ra-3cr-2ra-2M. SchelerW. StarkTh. NagelM. HorkheimerRokitansky    
 
KARL MANNHEIM
Die Strukturanalyse der Erkenntnistheorie
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"Alle Begriffe mehr oder weniger mit irgendwelchen anderen in einem korrelativen Verhältnis stehen, daß der eine Begriff zur Voraussetzung das Gesetztsein des andern hat. Die stärkste Ausprägung dieser Tatsache sind die auch als solche benannten korrelativen Begriffe wie  Form-Inhalt,  oder auch  Berg-Tal,  wo es ganz einleuchtend ist, daß der eine einen Sinn nur in Bezug auf den andern hat. Etwas von dieser Korrelativität aber steckt in  jedem  Begriff."

"Die Systematisierung ist dermaßen konstitutiv, daß man mit Recht sagen kann, daß, sofern irgendeine  Gegebenheit,  eine (im weitesten Sinn des Wortes genommene)  Tatsache der Erfahrung  überhaupt theoretisch erfaßt wird, sie bereits in einer dieser vorhandenen Systematisierungen untergebracht ist."

"In der Konzeption des  Geltungs gedankens handelt es sich um ein eindeutig mögliches Ordnen eines von irgendwoher gegebenen Inhaltes im Sinne einer normativen Richtigkeit. Ob aber mit diesem Ordnen auch etwas  erkannt  wird in dem Sinne, daß eine jenseits ihrer zu setzende Wirklichkeit dadurch  erreicht  wird, sind Fragen, die ganz neue Setzungen in die Problemstellung hineinbringen."

"Es wäre eine der interessantesten logischen Aufgaben, einmal die logische Struktur des  Problems und ihren Unterschied von der  Frage zu untersuchen. Die Struktur des Problems wird letztenendes nur aus der Struktur der ganzen Systematisierung verstanden werden können."

"Die wirkliche Heimat der Probleme ist die Philosophie."

"Ein Dekadenz-Erlebnis ist in primitiven Kulturen unmöglich."


I. Teil
Über die Logik der
philosophischen Systematisierung


1. Begriff einer Logik der Systematisierungen

Die vorliegende Untersuchung, die eine der philosophischen Disziplinen, die Erkenntnistheorie, zum Gegenstand einer Strukturanalyse zu machen versucht, will als ein Beitrag zu einer  Logik der Philosophie  und damit als ein Beitrag zu einer umfassenden  Theorie der Systematisierungen  überhaupt betrachtet werden.

Bevor wir also auf die Analyse unseres konkreten Gebietes, der Erkenntnistheorie, eingehen, ist es geboten, über die soeben erwähnten umfassenderen Aufgabe einiges zu sagen, da aus ihnen allein unsere Fragestellungen verständlich werden.

Seitdem LASK (1) die Forderung einer Logik der Philosophie aufgestellt und den programmatischen Teil der Aufgabe ausführlich begründet hatte, blieb diese stets im Vordergrund des gegenwärtigen philosophischen Interesses, aber eine Lösung  in concreto  wurde bisher nicht einmal versucht. Auch von anderer Seite hatte CROCE das Selbstverständliche dieser Forderung in überzeugenden Worten gleich am Anfang seines Buches über HEGEL dargelegt.
    "Es ist doch seltsam", schreibt  Croce,  "welchem Widerstreben dieser Begriff begegnet - der doch so einfach ist und wegen seiner unwiderstehlichen Evidenz angenommen werden müßte. nämlich der Begriff einer Logik der Philosophie, das heißt mit anderen Worten: daß die Philosophie sich nach einer eigenen Methode fortbewegt, deren Theorie zu erforschen und zu formulieren ist. Niemand steht in Zweifel, daß die Mathematik ihre Methode besitzt, die man in der Logik der Mathematik studiert, daß die Naturwissenschaften die ihrige haben und sich darauf die Logik der Beobachtung, des Experiments, der Abstraktion aufbaut; daß die Geschichtsschreibung ihre Methode hat und es also eine Logik der geschichtlichen Methode gibt; ebenso die Poesie und die Kunst überhaupt, und daß eine Logik der Poesie und der Kunst, die Ästhetik, existiert; daß in der ökonomischen Tätigkeit eine Logik liegt, die dann in reflektierter Form in der Nationalökonomie erscheint; und daß schließlich die moralische Tätigkeit ihre Methode hat und sich reflektiert als Ethik darstellt (oder als Logik des Willens, wie sie zuweilen genannt wurde). Aber wenn man dann bei der Philosophie anlangt, widerstreben sehr viele der Folgerung, daß also auch die Philosophie - wenn man sie einmal betreibt - eine eigene Methode haben muß, die näher zu bestimmen ist. Und umgekehrt wundern sich nur ganz wenige über die Tatsache, daß die Abhandlungen über Logik, während sie den mathematischen, naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Disziplinen ein breites Feld einräumen, andererseits die philosophischen Disziplinen gewöhnlich gar nicht hervortreten lassen und sie oftmals direkt mit Stillschweigen übergehen." (2)
So sehr es dahingestellt sein mag, ob es richtig ist (wie es in den angeführten Sätzen geschieht) in der Ethik nichts anderes als eine "Logik des Willens", in der Nationalökonomie die Logik der ökonomischen Tätigkeit usw. zu erblicken, so teilen wir dennoch den in ihnen ausgesprochenen Grundgedanken: daß jedes geistige Gebiet seine eigene Struktur hat und es stets eine Forderung bleibt, in einer als allumfassend gedachten Strukturanalyse die jeweilige Eigenart, den Aufbau der einzelnen geistigen Gebiete (mögen sie der theoretischen oder der atheoretischen Sphäre angehören) herauszuarbeiten.

Daß konkrete Untersuchungen auf dem Gebiet der Logik der Philosophie, trotz der Selbstverständlichkeit der Aufgabe, dennoch nicht vorliegen, mag zum Teil daran liegen, daß in der gegenwärtigen gespaltenen Lage der Logik keine Einigkeit darüber herrscht, wie eine solche Untersuchung angestellt und wohin das Schwergewicht, das Zentrum der logischen Analyse in einem solchen Fall verlegt werden sollte.

Den oben angeführten Worten zufolge scheint CROCE die Logik der Philosophie als ein Problem der Methodologie anzusehen. LASK hatte ihren Aufgabenkreis vornehmlich in die Herausarbeitung der besonderen Kategorienlehre dieses Gebiets verlegt; andere würden sich wiederum auf die Erforschung der Eigenart der Begriffsbildung der Philosophie beschränken.

Es ist schon hieraus ersichtlich, daß man nicht einmal eine logische Untersuchung eines Gebietes unternehmen kann, bevor man nicht darüber einig ist, was für ein systematischer Zusammenhang zwischen den einzelnen Gebilden der Logik selbst anzunehmen ist, ob z. B. aus der Methode einer Disziplin ihre Begriffsbildung oder umgekehrt aus der Begriffsbildung die Methode zu erklären ist; mit anderen Worten: in welchen der in Betracht kommenden logischen Formen das Zentrum der logischen Forschung zu suchen ist.

Um das Wichtigste vorweg zu nehmen: den Primat unter den logischen Formen erkennen wir der Systematisierung zu. Aus dieser "umfassendsten", "höchsten" Form müssen, unserer Ansicht nach, die einfacheren begriffen werden.

Nicht als ob die Systematisierung unabhängig von den übrigen Formen untersucht werden sollte, - ganz im Gegenteil: die Aufgabe einer allseitigen Strukturanalyse eines Gebietes besteht geradezu darin, womöglich alle die verschiedenen logischen Gebilde in den Bereich ihrer Betrachtung einzubeziehen, aber all dies so, daß diese Untersuchungen ihren Leitfaden an der Systematisierung des betreffenden Gebietes finden. Aus dem besonderen "Systematisierungswillen" (es sei zunächst dieser subjektivistische Ausdruck gestattet) des betreffenden geistigen Gebietes sind allein die spezifischen Begriffe, die Problemstellungen und Methoden verständlich.

Ist es also schon eigentümlich, daß es bisher noch keine  in concreto  ausgeführte Logik der Philosophie gibt, so ist es noch überraschender, daß wir in den üblichen logischen Handbüchern entweder gar nichts oder ziemlich nichtssagende Sätze über diese grundlegendste logische Form: über die Systematisierung finden (3). Und dennoch dürfte unser Bestreben, die Systematisierung in das Zentrum der logischen Untersuchung zu stellen, dem Geist des gegenwärtigen Philosophierens nicht zuwiderlaufen.

Es ist nämlich unverkennbar, daß neuerdings, zumindest in den Geisteswissenschaften, die Tendenz die Oberhand gewinnt, nicht - wie es einst DESCARTES uns empfohlen hatte - aus den einfachen Elementen, gleichsam atomisierend, die "komplexeren Gebilde", sondern umgekehrt aus den "komplexeren" die einfacheren zu erklären.

Vielleicht liegt es schon in dieser Richtung des Forschens, wenn SIGWART; BERGMANN, WINDELBAND, RICKERT u. a. das Zentrum der Logik nicht wie bis dahin in die Lehre vom Begriff, sondern vielmehr in die Lehre vom Urteil verlegen, d. h. aus den umfassenderen Gebilden die einfacheren zu verstehen suchen. Obwohl bei manchen der gegenwärtigen Forscher diese "Wendung zum Urteil" vornehmlich aus psychologisierenden Tendenzen, die stets das genetische Moment zu betonen trachten, erklärt werden muß, so bleibt dennoch die Tatsache nicht zu verkennen, daß sie das Komplexere, das "höhere" Gebilde, dem einfacheren vorangehen lassen.

Vollends muß aber eine Logik, die nicht das  proteron pros hemas [das Spätere vor dem Früheren - wp], sondern das  physei proteron [physisch erste - wp] an die Spitze stellen will, den Primat der Systematisierung anerkennen. Wenn wir nun in dieser Richtung Ende gehen und dem "allerletzten" logischen Gebilde den Primat zusprechen, so bedarf dies jedoch noch einer näheren Erläuterung. Behaupteten wir, daß die Systematisierung etwas Primäres gegenüber dem Begriff und gegenüber dem Urteil darstellt, so ist das natürlich nicht so zu verstehen, als ob der einzelne existierende Denken zunächst ein explizites philosophisches System haben müßte, um überhaupt einen Begriff bilden zu können (eine Behauptung, die einen offenbaren Unsich in sich enthält), - sondern so, daß mit einem jeden Begriff implizit, als dessen unausgesprochene und zumeist auch gar nicht ins reflektierende Bewußtsein gehobene Voraussetzung, gewisse Zusammenhänge, gewisse über den scheinbar isoliert gesetzten Begriff hinausragende Totalitäten mitgesetzt sind, auf die man zumeist nur dann bewußt reflektiert, wenn man aus irgendwelchen, hier nicht zu analysierenden Gründen über den in einem Begriff enthaltenen Inhalt unsicher geworden und gezwungen ist, den in ihm eingeschlossenen Sinn mit Hilfe der übrigen Begriffe, mit Hilfe des ganzen Zusammenhangs zu klären. Auch von einer anderen Seite her läßt es sich zeigen, daß der Sinn des einzelnen Begriffes im ganzen Zusammenhang verankert ist.

Werfen wir zunächst einen Blick darauf, wie ein neuer Begriff in der Wissenschaft - aber auch bereits im alltäglichen Leben - gebildet wird, so läßt es sich zeigen, daß dabei stets auf drei Momente Rücksicht genommen wird. Zunächst kommt das jeweilige noch unbestimmte Material in Betracht, das als bedeutungsdifferenzierendes Moment stes vorschwebt. Aber außerdem ziehen wir als zweites die bereits vorhandenen und im bestimmten Fall gerade relevanten Begriffe zur Bestimmung des neuen Begriffs in Betracht. Und schließlich achten wir auf die ganze Systematisierung, die uns zwar meistens unreflektiert, aber dennoch als ein unausgesprochener  Plan  des ganzen Zusammenhangs bei der Bildung eines jeden neuen Begriffs vorschwebt. Das Resultat dieses so zunächst genetisch betrachteten Prozesses ist, daß alle Begriffe mehr oder weniger mit irgendwelchen anderen in einem korrelativen Verhältnis stehen, daß der eine Begriff zur Voraussetzung das Gesetztsein des andern hat. Die stärkste Ausprägung dieser Tatsache sind die auch als solche benannten korrelativen Begriffe wie  Form-Inhalt,  oder auch  Berg-Tal,  wo es ganz einleuchtend ist, daß der eine einen Sinn nur in Bezug auf den andern hat. Etwas von dieser Korrelativität aber steckt in  jedem  Begriff. Sprechen wir in diesem Sinn von einer gegenseitigen Abhängigkeit der Begriffe voneinander, so denken wir hierbei an einen kontinuierlichen Zusammenhang, meinen aber damit nicht jenen, den die aristotelische Begriffspyramide repräsentiert (in der die verschiedenen Begriffe nach den verschiedenen Stufen der Allgemeinheit geordnet sind und die Angabe des "genus proximum" [übergeordneter Gattungsbegriff - wp] und der "differentia specifica" [artbildendes Merkmal - wp] den Ort eines jeden Begriffs in dieser Pyramide zureichend bestimmt), sondern vielmehr einen kettenförmigen Zusammenhang, der wie bei den korrelativen Begriffen von einem Glied zum andern führt und die Richtung eines unendlichen Fortschreitens anzudeuten scheint.

Um zu zeigen, daß ein noch so isolierter Begriff noch immer systematische Voraussetzungen hat, wollen wir von der Fiktion ausgehen, die Begriffe wären nur "Benennungen", und zeigen, daß auch in diesem "asystematischen" Begriff eine verborgene Systematisierung steckt. Wäre ein Begriff nur eine "Benennung", ein "dies da" (wie wenn jemand mit seinem Zeigefinger auf ein Ding hinweist) und enthielte er nicht mehr als diesen Hinweis, so hätten wir das "Minimum von einem Begriff"; wir werden aber sehen, daß auch dieser Torso von Begriff eine unausgesprochene systematisierende Voraussetzung enthält. Eine solche "Begriffsbildung", die in ihre Begriffe nur das Moment des "dies da" eingehen ließe, könnte sich unter Umständen auch eine Zeichensprache schaffen und für einen jeden vorkommenden Gegenstand z. B. eine Buchstaben als bloße Benennung verwerten. Dieser Tisch hier vor mir hieße  a,  der Stuhl  b  usw. Nur dürfte in diesem Fall niemals derselbe Buchstabe zweimal verwendet und der nächste Tisch z. B. wieder als  a  bezeichnet werden, sonst würde schon dies das fiktiv angesetzte Minimum von Begriffsbildung überschreiten. Man käme nämlich dadurch über die bloße Benennung hinaus; denn wir würden durch die wiederholte Anwendung eines bereits verwerteten Zeichens die unausgesprochene Voraussetzung, daß es überhaupt wiederholbare, gleiche Gegenstände gibt, in die Begriffsbildung aufnehmen. Wollte man diese Begriffsbildung von einer jeden systematisierenden Voraussetzung befreien, so dürfte man ferner auch die zur Benennung verwendeten Zeichen keineswegs als in einer Reihe geordnet vorstellen, wie es z. B. in der Zahlenreihe, aber auch in der alphabetischen Reihenfolge der Fall ist, sonst hätten wir von neuem eine systembildende Voraussetzung in die Bezeichnungsweise mit aufgenommen; im ersteren Fall nämlich das die Zahlenreihe bildende Gesetz, bei der alphabetischen Reihe den Gedanken, daß ein jedes Zeichen (und somit auch der durch ihn bezeichnete Gegenstand) einen fest bestimmten Ort in einer Reihe hat, die zwar kein bestimmt angebbares Bildungsgesetz besitzt, deren jedes Glied aber durch seine Nachbarn bestimmt ist. Scheiden wir aber auch diese sich einschleichenden Voraussetzungen aus und trachten wir nach einer Begriffsbildung, die stets nur aus isolierten, somit auch isolierenden Benennungen bestünde, also eine Unendlichkeit von Zeichen für die unendliche Anzahl der Gegenstände besäße, - Zeichen, die gar keine dem Alphabet ähnliche Anordnung zulassen, - so würden wir auch bei diesem Minimum von Begriffsbildung noch immer eine, wenn auch unausgesprochene, systematisierende Voraussetzung in die Begriffsbildung mit hineinnehmen; denn die zunächst unbestimmte Unendlichkeit des überhaupt Benennbaren wird gerade durch diese Benennung als aus lauter disparaten und diskreten Elementen bestehend vorausgesetzt.

Wir ersehen aus diesem Beispiel, daß sogar das Minimum von Begriffsbildung, das "System der bloßen Benennungen", eben auch eine Systematisierung zur Voraussetzung hat, daß sogar der Torso eines Begriffs nicht ohne mitenthaltene, mitgesetzte, wenn auch unreflektierte systematische Voraussetzungen zustande kommen kann. Wir sehen zugleich aus demselben Beispiel, was wir unter einer impliziten Voraussetzung im folgenden zu verstehen haben. Es handelt sich hier nicht um vorangehende Gedanken, die das einzelne Subjekt zu Ende gedacht haben muß, sofern es einen Begriff versteht oder gar selbst bildet; sondern um Setzungen, die man sozusagen in Kauf nimmt, anerkennt, bejaht und mitmacht, indem man einen theoretischen Begriff überhaupt mit Sinn ausspricht oder irgendwie intendiert.

Daß wir es in der theoretischen Sphäre nicht mit Begriffen zu tun haben, die jenem "Minimum von Begriff" entsprechen, daß also unsere Begriffe nicht bloße Benennungen im oben umschriebenen Sinn sind, bedarf wohl keiner eingehenden Erörterung. Wenn aber alle diese Begriffstorsi bereits systematische Voraussetzungen enthalten, so ist es umso wahrscheinlicher, daß die Begriffe des Alltags und mehr noch die Begriffe der Wissenschaft solche systematischen Voraussetzungen in gesteigertem Maß enthalten werden. Unsere Aufgabe ist also zunächst, einige der systematischen Voraussetzungen herauszuarbeiten, die in der Setzung eines jeden theoretischen Begriffs mitgegeben sind. Im Gegensatz zunächst zu jenem "Minimum von theoretischer Systematisierung", das bereits bei der Bildung der bloß benennenden Begriffe vorausgesetzt werden mußte und das als Prinzip der "isolierenden Abschließung der einzelnen Elemente gegeneinander" formuliert werden könnte, besteht die systematisierende Voraussetzung der uns geläufigen "Vollbegriffe" darin, daß sie geradezu umgekehrt als  kontinuierlich  miteinander verbunden, aufeinander bezogen gesetzt werden müssen. Und sieht man in den Urteilen, wie dies die moderne Logik tut, nichts anderes als die Entstehungsstätte der Begriffe, in den Begriffen wiederum nichts anderes als kondensierte, aufbewahrte Urteile, so wird dieses Prinzip, für die Urteilslehre formuliert, folgendermaßen lauten: in der theoretischen Sphäre muß stets das Vorhandensein einer geschlossenen Kette von miteinander kontinuierlich zusammenhängenden Sätzen vorausgesetzt werden. Es wäre dies ungefähr der Standpunkt, den BOLZANO vertreten hat, indem er lehrte, daß in der Geltungssphäre jede Wahrheit mit den anderen zusammenhängt. Ist dieses "Prinzip der Kontinuierlichkeit" die systematisierende Voraussetzung der theoretischen Sphäre, so scheint die ästhetische Sphäre das entgegengesetzte Systematisierungsprinzip zu besitzen (eine Auffassung, die z. B. GEORG LUKACS bezüglich der ästhetischen Sphäre vertritt). In  originärer  Erfahrung der Werke der Kunst wird ein jedes Werk als ein monadisches, isoliertes gesetzt. Während aus einer Wahrheit stets eine andere folgt und gerade deshalb eine neue Einsicht in die vorhergehende als irrig zu vernichten, aufzuheben imstande ist, folgt aus dem einen Kunstwerk das andere nicht im mindesten, - weshalb auch in der Sphäre der Kunst das neue Werk das andere niemals zu widerlegen vermag. Wenn das kopernikanische System wahr ist, kann das ptolemäische nicht zugleich wahr sein, aber ein Kunstwerk von GIOTTO wird niemals durch ein anderes Kunstwerk widerlegt werden.

Aus dieser Grundverschiedenheit des Grundprinzips der beiden "Systematisierungen" (der der theoretischen Sphäre und der der künstlerischen) folgt auch zugleich die Verschiedenheit der Struktur ihrer Geschichte. Während die Wissenschaft in ihrem geschichtlichen Bild stets nur als eine geradlinige Reihe des Suchens und Sich-annäherns an eine in eine einzigen Form mögliche Wahrheit sich adäquat darstellen läßt, wo das voranstehende Gebilde alle anderen auf denselben Tatbestand sich beziehenden Sätze einfach als Irrtümer annulliert, zeigt die Geschichte der Kunst ein Nebeneinanderbestehen durchaus verschiedener Werke, ohne daß diese sich gegenseitig aufheben. Die Geschichte der Philosophie dagegen läßt sich - und darauf kommen wir noch zurück - am adäquatesten in Form einer Problemgeschichte darstellen, in der die Kontinuierlichkeit des Gedankens (des Problems) zwar eine überzeitliche Einheit konstituiert, die einzelnen Lösungsversuch aber sich gegenseitig - wenn auch hier im Prinzip nur  eine  Wahrheit möglich ist - keineswegs ganz im selben Sinn vertilgen, wie dies in der Wissenschaftsgeschichte geschieht, - jedoch auch nicht im selben Sinn sich gegenseitig dulden, wie es in der Kunstgeschichte der Fall ist. Die problemgeschichtliche Darstellung ist eigentlich nur der Philosophie adäquat; in der Kunstgeschichte ist sie zwar möglich (das bezeugt z. B. die RIEGLsche Problemgeschichte), doch entspringt sie dann einer Übertragung theoretischer Gesichtspunkte, die zwar zur Darstellung der Entwicklung einzelner in den Werken enthaltener Motive, sich aber nicht zur Darstellung der Geschichte der adäquat künstlerisch erfaßten Gebilde eignet (4).

Dieser Exkurs über die Struktur der Geschichte der einzelnen Gebiete war notwendig, um auch von dieser Seite her sichtbar zu machen, daß die verschiedenen Gebiete des Geistigen eine jeweils verschiedene Struktur aufweisen: die Verschiedenheit ihrer Geschichte folgt aus der Verschiedenheit der Systematisierung, aus der heraus die die Geschichte aufbauenden Einzelgebilde ihre Struktur schöpfen.

Kehren wir zurück zu der allgemeinen Struktur des Theoretischen überhaupt, so haben wir gesehen, daß das Systematisierungsprinzip so beschaffen ist, daß die durch es ermöglichten Gebilde eine gewisse Kontinuierlichkeit aufweisen. Könnte man nun hiernach zunächst annehmen, daß hier nur eine  einzige  Reihe von Sätzen, also gleichsam ein geschlossener Kreis vorauszusetzen ist, so zeigt ein auch nur flüchtiger Blick, umso mehr aber ein stetes Verfolgen der relevanten Zusammenhänge, daß das Geheimnis von einem Kreis der Struktur der jeweils vorhandenen Begriffs- und Urteilszusammenhänge nicht entspricht. Nehmen wir nur einige Begriffe aus der Gesamtheit der uns bereits bekannten Begriffe heraus und reihen wir sie versuchsweise nebeneinander, wie z. B.  kategorischer Imperativ, Anziehungskraft, Gefühl, Form, Inhalt  usw., so sehen wir, daß das Gleichnis von  mehreren  in sich geschlossenen Kreisen der hier vorfindlichen Sachlage viel eher entspricht. Ein jeder der angeführten Begriffe weist jeweils auf einen anderen Zusammenhang hin, in dem er  ursprünglich heimisch  ist. Wir wollen diese verschiedenen Zusammenhänge die verschiedenen  Niveaus  der theoretischen Systematisierung nennen. Wir bezeichnen sie als Niveaus und nicht einfach als Ebenen; denn eine eingehende Untersuchung zeigt uns, daß sie sich nicht als gleichwertig nebeneinander, sondern vielmehr in einer hierarchischen Reihe übereinander stellen lassen. Es gibt nämlich unter ihnen solche, die gewissermaßen alle "Elemente" in sich aufnehmen können, und wir diese als  Ursystematisierungen  bezeichnen. Eine solche Ursystematisierung ist die der  Ontologie,  deren Setzungscharakter bei einem jeden Begriff - möge er in welcher Reihenfolge auch immer seine eigentliche Heimat haben - vollzogen wird. Es ist unmöglich einen Begriff zu bilden ohne den "modus existendi" seines Inhalts zugleich zu bestimmen. Man darf natürlich den Begriff des  Seins  in diesem Fall nicht auf die Realexistenz beschränken, unter der man im heutigen philosophischen Sprachgebrauch das Sein der raumphysischen Dingwelt versteht. Eine vollständige Ontologie unterscheidet mehrere Seinsarten; so sind uns beim gegenwärtigen Stand der Ontologie die zeit-räumlich-physische, die zeitlich psychische und die überzeitlich ideale "Seinssphäre" geläufig, und sofern man eine Element in Form eines Begriffes fixiert, wird einer dieser Seinsmodi zugleich mitgesetzt.

Sieht man von dieser universellen Ursystematisierung ab, deren wir später mehrere herausarbeiten werden, so bleiben noch immer andere gegeneinander abgegrenzte Niveaus übrig, in denen jedesmal der  topos noetos [Welt der Gedanken - wp] eines neu auftauchenden Begriffs aufzusuchen ist. Man kann das Denken überhaupt - von diesem Gesichtspunkt aus - auch so betrachten, als wäre es stets seiner Tendenz nach ein Aufsuchen des logischen Ortes im Gesamtgefüge der Sphären; das heißt mit anderen Worten: man betrachtet etwas als erklärt, verstanden, sofern man seinen Ort in den jeweils bekannten Ordnungen, Reihen, Niveaus gefunden hat.

Daß wir zunächst mehrere solcher Systematisierungs reihen  anzunehmen haben, zeigen uns insbesondere die Wissenschaften, die zumeist streng voneinander geschiedene Reihen von zusammengehörigen Begriffen aufzuweisen imstande sind, - obwohl wir durchaus betonen möchten, daß die Wissenschaften keineswegs mit den hier genannten Systematisierungsreihen zusammenfallen. Die Einheit so mancher Wissenschaften ist zum Teil von ganz äußerlichen Gesichtspunkten konstituiert. Angefangen von den brutalsten praktischen Rücksichten bis zu der viel subtileren Einheit, die durch ein durchgehendes methodologisches Prinzip geschaffen wird, bilden die Wissenschaften stets von methodologisch-praktischen Rücksichten determinierte Einheiten, denen gegenüber die reinen Niveaus aufgrund der sie jeweils konstituierenden letzten Setzungen erst rekonstruiert werden müssen. Wir werden im Falle der Erkenntnistheorie sehen, wie diese sich zwar als eine wohl fundierte heuristische Einheit zunächst darstellt, vom Standpunkt einer reinen Axiomatik, d. h. vor dem Strukturanalytiker, sich aber als gemischte Systematisierung entpuppt. Wir wollen schon hier bemerken, daß die Herausarbeitung der reinen Niveaus eine innere Angelegenheit der Logik ist und keine die bestehenden Wissenschaften reformierende Tendenz verfolgt. Es hat seine guten Gründe, daß das forschende Denken zumeist mit gemischten Systematisierungen arbeitet. Es ist aber unser gutes Recht und eine wichtige Aufgabe, die dabei zugrunde liegenden reinen Reihen in einer logischen Betrachtung zu sondern.

Aus den letzten Sätzen ist bereits ersichtlich, daß wir unter einer reinen Systematisierung nur jene Reihen von zusammenhängenden Begriffen verstehen, die - wenn man ihren inneren Zusammenhang in einem steten Regreß verfolgt - jeweils auf grundlegende, die ganze Reihe erst ermöglichende Begriffe, bzw. Begriffskorrelationen führen. Soweit wir Gelegenheit haben werden, die letzthinnigen Setzungen der uns beschäftigenden Reihen herauszuarbeiten, werden wir die Erfahrung machen, daß nicht sowohl einzelne Begriffe, als vielmehr ausdrücklich korrelative Doppelbegriffe die Grundlage der Reihen bilden. Es taucht damit die Vermutung auf, daß hier das von RICKERT (5) als  Heterothesis  benannte Prinzip im Spiel ist: - die letzten Elemente der Reihen scheinen gegenseitig ineinander verankert zu sein. Die Einheit der Logik wird konstituiert (wie wir sehen werden) durch die Korrelation von Form und Inhalt, die Einheit der Erkenntnistheorie durch die Subjekt-Objekt-Korrelation. Diese Korrelationen der die jeweilige Reihe konstituierenden Begriffe kann man als axiomartige Setzungen der betreffenden Sphäre betrachten. Man darf selbstverständlich nicht voreilig sein; ist auch die Einheit einer Sphäre durch solche letzte Setzungen gewährleistet und hängen auch die dort beheimateten Sätze irgendwie zusammen, so darf man keineswegs annehmen, daß in einer jeden Disziplin der Fortschritt auf dieselbe Weise nach Prinzipien geordnet ist, wie dies in der exaktesten Disziplin, in der Mathematik, der Fall ist, wo es möglich ist, aus einer begrenzten Anzahl von Axiomen die übrigen Sätze und Grundbegriffe abzuleiten. Man darf keineswegs mit dem Vorurteil an die Sachen herangehen, daß die verschiedensten Reihen dasselbe  Aufbauprinzip  besitzen; - ein methodischer Pluralismus tut auf dieser Stufe der Betrachtung not, und es genügt zunächst die Feststellung, daß auch die weniger exakten Gebiete in ihren Grundbegriffen eine systematische Einheit bilden, wenn wir auch die Eigenart des Aufbauprinzips noch nicht zu beschreiben in der Lage sind. Es ist fraglich, ob das, was man im allgemeinen  Ableitung  aus Begriffen zu nennen pflegt, überall ohne Vergewaltigung durchzuführen ist. Daß aber Begriffe nur in Reihen vorkommen, daß es also keine isolierten Elemente gibt, erhellt sich eindeutig aus der Tatsache, daß jeder noch so "unexakte" Begriff einen Ort hat, wo er allein heimisch ist, und man es ihm sofort anmerkt, wenn er, wie man zu sagen pflegt, in ein fremdes Gebiet "übertragen" ist.

Natürlich darf uns das Sprachliche nicht täuschen: sehr oft werden verschiedene Begriffe mit demselben Wort benannt. Solche Äquivokationen [Wortgleichheit bei Sachverschiedenheit - wp] gilt es zu klären; so werden wir Gelegenheit haben zu sehen, daß es z. B. verschiedene Subjektbegriffe gibt. Wenn es auch wahrscheinlich ist, daß die Äquivokationen ihre Begründung in einer trotz der Verschiedenheit vorliegenden Gemeinsamkeit haben, so gilt es doch zunächst die Verschiedenheit der differenten Subjektbegriffe zu klären. Ähnliches gilt auch vom  Zeitbegriff der kosmologische, der psychologische, der historische (6) und geschichtsphilosophische Zeitbegriff sind dermaßen voneinander verschieden und können nur dann adäquat verstanden werden, wenn man sie in einem Sinneszusammenhang aufsucht, in dem sie jeweils beheimatet sind. Auch solche scheinbar einfachen und eindeutigen Begriffe wie etwa "Mensch" haben einen verschiedenen Sinn, je nachdem sie als anthropologische, als ethische oder geschichtsphilosophische usw. Begriffe gemeint werden. In noch so lässigem Sprachgebrauch meint man stets nur  einen  von ihnen. Wir sehen, daß wir also mehrere Systematisierungsreihen auch innerhalb der theoretischen Sphäre anzunehmen haben und daß jeder einzelne Begriff durch sein bloßes Gesetztsein das Vorhandensein zumindest jener Systematisierungsreihe voraussetzt, in der er verankert ist.

Nun gilt es aber, bevor wir weiter gehen, drei grundlegende Termini, die in einer Logik der Systematisierungen stets vorkommen werden, voneinander zu unterscheiden; und diese sind:  Systematisierung, System, Architektonik.  Bisher sprachen wir zunächst nur von den  Systematisierungen, - von den einzelnen Systemen war noch gar nicht die Rede. Unter Systematisierung aber verstanden wir die Gesamtheit reihenmäßig zusammengehöriger, sich gegenseitig bestimmender Elemente.

Der wesentliche Unterschied zwischen  Systematisierung  und  System  besteht darin, daß jene eine  konstitutive,  dieses eine  reflexive, methodologische  Form ist. In genetischer, auf das Subjekt beziehender Sprache ausgedrückt: die erste Formung vollzieht bereits das transzendentallogische Subjekt, diese das empirische Subjekt.

Die Systematisierung ist dermaßen konstitutiv, daß man mit Recht sagen kann, daß, sofern irgendeine "Gegebenheit" - wir sprechen noch immer in der auf die Genesis achtenden subjektbezogenen Terminologie - eine (im weitesten Sinn des Wortes genommene) "Tatsache der Erfahrung" überhaupt theoretisch erfaßt wird, sie bereits in einer dieser vorhandenen Systematisierungen untergebracht ist. Die einfachste, primitivste "Objektivierung" eines Elementes geschieht dadurch, daß es in eine dieser stets vorausgesetzten Ordnungen eingereiht, hineingestellt wird. Man muß aber hier noch einen Schritt weitergehen, denn die Redewendungen "eingereiht", "hineingestellt" drücken den hier zu charakterisierenden Tatbestand noch durchaus inadäquat aus. Dieses "Hineinstellen", "Einreihen" eines Elements in eine Reihe kann man noch immer so verstehen, als wäre dieses Element bereits das, was es ist, ein "es selbst",  vor  jeglicher Hineinstellung in die betreffende Reihe; als wären Reihe und Element in der konstitutiven Sphäre zwei unabhängig voneinander, auch für sich bestehende Ganzheiten, die sozusagen aneinaner erst herangebracht werden. Dies wäre eine völlig falsche Auffassung des hier zu beschreibenden Sachverhalts. Ein "Element" wird vielmehr erst dadurch zu dem, was es ist, daß es die Struktur seiner Reihe in sich aufnimmt, und die Reihe besteht in nichts anderem, als in der sich gleichbleibenden Struktur gewisser zusammengehöriger Elemente.

Daß die Systematisierung eine konstitutive Form ist, erhellt sich daraus, daß ein nicht systematisierter theoretischer Gegenstand gar nicht denkbar ist. Die Systematisierungen müssen auch jene mitmachen, die sich "aus Prinzip" gegen jedes System wehren und absichtlich "unsystematisch" denken möchten. Es ist natürlich eine andere Frage, ob auch das System (im Gegensatz zur Systematisierung) eine gleichfalls unumgängliche Form des Denkens ist. Dies ist aber jeweils nur für die einzelnen Disziplinen, nur von Fall zu Fall entscheidbar. So ist es u. a. eines der vornehmsten Probleme, ob die philosophischen Systematisierungen aus ihrer innersten Struktur und Tendenz heraus ihren jeweiligen Abschluß in  Systemen  fordern, - ob nicht mit einem jeden philosophischen Begriff nicht nur die Systematisierung, sondern auch die Forderung des Systems mitgegeben ist.

Ist dem so, dann muß auch ein innerer Zusammenhang zwischen den einzelnen Systematisierungen und den auf ihrem Boden jeweils möglichen Systemen bestehen. Ist die Systematisierung nichts anderes als die erste, durch das transzendentallogische Subjekt zustande gebrachte Ordnung der (im weitesten Sinne genommenen) "Elemente der Erfahrung", so müssen diese sozusagen auf eine Ebene gebrachten Elemente die Keime der möglichen Lösungen für jene Aufgaben, vor die das reflektierende Subjekt gestellt werden wird, bereits in sich enthalten. Ist doch das reflektierende Denken des empirischen Subjekts in so manchem nichts anderes, als die analytische Herausarbeitung jenes durch das transzendentallogische Subjekt bereits systematisierten Gehaltes; so daß man sagen kann, daß, sofern das einzelne reflektierende Subjekt seine Gedanken nach bewußt im Auge gehaltenen Prinzipien zu einem abgerundeten System ordnet, es nur eine in der Systematisierung bereits vorgeschriebene Tendenz zu Ende führt. Die Systematisierung innerhalb eines Gebietes ist für uns dann also stets als eine offene zu betrachten; sie ist die stets zu vervollständigende Reihe auf einem Niveau sich befindender und sich gegenseitig bedingender Begriffe, während das System stets etwas geschlossenes ist, eine jener möglichen Lösungen, die durch die logische Struktur der Systematisierung bereits prädeterminiert sind. In diesem Sinne würde das reflektierende Subjekt stets nur jene logische Arbeit zu Ende führen, die das transzendentallogische begonnen hat. (Daß wir hier den Begriff des reflektierenden und des transzendentallogischen Subjekts eingeführt haben und also auf die Genesis, auf die empirische wie auf die transzendental-philosophische, eingegangen sind; daß wir also erkenntnistheoretische Gesichtspunkte in unsere Darstellung eingemischt haben, taten wir nur, um uns kürzer verständlich machen zu können: die Sprache der Genesis, sei es der empirischen, sei es der transzendentallogischen, liegt unseren Denkgewohnheiten näher. - Wir hätten den Unterschied aber auch rein logisch formulieren können, indem wir uns auf den Unterschied von konstitutiven und reflexiven Formen beschränkt hätten.)

Vom Begriff des Systems ist der Begriff der  Architektonik  zu unterscheiden, die ein völlig sekundäres Gebilde, ein bloßes "Darstellungsmittel" ist. Sie hat einen vom darzustellenden System meist völlig verschiedenen Aufbau, - und dieser ist oft aus ganz fremden Sphären herangebracht und wirkt auf den ursprünglichen Zusammenhang der Gedanken meist zerstörend ein. In der "Ordnung" der Architektonik herrschen Prinzipien (Symmetrie, Trichotomie , Dichotomie [Dreiteilung, Zweiteilung - wp] und eine jedwede Topik gehören hierher), die dem ursprünglichen Zusammenhang gegenüber völlig heterogen sind. So hat ADICKES (7) gezeigt, wie stark KANT in der Darstellung seines Systems von einer von außen her (vom Aufbau der Logik) hergeliehenen Architektonik abhängig war, wie oft er, seinem architektonischen Aberglauben folgend, so manche seiner Gedanken von ihrer ursprünglichen Stelle verschoben oder auch Trichotomien und ähnlichen Prinzipien zuliebe Gedankeninhalte in ihrem positiven Bestand verändert hat.

In einer Systemanalyse handelt es sich um die von der Architektonik befreite Form des Systems, wobei selbstverständlich stets vorausgesetzt wird, daß es eine Möglichkeit gibt, die sinngemäß hierarchische, "natürliche" Ordnung der leitenden Gedanken eines Systems zu rekonstruieren. Eine jede "Darstellung der Gedanken eines Denkers", sofern sie keine blinde Kopie der Reihenfolge des Originals ist, trachtet nach einer solchen systematischen Rekonstruktion. Daß auch eine solche Aufgabe mehr oder weniger gute Lösungsmöglichkeiten zuläßt, besagt nichts gegen die prinzipielle Möglichkeit eines solchen Versuchs. Auch Darstellungsformen, die aus pädagogischen Gesetzmäßigkeiten und Rücksichten das Prinzip der Reihenfolge eines Gedankengangs entleihen, müssen in solchen Fällen in denen es auf die Darstellung der sinngemäßen, der rein logischen Gestalt des Systems ankommt, - abgestreift und als Architektonik betrachtet werden, wie sehr sie auch im besonderen Fall ihre gute Berechtigung haben mögen.

Es gehört zu jenen mitgegebenen Voraussetzungen eines jeden theoretischen Satzes - zur Betrachtung dieser Voraussetzungen kehren wir nunmehr wieder zurück - daß, obwohl jene Reihen, Ordnungen, Zusammenhänge, Niveaus (oder wie man sie auch benennen mag) in keinem historischen Zeitpunkt in ihrer vollen, wahren, einzig möglichen letzten Gestalt in unserem Besitz sind, vielmehr ihre historische Gestalt stets viel Irrtümliches, Provisorisches enthält, wir dennoch gezwungen sind, jene letzte wahre Gestalt in ihrer Vollständigkeit als von unserem Dazutun unabhängig geltend vorauszusetzen. Und dies ist nicht im Sinne einer moralischen oder ästhetischen Forderung zu verstehen, sondern im Sinne eines unumgänglichen logischen Postulats, das mit einem jeden Begriff, mit einem jeden theoretischen Gebilde mitgesetzt ist. Wenn wir im faktischen Denkprozeß auch stets das "Gefühl", den "Eindruck" haben werden, daß  wir  die Begriffe, Urteile, Theorien, Reihen bilden, wir sie hervorbringen und, also die ganze Reihe gleichsam als unsere  Schöpfung  uns entgegenzutreten scheint, so ist doch mit dem Gedanken einer subjektiven schöpferischen Aktivität (ein Begriff der "psychologischen Systematisierung"!) in der logischen Sphäre nichts anzufangen, da er den Sinn eines theoretischen Gebildes unzutreffend charakterisiert.

Ein Satz, ein Urteil, ein Begriff, eine Problemlösung hat nur dann einen Sinn, wenn man voraussetzt, daß, wenn auch unsere Lösung falsch, provisorisch sein sollte, es doch eine richtige Lösung, eine von uns unabhängige Wahrheit (mag sie die Form eines oder die Form mehrerer geschlossener Kreise haben) gibt, die unabhängig von unserem Dazutun gelten und nicht nur in unserem Denken  entstehen,  sondern vielmehr von ihm aufgesucht, intendiert, im günstigen Fall erreicht werden. Die Systematisierungen müssen in ihrer postulierten Gestalt als vollständig geschlossen, in sich geltend vorausgesetzt werden, sofern man überhaupt einen Begriff bildet, ein Urteil ausspricht.

Stelle ich nur einen einzigen Satz auf - sei es auch den, daß es keine Wahrheit, keine ansich seiende Geltung gibt, so kann dieser Satz - das liegt in der Struktur der theoretischen Systematisierung - nur wahr oder falsch sein. Folglich widerspreche ich im obigen Beispiel, im Satz inhalt  jenen Voraussetzungen, die ich mit der Satz form  unentrinnbar bejahe; denn auch dieser Satz hat nur dann einen theoretischen Sinn, wenn bezüglich seines Inhaltes die Wahrheit oder Falschheit behauptet werden kann. Ist der in ihm ausgesprochene Inhalt - daß es keine ansich geltende Wahrheit gibt - wahr, so muß zumindest dieser Inhalt als geltend gedacht werden, sonst hätte es keinen Sinn, ihn zu behaupten; oder ist auch er falsch, so hat Falschheit nur einen Sinn, wenn zugleich die Möglichkeit der Wahrheit, eines in sich beruhenden Geltens mitgesetzt, vorausgesetzt ist. Mit der Geltung eines einzigen Satzes ist aber auch der ganze Zusammenhang, den ich zwar vielleicht explizit noch gar nicht kenne, aus dem heraus er aber allein seinen vollen Sinn erhält, mitgesetzt. Es gehört also zur Struktur (zu den mitgegebenen Voraussetzungen) der theoretischen Sphäre, daß sie als zeitlos geltend vorausgesetzt werden muß, und zwar in Form eines oder mehrerer kontinuierlicher, kettenartiger Zusammenhänge. Aus der bloßen  Tatsache,  daß man sich im  faktischen  Denken irren kann (daß man zwischen richtig und falsch unterscheidet), muß man, um den allein sinnverleihenden Hintergrund dieses Faktums zu retten, eine der Faktizität jenseitige, in sich beruhende Geltungssphäre setzen. Aus der bloßen  Tatsache,  daß wir im  faktischen  Denken aufeinander bezogen, also in Reihenfragmenten denken (in Reihen, die wieder nur entweder wahr oder falsch sein können) folgt, daß wir eine oder mehrere von unserem Tun unabhängige Reihen voraussetzen müssen, die unser aktives Ordnen nur sucht, zu erreichen nur bestrebt ist. Die Setzung dieser idealen geltenden Sphäre ist kein idealistisches Jenseits, gesponnen aus den Träumen einer Geltungsphilosophie, sondern gewisse mitgegebene Merkmale des  faktischen  Denkens (der Gedanke der Möglichkeit des Irrtums, das stete Ordnen) fordern, um überhaupt einen Sinn zu haben, diese Sphäre als ihre Ergänzung. Man hat auf die Argumente, wie die zuletzt angeführten, die in diesem Fall eigentlich nur eine niveau-theoretische Formulierung des von altersher bekannten Satzes der "Selbstgarantie der Wahrheit" sind, eingewendet, daß sie ein Sophisma enthalten. Obwohl dies unrichtig ist, ist es zuzugeben, daß sie etwas Unbefriedigendes an sich haben; denn in ihnen wird die Geltung ansich der Wahrheit nicht  bewiesen,  sondern nur als eine unumgängliche sinngemäße Voraussetzung der theoretischen Sphäre  aufgewiesen.  Beweisen kann man diesen Satz auch  prinzipiell  nicht, denn ein jeder Beweis müßte ihn wieder von Neuem voraussetzen: er ist keines Beweises fähig, weil er erst einen jeden Beweis ermöglicht. Wir wollen ihn auch deshalb weder als  Fiktion  noch als  Idee sondern als ein unumgänglich mitgesetztes  Postulat  der theoretischen Sphäre ansehen.

Man kann die Eigentümlichkeit der reinen Geltungssphäre, die darin besteht, daß sie, jenseits aller genetischen Fragestellungen, in einer von der psychisch aktiven und auch von der transzendental schöpferischen Subjektivität unabhängigen Schicht konzipierbar ist, niveau-theoretisch so formulieren, daß ein "Ordnen" der logischen Sachverhalte ohne Setzung der Subjekt-Objekt-Korrelation, d. h. ohne Berücksichtigung der auf sie bezogenen Problematik nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist. Es war stets das berechtigte Bestreben des "logischen Objektivismus", diese Schicht rein herauszuarbeiten.

Unterscheiden wir  reine  und  angewandte  Logik und weisen wir der ersteren die Aufgabe zu, die Formen und Eigenart der geltenden Wahrheiten in ihrem Ansichsein zu untersuchen, und der letzteren erst, den Prozeß des Erreichens dieser Wahrheiten zu charakterisieren, so kommt der Begriff des Subjekts erst in der angewandten Logik vor. Fragen wir nun, welche von den beiden Logiken den Primat hat (nicht im Sinne der Genesis, sondern in jenem Sinn der Voraussetzung, wie wir das Wort bisher gebraucht haben), so sehen wir, daß eine reine Logik aufgebaut werden kann ohne Herbeiziehung des Subjektbegriffs, dagegen eine angewandte Logik, eine  Denklehre,  das Vorhandensein der reinen Logik bereits voraussetzt; denn wenn die Denklehre keine reine Denkpsychologie in dem Sinne sein will, daß sie das Kommen und Gehen der Vorstellungen nach den Assoziationsgesetzen beschreiben, sondern vielmehr das auf die Richtigkeit gerichtete Denken charakterisieren will, so muß sie diese Richtigkeit in einer vorangehenden Schicht der reinen Logik bereits voraussetzen. Der Genesis nach ist der Denkprozeß (Gegenstand der angewandten Logik) zuerst gegeben (deshalb läßt sich in ihrer Sprache leichter reden). Hierarchisch, im Sinne einer Hierarchie der Setzungsschichten ist die reine Logik als Lehre von der in sich beruhenden Geltung die erste.

Aber nicht nur der Denklehre, sondern auch der Erkenntnistheorie gegenüber ist die reine Logik in ihren Setzungen unabhängig. Die reine Logik, insofern sie nicht nur rein, d. h. nicht nur die Eigenart der Geltungssphäre, überhaupt feststellen, sondern die ihr Geltung verleihenden Formen in ihrer Besonderheit (so insbesondere die Kategorienlehre) herausarbeiten will, hat hierbei nur die axiomartige Korrelation von Form und Inhalt zur Grundlage. Dies besagt so viel, daß man die reinen Denkformen herausarbeiten kann, ohne einen Seitenblick auf das Subjekt zu werfen, da diese zu erreichen sucht, noch auf die Wirklichkeit, für die die durch diese Formen konstituierten Wahrheiten gelten, auf die sie anwendbar sein sollen. Die letztere Frage, ob eine solche außerhalb des Logos anzusetzende Wirklichkeit noch anzunehmen und zu setzen sei und ob die geltende Wahrheit auf sie paßt, ist eine Frage, die im Gesamtgefüge der Wissenschaften einmal gestellt werden muß und von der Erkenntnistheorie in der Tat gestellt wird; sie gehört aber nicht in die reine Logik hinein, die aus ihren letzten Setzungen heraus gar nicht die Möglichkeit hätte sie zu beantworten.

Nur weil eine reine Logik möglich ist, die sich weder mit den empirisch-genetischen noch mit den transzendental-genetischen Fragen zu beschäftigen braucht, ist es erklärlich, daß die reine Logik in ihrer Geschichte einen solchen von metaphysischen und erkenntnistheoretischen Kontroversen relativ ungetrübten, ruhigen Weg gehen konnte.

Die reine Logik muß aber auch nicht unbedingt in der soeben geschilderten Weise "formal" sein. Sie kann den jeweiligen Inhalt als bedeutungsdifferenzierenden Faktor in den Kreis ihrer Betrachtung hineinziehen; sie bleibt aber auch noch in diesem Fall frei von Erkenntnistheorie, weil sie die Frage, von wo dieser jeweilige Inhalt - der das bedeutungsdifferenzierende Moment für die Formen ist - herrührt, nicht zu stellen braucht. Erst wenn man auch danach fragt, kommt man allenfalls in erkenntnistheoretische Fragen, die dann aber gesondert zu stellen sind. Diese Sachlage, daß die reine Logik von der Denklehre und von der Erkenntnistheorie zunächst unabhängig konstruiert werden kann - unabhängig von den die Erkenntnistheorie konstituierenden Setzungen - hat auch ihre Kehrseite: sie kann in erkenntnistheoretischen Fragen weder im positiven noch im negativen Sinn etwas aussagen. In der Konzeption des Geltungsgedankens handelt es sich um ein eindeutig mögliches Ordnen eines von irgendwoher gegebenen Inhaltes im Sinne einer normativen Richtigkeit. Ob aber mit diesem Ordnen auch etwas "erkannt" wird in dem Sinne, daß eine jenseits ihrer zu setzende Wirklichkeit dadurch "erreicht" wird, sind Fragen, die ganz neue Setzungen in die Problemstellung hineinbringen und gerade die hier zu behandelnde Erkenntnistheorie charakterisieren. Hier sei nur so viel hervorgehoben, daß wir eine  strukturelle  Unabhängigkeit der reinen Logik gegenüber der Erkenntnistheorie annehmen, und im prinzipiellen Streit (8), ob die Erkenntnistheorie oder die Logik das Primäre ist, folgendes behaupten: im Gesamtgefüge des Erkennens, des lebendigen Denkens, sind sie stets aufeinander angewiesen; wenn man sie aber nach ihren letzten Voraussetzungen sondert und fragt, welche ohne die Setzungen der anderen auskommen kann, so antworten wir, daß eine reine Logik durchführbar, eine reine Erkenntnistheorie aber (d. h. eine Erkenntnistheorie ohne Hilfswissenschaften) undurchführbar ist.

Wir haben nunmehr das gemeinsame Postulat einer jeden theoretischen Sphäre herausgearbeitet; es ließe sich für unsere Zwecke folgendermaßen formulieren: eine jede Systematisierung kann letzten Endes nur  eine  richtige Reihe ihrer Elemente zulassen. In jedem realen Denkakt wird diese Reihe gesucht und wenn sie durch diese auch nur am Ende der Zeiten gefunden werden sollte, so ist sie dennoch die sinnmäßig unumgängliche Voraussetzung aller Denkakte.


2. Schwierigkeiten einer Logik
der Systematisierungen.

Wir wollen nunmehr, dieser Stufe der Betrachtung entsprechend, - nachdem wir dieses Postulat herausgearbeitet haben - die Strukturanalyse einer Disziplin, in unserem Fall also die der Erkenntnistheorie, einsetzen lassen, so werden wir vor eine sehr schwere Frage gestellt: wie wollen wir das anfangen? Die Geschichte bietet uns reiches Material: wir haben nacheinander und nebeneinander eine Fülle der verschiedensten Erkenntnistheorien. Der Logiker mit seinen Mitteln ist aber gar nicht imstande, die einzig richtige Erkenntnistheorie - vorausgesetzt, daß sie schon historisch realisiert ist - auszuwählen. Würde er dies versuchen, so verfiele er in den typischen Fehler der Aufklärungsphilosophie, die aus dem Postulat heraus, daß es nur eine richtige Lösung geben kann, den zeitgenössischen Stand der Theorie - also ein auch durchaus historisches Gebilde - zur zeitlosen Wahrheit  in aeternum [in Ewigkeit - wp] fixiert.

Zum Glück hängt aber die Möglichkeit einer  Logik  der Erkenntnistheorie gar nicht von einer Entscheidung in dieser Frage ab; denn diese sucht ja zunächst gar nicht die Struktur des einzig möglichen wahren erkenntnistheoretischen Systems zu ergründen, sondern nur die Struktur der erkenntnistheoretischen Systematisierung überhaupt. Gibt es aber auch nur einen einzigen Begriff, der als zeitlos konstitutiv für eine jede Erkenntnistheorie betrachtet werden könnte? Sind wir imstande, im historischen Prozeß des erkenntnistheoretischen Denkens nur ein einziges Element aufzuweisen, das als überhistorisch betrachtet werden kann?

Stellen wir hier zunächst eine kurze, nur die Tatsachen analysierende Reflexion an. So sehr die einzelnen Erkenntnistheorien in ihrer historischen Entfaltung voneinander verschieden sein mögen, gehören sie dennoch der Kontinuität eines Gedankes an (der Grund, weshalb sie alle "Erkenntnistheorien" heißen). Es muß also zumindest Begriffe, Fragestellungen, Konstellationen geben, die durch ihr stetes Wiederkehren diese Kontinuität ermöglichen. Die Lösungsversuche mögen noch so verschieden sein, - es muß dennoch in den Fragestellungen, in den dort vorkommenden Setzungen etwas vorhanden sein, wodurch diese historisch so verschiedenen Gebilde überhaupt konfrontierbar und deshalb als Erkenntnistheorien angesprochen werden können.

Man könnte nun versuchen, diese gemeinsamen Momente, diese letzthinnigen Setzungen, die in jeder Erkenntnistheorie vorhanden sind,  empirisch  zu sammeln. Auch dadurch hätte man Instruktives geleistet; nur könnte dieser Weg eben als kein apriorischer angesehen werden, d. h. es wäre damit noch nicht bewiesen, daß diese Begriffe bereits zum Stock jener überhistorischen Systematisierung gehören. Nun liegt aber die Sache so, daß ein Teil jener Elemente, die wir zunächst empirisch vergleichend als gemeinsam in allen historischen Gebilden vorfinden, auch in ihrem Notwendigkeitscharakter erfaßbar sind. Es gibt nämlich - wenn auch gering an Zahl - Setzungen, die dermaßen unerläßlich zum Wesen der Erkenntnistheorie gehören, daß sie (außer jener empirischen Vorfindlichkeit) mit einem ähnlichen Aprioritätscharakter uns entgegentreten, wie absolut notwendige mathematische Gebilde; es gibt Begriffe, Setzungen, Kategorien, die dermaßen zum Gerüst der Erkenntnistheorie gehören, daß sie ihre historische Entfaltung erst möglich machen.

Die Herausarbeitung jener Momente bildet einen zentralen Kern unserer folgenden Untersuchung (9) und sofern es sich nicht um bloß typologische Feststellungen handelt, glauben wir ein solches apriorisches Gerüst der Erkenntnistheorie überhaupt herausgearbeitet zu haben. Gegen die Apriorität dieses Teils der Untersuchung ist es kein Einwand (dies muß wohl kaum besonders bemerkt werden), daß wir historische Erkenntnistheorien überhaupt empirisch kennen gelernt haben müssen, um diese apriorische Schicht aus ihnen herauszuarbeiten. Auch die apriorischen Sätze haben zur  Vorbedingung,  daß man sie irgendwie erfährt; aber nicht alles was mit der Erfahrung anhebt, entspringt aus der Erfahrung, und man kann sehr wohl aus der Empirie Apriorisches schöpfen, sofern man den mit ihm mitgegebenen Notwendigkeitscharakter in ihm aufzuweisen imstande ist. Hätten wir nur jene der Zahl nach begrenzten Elemente, die so unbedingt zum zeitlosen  Standard  der Erkenntnistheorie gehören (das Vorhandensein eines solchen Standards beweist  an und für sich  noch keineswegs, daß die erkenntnistheoretische Frage von uns gelöst werden kann, sondern nur so viel, daß, sofern eine erkenntnistheoretische Frage gestellt wird, sie diese oder jene Elemente enthalten muß), so hätten wir immer erst einige fixe Punkte aus dem Gesamtgefüge, das wir erkenntnistheoretische Systematisierung nennen. Da uns aber nicht die isolierten Elemente interessieren, sondern ihre gegenseitige Angewiesenheit aufeinander, ihr Wurzeln in der systematischen Totalität, so müssen wir uns nach weiteren Momenten umsehen, die uns diese Elemente zu einer Systematisierung zu ergänzen verhelfen. Will man eine womöglich geschlossene Strukturanalyse der Erkenntnistheorie versuchen, so hat man nach der Herausarbeitung jener apriorischen Elemente nur die Wahl - die einmal bereits gestreifte Schwierigkeit kehr von Neuem wieder - entweder  eine gewisse  Erkenntnistheorie, die einem als repräsentativ erscheint, als Unterlage zu wählen; oder aber - und diesen Weg werden wir gehen - man sieht in den geschichtlichen Realisationen verschiedene mögliche Lösungen der einmal gestellten Frage, und versucht an ihrer  Gesamtheit  den Charakter der erkenntnistheoretischen Systematisierung zu studieren.

Wollte man den anderen Weg gehen und an  einer  bestimmten Erkenntnistheorie die Struktur  der  Erkenntnistheorie studieren, so müßte man zunächst den Beweis erbringen, daß diese die einzig richtige Lösung des Erkenntnisproblems darstellt, daß also in ihr die erkenntnistheoretische Systematisierung mit dem System zusammenfällt; somit käme man in  erkenntnistheoretische  Probleme hinein und das Problem der Strukturanalyse der Erkenntnistheorie müßte  ad kalendas graecas [bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag | wp] vertagt werden. Wir wollen aber ausdrücklich keine Erkenntnistheorie der Erkenntnistheorie, sondern nur die Logik derselben betreiben; diese aber hat aus ihren Mitteln gar nicht die Möglichkeit, in diesen Streitfragen ein Urteil zu fällen. Deshalb tun wir wohl richtig daran, auch dort, wo wir als Denker Partei ergreifen möchten, die verschiedenen Wege zunächst als "gewissermaßen" gleich mögliche zu behandeln.

Der so eingeschlagene Weg hat dann nur noch die eine Voraussetzung, daß die in einer historischen Kontinuität stehenden Gebilde, die man Erkenntnistheorien nennt,  bis zu einem gewissen Punkt  überhaupt konfrontierbar sind und als Lösungsversuche  einer  theoretischen Aufgabe aufgefaßt werden können. Ist dies statthaft, so wird die Zahl der möglichen Problemstellungen und auch die Zahl der aus ihnen erwachsenden Lösungsversuche nicht unendlich sein, sondern es wird sich ein Punkt ergeben, auf den bezogen sie konfrontierbar sind. Diesen zentralen Ort der Konfrontierbarkeit herauszusuchen, ist eben unsere Aufgabe. Sofern also die einzelnen Erkenntnistheorien nicht durch einen Zufall diesen gemeinsamen Namen führen, müssen sie, wenn sie auch in ihren Einzelheiten auseinandergehen, doch auch in diesem ihrem Auseinandergehen als Abzweigungen eines zunächst gemeinsam betretenen Weges betrachtet werden können.

Da die Erkenntnistheorie eine  konstruierende  theoretische Disziplin ist und als solche eine Kontinuität besitzt, die sich rein logisch aus den von ihr gestellten Problemen entfaltet, ist es kein prinzipiell erfolgloses Unternehmen, eine solche Typologie anzustreben.

Würde es sich bei den einzelnen Theorien um Gebilde handeln, die stets lediglich aus  Motiven  zu monadischen Einheiten zusammengefügt sind (sei es auch, daß ihre organische Verbundenheit  innerhalb  eines jeden solchen Gebildes eine absolut notwendige ist), so wäre es ein vergebliches Unternehmen, eine Typologie aufzustellen. Es ist z. B. unmöglich,  in diesem Sinne  eine Typologie der möglichen lyrischen Gedichte oder der möglichen Dramen zu entwickeln. Weil die sie aufbauenden Elemente Motive sind, die zwar einzeln auch eine verfolgbare Geschichte haben, ihre  adäquate  Geschichte sie aber nicht als Lösungsfragmente einer historisch kontinuierlichen Aufgabe auffassen läßt, ist auch ihre Typologie ein vergebliches Bemühen. Doch auch auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie bedeutet der Plan einer Typologie keineswegs so viel, daß wir uns anmaßen, alle bisher konkret realisierten und von nun an noch zu realisierenden Erkenntnistheorien bis in ihre Einzelheiten zu errechnen. Dies wäre ein Unding, - hat doch wie jedes historische Gebilde, so auch die Erkenntnistheorie unzählige zufällige (aus dem Zeitalter und aus dem denkenden Individuum stammende) Ausgangspunkte, Motive, die niemals zum Gegenstand einer systematischen Analyse gemacht werden können. Stets aber ist es möglich - so lange wir dabei verbleiben, daß diesen Lösungsversuchen, trotz ihrer gegenseitigen Abweichungen, eine einheitliche Fragestellung und Systematisierung zugrunde liegt - jene Momente, auf die hin sie noch immer konfrontierbar sind, hervorzuheben und von ihnen aus die möglichen Lösungsversuche zu gruppieren, sie zu ordnen und die Grundlagen einer Typologie zu legen, die die historischen Gebilde desselben Gebietes als die Bearbeitung desselben Problems betrachtet. Daß die verschiedenen  möglichen  Wege hier - absichtlich - als gleichwertig betrachtet werden,  bedeutet keinen prinzipiellen Relativismus sondern entspricht nur dem Standort des Strukturanalytiker, der sich auf den inhaltlichen Streit dieser Theorien nicht einlassen darf - er würde sonst zum Erkenntnistheoretiker -, sondern nur das formale Möglichwerden und den  Ort des Möglichwerdens  der verschiedenen gangbaren Wege in den Vordergrund zu stellen hat.

Wir gebrauchten in den letzten Sätzen den Ausdruck des  möglichen  Weges, des  möglichen  Lösungsversuches. Dies bedarf einer Klärung.

Dieser Ausdruck ist uns in einer philosophischen Diskussion stets geläufig. Ist ein Problem einmal gestellt, glauben wir uns im Besitz der richtigen Lösung und lassen wir die bereits vorhandenen Lösungsversuche vor uns vorbeiziehen, so nennen wir die einen sinnlos und unmöglich, andere zwar möglich, aber "dieses oder jenes spräche dagegen". Was ist der logische Grund dafür, daß wir, bevor wir - vornehmlich in der Philosophie - zwischen wahr und falsch entscheiden möchten, zunächst die möglichen Standpunkte und vergegenwärtigen? Offenbar der, daß in der logischen Struktur des gestellten Problems aus deren Grundbegriffen heraus noch Alternativen möglich sind, die zunächst mehrere Wege offen lassen. Zwar ist es gewiß, daß  prinzipiell nur eine Lösung  richtig sein kann, aber diese wird zunächst auch als eine der "möglichen" auftreten müssen und sich nur allmählich durch Darlegung der für sie sprechenden Gründe den übrigen gegenüber durchsetzen können. Daß also ein System überhaupt möglich ist, garantiert noch keineswegs die absolute Richtigkeit seines Weges und seiner Resultate; die Möglichkeit besagt nur so viel, daß es nicht widersinnig ist. Nur dieses sinngemäße Möglichwerden und dessen Grund in der logischen Struktur der Systematisierung aufzusuchen, ist die Aufgabe der Strukturanalyse. Unsere Aufgabe muß es sein, aus der logischen Struktur der erkenntnistheoretischen Systematisierung das Möglichwerden der möglichen Lösungen zumindest dem Ort nach aufzuweisen.

Hierdurch wird es bereits nahegelegt, daß die philosophischen Disziplinen - in unserem Fall die Erkenntnistheorie - eine von den Einzelwissenschaften verschiedene Struktur haben. Schon der Umstand, daß hier eine Typologie (bis zu einem gewissen Grad) sinnerfüllt möglich ist, daß in ihr der Typus des möglichen Weges aufweisbar ist, zeigt, was schon oft empfunden wurde, daß die Struktur des Aktualisierungsprozesses der Wahrheit hier eine von den Einzelwissenschaften verschiedene sein muß. Das Vorhandensein und die Wichtigkeit des  möglichen  Gedankens in dieser Sphäre läßt sich auch von einer anderen Seite her aufweisen. Wir hatten bereits einmal die Struktur der Geschichte der Wissenschaften und der Kunst zur Demonstration herbeigezogen und gezeigt, daß die Geschichte der exakten Wissenschaft nur so adäquat darstellbar ist, daß in ihr ein Hinstreben nach einer möglichen Wahrheit vorhanden ist und das Postulat der einzig möglichen Wahrheit sich dadurch bereits in der Geschichte auswirkt, daß, sofern eine neue Lösung gefunden ist, die alte einfach als Irrtum zur Seite geschoben wird und von nun an in der Tat nur der "Geschichte" angehört.

Demgegenüber gibt es in der Kunst ein Veralten in diesem Sinne des Wortes überhaupt nicht; hat ein Werk einmal das Niveau des Geltens erreicht, mit anderen Worten: ist es in die Sphäre der Kunst überhaupt eingerückt, so ist es nur an seiner eigenen "Idee" zu messen, - es widerlegt gar nichts und kann auch in diesem Sinne gar nicht veralten. (Das Veralten hat hier nur einen soziologischen Sinn.)

Betrachtet man von diesen extremen Positionen aus die Geschichte der Philosophie, so kann sie mit keinem dieser Typen in Deckung gebracht werden, - wenn auch stark zu betonen ist, daß sie der Wissenschaft unvergleichlich näher steht als der Kunst.

Mit der Wissenschaft hat sie zunächst - abgesehen davon, daß sie nur als Theorie betrieben werden kann - gemein, daß sie nur dann einen Sinn hat, wenn der Wahrheitsbegriff vorausgesetzt wird, daß sie in diesem Sinne nur  eine  mögliche richtige Lösung ihrer Fragen zugeben kann.

Verwandtes hat sie mit der Kunst dadurch, daß die gescheiterten Lösungsversuche nicht im selben Maß bloß "geschichtlich" sind, wie dies in den exakten Wissenschaften der Fall ist. Etwas vom Ewigkeitsglanz der Kunstgebilde haftet auch den widerlegten Antworten an; und diese sind eben jene, die wir als  mögliche  Lösungsversuche kennengelernt haben. Ein anderes Moment, das dem Betrachter der geschichtlichen Entfaltung der Philosophie unbedingt auffallen muß, ist die Rolle, die dem logischen Gebilde  "Problem"  in diesem Gebiet zufällt. Es ist doch schon zunächst auffallend, welchen Eigenwert der bloßen richtigen Aufstellung eines Problems stets zugesprochen wird, sollte auch die ihr angefügte Lösung irrig oder falsch sein.

Die wirkliche Heimat der Probleme ist eigentlich die Philosophie. Haben wir doch bereits gesehen, wie die problemgeschichtliche Darstellung, wenn auch berechtigt und produktiv, doch nur ein methodologisches Hilfsmittel, letztenendes nur eine theoretische Fiktion innerhalb der Kunstgeschichte ist. Die Kunst entwickelt sich in ihrer originären Gestalt nicht als eine Lösung verschiedener darstellerischer  Probleme;  allerdings kann man sie theoretisch auch so betrachten. Demgegenüber waren und sind die in der geschichtlichen Betrachtung der Philosophie vorkommenden Probleme Stoff der Philosophie selbst.

Es ließe sich vielleicht zeigen, daß bei den Einzelwissenschaften in ihren wirklich auf den jeweiligen Stoff gerichteten Teilen, also in ihren ursprünglichen Arbeitsgebieten nur  Fragen mitunter auf sehr komplizierten Wegen nur beantwortbare Fragen, aber keine "Probleme" vorkommen. Sofern man in ihnen doch auf Probleme stößt, die auch im engsten Sinne des Wortes diese Bezeichnung verdienen, erwachsen diese aus den Grenzfragen, Prinzipienfragen der betreffenden Wissenschaft, wo das Material den Forscher plötzlich über die methodologischen Grundfragen zu reflektieren zwingt. In diesem Fall sind wir aber bereits bei der Philosophie: bei der Philosophische der betreffenden Einzelwissenschaft.

Es wäre eine der interessantesten logischen Aufgaben, einmal die logische Struktur des Problems und ihren Unterschied von der Frage zu untersuchen. Die Struktur des Problems wird letztenendes nur aus der Struktur der ganzen Systematisierung verstanden werden können; - vielleicht werden wir auch zu dieser Frage einige Hinweise liefern können.

Aus all dem geht hervor, daß die einzelnen Disziplinen untereinander (insbesondere die Philosophie im Vergleich mit den anderen) in ihrem geschichtlichen Ablauf jeweils verschiedene Strukturen aufweisen. Diese Strukturdifferenzen ergeben sich aus der Strukturverschiedenheit der Objektivationen der betreffenden Disziplinen. Aus dem unbestreitbaren Postulat, daß es nur eine Wahrheit geben, daß also für die Fragen eines jeden Gebietes jeweils nur eine die richtige Lösung sein kann und daß die Geschichte des Denkens nur der Weg, der durch Irrungen und Wirrungen führende Weg zur Wahrheit ist, folgt nicht, daß die Struktur dieses Weges stets der gleiche sein muß. Es bleibt stets eine Aufgabe, nicht nur die Struktur der zeitlosen Sphäre an und für sich zu erforschen, sondern auch irgendwie den Aufbau des zu ihr führenden historischen Prozesses in seiner Besonderheit zu verstehen.


3. Der Aufbau der Geschichte und der Systemgedanke

Obwohl die vorliegende Arbeit sich darauf beschränkt, dem erstgenannten logischen Zweck (als Selbstzweck) zu dienen: die unhistorisch gedachte logische Struktur einer zur Untersuchung ausgewählten Disziplin klarzustellen, sei doch eine als Nebenprodukt sich ergebende Verwendbarkeit einer solchen Typologie (deren Ausgangspunkte, keineswegs deren voll ausgebaute Gestalt wir erreichen werden) wenigstens angedeutet Wir sehen neuerdings allseitig solche typologischen Versuche aufkommen (10), - die, obwohl sie meistens zeitlos gedacht sind, dennoch einen unleugbaren Wert für das Verständnis des Verlaufes der Geschichte der betreffenden Disziplin haben, für welche sie herausgearbeitet worden sind. Wir wollen auf die Frage hier nicht eingehen, ob wohl überall apriorische Typologien möglich sind oder ob eine noch so empirische Typologie nicht stets apriorische Elemente enthält, und schließlich wissen wir auch, daß eine Typologie für ein theoretisches Gebiet eine ganz andere Relevanz hat als für ein atheoretisches. Wir wollen uns nur fragen: was leistet die Typologie für die Geschichte, was vermag insbesondere eine Typologie der Erkenntnistheorie für das  Verständnis der Problemgeschichte  derselben zu leisten? Sie vermag zunächst die ahistorischen Elemente von den rein historischen zu sondern. Ein jedes historische Gebilde in seiner konkreten historischen Gestalt, z. B. eine jede bestimmte Erkenntnistheorie, enthält Elemente, die ausschließlich aus der individuellen Eigenart des betreffenden Denkers, und andere, die aus der Eigenart und geistigen Struktur des betreffenden Zeitalters erklärbar sind. Je mehr es nun gelingt, die Momente, die aus der eigenen Dynamik des Gedankens, aus der Aufgabe, aus dem kontinuierlichen Problem des Gebietes fließen, als solche zu verstehen, umso mehr werden sich jene Momente abheben lassen, die - wenn sie vorhanden - aus anderen Zusammenhängen erklärt werden müssen. Wo das Prinzip der  ratio sufficiens [zureichender Grund - wp] versagt, dort werden die bloß kausalen, letztenendes realen Gründe zur Erklärung der konkreten historischen Gestalt eines geistigen Gebildes herbeigezogen werden. Je zwingender, rationaler die Struktur der Systematisierung ist, zu der das historische Gebilde gehört, umso weniger Einfluß fällt den realen Ursachen bei der Erklärung des Entstehens des betreffenden Gebildes zu, und umgekehrt: je mehr Möglichkeiten aus der Struktur heraus als offenbleibend aufgefaßt werden können, umso größer ist der Spielraum der historischen Verursachung.

Aber auch bei den exaktesten Gebieten, wo ein jeder Schritt rational gebunden ist und der Typus des möglichen Gedankens gar nicht vorkommt, bleibt noch immer ein nur historisch erklärbares Moment:  daß  man sich nämlich überhaupt jene Aufgabe, jenes Problem gestellt hat. Wenn es sich, in unserem Gebiet, in der Erkenntnistheorie, zeigen ließe, daß so und so viel Problemstellungen überhaupt möglich sind und die und die Lösungen sinngemäß versucht werden können, bleibt es noch immer ein historisch zu erklärendes Moment, daß eine Epoche z. B. mehr den metaphysischen, die andere den logischen oder psychologischen zugetan, daß sie mehr subjektivistisch oder mehr objektivistisch eingestellt gewesen ist. Dieser letztere Umstand kann ein jedes Mal als ein kausaler Erklärungsgrund für das jeweilige  Aktuellwerden  gerade dieses oder jenes apriorisch möglichen Typus herangezogen werden. Warum und wann gerade eine Lösungsart vorherrscht, kann nur geschichtlich erklärt werden. Aus der geschichtlichen Kausalerklärung aber - und das ist ihre Grenze - kann niemals die apriorische Möglichkeit und noch viel weniger der absolute Wahrheitswert oder -unwert des betreffenden Typus nachgewiesen werden. Das erstere kann nur eine immanente (also nicht historisch kausal erklärende) Strukturanalyse, das letztere nur eine direkt auf den Sinn abzielende Untersuchung (also im Falle der Erkenntnistheorie eine erkenntnistheoretische und nicht logisch-strukturanalytische Untersuchung) entscheiden.

Die geschichtliche Erklärung eines Sinngebildes ist eine mögliche und notwendige Aufgabe, doch wird zumeist der Fehler begangen, daß man aus den zeitlichen Bestimmungen der Sinngebilde, aus diesseitigen, realen Faktoren den Sinn selbst zu erklären und daraus auch zu begründen oder zu entgründen versucht - was unbedingt zu einem Relativismus führt. Das Zeitliche als solches enthält nur die Möglichkeiten der  Aktualisierung,  aber keineswegs die sinnhaltigen Momente ansich, die nur anhand einer Strukturanalyse darstellbar sind. Die strukturanalytische Methode, verbunden mit einer geschichtsphilosophischen, kann sich sinngemäß die Frage stellen, wie das Zeitlose zeitlich wird: das uralte Problem der  Kontingenz [prinzipielle Offenheit und Ungewißheit menschlicher Lebenserfahrungen - wp]
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Man kann sich nämlich fragen: wenn für die theoretischen Disziplinen eine zeitlose apriorische Gestalt vorausgesetzt werden muß, welche Rolle fällt den zeitlich bedingten Momenten in der Aktualisierung dieser zeitlosen Wahrheit zu? Welchen Sinn hat die Zeitlichkeit für die Zeitlosigkeit? Ungefähr in diesem Sinn hätte HEGEL die Frage gestellt, und dies wäre eine metaphysisch-geschichtsphilosophische Fragestellung. Wir wollen diese Frage nur logisch, von seiten der Strukturanalyse stellen, und dann ist folgendes zu sagen:

Es ist zweifellos, daß keineswegs jeder überhaupt mögliche Gedanke in einem jeden Zeitpunkt (im Sinne der Aktualisierbarkeit) möglich ist; zunächst schon deshalb nicht, weil es zum Wesen des Theoretischen gehört, daß, damit überhaupt eine Frage gestellt werden kann, ein Weg bis zu ihr zurückgelegt sein muß. (Dies gilt bereits für die "Erlebnissse", wenn auch die hierarchischen Stufen hier nicht rational bestimmt sind: ein Dekadenz-Erlebnis ist in primitiven Kulturen unmöglich.)  Prinzipiell  (de facto mehr oder weniger aproximativ) könnte man feststellen, welcher Gedanke in einem bestimmten Zeitalter überhaupt möglich ist (wie die Kunstgeschichte feststellt, daß nur diese und jene Behandlung des Materials, Auffassung des Raumes etc. in einer Epoche vorkommen konnte).

Bei einer derartigen Untersuchung müßte es sich zeigen, daß zunächst die einzelnen philosophischen, dann weiterhin die einzelnen theoretischen Disziplinen, und noch weiterhin endlich die einzelnen atheoretischen Gebiete auch horizontal miteinander in "ihrer geschichtlichen Gleichzeitigkeit" zusammenhängen und als verschiedene "Lebenssysteme" strukturell verbunden sind.

So ist es zunächst plausibel, daß - historisch gesehen - zu einem gewissen Typus von Erkenntnistheorie eine gewisse Ontologie (Metaphysik) gehört, und wir werden auch versuchen, den Ort in der Struktur der Erkenntnistheorie aufzuweisen, wo dieses Hineinragen, Hineinspielen überhaupt möglich wird (siehe weiter unten). Daß wiederum die Ontologie und Metaphysik mit der Gesamthaltung des Zeitalters zusammenhängt, bedarf wohl keines besonderen Hinweises. So ließe sich zumindest für die hauptsächlichsten philosophischen Disziplinen zeigen, daß die geschichtsphilosophisch gleichzeitigen Gebilde der verschiedenen Disziplinen eine strukturelle Parallelität zeigen und weiterhin eine gewisse  Zuordnung  der verschiedenen jeweiligen Kulturgebiete zueinander möglich ist. Freilich, je mehr die zeitlosen Systematisierungsstrukturen in ihrem inneren Aufbau voneinander prinzipiell abweichen, umso vager werden die zeitlichen Parallelisierungen.

Worauf es uns dabei ankommt, ist, daß eine solche geschichtsphilosophische Betrachtungsweise eines historischen Gebildes sich sehr wohl durchführen läßt, ohne daß man in einen historischen Relativismus zu verfallen braucht. Kann auch ein jedes Sinngebilde aus dem Zeitalter heraus erklärt werden, so muß das uns keineswegs zu einem Relativismus bezüglich der Geltung der Gebilde führen. Es wird doch nur das jeweilige Aktuellwerden dadurch determiniert. Aus der bloßen Tatsache, daß die Geschichte die verschiedensten Gestaltungen und Typen von Gedankensystemen (in unserem Fall Typen von Erkenntnistheorien) zeitigt, muß man keineswegs zu einer relativistischen Geschichtsphilosophie der Wahrheit gelangen. Man kann diesen Prozeß dennoch als ein Suchen, als einen notwendigen Umweg zur einzig richtigen Lösung ansehen, und die Geschichte und die einzelnen Denker als die Aktualisierungsstätten der für eine zeitlose Vernunft überhaupt möglichen Standpunkte betrachten. In dieser Einstellung bietet das zeitlich Zufällige (dessen jeweilige geschichtsphilosophische Gebundenheit bis zu einem gewissen Grad im horizontalen Querschnitt von Neuem erforscht werden kann) nur den Anlaß zum Aktuellwerden eines apriorisch möglichen Standpunktes. Daß die Geschichte aber kein uferloser Prozeß ist, wo  alles  nur von zeitlich determinierten Momenten abhängt, sondern daß die Gebilde eines Gebietes von zeitlosen Setzungen getragen sind, die zwar zunächst mehrere, aber keineswegs unendlich viele Möglichkeiten zulassen, die (jetzt oder einst, aber prinzipiell jedenfalls) eine Konfrontierung zulassen müssen, - das weist darauf hin, daß die Geschichte kein Fortschwimmen, sondern ein Hinströmen zu einem Letzthinnigen ist.

Für das Verständnis des einzelnen historischen Gebildes ergibt sich daraus, daß man zu seiner allseitigen Erklärung jeweils einen zeitlich bestimmten  Entstehungsgrund,  d. h. seinen Ort im jeweils aktuellen Lebenssystem, und einen zeitlos systematischen  Ursprung  in der überzeitlichen Systematisierung seiner Sphäre annehmen muß; man hat eine Gebilde nur dann erfaßt, wenn man auf beide dieser Voraussetzungen zurückgegangen ist.

Aber diese historischen Verwendbarkeiten der Strukturanalyse eines Gebietes bilden  nicht  den Gegenstand dieser Untersuchung; sie sollten nur überhaupt gestreift werden, um den Interessenkreis, aus dem heraus sie entstanden, von allen Seiten her zu charakterisieren. Der logische Selbstzweck ist stets im Vordergrund zu halten, der Gedanke einer Logik der Philosophie, in diesem Falle beschränkt auf eine Strukturanalyse der Erkenntnistheorie.

Die historischen Aspekte drängen sich nur deshalb heutzutage so unabweislich auf, weil man es geradezu als die philosophische Aufgabe des gegenwärtigen Zeitalters erachten muß, sich mit dem Problem der Geschichtlichkeit und Zeitlosigkeit auseinanderzusetzen. Dies muß aber in einer Weise geschehen, daß man die  ungeheure Spannung,  die zwischen der Lehre einer zeitlosen Geltung besteht und der gleichzeitigen Einsicht, daß ein jedes historisches Gebilde stark im jeweiligen Zeitalter verankert ist, stets im Auge behält.

Das gegenwärtige Denken ist von zwei zunächst sich völlig widersprechenden Grunderlebnissen getragen. Auf der einen Seite sehen wir, wie man sich allmählich vom Relativismus zur Lehre von der Absolutheit der Wahrheit durchrang, die dann ihre zugespitzte Formulierung in der zeitgenössischen Geltungsphilosophie fand; auf der anderen Seite umgibt uns ein stets sich erweiternder Horizont von geschichtlichen Erkenntnissen und, was noch bedeutsamer ist, erwacht zugleich eine noch nie dagewesene Fähigkeit, sich in ein jedes historische Gebilde hinein zu versetzen, es womöglich aus sich, aus seiner Zeit zu verstehen und zu rechtfertigen. Einerseits die Erkenntnis, daß es zum letzten Sinn des Theoretischen gehört, daß es nur eine Wahrheit geben kann - andererseits die Einsicht, daß alles Gewordene aus dem Zeitlichen begriffen werden will, und daß auch wir letztenendes in diesen geschichtlichen Prozeß eingeordnet sind und uns als geschichtliche Wesen betrachten müssen (11). Hier das Wissen vom Übergeschichtlichen, dort das geschichtliche Bewußtsein. Auf der einen Seite das Recht des BOLZANO-KANTischen Gedankens, auf der anderen - die Namen seien als idealtypische Repräsentanten erwähnt - das treibende Erlebenis HEGELs und DILTHEYs. Es drohen die Welt der Gültigkeit und der zeitliche Prozeß auseinanderzuklaffen. Die reine Geltungslehre, die nur die zeitlose Wahrheit zugibt, ist gezwungen, den ganzen historischen Prozeß, sofern er nicht das einzig Richtige erfaßt, als eine Reihe von Irrtümern aufzufassen, - der Historismus dagegen verliert Halt und Boden, wenn er alle historischen Gebilde als gleichberechtigt erachtet und den Geltungsgedanken untergehen läßt. Man muß das Problem der  Kontingenz  noch einmal dem heutigen Stand des Denkens gemäß stellen, um den Gefahren der Sprödigkeit, der abstrakten Geltungsphilosophie, und den anderen Gefahren einer Rückhaltslosigkeit, des Historismus, zu entgehen.

Dies alles sei jedoch nur angedeutet, um auf den Zusammenhang dieser Fragestellungen mit umfangreicheren Problemen hinzuweisen.

Und zuletzt seien noch die Grenzen eines solchen Versuches einer Strukturanalyse der Erkenntnistheorie gezogen. Sie ist keine Erkenntnistheorie der Erkenntnistheorie, sondern nur eine Logik derselben. Als solche hat sie nicht die Möglichkeit, sich für eine konkrete Erkenntnistheorie oder für die Erkenntnistheorie überhaupt einzusetzen oder sie zu widerlegen. Würde sie das tun, so müßte sie in ihren Untersuchungen selbst erkenntnistheoretische Setzung verwerten und würde dadurch nicht sowohl eine Logik, als vielmehr von neuem eine Erkenntnistheorie sein (12). Von einer reinen Logik der Erkenntnistheorie aus betrachtet -  als  welche wir die unsere herauszuarbeiten suchen - würde die soeben genannte als ein besonderer Typus der Erkenntnistheorie, als möglicher Fall in die Typologie eingereiht werden.
LITERATUR: Karl Mannheim, Die Strukturanalyse der Erkenntnistheorie, Kant-Studien, Ergänzungsheft Nr. 57, Berlin 1922
    Anmerkungen
    1) EMIL LASK, Die Logik der Philosophie und die Kategorienlehre. Eine Studie über den Herrschaftsbereich der logischen Form. Tübingen 1911.
    2) BENEDETTO CROCE, Lebendiges und Totes in Hegels Philosophie, Heidelberg 1909, Seite 1f.
    3) Als sonstige Versuche, die das Prolem der Ordnung oder die Systematisierung thematisch in den Vordergrund schieben, seien erwähnt: HANS DRIESCH, Ordnungslehre, Jena 1912; JOSIAH ROYCE, Prinzipien der Logik, in der "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (hg. von ARNOLD RUGE, Bd. I.: Logik; Tübingen 1912. - Ein ganz bedeutendes Verdienst um eine allumfassende Theorie der Systeme hat der frühverstorbene Ungar Béla Szalay, der gerade das Zentrum seines Forschens in dieses Gebiet verlegte. Vgl. u. a. "A filozofai rendszerezés problémaja. (Das Problem der philosophischen Systematisierung). Erschienen in der Zeitschrift "Szellem", Nr. 2, Budapest 1911. - Auch auf die Arbeit von ARTHUR LIEBERT, "Das Problem der Geltung", zweite Auflage 1920 sei hingewiesen. Sie enthält viel Zutreffendes über die prinzipielle Bedeutung des Systemgedankens.
    4) Vgl. ERNST HEIDRICH, Beiträge zur Geschichte und Methode der Kunstgeschichte, Basel 1917; darin die Besprechung von JANTZEN, Seite 82f.
    5) HEINRICH RICKERT, System der Philosophie, Teil 1, 1921, Seite 56f
    6) Vgl. MARTIN HEIDEGGER, Der Zeitbegriff in der Geschichtswissenschaft, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 161, Leipzig 1916, Seite 173
    7) ERICH ADICKES, Kants Systematik als systembildender Faktor, Berlin 1887.
    8) Zu diesem Prinzipienstreit vgl. u. a. die Stellungnahme einerseits von KANT (Logik, hg. von JÄSCHE); DROBISCH, Neue Darstellung der Logik, fünfte Auflage, 1887; RIEHL. Logik und Erkenntnistheorie, erschienen in "Kultur der Gegenwart", Teil 1, Abteilung VI, Seite 73f); HUSSERL, Logische Untersuchungen, Bd. 1, Halle 1913. Andererseits die von F. A. LANGE, Logische Studien, Leipzig 1894, I. Formale Logik und Erkenntnistheorie. ÜBERWEG, System der Logik, fünfte Auflage 1882; SCHUPPE, Erkenntnistheoretische Logik, Bonn 1878; KOPPELMANN, Untersuchungen zur Logik der Gegenwart, Teil 1, Lehre vom Denken und Erkennen, Berlin 1913. Bei diesem noch ausführlichere Literaturangaben.
    9) Wie dieser Teil unserer Untersuchung sich zu einer "Eidetik" im HUSSERLschen Sinne verhält, dies möchten wir nur als Problem hier anmerken und sonst dahingestellt sein lassen.
    10) DILTHEY, Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den metaphysischen Systemen (erschienen im Sammelband "Weltanschauung", hg. von MAX FRISCHEISEN-KÖHLER, Berlin 1911. Ferner Kultur der Gegenwart, I. Abteilung VI., Seite 1-72. - MAX WEBER, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1920, Bd. I, vgl. dort inbesondere die Zwischenbetrachtung (Seite 536-573, die eine Typologie der Askese und Mystik enthält. - KARL JASPERS, Psychologie der Weltanschauungen, Berlin 1919
    11) Die letzte Konsequenz dieses letzteren Gedankens wäre die Annahme einer "dynamischen Logik", wonach nicht nur der Stoff der Geschichte, sondern auch die Kategorien, mit denen man sich ihrer bemächtigt, sich verändern, sich entwickeln; so daß also - auf unseren Fall angewendet - auch unsere Strukturanalyse, hätte man sie in einer anderen geschichtsphilosophischen Phase gemacht, anders ausgefallen wäre. So sehr das tatsächlich stimmen mag, mit Ausnahme jener wenigen Setzungen, die das logische Rückgrat der Entwicklung abgeben, so sehr wir auch dieser Auffassung, da sie dem Wesen der Historie gerecht zu werden, vielleicht zu gerecht zu werden trachtet, geneigt und offen gegenüber stehen, glauben wir doch, daß man in Prinzipielle Schwierigkeiten gerät - die hinsichtlich des Relativismus, zu dem diese Auffassung führ, denen des puren Historismus gleich sein. Man darf in diesem Fall die unbezweifelbare  Tatsache daß sich in der Geschichte alles ändert,  nicht in die postulative Sphäre der Geltung hineintragen, - man gräbt die Grube unter seinen eigenen Behauptungen. Es mag sein, daß in gewissen Zeiten so manche zeitlose Wahrheiten noch nicht oder nicht mehr sichtbar sind; die Wahrheiten selbst aber können nicht entstehen und vergehen. Es mag sein, daß man nicht immer Wahrheiten suchen wird, daß man nicht immer Erkenntnistheorie getrieben hat und treiben wird (und so manches, was uns heute als solche erscheint, einmal etwas anderes war), aber sofern man sie betreibt, sind mit ihr gewisse Setzungen apriorisch verbunden. Es ist eine Eigentümlichkeit der Sphären, der theoretischen wie auch der atheoretischen, daß innerhalb ihrer eine Gebundenheit herrscht; aber wir sind darin frei, ob wir uns in sie hineinstellen wollen oder nicht. Wir müssen nicht denken, Kunst treiben usw., aber sofern wir es tun, sind wir gebunden entsprechend der Struktur der betreffenden Gebiete. - - - Das Vorliegende ist ein Versuch, vom Boden einer  statischen Logik  dem geschichtlichen Prozeß gerecht zu werden; - ein solcher Versuch muß seiner Struktur gemäß stets zu einer Typologie führen. Wenn auch von einem Besseren geleistet oder in einem anderen Zeitalter unternommen, die Strukturanalyse anders ausfallen sollte, so gilt auch für diese Versuch wie für jedes theoretische Gebilde, daß nur  eine  Lösung richtig sein kann. Sofern diese Arbeit noch nicht die letztzin richtigen Kategorien gefunden hat, wird gerade damit, daß sie als irrig erkannt werden, die Möglichkeit der Aufgabe zugegeben.
    12) Auf diesen Typus der Erkenntnistheorie - der historisch noch gar nicht realisiert ist - kommen wir in unserer Strukturanalyse zu sprechen. Sie wäre eine Erkenntnistheorie, die die Strukturanalyse als eine besondere Art der Logik zu ihrer Hilfswissenschaft machen würde. (vgl. Anmerkung 6 unten)