cr-4 Einleitung in die GeisteswissenschaftenVom Anfang der Philosophie    
 
WILHELM DILTHEY
Das Wesen der Philosophie

"Philosophie ist die Besonnenheit, welche alles menschliche Tun zum Bewußtsein, und zwar zu allgemeingültigem Wissen erhebt. Sie ist die Selbstbestimmung des Geistes in der Form des begrifflichen Denkens. Das Tun des Kriegers, des Staatsmannes, des Dichters oder des Religiösen kann sich nur vollenden, wenn das  Wissen  von diesem Tun die Praxis leitet. Und da alles Tun der Zweckbestimmung bedarf, der letzte Zweck aber in der Eudämonie liegt, so ist das Wissen um die Eudämonie, um die in ihr begründeten Zwecke und die von diesen geforderten Mittel das Stärkste in uns, und keine Kraft dunkler Instinkte und Leidenschaften kann sich durchsetzen, wenn das Wissen zeigt, daß die Eudämonie durch diese dunklen Gewalten gehindert wird."

Einleitung

Wir sind gewohnt, gewisse geistige Erzeugnisse, die im Verlauf der Geschichte bei den verschiedenen Nationen in großer Zahl entstanden sind, unter der Allgemeinvorstellung Philosophie zusammenzufassen. Wenn wir dann das Gemeinsame in diesen einzelnen vom Sprachgebrauch als Philosophie oder als philosophisch bezeichneten Tatbeständen in einer abstrakten Formel ausdrücken, so entsteht der Begriff der Philosophie. Die höchste Vollendung dieses Begriffs wäre erreicht, wenn er das Wesen der Philosophie zu einer adäquaten Darstellung brächte. Ein solcher Wesensbegriff würde das Bildungsgesetz aussprechen, das in der Entstehung jedes einzelnen philosophischen Systems wirksam ist, und die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den ihm untergeordneten Einzeltatsachen würden sich aus ihm ergeben.

Eine Lösung dieser idealen Aufgabe ist nur unter der Voraussetzung möglich, daß in dem, was wir mit dem Namen Philosophie oder philosophisch bezeichnen, auch wirklich ein solcher allgemeiner Sachverhalt enthalten ist: dergestalt, daß  ein  Bildungsgesetz in all diesen Einzelfällen wirkt und so ein innerer Zusammenhang das ganze Gebiet dieser Namensgebung umfaßt. Und so oft vom Wesen der Philosophie gesprochen wird, ist dies die Annahme. Mit dem Namen Philosophie wird dann ein allgemeiner Gegenstand gemeint; hinter den Einzeltatsachen wird ein geistiger Zusammenhang vorausgesetzt, als einheitlicher und notwendiger Grund der empirischen Einzeltatsachen von Philosophie, als die Regel ihrer Veränderungen und als das Ordnungsprinzip, das ihre Mannigfaltigkeit gliedert.

Kann nun in diesem genauen Verstand von einem Wesen der Philosophie gesprochen werden? Es ist das keineswegs selbstverstänlich: Der Name Philosophie oder philosophisch hat so viele nach Zeit und Ort verschiedene Bedeutungen, und so verschiedenartig sind die geistigen Gebilde, die von ihren Urhebern mit diesem Namen bezeichnet worden sind, daß es scheinen könnte, die verschiedenen Zeiten hätten an immer andere geistige Gebilde das schöne von den Griechen geprägte Wort Philosophie geheftet. Denn die einen verstehen unter Philosophie die Grundlegung der Einzelwissenschaften; andere erweitern diesen Begriff der Philosophie, indem sie einer solchen Grundlegung die Aufgabe hinzufügen, aus ihr den Zusammenhang der Einzelwissenschaften eingeschränkt, dann wieder wird Philosophie definiert als die Geisteswissenschaft, die Wissenschaft der inneren Erfahrung; endlich versteht man unter ihr auch die Verständigung über die Lebensführung oder die Wissenschaft von den allgemeingültigen Werten. Wo ist das innere Band, das so verschiedenartige Fassungen des Begriffs der Philosophie, so mannigfache Gestalten derselben miteinander verknüpft - das einheitliche Wesen der Philosophie? Kann ein solches nicht gefunden werden, dann haben wir es nur mit verschiedenen Leistungen zu tun, die unter wechselnden geschichtlichen Bedingungen als Bedürfnis der Kultur hervortraten, und die nur äußerlich und durch die historischen Zufälle der Namensgebung eine gemeinsame Bezeichnung tragen - es gibt dann Philosophien, aber keine Philosophie. Dann hat auch die Geschichte der Philosophie keine innere notwendige Einheit. Sie empfängt dann unter der Hand der einzelnen Darsteller je nach dem Begriff, den diese sich von ihr im Zusammenhang ihrer eigenen Systeme bilden, immer wieder einen anderen Inhalt und einen anderen Umfang. Es mag der eine diese Geschichte darstellen als den Fortgang zu einer immer tiefer reichenden Begründung der Einzelwissenschaften, ein anderer als die fortschreitende Besinnung des Geistes über sich selbst, ein anderer als die zunehmende wissenschaftliche Verständigung über die Lebenserfahrung oder die Lebenswerte. Um nun zu entscheiden, inwiefern von einem Wesen der Philosophie zu sprechen ist, müssen wir uns von den Begriffsbestimmungen der einzelnen Philosophen zum geschichtlichen Tatbestand der Philosophie selbst weden: dieser gibt das Material für die Erkenntnis dessen, was Philosophie ist; das Ergebnis dieses induktiven Verfahrens kann dann tiefer in seiner Gesetzmäßigkeit verstanden werden.

Nach welcher Methode kann nun die Aufgabe gelöst werden, aus dem historischen Tatbestand das Wesen der Philosophie zu bestimmen? Es handelt sich hier um ein allgemeineres methodisches Problem der Geisteswissenschaften. Die Subjekte aller Aussagen in denselben sind die gesellschaftlich aufeinander bezogenen individuellen Lebenseinheiten. Das sind zunächst die Einzelpersonen. Ausdrucksbewegungen, Worte, Handlungen sind die Manifestationen derselben. Und die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist, diese nachzuerleben und denkend zu erfassen. Der seelische Zusammenhang, der sich in diesen Manifestationen ausdrückt, ermöglicht es, in denselben ein typisch Wiederkehrendes aufzuweisen und die einzelnen Lebensmomente in den Zusammenhang von Lebensphasen und zuletzt in den der Lebenseinheit zu bringen. Die Individuen existieren aber nicht isoliert, sondern sie sind aufeinander bezogen in Familien, zusammengesetzten Verbänden, Nationen, Zeitaltern, schließlich der Menschheit selbst. Die Zweckmäßigkeit in diesen singularen Organisationen ermöglicht die typischen Auffassungsweisen in den Geisteswissenschaften. Doch erschöpft kein Begriff den Gehalt dieser individuellen Einheiten, vielmehr kann die Mannigfaltigkeit des anschaulich in ihnen Gegebenen nur erlebt, verstanden und beschrieben werden. Und auch ihre Verwebung im geschichtlichen Verlauf ist ein Singulares und für das Denken unausschöpfbar. Nicht willkürlich jedoch sind die Forderungen, die Zusammenfassungen des Singularen. Es gibt keine unter ihnen, die nicht der Ausdruck der erlebten Struktureinheit des individuellen und Gemeinschaftslebens wäre. Es gibt keine Erzählung eines noch so einfachen Tatbestandes, welche ihn nicht zugleich verständlich zu machen suchte, indem sie ihn allgemeinen Vorstellungen oder Begriffen von psychischen Leistungen unterordnet; keine, welche nicht das vereinzelt in die Wahrnehmung Fallende aufgrund der verfügbaren allgemeinen Vorstellungen oder Begriffe zu einem Zusammenhang ergänzend verknüpfte, wie ihn das eigene Erleben darbietet; keine, welche nicht nach den erreichbaren Erfahrungen von Lebenswerten, Wirkungswerten, Zwecken die Einzelheiten, auswählend und verbindend, zu einem Bedeutsamen, Sinnvollen vereinigte. In der geisteswissenschaftlichen Methode liegt die beständige Wechselwirkung des Erlebnisses und des Begriffs. Im Nacherleben der individuellen und kollektiven Strukturzusammenhänge finden die geisteswissenschaftlichen Begriffe ihre Erfüllung, wie andererseits das unmittelbare Nacherleben selbst mittels der allgemeinen Formen des Denkens zu wissenschaftlicher Erkenntnis erhoben wird. Wenn diese beiden Funktionen des geisteswissenschaftlichen Bewußtseins zur Deckung gelangen, dann erfassen wir das Wesenhafte der menschlichen Entwicklung. Kein Begriff soll in diesem Bewußtsein sein, der sich nicht geformt hat an der ganzen Fülle des historischen Nacherlebens, kein Allgemeines soll in ihm sein, das nicht Wesensausdruck einer historischen Realität ist. Nationen, Zeitalter, geschichtliche Entwicklungsreihen - in diesen Formungen schaltet nicht freie Willkür, sondern, gebunden an die Notwendigkeit des Nacherlebens, suchen wir in ihnen das Wesenhafte der Menschen und der Völker zur Klarheit zu erheben. Man verkennt sonach vollständig das Interesse, das der denkende Mensch der geschichtlichen Welt entgegenbringt, wenn man die Begriffsbildung in ihrem Bereich nur als ein Hilfsmittel ansieht, das Singulare, wie es ist, abzubilden und darzustellen; über alle Abbildung und Stilisierung des Tatsächlichen und Singularen hinaus will das Denken zur Erkenntnis des Wesenhaften und Notwendigen gelangen: es will den Strukturzusammenhang des individuellen und des gesellschaftlichen Lebens verstehen: nur soviel Macht gewinnen wir über das gesellschaftliche Leben, als wir Regelmäßigkeit und Zusammenhang erfassen und benutzen. Die logische Form, in welcher solche Regelmäßigkeiten zum Ausdruck kommen, sind Sätze, deren Subjekte allgemein sind wie ihre Prädikate.

Unter die mannigfachen allgemeinen Subjektsbegriffe, die dieser Aufgabe in den Geisteswissenschaften dienen, gehören nun auch solche wie Philosophie, Kunst, Religion, Recht, Wirtschaft. Ihr Charakter ist dadurch bedingt, daß sie nicht nur einen Sachverhalt ausdrücken, der in einer Vielheit von Subjekten stattfindet, wonach ein Gleichförmiges, Allgemeines, das in diesen sich wiederholt, sondern zugleich einen inneren Zusammenhang, zu welchem die verschiedenen Personen durch diesen Sachverhalt miteinander verknüpft sind. So bezeichnet der Ausdruck Religion nicht nur einen allgemeinen Tatbestand, etwa eine lebendige Beziehung des seelischen Zusammenhangs auf unsichtbare Kräfte: er deutet zugleich einen gemeinsamen Zusammenhang an, in welchem zu religiösen Akten Individuen verbunden sind,  und  in welchem sie eine differenzierte Stellung zu den religiösen Leistungen haben. Sonach zeigen die Tatbestände in denjenigen Individuen, welchen Religion, Philosophie oder Kunst zugeschrieben wird, ein doppeltes Verhältnis: sie stehen als das Besondere unter einem Allgemeinen, als Fälle unter einer Regel, und sie sind zugleich als Teile untereinander nach dieser Regel verknüpft zu einem Ganzen. Der Grund hierfür wird sich uns später aus der Einsicht in die zweifache Richtung der psychologischen Begriffsbildung ergeben.

Die Funktion dieser Allgemeinbegriffe ist in den Geisteswissenschaften eine sehr bedeutsame. Denn in ihnen ist die Erfassung von Regelmäßigkeiten ganz wie in den Naturwissenschaften nur dadurch möglich, daß wir aus dem verwickelten Gewebe, als welches sich die menschlich-gesellschaftlich-geschichtliche Welt darstellt, einzelne Zusammenhänge auslösen, an denen dann Gleichförmigkeiten, innere Struktur und Entwicklung aufgezeigt werden können. Analysis der empirisch gegebenen komplexen Wirklichkeit ist der erste Schritt zu den großen Entdeckungen auch in des Geisteswissenschaften. Dieser Aufgabe kommen zunächst Allgemeinvorstellungen entgegen, in welchen solche Zusammenhänge, deren jedesmaliges Vorkommen durch gemeinsame Züge charakterisiert ist, bereits abgesondert und so, ausgelöst aus der komplexen Wirklichkeit, nebeneinandergestellt sind. In dem Maße, als die Abgrenzungen durch die Allgemeinvorstellungen richtig vollzogen sind, können die so entstehenden allgemeinen Subjekte von Aussagen Träger für einein in sich geschlossenen Kreis von fruchtbaren Wahrheiten sein. Und schon auf dieser Stufe bilden sich für das in solchen Allgemeinvorstellungen Ausgedrückte Namen wie Religion, Kunst, Philosophie, Wissenschaft, Wirtschaft, Recht.

Das wissenschaftliche Denken hat nun den in diesen Allgemeinvorstellungen bereits enthaltenen Schematismus zu seiner Grundlage. Es muß aber seine Richtigkeit erst der Prüfung unterwerfen. Denn es ist gefährlich für die Geisteswissenschaften, diese Allgemeinvorstellungen hinzunehmen, da das Auffinden von Gleichförmigkeiten und Gliederung davon abhängig ist, ob auch wirklich ein einheitlicher Sachverhalt in ihnen zum Ausdruck kommt. Demnach ist das Ziel der Begriffsbildung auf diesem Gebiet, das Wesen der Sache zu finden, das schon in der Allgemeinvorstellung und Namensgebung bestimmend war, und von ihm aus die unbestimmte, ja vielleicht fehlerhafte Allgemeinvorstellung zu berichtigen und zu eindeutiger Bestimmtheit zu erheben. Das ist also die Aufgabe, die uns auch in Bezug auf den Begriff und das Wesen der Philosophie gestellt ist.

Wir wird nun aber das Verfahren näher zu bestimmen sein, durch von Allgemeinvorstellung und Namensgebung auf sichere Weise fortgegangen werden kann zum Begriff der Sache? Die Begriffsbildung scheint einem Zirkel zu verfallen. Der Begriff der Philosophie kann ganz so wie der der Kunst oder der Religiosität oder des Rechts nur gefunden werden, indem aus den Tatbeständen, welche sie bilden, die Beziehungen der Merkmale abgeleitet werden, welche den Begriff konstituieren. Hierbei wird schon eine Entscheidung darüber vorausgesetzt, welche psychischen Tatbestände als Philosophie zu bezeichnen sind. Diese Entscheidung konnte aber vom Denken nur vollzogen werden, wenn es bereits im Besitz von Merkmalen war, die ausreichen, um an den Tatbeständen den Charakter der Philosophie festzustellen. So scheint man schon wissen zu müssen, was Philosophie sei, wenn man mit der Bildung dieses Begriffs aus Tatsachen anfängt.

Die methodische Frage wäre freilich sofort gelöst, wenn diese Begriffe aus allgemeineren Wahrheiten abgeleitet werden könnten: dann würden die Schlüsse aus den einzelnen Tatbeständen nur als Ergänzung zu dienen haben. Und dies ist die Meinung vieler Philosophen gewesen, vor allem in der deutschen spekulativen Schule. Solange aber diese sich nicht über eine allgemeingültige Ableitung verständigen können, oder für eine Intuition die allgemeine Anerkennung gewinnen, wird es bei Schlüssen bleiben müssen, welche von den Tatbeständen aus nach empirischer Methode den einheitlichen Sachverhalt aufzufinden suchen - die genetische Gesetzlichkeit, die sich in den Phänomenen der Philosophie äußert. Dieses Verfahren muß die Voraussetzung machen, daß hinter der Namensbezeichnung, die es vorfindet, ein einheitlicher Sachverhalt steckt, so daß das Denken, wenn es von dem mit dem Namen Philosophie oder philosophisch bezeichneten Umkreis der Erscheinungen ausgeht, nicht fruchtlos verläuft. Und die Gültigkeit dieser Voraussetzung muß durch die Untersuchung selbst erprobt werden. Sie gewinnt aus den mit dem Namen Philosophie oder philosophisch bezeichneten Tatbeständen einen Wesensbegriff, und der Wesensbegriff muß dann die Erklärung für die Verteilung des Namens auf die Tatbestände ermöglichen. Nun sind in der Sphäre solcher Begriffe wie Philosophie, Religion, Kunst, Wissenschaft überall zwei Ausgangspunkte gegeben: die Verwandtschaft der einzelnen Tatbestände und der Zusammenhang, zu welchem dieselben verbunden sind. Und wie dann die besondere Natur eines jeden unter diesen allgemeinen Subjektsbegriffen für die Differenzierung der Methode fruchtbar wird, bietet sich in unserem Fall weiter der eigene Vorteil, daß die Philosophie sich früh selber zum Bewußtsein ihres Tuns erhoben hat. So ist eine große Mannigfaltigkeit von Versuchen einer Begriffsbestimmung, wie unser Verfahren sie anstrebt, vorhanden; sie sind der Ausdruck davon, was die einzelnen Philosophen, durch eine gegebene Kulturlage bestimmt und von ihrem eigenen System geleitet, als Philosophie angesehen haben; daher sind diese Definitionen Abbreviaturen [Abkürzungen - wp] dessen, was für eine historische Form der Philosophie charakteristisch ist: sie eröffnen den Einblick in die innere Dialektik, in welcher die Philosophie die Möglichkeiten ihrer Stellung im Zusammenhang der Kultur durchlaufen hat. Jede dieser Möglichkeiten muß für die Begriffsbestimmung der Philosophie fruchtbar gemacht werden können.

Der Zirkel, der im Verfahren der Begriffsbestimmung der Philosophie gelegen ist, ist unvermeidlich. Es besteht tatsächlich eine große Unsicherheit in Bezug auf die Grenzen, innerhalb deren Systemen der Name Philosophie, Arbeiten die Bezeichnung philosophisch beigelegt wird. Diese Unsicherheit kann nur überwunden werden, wenn man zunächst sichere, wenn auch unzureichende Bestimmungen der Philosophie feststellt und von diesen aus durch neue Verfahrensweisen zu weiteren Feststellungen gelangt, welche allmählich den Gehalt des Begriffs der Philosophie ausschöpfen. Die Methode kan also nur sein, durch einzelne Verfahrensweisen, deren jede für sich eine allgemeingültige und vollständige Auflösung der Aufgabe noch nicht gewährleistet, doch schrittweise die Wesenszüge der Philosophie genauer abzugrenzen und den Umfang der unter sie fallenden Tatbestände fester zu umschreiben und schließlich aus der Lebendigkeit der Philosophie abzuleiten, warum Grenzgebiete übrigbleiben, die eine reinliche Umfangsbestimmung nicht gestatten. Es muß zuerst versucht werden, an denjenigen Systemen, an denen die Bildung der Allgemeinvorstellung Philosophie sich für jeden vollzieht, einen gemeinsamen Sachverhalt festzustellen. Es kann dann die andere Seite, die der Begriff darbietet, die Zugehörigkeit der Systeme zu einem Zusammenhang benutzt werden, das Resultat zu erproben und durch eine tiefer reichende Einsicht zu ergänzen. Damit ist dann die Grundlage gegeben, die Stellung der so gewonnenen Wesenszüge der Philosophie zu einem Strukturzusammenhang des Individuums und der Gesellschaft zu untersuchen, Philosophie als eine lebendige Funktion im Individuum und der Gesellschaft zu erfassen und so die Züge zu einem Wesensbegriff zu verbinden, von welchem aus das Verhältnis der einzelnen System zur Funktion der Philosophie verstanden, die systematischen Begrife von der Philosophie an ihren Ort eingestellt und die fließende Grenze ihres Umfangs deutlicher gemacht werden kann. Das ist der Weg, den wir zu durchlaufen haben.


A. Historisches Verfahren zur Bestimmung
des Wesens der Philosophie


I. Erste Bestimmungen über den allgemeinen Sachverhalt

Es gibt philosophische Systeme, die sich vor allen anderen dem Bewußtsein der Menschheit eingeprägt haben und an denen man sich ständig über das orientiert hat, was Philosophie sei. DEMOKRIT, PLATON, ARISTOTELES, DESCARTES, SPINOZA, LEIBNIZ, LOCKE, HUME, KANT, FICHTE, HEGEL, COMTE haben Systeme dieser Art geschaffen. Dieselben tragen gemeinsame Züge, und an diesen gewinnt das Denken einen Maßstab dafür, inwiefern auch andere Systeme dem Gebiet der Philosophie eingeordnet werden können. Zunächst können Züge formaler Natur an ihnen festgestellt werden. Gleichviel welchen Gegenstand die einzelnen System haben oder welche Methode sie befolgen: im Unterschied von den Einzelwissenschaften sind sie auf den ganzen Umfang des empirischen Bewußtseins als Leben, Erfahren, Erfahrungswissenschaften fundiert und suchen so ihre Aufgabe zu lösen. Sie tragen den Charakter der Universalität. Dem entspricht das Streben, das Vereinzelte zu verbinden, Zusammenhang zu stiften und ihn ohne Rücksicht auf die Grenzen der Einzelwissenschaften auszudehnen. Der andere formale Zug der Philosophie liegt in der Forderung allgemeingültigen Wissens. Hiermit ist das Streben verbunden, in der Begründung zurückzugehen, bis der letzte Punkt für die Fundierung der Philosophie erreicht ist. Dem, der sich vergleichend in die klassischen Systeme der Philosophie vertieft, entsteht aber, zunächst in unbestimmten Umrissen, auch eine Anschauung der inhaltlichen Zusammengehörigkeit der Systeme. Die Selbstzeugnisse der Philosophen über ihr Schaffen, die wohl verdienten, gesammelt zu werden, zeigen zunächst die Jugend aller Denker vom Kampf mit dem Rätsel des Lebens und der Welt erfüllt, und ihr Verhältnis zum Weltproblem kommt in jedem der Systeme auf eigene Art zur Geltung, und die formalen Eigenschaften der Philosophen offenbaren in ihnen einen geheimen Bezug zu einer innersten Richtung auf die Festigung und Gestaltung der Persönlichkeit, auf das Durchsetzen der Souveränität des Geistes, auf jene intellektuelle Beschaffenheit, die alles Tun zum Bewußtsein erheben will und nichts im Dunkel bloßen Verhaltens zurücklassen, das um sich selber nicht weiß.


II. Geschichtliche Ableitung der Wesenszüge der Philosophie
aus dem Zusammenhang der Systeme

Nun tut sich ein Verfahren auf, welches in den inneren Zusammenhang dieser Züge tiefer blicken läßt, die Differenzen der Begriffsbestimmungen der Philosophie erklärt, jeder dieser Formeln ihre historische Stelle anweist und den Umfang des Begriffes genauer bestimmt.

Im Begriff der Philosophie liegt nicht nur ein allgemeinen Sachverhalt, sondern auch ein Zusammenhang derselben - ein historische Zusammenhang. Die Philosophen sind zunächst direkt dem Welt- und Lebensrätsel zugewand, die Begriffe, die sie von der Philosophie bilden, entspringen hieraus, jede Stellung, die der philosophische Geist dann im weiteren Verlauf einnimmt, bezieht sich auf diese Grundfrage zurück, jede lebendige philosophische Arbeit entsteht in dieser Kontinuität, und die Vergangenheit der Philosophie wirkt in jedem einzelnen Denker, so daß er, auch wo er an der Lösung des großen Rätsels verzweifelt, durch diese Vergangenheit zu seiner neuen Position bestimmt ist. So bilden alle Stellungen des philosophischen Bewußtseins, alle Begriffsbestimmungen der Philosophie, in denen diese Stellungen zum Ausdruck gelangen, einen historischen Zusammenhang.

1. Entstehung des Namens in Griechenland, und was dort mit diesem Namen bezeichnet wurde. Der beziehungsreiche tiefsinnige Zusammenhang von Religiosität, Kunst und Philosophie, in welchem die Orientalen lebten, ging bei den Griechen zu den differenzierten Leistungen dieser drei Formen des geistigen Schaffens auseinander. Ihr heller, selbstbewußter Geist löste die Philosophie von der Gebundenheit der Religiosität und von der seherischen Symbolik mit Philosophie oder Religiosität verwandter Dichtungen. Ihre plastische Anschauungskraft wirkte zur gesonderten Ausbildung der Gattungen geistiger Schöpfungen. So entstand bei den Griechen zugleich die Philosophie, ihr Begriff und der Ausdruck  philosophia.  Als  sophos  wird von HERODOT jeder bezeichnet, der in sich höherer geistiger Tätigkeit hervortat. Der Name  sophiste  wird von ihm dem SOKRATES, PYTHAGORAS und anderen älteren Philosophen beigelegt, und von XENOPHON wird er für die Naturphilosophen gebraucht. Das zusammengesetzte Wort  philosophein  bedeutet zunächst im Sprachgebrauch der Zeiten von HERODOT und THUKYDIDES überhaupt die Liebe zur Weisheit und das Suchen nach ihr: als die neue griechische Geisteshaltung. Denn in dieses Wort legt der Grieche das Suchen nach der Wahrheit um der Wahrheit selbst willen - nach einem von jeder praktischen Anwendung unabhängigen Wert. So sagt bei HERODOT KRÖSUS zu SOLON in jener typischen Darstellung des Gegensatzes orientalischen Machtwillens zum neuen griechischen Ethos: er habe vernommen, daß SOLON  philosopheon  viele Länder  theories eineken  - eine Erläuterung des "philosophierend" - durchwandert habe. Denselben Ausdruck gebraucht THUKYDIDES in der perikleischen Grabrede, um einen Grundzug des damaligen athenischen Geistes auszusprechen. Zum technischen Ausdruck für einen bestimmten Kreis geistiger Beschäftigung ist dann wohl das Wort "Philosophie" erst in der sokratischen Schule erhoben worden. Denn die Überlieferung, die dies dem PYTHAGORAS zuschreibt, dürfte Sokratisch-Platonisches zurückübertragen. Und zwar hat nun der Begriff der Philosophie in der sokratisch-platonischen Schule eine bemerkenswerte Zweiseitigkeit.

Philosophie ist nach SOKRATES nicht Weisheit, sondern die Liebe zu ihr und das Suchen derselben; denn die Weisheit selber haben die Götter sich vorbehalten. Das kritische Bewußtsein, das in SOKRATES und tiefer in PLATON das Wissen begründet, setzt demselben zugleich Grenzen. PLATON ist der erste, der nach älteren Andeutungen, besonders des HERAKLEITOS, das Wesen des Philosophierens zum Bewußtsein erhoben hat. Indem er von den Erfahrungen seines eigenen philosophischen Genies ausgeht, schildert er den philosophischen Trieb und seine Entfaltung zum philosophischen Wissen. Alles große Leben entspring aus der Begeisterung, die in der höheren Natur des Menschen gegründet ist. Wie wir in der Sinnenwelt befangen sind, äußert sich diese höhere Natur in einer unendlichen Sehnsucht. Der philosophische Eros geht von der Liebe zu schönen Gestalten durch verschiedene Stufen bis zum Wissen von den Ideen. Unser Wissen bleibt aber auch auf dieser höchsten Stufe nur eine Hypothese, und zwar hat diese die unveränderlichen Wesenheiten zum Gegenstand, die in der Wirklichkeit realisiert sind, nie jedoch erreicht sie den ursächlichen Zusammenhang, der sich vom höchsten Gut hin zu den einzelnen Dingen erstreckt, in denen wir das Ewige anschauen. In dieser großen Sehnsucht, welcher unser Wissen nie genugtut, lag der Ausgangspunkt für ein inneres Verhältnis der Philosophie zur Religosität, die in der Fülle des Göttlichen lebt.

Das andere Moment, das die Philosophie nach ihrem sokratisch-platonischen Begriff enthält, bezeichnet ihre positive Leistung. Die Erfassung desselben war von noch allgemeinerer Wirkung. Philosophie bedeutet die Richtung auf das Wissen - Wissen in seiner strengsten Form als Wissenschaft. Allgemeingültigkeit, Bestimmtheit, Rückgang auf die Rechtsgründe aller Annahmen wurden hier zuerst als Anforderung an jedes Wissen herausgehoben. Galt es doch, dem ruhelosen träumerischen Spiel der metaphysischen Hypothesen wie dem Skeptizismus der Aufklärung ein Ende zu machen. Und zwar erstreckte sich sowohl bei SOKRATES als in den ersten Dialogen PLATONs die philosophische Besinnung auf den ganzen Umfang des Wissens, in bewußtem Gegensatz zu dessen Einschränkung auf die Erkenntnis von Wirklichkeit. Sie umfaßte ebenso die Bestimmung der Werte, der Regeln, und Zwecke. Ein erstaunlicher Tiefsinn liegt in dieser Auffassung; Philosophie ist die Besonnenheit, welche alles menschliche Tun zum Bewußtsein, und zwar zu allgemeingültigem Wissen erhebt. Sie ist die Selbstbestimmung des Geistes in der Form des begrifflichen Denkens. Das Tun des Kriegers, des Staatsmannes, des Dichters oder des Religiösen kann sich nur vollenden, wenn das Wissen von diesem Tun die Praxis leitet. Und da alles Tun der Zweckbestimmung bedarf, der letzte Zweck aber in der Eudämonie [Gelingen der Lebensführung - wp] liegt, so ist das Wissen um die Eudämonie, um die in ihr begründeten Zwecke und die von diesen geforderten Mittel das Stärkste in uns, und keine Kraft dunkler Instinkte und Leidenschaften kann sich durchsetzen, wenn das Wissen zeigt, daß die Eudämonie durch diese dunklen Gewalten gehindert wird. So kann nur die Herrschaft des Wissens das Individuum zur Freiheit und die Gesellschaft zu der ihr eigenen Eudämonie erheben. Auf dem Grund dieses sokratischen Begriffs der Philosophie unternahmen die sokratischen Dialoge PLATONs eine Auflösung der Lebensprobleme. Und eben weil doch das Leben mit seinem Drang nach der Eudämonie, mit der Eigenmacht der Tugenden, in denen diese sich verwirklicht, nicht zu allgemeingültigem Wissen erhoben werden konnte, mußten diese Dialoge negativ enden: der Widerstreit in der sokratischen Schule war unlösbar: tiefsinnig und richtig erfaßt die platonische Apologie in der Person des SOKRATES beides: wie er die Aufgabe der Allgemeingültigkeit des Wissens ergreift und wie das Nichtwissen doch sein Ergebnis ist. Dieser Begriff der Philosophie, nach welchem sie Sein, Werte, Güter, Zwecke, Tugenden zum Wissen zu erheben strebt und so zu ihren Gegenständen das Wahre, Schöne und das Gute hat, ist der erste Ergebnis der Besinnung der Philosophie über sich selbst: eine unermeßliche Wirkung ging von ihr aus, und der Kern des wahren Wesensbegriffs der Philosophie war in ihr enthalten.

Der sokratisch-platonische Begriff der Philosophie wirkt nach in der Einteilung derselben bei ARISTOTELES. Philosophie zerfällt nach ihm in die theoretische, poietische und praktische Wissenschaft; sie ist theoretisch, wenn ihr Prinzip und Ziel das Erkennen ist, poietisch, wenn ihr Prinzip im künstlerischen Vermögen gelegen ist und ihr Ziel in einem hervorzubringenden Werk, und sie ist praktisch, wo ihr Prinzip der Wille ist und ihr Ziel die Handlung als solche. Und zwar umfaßt die poietische nicht nur die Theorie der Kunst, sondern jegliches Wissen technischer Art, das seinen Zweck nicht in der Energie der Person, sondern in der Herstellung eines äußeren Werkes hat.

Aber ARISTOTELES hat seine Philosophie nicht wirklich nach dieser in PLATON gegründeten Einteilung gegliedert. Ein veränderter Begriff derselben gelangte mit ihm zur Geltung. Philosophie ist ihm nicht mehr höchste Steigerung der Persönlichkeit und der menschlichen Gesellschaft durch das Wissen: sie sucht das Wissen um seiner selbst willen: das philosophische Verhalten ist ihm charakterisiert durch die theoretische Bewußtseinsstellung. Wie die veränderliche, doch vernunftgemäße Wirklichkeit gegründet ist im wandellosen und seligen Denken der Gottheit, das keinen Zweck und kein Objekt außer sich selbst hat: so hat dann schließlich die höchste unter diesen veränderlichen Wirklichkeiten, die menschliche Vernunft ihre oberste Funktion in einem rein theoretischen Verhalten als dem vollkommensten und glücklichsten für den Menschen: dieses aber ist ihm nun Philosophie; denn sie begründet und umfaßt alle Wissenschaften. Sie schafft eine Theorie des Wissens als Grundlage jeglicher Art von wissenschaftlicher Arbeit, ihr Mittelpunkt ist dann eine universale Wissenschaft des Seins: erste Philosophie, für die sich in der Schule der Ausdruck Metaphysik bildete; auf die in dieser ersten Philosophie durchgebildete teleologische Weltauffassung gründet sich schließlich der Zusammenhang der Wissenschaften, welcher von der Erkenntnis der Natur durch die Lehre vom Menschen zur Bestimmung des letzten Zwecks für die Individuen und die Gesellschaft reicht. Und nun ermöglicht das neue aristotelische Prinzip des ursächlich wirkenden Zwecks, auch das Veränderliche der empirisch gegebenen Wirklichkeit dem Denken zu unterwerfen. So entsteht der neue Begriff der Philosophie: als die Einheit der Wissenschaften bildet sie den objektiven Wirklichkeitszusammenhang in Begriffen ab, der von der Erkenntnis Gottes bis zur Erkenntnis der Zwecksetzung im Menschen reicht.

Der griechischen Unterordnung der Einzelwissenschaften utner die Philosophie entsprach die Organisation der Philosophenschulen. Diese Schulen waren nicht nur Mittelpunkte der Diskussion über die Prinzipien, sondern auch Arbeitsstätten positiver Forschung. In wenigen Generationen gelangte eine ganze Anzahl von Naturwissenschaften wie von Geisteswissenschaften in diesen Schulen zu ihrer Konstituierung. Es ist Grund anzunehmen, daß schon vor PLATON irgendeine Ordnung und Stetigkeit in Schulung und gemeinsamer Arbeit nicht nur die Pythagoreer, sondern auch die Schüler anderer älterer Denker mit diesen und untereinander verbunden hat. Im hellen Licht der beglaubtigen Geschichte treten uns dann die Akademie und die peripatetische [aristotelische - wp] Schule entgegen, als rechtlich geordnete Verbände, in denen die Einheit des philosophischen Grundgedankens die einzelnen Wissenschaften zusammenhielt und die Leidenschaft der reinen Wahrheitserkenntnis jeder positiven Arbeit Leben und Beziehung auf das Ganze mitteilte: ein unerreichbares Vorbild schöpferischer Macht einer solchen Organisation. PLATONs Schule war eine Zeitlang Mittelpunkt der mathematischen und astronomischen Forschung; die gewaltigste wissenschaftliche Arbeit aber, die je in einer so beschränkten Zeit und an  einer  Stelle getan worden ist, vollbrachte die Genossenschaft um ARISTOTELES her. Die Grundgedanken der teleologischen Struktur und der Entwicklung, die Methode der Beschreibung, Zergliederung und Vergleichung führten in dieser Schule zur Konstituierung der beschreibenden und zergliedernden Naturwissenschaften wie der Politik und der Kunstlehre.

In dieser Organisation der Philosophenschulen hat der griechische Begriff der Philosophie als der Gesamtwissenschaft seinen höchsten Ausdruck gefunden. Es geschah dies, indem sich  die  Seite im Wesen der Philosophie geltend machte, nach welcher eine gemeinsame Aufgabe des Philosophierenden zu gemeinsamer Leistung verbindet. Denn überall, wo derselbe Zweckinhalt in einer Anzahl von Personen wiederkehrt, setzt er die Individuen in einen Zusammenhang untereinander. Hierzu tritt in der Philosophie die verbindende Kraft, welche in ihrer Richtung auf Allgemeinheit und Allgemeingültigkeit gelegen ist.

Die einheitliche Leitung der wissenschaftliche Arbeit, wie sie in der Schule des ARISTOTELES ihre höchste Entwicklung gefunden hat, zerfiel wie das Reich ALEXANDERs. Die Einzelwissenschaften reiften nun zur Selbständigkeit heran. Das Band, das sie zusammengehalten hatte, zerriß. Die Nachfolger ALEXANDERs begründeten außerhalb der philosophischen Schulen Anstalten, welche dem Einzelbetrieb der Wissenschaften dienten. Hier lag ein erstes Moment, das der Philosophie eine veränderte Stelle gab. Die Einzelwissenschaften besetzten allmählich das ganze Reich des Wirklichen in einem Verlauf, der in der neueren Zeit dann wieder einsetzte und auch heute noch nicht zum Abschluß gelangt ist. Wenn die Philosophie irgendeinen Kreis der Forschung der Reife entgegengeführt hatte, löste dieser sich aus ihrem Verband. So ist es ihr zuerst mit den Naturwissenschaften gegangen; in der neueren Zeit schritt dann dieser Prozeß der Differenzierung fort: allgemeine Rechtswissenschaft wurde seit HUGO de GROOT und vergleichende Staatslehre seit MONTESQUIEU selbständig; heute macht sich unter den Psychologen das Streben nach Emanzipation ihrer Wissenschaft geltend, und wie allgemeine Religionswissenschaft, Kunstwissenschaft, Pädagogik, Sozialwissenschaft im Studium der historischen Tatbestände und in der Psychologie fundiert sind, muß auch ihre Stellung zur Philosophie fraglich werden. Diese immerfort zunehmende Verschiebung in den Machtverhältnissen innerhalb des Bezirks des Wissens stellte gleichsam von außen der Philosophie die Aufgabe neuer Abgrenzungen ihres Gebietes. In ihrer inneren Entwicklung aber lagen Momente, die noch weit stärker hierauf wirkten.

Denn eben im Zusammenwirken jenes äußeren Faktors mit den von innen wirkenden Kräften entstand nun die Veränderung in der Stellung der Philosophie, welche sich vom Auftreten der Skeptiker, Epikureer und Stoiker bis auf die Schriftstellerei des CICERO, LUCRETIUS, SENECA, EPIKTET und MARC AUREL entwickelte. Innerhalb der neuen Machtverhältnisse auf dem Gebiet des Wissens machte sich das Mißlingen der metaphysischen Welterkenntnis, die Ausbreitung des skeptischen Geistes und eine in den alternden Nationen entstandene Wendung in die Innerlichkeit geltend: es entwickelte sich die Lebensphilosophie. In ihr tritt uns eine neue Stellung des philosophischen Geistes entgegen, die für alle Zukunft von der größten Bedeutung sein sollte. Noch wurde das Problem der großen Systeme in seinem ganzen Umfang festgehalten. Doch die Forderung seiner allgemeingültigen Lösung wurde immer läßlicher gehandhabt. Die Gewichtsverteilung zwischen den einzelnen Aufgaben wurde eine andere; dem Problem von Wert und Zweck des Lebens ordnete sich nun das vom Weltzusammenhang unter; im römisch-stoischen System, dem wirksamsten, das die Welt gesehen hat, trat die personbildende Macht der Philosophie in den Vordergrund. Die Struktur der Philosohie, die Anordnung und das Verhältnis ihrer Teile wurde eine andere. Dieser Veränderung in der Stellung der Philosophie entsprach nun auch das Auftreten neuer Begriffsbestimmungen für dieselbe. Die Philosophie ist in dieser von CICERO vertretenen Wendung  Lehrerin des Lebens, Erfinderin der Gesetze, Anleiterin zu jeder Tugend,  und SENECA definiert sie als die Theorie und Kunst der richtigen Lebensführung. Es ist damit gegeben, daß sie eine Lebensverfassung ist, nicht bloße Theorie, und so gebraucht man gern den Ausdruck Weisheit für sie. Aber geht man von diesem neuen Begriff der Philosophie auf die Stellung derselben zurück, die er ausdrückt: so hat sie sich doch in völliger Kontinuität aus den großen metaphysischen Systemen entwickelt, ihr Problem tritt nur unter neue Bedingungen.

Lange Jahrhunderte hindurch hat dann die Philosophie, wie dieser Zug in die unergründlichen Tiefen des Wesens der Dinge die alternde Welt zur Religion führte, in der Unterordnung unter die Religion ihr wahres Wesen verloren; die Stellung, die sie nun zur Aufgabe einer allgemeingültigen universalen Erkenntnis einnahm, die Begriffe von ihr, die so entstanden, gehören nicht in die Linie der reinen Entwicklung ihres Wesens: in der Theorie von den Zwischengliedern zwischen Philosophie und Religion wird davon zu reden sein.

2. Die Formen der Philosophie in der modernen Zeit, wie sie in den Begriffen von ihr zum Ausdruck gelangt sind. Als nun nach den Vorbereitungen der Renaissance, in denen eine sich verweltlichende Kunst, Literatur und mit ihr verwandt eine freie Lebensphilosophie die Kultur beherrschten, die Wissenschaften der Natur sich definitiv konstituierten und die der Gesellschaft zum erstenmal in einem natürlichen System den Charakter eines von  einer  Idee getragenen Zusammenhangs annahmen, also die Erfahrhungswissenschaften die Erkenntnis des Universums nach ihren Methoden zu verwirklichen unternahmen: da entstand im 17. Jahrhundert ein neues Verhältnis der Kräfte der geistigen Kultur. Der Mut zu strengem allgemeingültigen Wissen und der Umgestaltung der Welt durch dasselbe durchdrang die leitenden Völker: in ihm waren die Einzelwissenschaften und die Philosophie verbündet: sie traten so in den schärfsten Gegensatz zur Religiosität und ließen Kunst, Literatur, Lebensphilosophie hinter sich; daher wurde die Richtung auf objektive Welterkenntnis mit dem Charakter der Allgemeingültigkeit, wie sie in den großen Systemen des Altertums geherrscht hatte, unter den neuen Bedingungen noch zielbewußter und methodischer durchgeführt. So ändert sich auch der Charakter und der Begriff der Metaphysik. Sie war aus den naiven Stellung zur Welt durch den Zweifel hindurch zur bewußten Erfassung des Verhältnisses des Denkens zur Welt vorwärts gegangen; nun sondert sie sich von den Einzelwissenschaften durch das Bewußtsein über ihre besondere Methode. Sie findet auch jetzt den ihr eigenen Gegenstand im Sein, das uns in keiner Einzelwissenschaft als solcher gegeben ist; aber in der methodischen Forderung strenger Allgemeingültigkeit und in einer fortschreitenden Selbstbesinnung über das metaphysische Verfahren liegt ein unterscheidendes Moment ihrer neuen Entwicklung. Jene Forderung verbindet sie mit den mathematischen Naturwissenschaften, und der methodische Charakter der Universalität und der letzten Begründung sondert sie von ihnen. Das diesem neuen methodischen Bewußtsein entsprechende Verfahren gilt es demnach festzustellen.

a) Der neue Begriff der Metaphysik. DESCARTES unternahm sofort nach der Begründung der Mechanik, seine neue konstruktive Methode für die Bestimmung des Wesens der Philosophie zu benutzen. Das erste Merkmal dieser Methode nach ihrem Gegensatz zu den Einzelwissenschaften lag in der allgemeinsten Fassung des Problems und dem Rückgang von den ersten Annahmen derselben zu einem obersten Prinzip. Hier brachte sie Grundzüge, die im Wesen der Philosophie gelegen sind, nur zu einem vollendeteren Ausdruck als irgendein früheres System. In der Methode der Durchführung lag aber nun ihre geniale Eigentümlichkeit. Die mathematischen Naturwissenschaften enthalten Voraussetzungen in sich, die jenseits der Einzelgebiete der Mathematik, Mechanik, Astronomie gelegen sind. Stellt man diese in evidenten Begriffen und Sätzen dar und erfaßt man den Rechtsgrund ihrer objektiven Geltung, so kann auf sie ein konstruktive Verfahren gebaut werden; damit erhält die mechanische Betrachtung erst ihre Sicherheit und die Möglichkeit einer weiteren Ausdehnung. DESCARTES machte dies GALILEI gegenüber geltend, und hierin erblickte er die Überlegenheit des Philosophen gegen den Physiker. Desselben konstruktiven Verfahrens bedienten sich dann HOBBES und SPINOZA. Eben in seiner Anwendung auf die Wirklichkeit - deren gegebene Eigenschaften er natürlich überall dabei voraussetzt - ergibt sich SPINOZAs neues pantheistisches System der Identität von Geist und Natur: es ist eine Interpretation der in der Erfahrung gegebenen Wirklichkeit aufgrund der einfachen evidenten Wahrheiten; in dieser Metaphysik der Identität ist dann die Lehre von einem ursächlichen Nexus [Zusammenhang - wp] der seelischen Zustände gegründet, der durch die Sklaverei der Leidenschaften zur Freiheit führt. LEIBNIZ endlich ist in der Durchführung dieser neuen philosophischen Methode weitergekommen als irgendein anderer. Bis zu seinem Tod ist er mit der herkulischen Arbeit beschäftigt gewesen, seine neue allgemeine Logik als Grundlage eines konstruktiven Verfahrens auszubilden. Die Abgrenzung der Philosophie durch das Merkmal der Methode hat sich seit dem 17. Jahrhundert in den metaphysischen Systemen erhalten.

Die konstruktive Methode dieser Denker erlag dann der Erkenntniskritik von LOCKE, HUME, und KANT, wenn auch in LEIBNIZ gerade für eine Theorie des Wissens Grundlagen bestehen bleiben, die erst in der neuesten Zeit ihr volles Verständnis finden. Der Schluß aus der Evidenz der einfachen Begriffe und Sätze auf ihre objektive Geltung erwies sich als unhaltbar. Die Kategorien der Substanz, der Kausalität und des Zwecks wurden auf die Bedingungen des auffassenden Bewußtseins zurückgeführt. Wenn die Sicherheit der Mathematik diese konstruktive philosophische Methode konstruiert hatte, so zeigte KANT in der Anschauung die unterscheidende Grundlage der mathematischen Evidenz auf. Und auch das konstruktive Verfahren in den Geisteswissenschaften, wie es sich im Recht und in der natürlichen Theologie darstellt, erwies sich als unfähig, der Fülle der geschichtlichen Welt im Denken und im politischen Handeln genugzutun. Es galt demnach, wenn man nicht zur Verwerfung jeder der Metaphysik eigenen Methode kommen wollte, ihr Verfahren neu zu gestalten. Und eben KANT, der die konstruktive Methode der Philosophie gestürzt hat, hat die Mittel einer solchen Umgestaltung entdeckt. Er hat das Unterscheidende seiner kritischen Lebensarbeit - und da ihm in dieser das Hauptgeschäft der Philosophie lag, das Unterscheidende der Philosophie selber - in der Methode gesehen, die er als die transzendentale bezeichnet hat. Das Gebäude, das er mit ihren Mitteln zu errichten gedachte, sollte die so gefundenen Wahrheiten zu seiner Grundlage haben, und in diesem Verstand hat er den Namen der Metaphysik beibehalten. Auch erfaßte er bereits das neue inhaltliche Prinzip, auf welches SCHELLING, SCHLEIERMACHER, HEGEL, SCHOPENHAUER, FECHNER, LOTZE die Metaphysik begründeten.

Die äußere Welt ist nach der großen Einsicht der neuen, auf Erkenntnistheorie fundierten Philosophie von LOCKE, HUME und KANT nur als Phänomen für uns da; Realität ist (nach den englischen Denkern unmittelbar, nach KANT freilich aufgefaßt unter den Bedingungen des Bewußtseins) in den Tatsachen des Bewußtseins gegeben: diese Realität aber - das ist das entscheidend Neue im Standpunkt KANTs - ist seelischer Zusammenhang, und auf ihn geht jeder Zusammenhang der äußeren Wirklichkeit zurück. Die einfachen Begriffe und Sätze, welche die konstruktive Philosophie zugrunde gelegt hatte, sind sonach nur vom Verstand isolierte und abstrakt formulierte Elemente dieses Zusammenhangs. Von dieser Konzeption KANTs ging die neue deutsche Metaphysik aus; daher blickten die deutschen Metaphysiker von SCHELLING bis SCHOPENHAUER mit Haß und Verachtung auf Reflexion und Verstand, die mit diesen abstrakten Elementen eines Lebendigen, den Substanzen, den kausalen Relationen, den Zwecken ihr Wesen treiben. Mit ihrer neuen Methode, die von einem seelischen Zusammenhang ausging, konnten sie endlich den Geisteswissenschaften gerecht werden, welche durch die Anwendung jener Reflexionsbegriff seicht und trivial geworden waren. Und eben diese Annahme eines geistigen Zusammenhangs führte den Begriff der Evolution, die von der Erfahrung am Universum festgestellt worden war, über in die fruchtbare Anschauung der Entwicklung. Es war der letzte und vollkommenste Versucht, eine eigene philosophische Methode zu entwickeln. Ein Versuch von gigantischer Größe. Aber auch er mußte mißlingen. Es ist wahr: im Bewußtsein liegt die Möglichkeit, den Zusammenhang der Welt zu erfassen. Und wenigstens den formalen Operationen, durch welche es das tut, kommt der Charakter der Notwendigkeit zu. Aber auch diese metaphysische Methode findet nicht die Brücke, die von der Notwendigkeit als einer Tatsache unseres Bewußtseins hinüberführt zur objektiven Geltung, und umsonst sucht sie einen Weg, der von einem Zusammenhang des Bewußtseins zu der Einsicht führt, daß uns in diesem das innere Band der Wirklichkeit selbst gegeben sei.

So wurden nun in Deutschland die Möglichkeiten der metaphysischen Methode erprobt - eine nach der andern, und stets mit demselben negativen Erfolg. Unter ihnen haben während des 19. Jahrhunderts zwei um die Herrschaft gerungen. SCHELLING, SCHLEIERMACHER, HEGEL, SCHOPENHAUER gingen von einem Zusammenhang des Bewußtseins aus und jeder von ihnen entdeckte von hieraus sein Prinzip des Universums. Auf der Grundlage von HERBART gingen LOTZE und FECHNER von einem Bewußtsein als Inbegriff der Erfahrung Gegebenen aus und unternahmen den Nachweis, daß eine widerspruchslose begriffliche Erkenntnis dieses Gegebenen nur durch die Zurückführung der gegebenen Sinnenwelt auf geistige Tatsachen und Zusammenhänge möglich sei. Jene gingen von KANT und FICHTE aus, welche die Philosophie zur allgemeingültigen Wissenschaft hatten erheben wollen. Diese griffen zunächst auf LEIBNIZ zurück, für den die Welterklärung nur eine wohlbegründete Hypothese gewesen war. Die Denkgewaltigsten innerhalb der ersten Richtung, SCHELLING und HEGEL, nahmen ihren Ausgangspunkt in FICHTEs Satz, daß der im empirischen Ich sich manifestierende allgemeingültige Zusammenhang des Bewußtseins den des Universums hervorbringt; schon dieser Satz war eine falsche Interpretaion des Bewußtseinstatbestandes: indem sie nun aber den von ihnen angenommenen Zusammenhang im Bewußtsein, da er die Bedingung der im Bewußtsein erscheinenden Welt ist, in den des Universums selbst, das reine Ich in den Weltgrund umwandeln zu dürfen glaubten, überschritten sie alles Erfahrbare. In ruheloser Dialektik, von FICHTEs und SCHELLINGs intellektueller Anschauung bis zu HEGELs dialektischer Methode, haben sie umsonst ein Verfahren gesucht, welches die Identität des logischen Zusammenhangs mit der Natur der Dinge, des Zusammenhangs im Bewußtsein mit dem im Universum erwiese. Und ganz vernichtend wirkte der Widerspruch zwischen dem objektiven Weltzusammenhang, den sie so fanden, und der Ordnung der Erscheinungen nach Gesetzen, wie die Erfahrungswissenschaften sie festgestellt haben. Die andere Richtung aber, deren Führer auf dem Boden von HERBART, LOTZE und FECHNER waren und die das Gegebene durch die Hypothese eines geistigen Zusammenhangs zu widerspruchsloser begrifflicher Erkenntnis bringen wollte, verfiel einer nicht minder zerstörenden inneren Dialektik. Der Weg von der Mannigfaltigkeit des in der Erfahrung Gegebenen zu den Müttern aller Dinge, hindurch durch Begriffe, die durch keine Anschauung belegt werden können, führte sie in eine Nacht, in der Reale oder Monaden, Zeitliches oder Unzeitliches, ein allgemeines Bewußtsein so gut als ein Unbewußtes von ausdeutendem Tiefsinn gefunden werden mochten. Sie häuften Hypothesen, die im Unzulänglichen, Unerfahrbaren keinen festen Grund, aber auch keinen Widerstand fanden. Ein Hypothesenkomplex war hier ebenso möglich als der andere. Wie hätte diese Metaphysik die Aufgabe erfüllen können in den großen Krisen des Jahrhunderts dem Leben des Einzelnen und der Gesellschaft Sicherheit und Festigkeit zu geben!

Und so ist auch dieser letzte und großartigste Versuch des menschlichen Geistes mißlungen, im Unterschied vom Verfahren der Erfahrungswissenschaften eine philosophische Methode zu finden, auf welche eine Metaphysik gegründet werden könnte. Es ist nicht möglich, die in der Erfahrung gegebene Welt, deren Erkenntnis die Arbeit der Einzelwissenschaften ist, durch eine von ihrem Verfahren unterschiedene metaphysische Methode zu einem tieferen Verständnis zu bringen.

b) Die neuen unmetaphysischen Wesensbestimmungen der Philosophie. Die innere Dialektik der Aufgabe, einen Wesensbegriff der Philosophie zu gewinnen, in dem sich ihre selbständige Bedeutung den Einzelwissenschaften gegenüber behaupte, treibt zu anderen Möglichkeiten. Kann nicht eine Methode aufgefunden werden, welche der Metaphysik neben den Erfahrungswissenschaften ihr Existenzrecht sichert, so muß die Philosophie auf neuen Wegen dem Bedürfnis des Geistes nach Universalität, nach Begründung, nach Erfassen der Realität genugtun. Der Standpunkt des Skeptizismus muß auch in der neuen Lage der Forschung überwunden werden. Vorwärtstastend sucht die Philosophie eine Stellung des Bewußtseins zum Gegebenen, welche der durch die neu gegründeten Erfahrungswissenschaften geschaffenen Situation genug täte. Und wenn eine Methode nicht gefunden werden kann, die der Philosophie einen ihr eigenen Gegenstand schafft, ein Sein, wie Substanz, Gott, Seele, aus dem die Ergebnisse der Einzelwissenschaften ableitbar wären, so entsteht nun zunächst die Möglichkeit, ausgehend von einer gegenständlichen Erkenntnis der Einzelwissenschaften selbst, nach deren Begründung in der Theorie der Erkenntnis zu suchen.

Denn  ein  Gebiet ist unbestreitbar der Philosophie eigen. Wenn die Einzelwissenschaften das Reich der gegebenen Wirklichkeit unter sich aufgeteilt haben und jede einen Ausschnitt aus ihr behandelt, so entsteht eben hiermit ein neues Reich: diese Wissenschaften selber. Der Blick wendet sich vom Wirklichen zum Wissen von ihm und findet hier ein Gebiet, das jenseits der Einzelwissenschaften liegt. Seitdem dasselbe in den Horizont des menschlichen Nachdenkens trat, ist es stets als die Domäne der Philosophie anerkannt worden: - Theorie der Theorien, Logik, Erkenntnistheorie. Erfaßt man dieses Gebiet in seinem vollen Umfang, so eignet der Philosophie die ganze Lehre von der Begründung des Wissens auf dem Gebiet der Wirklichkeitserkenntnis, der Wertbestimmung, der Zwecksetzung wie der Regelgebung. Und ist nun so der ganze Inbegriff des Wissens ihr Gegenstand, so fallen unter ihn die Beziehungen der einzelnen Wissenschaften zueinander, ihre innere Ordnung, nach welcher jede neue die früheren voraussetzt und sich über sie mit den ihrem eigenen Gebiet angehörenden Tatsachen aufbaut. Unter diesem erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt wächst auch in den Einzelwissenschaften selbst der Geist der Begründung und des Zusammenhangs. Ihm dient der gesellige Betrieb der Einzelwissenschaften in den Universitäten und den Akademien, und die Philosophie hat in diesen Körperschaften ihre Aufgabe und Bedeutung darin, diesen Geist wach zu halten. Der klassische Repräsentant dieses erkenntnistheoretischen Standpunktes innerhalb der Erfahrungswissenschaften selbst ist HELMHOLTZ. Er hat das Existenzrecht der Philosophie neben den einzelnen Wissenschaften darauf gegründet, daß sie im Wissen ihren besonderen Gegenstand habe. Immer werde der Philosophie das notwendige Geschäft verbleiben, "die Quellen unseres Wissens und den Grad seiner Berechtigung zu untersuchen". "Die Philosophie hat ihre große Bedeutung im Kreis der Wissenschaften als Lehre von den Wissensquellen und den Tätigkeiten des Wissens, in dem Sinne, wie KANT und, soweit ich ihn verstanden habe, der ältere FICHTE sie genommen haben."

Indem die wesentliche Leistung der Philosophie in die Erkenntnistheorie verlegt wurde, erhielt sich doch ihre Beziehung zu ihrem Grundproblem. Eben an der Kritik der Intention einer objektiven Erkenntnis von Weltzusammenhang und Weltgrund, höchstem Wert und letztem Zweck hatte sich die Erkenntnistheorie verwickelt. Aus der vergeblichen metaphysischen Arbeit entsprang die Untersuchung über die Grenzen des menschlichen Wissens. Und die Erkenntnistheorie erfaßte im Laufe ihrer Entwicklung allmählich die universalste Stellung des Bewußtseins zu dem ihm Gegebenen, die daher auch unser Verhältnis zum Welt- und Lebensrätsel am vollkommensten ausdrückt. Es ist diejenige, die PLATON schon eingenommen hatte. Philosophie ist die Besinnung des Geistes über alle seine Verhaltensweisen, bis in deren letzte Voraussetzungen. Dieselbe Stellung wie PLATON hat KANT der Philosophie gegeben. Die Weite seines Blicks zeigt sich darin, daß seine Kritik und Begründung des Wissens sich gleichmäßig auf die Wirklichkeitserkenntnis wie auf die Beurteilung ästhetischer Werte und die Prüfung des teleologischen Prinzips der Weltbetrachtung und auf die allgemeingültige Begründung der sittlichen Regeln erstreckt. Und wie jeder philosophische Standpunkt von der Erfassung der Wirklichkeit fortzuschreiten strebt zur Feststellung der Regeln des Handelns, so hat auch dieser erkenntnistheoretische in seinen größten Vertretern stets die Richtung auf die praktische, reformatorische Wirkung der Philosophie und ihre personbildende Kraft entwickelt. Schon KANT erklärt, der Begriff von Philosophie, nach welchem sie die logische Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zweck hat, ist nur ein Schulbegriff; "es gibt aber noch einen Weltbegriff der Philosophie, nach welchem sie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft ist". Es gilt nun, um mit KANT zu reden, den Zusammenhang zwischen dem Schulbegriff der Philosophie und ihrem Weltbegriff aufzufinden, und die heutige neukantische Schule ist dieser Forderung in ausgezeichneten Arbeiten gerecht geworden.

Eine andere unmetaphysische philosophische Geisteshaltung entstand im Kreis der Einzelforscher selbst. Sie begnügt sich mit der Beschreibung der phänomenalen Welt in Begriffen und mit der Bewährung der gesetzlichen Ordnung derselben, wie sie in der Erprobung durch das Experiment und durch das Eintreten der nach der Theorie vorausberechneten Wirkung geboten wird. Geht die Erkenntnistheor von der Positivität der Ergebnisse der Einzelwissenschaften aus, vermag sie ihnen keine neuen gegenständlichen Erkenntnisse hinzuzufügen und innerhalb des Zusammenhangs ihrer Begründungen keine neuen Begründungen aufzufinden, so bleibt die Möglichkeit, sich an den positiven Charakter ihrer Ergebnisse ein für allemal zu halten, den festen Punkt, den das neue Philosophieren sucht, in ihrer praktisch bewährten Selbstgenügsamkeit zur Erfassung des Gegebenen zu finden und jede Reflexion über ihre Allgemeingültigkeit als unfruchtbar abzulehnen. Und verfolgt man die langen Schlußketten der Erkenntnistheoretiker, die Schwierigkten der Begriffsbildung auf ihrem Gebiet, den Streit der erkenntnistheoretischen Parteien, so sind das gewichtige Momente, sich für diese neue philosophische Haltung zu entscheiden. So verlegt die Philosophie ihren Mittelpunkt in das Bewußtsein vom logischen Zusammenhang der Wissenschaften. In dieser neuen Stellung scheint die Philosophie die gegenständliche Auffassung der Welt, losgelöst von metaphysischen und erkenntnistheoretischen Untersuchungen, endlich zu erreichen. Wenn die Erfahrungswissenschaften die einzelnen Teile oder Seiten der Wirklichkeit erforschen, so bleibt der Philosophie die Aufgabe, die innere Beziehung der Einzelwissenschaften aufeinander zu erkennen, nach welcher sie zusammen das Ganze der Wirklichkeit zur Erkenntnis bringen.

Sie ist dann Enzyklopädie der Wissenschaften in einem höheren philosophischen Verstand. In der späteren Zeit des Altertums, seit der Verselbständigung der Einzelwissenschaften sind Enzyklopädien entstanden; der Schulbetrieb forderte sie, auch bestand das Bedürfnis eines Inventars der großen Arbeiten der alten Welt, und - was uns hier wichtig ist - seitdem dann die nordischen Völker hereinbrachen und nach dem Ende des weströmischen Reiches sich die germanischen und romanischen Staaten auf dem Boden der antiken Kultur mit deren Hilfsmitteln einzurichten begannen, haben von MARTIANUS CAPELLA ab solche enzyklopädischen Arbeiten, wenn auch noch kümmerlich, den antiken Gedanken von der Abbildung der Welt in den Wissenschaften aufrechterhalten. In den drei großen Werken des VINCENZ von BEAUVAIS war ein solcher Begreif der Enzyklopädie am vollkommensten vertreten. Aus den durch das Mittelalter hindurch fortgehenden Inventarisierungen des Wissens ist nun die moderne philosophische Enzyklopädie hervorgegangen. Ihr grundlegendes Werk stammt von Kanzler BACON: von ihm ab hat die Enzyklopädie bewußt das Prinzip der inneren Beziehungen der Wissenschaften gesucht. HOBBES entdeckte es zuerst in der natürlichen Ordnung der Wissenschaften, wie sie durch das Verhältnis bestimmt ist, nach welchem eine die Voraussetzung der andern ist. Im Zusammenhang mit der französischen Enzyklopädie haben dann d'ALEMBERT und TURGOT diesen Begriff der Philosophie als universaler Wissenschaft durchgeführt. Und auf dieser Grundlage hat schließlich COMTE die philosophie positive als das System der inneren Beziehungen der Wissenschaften nach ihrer systematischen und historischen Abhängigkeit voneinander samt ihrem Abschluß in der Soziologie zur Darstellung gebracht. Auf diesem Standpunkt vollzog sich eine methodische Analyse der Einzelwissenschaften. Die Struktur einer jeden derselben wurde untersucht, es wurden die in dieser enthaltenen Voraussetzungen festgestellt, und in diesen ist nun das Prinzip der Beziehungen der Wissenschaften zueinander gewonnen worden; es konnte zugleich gezeigt werden, wie in diesem Fortgang von Wissenschaft zu Wissenschaft neue Methoden entstehen: schließlich wurde so als das eigentliche Werk der Philosophie die Soziologie gefordert und methodisch bestimmt. Und damit vollendete sich die mit der Aussonderung der positiven Wissenschaften in ihnen gesetzte Tendenz, ihren Zusammenhang aus ihnen selber, ohne die Hinzuziehung einer allgemeinen erkenntnistheoretischen Grundlegung, sonach als positive Philosophie, herzustellen. Es war ein bedeutsamer Versuch, Philosophie als den immanenten Zusammenhang der gegenständlichen Erkenntnis zu konstituieren. Wie diese positivistische Auffassung der Philosophie von dem in den mathematischen Naturwissenschaften entwickelten strengen Begriff des allgemeingültigen Wissens ausgeht: so liegt ihre weitere Bedeutung für die philosophische Arbeit darin, daß sie die so entspringenden Anforderungen geltend macht und die Wissenschaften reinigt von jedem unbeweisbaren Zusatz, der aus den metaphysischen Konzeptionen hervorgegangen ist. Schon durch diesen inneren Gegensatz zur Metaphysik ist die neue philosophische Stellung von der Metaphysik historisch bedingt. Es ist weiter aber die Richtung auf ein universales, allgemeingültiges Weltbegreifen, durch welche auch dieser Zweig der Philosophie mit ihrem Stamm zusammenhängt.

Diese zweite unmetaphysische Stellung des philosophischen Geistes reicht nun aber weit über das Gebiet des Positivismus hinaus. Indem sich in diesem durch die Überordnung der Naturerkenntnis über die geistigen Tatsachen eine Weltanschauung einmischt, wird er zu einer einzelnen Doktrin innerhalb dieser neuen Stellung des philosophischen Geistes. Wir finden dieselbe Stellung auch ohne diesen Zusatz weit verbreitet, und zwar wird sie von vielen hervorragenden Forschern auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften eingenommen. Besonders wirksam tritt sie in der Staats- und Rechtswissenschaft hervor. Die Auffassung der Imperative, welche an die einem Staat Zugehörigen in der Gesetzgebung gerichtet sind, kann sich einschränken auf die Interpretation des Willens, der in ihnen zum Ausdruck kommt, und auf die logische Analyse und historische Erklärung, ohne auf allgemeine Prinzipien, wie etwa die Idee der Gerechtigkeit, zur Begründung des positiven Rechts und zur Prüfung seiner Richtigkeit zurückzugehen. In einem solchen Verhalten liegt eine dem Positivismus verwandte philosophische Stellung.

Diese zweite antimetaphysische Stellung der Philosophie findet als positivistische Auffassung der Wirklichkeit, zumal im heutigen Frankreich, darin die Grenze ihrer macht, so groß diese auch dort heute ist, daß die in ihr enthaltene phänomenale Auffassungsweise nicht vermag, der Realität des historischen Bewußtseins und der kollektiven Lebenswerte gerecht zu werden, und ebenso ist diese philosophische Stellung als positive Interpretation der Rechtsordnungen außerstand, Ideale zu begründen, die ein auf eine Umgestaltung der Gesellschaft gerichtetes Zeitalter leiten könnten.

Suchte die erkenntnistheoretische Richtung das Unterscheidende der Philosopihe in ihrer methodischen Stellung und fand in ihr die methodische Selbstbesinnung, das Streben der Philosophie nach letzten Voraussetzungen ihre Fortentwicklung, suchte andererseits das positive Denken das Charakteristische der Philosophie in ihrer Funktion innerhalb eines Systems der Wissenschaften und setzte das Streben der Philosophie nach Universalität sich in ihm fort: so blieb noch die Möglichkeit übrig, der Philosophie ihren besonderen Gegenstand so zu suchen, daß darin ihr Streben nach Erfassung der Realität Befriedigung fände. Die Versuche, auf metaphysischem Weg in die Realität einzudringen, waren mißlungen, die Realität des Bewußtseins als Tatsache trat umso stärker in ihrer Bedeutung hervor. In der inneren Erfahrung ist uns diese Realität des Bewußtseins gegeben, und mit ihr die Möglichkeit, die Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse des menschlichen Geistes, wie sie in den Geisteswissenschaften zur Erfassung gelangt sind, aus ihrem Ursprung tiefer zu erkennen. Die innere Erfahrung ist der Ausgangspunkt für die Logik, die Erkenntnistheorie und jede Lehre von der Erzeugung einer einheitlichen Weltansicht, und auf ihr beruhen Psychologie, Ästhetik, Ethik und verwandte Disziplinen. Das ganze so umschriebene Gebiet ist immer als philosophisch bezeichnet worden. Auf diesen Sachverhalt gründet sich diejenige Ansicht vom Wesen der Philosophie, welche sie als Wissenschaft der inneren Erfahrung oder als Geisteswissenschaft begreift.

Dieser Standpunkt hat sich seit der Zeit entwickelt, in welcher die Psychologie im 18. Jahrhundert durch die Ausbildung der Assoziationslehre eine empirische Grundlage erhielt und sich vor ihr ein weites Reich fruchtbarer Anwendungen in Erkenntnislehre, Ästhetik und Ethik auftat. DAVID HUME in seinem Hauptwerk über die menschliche Natur sieht in einem auf die Erfahrung gegründeten Studium des Menschen die wahre Philosophie. Indem er die Metaphysik verwirft, die Erkenntnistheorie ausschließlich auf die neue Psychologie begründet und in dieser zugleich die erklärenden Prinzipien für die Geisteswissenschaften aufzeigt, entsteht ein in der inneren Erfahrung gegründeter Zusammenhang der Geisteswissenschaften. Nachdem die Naturwissenschaften geschaffen sind, liegt in diesem Zusammenhang, dessen Mittelpunkt die Lehre vom Menschen ist, die andere und größere Aufgabe für den menschlichen Geist. An ihm haben dann ADAM SMITH, BENTHAM, JAMES MILL, JOHN STUART MILL, BAIN fortgearbeitet. JOHN STUART MILL will ganz wie HUME unter Philosophie "die wissenschaftliche Kenntnis vom Menschen als einem intellektuellen, moralischen und sozialen Wesen" verstanden wissen. In Deutschland hat BENEKE denselben Standpunkt vertreten. Er übernahm ihn von der englischen und schottischen Schule, und nur in dessen Durchführung steht er unter dem Einfluß von HERBART. In diesem Sinne erklärt er schon in seiner "Grundlegung zur Physik der Sitten": "Dringt meine Ansicht durch, so wird die ganze Philosophie zur Naturwissenschaft der menschlichen Seele." Ihn leitete die große Wahrheit, daß die innere Erfahrung uns eine volle Wirklichkeit im Seelenleben aufschließt, während die in den Sinnen gegebene Außenwelt uns nur als Phänomen gegeben ist. Und er zeigte dann in seiner "pragmatischen Psychologie", wie "alles was uns in der Logik, der Moral, der Ästhetik, der Religionsphilosophie, ja selbstin der Metaphysik für unsere Erkenntnis als Gegenstand vorliegt", nur dann klar und tief erfaßt werden kann, "wenn wir es nach den Grundgesetzen der menschlichen Seelenentwicklung auffassen, wie sie in der (theoretischen) Psychologie in ihrem allgemeinsten Zusammenhang dargelegt werden": Unter den späteren Denkern hat THEODOR LIPPS in seinen "Grundtatsachen des Seelenlebens" ausdrücklich Philosophie als Geisteswissenschaft oder Wissenschaft von der inneren Erfahrung definiert.

Das große Verdienst dieser Denker für die Ausbildung der Geisteswissenschaften unterliegt keinem Zweifel. Erst seitdem die grundlegende Stellung der Psychologie auf diesem Gebiet erkannt und unsere psychologischen Erkenntnisse auf die einzelnen Geisteswissenschaften angewandt worden sind, begannen sich diese den Anforderungen an allgemeingültiges Wissen anzunähern. Aber der neue philosophische Standpunkt der Philosophie als Wissenschaft von der inneren Erfahrung konnte die Frage nach der Allgemeingültigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht beantworten und in seiner Eingeschränktheit vermochte er auch der Aufgabe, die der Positivismus sich mit Recht gestellt hat, nicht gerecht zu werden. So ist denn auch THEODOR LIPPS zu einer neuen Fassung seines Standpunktes fortgegangen.

Es macht sich nun in dieser Auffassung der Philosophie ein höchst bedeutsames Verhältnis dieser dritten unmetaphysischen Stellung des philosophischen Denkens zu den metaphysischen Problemen der Philosophie geltend, das auch Namensgebnung und geschichtlicher Verlauf bestätigen. Naturwissenschaften heben aus dem Erlebnis nur Teilinhalte heraus, welche zur Bestimmung der Veränderungen in der von uns unabhängigen physischen Welt dienen können. So hat es Naturerkenntnis nur mit Erscheinungen für das Bewußtsein zu tun. Der Gegenstand der Geisteswissenschaften dagegen ist die in der inneren Erfahrung gegebene Realität der Erlebnisse selber. Hier also besitzen wir eine Realität, erlebt - eben freilich nur erlebt -, welche zu erfassen die nie endende Sehnsucht der Philosophie ist. Man sieht, wie auch diese Abgrenzung einer Begriffsbestimmung der Philosophie den Zusammenhang ihres Wesens mit ihrem ursprünglichen Grundproblem aufrechterhält.
LITERATUR: Wilhelm Dilthey, Das Wesen der Philosophie in Paul Hinneberg [Hg], Systematische Philosophie, Berlin und Leipzig 1921