ra-3 cr-2 F. AdickesW. StarkTh. NagelPyrrhon    
 
KARL ROKITANSKY
Der selbständige Wert
des Wissens


"Es ist heutzutage außer allem Zweifel, daß das Licht nicht als solches außer uns besteht, sondern daß es Schwingungen des Äthers sind, die wir mittels Vorrichtungen von spezifischer Erregbarkeit jenseits der adäquaten Sinnesvorrichtung zu Licht umsetzen und als solches erkennen. Wir selbst beleuchten uns also den Raum und erkennen darin die Dinge vermöge ihres Verhaltens zum Licht. Ebenso sind es an und für sich Schwingungen tönender Körper von verschiedener Größe und Geschwindigkeit, welche die Luft aufnimmt und uns zuleitet, die wir zu einem Schall, zu einem Ton verarbeiten. Und ebenso sind die Dinge, die wir überhaupt vermöge der Eindrücke auf unsere Sinne vorstellen, außerhalb der Vorstellung gewiß ganz andere."

"Es ergibt sich, daß die uns umgebende anschauliche Welt wesentlich eine Schöpfung der Persönlichkeit ist, daß es Organfunktionen sind, vermöge welcher sich die Dinge als außer uns befindliche, als Dinge von bestimmter Qualität, Form, von bestimmter Größe und Mächtigkeit gestalten."

"Wir sehen im Werden der Dinge und in den an ihnen stattfindenden Vorgängen und Veränderungen eine Sukzession und einen Zusammenhang und wir sagen, die Sukzession geschieht in der Zeit und der Zusammenhang jener Veränderung ist ein kausaler. Wenn wir aber fragen, wie wir zu diesen Anschauungen gelangen, so zeigt sich, daß dies vermöge subjektiver Formen geschieht, die in unserer Organisation liegen müssen, vermöge welcher wir eben imstande sind, eine Sukzession und einen Zusammenhang aufzufassen."

I.

"In einer Akademie der Wissenschaft ist, falls sie ihren Beruf richtig begreift, der Urheber einer Entdeckung nie jener entmutigenden Frage des  Wozu  ausgesetzt, die in der Welt so häufig an ihn gerichtet wird." - Arago (im Fresnel)


Ich entnehme das Thema meines Vortrags einer verbürgten Sage von PYTHAGORAS, wie die CICERO mitteilt: Dieser erzählt, es habe PYTHAGORAS bei einer Unterredung mit LEON, dem Beherrscher von  Phlius,  durch sein reiches und mannigfaltiges Wissen so sehr dessen Verwunderung erregt, daß LEON ihn gefragt hat, welche Kunst er denn eigentlich treibe. Hierauf habe PYTHAGORAS erwidert: Auf eine besondere Kunst verstehe er sich weiter nicht, er sei nur im Allgemeinen ein "Liebhaber des Wissens" - ein  Philosophos.  Von der Neuzeit des Namens befremdet, habe nun LEON gefragt, was denn die Philosophen für Leute seien und wodurch sie sich von anderen Menschenkindern unterscheiden. das habe nun PYTHAGORAS zur Erläuterung weiter ausholend, auseinandergesetzt: Ihm komme das menschliche Leben vor, wie jene großen Messen und Märkte, die mit dem Pomp öffentlicher Spiele unter dem Zusammenfluß von ganz Griechenland abgehalten würden. Wie nämlich auf jenen Vereinigungen ein Teil der Anwesenden nach der Ehre und dem Ruhm der Kampfpreise strebt, ein anderer Teil nur dem Erwerb des Gewinns nachgeht, während ein dritter und nicht der schlechteste Teil weder von Ehrgeiz noch Gewinnsucht getrieben, nur des Schauens wegen kommt und sein Genügen darin findet, zu beobachten, was geschieht und wie - so käme auch die Menschen aus einem anderen Leben und einer besseren Welt in dieses irdische Treiben, wie aus ihrer Heimat auf eine Messe und jagen, die Einen dem Ruhm, die Andern dem Geld nach und neben diesen seien dann auch einige Wenige, die, alles Übrige nicht achtend, nur die Natur der Dinge wißbegierig betrachten, und diese seien es, die er Philosophen "Liebhaber des Wissens" nennt. Wie es aber bei jenen Zusammenkünften für das Würdevollste (liberalissimum [edelste Freiheit - wp]) gilt, bloß Zuschauer zu sein, und sich nicht an ihnen zu beteiligen, so scheint ihm auch im Leben die Betrachtung und Erkenntnis der Dinge aller unmittelbaren Beteiligung an demselben bei Weitem vorzuziehen.

Hierüber äußert sich nun RÖTH (Geschichte unserer abendländischen Philosophie, Bd. II), PYTHAGORAS habe demnach die nicht alltägliche und auch heute noch unseren Philosophen anempfehlenswerte Denkweise geteilt, welche das Wissen und Forschen nicht als ein Mittel zu praktischen Lebenszwecken, sondern als einen Gegenstand selbständigen Wertes, als eines der höchsten Lebensgüter auffaßt; eine Denkweise, wie sie allen großen Denkern wegen des, wenn man so will, einseitigen, aber in ihrer geistigen Begabung begründeten Überwiegens der Intelligenz natürlich ist und wie sie dann wirklich auch bei PLATO und ARISTOTELES in mehrfacher Äußerung vorkommt.

Diesem Gutachten RÖTHs nach sollte PYTHAGORAS, welchen im Kreis seiner Jünger DAHLMANN (Politik I) als die erste Universität bezeichnet, so recht die Anlage zu einem Akademiker gehabt haben; - ich mache den wesentlichen Inhalt desselben zum Gegenstand meiner Betrachtung: er ist  der selbständige Wert des Wissens und die Befriedigung, die es als eines der höchsten Lebensgüter bietet  - ein Thema, über welches nachzudenken man sich, ungeachtet mancher Veranlassung, selten bequemt.

Um dieses Thema zu lösen, d. h. den selbständigen Wert des Wissens und die Befriedigung die es bietet, zu begründen, kann es sich nicht um die Aufzählung all dessen handeln, was wir mehr oder weniger gründlich von der Erde und all dem, was sie birgt und was sie trägt, vom Himmel und seinen Tiefen, von der staatlichen, von der sittlichen Welt wissen, denn augenscheinlich würde auch eine erschöpfende Aufzählung nichts zur Lösung des Themas an die Hand geben. Es kann sich auch nicht um eine Darlegung der aufklärenden, gesittenden, heilenden Macht und Wirkung des Wissens d. h. überhaupt nicht um das praktische Wissen handelt; es kann hier ausschließlich nur das  theoretische  Wissen gemeint sein.

Die Lösung des Themaas, worauf sich ein selbständiger Wert des Wissens und die Befriedigung, die es bietet, gründet, kann nur darin gesucht werden, daß gezeigt wird, wie das Wissen in uns zustande kommt, und was es an und für sich leistet.

Bevor ich in diese Erörterung eingehe, ist es nötig, einige nach meinem Erachten ausgemachte Sätze als leitende Punkt in der Untersuchung vorauszuschicken. Solche sind: Das Wissen besteht im Festhalten begrifflicher, nach Gegenstand, nach Standpunkt und Stufe der Abstraktion verschiedener, in letzter Instanz in der anschaulichen Welt wurzelnder Erkenntnisse, - wir kennen nur ein begriffliches Wissen, - das begriffliche Wissen ist es, welches die Forschung und Mitteilung der Erkenntnisse ermöglicht - das Forschen ist Suchen nach theoretischem Wissen. Außerdem ist noch nötig zu erklären, daß ich, wenngleich ich nicht Materialist bin, mich bei dieser Untersuchung doch auf einen materialistischen, oder, wenn man will, auf einen organizistischen, physiologischen Standpunkt stelle, und somit, wiewohl ich nicht anstehen kann, dem Wissen eine geistige Natur zuzuerkennen, von der Intervenienz [Einmischung - wp] eines geistigen Prinzips als Faktors absehe - zu dem Zweck, um durch eine Vereinfachung des Gegenstandes denselben dem Verständnis näher zu legen.

Wenn man sich einigermaßen in den Gegenstand vertieft, so erscheint das Wissen als etwas ganz Außerordentliches, denn es bedingt tatsächlich das Sein, die Welt, und es ist augenscheinlich, daß je größer das Wissen ist, desto größer nach allen Seiten auch die Dimensionen der Welt sind.

Das Wissen haftet, soweit wir von ihm Kunde haben, an einer Persönlichkeit, welche als das erkennende Subjekt eben seine Erkenntnisse in Begriffen weiß. Wir können, da das Erkennende ein Erkennbares zur notwendigen Voraussetzung hat, ebensowenig ein von der hierin liegenden Beziehung freies, mit Erkenntnis und Wissen ausgestattes Wesen begreifen, als das Wissen abgelöst von einem Wissenden als etwas Selbständiges denken.

Freilich wohl haben manche Philosophen eine reale Welt aus einem Absolutum hingestellten formalen Erkenntnisvermögen (Vernunft) entwickelt, allein sie mögen heutzutage kaum mehr irgendwelche gläubige, geschweige denn überzeugte Anhänger finden.

Es zweifelt niemand, daß es eine in bestimmter Weise organisierte, eine mit bestimmten Organen ausgestattete Persönlichkeit ist, welche erkennt und ihre Erkenntnisse weiß; man wird also sagen dürfen, daß beides das Ergebnis einer normierten Organfunktion, beides eine  Leistung der Persönlichkeit  ist. Der genauere Nachweis dessen ist für meinen Zweck um so wesentlicher, als auch die Befriedigung, die das Wissen bietet, darin ihre Beründung finden wird. Er wird sich aus der Darlegung der Vorgänge, wie wir zum Wissen gelangen, ergeben. Zuerst aber dürfte es wichtig sein, anzudeuten, wie das Wissen unter den bestehenden Bedingungen seinem Maß und seiner Art nach bestimmt ist.

In erster Linie müssen wir glauben, daß das Maß des möglichen Wissens durch die Kombination jenes Grades von anschaulichem Erkenntnis- und von Abstraktionsvermögen bestimmt ist, wie wir es in uns realisiert finden.

Eine Erkennbarkeit der Dinge, wie wir sie uns zum Zweck einer tieferen analytischen Anschauung mittels künstlicher Behelfe und Zubereitungen herstellen, wäre mit dem Bestand der Dinge nicht verträglich - daß aber eine Steigerung des Abstraktionsvermögens beim bestehenden Grad des anschaulichen Erkenntnisvermögens unser Wissen erweitern sollte, ist sehr zu bezweifeln. Wir sind ja nämlich tatsächlich in der lage hierin Außerordentliches zu leisten; wenn wir aber unbefangen danach fragen, was wir durch eine weit fortgesetzte Abstraktion erreichen, so zeigt sich, daß wir schließlich zu Begriffen gelangen, welche inhaltsleere Formen sind, die unser Wissen weder übersichtlich machen noch vertiefen - aus welchen wir die anschauliche Welt durch eine Ableitung zu konstruieren glauben, während wir sie vielmehr in dieselbe hineintragen. - Wollten wir es aber mit einer Steigerung des einen Vermögens von der Art versuchen, daß das andere dadurch ersetzt würde, so ginge das nur mit dem anschaulichen Erkenntnisvermögen an, weil wir ja das andere als ein selbständiges Abstraktionsvermögen, eine Abstraktion ohne anschaulichen Stoff gar nicht denken können; jenes aber gäbe augenscheinlich, so tief und umfassend es auch wäre, kein Wissen, sondern eine unerquickliche Anschauung der Gegenwart. Über die Art unseres Wissens muß vor allem in der Darlegung der Vorgänge, vermöge welcher wir zu Erkenntnissen gelangen, Aufklärung zu finden sein. Diese Darlegung wird zugleich zeigen, wie denn die Erkenntnis und das Wissen eine Leistung der Persönlichkeit sind.

Der erste Rang gebührt jenem fundamentalen Vorgang, vermöge dessen wir die Welt als die uns bekannte äußere Welt anschauen oder erkennen. Er stellt die anschauliche, die Erfahrungswelt her, in welcher all unser Wissen wurzelt, welche keine Abstraktion ganz verlassen darf, wenn sie nicht zu leeren Gedankendingen führen soll. Er besteht in all seinen Momenten, jenem der Rezeption der Sinneseindrücke und ihrer Leitung, der Verarbeitung derselben zu bestimmten Anschauungen, schließlich in jenem merkwürdigsten aller, in dem eine äußere Welt konstruierenden Moment in subjektiver organischer Tätigkeit. Die Wichtigkeit der anschaulichen Erkenntnis kann nicht überschätzt werden. Obgleich im gewöhnlichen praktischen Leben sehr oberflächlich und einseitig geübt, liefert sie durch Schärfe und Allseitigkeit der gemeinhin sogenannten sinnlichen Auffassung aufgrund seltener natürlicher Begabung ebensowohl die Bausteine aller deskriptiven, klassifizierenden und induktiven Wissenschaft, wie auch die Bürgschaften des Gehaltes der Begriffe und der Verläßlichkeit der Deduktion - wie dies ein unübertreffliches Bild illustriert, welche ARAGO (im  Ampére)  über die Geburt und die Entwicklung einer sich bewährenden Idee entwirft:
    "Gleich einem Gestirn im Aufgang erscheint sie zuerst an den äußersten Grenzen unseres geistigen Horizontes anfangs sehr beschränkt, mit einem unsicheren, schwankenden Schein, der wie durch einen dichten Nebel zu und dringt, dann wachsend an Umfang und Helligkeit, bis all ihre Einzelheiten zu erkennen sind, schließlich mit deutlichen Umrissen, so daß sie sich entschieden von allem absondert, was sie umgibt und nicht sie selbst ist. Da bemächtige sich ihrer die Rede usw., d. h. sie ist dort angelangt, wo sie durch Begriffe hindurchgehend die anschauliche Form annimmt, sich an der Anschauung selbst erprobt und als Entdeckung dasteht." -
Und andererseits enthält die anschauliche Erkenntnis die Grundlage einer idealistischen Weltanschauung, denn was ist jener Komplex subjektiver organischer Tätigkeiten im Grunde anderes, als eine Reihe von apriorischen subjektiven Bedingungen, unter welchen die Anschauung zustande kommt? Mit Bezug hierauf habe ich an einer anderen Stelle angedeutet, wie KANT in seiner idealistischen Auffassung der Dinge die heutigen Standpunkte der physikalischen und physiologischen Forschung antizipierte, indem er gewisse subjektive Formen, sogenannte transzendentale (vor aller Erfahrung gegebene, dieselbe ermöglichende) apriorische Anschauungen als Bedingungen statuierte, unter welchen die Dinge erkannt werden. In der Tat sind nicht nur sie, sondern alle die vorhin angedeuteten organischen Tätigkeiten als derart subjektive Bedingungen anzusehen, vermöge welcher wir zu bestimmten Anschauungen, ja überhaupt zu Anschauungen gelangen.

Wir sehen die uns umgebende Welt mittels des Lichts; es ist aber heutzutage außer allem Zweifel, daß das Licht nicht als solches außer uns besteht, sondern daß es Schwingungen des Äthers sind, die wir mittels Vorrichtungen von spezifischer Erregbarkeit jenseits der adäquaten Sinnesvorrichtung zu Licht umsetzen und als solches erkennen. Wir selbst beleuchten uns also den Raum und erkennen darin die Dinge vermöge ihres Verhaltens zum Licht, nicht nur ihre Oberflächen, ihren äußeren Umrissen nach, sondern bekommen auch über ihr Inneres Aufschlüsse. Ebenso sind es an und für sich Schwingungen tönender Körper von verschiedener Größe und Geschwindigkeit, welche die Luft aufnimmt und uns zuleitet, die wir zu einem Schall, zu einem Ton verarbeiten. Und ebenso sind die Dinge, die wir überhaupt vermöge der Eindrücke auf unsere Sinne vorstellen, außerhalb der Vorstellung gewiß ganz andere, unzweifelhaft in innerer oder Massenbewegung begriffene Dinge.

Nun muß es jedem Unbefangenen höchst wunderbar erscheinen, daß wir die Dinge, deren Vorstellung doch vermöge der gedachten Vorgänge in uns zustande gekommen ist, als äußere Dinge auffassen. Wie geht das zu? Unzweifelhaft liegt auch hier eine weitere subjektive organische Tätigkeit vor. KANT war hierin als Erster orientiert, indem er aussprach, daß wir die Dinge vermöge einer apriorischen subjektiven Form im Raum anschauen, daß wir zu jeder Anschauung die uns vor aller Erfahrung innewohnende formale Anschauung des Raums hinzutun. Die Physiologie faßt sich, in einer speziellen Beziehung auf die Lichtwahrnehmungen, dahin, wir seien unbedingt gezwungen, die Ursache unserer Lichtwahrnehmungen in den äußeren Raum zu setzen, selbst wenn sie in Wahrheit im Inneren des Auges wäre (FICK).

Ich will hier nicht in eine Untersuchung der Korrektheit sowohl der idealistischen wie der physiologischen Auffassung des Vorgangs eingehen. Aber soviel ist unzweifelhaft, daß das Zwingende, demgemäß wir die vorgestellten Dinge außerhalb des Vorstellenden verlegen, in der Organisation liegen muß, daß das Anschauen der Dinge im Raum eine Funktion der Organe unseres anschaulichen Erkenntnisvermögens ist, welche uns konsequent auch im Traum, in der Halluzination, immer eine äußere Welt vorführt.

Diesem Vorgang geht unmittelbar ein anderer vorher, der nicht weniger wunderbar ist. Bekanntlich wird der Eindruck auf die Sinne durch ein Abbild des äußeren Dings, durch das Bildchen auf der Netzhaut des Auges, durch die Oszillation eines oder mehrerer der Elemente des  Corti'schen  Organs in der Schnecke des inneren Ohrs vermittelt. Diese Abbilder sind wie die von ihnen betroffenen rezipierenden Elemente und deren Komplexe außerordentlich klein und doch sehen wir die Dinge in ihrer, wie wir sagen müssen natürlichen, realen, das Netzhautbildchen weit übertreffenden Größe, hören wir den Schall, den Ton in einem der Oszillation eines CORTI'schen Elementes weit überragenden Mächtigkeit. Sie müssen als jenseits jener rezipierenden Elemente zu den mächtigen dingen, als welche wir sie anschauen, verarbeitet worden sein, und zwar in jenen zentralen Organen, in welchen die verschiedenen Sinneseindrücke überhaupt zu adäquaten Anschauungen umgestaltet werden. es ist dieser Vorgang unerläßlich, weil sonst nicht einzusehen wäre, warum wir in der in den Raum versetzten Ursache unserer Wahrnehmung, die doch in dem bezüglichen Sinnesorgan als ein Bildchen auftrat, etwas von diesem an Größe, an Mächtigkeit so außerordentlich verschiedenes Ding vorstellen.

Aus diesen Andeutungen, über welche hinauszugehen hier untunlich ist, ergibt sich, daß die uns umgebende anschauliche Welt wesentlich eine Schöpfung der Persönlichkeit ist, daß es Organfunktionen sind, vermöge welcher sich die Dinge als außer uns befindliche, als Dinge von bestimmter Qualität, Form, von bestimmter Größe und Mächtigkeit gestalten.

Aber damit hat es mit unserer Tätigkeit innerhalb der anschaulichen Welt noch nicht sein Bewenden. Noch sehen wir im Werden der Dinge und in den an ihnen stattfindenden Vorgängen und Veränderungen eine Sukzession und einen Zusammenhang und wir sagen, die Sukzession geschieht in der Zeit und der Zusammenhang jener Veränderung ist ein kausaler. Wenn wir aber fragen, wie wir zu diesen Anschauungen gelangen, so zeigt sich, daß dies vermöge subjektiver Formen geschieht, die in unserer Organisation liegen müssen, vermöge welcher wir eben imstande sind, eine Sukzession und einen Zusammenhang aufzufassen.

Augenscheinlich ist vor allem die Zeit in uns, wir üben ihre Anschauung an den Anschauungen der Dinge (einschließlich unseres eigenen Leibes), sofern sie in die Reflexion eingegangen, zu Gedanken geworden sind, - weswegen wie sich nur dem Menschen über die Gegenwart hinaus als Vergangenheit und als Zukunft entfaltet. Ebenso üben wir in der Kausalität eine unseren Organen inhärente Tätigkeitsform, mittels der wir die Dinge und die an ihnen vorgehenden Veränderungen untereinander verknüpfen; wir üben sie mit dem ersten Eröffnen unserer Augen, indem wir, wie der Physiologe sagt, die Ursache unserer Lichtwahrnehmungen in den äußeren Raum versetzen.

Nun könnte man einwenden, diese Tätigkeiten hätten nicht die Bedeutung, die ich ihnen zwecks meiner Beweisführung beilege; wir seien ihrer nicht bewußt, die anschauliche Welt komme in automatischer Weise zustand und wir könnten uns derselben nicht verschließen, - wenn man sich aber erinnert, daß wir die Anschauung auch zu Zwecken der Forschung, mit isolierter Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, geleitet von Reflexion, mit Anstrengung, zwecks scharfer allseitiger Auffassung üben, so wird man überzeugt, daß hier allerdings ermüdende Tätigkeiten vorliegen, die je nach Maßgabe einer ursprünglichen organischen Begabung und Ausbildung jene gewöhnliche Anschauung erweitern und ergänzen.

Sobald wir, von der unmittelbaren Anschauung abgewendet, dieselbe denken und in Worte kleiden, befinden wir uns auf einem anderen, auf begrifflichem Gebiet, auf dem sich eine andere Reihe von Tätigkeiten eröffnet. Schon auf dieser ebengedachten niedersten Stufe der Abstraktion ist das Forschen, ist eine Erweiterung des Wissens ermöglicht, indem wir - wie vorhin angedeutet -durch fortgesetzte zweckbewußte Anschauung desselben Gegenstandes, oder, durch die Vergleichung der in einen Begriff übertragenen mit einer unmittelbaren Anschauung veranlaßt, mittels Wiederholung derselben von anderen Standpunkten neue ergänzende berichtigende Anschauungen gewinnen, indem wir die Dinge planmäßig unter abgeänderte Bedingungen ihres Seins und Wirkens bringen, um selbe durch neue Anschauungen von verschiedenen Standpunkten aus, unter Begriffe und solche wieder unter höhere Begriffe zusammenfassen, - indem wir vermöge verschiedener an bestimmte uns inhärente (transzendentale) Normen gebundener Operationen mit den Begriffen von verschiedener Abstraktionsstufe neue Erkenntnisse, Vernunfterkenntnisse, schaffen, - indem wir die Gesetze erkennen, welche über dem Sein und Werden und dem Wirken der Dinge usw., in den Vorgängen des Erkennens und Denkes selbst, unseres Wollens und Handelns walten, - ndem wir mit einem Wort Übersicht in das Detail unserer Erkenntnisse, einen Zusammenhang in dasselbe bringen, dieselben vertiefen, Wissenschaften aufbauen.

Es hat keine Zeit gegeben, in welcher man nicht vermutet oder einigermaßen eingesehen hätte, daß hier überall ermüdende, an bestimmte Normen gebundene Organtätigkeiten vorliegen - wie sollte unsere Zeit hierüber andes denken, nachdem die Schwelle zu dem wunderbaren Bau des Tier- und Menschengehirns, zu den Werkstätten der Anschauung sowohl, wie der Reflexion und ihres leider so oft ungenügenden Fixierungs- und Verkehrsmittels, der Sprache, betreten, ja man darf sagen, überschritten ist.

Nach dem Bisherigen haben wir Erkenntnisse erarbeitet; noch müssen wir dieselben, wie vorhin angedeutet wurde, festhalten, wir müssen sie nach Willkür wecken können, damit sich ein Wissen gestaltet und ein Forschen möglich wird. Das ist wieder eine und zwar die wichtigste und die lohnendste Arbeit, denn sie setzt uns in den dauernden Besitz einer Welt und macht, daß wir aus der Koordination mit den Dingen heraustreten und uns vermöge der festgehaltenen Erkenntnisse ihnen allen bleibend gegenüberstellen - in einer Beziehung, deren Studium und Auffassung über die Art unserer Weltanschauung entscheidet.

Es ist nun nicht zu verkennen, daß sich die Erkenntnisse, je mehr sie sich über die elementare Form der anschaulichen erheben und sich zu begrifflichen umgestalten, desto mehr vergeistigen, daß sie Erzeugnisse geistiger Art sind, welche wir wissen, indem sie fixiert in einem bestimmten molekularen Zustand der die bezüglichen Organe konstituierenden Materie, entsprechend der Ausprägung dieses letzteren mit mehr oder weniger Klarheit, an uns haften - en Geist, der in uns aufgegangen ist, bei uns und unserem Geschlecht bleibt, der überall einkehrt, nach Maßgabe einer ursprünglichen Begabung, Anregung und Tätigkeit.

Unzweifelhaft haben wir mit der im Vorigen dargelegten Arbeit Werte und wie schon angedeutet einen Besitz geschaffen. Wir erwerben in der Erkenntnis, im Wissen ein Eigentum. Hier liegt ein weiteres höchst wichtiges Moment zur Lösung unserer Aufgabe. Es ist demnach nötig, zu diesem Zweck dieses Eigentum näher ins Auge zu fassen.

Wenn es richtig ist, daß nur Arbeit ein eigentliches persönliches Eigentum begründet, so ist das durch selbständiges Forschen errungene Wissen das wahrhafteste Eigentum.

Es ist zwar auch das von Anderen entlehnte, das erlernte Wissen, als ein zusammenhängendes über die Entwicklung und Begründung der Erkenntnisse klares, Rechenschaft gebendes Wissen, ein höchst wertvoller, mühevoll erworbener Besitz, allein er ist eigentlich nur ein Besitz von Mitteln zum Zweck der Produktion eines wahrhaften Eigentums, auf jedem Stadium des gemeinsamen Fortschritts ein Inbegriff von Bedingungen, unter welchen ein vernünftiges, auf Erfolg rechnendes Forschen, d. h. eben jene Produktion wahrhaften Eigentums ermöglicht ist. Er ist die Teilnahme an einem Gemeingut, an einem Kapital, auf welches noch zurückzukommen sein wird.

Das auf Grundlage dieses Besitzes durch selbständiges Forschen produzierte Eigentum ist nun, wie die gründlichsten Kenner zugeben, ein Eigentum von besonderer Art. Seine Eigenschaften stehen im innigsten Zusammenhang mit der Individualität und ihrem Egoismus, und mit der Wahrheit und ihrer kosmopolitischen Natur.

Kein Erzeugnis trägt die Individualität des Produzenten in so ausgeprägter Weise an sich, keines legt das Innere der Werkstätte, die in ihr waltende Arbeitskraft und Richtung so klar dar, wie das geistige Eigentum. Deshalb heftet der Produzent gemeinhin mit Besorgnis seinen Namen an die Errungenschaft seines Forschens, spricht dieselbe auch dann noch, wenn sie zum Gemeingut geworden ist, als sein bleibendes Eigentum an, und verlangt auch von Anderen diese Anerkennung. Und deshalb ist auch die unbefugte Aneignung desselben der empfindlichste Diebstahl.

Andererseits drängt es als theoretisches Wissen, im Gegensatz zu praktischen Kenntnissen, Kunstgriffen und Fertigkeiten (WHEWELL), zur Freigebung, zur Mitteilung in den weitesten Kreisen. Das kommt von der Wahrheit, welche allein der Forscher sucht, welche der theoretischen Erkenntnis wesentlich ist, wenn auch nicht immer ganz zukommt. Mit Mühen und Opfern erworben, durch vielfache Zweifel, die Wächter und Läuterer der Erkenntnis hindurchgegangen, will sie Gemeingut werden und die Menschheit spricht es vermöge eines unveräußerlichen Rechts an. Wie das Forschen nach ihr keine Fesseln kennt und nach RENANs (im Dom Luigi Tosti) Wahrnehmung gerade mitten unter allgemeiner Verwilderung die Denker gedeihen, so läßt sich auch ihre Mitteilung nicht hemmen, wie die Zeiten lehren, wo sie sich komprimiert und verfolgt von Autorität und Wahn, durch Märtyrertum und im Gewand von Quaestionibus und Paradoxis einführte und zum Gemeingut wurde. - Wenn wir trotzdem klagen mögen, daß manche Wahrheit nicht ausgesprochen wurde, daß manche andere nicht in origineller Fassung, in der Reinheit ihrer ursprünglichen Konzeption auf uns gekommen sind, so haben wir doch keine Ursache, unsere mächtig und auf sicheren Grundlagen fortschreitende Zeit zu verdammen, wie STEFFENS, weil sie das Märtyrertum durch Polizeigesetze unmöglich macht, denn es ist in ihr mehr denn je die Überzeugung und die Zuversicht lebendig geworden, daß das Wissen unerbittlich seine Wege vorwärts geht und sich ausbreitet, daß es nicht zerstört, ohne aufzubauen, und daß, wenn es zur Barbarei verflossener Jahrhunderte kommen sollte, wie ehedem die leitenden Wahrheiten als die ewigen Sterne werden zum Vorschein kommen, wenn es genug finster geworden ist (CARLYLE).

Nich geringer sind die Besonderheiten des Gemeingutes, des theoretischen Wissenskapitals, wie es in unseren Büchern, in unseren Köpfen teils lose, auseinandergeworfen, teils geordnet, verknüpft und verarbeitet aufgespeichert ist. Es wird durch die vielfachste Entlehnung nicht geringer, vielmehr fließen ihm, aus der Verarbeitung des Entlehnten hervorgegangen, neue Elemente als Zinsen zu, deren Größe sich jeder Vorausberechnung entzieht. Es besteht jenes Kapital aus einer Masse des verschiedenartigstens Details sowohl, wie umfassender Erzeugnisse, und jedes neu hinzukommende entwickelt im Bestehenden eine erweiternde, restituierende, befruchtende, wie eine reduzierende, kondensierende, eine absorbierende, zersetzende, vor allem aber eine metabolische [wandelbare - wp] Wirkung, so, daß die Masse in einer fortwährenden Umgestaltung begriffen ist. Ich vermag das großartige Schauspiel nur in den gröbsten Umrissen anzudeuten. Wieviel Wissenschaft ist bis auf spärliche Reste untergegangen, wieviele Wissenszweige, die sich nach Methode und Inhalt selbständig dünkten, sind zu Behelfen anderer geworden, wieviele sind von anderen absorbiert worden, wieviele haben sich gespalten, wieviele sind neu entstanden, - und wie haben sich damit ihre Beziehungen untereinander verschoben und geändert. Jedermann kann heutzutage während eines Lebenslaufes irgendeinem Akt des Schauspiels zusehen: wie da und dort ein Strahl hereinbricht, welcher hier wiedererweckt, befruchtet, erleuchtet, dort verdichtet, verödet, zersetzt, chaotische Wirbel anregt und unterhält, bis ein anderer, ein dritter kommt, der den Tumult klärt und neue Gebilde erstehen läßt. - Dieses Kapital repräsentiert durch seine Größe, vor allem aber durch die Natur seiner Bestandteile, ihre Anordnung, durch den Grad und die Art ihrer inneren Verwandtschaft, die Standpunkte und die Bestrebungen, d. h. den Geist der jeweiligen Zeitperiode.

Die eigenartige Natur des geistigen Eigentums macht, daß eine äquivalente Umsetzung desselben zu materiellem Besitz unmöglich ist. Sein Wert liegt in der Arbeit und in der Wahrheit des Erzeugnisses. Abgesehen davon, daß sich die Größe, die Bedeutung der letzteren nicht absolut bestimmen läßt, da eine Entdeckung heute klein erscheint, in der nächsten Zukunft sich aber groß und folgenreich erweist, ist eine kleine Entdeckung oft die Frucht langer, mühevoller, kostspieliger, origineller Arbeit, eine große Entdeckung nicht selten das Werk glücklicher weihevoller Augenblicke. So bietet die Arbeit keinen Anhaltspunkt; wie aber will man das Erzeugnis selbst schätzen, da es den Produzenten ja an und für sich lohnt, ihm an und für sich jenen Genuß bereitet, welchen die Befriedigung eines primitiven Drangs gibt; da es auch nach der Mitteilung sein Eigentum bleibt, und da es seiner Natur gemäß auf Mitteilung dringt, und die Menschheit dieselbe als die Erfüllung einer Pflicht fordert. Deshalb appelliert überall die Produktion von geistigen Werten an das Gemeindewesen, den Staat, die Gesellschaft, und das Maß der ihr von ihnen gewordenen Anerkennung und Förderung durch materielle Mittel ist Zeuge und Gradmesser ihrer Zivilisation.

Wenn man frägt, was zu dieser Arbeit als einem Lebensberuf bestimmt, so müssen wir sagen, daß es ein den Organen innewohnender, von der Idee des Organs unabtrennlicher  Drang nach Funktion  ist, der uns dahin treibt, dem wir folgen, ehe wir noch die Bedeutung, den Wert seiner Befriedigung und ihrer Früchte irgendwie zu ermessen imstande sind. Dieser Drang, der uns im Reich des Lebendigen, vor allem im tierischen Organismus, entgegentritt, und hier als leitender und beherrschender dem Nervensystem innewohnt, hier die größte Mannigfaltigkeit in Bezug auf eine Richtung entwickelt, dessen individualisierendes Studium unzweifelhaft wieder zum Leitfaden in der Durchforschung des Zentralorgans werden wird - dieser Drang wird durch Tätigkeit, durch Funktion gestillt. Es ist wohl natürlich, daß die hierin liegende Befriedigung zu einem umso edleren Lebensgenuß wird, je edler der Drang selbst ist und je klarer seine Befriedigung ins Bewußtsein tritt. Ich weiß in der Tat alles Gesagte mit Beziehung auf den "selbständigen Wert" des Wissens nicht besser zu erläutern, als durch das Geständnis, welches in den Worten liegt, die FRESNEL an YOUNG schrieb: "Ich arbeite viel weniger um den Beifall des Publikums zu erhaschen, als um meine eigene innere Zustimmung zu erhalten, wobei letztere mir immer die süßeste Belohnung aller meiner Mühen gewesen ist." (WHEWELL)

In diesen Worten liegt übrigens auch noch ein Weiteres: Jede Arbeit begründet Selbständigkeit und es ist nach dem Gesagten erklärlich, daß das seiner Natur nach freie Forschen, Denken und Wissen den exquisitesten Grad an Selbständigkeit begründet. Wenngleich nun diese Selbständigkeit den Forscher in seinem Bereich isoliert, so folgt er doch, indem er wahrnimmt, wie der durch seine Errungenschaft in der flüssigen Masse des Wissens geweckte Wellenschlag über seinen Kreis in entrückte Provinzen hinausgeht, wie die Gährung weit hinaus in die ganze Masse greift, indem er wahrnimmt, wie überhaupt ein in einem Kreis angezündetes Licht in den entlegendsten anderen widerscheint, so folgt er doch, sage ich, vor allem anderen einem allgemeinen Kulturgesetz, demgemäß, je höher der Grad der Selbständigkeit des Einzelnen ist, sich desto mehr der Drang nach  Assoziation  geltend macht, d. h. nach der Verwirklichung einer Abstraktion, welche ihre Elemente durch die wechselseitige Anerkennung und Anregung zu einem gemeinschaftlichen Zweck bindet, und nach Außen eine Persönlichkeit repräsentiert. Darum haben eben nur Kulturvölker, deren Elemente durch Talent und Arbeit auf dem Weg einer freien, von Autorität und Tradition emanzipierten Entwicklung selbständig geworden ist, Assoziationen - Assoziationen der verschiedensten sowohl allgemeine wie spezielle Interessen umfassenden Art - über denen sich unvermerkt die umfassendste von allen, die öffentliche Meinung gestaltet, ein einiger, frei gewordener, siegreich aus einem Kampf ums Dasein mit Anderen hervorgegangener Gedanke, der sich gleich einer Atmosphäre niederläßt und alles durchdringt, hier stärkt und belebt und dort lähmt und vernichtet.

Am lebendigsten muß wohl dieser Drang nach Assoziation in den Trägern des theoretischen Wissens sein, da dieses ja an und für sich vermöge seiner im kleinsten Detail waltenden Solidarität faktisch immer und gerade heutzutage innigst assoziiert ist - zu einem Ganzen, bestehend aus dem Erbe unserer Väter und den Schöpfungen der jeweiligen Gegenwart, Früchte zugleich und eine Saat, die keimfähig ist für alle Zeiten. Arbeit, die Produktion von Werten, die Stillung des Wissensdranges füllen die Geschichte des schaffenden Geistes und werden sie füllen; die Arbeiten mit ihrem gestillten Drang gehen unter, die Werte bleiben und jede Zeit hat die Aufgabe, sich über die ihnen gebührende Stelle im assoziierten Wissen zu orientieren. Man könnte meinen und man sagt es, daß wir heutzutage in dieser Hinsicht Wichtiges vernachlässigen; es wird hiermit eine Geringschätzung des deduktiven, spekulativen Wissens ausgesprochen. Ich glaube mit Unrecht. Auf einer Seite hat unsere Zeit die ungenügenden Resultate deduktiver, spekulativer Bestrebungen in der Mangelhaftigkeit empirischer Grundlagen begründet, es hat die Reichhaltigkeit der Objekte so wie der Reiz induktiver Studien die Forscher in überwiegender Anzahl auf diesem Gebiet versammelt; Objekt und Methode machen, daß hier notwendig Assoziation herrscht. Auf der anderen Seite ist es die andersartige, diskursive Natur des deduktiven, des spekulativen Forschens, welche nicht nur das ganze Gebiet desto mehr isolierte, je schroffer sich die Denker dem empirischen Wissen verschlossen, sondern sie ist es auch, welche selbst die einzelnen Denker auseinanderhielt. Die induktive Forschung hat dem Denker Grundlagen und die Hand geboten und indem es heutzutage keinen Naturforscher gibt, der sich nicht auch höheren Standpunkten zu benehmen wüßte und keinen Denker, der induktives Wissen nicht zu verwenden strebte, so ist tatsächlich das Wissen von heute assoziiert wie nie zuvor und damit auch, wie nie zuvor, eine Macht geworden.

Und nun, ehe ich schließe noch eine Bemerkung: Indem das Wissen ein Eigentum ist, neben dessen Anhäufung kein Zweiter verarmt, weil das Gebiet des zu Wissenden unerschöpflich und jedem zugänglich ist, und weil jeder Errungenschaft ihre Mitteilung folgt, so können dessen Inhaber und die Kreise, die sie bilden, nur insofern in der Gesellschaft isoliert erscheinen, wie das Verständnis für ihre Bestrebungen ohne ihre Schuld nicht zustande gekommen oder ohne ihre Schuld abhanden gekommen ist.

Ich sehe mich hiermit, am Ende meiner Erörterung, in die Akademie versetzt, und nehme die pythagoräische Anschauung des Wissens als den Beruf derselben, als die in derselben herrschende Denkweise, als das Prinzip ihrer Tätigkeit in Anspruch. Und wenn ich nun auf die Fragen, von deren Lösung ich das Verständnis von RÖTHs Kommentar über das Wissen und Forschen abhängig machte, antworten soll, so ergibt sich:
    1. Wir schaffen im Wissen auf dem Weg unbewußter automatischer, insbesondere aber zweckbewußter anstrengender, an Organe geknüpfter und damit an bestimmte inhärente Normen gebundener Tätigkeit eine materielle und eine geistige Welt.

    2. Wir schaffen durch die hierin liegende selbständige Arbeit ein persönliches Eigentum eigener Art, welchem mit Beziehung auf den spezifischen Drang nach Forscher-Tätigkeit ein selbständiger Wert zukommt.

    3. Wir erlangen, indem wir den den edelsten Gebilden unseres Organismus innewohnenden Drang nach Tätigkeit befriedigen, eines der höchsten Lebensgüter - ein Lebensgut, welches sich dem Bewußtsein des Gerechten würdig zur Seite stellt - ein Lebensgut, zu dessen massenhafterer Produktion und Mitteilung die Menschen sich zu Vereinen zusammentun, deren Bestrebung jener ethischen Vereine würdig zur Seite steht.
Wenn ich am Schluß das Gesagte überblicke, so zeigt sich, daß, wenn auch das konkrete Thema befriedigend erledigt worden sein mag, doch noch die definitive Beantwortung einer Frage unterblieb - einer Frage, welche sich aus mehreren der angeführten Daten mächtig hervordrängt - deren Beantwortung somit auch eine Ergänzung der bisherigen Erörterung abgeben dürfte. Diese Frage ist: Von welcher Art ist unser Wissen in Bezug auf das Wesen der Dinge, oder, was haben wir von den Dingen, die wir erkennen, zu halten? - Die Beantwortung dieser Frage scheint auf den ersten Blick vor allem davon abzuhängen, daß wir die Dinge recht gründlich und allseitig erkennen; allein bald tritt die Überzeugung dazwischen, daß es auch sehr wichtig sein dürfte, zu berücksichtigen, welche Rolle nach dem Gesagten dem Erkennenden zukommt. In der Tat läßt sich besonnener Weise die Frage nur nach gründlichster Beachtung dieses Faktors beantworten. Und diese Antwort wird zugunsten einer idealistischen Anschauung der Dinge ausfallen. - Das Interesse der Frage, deren Beantwortung eine Lücke im Vorigen ausfüllt, bestimmt micht zu einer Erörterung, welche übrigens nicht mehr als eine höchst fragmentarische gleichsam an einem Beispiel versuchte Darlegung des Idealismus sein kann.


II.

Es hat lange gedauert, bis man dahin gelangte, sich die Frage förmlich zu stellen, was wir von den Dingen zu halten haben und es währte noch länger, bis man einsah, daß es zum Zweck einer gründlichen Beantwortung von unabweislichem Belang ist, unsere Kenntnis zu untersuchen.

Am nächsten lag immer zu glauben, daß wir die Dinge als gegebene erkennen, und daß sie das auch an und für sich sind, als was wir sie erkennen, "das Wesen derselben sei die Summe ihrer Eigenschaften", d. h. die Summe des an ihnen Erkannten und des weiteren Erkennbaren - sie seien demnach reale Dinge. Daß wir die Dinge tatsächlich nicht zu jedem Zeitpunkt, ja wegen der Beschränkung unseres Erkenntnisvermögens überhaupt nie völlig erkennen, ändert hieran nichts, denn alles, was über das faktisch an den Dingen Erkannte hinaus an ihnen sein mag, wäre doch nur Erkennbares.

Nun läßt sich andererseits eine Stimme vernehmen, welche sagt, daß, wenn wir auch alles an den Dingen erkannt hätten, wir doch das innerste Wesen derselben nicht erkannt haben würden. Es regen sich Zweifel, ob denn die vollendetste Erkenntnis der Eigenschaften eines Dings uns sein innerstes Wesen darlegen kann; wir sehen allerdings, daß die Summe der Eigenschaften ein Ding konstituiert, aber wir merken doch bald, daß dieses Ding nicht jenes sein kann, welches vermöge der Eigenschaften erkennbar geworden ist. Und sofort gestalten sich Folgerungen und zwar auf Seiten der Dinge: Die Dinge müssen außer dem, was an ihnen erkannt wird, noch Etwas sein und zwar Etwas, das überhaupt oder mindestens nicht anschaulich erkennbar ist - auf Seiten der Erkenntnis: die anschauliche Erkenntnis mag nur auf einer Seite der Dinge berechnet sein.

Ob und inwiefern diese Folgerungen berechtigt sind, muß sich aus der Untersuchung des Erkennens und zwar des anschaulichen Erkennens ergeben.

Aus dem im Vorigen Gesagten geht hervor, was für eine wesentliche Rolle gewisse Organfunktionen beim anschaulichen Erkennen spielen. Solche waren unter anderem die Umsetzung äußerer Vorgäge zu spezifischen Anschauungen oder Vorstellungen, die Verarbeitung von Abbildern zur Vorstellung und die Verlegung der Dinge in den Raum, demgemäß wir sie als äußere Dinge vorstellen.

Diese Funktionen und ihr Ergebnis, die in jedem bewußten Moment dastehende anschauliche äußere Welt, bilden ein abgeschlossenes Thema, und aus diesem entnehme ich die beiden Letzteren und mache sie zum Gegenstand einer Erörterung, über welche eine vorläufige Verständigung nötig ist.

Sie sind gleich anderen im Vorigen vom physiologischen Standpunkt als bestimmte einer bewußten Intensitätssteigerung fähige Arbeitsleistungen in Betracht genommen worden. Die folgende Erörterung faßt sie als Bedingungen auf, unter welchen wir die Dinge anschauen. Während es der physiologischen Forschung zukommt, die hier vorliegenden Mechanismen aufzuklären, die Vorgänge zu konstruieren, hat es der nunmehrige Standpunkt mit dem ins Bewußtsein gelangten Resultat dieser Vorgänge, mit der Anschauung selbst zu tun.

Ich wende mich zunächst zu den Ergebnissen jenes wundervollen Mechanismus, vermöge dessen wir, wie der Physiologe sagt, die Ursachen unserer Wahrnehmungen mit zwingender Notwendigkeit in den Raum versetzen. KANT - der Mann der Physiologen - sagte: "wir schauen die Dinge im Raum an," und sah hierin eine transzendentale Form unserer Anschauung, indem er meinte, wir besäßen eine apriorische Anschauung des Raumes, die wir zur Anschauung der Dinge jedesmal hinzutäten. Die Voraussetzung, welche der Verlegung der Ursachen unserer Wahrnehmungen in den Raum zugrunde liegt, findet in der kantischen Auffassung einen völlig entsprechenden Ausdruck. Es ist aber von größtem Interesse zu erforschen, wie KANT zu seiner Auffassung gelangt sein mochte. Es ist kaum zu zweifeln, daß er zunächst darin eine merkwürdige Eigentümlichkeit unserer Anschauung fand, daß wir die Dinge als außer uns befindliche, als äußere anschauen. Da er aber sah, daß dies den Raum voraussetzt, so gestaltete sich sein Ausspruch dahin, daß wir die Dinge im Raum anschauen. Dabei mußte ihm die anschauliche Erkenntnis des Raumes als eines äußeren als eine solche erscheinen, die uns vor aller Erfahrung, als eine besondere formale Anschauung innewohnt, als eine apriorische Bedingung, ohne welche wir zu keiner Anschauung eines äußeren Dinges kämen.

Man kann nicht umhin anzuerkennen, daß in unserer Anschauung der Dinge im Raum eine apriorische, subjektive Form liegt, allein bei genauerer Erwägung zeigt sich, daß diese Form nicht in der eben besagten Raumanschauung, sondern in jenem Moment liegt, von welchem KANT ausgegangen sein mochte. In der Tat ist die reine primitive Form der Anschauung, soweit unser Bewußtsein reicht, die, daß wir die Dinge als äußere anschauen, daß wir die Anschauung außer uns verlegen. Nun geschieht aber dieses Verlegen nicht in den von KANT als Äußeres vorausgesetzten Raum, sondern wir verlegen vielmehr die Dinge (unseren Leib inbegriffen) und den Raum in uns nach außen. Es kann sich hier nicht um die Anschauung der Dinge außerhalb unseres eigenen Leibes, wie durch manche geistreiche Konstruktion klar zu machen versucht worden ist, sondern um die Anschauung der Dinge mit Einschluß des eigenen Leibes außerhalb des anschauenden Subjekts handeln. Wir besitzen allerdings in der räumlichen Anordnung der Elemente der perzipierenden sowohl wie der anschauenden Organe die Bedingung der Anschauung des Raumes, allein wir können sie nicht nur nicht als reine, von den Dingen abgesonderte üben, sondern sie würde auch nie zur Anschauung eines äußeren werden, wenn wir sie eben nicht mit den Dingen aus uns heraus verlegten. Es liegt demnach nicht in der Raumanschauung, sondern vielmehr im Verlegen der Dinge mit dem sie enthaltenen Raum aus uns heraus eine apriorische Form unserer Anschauung.

Darin begründet sich viel tiefer die Unzertrennlichkeit beider und der Umstand, daß, was wir auch immer vom einen sowohl apriori wie auch empirisch aussagen, auch vom anderem gilt, die nicht bloß einem, sondern beiden solidarisch zukommende Identität. So können wir uns ebenmäßig weder den Raum, noch die Dinge (Materie) irgendwie begrenzt denken; wir können uns ebensowenig den Raum ohne Dinge , wie auch die Dinge ohne den Raum anschaulich vorstellen; wir können von den Dingen abstrahieren und einen leeren Raum denken, allein es ist dieser sogenannte Raumbegriff eben eine ansich leere Abstraktion, welche nur fruchtbar wird, wenn wir einen Inhalt in anschaulicher Form hineindenken, Teile desselben anschaulich begrenzen. Der Teilbarkeit der Materie entspricht die des Raumes, der anschaulichen Kontinuität der Materie die des Raumes und es wird im anschaulichen Raum bei der Bewegung der Massen die aus dem Raum weichende Materie immer wieder durch Materie substituiert. Dagegen erscheint uns in der anschaulich gedachten atomistischen Welt wiederum gleichmäßig sowohl die Materie wie auch der Raum diskontinuierlich und es substituieren bei der Bewegung die körperlich gedachten Atome den Raum und dieser jene. Wie dort die Kontinuität das anschauliche Verständnis begründet, so könnte man glauben, daß es hier die Diskontinuität, d. h. die Unmöglichkeit der Anschauung eines leeren Raumes sei, daß wir keinen Einblick in die Welt der Atome erlangen können. Materie und Raum sind gleichmäßig die Bedingungen der Bewegung; wir messen den Raum mittels der Dinge und umgekehrt usw.

Mit der Anschauung im Raum steht die Anschauung mittels Abbildern in einem untrennlichen Zusammenhang. Die gewöhnliche (realistische) Auffassung geht dahin, daß wir von den außer uns befindlichen Dingen die Bilder erkennen, daß wir die äußere Welt im Bild in uns tragen und daß demnach eine abgebildete Wet in uns neben einer äußeren realen objektiven einhergeht. Allein wir sind uns nie solcher Bilder in uns, sondern immer nur der außerhalb von uns projizierten Dinge bewußt; wie gehen nie mit Bildern, sondern immer unmittelbar mit den äußeren Dingen um, wir stellen nie Vergleiche zwischen dem einen oder dem anderen an, wir ergänzen oder berichtigen die Anschauung des äußeren Dings nicht durch die Berücksichtigung eines Bildes, sondern immer nur durch eine wiederholte Anschauung des Dings; wir reproduzieren z. B. im Traum die einmal angeschauten Dinge nicht als Bilder in uns, sondern immer als die Dinge außer uns in ihren, ihnen als äußeren Dingen zukommenden Dimensionen. wir wissen demnach nicht von solchen zwei Welten, wir stellen die Dinge nicht in Bildern vor, die wir auf die äußeren realen Dinge beziehen, sondern wir stellen die Dinge selbst als äußere, angeregt durch Bilder, vor. Wenn übrigens das Erstere wirklich stattfände, so wäre der Vorgang jener Beziehung jedenfalls eine subjektive apriorische Form der Anschauung, ohne die wir tatsächlich nichts vom dasein äußerer Dinge erfahren würden.

Wenn man diese Momente erwägt, so ergibt sich, daß die Herstellung der äußeren Welt das Werk unserer subjektiven Wirksamkeit sei und zwar glauben wir zunächst, daß wir reale Dinge, die außer uns sind, zu einer vermöge subjektiver Bedingungen ermöglichsten ihnen adäquaten Anschauung bringen. Besinnt man sich jedoch, so zeigt sich zunächst, daß die Dinge in der Anschauung andere sein dürften als außerhalb derselben, sodann aber, daß sie, wie sie vor uns liegen, ganz und gar von subjektiven Bedingungen abhängen, daß sie völlig in der Anschauung aufgehen. Und tatsächlich ist dies der Gang, welchen die Entwicklung der Grundlagen und die Ausbildung der idealistischen Auffassung der Welt genommen hat.

Allerdings hat das Festhalten der einmal gewonnenen Auffassung seine Schwierigkeit; immer nämlich verfallen wir in den realen, physiologischen Standpunkt, demnach die Dinge einmal an und für sich da sein und außerdem erkannt werden sollen. KANT selbst hat sich von diesem Standpunkt nicht ganz und gar losgemacht: Als er nämlich, BERKELEY im Auge, gleichsam angeweht vom Hauch des urwüchsigen rasseneigentümlichen Mißtrauens und Zweifels des Hinduvolkes an der Realität der Welt und getragen von den kritischen Leistungen LOCKEs und HUMEs, seinen transzendentalen Idealismus begründete und lehrte, daß das Empirische der Anschauung von Außen gegeben wird, indem wir die Dinge vermöge unserer Sinnlichkeit unter den transzendentalen Formen des Raums und der Zeit als Erscheinungen anschauen, so legte er der nach ihm der bloßen Sinnlichkeit angehörigen Anschauung eine äußere Ursache unter und vermeinte sogar in diese das Ding-ansich verlegen zu können. Diese Ursache, welche vermöge des subjektiven Kausalgesetzes völlig in die Anschauung gehört und nichts von dieser Verschiedenes sein kann, blieb dann als ein Gegebenes, ein von der Anschauung Unabhängiges, gleichsam als ein Objekt ansich zurück. KANT ging eben vom Objekt in diesem Sinn aus, wandte sich sodann dem Subjekt zu und fand in diesem so wesentliche Bedingungen der Anschauung, daß er sagen mußte: bei der spezifischen Subjektivität, mit der wir die Anschauung der Dinge üben, können sie für uns nur Erscheinungen sein, oder, was wir an ihnen anschauen ist eine durch Subjektivität bedingte Erscheinung - was die Dinge außerhalb der Erscheinung, was sie ansich sind, läßt sich nicht sagen, weil wir über die Erscheinung nicht hinaus können, indem das Subjekt, eben vermöge der an ihm haftenden Bedingungen der Anschauung, nur für die Auffassung von Erscheinungen eingerichtet ist.

Man muß annehmen, daß wenn KANT seine Richtung unbeirrt festgehalten und verfolgt hätte, er zum Idealismus SCHOPENHAUERs gelangt wäre, indem er jedes Gegebene eliminiert hätte, durch die Einsicht, daß alles und jedes eben nur durch die Anschauung gegeben sein kann.

Diese Meinung ist nicht weniger begründet, wie die, daß ein rechtes Verständnis des SCHOPENHAUER'schen Idealismus nur selten zu finden ist. Es wurzelt dies unzweifelhaft zum wesentlichen Teil in einer Aversion, deren Ursache in dem uns im gewöhnlichen Leben anhängenden Realismus liegt. Man nimmt es hin, in den dingen mit KANT Erscheinungen zu sehen, weil dies doch ein Objektives besagt, womit wir imer ein Reales zu verbinden gewohnt sind, dagegen sträubt man sich in ihnen mit SCHOPENHAUER Vorstellungen zu finden, weil hierin nur Subjektives, nur Wesenloses enthalten scheint.

Während KANT von der Voraussetzung ausgeht, daß Objekte gegeben sind und sodann begründet, daß sie für uns Erscheinungen sind, so konzessieren diese zwei Welten, die Welt der gegebenen Dinge oder der Objekte ansich, und die durch die Anschauung hergestellte Erscheinungswelt, in der Auffassung SCHOPENHAUERs zu der einen, umfassenden Welt der Vorstellung.

Wie dies zu verstehen ist und inwiefern dieser, wie man sagt, auf die Spitze getriebene transzendentale Idealismus KANTs berechtigt ist, damit hat es folgende Bewandtnis: das Wesen dieses Idealismus gegenüber jenem KANTs liegt darin, daß es nicht einzelne apriorische Bedingungen sind, unter welchen wir gegebene Dinge anschauen, sondern daß das erkennende Subjekt selbst - als Inbegriff solcher Bedingungen - die Voraussetzung der Dinge ist, deren Wesen in Beziehung auf das Subjekt Anschauung ist, in der Anschauung, in der Erkenntnis aufgeht. Demnach sind die Dinge nicht insofern sie angeschaut werden Erscheinungen, sondern, indem sie überhaupt nur vermöge der Anschauung gegeben sind, durchweg phänomenal, ideal.

Alles, was irgendwie von den Dingen über deren Sein überhaupt, über die Art ihres Seins und Wirkens insbesondere ausgesagt wird, hat zur notwendigen Voraussetzung ein Subjekt, welches sie erkannt hat. Alles, was das Subjekt von ihnen aussagt, ist Erkanntes, ist Anschauung oder Vorstellung des Subjekts. Die Welt besteht demnach aus Subjekt und Objekt; die Dinge sind (mit Einschluß des eigenen Leibes) Objekte des erkennenden Subjekts, sie sind als solche Erkanntes, Vorgestelltes; sie sind Objekte, sofern sie erkannt oder vorgestellt werden. Mit dem Wegfall des erkennenden Subjekts sind sie verschwunden, weil sie eben nur dessen Vorstellung waren. Es läßt sich also nicht sagen, daß sie irgendwie gegeben sind und sodann als Erscheinungen angeschaut werden, sondern sie sind eben nur gegeben, sofern sie erkannt oder vorgestellt wurden und da des weiteren mit ihrer Erkenntnis, mit ihrer Vorstellung ihr Objektsein erschöpft ist, so bleibt nichts zurück, was an ihnen noch ein Objekt ansich abgeben könnte. Das Objektsein besteht eben nur im Angeschaut- oder Vorgestelltwerden und hat ansich, ohne Subjekt, keine Bedeutung. Die Welt ist demnach eine Vollendung des Subjekts, und es kommt ihr nur ein relatives, durch das Subjekt bedingtes, ein durch die Vorstellung vermitteltes und in ihr erschöpftes, durchaus phänomenales Sein zu.

Dieser Idealismus entschiedenster Form entbehrt jedes realen Elementes: das Objekt wartet nicht als ein irgendwie Gegebenes ein erkennendes Subjekt ab, sondern es ist erst durch das Subjekt bedingt, indem es seine Vorstellung ist; demnach liegt auch sein Ausgangspunkt, die Vorstellung, außerhalb aller Kausalbeziehungen zwischen Subjekt und Objekt, - wie später gezeigt werden soll, wenn vom Materialismus und seinem Ungenügen die Rede sein wird.

Wenn man auch den Kern dieses Idealismus, demzufolge Objekt und Vorstellung zusammenfallen, aufgefaßt hat, so muß man sich doch noch über die Vorstellung orientieren, um einzusehen, wie die Vorstellungen der Dinge sein können, mit denen wir einen so realen Umgang pflegen. Da ist nun die anschauliche Erkenntnis oder Vorstellung nach Wesen und Leistung das Wunderbarste. Wir stellen nämlich nicht, wie man gewöhnlich glaubt, körperlose Bilder, sondern die leibhaften, stofflichen Dinge selbst, vermöge subjektiver, in so vielen auf die Perzeption und Anschauung der verschiedensten Eigenschaften der Dinge berechneten Organen realisierter Bedingungen, vor. Wir konstatieren mit einem Wort tatsächlich die Materie und eben darin, daß wir dies in einer Weise tun, daß sie uns als ein Reales erscheint, besteht die staunenswerte Leistung der Vorstellung. Wir stellen uns die Dinge ferner unter  einem  unmittelbar als äußere vor, wiewohl die Vorstellung in uns ist. Die Vorstellungswelt ist demnach auch eine, wenn auch relativ, so doch gewiß nicht minder reale, als die Welt des Realismus, da, was die auch unabhängig vom Subjekt bestehensollenden Dinge für uns seien, doch immer nur Sache der Erkenntnis sein kann.

Die relative Realität selbst findet ihren angemessensten Ausdruck darin, daß die Vorstellung in uns, innerhalb des Subjekts ist, so daß die Dinge mit der Aufhebung desselben auch aufgehoben sind. Es ist demnach die Welt ein subjektives Phänomen und hierin, was hier anzuführen nicht zulässig ist, das von Philosophen und großen Dichtern durchblickte traumartige Sein der Welt begründet.

In der Idealität, in der Subjektivität der Auffassung der Dinge liegt aber auch unstreitig der Reiz sowohl wie die Klarheit der anschaulichen Welt und die Befriedigung die sie bietet. Immer und überall trachten wir nach anschaulicher Erkenntnis, es mag sich um ein neues induktives Element oder um den Nachweis einer Deduktion handeln, wir wechseln zu diesem Zweck wiederholt die Standpunkte in Raum und Zeit, nehmen künstliche Sinnenbehelfe in Anspruch, isolieren die Dinge oder kombinieren sie im Sinne kausaler Beziehungen, benützen nachahmende Darstellungen in bildlicher und plastischer Form, in Apparaten, versichern uns ihrer mittels Kalkül und geometrischer Konstruktion, ja wir trachten möglichst durch Abstraktes unter ein anschauliches System zu bringen. Darum forschen wir überhaupt zunächst auf anschaulichem Gebiet, darum schaffen wir uns eine atomistische Welt, darum befriedigen die großen Dichter, deren Genius die erfaßte abstrakte Wahrheit in ein anschauliches Gewand kleidet, darum tröstet auch religiöser Glaube umso mehr, je mehr er gestattet, das metaphysische Wesen anschaulich zu denken, je mehr er eine Inkarnation der Gottheit lehrt.

Der Idealismus folgert, daß die Dinge außer einer Erscheinung, außer einer Vorstellung noch etwas sein müssen, daß es außer dem erscheinenden, außer dem anschaulichen, durch das erkennende Subjekt bedingten relativen, idealen Sein notwendig ein anderes reales Sein gebe - ein Reales, welches, außerhalb jeder Beziehung zum erkennenden Subjekt stehend, ein nicht anschauliches, ein Ding-ansich ist. Der Idealismus postuliert demnach ein Transzendentes, welches, in uns und der uns umgebenden Welt zum anschaulichen Ausdruck gekommen, das innerste Wesen der Dinge ausmacht und jeder anschaulichen Erkenntnis entrückt ist. Er überweist die Welt der Erscheinungen der Objekte als ein an durchaus immanente Gesetze gebundenes Reich der Materie der empirischen Forschung, feiert aus naheliegenden Gründen ihren Fortschritt und beirrt sie nicht nur in keinerlei Weise, sondern dringt vielmehr auf die eingehendste Erforschung der Erscheinung. Er tritt ihr jedoch entgegen, wenn sie sich zu einer realistischen, materialistischen Weltanschauung gestalten will, indem er nachweist, daß sie die auf ihrem eigenen Gebiet gesammelten Daten zu verwerten, von einem höheren Standpunkt in Rechnung zu bringen, nicht verstanden hat.

Der Realismus sieht in den Dingen reale, von der Vorstellung oder Erkenntnis unabhängige Wesen, als Materialismus in der Materie das Unvermittelte, das Reale, aus welchem alles wird, welches alles wirkt, welches auf seinen höchsten Entwicklungsstufen endlich auch erkennt. Es könnte ihm vorkommen, daß er so recht voraussetzungslos, wie es viele Philosophen wollen, vorgeht. Es ist bekannt, wie nicht nur gegen ihn als Weltanschauung, sondern auch gegen die empirische Forschung geeifert wird, wiewohl jene am Idealismus immer einen unbezwingbaren Gegner findet und diese wesentlich die heutige Wissenschaft und Kultur begründet.

Der Idealismus seit KANT orientiert sich am Subjekt und spricht erst dann den dingen ihre Bedeutung und zwar die von Erscheinung, von Vorstellung zu. Ihm öffnet sich hiermit nebst der eben gedachten idealen auch eine transzendente reale Welt, von welcher der Materialismus nichts wissen will. Er wird eher geduldet, vor allem darum, weil er eben nicht Materialismus ist und weil er ein Metaphysisches anerkennt; wiewohl das alles noch kein Recht und keinen Anhaltspunkt gibt, in ihm einen Spiritualismus zu entdecken. Vielmehr stellt sich dieser dem Materialismus zur Seite, denn die der Materie begegebene immaterielle Substanz ändert nichts an der realen Auffassung der Dinge - und der Naturalismus ist entweder reiner pragmatischer Materialismus oder er fingiert zur Materie ein Wesen hinzu, das nicht Materie sein soll, aber doch nach ihrem Schema tätig ist. - Es kann nur einen Materialismus oder einen Idealismus geben.

Wenn es sich nun darum handelt, zu zeigen, woran das Bestreben des Materialismus, sich zu einer gültigen Weltanschauung zu gestalten, scheitert, so ist nötig, den Idealismus noch einmal von einer hier maßgebenden Seite ins Auge zu fassen.

Der eine (transzendentale) Idealismus setzt Objekte und ein Subjekt voraus, welches jene vermöge bestimmter apriorischer, eben im Subjekt liegender Bestimmungen anschaut; weswegen sie für das Subjekt Erscheinungen werden.

Der andere Materialismus behebt, weiter gehend, die vorausgesetzten Objekte, welche im Vorigen zu Erscheinungen wurden, und macht das Objekt ganz und gar vom Subjekt abhängig, indem es Vorstellung des Subjekts ist. Es ist klar, daß in dieser Relation zwischen Subjekt und Objekt kein Kausalitätsverhältnis zugegen ist; indem es nämlich ohne Subjekt kein Objekt gibt, dieses erst mit der Vorstellung auftritt, so kann von einem solchen Verhältnis, dessen Resultat die Vorstellung wäre, keine Rede sein. Erst wenn mit Eintritt des Subjekts das Objekt gegeben ist, kommt das zwischen Objekten waltende Kausalverhältnis zum Vorschein. - Es ergibt sich ferner hieraus, daß, während das Objekt in der Vorstellung aufgeht, ein Erkanntes ist, das erkennende Subjekt als Bedingung aller Erkenntnis selbst unerkannt bleibt, und auch sich selbst nimmer Objekt werden kann.

Diesen gegenüber nimmt nun der Materialismus eine Stellung ein, in der er auf die Geltung einer Weltanschauung resignieren und sich zum Idealismus gestalten muß.

Die Bemühungen des Materialismus gipfeln darin, daß er eine Materie statuiert, deren Funktion das Erkennen ist, eine erkennende Materie, welche angeregt durch die realen Dinge, d. h. durch eine andere Materie, in Funktioni tritt und sie erkennt. Das Erkennen ist das Resultat eines kausalen Konfliktes zwischen Materie und Materie, von denen die eine, organische, tierische, lebendige, in bestimmter Form organisierte, die erkennende ist. Die Dinge werden also als gegeben vorausgesetzt und sodann vermöge kausaler Beziehungen als reale erkannt.

Nun sind sie die materialistischen Studien heutzutage dahin gediehen, daß man nebst anderen weiß, wie mancherlei Dinge außer uns etwas ganz anderes sind, als das, wofür wir sie anschauen. Wenn der Materialismus alle diese Daten nicht unbeachtet lassen will, so muß er folgern, daß die Anschauung (Erkenntnis) das Produkt zweier gegebener Faktoren ist, von denen der eine die organisierte, die Dinge in modifizierter Form erkennende Materie ist. Mit jenen Daten liefert er tatsächlich Grundlagen und Jllustrationen für den transzendentalen Idealismus und muß sich, wenn er sich der Besinnung nicht verschließt, zu einem solchen gestalten.

Über sein Verhalten zum anderen Idealismus muß bemerkt werden: Wenn der Materialismus die Materie überhaupt als Gegebenes annimmt, so ist zu erinnern, daß dies ohne eine vorausgegangene Erkenntnis oder Vorstellung untunlich ist. Insbesondere gilt dies auch von der erkennenden Materie, welche er gleichfalls nur aufstellen kann, sofern sie erkannt oder vorgestellt wurde. Beide Faktoren, die erkennende und die erkannte Materie, haben die Erkenntnis, die Vorstellung zur notwendigen Voraussetzung. Indem er hiergegen nicht einwenden kann, bleibt ihm auch hier nichts übrig, als den Idealismus anzuerkennen.

Wenn er aber doch den Versuch macht, das erkennende Subjekt als Materie, d. h. als Erkanntes, festzuhalten, so gelangt er in beiderlei Rücksichten zu einem Absurdum. Indem er nämlich dieses materielle erkennende Subjekt nach dem Typus des erkennenden Subjekts des Idealismus als Voraussetzung aller Erkenntnis außer den in Perzeption, Leitung und Verarbeitung bestehenden, durch einen kausalen Konflikt von Materie mit Materie angeregten Vorgänge stellen muß, so hat er einen isolierten materiellen Punkt, ein isoliertes Stück Materie, in welches ohne Vermittlung die Erkenntnis als ein Ergebnis von außer ihm waltenden Beziehungen fallen soll. Und dabei bleibt ferner jenes (erkannte) Stück Materie, jener materielle Punkt, welcher das erkennende Subjekt, das "Ich erkenne", repräsentieren soll, gleich dem erkennenden Subjekt des Idealismus ein Unerkanntes; wollte er sich aber selbst erkennen, so müßte er eine Differenzierung eingehen, aus welcher immer wieder ein Subjekt hervorginge.

Da die materialistische Forschung in der Atomwelt und einer mechanischen Auffassung des inneren Wesens der Materie und ihres Wirkens eine so wohlbegründete Befriedigung findet, so ist noch wichtig nachzusehen, von welcher Art diese Befriedigung sei - zumal mitunter vermeint wird, daß die Erforschung damit auf einem transzendenten, metaphysischen Boden stehe, und jede weitere Frage nach dem inneren Wesen der Dinge ohne Berechtigung sei.

Die atomistische Auffassung der Materie ist eine uralte, dem Verstand notwendige - die von heute führt uns eine sozusagen organisierte, fort und fort geschäftige, ihren Bestand selbst verbürgende elementare Welt in anschaulicher Weise vor, in der wir, wenn auch nicht mit dem leiblichen Auge, hereinblicken.

Die Größe, Form, Anziehung (Gravitation), Abstoßung, ferner Bewegung, verschieden an Größe und Geschwindigkeit und Form, sind Attribute, die wir den Massen entnehmen und den Atomen beilegen, mittels welcher wir eine Mechanik schaffen, die den Aufbau der Körper, ihre Eigenschaften, ihre Einwirkung aufeinander, ihre Veränderung begründet, welche die Kräfte in Bewegungen versetzt, und eben deshalb für jede ein mechanisches Äquivalent anspricht.

Mit gerechter Bewunderung betrachten wir diese scharfsinnige Schöpfung, die mit überwältigender Macht überzeugt. Allein es wäre ein gründlicher Mißgriff hierin eine transzendente Erkenntnis zu sehen, eine gründliche Täuschung zu glauben, daß hhiermit eine transzendente Frage erledigt, ein metaphysisches Bedürfnis gedeckt sei. Vielmehr befinden wir uns auf anschaulichem Gebiet.

Wenn wir auch das Gewebe der atomistischen Welt nicht mit dem leiblichen Sinn anschauen, so denken wir dasselbe doch unter dem Typus der anschaulichen Vorstellung und konstruieren die Vorgänge in anschaulicher Weise; denn was ist es anderes, wenn wir die mit Notwendigkeit statuierten Atome in Zeit und Raum versetzen und uns das Verhalten der Massen aus deren Gleichgewichtslage und verschiedenartigen Bewegung erklären?

Wie die Materie überhaupt, so sind auch die sie konstituierenden Atome Erscheinung, Vorstellung, und wie die Frage an die anschauliche Materie, so ist nicht minder die an die Atome berechtigt, was sie außer der Erscheinung, außer der Vorstellung, was sie ansich seien - was in ihnen von Ewigkeit her zum Ausdruck gelangt sei.

Gerade die atomistische Theorie ist es, welche eine idealistische Weltanschauung stützt. Denn sie ist selbst das Ergebnis einer subjektiven Notwendigkeit, durchaus bedingt durch subjektive Formen der anschaulichen Vorstellung. Und so sieht dann die atomistische, mechanische Auffassung der Welt allerdings in das Innere der Materie, bleibt aber innerhalb derselben, sie zeigt, wie sich die Dinge außerhalb der unmittelbaren leiblichen Anschauung verhalten, allein sie zeigt dies durch die Vorführung einer Welt, die doch immer wieder lauter Anschauliches enthält.

Von welcher Art ist also nach all dem unser Wissen in Bezug auf das Wesen der Dinge? Wir wissen von Erscheinungen, Erkanntes, Vorgestelltes. Daran aber knüpft sich die Überzeugung, daß die Dinge außerdem noch Etwas, was nicht anschaulich erkannt werden kann, seien, und daß dieses außer jeder Beziehung zu einem Erkennenden an und für sich seiende das Reale ist. Was dieses innerste, nicht anschauliche, jenseits aller Erfahrung liegende transzendente Wesen der Dinge ist, wissen wir nicht. Einer anschaulichen Erkenntnis ist es absolut entrückt, weil es außerhalb der Bedingungen derselben liegt, da es ja überall zurückbleibt, nachdem wir die Dinge auch durch und durch anschaulich erkannt hätten. Wir können nur aus der wesentlichen Einheit der Materie und ihrer Kräfte, der subjektiven Notwendigkeit einer einheitlichen, mechanischen Auffassung derselben schließen, daß es ein Einiges in jedem Ding ganz zum Ausdruck gelangendes Wesen sei.

In der aus dem Durchschauen des Wesens unserer Erkenntnis hervorgehenden Sicherstellung einer transzendenten Weltordnung liegt eine Befriedigung, wie sie der Materialismus nicht zu bieten vermag. - Und wie man schon zu KANTs Zeiten sagte, dem Idealismus sei nicht beizukommen, so wird er sich fortan bewähren, erhalten und je weiter Physik und Physiologie fortschreiten, sich umso fester begründen, und zwar gerade in solchen Kreisen, welche materialistische Studien trieben und immer ernstere Miene machen, Gebiete zu absorbieren, welche bisher nur notgedrungen und aushilfsweise in einen Verkehr mit der Materie einzugehen sich entschließen konnten.
LITERATUR: Karl Rokitansky, Der selbständige Wert des Wissens, Vortrag gehalten in der feierlichen Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien am 26. Mai 1867, Wien 1869