cr-2 Das Problem des GegebenenDie Realität der sinnlichen Erscheinungen    
 
FRED BON
Die Dogmen der Erkenntnistheorie
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"Jahre lang schon bedien' ich mich meiner Nase zum Riechen;
Hab' ich denn wirklich an sie auch ein erweisliches Recht?"
                                      - Schiller

Vorwort

Irgendwo in Europa stand einmal eine Stadt. Die war erbaut aus lauter kleinen engen Häuschen mit Erkern und Zinnen und Türmchen daran. Sie standen kreuz und quer durcheinander und schmale winklige Gäßchen schlängelten sich zwischen ihnen hindurch. Die Bewohner der Stadt fühlten sich in ihren Häuschen sehr behaglich und sie merkten gar nicht, daß diese vom Alter schon sehr morsch und baufällig geworden waren. Aber etliche waren da, denen fiel dieser Zustand auf und sie sprachen: "Lasset uns neue Bauten aufführen, sonst werden die Häuschen einstürzen und alles unter ihren Trümmern begraben." Und sie machten sich daran, die verallensten unter den Häuschen niederzureißen und begannen einen großen prächtigen Bau an deren Stelle zu setzen. Dessen Wände waren von Kristall, sodaß das Licht ungehindert Zutritt hatte und die Säulen waren aus purem Gold. Und andere freuten sich des neuen stolzen Palastes und sie liefen hinzu, um mit beim Aufbau zu helfen. Sie bauten immer neue weite Säle an denselben an, sodaß sie gezwungen waren, mehr und mehr von den alten verfallenen Häuschen niederzureißen. Das aber verdroß diejenigen, deren Häuser dem neuen Palast zum Opfer fielen und sie wurden immer unzufriedener, besonders als sie sahen, daß der Bau schon nahe bis zu dem Ort sich ausbreitete, wo die Kirche stand. Denn sie fürchteten, daß auch diese niedergerissen werden würde. Und da sie sich nicht zu helfen wußten, so gingen sie zu der weisen Frau, welche in der Nähe der Stadt wohnte und sehr fromm war und baten sie, ihnen doch beizustehen. Denn sie wüßten, daß sie zaubern könnte. Die sagte jenen auch gern ihre Hilfe zu, da sie den Bauleuten feind war, die ihre Macht und Zauberkünste nicht anerkennen wollten. Sie nahm daher die Gestalt und Tracht eines Mannes an, gleich den Baumeistern, trat zu ihnen, lobte ihren Bau und erbot sich, mit daran zu arbeiten. Zunächst aber wolle sie doch einmal nachsehen, ob denn auch die Fundamente des Baus fest und sicher wären; denn man höre so viel von Zusammenstürzen infolge ungenügender Fundamentierung und, wie sie sähe, hätten die anderen, welche mit dem Ausbau beschäftigt waren, keine Zeit für diese Prüfung. Und sie ging hinunter in den Keller, grub die Grundmauern aus und wühlte und rüttelte und schüttelte an ihnen herum; die aber waren fest und gaben nicht nach. Das alte Weiblein aber fuhr emsig weiter fort zu graben und zu wühlen und endlich geschah es, daß ein kleines Stückchen vom Gewölbe, das nicht genügend gestützt war, sich abbröckelte und zusammenbrach. Da frohlockte die weise Frau sehr und rief triumphierend: "Euer ganzer Bauu ist nichts wert und stürzt zusammen, und Ihr, die ihr daran baut, müßt Euren Bankrott ansagen." Jedoch dem Bau fiel es gar nicht ein, einzustürzen, sondern er dehnte sich im Gegenteil umso weiter aus, je mehr die nicht genügend starken Stützen durch bessere ersetzt wurden. Das Weiblein aber hatte sich durch sein voreiliges Triumphieren verraten und mußte von dannen ziehn. Allein sie gab ihren Plan darum nicht auf und dachte einen ganzen Tag und eine Nacht darüber nach, wie sie dem Bau schaden könnte. Da sie aber nunmehr wußte, wie feste seine Fundamente waren und daß der Bau niemals einstürzen würde, sobald in der bisherigen Weise weiter gebaut würde, so grübelte sie, wie sie wohl am besten die Bauleiter überreden könnte, von dieser bewährten Baumethode abzugehen. Sie trat darum in anderer Verkleidung an sie heran, gab sich für einen Bausachverständigen aus und sprach: "Wie töricht seid Ihr doch, Ihr Baumeister! Arbeitet doch nicht so gedankenlos weiter und denkt einmal kritisch darüber nach, was der Zweck Eures Baues ist. Ist er wohl etwas andere, als daß man behaglich darin wohnen könne? Nun wohl, hat aber schon jemals einer vermocht, in den Fundamenten zu wohnen? Jeder vernünftige Mensch baut doch ein Haus über der Erde, die Fundamente befinden sich aber unter der Erde. Überlaßt daher die Beschäftigung mit ihnen ruhig den Grundstücksspekulanten und Meta-Architekten; dem wahren Architekten geziemt es einzig und allein, einen grundmauerlosen Bau aufzuführen. Da man ja die Grundmauern sowieso nicht sehen kann, so sieht ein Bau  ohne  Fundamente genauso aus wie  mit  solchen." Tatsächlich ließen sich auch einige von den Bauleuten durch diese Reden bewegen, den Weiterbau zu versuchen, ohne sich der bewährten Art und Weise der Untermauerung zu bedienen. Aber natürlich stürzte dieser Teil gar bald zusammen und die anderen, welche verständiger waren als jene, fuhren fort, an dem Gebäude wie bisher zu arbeiten und dasselbe wuchs und breitete sich weiter und weiter aus. Als dies die Alte sah, ergrimmte sie aufs Neue und schloß sich drei Tage und drei Nächte in ihrer Kammer ein, um darüber nachzudenken, wie sie den Weiterbau verhindern könnte. Plötzlich sprang sie so hastig auf, daß der eine ihrer Filzpantoffeln bis an die Zimmerdecke flog und sie tanzte im Zimmer umher und rief "Heureka, ich hab's, ich hab's." Und sie nahm abermals eine andere Gestalt an, trat zu den Bauleuten uns sprach: "Ich sehe, Euer Bau ist fest und gut und solange Ihr auf dem Boden weiterbaut, auf welchem Ihr Euch jetzt befindet, wird derselbe auch allen Angriffen trotzen. Aber hütet Euch - und dabei holte sie einen langen schwarzen Stab aus den Falten ihres Mantels und beschrieb einen großen Kreis mit demselben rings um den Bau - hütet Euch, daß Ihr jemals diesen Kreis überschreitet; denn dort liegen die Grenzen Eures Bauvermögens. Sobald Ihr auf dem Boden jenseits dieser Grenzen zu bauen versucht, etwa dort, wo die Kirche steht, so wird das sofort wieder zusammenstürzen, denn dort ist nur unsicherer und lockerer Treibsand." - Und dann schritt sie dreimal um den Kreis herum, allerlei unverständlich Zauberformeln vor sich hinmurmelnd. Die Bürger der Stadt glaubten, dieser Hokuspokus würde sicher helfen, die weitere Ausdehnung des Baues zu verhindern und sie priesen die Alte als eine große und mächtige Zauberin. Diejenigen jedoch, welche am Bau beschäftigt waren, untersuchten den Boden, welcher jenseits des von der Zauberin gezogenen Kreises lag und sahen, daß der schon stehende Teil ihres Gebäudes sich auf genau demselben Boden erhob als jener war und so bauten sie unverdrossen weiter. Die Alte aber wurde immer ungehaltener und sie sann sieben Tage und sieben Nächte darüber nach, was wohl zu tun sei. Endlich kam ihr eine neue Idee. Diesmal verwandelte sie sich in einen Polizisten, stülpte einen mächtigen Helm aufs Haupt, gürtete sich einen Säbel um und begab sich abermals zu den Leitern des Baus. "Ich bin" - sagte sie - "von der Obrigkeit ausgesandt, um die, welche an diesem Bau arbeiten, nach ihrer Legitimation zu fragen. Denn es besteht der Verdacht, daß Ihr gar nicht imstande seid, den Befähigungsnachweis als Architekten zu erbringen. Die Bauordnung schreibt nämlich vor, daß bei den Umfassungsmauern immer ein Stein genau senkrecht auf dem andern steht, weil der Bau sonst nicht genügend sicher ist. Nun stehen aber alle untersten Steine Eures Baues nicht senkrecht auf einem anderen und somit verstoßt ihr gegen die Bauordnung. Dazu wärt Ihr aber nur dann berechtigt, wenn Ihr nachweisen könntet, daß Euer Bau jeden, der darin wohnt, unbedingt glücklich macht. Denn das ist das höchste Ziel, dem jeder in unserer Stadt zuzustreben hat. Es gibt aber eine ganze Menge Leute, die sich in ihren alten Häuschen, die Ihr zerstört, viel glücklicher und behaglicher gefühlt haben; denn dort drang nicht so viel Licht herein und sie konnten deswegen viel ungestörter schlafen. Ungestörter Schlaf aber ist das beste Mittel, um glücklich und zufrieden zu sein." Als aber die Bauleute dies hörten, wunderten sie sich sehr und sprachen: "Ja freilich, wenn alle Steine senkrecht auf darunter liegenden anderen stehen sollen, dann entsprich unser Bau diesen Bedingungen nicht, denn unter den untersten Steinen befinden sich nicht wieder andere, auf denen sie ruhen. Aber uns scheint, wenn diese Bestimmung wirklich besteht, dann müßte die Bauordnung abgeändert werden, weiter zu bauen; denn daß unser Bau fest und sicher ist, das siehst Du ja. Auch haben wir niemals die Absicht gehabt, mit diesem Bau alle und jeden glücklich zu machen und wir zwingen niemanden, daran mitzuarbeiten. Wissen wir doch recht wohl, daß jede Steigerung der Lust notwendigerweise auch mit einer solchen der Unlust verknüpft ist . Aber nicht um des Glückes willen, sondern um der Macht und der Größe willen bauten wir diesen Palast. Und es genügt uns, wenn unser Bau nur den Zweck erfüllt, für den er bestimmt war. Wenn Ihr glaubt, er müßte auch noch anderen Zwecken dienen, so ist das Eure Schuld." Die Alte aber ließ sich nicht beruhigen und sie schrie nur immer fort: "Ihr seid nicht berechtigt zu bauen! Ihr seid nicht berechtigt." Und die Bauleute wußten nicht, was sie antworten sollten und so lachten sie nur, ließen das alte Weiblein stehen und gingen wieder an ihre Arbeit. Da jene aber gar nicht aufhörte, zu keifen und zu schreien, trat endlich einer vor und sagte: "Wer berechtigt Dich denn dazu, uns die Berechtigung abzusprechen, unseren Bau auszuführen? Zeige uns doch einmal  Deine  Legitimation." Und da auch er in den Zauberkünsten wohl erfahren war, packte er die Alte und ließ sie nicht eher wieder los, bis sie sich in ihre wahre Gestalt zurückverwandelte. Da sahen alle, mit wem sie es zu tun hatten und jene schlich beschämt von dannen. Unter welcher Maske sie aber das nächste Mal wiederkommen wird, das weiß man noch nicht. Vorläufig hat sie sich mit den alten Baumeistern, welche nur die alten verschrobenen und dumpfen Häuschen zu bauen verstehen, in Verbindung gesetzt und die haben ihr versprochen, nur solchen Baumeistern Zutritt in die Stadt zu gewähren, welche auch nichts anderes bauen können, als sie selbst und sie hoffen auf diese Weise den Weiterbau des großen Palastes zu verhindern. Ob's ihnen etwas nützen wird?
LITERATUR: Fred Bon, Die Dogmen der Erkenntnistheorie, Leipzig 1902