ra-3O. EwaldK. KornJ. GoldsteinE. KappM. Ried    
 
EBERHARD ZSCHIMMER
Philosophie der Technik

"Die Elektrizität"  ist nichts Seiendes, sondern eine Gesetzmäßigkeit, ein für dasselbe Seiende geltendes Begriffssystem, für welches auch zugleich noch andere solcher Begriffsysteme, wie  "die Gravitation"  oder  "die chemische Affinität", "die Wärme"  usw. gelten. Auch die in den Gesetzen vorkommenden Größen sind Begriffe und nicht etwas Seiendes."


Vorwort

Auf den vorliegenden Blättern versuche ich eine Sinndeutung der bekannten Erscheinungen, die man gewöhnlich ohne viel Nachdenken mit einem Wort "die Technik" nennt. Da ich selbst seit 14 Jahren in der Technik tätig bin und in der Glasindustrie einiges Brauchbare für die Optik zustande gebracht, andererseits aber nie gelebt habe, ohne zu philosophieren, so glaubte ich mich dazu berechtigt, die viel zu vielen Bücher noch um dieses zu vermehren.

Es gibt dicke Bücher und dünne Bücher. Den ersteren fehlen meistens die den Stoff beherrschenden Ideen, da sie, wie ein witziger Bibliotheksdirektor sagte, in der Regel von "geistlosen Wälzern" verfaßt werden; die letzteren dagegen bestehen meist  nur  aus Ideen, ohne das nötige Beweismaterial. Aber ich lese dünne Bücher lieber als dicke, und hernach denke ich auch das meine einzurichten.

Sollte dieses Büchlein verfehlt sein, so dürfte es wenigstens für tüchtigere Verfasser den Zweck haben, mancherlei interessante Gedanken über die Technik zu sammeln, an deren Bekanntschaft ich mich oft belustigt habe.

Meine Kritik bitte ich die Herren Denker, die ich zitiere, nicht übelzunehmen, sie braucht nicht richtig zu sein; wer sich das einbildete, wäre ja kein Kritiker. Ich ermuntere dadurch, hoffe ich, manchen philosophischen Geist, sich mit den zweifellos lohnenden Problemen eingehender zu beschäftigen, als es mir möglich war.

Unter meinen Fachgenossen werden sich gewiß viele finden, denen das hier Vorgetragene stellenweise etwas zu abstrakt-philosophisch, aber sonst vollkommen aus dem Sinn gesprochen ist.

Die Literatur wollte ich möglichst vollständig heranziehen; trotzdem wird manches fehlen.



Warnung

Abstrakte Einsichten zu gewinnen oder gar im Gedächtnis zu behalten, um sie zu allgemeinsten, fast gänzlich von bestimmter Anschaulichkeit entkleideten Erkenntnissen zu verbinden, ist nicht jedermanns Sache.

Es gibt hervorragende schöpferische Köpfe, die dies ebenso lieben, wie ein Italiener den Aufenthalt in Grönland oder ein Eskimo den in Indien. Auch unter meinen Lesern befinden sich wahrscheinlich, trotz des - wie ich glaube - genügend abschreckenden Titels, noch viele intuitive, anschaulich, tätig denkende Menschen. Ich warne sie, auch nur einen Blick in das folgende erste Kapitel zu werfen; denn sie würden es auch beim besten Willen abscheulich finden. Ich bitte sie, sofort mitten in der Idee der Technik, etwa bei  Zeppelin  anzufangen und ebenso das Schlußkapitel erst zu beginnen, wo wir uns über die amerikanische Industrie und ihre Kulturblüten unterhalten werden.

Natürlich wird sich nun erst recht dieser oder jener darauf versteifen, das abstrakte Zeug klein kriegen zu wollen. Für solche Dickköpfe - die ja unter den intuitiven Leuten am häufigsten sind - habe ich, um wenigstens die schlimmsten Folgen (nämlich das Nichtgelesenwerden der späteren Hauptsache) abzuwenden, noch eine weitere Warnungstafel an die Stellen gesetzt, wo es mir direkt verhängnisvoll zu sein schien, das Anhören der erkenntnistheoretischen Auseinandersetzungen zuzulassen.

Ich betone nochmals: Durch einen Mangel an Abstraktionsfähigkeit oder an Interesse für abstrakte Einsichten haben sich selbst große Geister ausgezeichnet. Wir werden bei unseren Untersuchungen über das Wesen der Technik bald Gelegenheit haben, gewissen schöpferischen Leistungen des intuitiven Denkens solchen der reinen Logik gegenüber den Vorrang einzuräumen. Ich bitte deshalb, sich einfach nicht um die unverständlichen, für die Philosophen bestimmten Stellen zu kümmern und in Gottes Namen weiterzulesen, bis es besser kommt; das ist mir lieber als verdrießliche Gesichter und schläfrige Augen.

Daß wir uns meistens mit recht konkreten und teilweise sehr ernsten Dingen zu beschäftigen haben, brauche ich wohl nicht noch zu beteuern. Auf diese müssen sich meine intuitiven Leser vertrösten lassen.


Die philosophischen Grundlagen

Es ist viel schwerer, einen alten Standpunkt zu verlassen, als einen neuen zu finden. Einen Standpunkt haben, heißt ja nicht, heute so, morgen so in die Welt blicken und wie ein unbeteiligter Zuschauer mehr oder weniger erfreut sagen: "Ach so ist es?", sondern eingelebt sein auf eine bestimmte Über- und Unterordnung der Gedanken, gewöhnt sein an den bestimmten Blickpunkt des Interesses, der alles sieht, was in seinen Kreis fällt, das andere unbeachtet läßt, eingeschworen sein auf gewisse Grundsätze, in die sich das ganze Denken kristallisiert zu haben scheint wie ein gefrorener Strom.

Das Schlimmste ist, daß der Mensch seinen ersten philosophischen Standpunkt - und an dem hängt jeder wie an seiner alten Liebe - gar nicht selbst wählt, sondern von außen dazu bestimmt wird. Dies geschieht in der Zeit, in der die Empfänglichkeit für das Fremde und Neue am größten, die Begeisterung am stärksten ist: in der Jugend. Gymnasium oder Volksschule, Universität oder technische Hochschule, Gelehrtenhaus, Künstlerhaus oder Kaufmannshaus, Unternehmerfamilie oder Arbeiterfamilie - wer wollte bestreiten, von welcher gemeinsamen, tiefen Bedeutung schon allein die Verschiedenheit der Herkunft, der äußeren Bildungswege und Sphären für die einzelnen, wie auch immer individuell Verschieden sind? - Freilich setzen Kraftnaturen, Genies sich überall durch. Aber wer bleibt von uns andern lange genug jung, um für einen neuen Standpunkt noch umlernen zu können? -

Damit meine ich angedeutet zu haben, wie gering meine Hoffnung ist, diejenigen zu überzeugen, die bereits eine feste, von der meinen vielleicht grundverschiedene Auffassung der Welt und des Lebens mitbringen. Ich wende mich, offen gesagt, an die jungen Köpfe und an jene alten, die jugendfrisch geblieben sind: Auf der einen Seite an die Ingenieure, die Techniker aller Art, zu denen auch ich gehöre - auf der anderen an die Draußenstehenden, das große gebildete Publikum, das die Technik gleichsam wie am Tischlein-deck-dich vorgesetzt bekommt, als wäre dies so selbstverständlich wie Mond- und Sonnenschein. Doch denke ich hier im besonderen an die selbsttätigen Vertreter und Träger der großen Kulturideale, der Kunst, der Wissenschaft, der Humanität; ich nenne sie kurz die Kulturbildner, um nicht zu sagen Kulturschöpfer, zu denen ich nur die Genies rechnen möchte.

Das ist mein Publikum. Wie die lustige Person im  Faust  zum Dichter spricht: "Greift nur hinein!" so fordere auch ich meine Leser im gleichen Sinne auf, aus dem Vollen zu schöpfen, nur einmal frisch zuzupacken, unbekümmert um die Standpunkte oder X-ismen der Philosophie - als ganz gewöhnliche normale Menschen zu sehen, was es denn überhaupt gibt!

Jeder Mensch lebt beständig in zwei Sphären, einer reellen und einer ideellen Sphäre. Das sind zunächst Worte. Was ich damit meine, kann ich nicht besser als durch Beispiele klar machen. Aber ich bitte mir die Bedingung aus: Ohne Standpunkt! Es ist hier nur auf Schilderung abgesehen, auf reine Beschreibung. Ich will noch keine Erkenntnis oder Erkenntnistheorie entwickeln.

Angenommen, ich gehe heute zum Bahnhof - jetzt eben bin ich unterwegs. Ich nehme einen Zettel aus der Tasche und schreibe auf, daß ich mich jetzt eben in den Bahnhofstraße befinde. Das ist die Feststellung von etwas Reellem. Mein momentanes Sein in der Bahnhofstraße, mein Gehen zum Bahnhof, dieser Leib, diese Handlung, dieses Wollen, das ist ebenso reell, wie die reelle Straße, der reelle Erdboden, die Häuser dort, das Wagengerassel, der Benzingeruch, das Grunzen der Autos, das Menschengewühl, das Schubsen und Stoßen. Kein Zweifel, der Leser wird merken, was zur reellen Sphäre gehört.

Ich bitte jedoch, den Ausdruck "reell" nicht zu verwechseln mit "real" (1).

Ich gehe nun in eine Kinotheater. Jetzt eben, mitten drin - ich bin ganz in die rasenden Vorgänge vertieft - fällt mir ein, den bewußten Zettel aus der Tasche zu ziehen und dies zu notieren - nämlich, daß soeben das reelle Dasein in jener sonderbaren Raserei, jener Traumwirklichkeit besteht, der ich zuschaue. denn das sind ja alles nach unserer Definition zweifellos reelle Vorgänge. Sie könnte genauso sein, wenn ich aus dem Fenster auf die Straße sehe. Das Kinoerlebnis gehört ebenso zur reellen Sphäre wie vorhin das Straßenbild und mein Leib, mein Gehen zum Bahnhof oder die Tränen, das Herzklopfen und die angstverzerrten Gesichter der Zuschauer.

Ist das nun alles überhaupt? Gibt es außer dem Reellen des Augenblicks nichts anderes? -

Für niedere Tiere wohl nicht. Die leben gänzlich reell. Sie fressen reell, sie begehren reell, ihre Furcht und Wut, ihr Handeln, ihr ganzes Dasein geht in der reellen Sphäre auf. Aber menschen, wohl auch höhere Tiere, wie die Affen, finden ganz gewiß mehr Seiendes als das Reelle in der Welt. Sie konstatieren direkt oder indirekt, daß es außer all dem noch ein zweites Reich, sagen wir kurz eine ideelle Sphäre gibt.

Wieder ein Wort! "Das Ideelle". Was heißt das? - Ich bitte den Leser gerade jetzt an keinen neuen "Standpunkt" zu denken. Gerade jetzt kommt es darauf an, ganz naiv, unbefangen zu bleiben. Es handelt sich einfach um die Aufweisung, um die Demonstration von etwas, das es gibt, noch gibt, wenn wir das Reelle einmal vollständig wegnehmen. Unsere Beispiele helfen uns, dieses ideelle Etwas zu entdecken.

Sagen wir nicht, wir wollen, während wir jetzt wieder in der Bahnhofstraße sind, "zum Bahnhof gehen"? Damit meinen wir doch etwas, mit diesem "Bahnhoft" und unserem "Gehen dahin". Dieses gemeinte Etwas nenne ich nun etwas Ideelles. Denn es ist - wenigstens für Nichtwahnsinnige - anders als der Erdboden, auf den ich jetzt trete, anders als das Straßentreiben, der sinnliche Vorgang im Kino, anders als das Wirkliche, das Gesehene, das Wahrgenommene, das Reelle. Es ist von verschiedener Beschaffenheit, nicht zu verwechseln mit diesem Seienden, und doch nicht ein Nichts. Es ist eben  ideell  vorhanden, das Ideelle.

Die reelle Bahnhofstraße, wo ich jetzt "wirklich bin", und der ideelle Bahnhof, wo ich nachher in Zukunft erst "sein werde", beides ist also dem Dasein nach, wenn wir achtgeben, so verschieden, wie ein jetzt wirlich anwesender Mensch und ein jetzt abwesender Mensch, von dem ich nicht einmal weiß, ob er nicht gar verwest ist.

Der ideelle Bahnhof, nach dem ich jetzt hin will, weshalb ich jetzt meine reellen Beine in Bewegung setze, weshalb ich handle, wirklich will, tue, dieser ideelle Bahnhof könnte, ohne daß ich es weiß, gar nicht mehr dasein, wenn ich hinkäme. Ich glaube ja, daß er dasein wird, sonst würde ich nicht hingehen. Und ohne Zweifel ist dieser "geglaubte Bahnhof" auch etwas, er ist eben ein ideelles Ding. -

Nehmen wir jetzt unseren Zettel, und versuchen wir aufzuschreiben, was es denn alles außer dem reellen Jetzt gibt.

O, das wird eine endlose Arbeit! Meine Reiseerinnerungen, meine ganzen Lebenserinnerungen tauchen auf, mein früheres Wollen, Sehnen, Glauben, Welten über Welten schachteln sich in der Zeit ineinander. Das Handeln der Menschen, die ganze Geschichte gähnt mich an. Der Kosmos umfängt mich. In Ewigkeiten, in grenzenlose, schwindelnde Tiefe blickt das geistige Auge. Die nahe, reelle Erde wird zum Tropfen, zum Differential der Unendlichkeit des ideellen Raumes. Das Ideelle ist die Ewigkeit und Unendlichkeit selbst in unendlicher Erfüllung und Gestaltung. Und das alles "gibt es", muß ich konstatieren, ebenso wie es die reelle Straße hier gibt, meinen reellen Leib, mein reelles Handeln. (2)

Die ideelle Sphäre, bemerke ich nun, bildet mit der reellen Sphäre eine einzige unaufzählbare Totalität des Seienden überhaupt, ein Ineinandersein, ein Miteinandersein des einen und des anderen, wie es jeder in jedem beliebigen Moment so selbstverständlich findet: Als das volle Welterlebnis, so daß man schon Philosoph sein muß, um sich noch darüber zu wundern.

Wir wollen uns auch gar nicht darüber wundern. Wohl aber wollen wir, da wir noch keinen "Standpunkt" haben, zur Sicherheit dies schriftlich zu Protokoll geben, daß es sich so verhält: Daß es diese zwei Sphären gibt, worin alles Seiende, was es überhaupt gibt, enthalten ist, daß hieraus aller Sinn irgendwelcher Behauptungen über das Sein das Material hernehmen muß, daß keiner etwa von einem dritten Seienden reden kann, welches von dieser Doppelheit des Reellen und Ideellen ausgeschlossen wäre und dennoch "etwas" wäre, d. h. dem Wort  Sein  irgendeinen Sinn verleihen würde. Sagen wir also gegen alle Metaphysik gewendet:  Es gibt keine Hinterwelt  außer dieser Welt der beiden Sphären, die jetzt jeder, wie ich annehme, kennt und erfaßt hat."

Das also wäre das Material, mit dem wir es immer, gleichviel ob wir Philosophen, Gelehrte, Künstler, Techniker oder gewöhnliche Menschen sind, zu tun haben. Betrachten wir nun die Sache noch etwas genauer!

Was entdecken wir? "Es gibt" doch noch etwas, was wir bis jetzt noch gar nicht erfaßt haben. Dieses Neue freilich "ist" nicht, es ist nichts, wenn Seiendes etwas von dem oben aufgezählten Material unserer ideellen und reellen Sphäre bedeutet, etwas, das so beschaffen ist wie Anschauung oder Ton oder Gefühl oder mein wirkliches Wollen. Hierin liegt zunächst, gesetzt diese Behauptung wäre richtig, eine bemerkenswerte Sinnverschiedenheit der beiden Formeln: "Es  gibt  etwas" und "es  ist  etwas".

"Es gibt mehr als ist." - Was kann dieser paradoxe Satz bedeuten? Wie kann es einen Sinn von Worten geben, der noch mehr umfassen soll als was ich meine, wenn ich bereits sage: "Alles Seiende", "alles, was ist"? -

Ich nehme es keinem meiner Leser übel, wenn er hier Schluß macht und zum nächsten Kapitel übergeht. Absolut nötig zum Verständnis des Späteren sind die erkenntnistheoretischen Betrachtungen, die jetzt kommen, nicht, sie dienen nur zur wissenschaftlichen Begründung des Späteren, brauchen also von Nichtphilosophen nicht angestellt zu werden.

Die denkenden Menschen haben sich lange Zeit abgemüht, bis ihnen der zu erkennende Sachverhalt am vollen Welterlebnis, welches sie früher nur immer anschaulich, intuitiv betrachten wollten, klar wurde. Aber es gibt in der Tat zweierlei:
    1.  "Seiendes",  sei es nun sinnliches oder gefühlsmäßiges, sei es reelles oder ideelles Seiendes, man nennt es das Material oder die "Materie der Erkenntnis"; -

    2.  "Begriffe"  dieses Seienden, die uns darin einleuchten, die vom seienden Material, wie man sei LOTZE wissenschaftlich sagt, "gelten". Das "Geltende" wird von manchen Erkenntnistheoretikern wieder als die "Form der Erkenntnis" bezeichnet im Gegensatz zur "Materie der Erkenntnis".
EISLER (3) definiert: "Begriffe sind der Niederschlag von Einsichten in das Konstante, Allgemeine, Charakteristische, Typische einer Gruppe von Objekten, die Konzentrierung und Fixierung des in einer Reihe von Urteilen Gedachten. Sie enthalten das "Wesen" einer Klasse von Objekten. Dieses "Wesen" ist das, was dem Denkenden als logisch wichtig, bedeutsam erscheint . . ." - Machen wir uns dies an einem Beispiel klar!

Hier liegen zwei Eier. Ihre Ähnlichkeit ist sprichwörtlich, beide sind Weißes in bestimmter Form. Aber es sind doch zwei verschieden reelle Dinge, die hier liegen. Es ist durchaus nicht einerlei, ob meine Henne nur eins oder zwei gelegt hat. Warum bezeichne ich denn nun nicht jedes Ei mit einem anderen Namen? Warum brauche ich für diese verschiedenen Objekte nur einen gemeinsamen Ausdruck? Offenbar deshalb, weil ich nicht dieses oder jenes konkrete Ei meine, sondern: den Begrif der reellen und der sämtlichen ideellen Eier, die vorgestellt werden mögen.

Oder betrachten wir den bunten Wechsel des Geschehens in der Zeit. Weshalb geben wir so vielen Vorgängen, die sich zu verschiedenen Zeiten abgespielt haben, denselben Namen? Weshalb sprechen wir ganz einfach von "dem" freien Fall der Körper oder von "der" Brechung des Lichts? Offenbar deshalb, weil bei Gleichheit gewisser Erscheinungen in der Zeit die Gleichheit anderer Erscheinungen in derselben Zeit besteht, weil das zeitliche ebenso wie das räumliche Seiende  Gemeinsamkeit,  d. h. partielle Gleichheit aufweist. Diese Gleichheit befiehlt uns die Physik im Begriff des  Gesetzes  zu denken, im Gesetz des freien Falls wie im Gesetz der Lichtbrechung.

Die ganze exakte Naturlehre handelt von Gesetzen, d. h. von Begriffen, die ihre Erfüllung finden durch jene bestimmte Art des anschaulich Seienden, welches wir in der Sinneswahrnehmung vorfinden und welches - worauf MACH (4) eindringlich hingewiesen hat - immer wieder aus denselben Seinselementen, nämlich denselben Farben, Drücken, Wärmen, Geschmäcken, Gerüchen, Tönen besteht, einerlei, ob die beobachteten  Gesetzmäßigkeiten  des konkreten, daraus zusammengesetzten Geschehens das letztere als einen "Lichtvorgang", einen "elektrischen" Vorgang, einen "chemischen" Vorgang usw. charakterisieren.  "Die Elektrizität"  ist nichts Seiendes, sondern eine Gesetzmäßigkeit, ein für dasselbe Seiende geltendes Begriffssystem, für welches auch zugleich noch andere solcher Begriffsysteme, wie  "die Gravitation oder  "die chemische Affinität", "die Wärme"  usw. gelten. Auch die in den Gesetzen vorkommenden Größen sind Begriffe und nicht etwas Seiendes. In den anschaulichen Vorgängen der mechanischen oder elektrischen oder magnetischen Bewegung von Körpern gegeneinander ist etwas, was die "mechanische Masse", die "motorische Kraft", die "Elektrizitätsmenge", die "magnetische Kraft" usw. heißt, nicht  zu sehen, zu greifen, zu riechen;  sondern es ist als bestimmter  Quantitätsbegriff  darin oder davon  denkend zu erfassen,  ebenso wie jeder rein mathematische Begriff.

Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß jeder naturwissenschaftliche Größenbegriff wie jedes Naturgesetz über die Beobachtung hinausgeht und deshalb ein Begriff ist, der nur für die ideelle Anschauung gilt, die wir uns selbst erst ersonnen haben (5).

Wir sehen also - das glaube ich hiermit genügend klar gemacht zu haben - es gibt außer dem  Seienden  noch etwas völlig anderes, etwas, das nicht  "zur Ansicht",  sondern  "zur Einsicht"  kommt: Eben jene vielfältige  Gemeinsamkeit  des Seienden, die wir im  Begriff  erfassen und die als Begriff vom Seienden gilt. Das war es, was den Denkern von PLATO bis auf KANT so viel Kopfzerbrechen gemacht hatte (6).

Für die meisten wissenschaftlich gebildeten Menschen sind das freilich heute selbstverständliche Feststellungen - oder sollten es wenigstens sein. Aber wenn man philosophiert, so muß man auf solche "Selbstverständlichkeiten" ganz besonders acht geben. Denn man gerät sonst leicht, wie die Geschichte der Philosophie beweist, in Widersprüche. Wir haben uns stets gegenwärtig zu halten, daß die Gemeinsamkeit, die wir im Begriff erfassen, in ihrem Verhältnis zur bloßen Anschauung oder Intuition etwa vergleichbar ist der dritten Dimension, die zur Fläche hinzukommt, um das volle Ganze zu machen, das man schlechthin den Raum nennt. So ist auch das, was man schlechthin die Dinge, die Vorgänge, die Personen, die Handlungen nennt, ganz abgesehen davon, ob das Material dieser Dinge usw. ideell oder reelle ist, bereits ein logisch untrennbares Ganzes von Anschauung und Begriff, mit einem Wort "Erfahrung" (im kantischen Sinne).

Jedes wirkliche Etwas befindet sich nicht nur  anschaulich eingestellt  in die unendliche Sphäre des Reellen und Ideellen, sondern zugleich auch  unterstellt dem System der Begriffe  - ein Umstand, der dem intuitiv veranlagten Menschen geradezu widerwärtig ist.

System der Begriffe? Ein neuer Ausdruck wird hier aus der Pistole geschossen! Was soll denn das heißen: "System"? - Der Leser werde bitte nicht ungeduldig; auch möge jeder meine Warnung bedenken und den Rest dieser Spitzfindigkeiten übergehen, wenn er sich nicht dafür interessiert.

Es ist das letzte, was ich - noch immer ohne "Standpunkt" - zeigen möchte, bevor ich mit der Darstellung meiner Auffassung vom Sinn der Technik und mit der Kritik des Unsinns über die Technik beginne. Wenn wir noch klar sehen - und Denken erfordert Klarheit - was ein "System von Begriffen", ein "Begründungszusammenhang von Begriffen" bedeutet, die vom Mannigfaltigen der Anschauung gedacht werden sollen oder denen, wie wir eben sagten, ein solches Anschauliches unterstehen soll: Wenn uns dieses völlig klar ist, dann verstehen wir leicht, womit sich die wissenschaftliche Philosophie der Gegenwart, im besonderen die kritische Philosophie, so sehr abmüht, worauf es ankommt bei allem wissenschaftlich ernst gemeinten Philosophieren überhaupt - ganz einerlei, von welchem Standpunkt aus. Aber, wie gesagt, vielen Leuten ist das völlig gleichgültig, und ich nehme es ihnen nicht übel.

Glücklicherweise - manche sagen unglücklicherweise - gibt es schon wohlbekannte, gut ausgebildete Begriffssysteme oder Begründungszusammenhänge, die uns während unserer Schulzeit als Vorbilder der Wissenschaftlichkeit einleuchten oder wenigstens einleuchten sollten, z. B. die Geometrie.

Wir wissen: Jeder besondere räumliche Formbegriff, den wir in der ideellen Sphäre konstruieren, untersteht einem  allgemeineren  Formbegriff. Der Begriff des Dreiecks untersteht dem des Vielecks, der Begriff des Kreises dem des Kegelschnitts usw. Und auch jeder Begriff einer besonderen Quantitätsbeziehung, jede Einsicht in ein Größenverhältnis an komplizierten geometrischen Konsturktionsformen untersteht wenigen grundeinfachen geometrischen Quantitätsbegriffen, die das in einem komplizierten Formzusammenhang Einzusehende, z. B. die Gleichheit, die der Lehrsatz des PYTHAGORAS ausspricht, wie man sagt "begründen".

Der mathematische Beweis zeigt, daß hier dasselbe stattfindet, wovon in den und den  einfacheren  Verbindungen früher bereits eingesehen worden ist, daß die und die Quantitäsbeziehungen, wenn man jene zugibt, ebenso wahr bestehen. Und so umfaßt schließlich die Wissenschaft Geometrie das durch einfache und allgemeine Grundeinsichten gestützte System sämtlicher Form- und Quantitätsbegriffe, die von der möglichen ideellen Gestaltenfülle des Raums gedacht werden können. Ihre Lehrsätze und Formeln bedeuten Begriffe und Begriffe von Begriffen. Sie sind Befehle - für manchen freilich schwer ausführbare und verwünschte Befehle - von der ideellen Anschauung des mannigfach gestalteten Raums, ein "System", d. h. ein mit allgemeinen Grundbegrifen oder Axiomen im Begründungszusammenhang stehendes Wissen von besonderen Begriffen einzusehen.

Ähnlich macht es die Physik, die Chemie, die Biologie, die exakte Naturwissenschaft überhaupt. Sätze, wie die beiden Hauptsätze der Energetik oder das NEWTON'sche Gravitationsgesetz befehlen uns, vom anschaulichen materiellen Geschehen in Raum und Zeit Quantitätsbeziehungen - sogenannte "Funktionsbegriffe" - zu fassen und diesen alle beliebigen vorkommenden Fälle untergeordnet zu denken. Wenn dann ein Maschinenbauer, der die Naturwissenschaft praktisch verwerten will, in einer Patentschrift sagt: "Meine Maschine - er meint eine ideelle, von ihm ausgedachte Maschine - geht", so begründet er die von ihm erwartete Wirkung durch die bekannten Naturgesetze und mathematischen Form- und Quantitätsbeziehungen. Die ganze Maschinenlehre, die das Erfundene und Erfindbare überhaupt umfassen will, strebt einem einzigen universellen Begründungszusammenhang zu; ihre zuerst von REULEAUX erfaßte Idee ist die  Idee des Systems aller denkbaren Maschinen:  Die theoretische Kinematik [Bewegungslehre - wp] - Hierauf kommen wir später ausführlich zurück. Ingenieure, die mir soweit gefolgt sind, werden die Bedeutung dieser Auseinandersetzung erkennen.

Aber haben wir nicht schon wieder ein neues Wort eingeschmuggelt - die Idee? Was heißt denn das: Die Idee? Sollte es etwa, wird der Leser denken, nun noch höher hinaufgehen als mit dem Begriff über die Anschauung?

Manche Philosophen meinen das allerdings. Aber der Leser beruhige sich - ich nicht. Wer einmal das Wesen des Begreifens oder das Wesen des Begriffs, den es zu begreifen gilt, einsieht, wer einsieht, daß es Allgemeineres im Allgemeinen, Einfacheres im weniger Einfachen, nämlich Begriffe von Begriffen gibt, wer das begreift, der hat das Einsehen überhaupt erfaßt. Es kann sich dann nur um Unterscheidungen handeln, die nicht mehr das Wesen der Sache berühren, sondern lediglich ihre Besonderung ausdrücken sollen. Und eine solche Besonderung ausdrücken sollen. Und eine solche Besonderung will man in der Tat mit dem Wort  Idee  bezeichnen.

KANT verstand darunter den Begriff in einer ideellen Vollkommenheit und Unendlichkeit, die sich nirgends und niemals in der Wirklichkeit realisiert findet. Er verstand unter Idee einen allgemeinsten Begriff, welcher auf eine ideelle Totalität von besonderen, auf die Endlichkeit beschränkten Begriffen geht.

Von einer solchen unendlicher oder "transzendentaler" (nicht etwa "transzendenter"!) Art ist in der Tat der Leitbegriff oder die Grundidee einer jeden Wissenschaft, die sich noch nicht am Ende ihres Zieles angelangt weiß.

Eine jede Wissenschaftsidee ist der ideell erfaße erschöpfende unendliche Begriff all dessen, was es innerhalb eines gewissen materialen Bereiches zu begreifen gilt. die Wissenschaftsidee ist nichts anderes, als was KANT meinte, wenn er von einem "transzendentalen Grund zur Möglichkeit" der Wissenschaft überhaupt sprach. So steht die Idee der Physik als eines theoretischen Systems am Anfang der unvollendeten aktuellen Physik, die Idee des rationellen Maschinenbaus als eines theoretischen Systems am Anfang des unvollendeten aktuellen Maschinenbaus. Ohne die vorausschauende, das Resultat in seiner Vollendung vorausdenkende Idee würde keine Forschung, wenigstens keine wissenschaftlich sinnvolle Forschung möglich sein.

So geht, wenn man zusieht, der alles vereinigende Grundbegriff von möglichen systematischen Begriffszusammenhängen - der Systembegriff - auseinander in die mannigfaltigen Typen von besonderen Wissenschaftsideen. Aber fragen wir, hat es damit ein Ende für das systematische Begreifen des Seienden überhaupt? Ist in den  exakten Wissenschaften,  wenn sie ihre Systeme entwickelt haben, schon die vollständige Entfaltung des Denkens unter der Herrschaft von höchsten Ideen zu Ende gebracht? -

Es gibt allerdings Leute, die meinen, außer Mathematik und Naturwissenschaft wäre nichts von Ideen bestimmt, das wissenschaftlichen Sinn hätte. Alles andere existiert für sie nicht, oder sie meinen, es habe keinen Sinn, es sei für den Menschen überflüssig, sich damit zu beschäftigen. So denken alle, die sich auf dem Standpunkt des Naturalismus in seinen bekannten Spielarten befinden - nicht wir.

Denn wir haben ja noch keinen Standpunkt. Wir sind noch naiv genug, alles mit offenen Augen zu schauen, was es zu beschauen gibt. Wir möchten alles begreifen, was es an Erschaubarem zu begreifen gibt. Uns interessiert eben wie die unbefangenen Kinder noch alles Große und Schöne in der Welt. Wir fühlen unser Denken frei, noch nicht eingespannt in den Schraubstock einer fertigen Weltanschauung eines  X-ismus,  und so fragen wir mit grenzenloser Neugier: Was gibt es denn überhaupt? - Also auch: Welche mögliche "Ideenbezogenheit", außer der mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise, könnte es in dieser bunten Welt geben, von der wir selbst ein Stück sind? -

Man besinne sich doch! Gibt es wirklich nur Zahlen, geometrische Vorstellungen und Naturgebilde? Besteht das All bloß aus mathematischen, mineralogischen und biologischen Dingen, aus physikalischen, chemischen, pysiologischen Prozessen? Ist das Ganze der Welt eine ablaufende Maschinerie, deren momentanen Zustand man nur zu kennen brauchte, um in alle Zukunft hinaus berechnen zu können, wie später alles sein wird?

Gibt es wirklich keinen anderen Gedanken, als diese funktional-begrifflichen Gesetze, die wir von der Mathematik und Naturwissenschaft erlernen? Und sind wir die verdammten Sklaven einer Schicksalsmacht, die mit uns umgeht, wie die Natur mit den anorganischen Dingen, die sie formen, verändern, vernichten und wieder aufbauen kann? -

Will man etwa behaupten, im Determinismus des die Zukunft vorausberechnenden LAPLACE'schen Geistes sei der ganze Sinn der vollen Anschauung alles Reellen und Ideellen der Welt erschöpft? Glaubt man, daß auch unser Handeln, alle Geschichte und das gesamte Kulturschaffen diesem Fatalismus der Formel ebenso ausgeliefert sei, wie die toten, chemischen Stoffe, die toten Energien, die toten Aggregatzustände, die Sternhaufen, die blöden, teuflischen Bazillen?

Ich frage nochmals: Glaube einer meiner Leser wahrhaftig, daß alles Wissen in Mathematik und Naturwissenschaft aufgehen muß? Jetzt heißt es bekennen! Wir sind endlich bei der Frage angelangt, die -  über den Standpunkt  entscheidet!

Niemand kann im Ernst bestreiten, daß er selbst, als lebendige, handelnde Persönlichkeit, in ein freies Reich von ideellen Möglichkeiten gesetzt ist. In dieser Freiheit der ideellen Sphäre liegt der wesentliche Gegensatz des Menschen zum niederen Tier, für welches der Ausdruck "organische Maschine" sehr wohl passen mag. Wir können uns zu unendlich verschiedenen Handlungen entschließen - trotz der Naturgesetze. Sofern wir Menschen sind, sind wir über der Determiniertheit des Geschehens erhaben; denn wir können es jetzt nach unserem Wunsch und Plan lenken wie ein Wagenführer seine Rosse (PLATO).

Mögen also - was wir gewiß glauben - die Naturgesetze unverletzlich und ewig sein, das schadet der Freiheit nichts. Der von ihnen funktional bestimmte Ablauf der materiellen Prozesse ist noch dieser  höheren  Bestimmung durch freie Lebewesen unterworfen, die aus ideeller Voraussicht unendlicher Möglichkeiten, unendlicher Freiheitsgrade handeln. POINCARÉ (7), der einer der scharfsinnigsten Mathematiker und Physiker und zugleich ein hervorragender Naturphilosoph war, nennt den Determinismus sehr treffend eine reine Hypothese, in welcher nicht  Erfahrungen sondern nur  Voraussetzungen  zusammengefaßt werden, und zwar diese:
    "Der Zustand des Universums ist durch eine außerordentlich große Zahl  n  von Parametern bestimmt, welche ich  x1, x2 . . . xn  nennen will. Sobald man in irgendeinem Augenblick die Werte dieser  n  Parameter kennt, so kennt man gleichzeitig ihre Ableitungen in Bezug auf die Zeit, und man kann folglich die Werte dieser selben Parameter für einen vorhergehenden oder künftigen Zeitpunkt berechnen. Mit anderen Worten: Diese  n  Parameter genügen  n  Differentialgleichungen erster Ordnung." -
Aber viele Naturwissenschaftler sind leider zu denkfaul, um sich die Grundlagen des ganzen Betriebes, in welchem sie mitarbeiten, in kritischer Weise klar zu machen; sie sind und bleiben Dogmatiker und Metaphysiker, ohne es zu wissen!

Das System der Naturgesetze ist ein  Isolationssystem,  d. h. ein funktionales Begriffssystem, welches zur völligen Determiniertheit jener höheren Mannigfaltigkeit der Dinge und Vorgänge des Lebens, der Geschichte, der Kultur keineswegs ausreicht (8). Es ist also grundfalsch, wenn OSTWALD (9), der sonst so geistvolle Chemiker, sagt: "Die Kulturerscheinungen sind mit anderen Worten nur ein gewisses Gebiet der gesamten Naturerscheinungen, nämlich solcher, die beim Menschen vorkommen, und damit die gesamte Kultur zu verstehen glaubt.

Wie schon unter denselben Gesetzen eine unendlich verschiedene anschauliche Erfüllung durch die Gegenstände der Naturbeschreibung denkbar ist, wie es denkbar ist, was schon LEIBNIZ gezeigt hat, daß ein gänzlich anders gestaltetes Planetensystem oder völlig andere Kombinationen der Stoffe und Bewegungszustände in demselben da sein könnten, ohne daß im mindesten die Gesetze verletzt würden, so muß auch wenigstens  gedacht  werden können, daß die anschaulichen Naturprozesse unter der Naturgesetzlichkeit noch unendlich frei, d. h. von diesen Gesetzen unbestimmt seien. Dies gilt es eben zu begreifen, und das fällt den Naturwissenschaftlern so schwer! -

Betrachten wir nun den Inhalt der  Geschichte  genauer, so entdecken wir, daß darin keineswegs eine chaotische Wildheit des Geschehens ohne jede innere Gemeinsamkeit herrscht. Die Handlungen der Menschen und ihre hinterlassenen Werke erscheinen sehr wohl begreiflich durch gewisse allgemeine Formen des Zusammenhangs und der Gestaltung; sie erscheinen daher verständlich und vernünftig durch die Planmäßigkeit, die uns darin einleuchtet.

Das "Reich der Zwecke" setzt sich dem "Reich der Natur" also nicht entgegen als der Tummelplatz einer sinnlosen Zufälligkeit in den historischen Erscheinungen, soweit diese unter den Naturgesetzen noch Freiheitsgrade haben. Sondern, wie die Natur durch Gesetze, so ist die Geschichte durch Ideen zu verstehen. Allerdings haben die historischen Tatsachen diese Verständlichkeit nur für den, dem die Ideen einleuchten, wie ja auch die Natur nur für denjenigen ein systematischer Gesetzeszusammenhang ist, welcher imstande ist, die Gesetzlichkeit einzusehen.

Nur muß man sich hüten, wie KANT im Freiheitsbegriff höherer Art, nämlich der unter Normen stehenden Freiheit, das  Wesen  der Freiheit überhaupt zu sehen und so nur wieder die Gesetzmäßigkeit, die Norm des Geschehens ins Auge zu fassen. Denn damit verflüchtigt sich das eigentlich wesentliche Moment des Freiseins ganz und gar. Wenn daher manche Kantianer das Gesetz des sittlichen Handelns geradezu "die" Freiheit nennen, so ist das ein offenbarer Widersinn, der nicht scharf genug bekämpft werden kann, wie es auch neuerdings, freilich mit stumpfen Waffen, BERGSON (10) getan hat.

Es klingt erhebend, wenn KANT (11) sagt: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir."

Aber KANT war eben Preuße. Gesetz, Pflicht war für ihn alles. Der Begriff der reinen Freiheit war ihm unerträglich, ja er verachtete ihn. daher seine Blindheit gegen das Wertvollste und Wahrste an der Freiheit, den Gegensatz zur Determiniertheit, jene unbestimmte und überhaupt in keiner Weise bestimmbare herrliche, wunderbare Unbeschränktheit, die das Leben, in dem es wirklich lebt, in seinem eigenen Bewußtsein genießt.

Halten wir also fest: Die freien Subjekte können  aus Freiheit  Ideen ergreifen und danach ihr Handeln bestimmen. Und das  Reich der Zwecke,  sofern es durch Ideen verständlich erscheint, das ist es, was wir im eigentlichen Sinne die "Kultur" nennen. Ihren "Sinn" verstehen, heißt nichts anderes, als den systematischen Zusammenhang einsehen, in welchem alle besonderen Begriffe von Kulturobjekten, seien es nun Handlungen oder Dinge, für die denkende Betrachtung stehen - sobald dieser die Grundideen des ganzen Prozesses einmal einleuchten.

Wir einzelnen Menschen sind unrettbar der Vernichtung verfallen. Angesichts dieser bedauerlichen Tatsache müßte uns unser zeitliches Tun und Dasein, meine ich, als recht zwecklos erscheinen, wenn es nicht noch geschichtliche, über die Person hinausreichende, überpersönliche Zwecke gäbe, die ihrerseits wiederum begriffen sind in der zeitlosen Vollendung einer von keiner Erfahrung realisierten allgemeinen Idee, der sich der einzelne schaffende Mensch unterwirft, ja aufopfert, um seinem kurzen Leben einen höheren Sinn zu verleihen, als bloß geboren zu werden und spurlos von der Bildfläche der Geschichte zu verschwinden.  Wir leben ewig, wenn wir in den großen Ideen der Menschheit leben.  Denn wo sich auch im Kosmos Leben wieder regt, wird es dieselben Ideen ergreifen, die tief im Wesen des Lebens selbst wurzeln; es wird sie ebensooft aus Freiheit zu den seinigen machen, als die Materie aus Notwendigkeit denselben ewigen Gesetzen unterworfen ist, wo immer Materie den Weltenraum erfüllen mag.

Ein Blick in die Geschichte beweist uns, daß es darin, wie HEGEL (12) sagte, "vernünftig zugeht", mit derselben Wahrscheinlichkeit, wie die experimentelle Erfahrung beweist, daß im materiellen Geschehen der Welt Naturgesetze gelten. "Die geschichtliche Welt", sagt MÜNCH (13),  "erfüllt  die Ideen wie die sinnlich-anschauliche Welt die Naturgesetze  erfüllt.  Oder kurz:  Wie  die Natur die Konkretion der Gesetze, ist die Geschichte die Konkretion der Ideen." Nur hat man immer zu bedenken, daß die Ideen das historische Geschehen nicht etwa wie Gesetze funktional determinieren, sondern  aus freier Selbstbestimmung  von gewissen handelnden Subjekten realisiert werden.

Zu diesem Standpunkt und einer entsprechenden Lebensanschauung wird mir, hoffe ich, so viel Zustimmung zuteil, als Menschen unter meinen Lesern sind, die es lieber vorziehen würden,  sogleich  im Nirvana zu verschwinden, als ein im Ganzen doch zweckloses und daher völlig überflüssiges Dasein auf diesem, dem Untergang verfallenen Planeten zu genießen, der einst den kalten Weltenraum um das erloschene Gestirn des Erdenlebens durchkreisen wird.
LITERATUR: Eberhard Zschimmer, Philosophie der Technik, Jena 1914
    Anmerkungen
    1) Über die Bedeutung von "real" siehe RUDOLF EISLER, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Berlin 1910. - Außerdem über Realität als Inhalt der objektiven Zeit die vorzülich klare DARSTELLUNG bei PAUL FERDINAND LINKE, Die phänomenale Sphäre und das reale Bewußtsein, Halle 1912
    2) Vgl. EISLER, a. a. O. Ich bitte auch das Wort "ideell" nicht zu verwechseln mit dem ähnlich lautenden philosophischen Fachausdruck "ideal".
    3) Vgl. EISLER, Wörterbuch, a. a. O.
    4) ERNST MACH, Analyse der Empfindungen, Jena 1911
    5) HENRI POINCARE, Wissenschaft und Hypothese, Leipzig 1906.
    6) In sehr klarer Weise wird dies geschildert von ERNST CASSIRER, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und der Wissenschaft der neueren Zeit, Berlin 1911. - Man sehe auch HERMANN LOTZE, Logik, Philosophische Bibliothek, Bd. 141, Leipzig.
    7) POINCARÉ. a. a. O.
    8) Die hier angedeuteten Gedanken habe ich ausgeführt in meinem Buch "Das Welterlebnis, 3. Teil, Leipzig 1913. - Wir kommen später noch darauf zurück.
    9) WILHELM OSTWALD, Die Philosophie der Werte, Leipzig 1913. - Über OSTWALDs "energetischen Imperativ" werden wir uns noch unterhalten.
    10) HENRI BERGSON, Schöpferische Entwicklung, Jena 1912
    11) KANT, Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Ausgabe der Königlich Preußischen Akademie, Berlin 1908
    12) G. W. F. HEGEL, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Leipzig 1907
    13) FRITZ MÜNCH, Erlebnis und Geltung, Berlin 1913. In diesem für die  Kulturlogik  grundlegenden Werk entwickelt der Verfasser die philosophische  Theorie,  als deren Anwendung meine weiteren Ausführungen zu betrachten sind. Bezüglich der sonstigen Literatur über den  "kritischen Standpunkt"  möchte ich ebenfalls auf MÜNCHs Buch verweisen.