ra-2 Ernst TroeltschBernhard SchmeidlerHeinrich RickertWilhelm Windelband    
 
PAUL BARTH
Fragen der Geschichtswissenschaft
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"Ereignisse und Persönlichkeiten treten in die Welt so unberechenbar ein, wie der Eingriff des Schicksals in der Schicksalstragödie, der ebenfalls außerhalb des kausalen Zusammenhangs der irdischen Handlungen steht, der sich diesen Zusammenhang nur unterwirft, aber nicht, wie jedes irdische Geschehen, ihm selbst unterworfen ist."

"Beide, die Wissenschaft wie die Kunst, können sich ihrem Ziel nur annähern, es aber nie ganz erreichen. Von der Kunst ist es wohl anerkannt, daß sie ein unendliches Streben darstellt, der Idealismus nach dem Schönen, der Naturalismus nach der vollkommenen Treue der Wiedergabe des Typischen. Aber auch die Geschichte kann sich der Treue der Wiedergabe des Wirklichen nur nähern. Auch das Wirkliche ist ein  Grenzbegriff." 

"Wenn die Kausalität für die Natur gilt, aber nicht für die menschlichen Handlungen, so sind eben die letzteren frei, es gibt keine Erklärung einer Tat im Sinne einer Subsumstion unter eine allgemeine Regel, es ist vielmehr dann alles regellos, es gibt dann aber auch keine Pädagogik und keine Politik, die beide auf eine Technik der Lenkung des Willens ausgehen und wie jede Technik, ein gesetzmäßiges Verhalten ihres Materials wie ihrer Werkzeuge voraussetzen."

"Der betrachtende Mensch kann sich niemals von der Denkform der Kausalität befreien, der sittlich wollende freilich kann die Kausalreihe durchbrechen."

"Gibt es, mit Kant zu reden, einen  Hiatus,  eine Lücke im Zusammenhang der Welt, so gibt es keine Kausalität. Und es wäre sehr leicht an Kant anknüpfend nachzuweisen, daß ohne Kausalität nicht bloß die Ordnung der objektiven Welt, sondern auch die des Denkens aufhören würde, daß schon in der Anerkennung der Gesetze der Assoziation der Vorstellungen die Kausalität vorausgesetzt wird, daß ohne sie eine sehr einfache Leistung des Denkens, die Erwartung, also erst recht jedes kunstmäßige Denken unmöglich wäre, daß die Kausalität also im Wesen des Denkens begründet ist. Und sie läßt darum keinen Hiatus zu."

I. Darstellende und begriffliche Geschichte

An das Erscheinen der ersten 5 Bände der "Deutschen Geschichte" von KARL LAMPRECHT, eines Werkes, das manche bisher im Hintergrund gewesene Seiten der Vergangenheit in den Vordergrund zu stellen sucht, hat sich zwischen LAMPRECHT und einigen anderen Historikern eine lebhafte Polemik angeschlossen, die zuerst allerlei Einzelheiten der Darstellung LAMPRECHTs zum Gegenstand hatte, sich aber später zu einer allgemeinen Erörterung der Aufgaben und Methoden der Geschichtswissenschaft erweitert hat. Über die erste Phase des Streites, die die Einzelheiten betrifft, steht mir kein Urteil zu, auch nicht über die Gründe der persönlichen Gereiztheit, mit welcher der Streit geführt wird. Nur an die zweite Phase, die Behandlung der prinzipiellen Fragen, die ja zugleich Fragen der Erkenntnistheorie sind, möchte ich im folgenden anknüpfen.

Als letzte Zusammenfassungen der beiderseitigen Anschauungen liegen zwei Abhandlungen vor, (1) von denen ich zunächst diejenige BELOWs, des Gegners LAMPRECHTs, beleuchten will. Ihre wesentlichen Sätze sind die folgenden:

1. Über das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur Systematik im allgemeinen und im besonderen zur "naturwissenschaftlichen Systematik":
    - "Die Geschichtswissenschaft bestreitet immer die Allgemeingültigkeit der Systeme, der Begriffe (Seite 241).

    - [Die Geschichte lehrt,] "daß es unzulässig ist, für die menschliche Entwicklung feste Naturgesetze zu dekretieren" (Seite 242)

    - "Der Historiker darf, wenn er richtig sehen will, sich nicht der Brille des Naturforschers bedienen; er hat ja seine eigenen Augen (dasselbe Gleichnis auf Seite 248, wo nur zum Naturforscher noch der Philosoph hinzugefügt wird). Und sein Beruf wird es eben voraussichtlich immer bleiben, gegen die Konstruktionen der Systematiker Einspruch zu erheben" (Seite 243).

    - "Wer einem sozialen Ideal, wer überhaupt einem Ideal huldigt, der protestiert gegen den lähmenden Gedanken einer rein gesetzmäßigen Entwicklung" (Seite 245)
2. Über die Geltung der Kausalität:
    - "Dieser Glaube [an die unbedingte Gültigkeit des Kausalitätsgesetzes] wird stark angefochten" (Seite 246).

    - "Wir brauchen uns als Historiker nicht mit der Frage der Geltung des Kausalitätsgesetzes aufzuhalten. Denn es ist noch nie gelungen, seine ausnahmslose Geltung auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften nachzuweisen und es wird auch nie gelingen, das Kausalitätsgesetz hier selbst nur in annähernder Reinheit durchzuführen, am wenigsten auf dem Gebiet der Geschichte" (Seite 246 - 247).

    - "Daß die Historiker gut tun, ihre Methode von der naturgesetzlich begründeten Psychologie frei zu halten, heben auch die Philosophen WINDELBAND und DILTHEY hervor" (Seite 248, Anm. 1)

    - "Wir gestehen gern, daß wir nicht alles erklären können. Wir beanspruchen es auch gar nicht. Es erscheint uns im Gegenteil von höchster Wichtigkeit, daß wir die Unerklärbarkeit konstatieren müssen. Die Persönlichkeit ist in der Tat ein Rätsel" (Seite 249).

    - Und Seite 265 wird STAMMLERs Spott über die "magische Kraft" des Kausalitätsgesetzes mit Zustimmung erwähnt. (Im Abschnitt von STAMMLERs Buch, aus dem das Zitat stammt, wird der Beweis versucht, daß das Kausalitätsgesetz auf menschliche Zwecke, die durch Wahlhandlungen erreicht werden, keine Anwendung findet.)
Es ist offenbar, daß BELOW mit dieser Methodologie das Gebiet der Wissenschaft zum Teil verläßt. Wer darauf verzichtet, die Kausalität überall nachzuweisen, wer die Persönlichkeit für ein Rätsel hält, der unterbricht das wissenschaftliche Denken, der betrachtet die Dinge, mit SCHOPENHAUER zu reden, unabhängig vom Satz des Grundes, er betrachtet sie ähnlich wie der Künstler und der Beschauer eines Kunstwerkes. Die ästhetische Betrachtung geht auf den Inhalt der Vorstellungen, nicht auf ihre rationale Verknüpfung. Die Wissenschaft wird immer der Schwerkraft und alles dessen, was daraus folgt, eingedenk sein, der Künstler aber und der ästhetische Betrachter nehmen keinen Anstoß daran, daß die Sixtinische Madonna über den Wolken schwebt. Und wie die Kunst nicht das einzelne Ereignis unter die allgemeine Formel, das Gesetz, zu bringen braucht, so braucht sie auch nicht das einzelne Objekt bloß nach seinen allgemeinen, der ganzen Gattung gemeinsamen Merkmalen darzustellen, sie kann nicht bloß, sie muß sogar auch die individuellen Merkmale als solche betrachten und hat nicht nötig, zu erklären, warum sie sich in diesem besonderen Fall so und nicht anders verhalten hat.

Ursprünglich ist alle Geschichte Kunst gewesen. Denn sie ist ursprünglich identisch mit der Sage und dem volkstümlichen Epos. In diesen beiden Urformen der Geschichte ist die Wirklichkeit noch vermischt mit demjenigen, was die Phantasie hinzufügt. Allmählich tritt, wenigstens bei den Griechen, eine Trennung ein, die Wirklichkeit wird Gegenstand der erzählenden Prosa, des Logos (bei den Logographen), wofür später der Name "Historie" aufkommt, was hingegen die Phantasie hinzufügt, fällt der Dichtung anheim. Doch ist wohl im Bewußtsein der Alten - POLYBIOS vielleicht ausgenommen - die Geschichte niemals toto genere [im Großen und Ganzen, wp] von der Kunst getrennt worden. ARISTOTELES unterscheidet zwar in seiner "Poetik" die Geschichte von der Dichtkunst, aber gerade diese Gegenüberstellung zeigt, daß sie ihm, wenn auch entgegengesetzt, doch wohl zu einer und derselben Gattung gehören. Diese Gattung dürfte wohl die Kunst sein. In seinem System der Wissenschaften findet die Geschichte jedenfalls keine Erwähnung. Wenn er in seiner Politik (2. Buch, 2. Kap.) sagt, daß man auch auf die lange Zeit und die vielen Jahre [der Vergangenheit] achten müsse, so meint er hier dem Zusammenhang nach nicht die Geschichte der Ereignisse, sondern der Verfassungen. Und fast alle Geschichtsschreiber des Altertums haben in ihre Werke kunstvolle Reden eingeflochten, die nicht gehalten worden sind, sondern nur im Zusammenhang der Dinge, in dem sie stehen, hätten gehalten werden können, die also nicht das Wirkliche, sondern das nur Mögliche, aber zugleich ästhetisch Wertvolle darstellen.

Erst in der Renaissance beginnt man die Geschichte zu den Wissenschaften zu rechnen. BACON ist wohl unter den Philosophen der erste, der die Geschichte scharf von der Kunst scheidet, indem er drei verschiedene Weltbilder annimmt: ein gedächtnismäßiges (historia), ein phantasiemäßiges (poesis) und ein vernunftmäßiges (philosophia) (2). Die historia aber umfaßt viel mehr als heute. Sie ist sowohl historia naturalis als auch civilis. Bei BACON steht also die Menschheitsgeschichte auf gleicher Stufe mit der beschreibenden Naturwissenschaft. Sie ist endgültig von der Kunst getrennt, kaum ein Philosoph - wenn man von der Gegenwart absieht - hat sie wieder unter den Begriff der Kunst zurückgebracht, nur innerhalb der Wissenschaft wechselt sie ihre Stellung, bis endlich nach mancherlei Anregungen von HUME und CONDORCET, SAINT-SIMON gefordert wird, sie, ebenso wie die Politik, derjenigen Wissenschaft nahezubringen, die allein als solche anerkannt wird: der Physik. (3)

Eine Auffassung und Behandlung der Geschichte jedoch, die sie der Kunst nähert, hat auch heute noch zweifellos ihre Berechtigung. Die Wissenschaft geht auf das Allgemeine, ihre Ziele sind der Begriff und das Gesetz, die viel weniger enthalten, als das Konkrete, Einzelne. Das Ziel der Kunst aber ist gerade das Konkrete, Einzelne, in dem das Allgemeine auch enthalten, aber um das Besondere vermehrt ist. Darum sagt z. B. der römische Dichter lieber "Falernum" [Likör, wp] statt des allgemeineren "vinum" [Wein, wp], darum spricht SCHILLER nicht bloß abstrakt von der "Menschheit Leiden", sondern fügt sofort LAOKOON als einen der Leidenden hinzu, darum sind in der bildenden Kunst Allegorien, d. h. Gestalten, die nicht ein Einzelwesen, sondern einen allgemeinen Begriff bedeuten, kalt, soweit sie nicht zugleich persönliche Eigenschaften haben, ohne Wirkung, sie gehören nicht zu den Objekten, die die Kunst zu schaffen hat. Der Unterschied zwischen den Künsten und der Geschichte ist nur der, daß die Künste ein mögliches Konkretum darstellen dürfen, die Geschichte aber ein wirklich gewesenes und zwar so, wie es wirklich gewesen ist. Auch in ihrem Konkretum darf das Allgemeine, das ihm mit anderen gleichartigen Konkretis gemeinsam ist, nicht fehlen, aber es darf nicht isoliert hervortreten, es muß mit dem Besonderen verbunden sein.

Mit Recht hat BENEDETTO CROCE (4) auf dieses Streben der Geschichte nach der Darstellung des Einzelnen aufmerksam gemacht. Mit Recht hat er ferner hervorgehoben, daß es auch andere Objekte gibt, die eine künstlerische, das Einzelne treu wiedergebende Darstellung verlangen, z. B. die Landschaft, so daß der Geograßh zuerst eine Künstler sein muß, ehe er wissenschaftlich arbeiten kann, viele, wie ALEXANDER von HUMBOLDT, auch wirklich Künstler gewesen seien. (5) (CROCE hätte hinzufügen können, daß es sich beim Geologen umgekehrt verhält, daß er zuerst das allgemeine Aussehen einer Landschaft einer vergangenen geologischen Periode erschließen muß, dann aber eine individuelle Landschaft künstlerisch darstellen kann.) Wenn E. BERNHEIM (6) gegen diese Gleichstellung der geschichtlichen mit der künstlerischen Darstellung einwendet, die Geschichte habe ein Anrecht auf den vollen Titel einer Wissenschaft, da "sie uns ein in sich zusammenhängendes, einheitliches und gesichertes Wissen vermittelt", so treffen eben zwei der von BERNHEIM ihr gegebenen Prädikate auf die geschichtliche Darstellung, sie sie CROCE meint und wie sie in den weitaus meisten Fällen wirklich ist, nicht zu. Diese Darstellung kann wohl ein  gesichertes  Wissen geben, vorausgesetzt, daß die Zeugnisse für das Dargestellte in genügender Anzahl vorhanden und nach allen Regeln der Kritik gesichtet und verwertet worden sind. In sich zusammenhängend und einheitlich aber wird es nur in beschränktem Maße, fast nie in seinem ganzen Umfang sein. Denn einheitlich und zusammenhängend wird eine Summe von Wahrnehmungen nur durch stetige strenge Anwendung der Kategorien des Verstandes und zwar, wo es sich, wie in der Geschichte, um Zustände und Ereignisse handelt, durch den Gebrauch der Kategorie der Kausalität. Nur dadurch werden, mit KANT zu reden, Wahrnehmungsurteile zu Erfahrungsurteilen, d. h. zu Bestandteilen eines einheitlichen, zusammenhängenden Systems. Und nur die Erfahrung in diesem Sinne ist Wissenschaft.

Und in diesem strengen Sinne ist die allgemein übliche geschichtliche Darstellung keine Wissenschaft. Denn sie kann gar keinen ganz einheitlichen, fortlaufenden Zusammenhang geben. Da sie auf Einzelnes geht, so muß sie fortwährend neue Momente einführen, die im Vorausgegangenen, im Vorhererzählten nicht ihre Ursache haben. Aus einem dunklen, unerkennbaren Hintergrund treten ihr die neuen Ereignisse hervor; das Auftreten NAPOLEONs z. B. ist doch ein Moment, das in den vorausgegangenen Ereignissen nicht begründet ist. Die Verhältnisse, wie sie nach der Reaktion des Thermidor in Paris lagen, sind nicht die Ursache, daß er ein energischer Mann war. Sie sind nur die Ursache, daß er seinen energischen Willen entfalten konnte. Dieser Wille selbst ist das Ergebnis der Natur seiner Heimat, des Charakters seines Volkes, des Charakters und der Lebensführung einer langen ihm voraufgehenden Ahnenreihe, wie sie TAINE, der eben eine neue, möglichst kausale Betrachtung einführen wollte, zum Teil verfolgt hat, wie sie aber der Historiker im Sinne BELOWs meist gar nicht verfolgen will. Der letztere wird einfach NAPOLEONs starken Willen als ein neues, nicht weiter erklärbares, aber fortan wirkendes Stück zu den bisherigen Bestandteilen der Wirklichkeit hinzunehmen. Ähnlich verhält es sich für diese Art der Geschichtsdarstellung mit dem Hunneneinfall, mit dem Wirken KARLs des GROSSEN und überhaupt mit unzähligen Ereignissen und Persönlichkeiten, die sich nicht aus dem Vorausgegangenen ableiten lassen, wie ja auch BELOW erklärt: "die Persönlichkeit ist ein Rätsel!"

Diese Ereignisse und Persönlichkeiten treten also in die Welt so unberechenbar ein, wie der Eingriff des Schicksals in der Schicksalstragödie, der ebenfalls außerhalb des kausalen Zusammenhangs der irdischen Handlungen steht, der sich diesen Zusammenhang nur unterwirft, aber nicht, wie jedes irdische Geschehen, ihm selbst unterworfen ist. Die Wissenschaft jedoch kennt kein aus reiner, überirdischer Höhe eingreifendes Schicksal, sie kennt nur Ereignisse, deren Ursachen genauso wie die Ursachen der erklärten Ereignisse vorhanden, aber aus irgendeinem Grunde unserem unvollkommenen Wissen noch verborgen sind. Sie kennt nur unerklärte, nicht unerklärbare Ereignisse. "In mundo non datur fatum" [Die Welt kennt kein Schicksal, wp] ist nach KANT eine ebenso fundamentale Wahrheit für  jede  Wissenschaft (nicht bloß für die Naturwissenschaft), wie die drei anderen: in mundo [nicht bloß in natura!] non datur hiatus, non datur saltus, non datur casus. [Die Welt kennt keinen Spalt, macht keine Sprünge, keine Zufälle. - wp] (7) Und insofern, als die geschichtliche Darstellung die Unterbrechung der Kausalreihe zuläßt, weil sie jeden Augenblick neue Wirkungsweise alter Kräfte und neue Kräfte annehmen muß und darf, ist ihre Methode gleich der der Kunst.

Sie unterscheidet sich freilich von der Kunst insofern, als sie sich nur auf eine wirkliche, nicht auf eine mögliche Vergangenheit richtet, auch nicht, wie die Kunst, ihre Gebilde überhaupt ohne zeitliches und örtliches Datum hinstellen darf. Aber für die erkenntnistheoretische Struktur ihres Verfahrens macht das keinen prinzipiellen Unterschied, ebenso wie die Mathematik ihr prinzipielles Verfahren beibehält, gleichviel, ob sie ein in der Natur vorkommende Kurve (etwa die Parabel) oder eine rein konstruierte, bisher weder in der Natur, noch im Laboratorium geschaute, behandelt.

Es kommt hier eben in erster Linie auf den erkenntnistheoretischen Typus an. Und dieser ist, sowohl in der Kunst, wie auch in der bloß darstellenden Geschichte, nicht das Streben nach einem streng geschlossenen System, sondern die möglichste Annäherung an ein Maximum. Für die Geschichte heißt dieses Maximum die  vergangenge Wirklichkeit  schlechthin, für die Kunst, wenn sie naturalistisch ist, die gegenwärtige oder vergangene typische  Möglichkeit,  wenn sie idealistisch ist, die nach irgendwelchen ästhetischen oder ethischen Forderungen  gesteigerte  Wirklichkeit. Und beide, die Wissenschaft wie die Kunst, können sich ihrem Ziel nur annähern, es aber nie ganz erreichen. Von der Kunst ist es wohl anerkannt, daß sie ein unendliches Streben darstellt, der Idealismus nach dem Schönen, der Naturalismus nach der vollkommenen Treue der Wiedergabe des Typischen. Aber auch die Geschichte kann sich der Treue der Wiedergabe des Wirklichen nur nähern. Auch das Wirkliche ist nach WUNDT (8) ein  Grenzbegriff. 

Was BERNHEIM zur wissenschaftlichen Tätigkit der Geschichte rechnet, die Kritik und die Hermeneutik, das wäre - in einem System der Wissenschaften - nicht zur Geschichtswissenschaft, sondern zur Erkenntnistheorie und zwar zur Methodenlehre zu rechnen, die für alle Gebiete, für die Naturwissenschaften, die Geschichte, auch für die Kunst, egal ob sie das Typische oder das Ideale will, die Verfahrensweisen zu bestimmen hat. Daß dieses Verfahren der Kunst, ihre Technik, noch nicht zur Methodenlehre gerechnet wird, ist ein Mangel; sie gehört prinzipiell unter sie; wie sicherlich auch die Methodenlehre der auf die Naturwissenschaft gegründeten Technik, wie sie REULEAUX (9) versucht hat, unter die Methodenlehre zu rechnen ist. Die Erkenntnistheorie sollte dich nicht allein auf die Erkentnis des Möglichen richten. Und wenn die Kritik und die Hermeneutig ihr Werk getan haben, so ist noch nichts weiter vorhanden, als einzelne Tatsachen, von innerem Zusammenhang ist in jene Tatsachen selbst nichts eingeganen. Die Historik ist dann erst da angelangt, wo der Naturforscher und der Geograph oft ( wenn auch keineswegs immer) ohne wissenschaftlich Vorarbeit schon von Anfang an sind, nämlich bei seinem Material. Dieses Material besteht nicht in den Urkunden, Büchern, Inschriften, überhaupt in den Zeugnisse der Vergangenheit, sondern in den aufgrund der Zeugnisse erschlossenen Tatsachen. Und erst an diesen beginnt nun die spezifische Arbeit des Geschichtsschreibers, sei es, daß er sie bloß im Zusammenhang darstellen, sei es, daß er auch ihnen weitere, allgemeinere Wahrheiten erschließen will. Geschichtsforschung ist doch nur die Vorstufe der Geschichtsschreibung, nicht diese selbst, so wenig wie die Erlernung des Mikroskopierens oder die Anwendung der Mikroskopierkunst, wie fein und gewandt sie auch sein, schon Darstellung des Baues einer Pflanze oder eines Tieres ist.

Aber wenn so der darstellende Historiker wie der Künstler die durch alle Ereignisse der Welt hindurchgehende Kausalität ignorieren darf, so darf er nicht behaupten, daß sie nicht existiert. Und hierin scheint BELOW zu irren. Er scheint die Kausalität als eine Färbung der Dinge zu betrachten, die nur dem Philosophen und dem Naturforscher infolge ihrer besonderen "Brille" erscheint, dem Historiker aber gar nicht notwendig zu erscheinen braucht. Die Kausalität ist aber nicht nur ein künstliches Werkzeug, wie die Brille, sie bleibt jedem Menschen fremd, der bloß  anschaut,  auch dem Naturforscher und dem Philosophen und sie drängt sich jedem, auch dem Historiker notwendig auf, wenn er  denkt.  Sie ist auch kein "Glaube", sondern die notwendige Voraussetzung des Denkens, sie gehört bei vielen Philosophen zu den logischen Axiomen". Sobald der Historiker denkt, sobald der Wissenschaft treiben will, muß er alles in streng kausaler Verknüpfung sehen oder, wo diese Verknüpfung eine Lücke hat, einen Mangel der Wissenschaft zugeben.
    Wenn STAMMLER (10) meint, das Gesetz der Kausalität gelte nur für Erscheinungen, "vorliegende", also schon vergangene Handlungen, "woraus sich als sicher ergibt, daß unser Gesetz auf die Vorstellung von künftigen nur möglichen Handlungen und auf den Gedanken einer Wahl zwischen ihnen überhaupt noch keine Anwendung finden kann" und wenn er, vom Subjektiven zum Objektiven übergehend, hinzufügt: "Der Inhalt dieser eben genannten Vorstellungen bedeutet das gerade Gegenteil vom Inhalt derjenigen, die wir als Erscheinungen fassen können", so ist das seine, aber keineswegs wie er meint, indem er sich streng an KANT halten will, KANTs Ansicht. Er gibt keine Stelle an, wo KANT dergleichen gelehrt hat und er wird auch nirgends eine finden. Nur als sittlich wollendes Wesen ist der Mensch frei von der allgemein herrschenden Kausalität, nicht einmal als wollendes Wesen schlechthin; denn Akte der Willkür oder des Begehrungsvermögens, die bloß natürlich, nicht vernünftig sind, unterliegen ihr nach KANT ebenso, wie jedes Naturereignis. Als denkendes Wesen aber muß der Mensch nach KANT alles, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, auch seine und seiner Mitmenschen Handlungen nach dem Gesetz der Kausalität zusammenfassen, er kann ihm im Denken nicht entgehen, so wenig, als er über seinen Schatten springen kann. Wenn vor der Zukunft, so wie es sich STAMMLER vorstellt, die Kette der Kausalität abbräche, wie könnte KANT da die oben angeführten Gesetze aussprechen: "in mundo non datur saltus, non datur  hiatus,  non datur casus"? [In der Welt gibt es keine Sprünge, keinen Salto und keine Zufälle. - wp] KANT sagt vielmehr ausdrücklich: (11) "der Verstand kann von dieser (der Natur) nur erkennen, was da ist oder gewesen ist oder  sein  wird (nicht was sein  soll)",  ordnet also den Gesetzen des Verstandes die Zukunft nicht minder als die Gegenwart und die Vergangenheit unter.
STAMMLERs Dualismus ist ein ganz anderer als der, den KANT lehrt. Und zwar ist der erstere ein solcher, daß er jede Geisteswissenschaft unmöglich macht. Wenn die Kausalität für die Natur gilt, aber nicht für die menschlichen Handlungen, so sind eben die letzteren frei, es gibt keine Erklärung einer Tat im Sinne einer Subsumstion unter eine allgemeine Regel, es ist vielmehr dann alles regellos, es gibt dann aber auch keine Pädagogik und keine Politik, die beide auf eine Technik der Lenkung des Willens ausgehen und wie jede Technick, ein gesetzmäßiges Verhalten ihres Materials wie ihrer Werkzeuge voraussetzen. Ein solchen, Geisteswissenschaft und Geistesführung zerstörenden Dualismus hat KANT nie gelehrt. Der betrachtende Mensch kann sich niemals von der Denkform der Kausalität befreien, der sittlich wollende freilich kann die Kausalreihe durchbrechen.
    Jeder hat nach KANT seinen intelligiblen und seinen empirischen Charakter. Der letztere ist Erscheinung, als solche für den denkenden Zuschauer - sowohl für einen Fremden, als für den Träger des Charakters, so weit er sich selbst betrachtet - den Naturgesetzen unterworfen, die häufig gar keine Unterbrechung erleiden, bisweilen aber durch die Eigenschaft des intelligiblen Charakters, selbst Anfang einer Reihe von Wirkungen zu sein, die in der äußeren und der inneren Natur nicht verursacht sind, einer gewissen Störung ausgesetzt sind. Der denkende Beobachter muß dann eben das Sittengesetz als einen besonderen Modus der Verursachung von Handlungen anerkennen und wenn er nach KANT dieses selbst auch nicht erklären und aus irgendwelchen Bedingungen ableiten kann, er es doch als eine unter gewissen Voraussetzungen wirkende Kraft in seine Rechnung aufnehmen muß. Ähnlich, wie etwa ein Physiker elektrische Experimente macht, die durch einen in der Nähe befindlichen Magneten modifiziert werden.
Auch das ist freilich ein Dualismus und ihn muß die von KANT ausgehende, aber nicht bei ihm stehen bleibende Wissenschaft zu überwinden suchen, anstatt da, wo KANT schon Einheit und Konsequenz erreicht hatte, einen neuen Dualismus zu schaffen. Wenn KANT den wollenden Menschen so sehr von allen anderen Erscheinungen trennt, daß er von ihm sagt, er könne Ursache werden, ohne Wirkung gewesen zu sein, er könne eine Kausalreihe selbständig beginnen, so müssen freilich starke Tatsachen vorliegen, um diesen besonnenen Denker zur Annahme einer solchen Diskontinuität zu bringen. Und diese Tatsachen sind die der eigentümlichen Natur der psychischen Kausalität. SCHOPENHAUER hat mit Recht darauf hingewiesen, daß in der unbelebten Natur der Satz gilt: "der Grad der Wirkung ist gleich dem Grad der Ursache" oder wie man es jetzt ausdrückt: "die Wirkung ist der Ursache äquivalent". In der belebten Welt, in der Physiologie fand er diese Äquivalenz nicht. Der Begriff der Auslösung hat es nach ihm ermöglicht, sie auch darin noch durchzuführen. Am allerentferntesten von der Äquivalenz schien ihm die Kausalität des menschlichen Handelns. Und darin hat er für alle Ewigkeit recht.
    Das menschliche Handeln ist von so komplizierten Bedingungen abhängig, daß an eine Vergleichbarkeit eines Willensaktes des Menschen mit dem äußeren Reiz, der auf ihn eindringt, selten noch zu denken ist, die Beziehung zwischen Reiz und Reaktion entfernt sich vielmehr desto weiter von der Äquivalenz, je mehr bewußte Wahl auf den Reiz folgt. Am nächsten werden jener Äquivalenz noch die Triebhandlungen sein, wenn man sie mit Hilfe des Begriffs der Auslösung deutet, am entferntesten aber diejenigen, die auf einem bestimmten, erworbenen Charakter beruhen. Die Triebhandlungen beruhen auf Reizen, auf einzelnen Empfindungen oder Vorstellungen, z. B. das Tanzen auf der erregenden Kraft gewisser Gehörsempfindungen, die Charakterhandlungen aber auf abstrakten Grundsätzen. Empfindungen jedoch und Vorstellungen unterliegen dem Gesetz der Ermüdung, sie können sich im Laufe der Zeit abstumpfen und ihren Einfluß auf den Willen verlieren. Grundsätze hingegen, z. B. der Vorsatz, nie Böses mit Bösem zu vergelten, steigern durch Wiederholung ihren Einfluß, die Gewöhnung befestigt ihre Kraft, anstatt sie zu vermindern, so daß sie allerdings ein ganz anderes Verhältnis zum menschlichen Willen zeigen, als der Reiz der Empfindungen und der Vorstellungen. Auch bei den Grundsätzen ist die Mitwirkung des Gefühls (besonders bei erhabenen, "großen" Geboten) nicht ganz ausgeschlossen, aber sie tritt doch hinter der Mach der Gewöhnung und der logischen Konsequenz so sehr zurück, daß es schließlich verständlich ist, warum KANT die sittlichen Grundsätze aus dem Naturzusammenhang heraushob. Nur hätte er diese Heraushebung lediglich auf die spezifische Art der Wirkung der Grundsätze des Charakters gründen sollen, nicht auf eine vermeintliche völlige Zusammenhangslosigkeit mit den übrigen Seelenleben, aus dem sich doch der Charakter schließlich aufgebaut hat.
Aber wenn auch die Gleichheit von Ursache und Wirkung auf dem Gebiet der menschlichen Handlungen aufhört, so hört doch damit nicht die Kausalität selbst auf. Nur die naturwissenschaftliche Kausalität endet hier; und, soweit in seiner Betonung des Unterschieds der Geschichte von den Naturwissenschaften BELOW dies meint, ist er im Recht. Auf der Gleichheit von Ursache und Wirkung und auf der Meßbarkeit der Erscheinungen beruth die Fähigkeit der Naturwissenschaften, in vielen Gebieten den Eintritt gewisser Veränderungen auf Tag und Stunde, in manchen sogar auf Minute und Sekunde vorauszusagen und die Möglichkeit, die Größe dieser Veränderungen genau zu bestimmen, kurz: die sogenannte "Exaktheit", die man nach gewöhnlichem, aber unberechtigtem Sprachgebrauch nur da findet, wo es quantitative, nicht bloß qualitative Gesetze gibt.

Dieser Grad wissenschaftlicher Erkenntnis ist nun freilich für die Handlungen Einzelner oder ganzer Gruppen von Menschen, die nach BELOW und nach der bisher vorwiegenden Richtung den Gegenstand der Geschichte bilden, ganz unerreichbar. Die besondere Beschaffenheit der psychischen Kausalität läßt, wie wir gesehen haben, keine Vorausberechnung auf Tag und Stunde zu, so daß wir z. B. nicht wissen, ob und wann sich das christliche Kreuz wieder über der Hagia Sophia in Konstantinopel erheben wird und ebensowenig erklären können, warum ein bestimmtes Ereignis, z. B. die Ermordung WALLENSTEINs, gerade an diesem bestimmten Tag, dem 25. Februar 1634, eintrat. So können wir niemals die Glieder einer geschichtlichen Kausalreihe quantitativ genau bestimmen. Oft aber fehlt uns die stetige Kausalreihe überhaupt. Von manchen Handlung wissen wir die Ursache, die Summe der Motive gar nicht. Und wenn wir sie erschließen wollen, so machen wir den Schluß von der Wirkung auf die Ursache, der nach einer sehr alten logischen Regel sehr unsicher ist. Denn eine Ursache kann nur eine bestimmte Wirkung haben, aber eine Wirkung, ein Ereignis, kann sehr verschiedenen Ursachen entsprungen sein. Das Herzklopfen, z. B. ist ein Symptom, eine Wirkung, die aus sehr verschiedenen Ursachen, sehr verschiedenen pathologischen Zuständen entstanden sein kann. Es kann in konstanter Nervorsität, in vorübergehender Erregung, in einer Vergiftung, in einem Herzklappenfehler oder in anderen Verhältnissen seinen Ursprung haben.

Immer also, wenn es sich um die Darstellung geschichtlicher Ereignisse, die doch schließlich nur menschliche Taten sind, handelt, wird man sich mit einer ähnlichen Darstellung begnügen müssen, wie die Kunst: mit einer Wiedergabe des Einzelnen, in der die Kausalkette oft abbricht oder nur nach unsicheren Analogien fortgeführt wird, die ferner mit allgemeinen Begriffen an ihren Gegenstand herantritt, aber die besonderen Züge desselben der Anschaulichkeit wegen sorgfältig verzeichnet, ohne daß sie nötig hat, bei jedem dieser Züge das Warum seines Erscheinens zu erklären. Als ein mustergültiges Beispiel dieser Art anschaulicher geschichtlicher Darstellung sei etwa die "französische Revolution" CARLYLEs genannt.

Da indessen die Geschichte, wie oben bemerkt, ein anderes Maximum hat, dem sie sich zu nähern strebt, als die Kunst, nämlich die Wirklichkeit schlechthin, während die naturalistische Kunst dem möglichen, durchschnittlichen, die idealistische dem möglichen, aber qualitativ gesteigerten Leben nachstrebt, so ist es verständlich, wenn BERNHEIM (12) die Geschichte nicht mit der Kunst vermengt wissen will. Sie fallen zwar in der Erkenntnistheorie unter dieselbe Gattung, die Geisteserzeugnisse, die nur teilweise den Begriff der Kausalität anwenden, aber sie sind spezifisch verschieden. Die Geschichte darf nichts verrücken, weder Inneres noch Äußeres, die Kunst darf nicht Äußeres ändern, sie kann Namen, Orte, Datierung verändern, wenn nur die innere Wahrheit erhalten bleibt. Darum ist es wohl besser, die Geschichte, wie sie BELOW im Auge hat und die große Mehrzahl der geschichtlichen Werke sie geben, "darstellende Geschichte" zu nennen. Ähnlich wie HERBART (13) denjenigen Vortrag des Lehrers, der weiter nichts bezweckt als die sinnliche Anschauung zu ersetzen, so zu sprechen, daß der Schüler das Beschriebene zu sehen und zu hören glaubt, den bloß  darstellenden  Unterricht nennt, von dem erden an das Denken sich wendenden als analytischen oder synthetischen unterscheidet.

Ohne Zweifel hat die "darstellende" Geschichte Vorzüge. Sie befriedigt, so weit es möglich ist, das Bedürfnis nach Anschauung, das nicht bloß beim naiven, sondern auch beim entwickelten Menschen ein sehr hohes ist. Wir möchten alle gern Zuschauer der bedeutungsvollen Taten und Ereignisse der Vergangenheit sein. Außerdem ist die Darstellung großer Persönlichkeiten von pädagogischem Wert und desto wirksamer, je mehr anschauliche Einzelheiten sie einfügt.

Aber für das Denken ist die Geschichte als bloße, wenn auch noch so künstlerische Darstellung immer und ewig ungenügend. Wer denkt, will im Wechsel das Beständige sehen, den "ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht", als das den Erscheinungen Gemeinsame, die allgemeinen Wahrheiten. Solcher bedarf auch der Politiker, nicht einer Tatsache von beschränkter Dauer, sondern stets gültiger, allgemeiner Sätze, mit deren Hilfe er aus der Gegenwart seine Schlüsse auf die Zukunft ziehen kann. Und auch BELOW kann sich dieses Verlangens nicht entschlagen. Er meint, der Nutzen der historischen Betrachtung sei sehr positiver Natur (Seite 243) und führt als positiv-nützlich zwei "allgemeine Wahrheiten" an:
    1. den Gedanken der historischen Rechtsschule, daß das Recht ein Produkt des Volksgeistes ist, der aber seine Einschränkung durch "die RANKEsche Entdeckung vom Einfluß der auswärtigen Verhältnisse auf die inneren Vorgänge der Staaten";

    2. "die Anschauung von der tiefgreifenden Bedeutung der Persönlichkeit", die ebenfalls der von der historischen Rechtsschule und der Romantik ausgegangenen Hochschätzung des Volksgeistes zur Einschränkung dient
Schon LAMPRECHT hat in seiner Gegenschrift (Seite 24) mit Recht bemerkt, daß mit diesen "allgemeinen Wahrheiten" das Gebiet der Geschichte der Taten und Ereignisse überschritten ist. BELOW wird darauf vielleicht einwenden, daß er bloß von allgemeinen Wahrheiten als Zusammenfassungen dessen, was vielen Einzelerscheinungen gemeinsam ist, nicht von Gesetzen gesprochen habe. Und nur wo Gesetze gelten, da ist auch Kausalität.

Indessen dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Wenn BELOW den RANKEschen Satz anerkennt, daß die auswärtigen Verhältnisse Einfluß auf die inneren Vorgänge der Staaten haben, so gibt er zu, daß hier gewisse Ursachen  immer und notwendig  gewisse Wirkungen haben, d. h. die Kausalität in ihren beiden spezifischen erkenntnistheoretischen Merkmalen, der Allgemeinheit und der Notwendigkeit, vorhanden ist. Damit ist nicht gesagt, daß die Wirkungen jener Ursachen immer sichtbar werden müssen, sie können ja durch irgendwelche anderen Mächte dieser Sichtbarkeit beraubt werden und im Zustand bloßer Spannkräfte bleiben. Vorhanden müssen sie aber jedenfalls sein, sonst wäre eben jene Wahrheit vom Einfluß der auswärtigen Verhältnisse keine "allgemeine" und für Folgerungen, für "positiven Nutzen" ninchts mit ihr anzufangen. Und ebenso wenig hätte sie irgendwelche logische Kraft, wenn sie nicht auf Notwendigkeit beruth.

Nun ist es aber unmöglich, auf einem Gebiet, wie es die Geschichte ist, das erfahrungsgemäß in allen seinen Teilen zusammenhängt, hier die Kausalität gelten, dort aber nicht gelten lassen zu wollen. Denn in einem so zusammenhängenden Gebiet steht alles schließlich in  Wechselwirkung Diese ist, sobald man die Kausalität anerkennt und, wie die Wissenschaft es notwendig tun muß, für die Welt der Erfahrung, sowohl die physische als auch die geistige, die Endlichkeit annimmt, eine notwendige Folgerung. Sie ist bei KANT ein wesentliches Element der Wirklichkeit, wobei er nur darin irrt, daß er sie nicht aus der Kausalität ableitet, sondern als selbständige, neue Kategorie neben sie stellt. Und sie ist bei einem nur von der Erfahrung ausgehenden Denker, wie SPENCER, sogar eine in stetem Wachstum begriffene Erscheinung. Denn zu seinem Begriff der Evolution gehört auch die stets zunehmende Abhängigkeit aller Elemente des Seienden voneinander und ihre zunehmende Wirkung aufeinander. Jedes kleine oder große Moment der Geschichte muß also, da es sich nicht in eine Unendlichkeit zerstreuen kann, in seiner zeitlich und räumlich kausalen Fortwirkung schließlich mit jedem anderen Moment einmal zusammenkommen, sich mit ihm vereinigen oder interferieren [überlagern, wp]. Ist also die Kausalität an einem Punkt aufgehoben, so gibt es auch keine Sicherheit ihrer Geltung für alle anderen Punkte. Herrscht in den übrigen Beziehungen der Geschichte keine regelmäßige Kausalität, so ist es auch notwendig, daß diese Unregelmäßigkeit in die Beziehung der äußeren zu den inneren Verhältnissen der Staaten übergreift und die nach RANKE vorhandene Regelmäßigkeit dieser Beziehung vernichtet. Nun scheint ja auch BELOW nur zu sagen, die Kausalität sei vielleicht vorhanden, aber nicht erkennbar. Wenigstens Seite 239, Anm. erklärt er, er leugne nur, daß es wahrnehmbare Gesetze der Geschichte gebe.
    "Denn es läßt sich ja nicht beweisen, daß der Charakter der Notwendigkeit bei den geschichtlichen Ereignissen absolut ausgeschlossen ist."
Aber anderswo scheint ihm wieder der Ausschluß dieser Notwendigkeit als das Richtige. So Seite 245:
    "Wer einem  sozialen Ideal,  wer überhaupt einem Ideal huldigt, der protestiert gegen den lähmenden Gedanken einer rein gesetzmäßigen Entwicklung".
Es ist wohl der STAMMLERsche Dualismus, der hier zugrunde liegt, von dem oben nachgewiesen wurde, daß er ein anderer als der KANTsche ist, aber er ist logisch unhaltbar. Wird die Kausalität in einem Teil der Geschichte aufgegeben, so ist sie auch in den übrigen Teilen zerstört. Gibt es, mit KANT zu reden, einen "hiatus", eine Lücke im Zusammenhang der Welt, so gibt es keine Kausalität. Und es wäre sehr leicht an KANT anknüpfend nachzuweisen, daß ohne Kausalität nicht bloß die Ordnung der objektiven Welt, sondern auch die des Denkens aufhören würde, daß schon in der Anerkennung der Gesetze der Association der Vorstellungen die Kausalität vorausgesetzt wird, daß ohne sie eine sehr einfache Leistung des Denkens, die Erwartung, also erst recht jedes kunstmäßige Denken unmöglich wäre, daß die Kausalität also im Wesen des Denkens (der Synthesis des Bewußtseins oder der synthetischen Einheit des Bewußtseins, wie KANT sagt) begründet ist. Und sie läßt darum keinen Hiatus zu.

Und gerade, wer "einem Ideal huldigt", der bedarf für seinen Glauben einer durchgehenden Kausalität, also auch durchgehender Gesetzmäßigkeit, ähnlich wie oben erinnert wurde, daß der Pädagoge und der Politiker den Determinismus des Willens voraussetzen. Denn wenn in der Geschichte die Kausalkette jeden Augenblick abbrechen kann, dann ist es, wie streng auch ihr bisheriger Verlauf die Richtung auf den Idealzustand beibehalten habe, doch nicht sicher, daß sie schließlich zu ihm führt. Die Richtung kann ja im allgemeinen, teils vorwärts, teils rückwärts wogenden Chaos untergehen. Wer aber mit vielen Denkern, Philosophen wie Historikern glaubt und mit GOETHE denkt: "Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltsam das  Notwendige  bewirkt und sich dadurch sogar über das Zufällige zum Herrn erhebt", (14) der ist Idealist, weil er die Überzeugung hat, daß sein eigenes Tun sich in einen großen forttragenden Strom einordnet, nicht in irgendwelchen gesetzlosen Zufälligkeiten versandet.
LITERATUR - Paul Barth, Fragen der Geschichtswissenschaft, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 23, Leipzig 1899
    Anmerkungen
    1) GEORG von BELOW, Die neue historische Methode. In der "Historischen Zeitschrift" (begründet von HEINRICH von SYBEL). Bd. 81 (neue Folge 45), Heft 2, München und Leipzig 1898, Seite 193 - 273. Dagegen: KARL LAMPRECHT, Die historische Methode des Herrn von BELOW, eine Kritik. Berlin 1899
    2) Vgl. R. MAYR, Die philosophische Geschichtsauffassung der Neuzeit I, Wien 1877, Seite 93
    3) Vgl. meine "Philosophie der Geschichte als Soziologie I", Leipzig 1897, Seite 18f
    4) BENEDETTO CROCE, Il concetto della storia ridotto sul concetto generale dell' arte, 2. edizione, Roma 1896
    5) CROCE, a. a. O. Seite 89
    6) E. BERNHEIM, Lehrbuch der historischen Methode, 2. Auflage, Leipzig 1894, Seite 111 und 599
    7) KANT, Kritik der reinen Vernunft (Ausgabe Kehrbach), Seite 213
    8) WILHELM WUNDT, System der Philosophie, 1. Auflage, Seite 161, 2. Auflage, Seite 154
    9) FRANZ REULEAUX, Theoretische Kinematik, Braunschweig 1875
    10) RUDOLF STAMMLER, Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung, Leipzig 1896, Seite 363
    11) KANT, Kritik der reinen Vernunft, (Ausgabe Kehrbach) Seite 438
    12) GEORG BELOW, Lehrbuch der historischen Methode, 2. Auflage, Leipzig 1894, Seite 100f
    13) HERBART, Allgemeine Pädagogik, 2. Buch, 5. Kapitel, I. Umriß pädagogischer Vorlesungen, § 107f
    14) Dieser an einen bekannten Ausspruch AUGUSTIINs und PASCALs anklingende Satz GOETHEs ist bei WILHELM DILTHEY, Einleitung in die Geisteswissenschaften I, Leipzip 1883, Seite 66 zitiert.