungen und Tasteindrücken. Dasselbe Verhältnis findet bei den operierten Blindgeborenen statt. Aber beide Classen von Fällen gestatten doch einen Schluß. Auch in den Gesichtswahrnehmungen müssen Faktoren wirken, welche ihre Objektivierung, wenn auch mittels einer Unterordnung unter die Tastempfindungen, ermöglichen. VOLKMANN bemerkt:
    "Operierte mußten lernen, daß das, was sie sahen, die ihrem Getast wohlbekannten Gegenstände sind. Aber das brauchten sie nicht erst zu lernen, ihre affizierte Netzhaut vom affizierenden Ding künstlich zu sondern. Keiner von ihnen sah die Empfindung des Lichts als einen inneren Zustand, ähnlich dem des Schmerzes oder Hungers an." (9)
Der Grund der Verlegung der Eindrücke nach Außen in diesem Sinne liegt, entsprechend dem Vorgang in der Tastwahrnehmung, in der hier stattfindenden Beziehung der Augenbewegungen zu den Licht- und Farbenempfindungen. Wenn ich das Auge nach rechts bewege und der Gegenstand geht nicht mit, so gewinne ich in meiner denkenden Erfahrung das Bewußtsein seiner Unabhängigkeit von meinem Willen. Es muß nach diesen Erfahrungen ein Außen da sein, und meine Augen müssen dienen, es zu sehen. Und auch hier entspringen die Intentionen zu Bewegungen aus dem System meiner Triebe und werden von demselben beständig erhalten. So werden diese Intentionen in den lebendigen Ablauf von Bedürfnis und Befriedigung verwoben.

Man könnte noch direkter im Gesichtssinn etwas Triebartiges wirksam denken, das nach Erfüllung strebt. Auch ROKITANSKY nimmt einen "ursprünglichen Drang der Sinne nach Funktion" an. Erscheint auch diese Verallgemeinerung der Annahme als dem Beweis schwer zugänglich, so sprechen doch für die Gültigkeit derselben in Bezug auf den Gesichtssinn des Auges manche bekannte Erfahrungen. KUSSMAUL sah ein sieben Momate nach der Konzeption geborenes Kind am zweiten Lebenstag spät Abends in der Dämmerung den vom Fenster abgewendeten Kopf auch bei veränderter Lage wiederholt dem Fenster und dem Licht zuwenden. Es suchte zweifelsohne das Licht. Er hebt hervor, wie man Neugeborene in den ersten Tagen die Augen abwechselnd öffnen und schließen sieht. Er erklärt dieses Spiel daraus, daß das in das geschlossene Auge eindringende mäßige Licht zum Öffnen veranlaßt; fällt es stärker ein, so ermüdet das Auge und schließt sich, bis sich dann die Retina wieder erholt hat und wieder einen mäßigen Lichtreiz aufsuch. Die Grundform des Vorgangs, in welchem sich die Objektivierung der Gesichtswahrnehmung vollzieht, würde hiernach analog dem der Befriedigung des Hungertriebes zu denken sein. Die Unruhe des Triebes wird gestillt durch den Genuß, und dieser ist sich dann der Objektivität seines Gegenstandes gewiß. Einzelhaft von langer Dauer bringt eine Disposition zu Halluzinationen des Gehörs hervor; der Aufenthalt im Finstern von langer Dauer die Disposition von Visionen. Aber indem wir die Annahme solcher Triebe oder Energien insbesondere im Gesichtssinn mit BENEKE, ROKITANSKY, GÖRING, RIEHL verfolgen, bleiben wir uns doch bewußt, daß für diese Ansicht die festere Begründung aussteht, so ansprechend sie auch schon wegen ihrer Beziehungen zum Ästhetischen der Gesichtseindrücke sein würde.

Das aber ist das hier Sichere und Klare. Der Wille erfährt beständig, daß er Gesichtseindrücke nicht herbeiführen kann, diese vielmehr unabhängig von ihm auftreten und verschwinden. Und wo er Eindrücke vermeiden möchte, stehen sie vor ihm da und lasse sich nicht verdrängen. Beides aber geschieht, wie wir nun bald sehen werden, nach einer inneren Gesetzmäßigkeit, die ihm fremd, fest und starr gegenübersteht. Es geschieht zugleich in einem Zusammenhang, nach welchem auch die leisesten unmerklichen Augenbewegungen, welche das Objekt fixieren, schließlich in unserem mächtigen Triebleben gegründet sind, wodurch dann das vergebliche Suchen oder Vermeiden von Eindrücken das Bewußtsein der Hemmung von Außen und des Druckes der Außenwelt zur Folge hat.


Der Glaube an die Realität
anderer Personen

Aus diesem Unabhängig- Wirklichen treten nun die Personen oder Willenseinheiten außerhalb von mir mit einer besonders nachdrucksvollen Realität hervor. In diesem engeren Umkreis empfängt die Außenwelt eine erhöhte Energie der Realität. Wir analysieren den hier stattfindenden Vorgang.

Zunächst empfängt diese besondere Klasse von Objekten ihre Realität auf demselben Weg als Gegenstände irgendeiner anderen Art. Und die so entstehende Überzeugung unterscheidet sich in Nichts von derjenigen, die wir in Bezug auf die Realität von diesen toten Gegenständen hegen. Aber an diese Eindrücke schließen sich nun  weitere  seelische Vorgänge  im Auffassenden, die eine Verstärkung der Überzeugung von Realität  zur Folge haben. Diese Vorgänge lassen sich als Analogieschlüsse darstellen, sind sonach in ihrem Ergebnis solchen Schlüssen äquivalent, gleichviel welche im einzelnen Fall ihre psychologische Beschaffenheit ist. Ich erblicke eine menschliche Gestalt, das Antlitz von Tränen überströmt. Es bedarf zunächst schon ineinandergreifender Apperzeptionsprozesse, die allgemeinen Bestandteile in diesem Eindruck festzustellen. Ebenso schnell und unmerklich wie diese Vorgänge, verlaufen dann auch die nächstfolgenden; vermöge ihrer weiß ich, daß hier ein Schmerz gefühlt wird, und ich fühle ihn mit. Den Obersatz dieses Analogieschlusses bildet das in vielen Fällen erfahrene Verhältnis zwischen dem körperlichen Ausdruck, den ich gewahre, und dem Seelenvorgang des Schmerzes. Den Untersatz bildet die Verwandtschaft der mir gegenübertretenden leiblichen Äußerung mit einer Reihe von ähnlichen Eindrücken. So entsteht mir das Bewußtsein eines ähnlichen inneren Zustandes, als Grund des äußeren Eindrucks.

Und zwar wird mittels dieser den Analogieschlüssen äquivalenten Prozesse die Realität eines von außen bestimmenden Willens zuvörderst lebendig in den primären Verhältnissen von Vater und Kind, Mann und Weib, Herren und Untertan erfahren. Die Gefühls- und Willensvorgänge, welche hier die Realität anderer Lebenseinheiten färben und verstärken, setzen sich zusammen aus Herrschaft, Abhängigkeit und Gemeinschaft. In diesen wird nun  das Du erlebt,  und auch das Ich wird hierdurch vertieft. Ein beständiger leiser Wechsel von Druck, Widerstand und Förderung läßt uns fühlen, daß wir niemals allein sind. Und die Erfahrung von der Existenz einer anderen Person ist eingeschlossen in jedes soziale Verhältnis, jedes Geltenlassen einer anderen Person, jede aufopfernde Handlung.

Und da nun das Nachbilden des fremden Inneren vom Mitfühlen gar nicht trennbar ist, so scheint sich zunächst das  Mitgefühl  unmittelbar an den Eindruck der fremden Gefühlszustände anzuschließen. Die inneren Vorgänge komplizieren sich aber weiter. Wie in mir die Vorgänge tendieren, eine gewisse Gefühlslage herzustellen, und Zweck, Selbstzweck nur ausdrückt, daß die Tendenz auf diese im Subjekt gelegene Gefühlslage besteht und daß in dieser, wenn sie hergestellt ist, ein unbedingter, d. h. der eine letzte, ruhsame Befriedigung gewährende Punkt erreicht ist: so erfassen wir nun auch im Verlauf der von außen gewahrten, aber durch eine innere Ergänzung nacherlebten Vorgänge und der Verkettung derselben in einer anderen Lebenseinheit diese Einheit als einen  Selbstzweck,  wie wir selbst ein solcher sind. Hierin liegt nun die energischste Verdichtung der Realität dieser Lebenseinheit, da ich mir selber das  ens realissimum [wirklichste Wirklichkeit - wp] bin, wsa auch die Metaphysiker von einem solchen über den Sternen sagen mögen. Zugleicht wächst mit der Zahl und dem Gewicht dieser mitgefühlten, nacherlebten Vorgänge, mit dem ungehemmten Abfluß der Nachbildungen, der nirgendwo auf Widerstehendes, Fremdes, Unfaßbares stößt, das Gefühl von Verwandtschaft, von  Homogenität,  mit welchem nach den Eigenschaften des Willens eine Teilnahme, Sympathie und Leben im Anderen verbunden sind. Hier treten also zu den Erfahrungen von natürlichen Schranken des Willens am Anderen die höher gelegenen sittlichen Erfahrungen, nach welchen dieser Wille Selbstzwecke, die ihm selber gleich sind an Realität und Rechtsansprüchen, anerkennt, ja anzuerkennen sich innerlich gebunden und somit verpflichtet fühlt.

FICHTE war wohl der erste, der diesen  moralischen Beweis  für die Existenz der Außenwelt formulierte. Hierdurch erweiterte er nur die Anwendung der Methode von KANT, auf die Tatsachen des sittlichen Bewußtseins einen Glauben zu gründen, für den das isolierte Erkennen keine ausreichenden Beweisgründe ergab.. Hatte KANT die affizierenden Objekte außerhalb von uns als unantastbare Voraussetzungen des Erkennens gelten lassen, so fielen diese innerhalb der kantischen Philosophie unerweisbaren jenseitigen Objekte bei den scharfsinnigsten Transzendentalphilosophen seiner Schule, und so auch bei FICHTE. Denn nachdem FICHTE den Fortgang von den Empfindungen als bloßen Affektionen meiner Selbst durch unbewußte Schlüsse zu äußeren Objekten beschrieben hat, erweist er dann mit siegreicher Schärfe, daß unter dieser Voraussetzung einer im bloßen Denken stattfindenden Ergänzung der inneren Empfindungszustände sich uns die Realität äußerer Objekte nicht aufschließt. Und nun sucht er zu zeigen, daß sich nur für den Willen und das in ihm enthaltene Gesetz des Gewissens eine bewußtseinstranszendente Welt aufbaut. Das Erste aber, was der Wille anerkennt, ist das Dasein anderer Willen, die ihn das  Gewissen  als  Selbstzwecke zu achten  lehrt.
    "Ich werde diese Wesen stets als für sich bestehende, unabhängig von mir vorhandene, Zwecke fassende und ausführende Wesen betrachten. Das Gebot: hier beschränke deine Freiheit, hier ehre fremde Zwecke, ist es, das erst in den Gedanken: hier ist gewiß und wahrhaftig und für sich bestehend ein Wesen meinesgleichen, übersetzt wird." (10)
Dieser Beweis FICHTEs hält nicht Stand gegenüber der soeben entwickelten Möglichkeit, daß die Pflicht, den Anderen als Selbstzweck zu ehren, nicht  a priori  gegeben, sondern durch Erfahrungen und Schlüsse vermittelt ist. Doch bleibt sicher ein Kern. Aus dem Mitfühlen mit Anderen entspringt zugleich die Überzeugung ihrer  kernhaften wertvollen Existenz,  die Achtung vor ihrer  Selbständigkeit  und doch ein Bewußtsein von Verwandtschaft und  Solidarität  mit ihnen. Die Unterscheidung meiner Selbst von anderen Menschen enthält also die besondere Relation meines Willens zu einem von dem meinigen getrennten, selbständigen und ihm doch homogenen und verwandten Willen. Die Natur der Außenwelt, nämlich der im Bewußtsein stattfindenden Trennung eines Anderen vom Selbst empfängt hierdurch einen weiteren Zug. Mit diesem Zug stimmen andere überein: das Bedürfnis der eigenen Gefühle durch fremde Personen geteilt, das eigene Wissen in seiner allgemeinen Gültigkeit bestätigt, den eigenen Wert in der Ehre anerkannt zu finden.

Ich kann auch nicht mit RIEHL annehmen, daß der Nachweis der Realität der Außenwelt auf das Dasein sozialer und altruistischer Gefühle als auf einen selbständigen Beweisgrund gegründet werden kann (11) ("sozialer Beweis der Realität der Außenwelt"). Denn das unmittelbar Gegebene ist auch da, wo das Bild einer außer uns befindlichen Person entsteht, nur der Widerstand, der Druck, der Wechsel der Empfindungsaggregate, und erst aufgrund der Unterordnung dieser Eindrücke unter verwandte Bilder und ihrer Verbindung mit inneren Zuständen als Ursachen wird das Mitleben und Mitleiden möglich. Zunächst ist uns eben nur in der Erfahrung des Widerstandes ein anderer Mensch als ein solcher gegeben. Ohne eine solche Erfahrung wäre dieser andere Körper für uns gar nicht da: sie bildet also die Voraussetzung jeder weiteren Erfahrung. Aber indem nun das Nachbilden und Nachleben auf eine innere Struktur trifft, welche zu ihrem Mittelpunkt den in sich ruhenden unbedingten Punkt des befriedigten Gefühls hat, indem es gleichsam nachtastet und nun in einer inneren Verbindung am Anderen Gewahren, Triebregung, Gefühl, Volition, Befriedigung, neues Streben zur Struktur  eines  geschlossenen Daseins verbunden findet: erfährt es die Selbständigkeit dieser Willenseinheit. Nun versteht es erst recht das eigene Ich und sein Eigenleben, die Abrundung desselben mittels seiner Struktur zu einem in sich geschlossenen Ganzen. Zugleich erwächst in diesen Vorgängen mitten im Bewußtsein eines Anderen und Fremden das der Verwandtschaft und Gleichartigkeit: mit diesem aber ist das Mitfühlen innerer Zustände, Mitleid und Mitfreude, Teilnahme verbunden. So kan ndas Gefühl von Einsamkeit, Fremdheit, das uns aus der Natur entgegenweht, aber auch durch die unverstandenen feindlichen Seelenvorgänge außerhalb von uns hervorgebracht wird, niemals länger als auf kurze Momente uns überfallen. Geschlossene kernhafte Realitäten, der unseren verwandt, in Teilnahme und Solidarität mit ihr verbunden, doch aber jede ein Sitz von Eigenwille, der uns beschränkt, bilden unseren sozialen Horizont. Daß wir so den Willen als Schranke des Eigenwillens anerkennen und als Selbstzweck respektieren müssen, das ist, gleichviel welche die Entstehung dieser moralischen Gefühle ist, nunmehr eine mächtige Tatsächlichkeit im Hinblick auf die Realität der Außenwelt.

Auch die Realität der geschichtlichen Personen beruth für uns nicht ausschließlich auf hermeneutischen und kritischen Schlüssen, welche etwa am Faden der Kausalität von der Geschichtserzählung RANKEs, HÄUSSERs und unzähliger anderer über LUTHER zu den Drucken seiner Werke, Briefe und Tischreden, sowie den Schilderungen solcher, die ihn sahen, zurückgreifen, von da an weiter rückwärts zu LUTHER selber, der Buchstabe an Buchstabe reihte, oder dessen Gesichtsbild von einem Zeitgenossen aufgefaßt wurde. In unserem literarischen Zeitalter tritt dieses Schlußverfahren in den Vordergrund. Aber für das Verständnis dessen was Geschichte ist, ist es wichtig, sich zugleich die beständige Ergänzung solcher Schlüsse durch lebendigere Vorgänge klar zu machen. Die Realität von LUTHER, FRIEDRICH dem Großen oder GOETHE empfängt aus deren beständigem Wirken auf unser eigenes Selbst, also aus der Bestimmung dieses Selbst durch den fortwirkenden, in der Historie immer weitere Kreise ziehenden Willen dieser mächtigen Personen eine erhöhte Energie und Kernhaftigkeit. Sie sind für uns Realitäten, weil ihre große Personalität willensmächtig auf uns wirkt.

So ist uns das Außen zunächst in der anderen Person gegeben. Nach unserer inneren Erfahrung ist uns Hemmung oder Förderung überall Kraftäußerung. Und wie wir unser Selbst als wirkendes Ganzes erfahren, tritt zu allererst für uns aus dem Spiel der Kraftäußerungen verständlich die Willenseineit der anderen Person hervor. Geburt und Tod lehren uns dann Wirkliches abgrenzen in der Zeit. Herrschaft, Abhängigkeit, Gemeinschaft lehren uns, in der Abgrenzung das Nebeneinander auffassen.


Die Realität der äußeren Objekte

Zugleich empfängt unser Glaube an die Außenwelt eine erhebliche Verstärkung und eine besondere Farbe durch die Eigenschaft der äußeren Objekte. Die tatsächliche Unterlage der hierbei stattfindenden Denkvorgänge sind die dargestellten lebendigen Erfahrungen des Willens. Aber dieser Glaube empfängt dann doch eine Verstärkung und Bestimmung erst durch die sehr verwickelten intellektuellen Prozesse, welche das Selbst, das Sinnesorgan, die äußeren Ursachen und die mitwahrnehmenden Personen in Kausalverhältnisse zueinander setzen.

Diese Denkvorgänge hat ZELLER in seiner Abhandlung über die Gründe unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt (12) meisterhaft auseinandergesetzt. Er teilt mit von HELMHOLTZ die Grundansicht, daß uns die Realität der Außenwelt in Denkvorgängen aufgeht, welche nach dem Kausalgesetz die Koexistenz und Folge von Empfindungen ergänzt (13). Aber diese Grundansicht kann leicht abgetrennt werden von dem Nachweis, wie aus den Eigenschaften der äußeren Objekte sowie des Zusammen derselben und aus der Verwebung von Personen in sie nunmehr dieser Glaube Energie, Zusammenhang mit unserem ganzen Denken und Handeln, ja eine von aller unmittelbaren Erfahrung unabhängige Bestätigung empfängt. Denn wäre uns nicht in den Erfahrungen des Willens der Glaube an die Außenwelt gegeben, so bliebe er immer noch für das menschliche Räsonnement eine so überwiegend wahrscheinliche Hypothese, daß jede andere Möglichkeit der Erklärung des Zusammen unserer Empfindungen nur eine verschwindende Geltung besitzen könnte.

Das Denken stellt zunächst zwischen den Veränderungen im Sinnesorgan, dem unabhängigen äußeren Objekt, den Bewegungsantrieben und willkürlichen Bewegungen des eigenen Körpers einen Kausalzusammenhang her. Dieser hat zu seiner ganz allgemeinen Voraussetzung die Realität der Außenwelt. An diesem Kausalzusammenhang weben alle Induktionen des täglichen Lebens und der Wissenschaft. Alle unsere Handlungen sind Experimenten zu vergleichen, die diesem induktiven Zusammenhang angehören. So ist schließlich das ganze Leben, ja das Leben aller miteinander verketteten Generationen ein System von Induktionen, die unter der Voraussetzung der Existenz äußerer Objekte stehen und unter ihr eine widerspruchslos Erkenntnis des Kausalzusammenhangs aller Erscheinungen erwirken. Da diese Voraussetzung durch keine andere ersetzt werden kann, so vollzieht sich hier ein immer neuer, in der Kraft der Verkettung seiner Glieder stets wachsender Erweis der Realität der Außenwelt.

Ich hebe zunächst besonders heraus, welche Rolle auch innerhalb dieses Denkvorgangs die Erfahrungen des Willens, der Aufmerksamkeit, des Bewegungsimpulses spielen. Daß wir Empfindungsaggregate nicht als Halluzinationen oder Träume auffassen, sondern auf äußere Objekte beziehen, ist zunächst durch ihre Unverdrängbarkeit, den Widerstand, welchen der Wille erfährt, bedingt. Die Möglichkeit, den Eindruck zu wiederholen, weist, verglichen mit der Inkonstanz der Traumbilder, auf eine objektive Ursache. Betrachten wir die Empfindungsgaggregate als eine erste Klasse von Träumen, dann stünde rätselhaft neben der Regellosigkeit des echten Traumes eine folgerichtige, kausalgegliederte Traumbilderfolge. In dieser müßten wir auch das, was uns ganz unerwartet, ja zunächst unverständlich von außen entgegenzutreten scheint, wie die Erfindung des Telefons oder die Zeichen der chinesischen Sprache, in Wirklichkeit schon als Vorstellungsbegriff besessen, nun wiedererinnert oder gar jetzt erst neu hervorgebracht haben. Ebenso würde alles, was unsere Absicht und unsere Erwartung, die eine Willensspannung ist, kreuzt, doch in Wirklichkeit von uns hervorgebracht sein. Wenn der Nachts Arbeitende die Spannung seiner Gedanken plötzlich durch Feuerlärm oder das Erlöschen seiner Lampe peinlich unterbrochen findet, wäre er es, der einerseits in dieser Spannung begriffen ist, und zugleich sie gewaltsam durchbricht. Bei der Vorstellung hiervon entsteht ein vollständiger Schwindel; dieser ist eben darin begründet, daß in  einem  Kopf und im selben Moment zwei Willensintentionen, die miteinander streiten, zusammengedacht werden sollen. Dies ist uns ebenso unmöglich, wie die Setzung und Aufhebung desselben zusammen zu denken. Darum packt uns die Realität der Außenwelt kräftiger, wenn unsere wohlabgemessenen Bewegungsimpulse nicht äußere Veränderungen hervorbringen, die unserer Absicht und Erwartung entsprechen, sondern etwas ganz anderes als das Gewollte auftritt. Die Explosion überzeugt den erschreckten Chemiker am besten von der unabhängigen Natur des Objekts. Zugleich erkennen wir, daß auf uns wirkenden Kräfte endlich und veränderlich sind, indem wir sie durch den Willen beeinflussen. Wir tauchen die Feder ein, bringen Zeichen auf das Papier, und wenn nicht etwa die Tücke des Objekts wirksam ist, folgt das erwartete Gesichtsbild.

Die  Objektivität der Außenwelt verdichtet  sich für unser Bewußtsein alsdann in dem Maße, in welchem nunmehr die Eindrücke in einen ihnen eigenen Zusammenhang gebracht werden können. Zunächst werden, analog der Setzung anderer Personen, aus dem Sinnenchaos  Objekte  ausgeschieden, indem die durch eine Empfindungsaggregat regelmäßig vermittelten Wirkungen auf uns einer in diesem Aggregat sitzenden willenartigen Kraft zugeschrieben werden, welche in diesen Eigenschaften wirksam ist. Nun treten uns im Wirken dieser Objekte Gleichförmigkeiten entgegen, welche uns ganz unerwartet sind und zu unseren Wünschen in gar keinem Verhältnis stehen. Indem das unseren Willen Hemmende, das auf uns Lastende, wie das uns ungewollt und unerwartet Erfreuende nach solchen Gesetzen auftritt, die in der Sache, nicht in uns selber gelegen sind, empfängt dies nach seinen eigenen Gesetzen Wirkende den Charakter einer selbständigen Wirklichkeit, im  Gesetz  gewahren wir eine Macht über uns. Das Bewußtsein von einer selbständigen Realität wird noch durch folgenden Umstand gesteigert. Die perspektivische Verschiebung der Bilder beim Wechsel des eigenen Standortes, die Art wie andere Personen von ihrem Standort aus nach den von ihnen zu uns gelangenden Lauten dieser Bilder auffassen, die entsprechenden qualitativen Veränderungen an den Gegenständen überraschen uns tagtäglich, und erst wenn wir sie den erkannten Gleichförmigkeiten unterzuordnen vermögen, enthüllt sich uns eine Gesetzlichkeit als die alle einzelnen Eindrücke beherrschende Macht, deren Walten uns dann als etwas  Fremd-Selbständiges gegenübertritt. Zugleich vermögen unsere Schlüsse dieses Walten über unser Leben hinaus, ja über das der Menschheit hinaus zu verfolgen. Bevor Menschen auf unserer Erde entstehen konnten, bevor Bilder eines Wirklichen in ihrem Bewußtsein aufglänzten, bestand nach den Schlüssen, die wir von diesem Wirklichen rückwärts machen können, ein Spiel von Kräften nach Gesetzen auf derselben Erdkugel, wie es uns heute umgibt. Und so erheben wir uns durch die Macht unserer Schlüsse zu einer Konstruktion des  Verlaufs  im  Geschehen,  welche den  Gang im Erkennen  umkehrt. Nur in einem Bewußtsein, in welchem ein Willensimpuls und Widerstand auftritt, ist uns ein Wirkliches, ist uns eine Materie und schließlich dieser Erdball in einem Universum von Himmelskörpern gegeben. Das Ideal der Wissenschaft aber ist, aus den Bedingungen dieses durch Schlüsse abgeleiteten Universums (seinen etwa in Gott gelegenen Grund hinzugedacht) das Bewußtsein hervorgehen zu lassen.


Bestätigende Schlüsse aus den Modifikationen
des Bewußtseins der Realität

Wir wenden nun ein anderes Hilfsmittel an, unser Problem vom Ursprung des Glaubens an die Realität der Objekte aufzulösen. Wir schließen nach der Methode der einander begleitenden Veränderungen, dann von den Modifikationen im Bewußtsein von der Realität der Objekte auf deren veränderliche Faktoren.  Schlüsse nach dieser Methode  werden an mehreren entscheidenden Stellen der Erkenntnistheorie sich schon jetzt als nützlich erweisen. Ich gebe hier diese Methode nur an und behalte mir weitere Ausführungen vor. Erst von der besseren Aufhellung der Zustände, welche von der Norm des wachen Lebens abweichen, wird allmählich eine größere Genauigkeit dieser Schlüsse erwartet werden dürfen.

Das  Bewußtsein der Realität  von Objekten ist  sich nicht immer gleich,  sondern enthält  Grade  und Modifikationen. Von den Vorstellungen, welche, von den Wahrnehmungen scharf unterschieden, auf diese sich beziehen und sie repräsentieren, geht eine Reihenfolge von Graden und Modifikationen zu den in den Sinnen erscheinenden Bildern, die von einem sicheren Bewußtsein ihrer Realität begleitet sind.

So besteht schon innerhalb des Traumes eine Gradation der Lebhaftigkeit des Wirklichkeitsbewußtseins. Sie liegt in der Erfahrung von Jedermann und kann die Traumbilder der Wirklichkeit annähern. Ich hielt längere Zeit ein Bild, das in meiner Erinnerung auftrat, für die Reproduktion eines wirklichen Vorgangs, bis ich konstatieren konnte, daß hier nur die Erinnerung an ein Traumbild vorlag. KRISHABER teilt aus seinen Beobachtungen über eine bestimmte Klasse von neuropathischen Zuständen, für welche tiefgreifendere Sinnesstörungen besonders charakteristisch sind, folgende Beschreibung mit, die ein wissenschaftlich gebildeter Kranker über einen Zustand machte, der längere Zeit hindurch andauerte.
    "Von all dem war mir der Eindruck zu träumen am empfindlichsten; hundertmal berührte ich die Gegenstände, welche mich umgaben; ich sprach sehr laut, um mir die Realität der Außenwelt, die Identität der eigenen Person zurückzurufen. Auch das Berühren der Objekte rektifizierte [korrigierte - wp] meine Eindrücke nicht." (14)
Ein anderer Fall dieser Klasse wurde von ihm an einem Offizier beobachtet; derselbe verlor zugleich mit dem kräftigen Bewußtsein der Identität seiner Person die Realität der Außenwelt und er hatte die Empfindung, als wäre er in einen tiefen Traum versenkt (15). KRISHABER hat eine größere Zahl von Fällen derselben Art gesammelt. In keinem derselben trat eine Leugnung des Bewußtseins von Realität und dann eine Verrückung auf, aber dieses Bewußtsein erfuhr eine Minderung, derjenigen ähnmliche, welche wir vom Traum her kennen. Auch bei Geisteskranken treten erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Zuerteilung von Realität an ihre anomalen Sinnesbilder auf. Differenzen geringeren Grades reichen auch in unser reguläres Tagesleben hinein. Blickt ein Kind oder ein Naturmensch zum gestirnten Himmel hinauf, ohne eine Kenntnis von Gravitation und Spektralanalyse, dann haben diese allein im Gesichtsfeld auftretenden Gestirne eine Ferne von unserer tastbaren und genießbaren Wirklichkeit, welche den Grad ihrer Realität mindert. Dies erleichterte auch die Verschmelzung dieses Gesichtsbildes mit den Ideen von einer transzendenten Welt. Wenn der Glaube Druck, Schwere, Widerstand wegdenkt aus dieser transzendenten Welt, wenn in dieser seine Gestalten auf Wolken einherschreiten und sich erheben, wenn die Schwingen der Engel keiner starken Muskeln bedürfen, diese ätherischen Leiber zu tragen: so ist die sinnliche Unterlage hiervon das Erscheinen einer uns ganz fremden Welt der Gestirne im bloßen Gesichtssinn. Das Weitere tat dann der Volksglaube und die aristotelisch-scholastische Lehre von einer doppelten Welt diesseits und jenseits des Mondes. Das Verhältnis, nach welchem erst das Zusammenwirken mehrerer Sinne und der von ihnen stammenden Vorstellungen den Objekten volle Realität verleiht, läßt sich auch in anderen einfachen Fällen beobachten. Selbst wenn wir vom Eisenbahnwagen aus die Bilder fremder Gegenstände auffassen, finden wir, daß diese wie Kulissen an uns vorüberziehen, hier werden die Gesichtseindürcke weniger von Erinnerungen an Tastempfindungen, Widerstand und sinnliches Genießen unterstützt. Ferne Berge, Seen, die sich vorherrschend nur optisch genießen lassen, bezeichnen wir als bloße Dekoration.

Diese Modifikationen des Bewußtseins der Realität werden  nun durch das Zusammenwirken verschiedenener Faktoren hervorgebracht.  Der Unterschied von Vorstellung und Wahrnehmung, die Gradation, in welcher Vorstellungen sich der Sinnfälligkeit der Wahrnehmung annähern, die Modifikationen der Wahrnehmung in anomalen Zuständen des Sinnes bilden einen ersten Faktor, der zweite liegt in den Veränderungen des Willens und der mit diesem verbundenen Gefühl, und der dritte ist in den Vorgängen des Denkens oder deren psychischen Äquivalenten zu suchen, durch welche beide Klassen von Tatsachen, Empfindungen und Willenszustände, dem erworbenen Zusammenhang des Bewußtseins eingeordnet werden.

In der Halluzination ist zunächst in einer Reihe von Fällen mit dem Erscheinen der Bilder im Sinnesfeld das Bewußtsein, daß ihnen keine objektive Gültigkeit zukommt, verbunden. Der berühmteste Fall dieser Art sind die Halluzinationen NIKOLAIs (16). Hier lagt eine Veränderung der Blutbewegung im Gehirn vor, wodurch dann das Erscheinen der Bilder im Gesichtsfeld bedingt war. Die Energie solcher Vorgänge ist eine verschiedene. Von den Fällen, in denen die Energie der entsprechenden Gehirnleistung zu jeder Zeit Phantasmen ermöglicht, wie dies GOETHE und JOHANNES MÜLLER von sich berichten, durch diejenigen hindurch, in welchen bei erregtem künstlerischen Schaffen dieselben auftreten, wie wir aus den Berichten von DICKENS, BALZAC u. a. Wissen (17), geht eine Skala zunehmender Energie der Bilder zu den von NICOLAI beschriebenen Fällen, in welchen die Gestalt bei offenem Auge zu jeder Zeit auftreten und sich selbständig, vom Willen unabhängig, bewegen. Bei der Genesung blassen diese Phantasmen gleichsam ab. Aber gerade in diesen Halluzinationen lebhaftester sinnfälligster Art, wie denen von NICOLAI u. a. hat zwar das Bild sonst vollständig den Charakter der von äußeren Reizen hervorgerufenen Wahrnehmung, aber die Überzeugung von der Realität der Gegenstände im Außenraum ist nicht damit verbunden. Dies ist die Folge davon, daß kein Druck des Willens und keine krankhafte Depression oder Steigerung der Gefühle den erworbenen Zusammenhang der Vorstellungen überwinden, und so, dem Verstand zum Trotz, den Phantasiebildern eine volle ganze Konsistenz, gleichsam einen Kern geben, und daß zugleich andererseits das Vermögen, diese Bilder durch Schlußprozesse oder Äquivalente derselben zu prüfen ungemindert erhalten ist. Auch nach psychiatrischen Erfahrungen ist mit dem Auftreten lebhafter Sinnesbilder im Gesichtsfeld keineswegs stets die Zuteilung von Realität an dieselben verknüpft. Ein Kranker wird durch Sinnestäuschungen belästigt, die besonders in der Nacht auftreten, andere Symptome lassen schließen, daß diese Halluzinationen erste Äußerungen beginnender Gehirnerweichung sind, aber derselbe kann seine Bilder als  Träume  oder  Phantasien  vollständig von der Wirklichkeit unterscheiden. Also:  das Erscheinen lebhafter, den Objekten sonst ganz gleicher Bilder im Gesichtsfeld ist nicht für sich mit dem Bewußtsein an eine Realität derselben verbunden;  es reicht nicht aus, diesen Bildern den Charakter von Wirklichkeit zu verleihen.

Wie ganz anders ist es, wenn solche Halluzinationen da auftreten, wo ein anomaler Druck auf den Willen und dem Gefühl lastet und die Regulierung der Bilder, sowie ihre Beurteilung vom erworbenen Zusammenhang des Seelenlebens aus in anomaler Weise gestört ist.  Dieselben Momente, welche auch im regulären Bewußtsein den von äußeren Reizen erregten Bildern ihre volle Objektivität geben, erteilen hier diese Objektivität den Halluzinationen. 

Die Kontrolle von Sinneseindrücken und Erinnerungen vermag die Überzeugung von der Realität der Phantasmen im Irren nicht zu beseitigen. Der Geisteskranke, der eine brennende Kerze in der Tür sieht, die ihm den Tod bedeutet, geht auf Geheiß des Arztes an die Tür, greift nach derselben und bemerkt ganz wohl, daß er weder die Kerze greift, noch das Licht ihn verbrennt. Dennoch hebt dies seinen Glauben nicht auf. Nicht als fehlte ihm etwa das Schlußvermögen. Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß vielmehr dem Schlußvorgang das fein und sicher verkettete Material im erworbenen Zusammenhang des Seelenlebens verloren gegangen ist. (18) Zugleich aber ist es der lastende Gefühlsdruck, von welchem kein Willensakt zu befreien vermag, was im Irren gleichsam den äußeren Gegenstand postuliert, den ihm die Halluzination nunmehr darbietet und was ihn dann so zäh an deren Realität festhalten läßt.

Solchen Zuständen, in denen die aus inneren Reizen stammenden Vorstellungen die volle Energie von Tatsachen erhalten, liegen diejenigen gegenüber, in denen das Selbstbewußtsein wie das Bewußtsein von der Realität der Objekte in ihrer Energie gleichmäßig gemindert sind.

Ich gehe von Fällen aus, in welchen eine solche Minderung bei vollem Bewußtsein stattfindet und benutze wieder die von KRISHABER an einer bestimmten Form von neuropathischen Zuständen gemachten Beobachtungen. Das Interesse der gegenwärtigen deutschen Nervenärzte ist so durchweg einer vollständigen Konstruktion der physischen Seite des Vorgangs zugewandt, daß ich in unserer Literatur keine entsprechenden Krankenberichte gefunden habe. In allen von KRISHABER gesammelten Fällen überfiel plötzlich den Kranken ein Schwindel, Ohrensausen, Störungen im Sehsinn, dem Gehör und den Tastgefühlen. Ein besonders genauer Beobachter (Fall 38) sagt näher:
    "Diese Sehstörung mahnte mich an die Art, wie man Gegenstände durch sehr stark konkave Gläser sieht oder auch an die Art, wie Gegenstände erscheinen, wenn man neben einem stark geheizten eisernen Ofen durch die warme Luftschicht blickt, welche zu zittern scheint. Meine Gesichtsstörung würde sich einer Mischung dieser beiden Impressionen nähern."
Die Gehörsstörungen waren noch entschiedener: er erkannte weder die Ausgangsstelle der Töne, noch die Stimme der Unterredner, und auch seine eigene Stimme schien ihm von weit her zu kommen. "Meine Beine schienen sich ohne eine Intervention meines Willens zu bewegen." (19) Ein anderer Kranker hebt hervor, daß er den Boden im Gehen nicht fühlt und seine Beine wie von einer seinem Willen fremden Kraft bewegt zu werden scheinen (20). Und jedesmal geht nun von diesem veränderten Zustand, insbesondere von den Sinnesstörungen zugleich eine Veränderung im Bewußtsein der Realität der Außenwelt und eine korrelate im Selbstbewußtsein aus.

Die erste beobachtete Person ein Schriftsteller. Nach einem heftigen Schrecken Doppelsehen, Ohrenklingen, Schwindel, Hyperästhesie [Überempfindlichkeit - wp] der Haut, Störungen im Gesichtssinn, deren nähere Natur sich leider nicht angegeben findet; der Ton seiner eigenen Stimme bestürzte ihn. Er schien sich nun zu träumen und nicht mehr dieselbe Person zu sein; über den weiteren Verlauf der Krankheit hebt er hervor, wie oben schon wörtlich mitgeteilt ist, daß sowohl das Bewußtsein von der Identität seiner Person als das von der Realität der Außenwelt ihm unsicher wurde.

Im anderen Fall ein englischer Offizier; nach Überarbeitung und heftigem Kummer Herzbeklemmung, Nervenleiden solcher Art, daß er die Tränen kaum zurückzuhalten vermag.
    "Es schien dem Kranken, daß etwas ihn ganz einhüllt und sich wie ein Widerstand zwischen ihn und die Außenwelt stellen will und ihm so ein Gefühl tiefster Isolierung gibt."

    "Wenn er sprach, erschien ihm seine Stimme fremd, er erkannte sie nicht wieder und hielt sie nicht für die seine; sprach man mit ihm, so fühlte er sich betäubt, als ob mehrere Personen zugleich sprechen, und es schien ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit dem zuzuwenden, was man sagte; an diese Eindrücke schloß sich ein anderer: er faßte Zweifel an seiner Existenz, es schien ihm als wäre er nicht er selbst und es machte ihm Mühe an die Identität seiner eigenen Person zu glauben, auf Augenblicke war er nicht einmal sicher ob er existiert. Zur selben Zeit hatte er den Glauben an die Realität der Außenwelt verloren und fühlte sich in einen tiefen Traum versenkt."

    "Seit den ersten Tagen der Krankheit empfand er den Boden unter seinen Füßen nicht, was seine Schritte unsicher machte und ihm die Furcht zu fallen einflößte; seine Beine waren wie durch eine seinem Willen ganz fremde Kraft bewegt; es kam ihm beständig vor, als ob sie ihm nicht angehörten."
Danach trat Schwindel hinzu, die Unfähigkeit, Objekte zu erkennen und sich zu orientieren, das Unvermögen, Gegenstände anhaltend zu fixieren, Gesichtsstörungen. Der Kranke hob öfter hervor, daß zwischen den Störungen des Gesichtssinns und dem Zweifel an seiner Existenz ein Zusammenhang bestand und beides miteinander zunahm. Er verwechselte häufig Tatsachen mit Erinnerungen an Traumbilder; er hatte die Neigung unpassende Worte auszusprechen und konnte unfreiwillige Bewegungen mühsam unterdrücken, er war ohne Wille und ohne Energie. Das Gefühl von Nichtexistenz war so stark, daß er Abscheu hatte sein Spiegelbild zu gewahren; "während mindestens 15 Monaten wagte ich nicht, mich in einem Spiegel zu betrachten."

In einem dritten Fall ähnlicher Art schien es dem Kranken oft, als seien die ihn umgebenden Personen Figuren eines Traumes und er meinte nicht mehr er selbst zu sein. Dies war verbunden mit tiefster Niedergeschlagenheit, sowie damit, daß er beim Gehen den Boden nicht fühlte.

Aus anderen verwandten Fällen hebe ich noch folgenden hervor, von welchem der wissenschaftlich gebildete Selbstbeobachter eine genaue Aufzeichnung gemacht hatte und dem obige Angaben über die Sinnestäuschungen entnommen sind (Fall 38).
    "Ich schien mir in der ersten Zeit des Tages beständig zu träumen, und es machte mir große Mühe, meine Traumbilder von der wirklichen Welt zu unterscheiden. Ich verlor zuweilen beinahe den Begriff meiner eigenen Existenz, ich fühlte mich so vollständig verwandelt, daß ich mir eine andere Person geworden zu sein schien." (21)
Diese Tatsachen erläutern, abgesehen von dem sehr großen Interesse, welches die in denselben enthaltene Modifikation des Selbstbewußtseins sowie des Bewußtseins von einer Realität der Außenwelt für den Psychologen haben muß, zugleich auch den Einfluß, welchen eine tiefer greifende Störung im Wahrnehmen nicht nur auf das Bewußtsein der Realität äußerer Objekte, sondern auch auf die Energie des Selbstbewußtseins haben kann. Denn zugleich mit der Minderung der objektiven Realität tritt auch die der Energie des Ichbewußtseins auf. Gleichviel wie man die einzelnen Einflüsse von der Herzerkrankung her abschätzt und welche Veränderungen im Gemeingefühl sowie in den Impulsen zu Bewegungen mitwirken: ganz sicher ist doch durch diese Fälle die  Wirkung  bezeugt, welche die  Wahrnehmungsstörungen auf die Minderung der Realität der Objekte  und dann indirekt wohl auch auf die Herabsetzung der Energie des  Selbstbewußtseins  haben. Diese zweite indirekte Wirkung würde ich folgendermaßen erklären. Wir leben alle gleichsam unter der Summe aller Erfahrungen vom Widerstand und Druck der nach Gesetzen wirkenden und verbundenen Objekte; wir ordnen diesen Erfahrungen jeden neuen Eindruck unter; in dieser Spannung zwischen Impuls und Widerstand besitzen wir die volle Realität unseres Selbst und der Objekte. Indem nun die Wahrnehmungen diesem Wirkungszusammenhang, der bis dahin permanent war, nicht mehr eingeordnet werden können, indem sie gleichsam fernabrücken, schwanken, unfassbar verbleiben: ist dieser Wirkungszusammenhang nicht mehr da, mit ihm felht nun die Spannung zwischen ihm und dem Selbst.

Wie anders die Bedingungen, unter denen die Traumbilder eine halbe oder Dreiviertelrealität erhalten! Und doch ist hier die Bedeutung des Willensverhältnisses für das Bewußtsein der Realität noch viel klarer. Die Veränderungen der Blutverteilung und des Stoffwechsels im Schlaf wirken einerseits eine größere Erregbarkeit zu Bildern, ähnlich dem Vorgang in welchem die Halluzination entsteht, andererseits aber eine starke Minderung der regulierenden und unterordnenden Wirkungen des erworbenen seelischen Zusammenhangs auf diese Bilder und der willkürlichen Richtung der Aufmerksamkeit. So fällt die Kontrolle der Bilder aus, die in den oben geschilderten Halluzinationen stattfindet; zugleich vermag die geminderte Aufmerksamkeit nicht, die Bilder festzuhalten oder willkürlich zu verdrängen; sie gleiten am Bewußtsein vorüber, wie Bilder der  Laterna magica,  unabhängig vom Willen und der Aufmerksamkeit dessen, der sie sieht;  hieraus entsteht ihnen eine schattenhafte Art unabhängiger Realität;  und diese wird durch ihre Beziehung zu dem auch während der Träume fortdauernden Spiel der Gefühle verstärkt. Die Traumbilder verweben sich mit den Passionen. Im wachen Leben herrschen, wie das Tageslicht die Lampe überstrahlt, die permanent gegenwärtigen Wahrnehmungen. Im tiefen Schlaft vermag sich das Bewußtsein den es gleichsam belagernden Phantasiebildern nicht zu entziehen; es wird von ihnen überrascht als von etwas Unerwartetem; es kann sie nicht zum Stillstand bringen. Denn bleibt diesen Bildern, wie gesagt, das Schattenhafte, das wir als den Charakter der Traumsphäre bezeichnen. Denn Wille, Impuls, willkürliche Bewegung, und dann wieder energischer Widerstand verleihen dem Leben die volle Realität; Einordnung der Einzelbilder in eine gesetzmäßige Wirklichkeit, welcher sie subordiniert werden, verdichtet diese Wirklichkeit zu einem nach eigenen Gesetzen uns widerstehenden Zusammenhang; willkürliche Bewegungen bestätigen diese Realität: all das mangelt der Traumsphäre. Die Spannung zwischen dem energischen bewegungsmächtigen Subjekt und den Gegenständen ist hier herabgesetzt.

Wie gleichsam durch eine solche Spannung Selbst und Welt auseinandergehalten werden, kann schließlich auch an den Zuständen von Narkose festgestellt werden, welche ja jenen des Traumes vielfach verwandt sind. Aus manchem Belehrenden hebe ich einen Bericht über den Vorgang hervor, in welchem beim Erwachen das Selbst und die Objekte auseinandertreten (22). Obwohl dieser Bericht schon den vierziger Jahren angehört, kann er doch auch heute noch nicht durch einen ausführlicheren ersetzt werden. Er zeigt, wie mit dem Wiederauftreten von Leistungen, unter deren Mitwirkung sich nach den Ergebnissen der psychologischen Analyse überall das Ichbewußtsein aufbaut, nämlich der sinnlichen Gefühle und der willkürlichen Bewegung, auch Selbst und Objekte nun wieder auseinandertreten.

Ist es doch derselbe Akt von Auseinanderhalten des Selbst und der Objekte innerhalb des Bewußtseins, gleichsam von Furchung innerhalb dieses Bewußtseins, in welchem das Selbst abgegrenzt und zugleich das Bild eines Außen objektiviert wird. Ein Selbst ist ja für uns nur da, sofern es von einer Außenwelt unterschieden wird, und das Wort  Außenwelt  hat nur einen Sinn, sofern diese vom Selbst abgesondert wird. Denkt man sich die eine Tatsache aufgehoben, so wäre es auch die andere. Wäre das Selbstbewußtsein ausgelöscht, so gäbe es kein Außen mehr für die Objekte, es fehlte der Ansatz zu einer Relation des Eigen oder des Innen zum Außen.

Aus einer Narkose erwachend, konnte HARLESS "durchaus nicht seine Persönlichkeit von der einer anderen Person, auf die sein erwachendes Auge fiel, trennen." In diesem Fall war eine Sonderung des Selbst von Objekten noch aufgehoben, obwohl Bilder schon aufgefaßt wurden. In einem anderen noch merkwürdigeren Fall war im Moment des Erwachens der Sehnerv schon imstande seine Eindrücke zum Bewußtsein zu bringen, aber noch versagte die willkürliche Bewegung, ein Punkt, der sich später als von Wichtigkeit zeigen wird.
    "Mit einem Mal sah ich meine beiden Freunde, die dem Experiment beiwohnten, am Ofen des Laboratoriums stehen, aber von allen anderen Gegenständen noch nichts, weil ich nicht das Vermögen besaß, die Augenaxen anders zu stellen, als sie gerade vor dem Eintritt der Narkose gestellt waren. Bei diesen zweien vermißte ich nun einen dritten, nämlich mich selbst; aber nicht mit dem Bewußtsein, daß ich dabei sein müßte, sondern nur mit der historischen Erinnerung, daß kurz vorher noch ein dritter dabei war. Ich suchte diesen dritten etwa 3 Sekunden lang buchstäblich wie in einem öden, leeren Raum, bis in einem Moment mit einer lebhaften Bewegung der Hand mein Selbstbewußtsein wieder erwacht war und ich mich wieder unter ihnen fühlte." (23)
Man sieht, wie Gefühl und willkürliche Bewegung zurückkehren und sich so das Selbstbewußtsein wieder einstellt. Es wird nicht ausdrücklich bemerkt, aber selbstverständlich hatten diese Bilder, so lange ihnen der Relationspunkt eines Selbstbewußtseins fehlte, keine Außenexistenz.

Mit all dem ist in Übereinstimmung, daß das Tier und das Kind sich ebenso energisch von Außenwelt unterscheiden als der erwachsene Mensch. Selbstgefühl, Selbstschätzung, Streben die Triebe zu befriedigen, sind als Lebensgehalt in ihnen so wirksam wie im entwickelten Menschen.


Bestätigung aus der Lebendigkeit der Dinge
für das Kind und den Naturmenschen

Impuls und Widerstand enthielten den Keim der Trennung von Selbst und Objekt; dieser entfaltet sich, indem das Selbst sich als eigenes Zweckganzes abschließt: nun lösen sich auch aus dem chaotischen Spiel von Kraftäußerungen, welches dieses Selbst umgibt, andere Personen ab. Denn der erste objektive Zusammenhang eines Ganzen, der uns aufgeht, ist der einer anderen Person. Die Mutter, welche sich über die Wiege des Kindes beugt, es aufnimmt und nährt, ist ihm die erste volle Realität, welche aus dem Hintergrund des Sinnenchaos auftaucht und leibhaftig wird. Denn dem Selbst ist gemäß seinen eigenen Erfahrungen von Wollen und Wirken in jeder Hemmung oder Förderung, welche es erfährt, Kraft gegenwärtig. Und nun wird hier eine Anordnung von Kraftwirkungen regelmäßig erfahren, welche aus dem eigenen Lebensgefühl heraus als andere Person verständlich ist. Nach dieser Analogie konzipieren wir dann die Objekte. Die Eigenschaften und Wirkungen eines solchen Objektes werden durch eine dem Willen analoge Kraft zusammengehalten. Das Ding und dessen begriffliche Formel: Die Substanz ist demnach keine Schöpfung des Verstandes, sondern der Totalität unserer Seelenkräfte. Der nächste Beweis hiervon liegt in der Unmöglichkeit, diese Formel dem Verstand widerspruchsfrei durchsichtig zu machen. Dann aber zeigt sich dies in der willenskräftigen Lebendigkeit der Dinge für das Kind und den primitiven Menschen. So bestätigen zahllose geschichtliche Erfahrungen unsere Auffassung: der Animismus bei den Naturvölkern, das mythische Vorstellen, bekannte Eigentümlichkeiten der Sprachen, die unvertilgbare Neigung der Poesie, die Lebendigkeit der Natur immer wieder, der mechanischen Naturerkenntnis zum Trotz, im Namen des ganzen Menschen herzustellen. Das alles habe ich in meiner Einleitung in die Geisteswissenschaften und im Entwurf der Poetik schon zureichend ausführlich entwickelt.


Das Ergebnis

1.

KANT bezeichnete es als einen Skandal der Philosophie und der allgemeinen Menschenvernunft, daß denen gegenüber, welche etwa auf den Einfall geraten, die Realität der Außenwelt zu bezweifeln, kein genügender  Beweis  derselben vorhanden ist. Geht man von der Welt als Vorstellung aus, betrachtet man das Verhältnis der Empfindungsverbindungen zu Impuls und Gefühl nur als charakteristische Merkmale dieser Empfindungsverbindungen, welche den Schluß von diesen auf deren Ursache jenseits des Bewußtseins ermöglichen, dann entsteht für die Philosophie in der Tat die Aufgabe eines  Beweises,  welcher durch  Verstandesschlüsse  mittels des Begriffs der  Ursache in das Jenseits des Bewußtseins  hinübergreift. Man muß dann von den in Empfindung und Denken gegebenen Phänomenen zum Grenzbegriff des Phänomens, dem Bewußtseinstranszendenten, fortgehen; denn man kann nur mittels desselben die in einer Empfindung und im Denken auftretenden Tatsachen faßbar machen. So bedient sich die Erklärung der Hypothese von der Existenz eines Bewußtseinstranszendenten, und bestimmt dann etwa weiter hypothetisch dessen Eigenschaften. Diese Erwartung, aus den Tatsachen des Bewußtseins die Existenz eines Bewußtseinstranszendenten allgemeingültig genügend abzuleiten, ist innerhalb eines nicht vollständig kritischen Denkens entstanden. Dasselbe nimmt eine selbständige Existenz jenseits des Bewußtseins als einen in sich klaren Begriff und versucht dessen tatsächliche Gültigkeit aufzuzeigen. Dies ist die Folge einer Methode, welche die erkenntnistheoretischen Grundfragen und ihre Auflösung in einem Umkreis möglichst weniger abstrakter Begriffe festlegte, als ob deren Sicherheit hierdurch zunehmen würde. DESCARTES, von der Mathematik verleitet, suchte in dem von der Wirklichkeit und den wissenschaftlichen Begriffen über dieselbe erfüllten Bewußtsein denknotwendige Elemente und Beziehungen; mittels derselben wollte er von seinem  cogito sum  zur Außenwelt, und schließlich zur metaphysischen Erkenntnis gelangen. Diese Beziehungen waren natürlich umso durchsichtiger, je mehr sie bloße Denkbeziehungen waren. So intellektualisierte man die Begriffe: Ursache und Substanz, man glaubte, in ihrer Klarheit und Deutlichkeit ein Kriterium der objektiven Gültigkeit zu besitzen, und man rechnete mit ihnen im Denken. Die Metaphysiker korrigierten von diesen Begriffen aus die Erfahrungen, aus denen sie entstanden waren (ZELLER, a. a. O., Seite 230f über die entstandenen Schwierigkeiten). Ging man später von einer richtigeren Einsicht über den Ursprung der Begriffe  Ursache  und  Substanz  in der erkenntnistheoretischen Betrachtung aus, so blieb das Ziel der Methode doch immer der Nachweis einer unabhängigen Existenz jenseits des Bewußtseins mittels des Begriffs der Ursache. Das Merkmal einer unabhängigen Existenz an den Objekten wurde nicht auf die Tatsachen zurückgeführt, die im Bewußtsein gegeben sind. So verband man mit einem Merkmal, das schließlich in den Erfahrungen des Willens gegründet ist, ohne kritische Erwägung seines Ursprungs das der Bewußtseinsjenseitigkeit. Die Einen unternahmen nun die Realität des unabhängigen Bewußtseinstranszendenten zwingend zu erweisen, während die Anderen die Unmöglichkeit eines allgemeingültigen Nachweises mit überlegenen Argumenten aufzeigten. Wie vermöchte man aber vom festen Boden des Selbst aus, mittels des Begriffs der Ursache eine Brücke hinüber zum Jenseits des Bewußtseins zu schlagen? Dort ist kein fester Boden. So erhob sich schließlich immer wieder neben dem  kritischen Realismus  der  intellektualistischen  Schule und seinem Zwillingsbruder, dem  Phänomenalismus,  die  intuitionistische  Lehre, welche sich auf die Unmittelbarkeit des Bewußtseins von der äußeren Wirklichkeit berief. Ich versuche zunächst zu zeigen, daß sich diese Standpunkte gegenüber der vorstehenden Analyse nicht halten lassen.


2.

Wir haben gesehen, daß die Annahme der Schotten, JACOBIs und einiger französischer Forscher unseres Jahrhunderts von einer  unmittelbaren Gewißheit  der Realtität der Außenwelt falsch ist. Auch konnten wir den Ursprung des Scheins aufdecken; die Widerstandserfahrung nämlich entsteht zwar in einem zusammengesetzten Vorgang, aber tritt dann in unserem Bewußtsein nachträglich als ein Einfaches auf. Immer sind vermittelnde Denkvorgänge erforderlich, die denkende Erfahrung der Realität herbeizuführen. Die Behauptung von der Unmittelbarkeit dieser Erfahrung entspringt nur dem Mangel einer gründlichen psychologischen Analyse. Diese Behauptung ist durch die Analyse der Gesichts- und Tonwahrnehmungen in den Arbeiten von HELMHOLTZ definitiv widerlegt und die sogenannte Lehre von der Intellektualität der Sinneswahrnehmung ist durch ihn endgültig erwiesen worden. Diese erwiesene Lehre versuchten wir nur durch den näheren Nachweis der aus dem Triebleben stammenden Seite des Objekts zu ergänzen. Zugleich gaben wir eine Methode an, aus den Veränderungen im Wirklichkeitsbewußtsein auf die verschiedenen Faktoren zu schließen, deren Produkt dasselbe ist. So können wir als sicheres Ergebnis betrachten: Das Wissen von einem unabhängigen Bewußtseintranszendenten ist  nicht unmittelbar gegeben. 

Dieses Wissen kann aber ebensowenig  durch Schlüsse  zwingender Art gewonnen werden. Ein solcher Beweis steht unter der Annahme, daß die Gesetzlichkeit des Denkens eine Anwendung auf das inhaltlich gänzlich Bewußtseinsjenseitige hat. Dies ist das alte Prinzip der großen griechischen Metaphysiker, wie der philosophischen Physiker des 17. Jahrhunderts. Er bedient sich der Begriffe von  Existenz, Realität, Ursache, Substanz  trotz der bekannten Schwierigkeiten. welche sowohl von den Positivisten seit HUME, wie auch von den Transzendentalphilosophen seit KANT geltend gemacht worden sind. Und dennoch! Geht man von der Forderung aus, die Eindrücke innerhalb des Bewußtseins nicht bloß durch Gleichförmigkeiten zu beschreiben, sondern zu erklären, so findet man sich von den angebenen intellektualistischen Voraussetzungen aus zu der Hypothese äußerer Objekte genötigt, und dieselbe erhält eine umso stärkere Begründung, je mehr gerade die in der Unverdrängbarkeit und Gesetzmäßigkeit gelegenen Eigenschaften der Eindrücke betont werden, wie dies HELMHOLTZ und ZELLER tun.

Denn die Realität der Außenwelt ist eben die allgemeinste Voraussetzung, welche allen unseren Induktionen im gewöhnlichen Leben wie in der Wissenschaft zugrunde liegt. Und jede gelingende Induktion, jede Auffindung einer Gesetzmäßigkeit, jedes vorausbedachte erfolgreiche Handeln wird, als unter dieser Voraussetzung stehend, zu einer neuen Bestätigung derselben. Wohl kann diese Voraussetzung durch eine andere ersetzt werden und diese kann niemals völlig ausgeschlossen werden. Aber dieselbe zeigt sich als sehr künstlich und im höchsten Grad unwahrscheinlich. Die Objektbilder sind entweder durch etwas Bewußtseinstranszendentes bedingt, das nach Gesetzen wirkt, aus welchen dann das Auftreten, Sichverändern und Schwinden dieser Bilder erklärt werden kann, oder diese Bilder haben ihren Grund im Bewußtsein, das sie vorstellt. Im letzteren Fall ist dieses Bewußtsein so eingerichtet, daß es den permanenten Schein der von außen auftretenden und vom Ich unterschiedenen Objekte hervorbringt. Auftreten, Veränderung und Schwinden der Objekte sind dann aus der allgemeinen Bedingung des Scheins der Realität dieser Objekte nach Gesetzen ableitbar. Was schließt nun aber diese zweite Annahme in sich? Jede perspektivische Verschiebung steht nach optischen Gesetzen zu einem Wechsel des Standortes des Blickenden in einem festen Verhältnis. In diesem Zusammenhang sind andere sinnenbegabte Personen gleichsam eingeschachtelt; sie besitzen Gesichtsbilder, sie erzeugen Laute und auf diese Sinneseindrücke verlaufen allesamt so, als bestünden diese Personen und erblickten sowohl Objekte als auch gegenseitig sich selbst. Endlich sind in das Leben jeder dieser Personen Zustände, die vom wachen Leben abweichen, Träume, freie Spiele der Phantasie eingeordnet; sie sind so geartet, daß sie wieder nach denselben allgemeinen Gesetzen, gemäß den Eigenschaften der Seele, unter der Bedingung der Existenz objektiver Sinnesreize, abgeleitet werden können. Ein so verwickelter Mechanismus von Einrichtungen, die alle gleichsam dem Schein der Existenz objektiver Gegenstände entgegen konvergieren, setzt selbstverständlich ein zweckmäßig Wirkendes, das nur nicht in unser Bewußtsein fällt, voraus. Mögen wir es Ich nennen oder Gott oder Dämon, es ist die abenteuerlichste Vorstellung, die wir fassen können: ein hypothetisches Ungeheuer ohne Gleichen. Eine gänzlich zweckwidrige, ja sinnlose Zweckmäßigkeit. Als ich, dieser einzelne Mensch, zu erfahren und zu erinnern begann, muß dieses Wesen schon auf den Zusammenhang aller künftigen Erfahrungen meine allererste Erfahrung eingerichtet haben. Ein unermeßlicher Aufwand an Intelligenz muß beständig für den nichtigsten Zweck - einen bloßen Schein aufgewandt werden. Alle moralischen Gefühle, die in diesem Zusammenhang auftreten, aller Arbeitsaufwand des heroischen Willens kann nur durch diesen Schein bedingt sein und muß sich auf bloße Scheinbarkeiten beziehen. So wird diese Welt des Scheins zu einer Welt des Trugs; das weiseste und nichtsnutzigste Wesen hat das alles hervorgebracht, ist aber zugleich mein Ich, in welchem meine moralischen Gefühle enthalten sind. Man sieht wie unwahrscheinlich eine solche Annahme ist. Man braucht sie nur auszubilden, um sie zu verwerfen!

Aber - allgemeingültig widerlegen kann sie niemand! Da in diesem Bau bewußtseinsjenseitiger Hypothesen dem Denken überall Schlupfwinkel bleiben, vor den Folgerungen seiner Annahmen sich im Dunkel der Transzendenz zu verbergen. Ja in dieser Beweisführung liegt ein Fehler, welcher in jedem Argument wiedergefunden werden kann, das diese intellektualistische Schule aufgestellt hat. Es wäre Schikane, das Recht anzuzweifeln, die Operationen des Denkens auch auf das Bewußtseinsjenseitige zu erstrecken und auch da den Gesetzen des Denkens Geltung zuzuerkennen. Jede Argumentation steht selbstverständlich unter den allgemeinsten Eigenschaften des Denkvorgangs, welche wir in der Abstraktion als Formen und als Gesetze des Denkens herausheben. Wie wir ohne Gesichtssinn nicht sehen, dieser also die Bedingung ist, unter der alle Bilder stehen, so kann ohne Denken keine Tatsache des Bewußtseins ausgesprochen oder begründet werden. Bedenklicher ist es, auf einen Schluß von den Wirkungen zu den Ursachen die Beziehung der Empfindungen auf die Objekte zu begründen. Wir wissen nicht, ob dieser an das Bewußtseinsjenseitige so von außen herangebrachte Begriff etwas an diesem erfaßt. Aber der augenfälligste Fehler besteht in Folgendem: Jeder Beweis, daß die Ursachen unserer Empfindungen außerhalb unseres Selbst gelegen sind, kann, bei der vollkommenen Dunkelheit dieses Außerhalb und seiner Bedingungen, schließlich immer nur indirekt geführt werden, nämlich durch einen Ausschluß der Möglichkeit, daß die Empfindungsverbindungen im Selbst begründet sind. Hierbei ist aber die Voraussetzung erforderlich, daß die aus dem bewußten Seelenleben abstrahierten Gesetze desselben  als Maßstab  in diesem grenzenlosen metaphysischen Feld angewandt werden können. Warum kann aber mein bewußtes Dasein nicht mit ihm verbundene Lebensbedingungen haben, innerhalb deren andere Formen des Geschehens walten? Warum können hier nicht Bewußtseinsprozesse abgelaufen sein und Ergebnisse hinterlassen haben, während die Erinnerung an diese Prozesse untergegangen ist? Warum - aber es ist überflüssig im Einzelnen zu zeigen, daß die Art wie in einem solchen Zusammenhang rückwärts unser Selbst gegründet sein und wie es aus denselben Bedingungen für den uns bekannten Lebenslauf erhalten kann, gänzlich unbestimmbar ist, und daß doch auf den Bestimmungen hierüber jeder Beweis der intellektualistischen Schule für die Realität der Außenwelt beruth.


3.

Wir konnten durch die psychologische Analyse zu klarem Bewußtsein erheben, wie uns die Realität eines von uns Unabhängigen im Bewußtseins gegeben istund was wir darunter zu verstehen haben. Der ganze Sinn der Worte  Selbst  und  Anderes, Ich  und  Welt, Unterscheidung des Selbst von der Außenwelt  liegt in den Erfahrungen unseres Willens und der mit ihm verbundenen Gefühle. Alle Empfindungen und Denkprozesse umkleiden gleichsam nur diese Erfahrungen. Könnte man sich einen Menschen denken, welcher ganz Wahrnehmung und Intelligenz wäre, dann würde dieser intellektuelle Apparat vielleicht alle möglichen Mittel zur Projektion von Bildern enthalten: niemals würde das alles jedoch die Unterscheidung eines Ich von realen Gegenständen möglich machen. Deren Kern ist vielmehr das Verhältnis von Impuls und Hemmung der Intention, von Wille und Widerstand. Ich habe zu zeigen versucht - und gerade in diesem Nachweis lag mir das Wichtige -, daß dasselbe Verhältnis an allen Stellen des Gewebes unserer Eindrücke denselben ihre Realität mitteilt, daß es mittels der Mitwirkung des Denkens Realitäten summiert, die Wirklichkeit verdichtet und über den einzelnen Setzungen von Realität schließlich in den Gesetzen, die als Kraft wirken, mächtige Klammern gleichsam innerhalb der ganzen Wirklichkeit herstellt. Wir sahen weiter, daß Impuls, willkürliche Bewegung, Druck, Widerstand, Hemmung, Eintreten des Nichterwarteten, Versagen des Gewollten, Verdrängbarkeit des Widrigen, Nichteintreten des Erwarteten überall gleichsam die Innenseite des Zusammenhangs unserer Wahrnehmungen, Vorstellungen und Denkvorgänge bilden. In dem Maße, in welchem diese inneren Bestandteile sich summieren, ineinander wirken, übereinander greifen wächst der Charakter von Wirklichkeit, welche die Bilder für uns haben. Sie wird zu einer Gewalt, die uns ganz umfängt, ein Netz, dessen Maschen nichts durchlassen, dem nichts sich entzieht. Impuls, Druck, Widerstand sind nun gleichsam die festen Bestandteile, welche allen äußeren Objekten ihre Solidität mitteilen. Wille, Kampf, Arbeit, Bedürfnis, Befriedigung sind die immer wiederkehrenden kernhaften Elemente, welche das Gerüst des geistigen Geschehens ausmachen. Hier ist das Leben selber. Es ist beständig sein eigener Beweis.

Von diesem Standpunkt aus kann nun die Frage nach der Entstehung des Bewußtseins von Realität im Einzelnen vollständiger und angemessener aufgelöst, also die Erklärung dieses Bewußtseins von Realität befriedigender hergestellt werden.
    "Wenn die Wahrnehmungen", so faßt  Zeller  die geltende Ansicht zusammen (Vorträge II, Seite 253) "anerkanntermaßen nur Vorgänge in uns sind, von denen wir voraussetzen, sie seien durch Gegenstände außerhalb von uns hervorgerufen, so läßt sich schlechterdings nicht einsehen, auf welchem anderen Weg wir zu dieser Voraussetzung gekommen sein könnten, als durch einen Schluß von der Wirkung auf die Ursache. Wir finden diese Empfindungen und Wahrnehmungsbilder in uns vor, und die Natur unseres Denkens nötigt uns nach ihrer Ursache zu fragen."
Ich nehme dagegen an, daß wir  nicht  durch  Unterordnung  unter die Konzeption der  Ursache  ein Außen im  Denken konstruieren:  uns ist vielmehr in den Erfahrungen der Hemmung und des Widerstandes die Gegenwart einer Kraft oder Ursache  gegeben die wir dann als eine äußere, von uns getrennte auffassen müssen. Denn die Hemmung und der Widerstand schließen ebenso gut Kraft in sich wie der Impuls. Wie im Bewußtsein des Impulses die Erfahrung liegt, daß ich eine Kraft übe, so liegt im Bewußtsein der Hemmung und des Widerstandes, daß eine Kraft auf mich wirkt. Ich kann die lastende Vorstellung meiner Krankheit nicht durch eine Willensanstrengung entfernen, sondern sie über auf mein Lebensgefühl einen dauernden Druck. In jeder Erfahrung solcher Art werde ich deutlich inne, daß im Druck oder der Hemmung eine Kraft gegenwärtig ist. Hierbei ist das, was wirkt, von dem, auf welches es die Wirkung ausübt, eben durch dieses Verhältnis  unterschieden.  Dies schließt natürlich nicht aus, daß  ein  Zusammenhang das relativ Geschiedene umschließt. So sondern PLATO Intellekt und Sinnlichkeit als Teile der Seele und die Empiristen die Empfindungen als Einzelkräfte relativ voneinander. Die Trennung verschärft sich, wenn ein konstanter Wille, von welchem Impulse zu Bewegungen planmäßig ausgehen, demselben Widerstand permanent begegnet. Nun bilden ferner das Zweckganze unseres Ich, und das hier erlebte Strukturverhältnis wird uns zum Leitfaden, die Eindrücke zum Ganzen einer anderen zweiten Person zu verknüpfen. Aus dem verworrenen Spiel der Eindrücke tritt dem Kind die Mutter als volle Wirklichkeit heraus: erste Repräsentation von Realität überhaupt. Ich verfolge dies nicht, sondern hebe einen anderen entscheidenden Punkt hervor, an welchem meine Erklärung sich von der herrschenden trennt. Nach dieser werden von uns Empfindungen, die als solche nur Vorgänge im Inneren des empfindenden Subjekts sind, auf Dinge außerhalb des Bewußtseins bezogen, und die Regelmäßigkeit dieser Beziehung hat dann zur Folge, daß wir Bilder und Dinge nicht zu trennen wissen, sondern die Dinge selber zu sehen glauben (a. a. O., Seite 247). Ich nehme vielmehr an, da ein auftretender Empfindungsverband sich vom Impuls unabhängig erweist, mein Triebleben hemmt und mein Bedürfnis nicht zur Befriedigung gelangen läßt, so ist mir in diesen Wirkungen eine Kraft  gegenwärtig,  deren Außenseite gleichsam die Empfindungsverbindung ist. Hierin ist die Dingvorstellung gegeben. Daher machen mich auch alle durch die Bedingungen des Wahrnehmens herbeigeführten Veränderungen meiner Bilder nicht daran irre, daß die Kraft, welche das Ding ausmacht, in diesen Eindrücken gegenwärtig und wirksam ist. In der Empfindungsverbindung sitzt das Objekt. Erst die nachträgliche wissenschaftliche Betrachtng legt dieses Verhältnis dahin auseinander, daß das Bild der Effekt des Zusammenwirkens der Empfindungsleistung mit einer äußeren Ursache ist, das Bild sich also auf den Gegenstand  bezieht.  Das Selbst und die Objekte liegen daher beide innerhalb des Bewußtseins. Denn in den Wirkungen auf den Willen und die Gefühl ist die äußere Kraft gegenwärtig. Das Objekt hat ferner dieselbe Kernhaftigkeit wie das Selbst. Denn es ist nicht durch das Denken in das Leere hinein konstruiert, sondern hat am Erlebnis des Willens sein eigenes Leben und seinen selbständigen Kern.


4.

Und nun läßt sich endlich auch auf diesem Standpunkt das Problem vom  Recht  unseres  Glaubens  an eine äußere  Wirklichkeit  auflösen. Die philosophische Begründung dieses Glaubens kann nur dasjenige  analytisch darstellen,  was in der lebendigen Erfahrung gegeben ist und dann mittels der in dieser Erfahrung aufgefundenen  Bestandteile  den  Horizont  derselben  erweitern.  Sie spricht also nur aus, was Realität der Außenwelt in einem wohlverstandenen Sinn dieser Erfahrung ist. Auch ist, sofern sich unsere Erklärung bestätigt, eine solche Interpretation der Erfahrung völlig ausreichend. Wir brauchen nicht von den Tatsachen des Bewußtseins im bloßen Denken mittels des Schlusses auf Ursachen in das Bewußtseinsjenseitige hinüberzugelangen. In jeder Erfahrung von Hemmung oder Widerstand ist uns die Kraft gegenwärtig, die in diesem Druck auf den Willen wirksam ist. Die relative Sonderung, welche hiermit immer gegeben ist, vollendet sich in der Unterscheidung des Selbst von einer anderen Person. Trennung eines Außen von einem Selbst ist nichts als das in dieser typischen Erfahrung gegebene Verhältnis. Sofern ein Empfindungsverband die Struktur eines Willenszusammenhanges nicht besitzt, aber die permanente Ursache eines Systems von Wirkungen ist, nennen wir ihn Objekt. Überall, wo wir dieselben Bestandteile durch Schlüsse erweisen können, setzen wir Realität. Und die Objekte erweisen in den vom Willen unabhängigen Gleichförmigkeiten des Wirkens oder den Gesetzen ihre selbständige Wirklichkeit.

So ist in dieser Ansicht der  Phänomenalismus aufgehoben,  indem das Bewußtsein von der Realität der Außenwelt den Tatsachen des Willens, der Triebe und Gefühle eingeordnet wird, welche das Leben selber ausmachen. Der Gegensatz von Spekulation und Leben oder Handeln ist aufgelöst. In einem Gespräch zwischen einem Vedantisten und Buddhisten wird der Idealismus so widerlegt:
    "Behauptet jemand, wir gewahren keine Objekte, so ist das, als wenn jemand der ißt, während sich ihm die Sättigung ganz unmittelbar fühlbar macht, behauptet, ich esse nicht und ich werde auch nicht satt."
Dies drückt richtig aus, daß die Realität im Willen aufgeht und das ihm gänzlich Jenseitige ein bloßes Wort ist. Die Erfahrungen des Willens, in denen das Objekt entsteht, sind durch Empfindungsprozesse und Denkvorgänge vermittelt; dies habe ich überall aufgezeigt. Aber in diesen Vermittlungen liegen gleich festen Kernen die bewußten Willenszustände von Impuls und Hemmung. Diese sind unmittelbare Tatsachen. Es muß in seiner Tragweite erwogen werden, daß vom Impuls zur Willenshemmung nur Empfindungen, Vorstellungen, Denkprozesse hinüberführen, man muß zugeben, daß diese Empfindungen als bloß subjektive Bilder aufgefaßt werden können, und dann wäre sozusagen für den Willen kein Anlaß, sich gehemmt zu finden. Die Natur der Bilder und Vorstellungen schließt eine solche Auffassung nicht aus, ja Halluzination, Traum und Irresein geben hierfür Analogien. Jedoch die harten Willenstatsachen von Impuls und Hemmung verbieten eine solche subjektive, phänomenalistische Wendung. Der Impuls dauert fort, während die Hemmung eintritt. Es sind nicht Zustände, die aufeinander folgen, vielmehr besteht gleichzeitig der Impuls fort und findet sich gehemmt. Man denke nun den Impuls als Ergebnis der Willensentschließung in einem Selbst, die Hemmung ebenso als solche in einer anderen Peron. So wenig wie im Denken a und non-a zugleich gesetzt werden können, so wenig kann nunmehr diese Willensintention und die so bestimmte Gegenwirkung gegen sie demselben Willen zugeschrieben werden.

Daß dem Ich ein Du oder ein Es gegenübersteht, das heißt nichts anderes, als daß so von meinem Willen ein ihm gegenüber Unabhängiges erfahren wird. Nun sind zwei Selbständigkeiten da, zwei Willenseinheiten, und das ist die Erfahrung, welche diesen Ausdrücken Einheit, Außereinandersein und Mannigfaltigkeit von Willen oder Objekten überhaupt zugrunde liegt. Der Wille und seine Hemmung treten innerhalb desselben Bewußtseins auf. Wie sie beide gleichsam umkleidet sind von Empfindungsaggregaten und Denkvorgängen, wird der Wille zu der im Körper erscheinenden Person, das Widerstehende zum Objekt. So kommt es, daß beide bewußte Tatsachen sind und wir sagen können, daß das Bewußtsein beide umfaßt.

Hier begegnen wir einem seltsamen Problem. Die Begriffe von Wirkung und Ursache sind durch Verallgemeinerung und Abstraktion aus den angegebenen Erfahrungen des Willens entstanden. Wir nehmen nun an, daß die Ursache gleichsam in das, worin sie wirkt, hineintritt und so in ihm gegenwärtig ist; aber das schließt für uns nicht aus, daß sie zugleich jenseits desselben und von demselben getrennt ist. Das ist der abstrakte Ausdruck des Tatbestandes, nach welchem innerhalb des Bewußtseins ein Widerstand, eine Hemmung der Intention auftritt, die sich gleichsam jenseits des Willens erstreckt.

Indem wir die Bewegungen der Körper mittels dieser Erfahrungen von Impuls und Widerstand interpretieren, entsteht die Konzeption einer  Mannigfaltigkeit physischer Kräfte.  Diese Interpretation wird dadurch begünstigt, daß der Impuls schon in unserer eigenen Erfahrung als Bewegungsantrieb auftritt, ebenso die Hemmung der Intention als Berührung, Widerstand und Druck. Es ist belehrend zu sehen, wie in der Mechanik und mechanischen Philosophie des 17. Jahrhunderts der Begriff des  Moments  bei GALILEI, des  Impetus [Elan, Antrieb - wp] und  Conatus [Anstrengung - wp] bei HOBBES, dann bei demselben der Zusammenhang von diesen Begriffen bis zur Empfindunge, ferner die Korrelation von Bewegungsvorgängen und Innenzuständen bei SPINOZA, das Erscheinen der Mannigfaltigkeit der Kräfte im System der Bewegungen bei LEIBNIZ gleichsam die Fäden nur fortspinnen, welche so in den Erfahrungen des Willens und der Umkleidung derselben durch die Empfindungsaggregate im ungelehrten Menschen gleichmäßig gegeben sind. Ebenso konstruieren wir dann auch alle geschichtlichen Vorgänge von einem  Mannigfaltigen der Willenseinheiten  aus. Alle äußeren körperlichen Handlungen dieser psycho-physischen Wesen sind uns der Ausdruck von Willensvorgängen in denselben. Willenseinheit, Kampf der Willen, Verwandtschaft und Solidarität derselben, Herrschaft, Abhängigkeit, Verband: alles Willenstatsachen. Auf ihnen beruth die Geschichte. Und zwar taucht hier ein Hintergrund hinter den Einzelpersonen wie aus Nebeln auf. Die Objekte und ihre einzelnen Elemente sind durch Gesetze zur Einheit verbunden, die Personen erscheinen in den Verhältnissen der Verwandtschaft und Solidarität, in einem Bedürfnis ihres Denkens nach Allgemeingültigkeit, in den Tatsachen von Ehrgefühl und überhaupt von einer Bestätigung des eigenen Gefühls durch Andere nicht als Atome, sondern in einer uns unfassbaren Weise verbunden.

Alle metaphysischen Spekulationen darüber, wie ein Ich getrennt sein, wie das Getrennte aufeinander wirken, wie beides unter demselben Gesetz stehen kann, ja wie ein Ich in einem Körper wohnen mag, entspringen aus dem Mangel kritischer Selbstbesinnung; das Denken will hier hinter die Tatsachen zurück, die in seinen Begriffen ausgedrückt sind. Sie werden zugleich befördert durch die falschen Trennungen, welche aus den Voraussetzungen der abstrakten intellektualistischen Richtung hervorgehen. Wir erfahren in jeder Stunde unseres Lebens, wie gerade die Selbständigkeit des wollenden Ich zusammen mit der Hemmung seiner Volition und seiner hierdurch gesetzten Bedingtheit und Abhängigkeit auftreten. Wir erleben wie das Eigenleben der Willen, ihr Kampf, und das Bewußtsein von Verwandtschaft und Solidarität zwischen ihnen zusammen bestehen. Ziehen wir hieraus abstrakte Begriffe und bringen sie in Beziehungen, so entlocken wir durch diese Prozedur der Erfahrung nichts über sie Hinausreichendes.
LITERATUR: Wilhelm Dilthey, Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht, Sitzungsberichte der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Jhg. 1890, zweiter Halbband, Berlin 1890
    Anmerkungen
    1) vgl. CONDILLAC, Abhandlung über die Empfindungen, Bd. I, 1755, Seite 1. Der Geruchseindruck seiner Statue ist zunächst nur eine Modifikation der Empfindung selber.
    2) EDUARD ZELLER, Vorträge und Abhandlungen, Bd. III, Über die Gründe unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt (1884), Seite 225.
    3) ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus, Bd. II, Seite 128-176 und Seite 1 und 18f.
    4) ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus, Bd. II, Seite 128-176 und Seite 1 und 18f.
    5) RIEHL, a. a. O., II, Seite 1 und 18f.
    6) ALFRED GOLDSCHEIDER, "Untersuchungen über den Muskelsinn im  Archiv für Physiologie,  hg. von EMILE DUBOIS-REYMOND, Jhg. 1889, physiologische Abteilung, Seite 369f und Ergänzungsband, Seite 206f.
    7) GRIESINGER, Psychische Krankheiten, Seite 104
    8) MAUCHART, Repertorium III, Seite 74f
    9) VOLKMANN, Neue Beiträge, Kapitel 3
    10) FICHTE, Bestimmung des Menschen, a. a. O., Seite 259f.
    11) RIEHL, Philosophischer Kritizismus II, Seite 172.
    12) EDUARD ZELLER, Vorträge und Abhandlungen III, Seite 225-285
    13) ZELLER, a. a. O., Seite 252f.
    14) MAURICE KRISHABER, De la Névropathie cérébro-cardiaque, Seite 8 und 9.
    15) KRISHABER, a. a. O., Seite 15
    16) Von ihm beschriebene Berliner Monatsschrift, 1797. Abgedruckt in seinen philosophischen Abhandlungen, Bd. 1, Seite 58.
    17) Vgl. meine Reihe über dichterische Einbildungskraft und Wahnsinn, 1886.
    18) Rede über Einbildungskraft und Wahnsinn, Seite 15f
    19) KRISHABER, a. a. O., Seite 152
    20) KRISHABER, a. a. O., Seite 16
    21) KRISHABER, a. a. O., Seite 151
    22) HARLESS und BIBRA, Wirkung des Schwefeläthers, 1847, Seite 25f und 81f.
    23) HARLESS und BIBRA, a. a. O., Seite 27; vgl. auch Setie 84.