ra-3F. MauthnerStirnerS. I. HayakawaR. M. LauerF. FerrerTolstoi    
 
PAUL BARTH
Die Geschichte der Erziehung
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I - II - III - IV - V - VI

"Alle Rassen geben unter den neugeborenen Kindern den Knaben den Vorzug, die als Krieger und Jäger dem Stamm nützlich werden können, ziehen darum möglichst viele Knaben auf, während sie fast alle Mädchen aussetzen."

"Bei den sogenannten  unsteten  Völkern - den Patagoniern, den Feuerländern, den Eskimovölkern, den Ainos, den Australiern und den Tasmaniern - bei ihnen allen werden die Kinder  verwöhnt.  Sie werden viel liebkost und nie bestraft, auch nicht für grobe Unarten, höchstens, daß sie bei den Nord-Australiern, wenn sie besonders lästig sind, von der Mutter auf die Erde gesetzt und auf einige Stunden allein gelassen werden. Bisweilen werden die Kinder auch von beiden Eltern vernachlässigt, jedenfalls aber niemals erzogen. Nur die für das Leben nötigen technischen Fertigkeiten werden gelehrt."

I.

Die Erziehung ist die Fortpflanzung der Gesellschaft. Man könnte meinen, diese Definition sei zu weit, sie müsse dahin eingeschränkt werden, daß die Erziehung die geistige Fortpflanzung der Gesellschaft bedeute. Aber die Gesellschaft ist ja ein geistiger Organismus, wie ich in einer früheren Abhandlung in dieser Zeitschrift (1) zu beweisen versucht habe. sie kann sich also nur auf geistigem Wege, d. h. durch Einwirkung auf den Willen und die Vorstellungen fortpflanzen. Aus der physischen Fortpflanzung der in ihr vereinigten Menschen ergibt sich nicht die Gesellschaft der neuen Generation, sondern nur das  Material  für dieselbe. Die Gesellschaft der Spartaner pflanzte sich nicht dadurch fort, daß Kinder geboren, sondern dadurch, daß diese Kinder zur Lebensauffassung und Lebensführung der Alten gebildet wurde.

Freilich auch dieses Material - die Kinder - muß von der Gesellschaft hervorgebracht werden. Sie hat dafür ein besonderes Organ, die  Familie.  Wie mannigfach auch die Formen und Verfassungen derselben im Laufe der sozialen Entwicklung sein mögen, das Wesentliche ist die länger oder kürzer dauernde Verbindung zweier oder mehrerer Menschen verschiedenen Geschlechts, die bei keiner der mannigfaltigen Formen fehlt. Und da Physisches und Geistiges in den Anfängen ungetrennt sind, so wird die Familie in den Anfängen der Gesellschaft nicht bloß das Organ für die Erneuerung des Stoffes der Gesellschaft, sondern auch für ihre Fortpflanzung als solcher, für die Erziehung sein. Und auf allen Stufen der Kultur wird die Familie Organ der ersten Schritte der Erziehung bleiben, da diese von der physischen Aufzucht untrennbar sind.

Im allgemeinen aber werden für die Gesellschaft immer mehr Organe der Erziehung notwendig werden, je umfassender ihre Aufgabe wird, d. h. je mehr Kulturerwerb an Willensdispositionen, an Wissen und an Können auf die künftige Generation zu übertragen ist. Das Prinzip der  Arbeitsteilung,  das im physischen Organismus, zur Differenzierung der Zellen und zur Erzeugung mannigfaltiger Gewebe führt, wird sich auch an den Organen der Erziehung immer mehr geltend machen, aus Organen werden sich Organsystem entwickeln.

In dieser Beziehung also, in der äußeren Organisation, die der Erziehung dient, haben wir stetige Veränderungen in der Erziehung zu erwarten, die vielleicht mit der allgemeinen Arbeitsteilung gleichen Schritt halten, vielleicht aber, - je nach besonderem Interesse oder besonderer Gleichgültigkeit der Gesellschaft für die Erziehung - schneller oder langsamer, als im sonstigen sozialen Leben, sich durchsetzen werden.

Aber nicht bloß die äußere Organisation, sozusagen die  Form  der Erziehung, wird von der allgemeinen Gliederung der Gesellschaft abhängen, auch ihr  Inhalt,  d. h. alles, was im weitesten Sinne zu lehren ist, wird der Wandlung unterworfen sein, je nach dem, was der jeweiligen Gesellschaft an Ideen, Kenntnissen, Fertigkeiten, Eigenschaften des Willens wichtig erscheint. Und außerdem wird auch hier die Arbeitsteilung ihren Einfluß geltend machen. Im Laufe der Geschichte wird der Unterschied der Stände und Klassen größer und macht eine nach den verschiedenen Klassen verschiedene Lebensausrüstung notwendig.

In zweifacher Hinsicht also, in Bezug auf seine Form (d. h. seine äußeren Einrichtungen) wie auch seinen Inhalt (d. h. die Ideen, die es verfolgt) wird das Erziehungswerk ein  Spiegel  des Lebens und der Tätigkeit der jeweiligen Gesellschaft sein. Aber nicht bloß ein Spiegel, da es den gespiegelten Gegenstand, die Gesellschaft, keineswegs unverändert läßt. Da in ihr alles in Wechselwirkung steht, so wird die Erziehung nicht bloß vom Leben der Gesellschaft abhängig sein, sondern auch auf dieses zurückwirken. Sie wird möglicherweise durch Tradition oder durch logische Konsequenz Ideale vertreten, die dem gleichzeitigen Leben der Gesellschaft entgegengesetzt sind und so diesem eine, wenn auch nicht völlig entgegengesetzte, doch von der ursprünglichen abgelenkte Richtung geben können.

Wenn wir so die Wechselbeziehungen zwischen Gesellschaft und Erziehung verfolgen, so werden wir teils die Geschichte der letzten als Teilbewegung einer allgemeineren begreifen, teils das Auftauchen neuer Ideale in der Gesellschaft auf einen Teil seiner Ursachen zurückzuführen vermögen.

Eine Darstellung jener Wechselbeziehungen ist bisher nicht vorhanden. Im einzigen Werk, das hierfür zunächst in Betracht käme, LORENZ von STEINs "Bildungswesen" (2), wird sie nur dürftig gegeben. Abgesehen von den äußeren Vollkommenheiten, den fortwährenden Wiederholungen, der großen Flüchtigkeit, die mannigfache Irrtümer verursacht hat, den breiten Abschweifungen, die fast unvermittelt in das Gebiet der Staatswissenschaft übergehen, vom Fehlen des Schlusses, wodurch das 19. Jahrhundert außerhalb der Betrachtung bleibt, - von alledem abgesehen hat diese Arbeit noch einen großen Mangel, nämlich eine durchgehende, auf Ungenügen des Quellenstudiums beruhende Unzulänglichkeit der Einzelheiten der Geschichte sowohl der Gesellschaft als auch der Erziehung. Die gangbaren Geschichten der Pädagogik - mit Ausnahme der "Geschichte des gelehrten Unterrichts" FRIEDRICH PAULSENs (3), die wenigstens für den höheren Unterricht die Bedingtheit durch geistige Strömungen nachzuweisen sucht (4), - zeigen kein Bewußtsein der Aufgabe den Zusammenhang der Erziehung mit der Gesellschaft zu verfolgen. Im allgemeinen ist bloß die Rede von einem "kulturhistorischen Standpunkt", von dem man die Geschichte der Pädagogik treiben wolle, eine Versicherung, die ebenso wenig besagt, als wenn man eine Geschichte der Tiere vom zoologischen Standpunkt zu schreiben erklärte. Denn Kultur ist alles, was nicht Natur ist, was vom Menschen - oft gegen die unmittelbaren, natürlichen Triebe - geschaffen wurde.

Die  Form  nun, die äußere Organisation läßt sich a priori nicht näher bestimmen. Der  Inhalt  aber läßt sich aus psychologischen Gründen in 4 Teile zerlegen. Er muß sich erstens auf den Willen beziehen und in diesem
    a) gewisse, der Gesellschaft wertvolle Dispositionen erzeugen, die persönlichen und die sozialen Tugenden,
    b) dem Willen die Behandlung der Objekte lehren, die ohne Wissen nicht möglich ist, d. h. gewisse Fertigkeiten beibringen.
Er muß aber zweitens auf das Vorstellungsleben einwirken und zwar
    a) das vermeintliche oder wirkliche erworbene Einzelwissen der neuen Generation überliefern,
    b) die Gesamtanschauung der Welt, die auf keiner Stufe fehlt, auf sie übertragen.
Um die vier Teile durch eine kurze Bezeichnung auseinander zu halten, sei es gestattet, sie in obiger Reihenfolge bezüglich  Zucht, Unterweisung, Unterricht  und  Belehrung  zu benennen.

Unsere Betrachtung müssen wir bei den Naturvölkern beginnen, da diese nach einer bisher unerschütterten Hypothese die frühesten Stufen der Entwicklung der Kulturvölker darstellen. (5)

Bei den Naturvölkern wird die Erziehung notwendig eine Sache der  Familie  sein oder eines größeren Verbandes, dem die Familie selbst angehört. Jedenfalls, da keine Arbeitsteilung bei ihnen vorhanden ist oder die Arbeitsteilung nur innerhalb der Familie stattfindet, dürfen wir auch hierfür keine besondere Organisation erwarten.

Es wäre nun ein sehr verlockender Versuch, eine der verschiedenen  Entwicklungsgeschichten der Familie  auszuwählen und ihre Wandlungen, wie auch ebenso viele Änderungen der Erziehung nachzuweisen. Solche Entwicklungsgeschichten gibt es schon mehrere.
    L. H. MORGAN hat eine sehr bestimmte Abfolge verschiedener Fassungen der Familie als parallelgehend mit verschiedenen Stufen der Kultur zu erweisen versucht. Von letzteren nimmt er für die Naturepochen der Gesellschaft 6 an, nämlich 3 Stufen der "Wildheit" und 3 der Barbarei, jede derselben durch einen technischen Fortschritt gekennzeichnet. Die Unterstufe der Wildheit, die von MORGAN allerdings bloß erschlossen, nicht durch ein lebendiges Beispiel belegt worden ist, kennt nur wilde Früchte als Nahrungsmittel, die Mittelstufe bricht mit dem Fischfang an und dem Gebrauch des Feuers, die Oberstufe beginnt mit der Erfindung des Bogens. Diese ganze Periode der Wildheit zeigt zugleich zwei Formen der Ehe, die MORGAN als blutsverwandte und als Punalua-Ehe bezeichnet. (6) Die erste besteht aus leiblichen Brüdern und Schwestern, die ehelich zusammen leben, die zweite entweder aus leiblichen Schwestern, die mit fremden Männern oder aus leiblichen Brüdern, die mit fremden Frauen eine unterschiedslos ehelich verkehrende Gruppe bilden.

    Die beginnene Barbarei kennzeichnet sich durch die Töpferkunst, die Mittelstufe derselben in der alten Welt durch die Zähmung von Haustieren, in der neuen Welt durch den Gartenbau, die Oberstufe durch die Verarbeitung des Eisens. Die "Paarungsfamilie", eine neue Eheform  eines  Mannes mit  einer  Frau, die zwar ausschließlich, aber nicht lebenslänglich miteinander leben, sondern ihren Bund öfter wechseln, entsteht bei viele Völkern gleichzeitig mit der Barbarei und geht auf der Oberstufe derselben in die monogamische über, die bei anderen Völkern direkt auf die Punalua-Familie folgt (7) und mit dem Beginn der Zivilisation, d. h. der Erfindung der Schrift allgemein wird. Die Ausschließung der Blutsverwandten von der Ehe, die schon in der Punalua-Familie durchgeführt wurde, dauert in wachsender Strenge fort und ist eine der wesentlichen Funktionen des "Geschlechtsverbandes", der eine Einheit mehrerer verwandter oder sich für verwandt haltender Paarungsfamilien oder monogamischer Familien darstellt.

    Die blutsverwandte, die Punalua- und die monogamische Familie sind nach MORGAN allgemeine, überall bei den geschichtlichen Völkern nachweisbare Stufen der Entwicklung der Familie, während die Paarungsfamilie und die patriarchalische (die Ehe eine Mannes mit mehreren Weibern) nur bei einigen Völkern als Zwischenstufen vorkommen, die erste bei den nordamerikanischen Indianern, die zweite bei den Semiten.

    Auch sind die Familienformen nicht gleichmäßig auf die verschiedenen Kulturstufen verteilt. Die Punalua-Familie fällt sonst in die Periode der Wildheit, bei den alten Briten aber in die Mittelstufe der Barbarei (8).

    Durch die Verschiedenheit der Familienform erklären sich nach MORGAN auch die zwei verschiedenen  Verwandtschaftssystem,  die in der Ethnologie und in der Geschichte auftreten,  das klassifizierende und das deskriptive.  Das erste unterscheidet zunächst die Generationen: Väter und Mütter, Söhne und Töchter, Enkel und Enkelinnen. Innerhalb der Generationen sind unter der Herrschaft der blutsverwandten Familienform alle Mitglieder derselben Generation Brüder und Schwestern. Dieses von MORGAN als das "malayische" bezeichnete Verwandtschaftssystem überdauert sogar die blutsverwandte Familie und gilt noch unter der Herrschaft der Punalua-Familie. Unter der Punalua-Familie aber bildet sich eine neue Unterscheidung aus. Es werden nicht mehr alle gleichaltrigen als Brüder und Schwestern betrachtet, sondern bloß die wirklich innerhalb der Punalua-Familie Geborenen. Für den Mann heißen zwar die Kinder seiner Brüder noch wie im malayischen System Söhne und Töchter, die Kinder der Schwester aber nicht mehr wie im malayischen System Söhne und Töchter, sondern Neffen und Nichten, für die Frau nur noch die Kinder der Schwester Söhne und Töchter, die Kinder der Brüder aber ebenfalls Neffen und Nichten. (9) Auch dieses Verwandtschaftssystem, das "turanische" bei MORGAN, besondern bei den dravidischen Völkern beobachtet, überdauert nach ihm die Familienform, der es seinen Ursprung verdankt. Es ist bei vielen Stämmen der Indiander Nordamerikas in der Sprache noch im Gebrauch, obgleich sie von der Punalua-Ehe längst zur Paarungs-Ehe übergegeangen sind. (10) Diesen beiden Arten des klassifizierenden Verwandschaftssystems steht das deskriptive gegenüber, das aus der monogamischen Familie hervorgeht (11) und die Beziehungen derselben nach Blutsverwandtschaft und Verschwägerung bezeichnet, den Begriff des Grades der Verwandtschaft strenger durchgeführt hat, wie er sehr bewußt im römischen Recht ausgebildet ist (12) und darum z. B. nicht mehr eigene Söhne und Söhne des Bruders (Neffen) gleich bezeichnet.

    Ein anderes Schema hat MacLENNAN entworfen und als das wahre zu erweisen versucht: Alle Rassen geben unter den neugeborenen Kindern den Knaben den Vorzug, die als Krieger und Jäger dem Stamm nützlich werden können, ziehen darum möglichst viele Knaben auf, während sie fast alle Mädchen aussetzen. (13) Dadurch entsteht ein Mangel an Frauen und aus diesem wieder zuerst die ganz allgemeine Sitte des Frauenraubs, dann das Prinzip der  Exogamie,  d. h. der Heirat eines fremden Weibes und das Verbot der  Endogamie,  der Heirat eines einheimischen. So liegt nach MacLENNAN am ersten Anfang der Geschichte nicht die Ehe der Blutsverwandten, sondern zunächst die  Promiskuität,  d. h. völlig regelloser Geschlechtsverkehr (14), dann die  Polyandrie,  d. h. die Ehe mehrerer Männer mit einer oder mit mehreren Frauen, die sich besonders charakteristisch noch jetzt mit Verwandtschaft in weiblicher Linie bei den Nairen (einem Dravidastamm) und mit Verwandtschaft in männlicher Linie bei den Tibetanern zeigt. (15) Aus ihr entsteht allmählich die  Monogamie.  Die große Ausdehnung der Verwandtschaftsbezeichnungen, die sich in MORGANs klassifikatorischen Verwandtschaftssystemen zeigt, erklärt MacLENNAN teils aus der "Höflichkeit" der primitiven Menschen (16), teils aus beiden Formen der Polyandrie. (17)
Über den Ursprung der Exogamie gehen die Ansichten sehr auseinander. MacLENNAN führt sie, wie oben bemerkt, auf den Frauenraub zurück, E. WESTERMARCK, wie wir weiter unten sehen werden, auf eine natürliche Abneigung gegen ehelichen Verkehr mit nahen Angehörigen, mit denen man fortwährend gemeinsam gelebt hat. Er erklärt also die Exogamie aus Scheu vor der Blutschande, während E. DURKHEIM (Année sociologique I, 1898, Seite 1f) umgekehrt diese Scheu aus der Exogamie herleitet. Nach seiner Ansicht gilt bei den Naturvölkern das Mädchen unmittelbar nach Eintritt der Pubertät, ebenso die menstruierende Frau und die Frau, die geboren hat, als unrein, d. h. ursprünglich als heilig und zwar, weil im weiblichen Blut das Blut des gemeinsamen Ahnen, nämlich des heiligen Tieres oder der heiligen Pflanze der Gens, des "Totem", zum Vorschein kommt. So wir das Weib der eigenen Gens tabu, unberührbar und es können zur Ehe nur Weiber einer fremden Gens, deren Totem nicht tabu ist, genommen werden. Diese Sitte, meint DURKHEIM, überlebt dann, wie alle Sitten den Glauben, der sie erzeugt hatte. Ich glaube, daß DURKHEIM der Wahrheit näher kommt, als die anderen Erklären.
    Beiden, MORGAN wie MacLENNAN, wird von C. N. STARCKE (18) und von E. WESTERMARCK (19) widersprochen. Diese beiden verwerfen die Annahme einer ursprünglichen "Promiskuität". Anfänglich "sucht der Mann eine Arbeiterin, eine Wirtschafterin", sagt STARCKE (20). Und da er nur eine ernähren kann, so nimmt er nur eine als ständige Gefährtin. Das Interesse für die Kinder liefert später einen Beweggrung für die Polygamie, wenn die ökonomischen Mittel dafür ausreichen, inder aber  eine  Frau immer die eigentliche Ehefrau bleibt. Das Gegenstück, die Polyandrie, ist nur die Ehe des ältesten von mehreren Brüdern, der die jüngeren Brüder als Liebhaber seiner Frau zuläßt, eine besonders in Tibet aus der Armut des Landes entstandene herrschende Sitte. (21) Und "die Polygamie muß schwinden, sobald die fortschreitende Entwicklung die dauerhaften Motive und die Grundkräfte mehr zur Geltung bringt." (22)

    Auch E. WESTERMARCK bestreitet die Promiskuität als Urzustand ebenso wie jede Art der "Gemeinschaftsehe". Die große Ausdehnung der Namen Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter erklärt er nicht, wie MORGAN, aus einem auf Gruppenehe beruhenden Verwandtschaftssystem, sondern wie zum Teil MacLENNAN aus "Ansprachezwecken" (23), d. h. als Höflichkeitsform. Die Eifersucht erscheint nach WESTERMARCK schon bei den Säugetieren, erst recht also beim primitiven Menschen und führt notwendig zur Monogamie. (24) Die Exogamie und die Blutschandeverboten erklärt WESTERMARCK nicht aus dem Frauenraub, sondern aus der seelischen Unmöglichkeit geschlechtlicher Liebe zwischen den allernächsten Verwandten, überhaupt zwischen Personen, die von Kindheit an zusammen gewohnt haben". (25) Polyandrie und Polygamie sind nach WESTERMARCK keineswegs häufige, durch wirtschaftliche Umstände oder durch numerisches Überwiegen des einen Geschlechts verursachte Ausnahemen von der Regel der  Monogamie,  (26) bis höhere Gesittung diese zur ausschließlichen Norm macht.

    Alle diese Theorien halten bei aller Abweichung im einzelnen doch gemeinsam daran fest, daß die Blutsverwandtschaft, die zuerst nur aus gemeinsamer Abstammung von  einer  Mutter hergeleitet wird, also nur auf Mutterrecht beruth, die Quelle aller weiteren Bildungen sei. Ihnen gegenüber hat neuerdings H. SCHURTZ (27) zu erweisen versucht, daß nicht die Blutsverwandtschaft, sondern der  Geselligkeitstrieb  nicht verwandter aber gleichaltriger junger Männer die eigentümlichen Erscheinungen der Gruppenehe hervorbringt.
So herrscht über die Entwicklung der Familie und über die treibenden Faktoren derselben keineswegs Übereinstimmung. Aber auch, wenn die Entwicklungsgeschichte feststünde, so wäre es fraglich, ob sie so viel für unser Thema bedeutet, daß die Erziehung ihr parallel geht. Es scheinen andere Momente des primitiven Lebens zu sein, die sich in der Erziehung geltend machen.

Ein sehr wichtiger Bestandteil der ersten Erziehung, vielleicht der wichtigste ist die Zucht, d. h. die Erzeugung von Willensdispositionen, die Einpflanzung der persönlichen und sozialen Tugenden. Das primitivste wäre nun, wenn diese  Zucht ganz fehlen würde,  wenn man den Kindern zwar Fertigkeiten, Wissen und Weltansicht überlieferte, - was zum großen Teil unwillkürlich, durch den bloßen Nachahmungstrieb der Kinder zustande kommt - die absichtliche sittliche Erziehung aber insofern gänzlich unterbliebe, als Unterdrückung der unerwünschten Eigenschaften, der persönlichen und sozialen Untugenden nicht stattfände.

Einen solchen primitivsten Zustand finden wir nun wirklich - nach den sorgfältigen Nachforschungen von S. R. STEINMETZ (28) - am häufigsten bei den von den Ethnologen sogenannten "unsteten" (d. h. von Fischfang und Jagd lebenden) Völkern, nämlich denjenigen Indianern Nordamerikas, die noch auf dieser Stufe verharren, den Patagoniern, den Feuerländern, den Eskimovölkern, den Ainos (auf Yezo), den Australiern und den Tasmaniern. Bei ihnen allen werden die Kinder "verwöhnt". Sie werden viel liebkost und nie bestraft, auch nicht für grobe Unarten, höchstens, daß sie bei den Nord-Australiern "wenn gar sehr lästig von der Mutter auf die Erde gesetzt und auf einige Stunden allein gelassen werden." (29) Bisweilen werden die Kinder auch von beiden Eltern vernachlässigt, (30) jedenfalls aber niemals erzogen. Nur die für das Leben nötigen technischen Fertigkeiten werden gelehrt. Bei den Arawak-Indianern z. B. wird der Knabe früh an Rudern, Fischen und Jagen gewöhnt, die Mädchen helfen schon bald ihrer Mutter (31). Ebenso verhält es sich bei den Grönländern. (32)

Was nun die Familienverhältnisse der von Fischfang und Jagd lebenden Völker betrifft, so sind sie sehr verschieden. E. GROSSE (33) findet bei den Feuerländern die polygyne Ehe, (34) bei der großen Mehrzahl der niederen Jägervölker die monogyne Ehe (35), desgleichen bei den höheren Jägervölkern. (36) Um die Exogamie zu sichern, d. h. das oben erwähnte Prinzip, daß die Frau nie aus einer blutsverwandten Gruppe genommen wird, sind manche Stämme in Gruppen geteilt, die als Nachkommen  einer  Mutter betrachtet werden, deren Mitglieder nicht untereinander heiraten dürfen. Von den niederen Jägervölkern haben die Australier solche Gruppen (37), von den höheren fast alle Indianer, die dazu gehören. (38) Bei den Indianern der nordamerikanischen Westküste fehlt auch nicht die Rechnung der Verwandtschaft und Vererbung in männlicher Folge (39). Die meisten der niederen Jägervölker leben ohne Häuptlinge (40), dagegen hat fast jeder höhere Jägerstamm einen Häuptling, der freilich weniger Macht als Rang besitzt. (41) Die Häupter einer Hausgemeinschaft, einer Sippe, haben mehr Autorität.

Warum wird nun bei diesen Jägerstämmen keine Willenserziehung geübt? Die Formen der Familie sind bei ihnen so mannigfaltig, daß sie nicht die Ursache der bei allen gleichmäßigen Abwesenheit jeder Kinderzucht sein können (42), wir müssen also eine andere Ursache suchen. Wahrscheinlich liegt sie darin, daß für ihr ganzes Leben die impulsiven, unmittelbaren Handlungen genügen. Die erste höhere Bildung des Willens - über das bloß  Impulsive  hinaus - fordert  der Krieg der beständige Unterordnung unter eine Autorität verlangt und die Autorität selbst dadurch befestigt. Die Jägervölker aber führen sehr wenig Krieg. Sie haben keinen Besitz, kein Vermögen, das andere Völker zum Angriff reizen könnte. Und wenn sie dennoch angegriffen werden, so können sie ihr Territorium leicht räumen, ohne wertvolles Vermögen zurückzulassen und so dem Angriff ausweichen. Im Sommer wandern sie ohnehin immer, erst im Winter vereinigen sie sich in festen Dörfern. (43) Da der Krieg bei ihnen so selten ist, darum haben die niederen Jägerstämme, wie oben bemerkt, keinen Häuptling, die höheren einen Häuptling ohne höhere Autorität. Der Krieg aber allein kann auf dieser Stufe die Zucht des Willens bewirken. Wo er fehlt, haben die Alten ihren Willen nicht in Zucht, finden darum auch keinen Grund, den Willen ihrer Kinder in Zucht zu halten. (44)

Aber es gibt auch Naturvölker, bei denen schon  eine gewisse Erziehung  vorhanden ist. Es werden den Kindern  persönliche  Tugenden eingepflanzt, besonders die Tapferkeit und Abhärtung gegen Schmerz und Wetter, und, was die  sozialen  Tugenden betrifft, so wird wenigstens das Gegenteil, die Untugen, besonders die Widerspenstigkeit gegen die Eltern mit Strafen bekämpft. Die Fertigkeiten werden vielleicht sorgfältiger gelehrt. Bei den Apachen lernen die Knaben schon früh den Gebrauch der Waffen (45). Bei den Guaycurus (am Paraguay) werden die Knaben früh an den Krieg, die Mädchen an die Arbeit gewöhnt. (46)

Das ist gegenüber der ersten Gruppe nichts prinzipiell Neues. Wohl aber ist neu, daß z. B. der Tlinkit-Indianer (an der Westküste von Kanada) sein Kind züchtigt, wenn es sich weigert, im Winter ins kalte Wasser zu gehen. (47) Ferner werden die Kinder daran gewöhnt, Schmerzen zu ertragen. Und erst nach allerlei schmerzhaften Proben, nach der sogenannten  Initiation,  die sehr verbreitet ist, wird der Knabe unter die Erwachsenen des Stammes als Krieger aufgenommen. (48)

Aber auch  Unbotmäßigkeit  wird bekämpft. Bei den Aleuten (auf den aleutischen Inseln, westlich von Alaska) werden Ungehorsam und unbedeutende Vergehen bloß mit einem Verweis, gröbere Verletzungen der Sitte mit ein- oder mehrtätigem Fasten bestraft. (49) Außer Strafe haben die Eltern als Abschreckungsmittel noch des Zorn des bösen Geistes. Die Tupi (an der Küste Brasiliens) kratzen in der Nacht ihre Kinder mit einem Fischzahn und geben vor, daß der böse Geist das getan hat, um nachher mit ihm drohen zu können. (50) Also in Bezug auf die sozialen Tugenden wird wenigstens offene Widerspenstigkeit geahndet.
LITERATUR - Paul Barth, Die Geschichte der Erziehung in soziologischer Beleuchtung, Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. 27, Leipzig 1903
    Anmerkungen
    1) PAUL BARTH, Unrecht und Recht der organischen Gesellschaftstheorie, Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. 24, Leipzig 1900
    2) LORENZ von STEIN, Bildungswesen, 3 Bände, Stuttgart 1883 und 1884 (5. und 6. Teil seiner "Verwaltungslehre)
    3) 2. Auflage, Leipzig, 1896
    4) Diesen Zweck verfolgt auch die kurze, aber anregende Rede, mit der F. A. LANGE im Oktober 1855 seine Tätigkeit als Privatdozent in Bonn eröffnete: "Über den Zusammenhang der Erziehungssystem mit den herrschenden Weltanschauungen verschiedener Zeitalter", aus seinem Nachlaß veröffentlich in den "Monatsheften der Comenius-Gesellschaft, III. Band (1894), Seite 108f.
    5) Vgl. SEBALD RUDOLF STEINMETZ, Die Bedeutung der Ethnologie für die Soziologie, 26. Jahrgang dieser Zeitschrift (1902), Seite 437
    6) Vgl. L. H. MORGAN, Ancient Society, von W. EICHHOFF und K. KAUTSKY übersetzt, "Die Urgesellschaft", Stuttgart 1891, Anfang und Seite 323f
    7) MORGAN, a. a. O. Seite 390f
    8) MORGAN, a. a. O. Seite 391
    9) MORGAN, a. a. O. Seite 368f
    10) Das "ganowanische" System der nordamerikanischen Indianer ist im Prinzip dem turanischen gleich mit einer geringen Abweichung. Vgl. MORGAN, Seite 373
    11) MORGAN, a. a. O. Seite 372
    12) MORGAN, a. a. O. Seite 334
    13) Vgl. MacLENNAN, Studies in ancient history, (enthält Primitive Marriage und einige dieses Werk ergänzende Abhandlungen), London 1886, Seite 90
    14) MacLENNAN, a. a. O. Seite 92
    15) MacLENNAN, a. a. O. Seite 93, 102f, 105f und zusammenfassend Seite 114
    16) MacLENNAN, a. a. O. Seite 289 und 300
    17) MacLENNAN, a. a. O. Seite 300f
    18) C. N. STARCKE, Die primitive Familie, Leipzig 1888
    19) Journal American Oriental. Society, Nr. IV, Seite 402
    20) STARCKE, a. a. O. Seite 274
    21) STARCKE, a. a. O. Seite 144f und 283
    22) STARCKE, a. a. O. Seite 283
    23) WESTERMARCK, a. a. O. Seite 540
    24) WESTERMARCK, a. a. O. Seite 541
    25) WESTERMARCK, a. a. O. Seite 545f
    26) WESTERMARCK, a. a. O. Seite 547f
    27) H. SCHURTZ, Altersklassen und Männerbünde. Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, besonders Seite 72f
    28) Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern bei den Naturvölkern in der "Zeitschrift für Sozialwissenschaft, herausgegeben von J. WOLF, Bd. I, 1898, Seite 614f
    29) STEINMETZ, a. a. O. Seite 613
    30) So bei den Indianern Kaliforniens, nach STEINMETZ, Ethnologische Studien zur ersten Entwicklung der Strafe II, Leiden und Leipzig, 1894, Seite 182
    31) STEINMETZ, Ethnologische Studien II, Seite 183
    32) STEINMETZ, a. a. O. Seite 185
    33) E. GROSSE, Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft, Freiburg und Leipzig, 1896
    34) GROSSE, a. a. O. Seite 44
    35) GROSSE, a. a. O. Seite 45
    36) GROSSE, a. a. O. Seite 73
    37) Vgl. GROSSE, a. a. O. Seite 50, auch MORGAN, a. a. O. Seite 41f
    38) Vgl. STARCKE, a. a. O. Seite 31
    39) GROSSE, a. a. O. Seite 83f und STARCKE, a. a. O. Seite 31
    40) GROSSE, a. a. O. Seite 39
    41) GROSSE, a. a. O. Seite 72
    42) Wie H. SPENCER und der holländische Ethnograph WILKEN meinen. Vgl. STEINMETZ, Ethnologische Studien II, Seite 204
    43) GROSSE, a. a. O. Seite 67
    44) Eine einzige Ausnahme scheinen die Feuerländer zu machen. Obwohl sie auf der denkbar niedrigsten Stufe der Kultur stehen, zeigen sie doch keinen gänzlichen Mangel an Kinderzucht. Vgl. STEINMETZ, Ethnologische Studien II, Seite 200. Derselbe auch in der "Zeitschrift für Sozialwissenschaft I", Seite 611
    45) STEINMETZ II, a. a. O. Seite 190
    46) STEINMETZ II, a. a. O. Seite 195
    47) STEINMETZ II, a. a. O. Seite 194. STEINMETZ unterscheidet "anfangende Erziehung ohne oder fast ohne Kasteiung" und "strenge Zucht". Da es sich aber nur um einen graduellen Unterschied handelt, so habe ich diese beiden Gruppen zusammengenommen.
    48) Vgl. STEINMETZ, Zeitschrift für Sozialwissenschaft I, Seite 626. Beispiele der Inititiation bei STEINMETZ II, Seite 195, auch bei LETOURNEAU, L'évolution de l'éducation, Paris 1898, Seite 51, 87, 91, 144, 145, 154 und bei SCHURTZ, Seite 96f
    49) STEINMETZ II, Seite 201
    50) STEINMETZ II, a. a. O. Seite 195