cr-2 DiltheySchleiermacherJ. Wach    
 
WILHELM DILTHEY
Die Entstehung der Hermeneutik

"Aus der stoischen Schule brachte Krates von Mallos in die pergamenische Philologie das Prinzip der allegorischen Interpretation. Die langdauernde Macht dieses Auslegungsverfahrens war zunächst darin gegründet, daß es den Widerspruch zwischen religiösen Urkunden und einer geläuterten Weltansicht ausgleicht. Hierdurch ist es den Auslegern der Veden, des Homer, der Bibel und Koran gleichermaßen notwendig gewesen: eine ebenso unentbehrliche als nichtsnutzige Kunst. Doch lag diesem Verfahren zugleich eine tiefe Ansicht von dichterischer und religiöser Produktivität zugrunde."

Ich habe in einer früheren Abhandlung die Darstellung der Individuation in der Menschenwelt besprochen, wie sie von der Kunst insbesondere der Poesie geschaffen wird. (1) Nun tritt uns die Frage nach der  wissenschaftlichen  Erkenntnis der Einzelpersonen, ja der großen Formen singulären menschlichen Daseins überhaupt entgegen. Ist eine solche Erkenntnis möglich und welche Mittel haben, sie zu erreichen?

Eine Frage von der größten Bedeutung. Unser Handeln setzt das Verstehen anderer Personen überall voraus; ein großer Teil menschlichen Glücks entspringt aus dem Nachfühlen fremder Seelenzustände; die ganze philologische und geschichtliche Wissenschaft ist auf die Voraussetzung gegründet, daß das Nachverständnis des Singulären zur Objektivität erhoben werden könne. Das hierauf gebaute historische Bewußtsein ermöglicht dem modernen Menschen, die ganze Vergangenheit der Menschheit in sich gegenwärtig zu haben: über alle Schranken der eigenen Zeit blickt er hinaus in die vergangenen Kulturen; deren Kraft nimmt er in sich auf und genießt ihren Zauber nach: ein großer Zuwachs von Glück enstpringt ihm hieraus. Und wenn die systematischen Geisteswissenschaften aus dieser objektiven Auffassung des Singulären allgemeine gesetzliche Verhältnisse und umfassende Zusammenhänge ableiten, so bleiben doch die Vorgänge von Verständnis und Auslegung auch für sie die Grundlage. Daher sind diese Wissenschaften so gut wie die Geschichte in ihrer Sicherheit davon abhängig, ob das Verständnis des Singulären zur  Allgemeingültigkeit  erhoben werden kann. So tritt uns an der Pforte der Geisteswissenschaften ein Problem entgegen, das ihnen im Unterschied von allem Naturerkennen eigen ist.

Wohl haben die Geisteswissenschaften vor allem das Naturerkennen voraus, daß ihr Gegenstand nicht in den Sinnen gegebene Erscheinung, bloßer Reflex eines Wirklichen in einem Bewußtsein, sondern unmittelbare innere Wirklichkeit selber ist und zwar diese als ein von innen erlebter Zusammenhang. Doch schon aus der Art, wie in der  inneren Erfahrung  diese Wirklichkeit gegeben ist, entspringen für deren objektive Auffassung große Schwierigkeiten. Sie sollen hier nicht erörtert werden. Ferner kann die innere Erfahrung, in welcher ich meiner eigenen Zustände inne werde, mir doch für sich nie meine eigene Individualität zu Bewußtsein bringen. Erst in der Vergleichung meiner selbst mit Anderen mache ich die Erfahrung des Individuellen in mir: nun wird mir erst das von anderen Abweichende in meinem eigenen Dasein bewußt und GOETHE har nur allzu recht, daß uns diese wichtigste unter allen unseren Erfahrungen sehr schwer wird und unsere Einsicht über Maß, Natur und Grenzen unserer Kräfte immer nur sehr unvollkommen bleibt. Fremdes Dasein aber ist uns zunächst nur in Sinnestatsachen, in Gebärden, Lauten und Handlungen von außen gegeben. Erst durch einen Vorgang der Nachbildung dessen, was so in einzelnen Zeichen in die Sinne fällt, ergänzen wir das Innere. Alles: Stoff, Struktur, individuellste Züge dieser Ergänzung müssen wir aus der eigenen Lebendigkeit übertragen. Wie kann nun ein individuell gestaltetes Bewußtsein durch eine solche Nachbildung eine fremde und ganz anders geartete Individualität zu objektiver Erkenntnis bringen? Was ist das für ein Vorgang, der scheinbar so fremdartig zwischen die anderen Prozesse der Erkenntnis tritt?

Wir nennen den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen:  Verstehen.  Das ist der Sprachgebrauch; und eine feste psychologische Terminologie, deren wir so sehr bedürfen, kann nur zustande kommen, wenn jeder schon fest geprägte, klar und brauchbar umgrenzte Ausdruck von allen Schriftstellern gleichmäßig festgehalten wird. Verstehen der Natur - interpretatio naturae - ist ein bildlicher Ausdruck. Aber auch das Auffassen eigener Zustände bezeichnen wir nur im uneigentlichen Sinn als Verstehen. Wohl sage ich: ich verstehe nicht, wie ich so handeln konnte, ja ich verstehe mich selbst nicht mehr. Damit will ich aber sagen, daß eine Äußerung meines Wesens, die in die Sinnenwelt getreten ist, mir wie die eines Fremden gegenübertritt, und daß ich sie als eine solche nicht zu interpretieren vermag, oder im anderen Fall, aß ich in einen Zustand geraten bin, den ich anstarre wie einen fremden. Sonach nennen wir Verstehen den Vorgang, in welchem wir aus sinnlich gegebenen Zeichen ein Psychisches, dessen Äußerung sie sind, erkennen.

Dieses Verstehen reicht vom Auffassen kindlichen Lallens bis zu dem des HAMLET oder der Vernunftkritik. Aus Steinen, Marmor, musikalisch geformten Tönen, aus Gebärden, Worten und Schrift, aus Handlungen, wirtschaftlichen Ordnungen und Verfassngen spricht derselbe menschliche Geist zu uns und bedarf der Auslegung. Und zwar muß der Vorgang des Verstehens überall, sofern er durch die gemeinsamen Bedingungen und Mittel dieser Erkenntnisart bestimmt ist, gemeinsame Merkmale haben. Er ist in diesen Grundzügen derselbe. Will ich etwa LEONARDO verstehen, so wirkt hierbei die Interpretation von Handlungen, Gemälden, Bildern und Schriftwerken zusammen, und zwar in einem homogenen einheitlichen Vorgang.

Das Verstehen zeigt verschiedene Grade. Diese sind zunächst vom Interesse bedingt. Ist das Interesse eingeschränkt, so ist es auch das Verständnis. Wie ungeduldig hören wir mancher Auseinandersetzung zu; wir stellen nur einen uns praktisch wichtigen Punkt aus ihr fest, ohne am Innenleben des Redenden ein Interesse zu haben. Wogegen wir in anderen Fällen durch jede Miene, jedes Wort angestrengt in das Innere eines Redenden zu dringen streben. Aber auch angestrengteste Aufmerksamkeit kann nur dann zu einem kunstmäßigen Vorgang werden, in welchem ein kontrollierbarer Grad von Objektivität erreicht wird, wenn die Lebensäußerungen fixiert ist und wir so immer wieder zu ihr zurückkehren können. So ein  kunstmäßiges Verstehen von dauernd fixierten Lebensäußerungen nennen wir Auslegung oder Interpretation.  In diesem Sinne gibt es auch eine Auslegekunst, deren Gegenstände Skulpturen oder Gemälde sind und schon FRIEDRICH AUGUST WOLF hatte eine archäologische Hermeneutik und Kritik gefordet, WELCKER ist für sie eingetreten, und PRELLER suchte sie durchzuführen. Doch hebt all auf die Erklärung aus der Literatur angewiesen ist.

Darin liegt nun die unermeßliche Bedeutung der Literatur für unser Verständnis des geistigen Lebens und der Geschichte, daß in der Sprache allein das menschliche Innere seinen vollständigen, erschöpfenden und objektiv verständlichen Ausdruck findet. Daher hat die Kunst des Verstehens ihren Mittelpunkt in der Auslegung oder  Interpretation der in der Schrift enthaltenen Reste menschlichen Daseins. 

Die Auslegung und die mit ihr untrennbar verbundene kritische Behandlung dieser Reste war demnach der Ausgangspunkt der  Philologie.  Diese ist nach ihrem Kern die  persönliche Kunst und Virtuosität in solcher Behandlung des schriftlich Erhaltenen,  und nur im Zusammenhang mit dieser Kunst und ihren Ergebnissen kann jede andere Interpretation von Denkmalen oder geschichtlich überlieferten Handlungen gedeihen. Über die Beweggründe der handelnden Personen in der Geschichte können wir uns irren, die handelnden Personen selber können ein täuschendes Licht über sie verbreiten. Aber das Werk eines großen Dichters oder Entdeckers, eines religiösen Genius oder eines echten Philosophen kann immer nur der wahre Ausdruck seines Seelenlebens sein; in dieser von Lüge erfüllten menschlichen Gesellschaft ist ein solches Werk immer wahr und es ist im Unterschied von jeder anderen Äußerung in fixierten Zeichen für sich einer vollständigen und objektiven Interpretation fähig, ja es wirft sein Licht erst auf die anderen künstlerischen Denkmale einer Zeit und auf die geschichtlichen Handlungen der Zeitgenossen.

Diese Kunst der Interpretation hat sich nun ganz so allmählich, gesetzmäßig und langsam entwickelt, als etwa die der Befragung der Natur im Experiment. Sie entstand und erhält sich in der persönlichen genialen Virtuosität des Philologen. So wird sie auch naturgemäß vorwiegend in persönlicher Berührung mit dem großen Virtuosen der Auslegung oder seinem Werk auf andere übertragen. Zugleich aber verfährt jede Kunst nach  Regeln.  Diese lehren Schwierigkeiten überwinden. Sie überliefern den Ertrag persönlicher Kunst. Daher bildete sich früh aus der Kunst der Auslegung die  Darstellung  ihrer  Regeln.  Und aus dem Widerstreit dieser Regeln, aus dem Kampf verschiedener Richtungen über die Auslegung lebenswichtiger Werke und dem so bedingten Bedürfnis, die Regeln zu begründen, entstand die hermeneutische Wissenschaft. Sie ist die  Kunstlehre  der  Auslegung  von  Schriftdenkmalen. 

Indem diese die Möglichkeit allgemein gültiger Auslegung aus der Analyse des Verstehens bestimmt, dringt sie schließlich zur Auflösung des  ganz allgemeinen Problems  vor, mit dem diese Erörterung anhob; neben die Analyse der inneren Erfahrung tritt die des Verstehens und beide zusammen geben für die Geisteswissenschaften den Nachweis von  Möglichkeit  und  Grenzen  allgemein gültiger Erkenntnis in ihnen, sofern diese durch die Art bedingt sind, in welcher uns psychische Tatsachen ursprünglich gegeben sind.

Ich möchte nun diesen gesetzmäßigen Gang an der Geschichte der Hermeneutik nachweisen. Wie aus dem Bedürfnis tiefen und allgemeingültigen Verstehens philologische Virtuosität entstand, hieraus Regelgebung, Ordnung der Regeln unter ein Ziel, welches durch die Lage der Wissenschaft in einer gegebenen Zeit näher bestimmt wurde, bis dann schließlich in der Analyse des Verstehens der sichere Ausgangspunkt für die Regelgebung gefunden wurde.


I.

Kunstmäßige Auslegung (hermeneuia) der Dichter entwickelte sich in Griechenland aus dem Bedürfnis des Unterrichts. Geistreiches Spiel mit Deutung und Kritik des HOMER und anderer Dichter war im griechischen Aufklärungszeitalter überall beliebt, wo man griechisch sprach. Eine festere Grundlage entstand, als bei den Sophisten und in den Rhetorenschulen diese Auslegung mit der Rhetorik in Berührung trat. Denn in dieser steckte, angewandt auf die Beredtsamkeit, die allgemeinere Lehre von der schriftstellerischen Komposition. ARISTOTELES, der große Klassifikator und Zergliederer der organischen Welt, der Staaten und der literarischen Erzeugnisse, lehrte in seiner Rhetorik das Ganze eines literarischen Produktes in seine Teile zerlegen, Stilformen unterscheiden, die Wirkung des Rhythmus, der Periode, der Metapher erkennen. Einfacher noch liegen in der Rhetorik an Alexander die Begriffsbestimmungen über die Wirkungselemente der Rede nebeneinander. Beispiel: Enthymen, Sentenz, Ironie, Metapher, Antithese. Und die aristotelische Poetik machte ganz ausdrücklich die aus der Wesens- oder Zweckbestimmung der Poesie und ihrer Arten ableitbare innere und äußere Form derselben und deren Wirkungselemente zu ihrem Gegenstand.

Einen zweiten wichtigen Schritt tat die Kunst der Interpretation und ihre Regelgebung in der alexandrinischen Philologie. Die literarische Hinterlassenschaft Griechenlands wurde in Biblitheken zusammengebracht, Textrezensionen wurden hergestellt und durch ein kunstvolles System von kritischen Zeichen wurde das Ergebnis der kritischen Arbeit an ihr vermerkt. Unechte Schriften wurden ausgeschieden, Realkataloge des ganzen Bestandes hergestellt. Die Philologie als auf intimes Sprachverständnis gegründete Kunst von Textrezension, höherer Kritik, Auslegung und Wertbestimmung war nun da: eine der letzten und eigensten Schöpfungen des griechischen Geistes; war doch in diesem von HOMER ab ein mächtigster Antrieb die Freude an menschlicher Rede. Auch begannen die großen alexandrinischen Philologen schon der Regeln sich bewußt zu werden, welche in ihrer genialen Technik enthalten waren. ARISTARCH verfuhr bereits mit Bewußtsein nach dem Prinzip, den homerishen Sprachgebrauch streng und umfassend festzustellen und hierauf die Erklärung und Textbestimmung zu begründen. HIPPARCH gründete mit vollem Bewußtsein auf eine literarisch-historische Untersuchung die sachliche Interpretation, indem er für die Phänomena des ARATOS die Quellen aufzeigte und aus ihnen dieses Gedicht interpretierte. Und wenn unter den überlieferten Gedichten des HESIOD unechte erkannt, aus den Epen HOMERs eine große Zahl von Versen ausgeschieden, der letzte Gesang der Odyssee für jüngeren Ursprungs erklärt wurden: so geschah dies durch die virtuose Handhabung des Prinzips der Analogie, nach welchem gleichsam ein Kanon von Sprachgebrauch, Vorstellungskreis, innerer Übereinstimmung und ästhetischem Wert eines Gedichtes festgestellt und das ihm Widersprechende ausgeschieden wurde. Geht doch die Anwendung eines solchen Kanons des Sittlich-Ästhetischen bei ZENODOT und ARISTARCH ganz klar aus folgender Begründungsweise von Atethesen [Ablehnung einer Überlieferung - wp] bei ihnen hervor:  dia to aprepes  [Buchung der Unrichtigkeit - wp], d. h.: si quid heroum vel deorum gravitatem minus decere videbatur [Wenn man etwas sah, was der Würde der Götter oder Helden weniger entsprach - wp]. Auch berief sich ARISTARCH auf ARISTOTELES.

Das methodische Bewußtsein über das richtige Verfahren der Interpretaion wurde durch den Gegensatz gegen die pergamenische Philologie in der alexandrinischen Schule noch verstärkt. Ein Gegensatz hermeneutischer Richtungen, welchem doch eine weltgeschichtliche Bedeutung beiwohnte! Denn in der christlichen Theologie trat er in einer neuen Lage wieder auf und zwei große geschichtliche Ansichten über Dichter und religiöse Schriftsteller sind von ihm bedingt gewesen.

Aus der stoischen Schule brachte KRATES von Mallos in die pergamenische Philologie das Prinzip der allegorischen Interpretation. Die langdauernde Macht dieses Auslegungsverfahrens war zunächst darin gegründet, daß es den Widerspruch zwischen religiösen Urkunden und einer geläuterten Weltansicht ausgleicht. Hierdurch ist es den Auslegern der Veden, des HOMER, der Bibel und Koran gleichermaßen notwendig gewesen: eine ebenso unentbehrliche als nichtsnutzige Kunst. Doch lag diesem Verfahren zugleich eine tiefe Ansicht von dichterischer und religiöser Produktivität zugrunde. HOMER ist ein Seher und der Widerspruch in ihm zwischen tiefen Einsichten und sinnlich gröblichen Vorstellungen kann nur erklärt werden, wenn man die letzteren als bloße dichterische Darstellungsmittel auffaßt. Indem nun aber dieses Verhältnis als absichtliche Einhüllung eines pneumatischen Sinnes in Bilder verstanden wurde, entstand die allegorische Interpretation.


II.

Irre ich nicht, so kehrt dieser Gegensatz nur unter veränderten Umständen im Kampf der  alexandrinischen  und  antiochenischen  Theologenschule wieder. Ihre gemeinsame Grundlage war natürlich, daß ein innerer Zusammenhang von Weissagung und Erfüllung altes und neues Testament verbinde. Denn ein solcher wurde ja durch die Benutzung von Weissagungen und Vorbildern im neuen Testament gefordert. Indem die christliche Kirche von dieser Voraussetzung ausging, entstand für sie eine komplizierte Lage gegenüber ihren Gegnern in Bezug auf die Auslegung ihrer heiligen Schriften. Gegenüber den Juden bedurfte sie der allegorischen Deutung, um die Logos-Theologie in das alte Testament hineinzutragen; den Gnostikern gegenüber mußte sie sich dagegen einer zu weit gehenden Anwendung der allegorischen Methode zu erwehren. PHILONs Spuren folgend, haben JUSTIN und IRENÄOS es versucht, Regeln für die Abgrenzung und Handhabung der allegorischen Methode aufzustellen. TERTULLIAN nimmt im selben Kampf mit Juden und Gnostikern das Verfahren des JUSTIN und IRENÄOS auf, entwickelt aber andererseits fruchtbare Regeln einer besseren Auslegungskunst, denen er freilich dann selber nicht immer treu bleibt. In der griechischen Kirche kam es zu einer prinzipiellen Fassung des Gegensatzes. Die antiochenische Schule erklärte ihre Texte nur nach grammatisch-historischen Grundsätzen. So sah der Antiochener THEODOROS im Hohen Lied nur einen Hochzeitsgesang. Er erblickte in HIOB nur die dichterische Gestaltung einer geschichtlichen Überlieferung. Er verwart die Überschriften der Psalmen und widerlegte in Rücksicht auf einen ansehnlichen Teil der messianischen Weissagungen ihre direkte Beziehung auf CHRISTUS. Er nahm nicht einen doppelten Sinn der Texte an, sondern nur einen höheren Zusammenhang zwischen den Vorgängen. Wogegen dann PHILON, CLEMENS und ORIGENES an den Texten selber einen pneumatischen Sinn vom wirklichen unterschieden. Da ist es nun aber für den Fortgang in der Auslegungskunst zur Hermeneutik, in der diese zum wissenschaftlichen Bewußtsein erhoben wird, ein weiterer Schritt, daß aus diesem Kampf die ersten durchgeführten hermeneutischen Theorien entstanden sind, von denen wir Kenntnis haben. Schon nach PHILO existieren  kanones  und  nomoi tes allegorias,  die im alten Testament angewandt sind und deren Kenntnis sonach seiner Interpretation zugrunde gelegt werden muß. Hierauf gründeten ORIGENES im 4. Buch seiner Schrift  Peri archon  [Über Prinzipien - wp] und AUGUSTINUS im 3. Buch  de doctrina christiana  eine zusammenhängend dargestellte hermeneutische Theorie. Dem traten dann zwei leider verlorene hermeneutische Schriften der antiochenischen Schule gegenüber, DIODOROS:  tis diaphora theorias kai allegorias  und THEODOROS: de allgegoria et historia contra Origenem.


III.

Interpretation und ihre Regelgebung traten seit der Renaissance in ein neues Stadium. Man war vom klassischen und christlichen Altertum durch Sprache, Lebensbedingungen und Nationalität gesondert. Interpretation wurde sonach hier noch anderes als einst in Rom Versetzung in ein fremdes geistiges Leben mittels grammatischer, sachlicher und historischer Studien. Und diese neue Philologie, Polymathie und Kritik hatte vielfach nur mit Nachrichten und Trümmern zu arbeiten. So mußte sie in einer neuen Weise schöpferisch und konstruktiv sein. Daher traten Philologie, Hermeneutik und Kritik auf eine höhere Stufe. Eine umfangreiche hermeneutische Literatur ist aus den nächsten vier Jahrhunderten vorhanden. Sie bildet zwei verschiedene Ströme: denn die klassischen und die biblischen Schriften waren die großen Kräfte, die man sich anzueignen strebt. Die klassisch-philologische Regelgebung bezeichnete sich als  ars critica.  Solche Werke, unter denen die von SCIOPPIUS, CLERICUS und das unvollendete des VALESIUS hervorragten, gaben in ihrem ersten Teil eine hermeneutische Kunstlehre. Unzählige Aufsätze und Vorreden handelten  de interpretatione.  Die endliche Konstituierung der Hermeutik verdankt man aber der biblischen Interpretation. Die erste bedeutende und vielleicht die tiefgründigste dieser Schriften war die  clavis  des FLAVIUS (1567)

In ihr wurde zuerst der Inbegriff der bis dahin gefundenen Interpretationsregeln zu einem Lehrgebäude verbunden und zwar mittels des Postulats, daß durch das kunstmäßige Verfahren nach diesen Regeln ein allgemeingültiges Verständnis erreichbar sein müsse. Dieser prinzipielle Gesichtspunkt, welcher in der Tat die Hermeneutik regiert, wurde dem FLACIUS durch die Kämpfe des 16. Jahrhunderts zum Bewußtsein gebracht. Gegen zwei Fronten hatte FLACIUS zu kämpfen. Sowohl die Wiedertäufer als der restaurierte Katholizismus behaupteten die Dunkelheit der heiligen Schrift. Indem FLACIUS sich dem entgegenstellt, lernt er besonders von der Exegese CALVINs, welche von der Auslegung vielfach auf die Grundsätze derselben zurückgegangen war. Das am meisten dringende Geschäft für einen damaligen Lutheraner war die Widerlegung der katholischen Lehre von der Tradition, welche eben damals neu formuliert worden war. Das Recht der Tradition, die Schriftauslegung zu bestimmen, konnte im Streitverfahren gegen das protestantische Schriftprinzip nur darauf gegründet werden, daß aus den biblischen Schriften selber eine ausreichende und allgemeingültige Interpretaion nicht abgeleitet werden könne. Das tridentinische Konzil, das 1545 - 1563 tagte, hat von seiner vierten Session ab dieser Fragen behandelt, 1564 ist dann die erste authentische Ausgabe der Dekrete erschienen. Am scharfsinnigsten hat später BELLARMIN, der Vertreter des tridentinischen Katholiszismus, einige Zeit nach dem Werk des FLACIUS in einer Streitschrift von 1581 die Verständlichkeit der Bibel bekämpft und hierdurch die Notwendigkeit der Tradition zu ihrer Ergänzung nachzuweisen gesucht. Im Zusammenhang dieser Kämpfe unternahm FLACIUS, die Möglichkeit allgemeingültiger Interpretation hermeneutisch zu erweisen. Und im Ringen mit dieser Aufgabe brachte er sich Mittel und Regeln für ihre Lösung zum Bewußtsein, welche keine frühere Hermeneutik herausgestellt hatte. Stößt der Ausleger in seinem Text auf Schwierigkeiten, so ist ein Hilfsmittel von sublimer Art vorhanden, sie zu lösen: der in der lebendigen christlichen Religiosität gegebene Schriftzusammenhang. Übersetzen wir das aus der dogmatischen Denkweise in die unsere, so ist dieser hermeneutische Wert der religiösen Erfahrung nur ein einzelner Fall des Prinzips, nach welchen in jedem Interpretationsverfahren als  ein  Faktor desselben die Auslegung aus dem sachlichen Zusammenhang enthalten ist. Neben diesem religiösen Auslegungsprinzip gibt es aber auch verstandesmäßige. Das nächste derselben ist die grammatische Interpretation. Aber FLACIUS zuerst erfaßt nun daneben die Bedeutung des psychologischen oder technischen Prinzips der Auslegung, nach welchem die einzelne Stelle aus der Absicht und Komposition des ganzen Werkes interpretiert werden muß. Und er zuerst benutzt für diese technische Interpretation methodisch die Erkenntnisse der Rhetorik über den inneren Zusammenhang eines literarischen Produktes, seine Komposition und seine wirkungskräftigen Elemente. Vorgearbeitet hat ihm hierbei die Umbildung der aristotelischen Rhetorik durch MELANCHTON. FLACIUS selbst ist sich bewußt, zuerst methodisch das Hilfsmittel für die eindeutige Bestimmung von Stellen verwertet zu haben, welches im Kontext, dem Ziele, der Proportion, der Kongruenz der einzelnen Teile oder Glieder enthalten ist. Er bringt den hermeneutischen Wert desselben unter einen allgemeinen Gesichtspunkt der Methodenlehre. "Auch sonst überall erhalten ja die einzelnen Teile eines Ganzen aus ihrer Beziehung zu diesem Ganzen und dessen anderen Teilen ihr Verständnis": Er geht dieser inneren Form eines Werkes bis in den Stil und die einzelnen Wirkungselemente nach und entwirft schon feinsinnige Charakteristiken des paulinischen und johanneischen Stils. Es war ein großer Fortschritt, freilich innerhalb der Schranken der rhetorischen Auffassung. Ist doch jede Schrift für MELANCHTON und FLACIUS nach Regeln gemacht, wie sie nach Regeln verstanden wird. Sie ist wie ein logischer Automat, der umkleidet ist mit Stil, Bildern und Redefiguren.

Die formellen Mängel seines Werkes wurden in der Hermeneutik BAUMGARTENs überwunden. In dieser machte sich nun aber zugleich eine zweite große theologisch-hermeneutische Bewegung geltend. In BAUMGARTENs Nachrichten von einer hallischen Bibliothek begannen neben niederländischen Auslegern die englischen Freidenker und Erläuterer des alten Testaments aus der Völkerkunde in den deutschen Gesichtskreis zu treten. SEMLER und MICHAELIS bildeten sich in seinem Verkehr und der Teilnahme an seinen Arbeiten. MICHAELIS wandte zuerst eine einheitliche historische Anschauung von Sprache, Geschichte, Natur und Recht auf die Interpretation des alten Testaments an. SEMLER, der Vorgänger des großen CHRISTIAN BAUR, zerschlug die Einheit des neutestamentlichen Kanon, stellte die richtige Aufgabe, jede einzelne Schrift in ihrem Lokalcharakter zu begreifen, verband dann diese Schriften zu einer neuen Einheit, welche in der lebendigen geschichtlichen Auffassung der urchristlichen Kämpfe zwischen dem Judenchristentum und den Christen freierer Ordnung enthalten ist und führte in seiner Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik mit derber Entschiedenheit diese ganze Wissenschaft auf zwei Stücke zurück: Interpretation aus dem Sprachgebrauch und aus den historischen Umständen. Damit war die Befreiung der Auslegung vom Dogma vollzogen, die grammatisch-historische Schule war begründet. Der feine und vorsichtige Geist ERNESTIs hat dann im Interpres [Dolmetscher - wp] die klassische Schrift für diese neue Hermeneutik geschaffen. An ihrer Lektüre hat noch SCHLEIERMACHER seine eigene Hermeneutik entwickelt. Auch diese Fortschritte vollzogen sich freilich innerhalb fester Schranken. Unter den Händen dieser Exegeten löst sich Komposition und Gedankengewebe jeder Schrift eines Zeitalters in dieselben Fäden auf: den lokal und temporär bedingten Kreis der Vorstellungen. Nach dieser pragmatischen Geschichtsauffassung wird die religiös und moralisch gleichmäßig geartete Menschennatur nur von außen lokal und temporär eingeschränkt. Sie ist ungeschichtlich.

Bis dahin waren klassische und biblische Hermeneutik nebeneinander gegangen. Mußten nicht beide als Anwendungen einer allgemeinen aufgefaßt werden? Der Wolfianer MEIER tat diesen Schritt in seinem Versuch einer allgemeinen Auslegungskunst 1757. Er faßte den Begriff seiner Wissenschaft wirklich so allgemein als möglich: sie soll die Regeln entwerfen, welche bei jeder Auslegung von Zeichen zu beobachten sind. Aber das Buch zeigt wieder einmal, daß man nicht nach Gesichtspunkten von Architektonik und Symmetrie neue Wissenschaften erfinden kann. So entstehen nur blinde Fenster, durch die niemand sehen kann. Werden konnte eine wirkungskräftige Hermeneutik nur in einem Kopf, in dem sich die Virtuosität philologischer Interpretation mit echtem philosophischem Vermögen verband. Ein solcher war SCHLEIERMACHER.


IV.

Die Bedingungen unter denen er arbeitete: WINCKELMANNs Interpretation von Kunstwerken, HERDERs kongeniales Sich-Einfühlen in die Seele von Zeitaltern und Völkern und die unter dem neuen ästhetischen Gesichtspunkt arbeitende Philologie von HEYNE, FRIEDRICH AUGUST WOLF und dessen Schülern, unter denen HEINDORF in engster Gemeinschaft platonischer Studien mit SCHLEIERMACHER lebte. Das alles verband sich in ihm mit dem Verfahren der deutschen Transzendentalphilosophie, hinter das im Bewußtsein Gegebene zurückzugehen auf ein schöpferisches Vermögen, das einheitlich wirkend, seiner selbst unbewußt, die ganze Form der Welt in uns hervorbringt. Eben aus der Verbindung dieser beiden Momente entstand die ihm eigene Kunst der Interpretation und die definitive Begründung einer wissenschaftlichen Hermeneutik.

Die Hermeneutik war bis dahin im besten Fall ein Gebäude von Regeln gewesen, dessen Teile, die einzelnen Regeln, durch den Zweck einer allgemeingültigen Interpretation zusammengehalten wurden. Sie hatte die Funktionen, welche in diesem Vorgang der Interpretation zusammenwirken, als grammatische, historische, ästhetisch-rhetorische und sachliche Auslegung gesondert. Und sie hatte aus der philologischen Virtuosität vieler Jahrhunderte die Regeln zum Bewußtsein gebracht, nach welchen diese Funktionen wirken müssen. Hinter diese Regeln ging nun SCHLEIERMACHER zurück auf die Analysis des Verstehens, also auf die Erkenntnis dieser Zweckhandlung selber und aus dieser Erkenntnis leitete er die Möglichkeit allgemeingültiger Auslegung, deren Hilfsmittel, Grenzen und Regeln ab. Er konnte aber das Verstehen als ein Nachbilden, Nachkonstruieren nur in seiner lebendigen Beziehung zum Vorgang der literarischen Produktion selber analysieren. In der lebendigen Anschauung vom schöpferischen Vorgang, in welchem ein lebensmächtiges literarisches Werk entsteht, erkannte er die Bedingung für die Erkenntnis des anderen Vorgangs, der aus Schriftzeichen das Ganze eines Werkes und aus diesem Absicht und Geistesart seines Urhebers versteht.

Es bedurfte aber einer neuen psychologisch-historischen Anschauung, das so gestellte Problem zu lösen. Von der Verbindung ab, welche zwischen der griechischen Interpretation und der Rhetorik als der Kunstlehre einer bestimmten Art literarischer Produktion bestand, haben wir die Beziehung verfolgt, um welche es sich hier handelt. Aber die Auffassung beider Vorgänge war immer eine logisch-rhetorische geblieben. Die Kategorien, in denen sie sich vollzog, waren stets Machen, logischer Zusammenhang, logische Ordnung und dann ein Bekleiden dieses logischen Produkts mit Stil und Redefiguren und Bildern. Nun werden aber ganz neue Begriffe angewandt, um ein literarischen Produkt zu verstehen. Da ist nun ein einheitlich und schöpferisch wirkendes Vermögen, welches seines Wirkens und Bildens nicht bewußt die ersten Anrgegungen zu einem Werk aufnimmt und ausgestaltet. Empfangen und selbsttätig Bilden sind in ihm untrennbar. Individualität wirkt da bis in die Fingerspitzen und einzelnen Worte. Ihre höchste Äußerung ist die äußere und innere Form des literarischen Werkes. Und nun kommt diesem Werk das unersättliche Bedürfis entgegen, die eigene Individualität zu ergänzen durch die Anschauung anderer. Verstehen und Interpretation sind so im Leben selber immer regsam und tätig, ihre Vollendung erreichen sie in der kunstmäßigen Auslegung lebensmächtiger Werke und des Zusammenhangs derselben im Geist ihres Urhebers. Das war die neue Anschauung in der besonderen Form, welche sie in SCHLEIERMACHERs und ihm selber zur philologischen Kunst der Interpretation durchgebildet wurden. Eben hatte sich der deutsche Geist in SCHILLER, WILHELM von HUMBOLDT, den Brüdern SCHLEGEL von der dichterischen Produktion zum Nachverständnis der geschichtlichen Welt gewandt. Es war eine mächtige Bewegung. BÖCKH, DISSEN, WELCHER, HEGEL, RANKE, SAVIGNY sind von ihr bedingt gewesen. FRIEDRICH SCHLEGEL wurde SCHLEIERMACHERs Führer zur philologischen Kunst. Die Begrife, welche diesen in seinen glänzenden Arbeiten über griechische Poesie, GOETHE, BOCACCIO leiteten, waren die der inneren Form des Werkes, der Entwicklungsgeschichte des Schriftstellers und des in sich gegliederten Ganzen der Literartu. Und hinter solchen einzelnen Leistungen einer nachkonstruierenden philologischen Kunst lag für ihn der Plan einer Wissenschaft der Kritik, einer aus ars critica, welche auf eine Theorie des produktiven literarischen Vermögens gegründet sein sollte. Wie nahe berührte sich dieser Plan mit SCHLEIERMACHERs Hermeneutik und Kritik.

Und von SCHLEGEL ging nun auch der Plan der PLATO-Übersetzung aus. An ihr bildete sich die Technik der neuen Interpretation aus, die dann zunächst BÖCKH und DISSEN auf PINDAR anwandten. PLATO muß als philosophischer Künstler verstanden werden. Das Ziel der Interpretation ist die Einheit zwischen dem Charakter platonischen Philosophierens und der künstlerischen Form der Platonischen Werke. Philosophie ist hier noch Leben, verwachsen mit dem Gespräch, ihre schriftliche Darstellung ist nur Fixierung für die Erinnerung. So muß sie Dialog sein und zwar von einer so künstlichen Form, daß diese zur eignen Nacherzeugung der lebendigen Gedankenverknüpfung nötigt. Zugleich muß aber nach der strengen Einheit dieses platonischen Denkens jeder Dialog Früheres fortführen, Späteres vorbereiten und die Fäden der verschiedenen Teile der Philosophie fortspinnen. Verfolgt man diese Beziehungen der Dialoge, so entsteht ein Zusammenhang der Hauptwerke, welcher die innerste Intention PLATOs aufschließt. In der Erfassung dieses kunstmäßig gebildeten Zusammenhangs entsteht nach SCHLEICHERMACHER erst das wirkliche Verständnis PLATOs, im Verhältnis zu diesem ist die Feststellung der chronolgoischen Abfolge seiner Werke, obwohl diese ja mit dem Zusammenhang selber vielfach zusammenfallen wird, weniger erheblich. BÖCKH durfte in seiner berühmten Rezension sagen, daß dieses Meisterwerk den PLATO erst für die philologische Wissenschaft erschlossen habe.

Mit solcher philologischen Virtuosität verband sich nun aber in SCHLEIERMACHERs Geist zum ersten Mal ein geniales philosophisches Vermögen. Und zwar war es geschult an der Transzendentalphilosophie, welche gerade für die allgemeine Fassung und Auflösung des hermeneutischen Problems zuerst ausreichende Mittel darbot: so entstand nun die allgemeine Wissenschaft und Kunstlehre der Auslegung.

An der Lektüre des ERNESTIschen Interpres bildete SCHLEIERMACHER im Herbst 1804 den ersten Entwurf derselben aus, da er mit ihr seinen Kursus exegetischer Vorlesungen in Halle eröffnen wollte. Wir besitzen die so entstandene Hermeneutik nur in einer sehr unwirksamen Form. Wirkung gab ihr vor allem ein Schüler SCHLEIERMACHERs aus der Halleschen Zeit, BÖCKH, in dem herrlichen Abschnitt seiner Vorlegungen über philosophische Enzyklopädie.

Ich hebe aus SCHLEIERMACHERs Hermeneutik die Sätze heraus von welchen mir die weitere Entwicklung abzuhängen scheint.

Alle Auslegung von Schriftwerken ist nur die kunstmäßige Ausbildung des Vorgangs von Verstehen, welcher sich über das ganze Leben erstreckt und auf jede Art von Rede und Schrift bezieht. Die Analyse des Verstehens ist sonach die Grundlage für die Regelgebung der Auslegung. Dieselbe kann aber nur in Verbindung mit der Analyse der Produktion schriftstellerischer Werke vollzogen werden. Auf das Verhältnis zwischen Verstehen und Produktion kann erst die Verbindung der Regeln gegründet werden, welche Mittel und Grenzen der Auslegung bestimmt.

Die Möglichkeit der allgemeingültigen Interpretation kann aus der Natur des Verstehens abgeleitet werden. In diesem stehen sich die Individualität des Auslegers und die seines Autors nicht als zwei unvergleichbare Tatsachen gegenüber: auf der Grundlage der allgemeinen Menschennatur haben sich beide gebildet und hierdurch wird die Gemeinschaftlichkeit der Menschen untereinander für Rede und Verständnis ermöglicht. Hier können die formelhaften Ausdrücke SCHLEIERMACHERs psychologisch weiter aufgeklärt werden. Alle individuellen Unterschiede sind letztlich nicht durch qualitative Verschiedenheiten der Personen voneinander, sondern nur durch Gradunterschiede ihrer Seelenvorgänge bedingt. Indem nun aber der Ausleger seine eigene Lebendigkeit gleichsam probierend in ein historisches Milieu versetzt, vermag er von hier aus momentan die einen Seelenvorgänge zu betonen und zu verstärken, die anderen zurücktreten zu lassen und so eine Nachbildung fremden Lebens in sich herbeizuführen.

Faßt man nun die logische Seite dieses Vorgangs ins Auge, so wird in ihm aus nur relativ bestimmten einzelnen Zeichen ein Zusammenhang unter beständiger Mitwirkung des vorhandenen grammatischen, logischen und historischen Wissens erkannt. In unserer logischen Terminologie ausgedrückt, besteht diese logische Seite des Verstehens also im Zusammenwirken von Induktion, Anwendung allgemeinerer Wahrheiten auf den besonderen Fall und vergleichendem Verfahren. Die nähere Aufgabe wäre die Feststellung der besonderen Formen, welche hier die genannten logischen Operationen und ihre Verbindungen annehmen.

Hier macht sich nun die zentrale Schwierigkeit aller Auslegungskunst geltend. Aus den einzelnen Worten und deren Verbindungen soll das Ganze eines Werkes verstanden werden und doch setzt das volle Verständnis des Einzelnen schon das des Ganzen voraus. Dieser Zirkel wiederholt sich im Verhältnis des einzelnen Werkes zu Geistesart und Entwicklung seines Urhebers und er kehrt ebenso zurück im Verhältnis dieses Einzelwerkes zu seiner Literaturgattung. Diese Schwierigkeit hat SCHLEIERMACHER praktisch am schönsten in der Einleitung zum platonischen Staat aufgelöst und in Nachschriften seiner exegetischen Vorlesungen liegen mir andere Beispiele desselben Verfahrens vor. Theoretisch trifft man hier auf die Grenzen aller Auslegung, sie vollzieht ihre Aufgabe immer nur bis zu einem bestimmten Grad: so bleibt alles Verstehen immer nur relativ und kann nie vollendet werden. Individuum est ineffabile [Das Individuum ist nicht zu fassen. - wp]

Die Zergliederung des Auslegungsvorgangs in grammatischer, historischer, ästhetischer und sachlicher Interpretation, wie SCHLEIERMACHER sie vorfand, wird von ihm verworfen. Diese Unterscheidungen bezeichnen nur, daß grammatisches, historisches, sachliches und ästhetisches Wissen das sein müssen, wenn die Auslegung beginnt und auf jeden Akt derselben einwirken können. Aber der Vorgang der Auslegung selber kann sich nur in die zwei Seiten zerlegen lassen, die in der Erkenntnis einer geistigen Schöpfung aus Sprachzeichen enthalten sind. Die grammatische Auslegung geht im Text von Verbindung zu Verbindung bis zu den höchsten Verknüpfungen im Ganzen des Werkes. Die psychologische Auslegung geht von der Versetzung in den schöpferischen inneren Vorgang aus und sie schreitet vorwärts zur äußeren und inneren Form des Werkes, von ihr aber weiter zur Erfassung der Einheit der Werke in Geistesart und Entwicklung ihres Urhebers.

Hiermit ist nun der Punkt erreicht, von welchem aus SCHLEIERMACHER meisterhaft die Regeln der Auslegungskunst entwickelt.

Hiermit ist nun der Punkt erreicht, von welchem aus SCHLEIERMACHER meisterhaft die Regeln der Auslegungskunst entwickelt. Grundlegend ist seine Lehre von der äußeren und inneren Form und besonders tiefsinnig sind die Ansätze zu einer allgemeinen Theorie der literarischen Produktion, in welcher das Organon der Literaturgeschichte liegen würde.

Das letzte Ziel des hermeneutischen Verfahrens ist, den Autor besser zu verstehen, als er sich selber verstanden hat. Ein Satz, welcher die notwendige Konsequenz der Lehre von unbewußtem Schaffen ist.


V.

Ziehen wir die Summe.  Verstehen  wird nur Sprachdenkmalen gegenüber zu einer Auslegung, welche Allgemeingültigkeit erreicht. Wird die philologische Interpretation in der Hermeneutik sich ihres Verfahrens und ihrer Rechtsgründe bewußt, so mag der praktische Nutzen einer solchen Disziplin, verglichen mit der lebendigen Übung, von FRIEDRICH AUGUST WOLF mit Recht nicht hoch angeschlagen werden. Aber jenseits dieses praktischen Nutzens für das Geschäft der Auslegung selber scheint mir eine zweite und die  Hauptaufgabe  darin zu liegen: sie soll gegenüber dem beständigen Einbruch romantischer Willkür und skeptischer Subjetivität in das Gebiet der Geschichte die Allgemeingültigkeit der Interpretation theoretisch begründen, auf welcher alle Sicherheit der Geschichte beruth. Aufgenommen in den Zusammenhang von Erkenntnistheorie, Logik und Methodenlehre der Geisteswissenschaften, wird diese Lehre von der Interpretation ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der Philosophie und den geschichtlichen Wissenschaften, ein Hauptbestandteil der Grundlegung der Geisteswissenschaften.
LITERATUR: Wilhelm Dilthey, Die Entstehung der Hermeneutik, Philosophische Abhandlungen, Festschrift für Christoph Sigwart, Tübingen 1900
    Anmerkungen
    1) Sitzungsberichte der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 5. März 1896, Seite 295 f.