ra-3von RümelinLe BonB. ErdmannW. LexisA. QueteletA. Wagner    
 
KARL KNIES
Die Statistik
als selbständige Wissenschaft


"Schon der für die Statistik so begeisterte  Lüder  gerieht mit der Zeit wegen der allgemeinen Konfusion in dieser Wissenschaft in Verzweiflung und erklärte sie nach jahrelangen Mühen und Arbeiten für ein Traumgebilde, für eine  vermeintliche  Wissenschaft wie die Astrologie, ohne Inhalt, ohne Wirklichkeit, ohne Wahrheit und setzte sich geradezu die Vernichtung der Statistik als eine preiswürdige Aufgabe."

"Nicht der staatliche und staatsrechtliche Organismus nur das  bürgerliche  Treiben und Tun, nicht die politischen und geistigen Interessen, nur die  materiellen  Lebenselemente gaben für sie den statistischen Stoff her. Mit Heftigkeit erhob sich die alte Schule; in den erbittertsten Ausdrücken, oft mit trivialen Schimpfworten zog  Heeren  mit seinen Genossen  Rehberg, Brandes  u. a. gegen die Zahlenmänner, die Darsteller der materiellen Dinge zu Felde; alles schien ihnen verloren, wenn diese Platz greifen würden."


Vorrede

Der Verfasser dieser Schrift kann es sich nicht verhehlen, daß er mit seiner Arbeit schwerlich beim größeren Teil der deutschen Statistiker in der nächsten Zeit Anklang finden wird, denn der Versuch einer Revision der Wissenschaft, zu der er sich nach längeren Studien über die Theorie der Statistik veranlaßt sah, hat ihn zu Resultaten geführt, welche mit den jetzt in Deutschland zumindest auf dem Katheder herrschenden Ansichten stark kontrastieren. Möchte doch nur der negierende Teil dieser Arbeit zur vollen Anerkennung gelangen und die Überzeugung verbreitet werden, daß bei der Aufrechterhaltung der  jetzt herrschenden  Meinungen über das Wesen und die Aufgabe der Statistik für dieselbe keineswegs der Charakter einer Wissenschaft im strengeren Sinne des Wortes und noch viel weniger der einer selbständigen Wissenschaft in Anspruch genommen werden kann.

Die Aufgabe, welche hier gelöst werden mußte, bringt den polemischen Charakter dieser Schrift im Allgemeinen und insbesondere gegen die Schrift FALLATIs  in Tübingen und die ihm beipflichtenden Statistiker  mit sich. In der Wissenschaft steht sich Wahrheit und Irrtum scharf getrennt gegenüber und in der wissenschaftlichen Diskussion sollten die Formen der gesellschaftlichen Konversation, das "dürfte, könnte, möchte wohl" keinen Platz finden, da sie der Sache nur schaden können, so bedeutungslos sie im Grunde genommen sind. Der Verfasser hat überall das, was ihm als Irrtum erschien, auch bei den hervorragendsten Statistikern der Gegenwart geradeaus als solchen bezeichnet, er hat darüber keinen Augenblick die Anerkennung vergessen, sie man ihren Leistungen im Allgemeinen zu zollen hat. Nicht eine zusammenhängende, alle statistischen Arbeiten von einiger Bedeutung umfassende Geschichte sollte vorgeführt werden. Es schien vollständig zu genügen, das  Charakteristische  herauszuheben,  Vertreter einzelner Richtungen  zu nennen, ihre zum großen Teil schon bekannten Aussprüche hinzustellen, um sie der kritischen Prüfung zu unterwerfen und als Ausgangspunkte für die weitere Argumentation zu benutzen. Der Verfasser erwartet deshalb nicht den Vorwurf, daß dieser oder jener Statistiker nicht genannt wird; im Nennen der einzelnen Statistiker hat er keine Vollständigkeit erstrebt. Eine allgemeine Bekanntschaft zumindest mit der geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft und den bedeutendsten Leistungen in derselben wird vorausgesetzt, was umso weniger von schädlichem Einfluß sein kann, da dem Mangel derselben leicht durch die Lektüre eines der allgemein bekannten statistischen Werke, welche fast alle einen geschichtlichen Überblick enthalten, abgeholfen werden kann. Unerheblichere Dinge sind schon in der geschichtlichen Vorführung einem kurzen kritischen Urteil unterzogen worden, während sich umgekehrt für die eigentliche kritische Beurteilung in einem späteren Abschnitt die supplementarische Heranziehung geschichtlicher Data als notwendig erwies.

Es wird dem Verfasser genügen, wenn die Notwendigkeit einer Arbeit anerkannt wird, wie er sie versuchte. Möge sie ein Besserer unternehmen, wenn die  Resultate  dieses Versuches nicht befriedigen sollten. Über die Wichtigkeit der Aufgabe wird niemand im Zweifel sein, es sei denn, daß er zu denjenigen gehört, welche wähnen, auch die geringste praktische Detailarbeit fördere mehr als die allerdings weit anstrengenderen Arbeiten über den allgemeinen Charakter der Wissenschaft, mag da auch noch alles im Argen liegen.


Die Teilung der Arbeit ist für die Ausdehnung und Verbesserung nicht bloß der materiellen Produktion als unerläßlich erkannt worden; auch für die Erträge der wissenschaftlichen Anstrengungen hat sie sich in der neueren Zeit mit solchen Erfolgen und Nachwirkungen eingestellt, daß der Einzelne nur durch eine Konzentrierung seiner Arbeitskräfte auf ein kleineres Gebiet bedeutsamen Nutzen für die auf unzähligen Punkten zu gleicher Zeit geförderte Wissenschaft schaffen kann. In einem inneren Zusammenhang damit steht, daß die vielumfassenden Wissenschaften der früheren Zeit allmählich in mehrere selbständige Disziplinen auseinandergelegt worden sind, bald auf die eine Weise, daß die einzelnen die frühere Zusammengehörigkeit in einer fortdauernden Verwandtschaft einigermaßen aufrecht erhalten, bald aber auch so, daß die Fixierung des Begriffs und der Methode der verselbständigten Teile fast jede Erinnerung an die einstmalige Verbindung beseitigt hat.

Auch die sogenannten Staatswissenschaften zeigen in ihrer Geschichte die nämliche Entwicklung, doch tritt sie bei ihnen verhältnismäßig spät ein und ist zur Stunde keineswegs als abgeschlossen zu betrachten. Um das zu erkennen bedarf es nur eines Blickes auf die bereits in der Gegenwart errungenen Ergebnisse und etwa auf das, wenn auch oft genung unklare, Drängen und Schaffen der Kräfte, welche die Nationalökonomie oder die Volkswirtschaftspolitik vergeblich in ihren Kreis zu bannen sucht. Und doch hat die lange Abschließung vor dem Markt des Lebens gerade den staatswissenschaftlichen Disziplinen bisher eine Menge an Kräften entzogen, deren Verlust die verhältnismäßig weit größeren Erfolge anderer, allgemeiner zugänglicher Wissenschaften als bedeutsam genug erscheinen lassen.

Die staatswissenschaftliche Disziplin, welche mit dem Namen  Statistik  belegt wird, zeigt zur Stunde vorzugsweise die Merkmale, welche darauf hinweisen, daß diese Wissenschaft noch in der Entwicklung zu einer bestimmten Konsolidierung und Fixierung begriffen ist. Mag man auf den Umfang und die Eigentümlichkeit des ihr zugewiesenen Gebietes oder auf die für sie geltend gemachte Methode oder auf die von ihr verlangten Resultate blicken - überall gewahrt man, daß unter dem selben Namen ganz verschiedene, voneinander gewiß zu scheidende Leistungen auftreten. Und doch ist gerade der Statistik eine im Vergleich mit anderen Zweigen der Staatswissenschaft verhältnismäßig große Menge an Kräften schon seit geraumer Zeit zugewendet gewesen. Fast alle übrigen Wissenschaften sind - eine seltene Erscheinung - mit gutem Grund von ausnehmenden Wichtigkeit der Statistik überzeugt; alle politischen und sozialen Parteien pflegen sie bald wie ein neutrales Gebiet, bald als die trefflichste Rüstkammer für die Kämpfe der Gegenwart und Zukunft. Zahllos und von den größten Erfolgen begleitet sind auf diesem Feld die Arbeiten der Privaten hier als Ergebnisse einer sporadischen Tätigkeit, dort durch größere oder kleinere Vereine ins Leben gerufen. Fast noch tätiger sind in der neuesten Zeit die Regierungen gewesen. Wie bedeutend ist der Umschwung seit dem vorigen Jahrhundert, wo kaum in England durch die Kommissionsberichte im Parlament und die Rechenschaftsablegungen der Minister ein partieller Einblick in die auf offiziellem Weg gewonnenen statistischen Data eines Landes möglich war und heutzutage, wo seit einer Reihe von Jahren fast alle Regierungen mit großem Kostenaufwand umfassende statistische Arbeiten veröffentlichen. Dieser Umschwung ist umso bedeutsamer, da es nicht bloß weite Gebiete der Statistik gibt, über welche kein Privatmann und kein Privatverein so genügende Aufschlüsse geben kann, wie die Staatsgewalt durch die ihr zu Gebote stehenden umfassenden Mittel, sondern auch deshalb weil sich häufig genug bei der letzteren ein leicht erklärliches, starkes Widerstreben gegen solche Veröffentlichungen geltend machen konnte. (1) Denn das ließ sich leicht absehen, daß die so geförderte Statistik die Vertreterin der ganzen Wahrheit der Dinge, ein vollgültiger Zeuge war, welche die realiste Wirklichkeit der Verhältnisse schonungslos an den Tag legte, "welcher die wahre große Berechnung des Staates bot, seine Geschichte ohne Phrase, seinen Bildungsmesser ohne Gunst und Haß" (2). Nur vereinzelt aber haben sich Angriffe gegen die Wahrhaftigkeit dieser offiziellen Veröffentlichungen eingestellt, fast allseitig hat man nicht gegen sie, sondern aus ihnen heraus argumentiert und wenn unter der Regierung LOUIS PHILIPPs die Opposition in der französischen Kammer auch die offizielle Statistik öfter zum Gegenstand ihrer Angriffe machte - wovon z. B. in England kaum ein Beispiel existiert, - so lagen die Gründe dafür weniger in der Sache selbst als in der für die beabsichtigten Zwecke gar nicht geforderten und unverständigen Form der Veröffentlichung der offiziellen statistischen Arbeiten (3).

Es ist auffallend genug, daß sich bei dieser allseitigen Teilnahme und regsamen Tätigkeit für Statistik und statistische Arbeiten die wissenschaftlichen Vertreter der Statistik noch zur Stunde in Zwiespalt oder entschiedenem Gegensatz über das Wesen und den Begriff der Statistik, wie über ihre Aufgabe befinden. Nicht als ob es an Theorien der Statistik, an Versuchen die hierher gehörigen Begriffs- und Grenzbestimmungen aufzustellen zu irgendeiner Zeit gefehlt habe. Aber es hat die Verschiedenheit der Resultate zu welchen man gelangte und war sie auch noch so groß nicht zu einer befriedigenden Auseinandersetzung, sondern nur zur Fortdauer des Zankes und Haders über das strittige Gebiet geführt, von dem man mit den verschiedenartigsten Eigentumstiteln Besitz ergreifen wollte; oder auch wohl zur unüberlegten oder bewußten Auseinanderrückung der Grenzsteine in einem solchen Maß, daß die scheinbar unversöhnlichsten Gegner nebeneinander Platz nehmen konnten. Schon der für die Statistik so begeisterte LÜDER gerieht mit der Zeit wegen der allgemeinen Konfusion in dieser Wissenschaft in Verzweiflung und erklärte sie nach jahrelangen Mühen und Arbeiten für ein Traumgebilde, für eine vermeintliche Wissenschaft wie die Astrologie, ohne Inhalt, ohne Wirklichkeit, ohne Wahrheit und setzte sich geradezu die Vernichtung der Statistik als eine preiswürdige Aufgabe. (4) Unbeirrt durch ihn versuchten jedoch viele Andere, zumeist Männer aus den vier Nationen, welche als die hauptsächlichsten Träger der heutigen europäischen Kultur anzusehen sind - Deutsche, Franzosen, Engländer und Italiener - durch die Aufstellung einer Theorie der Statistik festen Boden, bestimmte Grenzen und auch wohl eine eigentümliche Methode für diese Wissenschaft zu gewinnen (5). Aber nicht von fern kann man behaupten, daß dadurch ein einigermaßen befriedigender Abschluß in der Gegenwart erlangt worden wäre. Nicht einmal diejenigen, welche auf der seit ACHENWALL und SCHLÖZER zumal in Deutschland viel betretenen Bahn fortwandeln, können trotzdem, daß sie letzteres häufig fast ohne alle Kritik tun, zu befriedigender Übereinstimmung gelangen. Wie scharf aber treten diesen und sich selbst untereinander diejenigen gegenüber, welche im Namen der Statistik die ACHENWALL-SCHLÖZERsche Schule und deren Doktrin ganz verwerfen! Eine solche Oszillation der Definitionen ist heutzutage in keiner seit längerer Zeit gepflegten Wissenschaft vorhanden, ja man kann gar nicht mehr von Oszillation reden, da sich oft gar kein Mittelpunkt zwischen den extremen Grenzpunkten auffinden läßt. Blicken wir nur beispielsweise auf einige Arbeiten bloß aus diesem fünften Jahrzehnt unseres Jahrhunderts. Mit neuer Argumentation begründet der Franzose DUFAU (Traité de statistique, Paris 1840) seinen Versuch über die Statistik als eine:  Théorie de l'étude des lois d'aprés lesquelles se dévelopment les faits sociaux. [Theorie der Untersuchung der Gesetze nach der sozialen Entwicklung der Tatsachen - wp]. FALLATI dagegen ("Einleitung in die Wissenschaft der Statistik", Tübingen 1843) bleibt im Allgemeinen bei einem verhältnismäßig mehr traditionellen Begriff. Nach ihm - Seite 28 - hat die Statistik der Menschheit (als die weiteste Form der Statistik)  "je den Zustand einer Zeit oder den Zustand einer Zeit oder den Zustand aufeinander folgender Zeiten insofern zum Gegenstand, als er in demselben unverändert bleibt."  BLUM zu DORPAT exponiert 1844 (vgl. KASIMIR KRZYWICKI, Die Aufgabe der Statistik, Dorpat 1844, Seite 47):
    "Die Erdkunde und die Geschichte bieten eine natürliche Beziehung zueinander, von welcher, wenn wir eine jede für sich betrachten, nur klar zutage liegt,  daß,  nicht  inwiefern  sie besteht. Dieses  inwiefern  zu untersuchen und darzustellen ist die Aufgabe einer dritten Disziplin. Hier hätten wir also eine Wissenschaft, die man wohl unter dem Namen der Statistik begreifen könnte. Demnach wäre es das Geschäft der Statistik, die Beziehungen zu entwickeln, welche zwischen dem Festen der Erde und dem Veränderlichen der Völker stattfinden."
ALEXANDER MOREAU de JONNÉS aber sagt ("Elèméns de statistique", Paris 1847, Seite 1:  La statistique est la science des faits sociaux exprimés par de termes numèriques. [Statistik ist die Wissenschaft der sozialen Tatsachen in Zahlen ausgedrückt. - wp]

Man sieht, daß es sich hier um ganz verschiedene Dinge handelt; daß mit dem Namen der  Statistik  mehrere Wissenschaften bezeichnet werden, über deren Grenzlinien nicht bloß, wie etwa über die der Chemie und Physik die abschließenden Bestimmungen und Schwierigkeiten verursachen könnten, sondern die sich einander ganz fremd sind. Und das sind in diesen wenigen Jahren nicht die Bestimmungen von Neulingen mit emportauchenden, überkühnen Versuchen, sondern von Veteranen und Koryphäen der statistischen Wissenschaft, welche die geschichtlichen Traditionen, die Ergebnisse der Theorie sattsam kennen. Was hilft es hier, wo Definitionen von solcher Verschiedenheit hervortreten, daß, wie BUTTE (6) sagt, die Erscheinung der Definition einer Wissenschaft das untrügliche Merkmal ihres Eintritts in das äußere Leben ist. Im Hinblick auf die Arbeiten unserer Zeit erscheint es fast umgekehrt, daß das Leben fortwährend für eine Wissenschaft der Statistik tätig ist, während man sich über ihren Begriff nicht verständigt hat. Nur das ist in der allgemeinen Verwirrung und durch sie als sicher und gewiß anzusehen, daß die Theorie der Statistik wie die Förderung der statistischen Arbeiten vor allem
    eine förmliche Trennung des Fremdartigen, eine erklärte Scheidung des Zusammenhanglosen unabweisbar verlangt, daß die Zeit gekommen ist, wo die Vieles oder vielmehr Alles umfassende Disziplin der Statistik in ein ihr als einer selbständigen Wissenschaft eigentümliches Gebiet zurückgeführt, eine Verselbständigung der mit ihrem weitschichtigen Namen zusammengefaßten nicht zusammengehörigen Teil und sogenannte Arten bewerkstelligt und anerkannt werden muß.
FALLATI hat zwar in der angeführten Schrift den Versuch gemacht "statistische" Theorien und Arbeiten der verschiedensten Art mit einem für alle gemeinschaftlichen Kreisringe zu umziehen. Es läßt aber die nähere Betrachtung der einzelnen zusammengestellten Leistungen keinen Zweifel übrig, daß sich diese Zusammenlegung ganz diverser Disziplinen keiner dauernden Anerkennung zu erfreuen haben wird, und daß das Geschäft einer Dismembration [Auflösung - wp] erforderlich ist, wenn für die Statistik der Charakter einer selbständigen, wirklichen Wissenschaft gewonnen werden soll, statt eines Zusammenwerfens mit Zwangsverfahren, welches die Unbestimmtheit der früheren Zeit in der Gegenwart und in die Zukunft hinein fortschleppt.

Es ergibt sich für die vorliegende Arbeit bei der ersten Erwägung eine ganz natürliche Einteilung:

Es wird
    I. Aus der Geschichte der Statistik die Verschiedenheit und der Gegensatz der Ansichten über die wesentlichsten Punkte der Statistik, über die Lebensfragen einer jeden selbständigen Wissenschaft hervorzuheben sein. - Daran reiht sich

    II. eine kritische Betrachtung der für unsere Frage wesentlichen Bestimmungen und

    III. werden die Resultate, welche sich aus dieser Arbeit und dem heutigen Stand der Wissenschaft ergeben, hinzustellen sein.



I. Geschichtliches

Die im Eingang erwähnten schroffen Differenzen über die Begriffsbestimmung der  Statistik  sind keineswegs die ersten, welche sich geltend gemacht haben. Solange eine Wissenschaft der Statistik vorhanden und von mehreren Seiten her erarbeitet worden ist, können wir den gänzlichen Mangel an Übereinstimmung über die wichtigsten Fragen nachweisen. Es ist das nicht zufällig so geschehen.

Die Worte  Statista, statisticus  kommen schon gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts in einer Bedeutung vor, daß sie mit dem Begriff "Staat" in Verbindung stehen. Im 18. Jahrhundert werden mit einem ähnlichen Gebrauch des Wortes "collegia statistica" gelesen und dann wird von ACHENWALL gegen die Mitte des Jahrhunders geradezu  Statistik  in der Bedeutung von  Staats kunde gebraucht (7). Bald drang das neue Wort und die alte "Wissenschaft" in alle Länder Europas ein. Es war aber keine "kleinliche Pedanterie", wenn SCHLÖZER, ACHENWALLs Schüler, es "am Vater der Statistik" tadelte, "daß er seinem wohlgestalteten Kind einen unförmlichen Namen gegeben habt", statt das charakteristische deutsche Wort  Staatskunde  zu gebrauchen (8). Denn die Etymologie führte durch das lateinische  status  auf:  Zustand,  durch die romanischen Umbildungen und Bedeutungen dieses Wortes auf:  Staat,  so daß  Statistik  Wissenschaft, Kunde des Staats bedeuten konnte oder Kunde des Zustandes und des Zuständlichen, wozu dann eine nähere Bestimmung zu ergänzen war. Diese Unsicherheit wurde durch den Vergleich der deutschen  Statistiken  noch größer, denn sie litten an einem Mangel aller klaren Entscheidung über diesen Punkt. Durch die  doppelte  Bedeutung des etymologischen Grundwortes war zugleich eine  Verbindung  der beiden Bedeutungen nahe gelegt, wozu man bald schritt, um die Statistik als die Wissenschaft vom (gegenwärtigen) Zustand des Staates oder des Zuständlichen im Staat zu konstituieren (9). Nach diesen verschiedenen Seiten hin gehen zunächst unter Anknüpfung an die von ACHENWALL gegebene Anregung die statistischen Arbeiten und Theorien, wenn auch öfter unter vorwiegender oder alleiniger Beziehung auf das Staatsleben auseinander, nicht bloß in der Verfolgung ihres historischen Ursprungs. SCHLÖZER und Mancher nach ihm hielt fest an ACHENWALL als dem Vater der Statistik, "der eine dem Namen wie der Sache nach ganz neue Wissenschaft" geschaffen hatte. Viele Andere aber fanden bei Griechen und Römern schon fruchtbare und vortreffliche Statistiker und als ACHENWALLs Verdienst etwa nur "das neue Wort" oder höchstens eine "Erneuerung der Wissenschaft", wie er denn auch selbst das Verdienst die Statistik auf den akademischen Lehrstuhl gebracht zu haben dem "unsterblichen CONRING" zuweist (10). Der Streit beschränkte sich aber keineswegs auf diese an die Etymologie sich anknüpfenden Punkte, er dehnte sich bald über alles aus, was als wesentliche Bedingung einer neu konstituierten Wissenschaft in Frage kommen kann. Zum Streit der Individuen gesellte sich die aus nationalen Bedingungen erwachsende verschiedene Auffassung der Statistik zwischen den einzelnen Völkern, die sich früh gegenseitig die Unwissenheit über das, was Statistik sein soll, vorwerfen. Schon SCHLÖZER hatte die Angriffe von Franzosen und Engländern auf die Deutschen in seiner Theorie der Statistik zu bekämpfen und ganz verschwunden sind zu keiner Zeit diese  nationalen  Verschiedenheiten in der Auffassung und Behandlung der Statistik namentlich zwischen den erwähnten vier Völkern. Jedenfalls wurde dadurch die Verwirrung und Divergenz über die "notio specifica" der Statistik immer verbreiteter und so schrankenlos, daß eine allgemeine Paßfreiheit zur Jagd auf die Konstituierung der Statistik eingetreten schien. Aus den fernsten Regionen holte man sich die Gegenstände für die neue Wissenschaft.

Die Gegensätze, zu welchen die Ausbildung der Theorie der Statistik geführt hat, sind in gleicher Stärke und Schroffheit über alle Punkte vorhanden, in denen sich der spezifische Charakter einer selbständigen Wissenschaft darstellen kann, nämlich
    1. über das Objekt der Statistik und den Umfang des ihr zugewiesenen Gebietes und zwar ebensowohl in Bezug auf die räumliche wie auf die zeitliche Ausdehnung;

    2. über die Aufgabe und Zwecke die sie sich setzen, die Resultate die sie vermitteln soll;

    3. über die für sie gültige und geziemende Methode.
Eine kurze Vorführung der über diese drei wesentlichen Punkte auseinander gehenden Ansichten und Bestimmungen erscheint vor allem erforderlich.


1.

SCHLÖZER sagte wohl nicht mit Unrecht, daß ACHENWALL 1749 "zuerst einen Anfang gemacht hat, der - zerstreuten, stückweise schon vorhandenen - Materie der Statistik eine wissenschaftliche Form zu geben und eine Menge von heterogenen, aber zum gegebenen Zweck unentbehrlichen Daten unter einem Gesichtspunkt zu vereinen"; zugleich aber erkannte er an, daß jene Materie der Statistik schon existiert hat, "seitdem es Regierungen, Geschichte und Reisebeschreibungen gibt." Auch konnte man nicht sagen, daß die besondere Darstellung dieser "zerstreuten" Materie erst 1749 begonnen hat. ACHENWALL selbst hatte nicht anders wie mancher ältere Zeitgenosse  vor  ihm schon 1746 ein  collegium statisticum  gelesen, er selbst stellt sich bescheiden an das Ende einer Reihe von Statistikern, nicht an ihre Spitze (11). Daß er "eine wissenschaftliche Form" durch eine Art von Kritik versuchte, bestimmt auf eine besondere Wissenschaft der "Statistik" im Kreis der übrigen hinwies, sie wie auch CONRING als solche den akademischen Lehrervorträgen speziell vindizierte und für eine günstige Aufnahme beim größeren Publikum mit Erfolg wirkte dieses und nicht die Auffindung einer neuen Materie begründete seinen Ruf (12). Geordneter und durch die Anregung CONRINGs in beständigem Hinblick auf den Staatsorganismus führte er in der "Statistik" das vor, was die vielen alten und neuen Bücher  de statu - oder  notitia rerum publicarum, the present state, the political geography, état présent, tableau politique  usw. auch behandelt hatten, einen Stoff, dem man etwa die Aufschrift geben konnte: über das öffentliche Leben und die Staatsverfassung dieser und jener Völker nebst einer großen Menge von nützlichen Bemerkungen und Mitteilungen, die "jeder  privatus,  der kein Idiot sein will", besonder aber ein Staatsmann wissen sollte." Mit den vorhandenen Werken setzt sich ACHENWALL nur deshalb in Opposition, weil "wir  1)  den gegenwärtigen nicht den ehemaligen Staat kennen lernen,  2)  weil wir glaubwürdige und zuverlässige nicht falsche und ungewisse Nachrichten suchen wollen". (13) Man sieht, er will nur recht kritisch verfahren; auch die früheren Autoren hatten ja den für sie gegenwärtigen Staat kennenlernen wollen. Auf den ersten Blick gewahrt man übrigens, wie unsicher ACHENWALL noch selbst hinsichtlich des Stoffes herumtastet. Nachdem er den ersten Entwurf zu einer "Einleitung in die gegenwärtige Staatsverfassung der heutigen vornehmsten Europäischen Reiche" in Marburg gezeichnet hatte (14), machte er bald nach seiner Ankunft in Göttingen 1748 den allgemeinen Begriff der Statistik in einer öffentlichen Anzeige bekannt, welche eine  Vorbereitung  zur Staatswissenschaft der Europäischen Reiche betitelt wurde und "worin die Hauptteile, welche zur vollständigen Kenntnis der Verfassung eines Reichs gehören, nebst deren Ordnung und Zusammenhang mit Einmischung einiger politischer Anmerkungen" enthalten waren. Nach dieser Vorbereitung, welche statt einer Tabelle dienen konnte, um die Hauptartikel der Staatsverfassung eines jeglichen Reiches umso leichter zu überblicken, arbeitete er dann seinen "Abriß der Staatswissenschaft der Europäischen Reiche", Göttingen 1749 aus. Nachdem er sich überflüssigen Stoff zur Verbesserung seines Abrisses verschafft hatte, hielt er dafür, daß für die zweite Ausgabe 1752 der Titel "Staatsverfassung der Europäischen Reiche" besser angemessen ist, als die frühere Aufschrift. Zur Fassung der Statistik gehört eine wohldigerierte [gut verdaute - wp] Philosophie, eine geläufige Kenntnis der Europäischen Staats- wie auch der Naturgeschichte, nebst einer Menge von Begriffen und Grundsätzen fast aller Teile der Rechtsgelehrtheit. Die Auffindung vieles Neuen, sowie die vielen Veränderungen, welche die Zeit selbst schafft, die in allen zufälligen Dingen beständig etwas abändert, veranlaßte ihn zu der fünften, der letzten von ihm selbst besorgten Ausgabe. In dieser scheidet er die Staatswissenschaft (den früheren Titel) oder die philosophische Staatslehre, welche das allgemeine Staatsrecht und die Staatsklugheit unter sich begreift, von der Statistik oder Staatsbeschreibung (historische Staatskunde), welche zu ihrem Gegenstand hat: die Darstellung der Staatsverfassung eines oder mehrerer Staaten, d. h. den Inbegriff der wirklichen Staatsmerkwürdigkeiten, die Sachen, die die Wohlfahrt des Staates in einem merklichen Grad angehen, entweder, daß sie solche hindern oder befördern. Durch die Statistik erlernt man Kenntnis von Staaten und ihren Verfassungen, indem man aus den einen Staatskörper betreffenden Sachen fleißig herauszusuchen und dessen Ursache sorgfältig aufzuspüren sucht, was die Vorzüge oder Mängel eines Landes anzeigt, die Stärke oder Schwäche eines Staates darstellt, den Glanz einer Krone verherrlicht oder verdunkelt, den Untertan reich oder arm, vergnügt oder mißvergnügt, die Regierung beliebt oder verhaßt, das Ansehen der Majestät in- und außerhalb des Reiches mehr oder weniger furchtbar macht; was einen Staat in die Höhe bringt, den anderen erschüttert, den dritten zugrunde richtet; dem einen die Dauer, dem andern den Umsturz prophezeit; kurz alles, was zur gründlichen Einsicht eines Staates etwas beitragen kann." (15) Dieses "kurz Alles" wird dann durch die ACHENWALLschen Rubriken bekräftigt. Auf den "vorläufigen Teil, die Geschichte der Staatsveränderungen" folgt die Statistik selbst: Land, Stammsitz, Nebenländer, Einwohner überhaupt, als Menschen nach ihrer Anzahl und ihrem Charakter in Körper und Gemüt, wie insbesondere als Bürger: Grundverfassung und Staatsrecht, Grundgesetze, rechtliche Verbindung, Rechte des Landesherrn und der Reichsstände, Regierungsverfassung, Würde eines Reiches, Besitztitel des Fürsten, Wappen, Hofstaat, Zeremonial und Ritterorden, Landesregierung, höchstes Kollegium, Kirchenwesen, Gelehrsamkeit, Justizwesen, Manufakturen, Handel, Finanzen, Reichseinkünfte, deren Erhebung und Verausgabung, Kriegswesen, Land- und Seemacht. Dazu der Schlußteil "inneres und äußeres Staatsinteresse" (16).

Absichtlich haben wir etwas länger beim Vater der Statistik verweilt; er ist ja auch das  hinc [hier - wp] für die  Lacrymae [Tränen - wp]. Keine große Schwierigkeit wird es verursachen, unter eine der obigen Rubriken jede Bemerkung und jede Tatsache, welcher Art sie auch sein möge, zu bringen.

War aber vielleicht bloß die Ausführung schrankenlos geworden, während das gesteckte Ziel feste Grenzen darbot? ACHENWALL war doch selbst erst durch eine abweisende Kritik des in buntem Wirrwarr planlos alles "Bemerkenswerte" vorbringenden Geschreibsels zu seiner Definition des Objektes der neuen Wissenschaft gekommen, die das wirklich merkwürdige in den gegenwärtigen Zuständen der Staaten vorführen sollte. Daß jedoch auch durch die in der Definition formulierte Aufgabe der neuen Wissenschaft ein ganz schlüpfriger Boden gegeben war, bemerkten bald die auf ACHENWALL folgenden Statistiker, seine eigene Schule. Über jedes Wort kam es zu Streit und Modifikationen.

Wie schwierig war schon die Bestimmung dessen, was  wirklich merkwürdig  ist. So Vieles hängt dafür, wie auf dem Feld der Geschichte von der individuellen Anschauung, vom Maß der Erkenntnis in den Organismus des Staates, von den Kombinationen ab, die das in die Erscheinung tretende öffentliche Leben mehr oder weniger deutlich an die Oberfläche hinauftreibt und der Betrachtung bloß legt. Schon SCHLÖZER fand es ratsam auch von Merkwürdigkeiten zu reden, deren Einfluß "heimlich und versteckt" ist und als "wichtige praktische Regel aufzustellen, daß Vieles Staatsmerkwürdigkeit sei, was der große Haufen nicht dafür hält, wie die Summe der Schweine in einem Land, der Anfang des Kaffeetrinkens auf den Dörfern und Vieles keine Staatsmerkwürdigkeit ist, was der große Haufen dafür hält oder Statistiker in der Kindheit ihrer Wissenschaft dafür halten mußten, z. B. sehr oft die Ritterorden, Wappen" usw.; eine Bemerkung, welche wir eben sahen, den Vater der Statistik selbst trifft (17). Daß mit dem von ACHENWALL und SCHLÖZER verlangten "wirklich Merkwürdigen" eine freilich vage Bestimmung hinsichtlich der zu schildernden Staatszustände gegeben war, brachte die Statistiker in ein Dilemma, aus dem man sich nach den beiden zunächst sich darbietenden Seiten hin zu helfen suchte: man hob die, wenn auch fast schrankenlose Bestimmung gänzlich auf oder man setzte engere festere Grenzen für die Arbeit des Statistikers. Ein anderer Ausweg bot sich dadurch, daß man das im Sinne ACHENWALLs als Staatsmerkwürdigkeit Vorzuführende näher zu bezeichnen suchte, um schon auf dem Titelblatt die Definition des wirklich Merkwürdigen hinzustellen; manchmal so, daß man sich neben einer gesetzten Einschränkung eine Hintertür für das nützliche Allerlei offen hielt. Den erstgenannten Ausweg für die Bestimmung des Objektes der Statistik schlug z. B. SPRENGEL (18) ein ("Grundriß der Staatenkunde", 1792: Statistik ist die historische Wissenschaft, welche den gegenwärtigen oder vormaligen  Zustand eines Volkes  vollständig und zuverlässig schildert), weiterhin LÜDER ("Einleitung in die Staatenkunde", 1792: die Statistik schildert den  Zustand eines Staates,  wie er gegenwärtig ist oder in einem gewissen Zeitpunkt war); GOESS ("De statist. aetate et utilitate", 1806: ars historica, quae in statu praesente rerum publicarum versatur [Geschichtskunst, die sich um den gegenwärtigen Zustand der Öffentlichkeit sorgt - wp]; MONE ("Theorie der Statistik", Heidelberg 1824: Statistik ist die Darstellung der  Staatsgegenwart)  usw. Andere suchten, wie erwähnt, dadurch einen festeren Anhaltspunkt, daß sie statt der Merkwürdigkeiten etwa die Darstellung der  Kräfte  oder  Grundkräfte  eines Staates, wie z. B. MANNERT ("Statistik der europäischen und deutschen Staaten", Bamberg und Würzburg 1803), FISCHER ("Grundriß der Statistik als Wissenschaft", Elberfeld 1823); KRAUS ("Vermischte Schriften", Bd. IV, Seite 253) oder seiner "Politischen Verfassung" verlangten, wie RÖMER ("Lehrbuch der Staatskunde der vornehmsten Europäischen Staaten", Braunschweig 1786). Der kluge MEUSEL ("Lehrbuch der Statistik", 1792, vierte Auflage 1817) verlangt von der Statistik: die wissenschaftlich geordnete Darstellung von der  Beschaffenheit und politischen Verfassung  der Staaten. Auf andere Statistiker, deren Leistungen als Belege für die obige Bemerkung dienen können, werden wir noch gelegentlich zurückkommen.

Nicht bloß über das  "wirklich Merkwürdige"  gingen die Ansichten in der besagten Weise auseinander, so daß wir diesen Begriff bald durch eine Spezialisierung wesentlich verändert, bald ganz unter den Händen der Statistiker verschwinden sehen, selbst über den eigentlichen Zentralpunkt und das Grundwort der Definition des statistischen Objekts, über den  Staat,  blieb, was man doch vor Allem hätte erwarten sollen, keine Übereinstimmung, ja gerade hierüber kam es zu einem weit härteren Streit und schärferen Gegensätzen. Darüber dürfen wir uns jedoch am wenigsten wundern. Man kann es wohl trotz allen weitschichtigeren Bestimmungen als den Grundgedanken der  collegia statistica  und der ACHENWALLschen neuen Wissenschaft der Statistik ansehen, daß sie hauptsächlich eine Darstellung der gegenwärtigen politischen Verfassung, des durch die Grundgesetze und gesetzlichen Normen aufgeführten äußeren Gerüstes der Staaten in der gegenwärtigen Zeit geben wollten. Darin erkannte man eben hauptsächlich das Merkwürdige. Denn es ist im Gegensatz zur neuesten Zeit der ganzen früheren eigentümlich, daß bei aller Kenntnisnahme und Darstellung des Lebens vorwiegendes oder auch alleiniges Gewicht auf das Politische, das Reinstaatliche gelegt wird. Wie die früheren geschichtlichen Darstellungen meist eine sogenannte politische Geschichte enthielten, so okkupierte auch die Statistik zunächst die Darstellung der  staatlichen  Zustände. Man muß sich hinsichtlich des "Staates" in die Anschauung jener früheren Zeit zurückversetzen und mit dieser nicht den Begriff desselben verwechseln, wie er sich hauptsächlich durch die Einwirkung der neuesten Philosophie bei unseren Zeitgenossen verbreitet hat. Je mehr nun durch die geschichtliche Entwicklung der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und namentlich infolge der ersten französischen Revolution der Gesichtskreis über das für das bürgerliche und staatliche Leben Wichtige erweitert wurde und namentlich in der gewaltigen Bewegung der Geister eine Masse von Ideen aus dem Gebiet hervortrat, welches man später als das soziale oder gesellschaftliche dem staatlichen entgegensetzte, während man zugleich seine mächtige Einwirkung auf das letztere zur Anerkennung brachte, umso weniger konnte sich die Statistik, ähnlich wie die Geschichte vor der Betrachtung und Vorführung der dem sogenannten sozialen Leben angehörigen Bedingungen und Erscheinungen ganz abschließen, umso natürlicher war es zumindest, daß es über diesen Punkt bei den Theoretikern der Statistik zum Streit kam.

Zwar versuchten noch Manche das Gebiet der Statistik im Sinne ihrer ersten Bearbeiter gegen die Ausdehnung auf neue Räume zu wahren. Der Verfasser der Rezension in der  Jenauer allgemeinen Literaturzeitung  1806, Nr. 223 wies ihr "Die Beschreibung des gegenwärtigen oder vormaligen Zustandes eines oder mehrerer Staaten  in Rücksicht auf ihre Staatskräfte, Staatsverfassung und Staatsverwaltung"  zu, der von Nr. 66f im Jahrgang 1807 "die Beschreibung des jetzigen  politischen Zustandes eines gegebenen Staates".  Aber schon MEUSEL setzte, wie wir sahen, neben die Forderung einer Darstellung der Verfassung der Staaten, die ihrer "Beschaffenheit", womit dann eben alle Beschränkung wieder aufgehoben war. Wenn man aber nicht ausdrücklich die Darstellung der  Verfassung  hervorhob, so war mit dem Wort  Staat  immer weniger eine Grenze gesetzt, je mehr sich der Kreis der Dinge erweiterte, die man mit diesem elastischen Wort umfaßte oder zu demjenigen rechnete, was für die Staatszustände von Wichtigkeit sein konnte. Wie hätte man früher die Summe der Schweine in einem Land, den Anfang des Kaffeetrinkens auf den Dörfern zu den Gegenständen rechnen können, die mit dem "Staat" etwas zu schaffen hatten; und doch hat es SCHLÖZER ein halbes Jahrhundert nach ACHENWALLs Proklamation der neuen Wissenschaft getan. Wurde nun mit der Zeit der Begriff des Staates immer mehr ausgedehnt, so konnte man auf dem Grund gerade der ACHENWALL-SCHLÖZERschen Definition des Objekts der Statistik zur Darstellung so ziemlich von Allem schreiten, ohne einen Verstoß zu begehen. SCHLÖZER selbst bahnte durch seinen Streit mit SINCLAIR auch für die Statistik der Deutschen den Weg zur Erweiterung über den "Staat", über dessen Verfassung und Verwaltung hinaus. SINCLAIR war der Erste, welcher die "Statistik" nach England verpflanzte - er mußte manchen Vorwurf über das unnötige neue Wort hören -; er tadelte es, daß man der Statistik in Deutschland zuweist:  an inquiry for the purpose of ascertaining the political strength of a country or questions respecting matters of state [eine Untersuchung, welche die politische Macht eines Landes sicherstellen soll in Bezug auf Angelegenheiten des Staates - wp] zu sein. (19) SCHLÖZER entgegnete ihm: der Baronet muß nie ein deutsches Handbuch der Statistik gesehen haben, sonst würde er nicht sagen können, daß wir das Objekt dieser Wissenschaft auf politische Macht einschränken, denn selbst diejenigen unserer Schriftsteller, die das Wort "politisch" mit in ihre Definition nehmen, behandeln doch auch ganz andere Materien, als eigentliche "matters of state" ab (20) - eine Entgegnung, welche die früher gesetzten Grenzen, die man nur wie durch Unachtsamkeit und Inkonsequenz überschritten hatte, ausdrücklich aufhob, ohne an ihre Stelle irgendwelche andere zu setzen. RIEMANN bildet gewissermaßen den Übergang, indem er das alte bisher vorzugsweise behandelte Objekt der Statistik und das neue, allmählich sich aufdrängende, wie zwei selbständige Teile nebeneinander stellt. Er verlangt von der Staatskunde:  das wohlgetroffene Bild von der Gewalt und Ordnung im Staat und dem bürgerlichen Leben und Tun in demselben. (21) Auch alle diejenigen, welche allein oder vorzugsweise statt der politischen Verfassung und dem äußeren gesetzlichen Gerüst des Staatsbaus: die Darstellung der  Kräfte  oder  Grundkräfte  des Staates ausdrücklich verlangten, trugen begreiflicherweise dazu bei, daß man sich vielfach den sogenannten sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen und den materiellen Lebenselementen der Völker entschieden zuwandte. Es kam mit der Zeit so weit, daß man die Darstellung dieser Verhältnisse  im Gegensatz zu den politischen und Verfassungszuständen  als der Statistik allein zugehörig vindizierte.  Erst mit der Zeit  und nicht ohne daß von Anfang an eine offene und starke Opposition gegen diese Richtung von den Vertretern des seitherigen Stoffes der Wissenschaft gemacht worden wäre; letzteres mit einem gewissen richtigen Takt von denjenigen, welche den "Abweg" verhüten wollten. Denn mag man auch späterhin noch so klug über den Umfang der Dinge, welche für den  Staat  von wirklicher Merkwürdigkeit sind, räsonniert haben, um im Namen der alten Staatskunde auch das auf dem "Abweg" Gesuchte und Gefundene zu okkupieren - es lagt auf der Hand, daß die statistischen Darstellungen der materiellen Grundkräfte und Grundmächte der Staaten ganz vom Geleis von ACHENWALLs Statistik abwichen. Die Statistik sollte gerade dasjenige an und aus dem Staat ausschließlich oder vorzugsweise als ihren Stoff behandeln, was die politische Geschichte seither entweder vernachlässigte oder ganz unbeachtet ließ, eben all das, was wir mit dem Wort "materiell" bezeichneten, mochte dieses nun mit dem Staat auch in Verbindung gesetzt oder dem neuerdings abgegrenzten Gebiet des "sozialen" Lebens allein zugewiesen werden. Diese Veränderung oder Verengung des Gebietes der Statistik ist im Gegensatz zu den Deutschen und Italienern mehr von den Franzosen und Engländern vertreten worden. Hatte man früher die Darstellung der Staatsverfassung als die Hauptsache angesehen und sich für alles Übrige nur eine Hintertür zur gelegentlichen Besprechung offen gelassen, so erschienen jetzt umgekehrt etwa die Größe eines Landes, die Volkszahl und dgl. mehr als die Hauptgegenstände der Statistik, wobei, wie man zugestand, es sich von selbst versteht, daß auch die Regierung und Administration des Staates usw.  mit in Anschlag  kommen müßten (22). Dieser Übergang zu einem andern Objekt der Statistik wurde außerordentlich verallgemeinert durch die Verbreitung und Pflege, welche die politische Arithmetik im 18. Jahrhundert erhielt. Die politischen Arithmetiker, welche als Statistiker angesehen sein wollten, und die Statistiker, welche mit ihnen die Forderung nach den in  Zahlen  ausdrückbaren Daten, hin und wieder auch die Zulässigkeitserklärung des mathematischen Kalküls gemein hatten und von den Anhängern von ACHENWALLs Doktrin gleichfalls als politische Arithmetiker,  vulgo  "Tabellenfabrikanten und Tabellenknechte" bezeichnet wurden, konnten begreiflicherweise nur auf dem neuen Terrain wirtschaften. Wie wenig bot ihnen für ihre Arbeit der Stoff der ACHENWALL-SCHLÖZERschen Statistik. Nicht der staatliche und staatsrechtliche Organismus nur das "bürgerliche" Treiben und Tun, nicht die politischen und geistigen Interessen, nur die "materiellen" Lebenselemente gaben für sie den statistischen Stoff her. Mit Heftigkeit erhob sich die alte Schule; in den erbittertsten Ausdrücken, oft mit trivialen Schimpfworten zog HEEREN mit seinen Genossen REHBERG, BRANDES u. a. gegen die Zahlenmänner, die Darsteller der materiellen Dinge zu Felde; alles schien ihnen verloren, wenn diese Platz greifen würden. Die  Göttingischen Gelehrten Anzeigen  namentlich aus den Jahren 1806 und 1807 (23) enthalten zahlreiche Angriffe dieser Art gegen "das hirnlose Machwerk", "das Produkt höchst armseliger Köpfe", "den Ekel erregenden Kadaver", welcher von denen, die nur die physischen Staatskräfte und nicht auch die moralischen ausmitteln wollen, aufgestellt werden. "Gesetzt das Materielle hätte sich noch so genau ausmitteln lassen, was weiß man denn Großes? die wahren Staatskräfte sind geistig, nicht materiell. Die Statistik dürfe nicht zum Skelett herabgewürdigt, sondern ihr eine höhere, eine lebendigere Tendenz unterlegt werden". Man unterließ nicht die höhere, die lebendigere Tendenz zu unterlegen.
    "Der Nationalgeist, die Freiheitsliebe, das Genie und der Charakter der großen und kleinen Männer an der Spitze des Staates, seine Handelsweise, seine eigene individuelle Existenz, sein Charakter, seine Physiognomie, die Einrichtung seines Geschäftsganges im Innern, die Grundsätze bei der auswärtigen Politik, die Organisation derjenigen Behörden, in deren Händen die Administration ist, die herrschenden Grundsätze dieser Administration",
das sollten die Dinge sein, deren Darstellung von den Statistikern geliefert werden müssen. Aber die Zahlenmänner hatten bereits zu große Bedeutung erlangt. Man begnügte sich "statt sie ganz zu verdrängen, ihnen nur den gehörigen Platz anzuweisen". Man unterschied zwischen höherer und gemeiner Statistik; zu den Vertretern der letzteren machte man die so bitter Angegriffenen. Auch diese Unterscheidung hat sich bis auf unsere Tage hin vererbt.
LITERATUR: Karl Knies, Die Statistik als selbständige Wissenschaft, Kassel 1850
    Anmerkungen
    1) Noch BÜSCHING erhielt auf seine Bitte um einige offizielle statistische Data selbst von einem FRIEDRICH II. die Antwort, daß er ihn nicht hindern wolle, die zu veröffentlichen, welche er (Büsching) sich selbst verschafft hat, daß er - der König - ihm aber keine an die Hand geben wird.
    2) Rezension von BECHERs "Bevölkerungsverhältnisse der österreichischen Monarchie" in der Beilage der  Augsburger Allgemeinen Zeitung,  Nr. 232 von 1847.
    3) Die offizielle Statistik wird unter der Autorität des Ministers für Ackerbau und Handel verfertigt, vom Minister unterzeichnet und als ministerielles Dokument angesehen vom Ministerium wie von der Oppositionspartei in der Kammer und im Land, was in England bei den vom Präsidenten des Handelsbüros eingereichten Arbeiten nicht der Fall ist.
    4) Vgl. LÜDERs "Kritische Geschichte der Statistik", Göttingen 1817, namentlich die Vorrede.
    5) Siehe die Literatur über die Theorie der Statistik bei FALLATI in der im Text erwähnten Schrift und in den Werken, auf welche dieser Statistiker hinweist.
    6) WILHELM BUTTE, Die Statistik als Wissenschaft bearbeitet, Landshut 1804, Seite 19
    7) Vgl. einzelnes Näheres bei FALLATI, a. a. O., Seite 69, Nr. 2; WÖRL, Erläuterungen zur Theorie der Statistik ect., Freiburg 1841, Seite 6f; SCHUBART, Handbuch der allgemeinen Staatskunde von Europa, Königsberg 1835, Einleitung, Seite 4f. Ganz übersehen scheint der Gebrauch von  Statistes  für jene französische Hofpartei worden zu sein. Was HASSEL, Lehrbuch der Statistik der europäischen Staaten, Weimar 1822, Seite 1, mit seiner "wahrscheinlichen Ableitung des Wortes  Statistik  vom Lateinischen  status  und dem Griechischen  aritmetike"  will, ist gar nicht zu sagen.
    8) SCHLÖZER, Theorie der Statistik, Göttingen 1804, gleich am Anfang.
    9) Natürlich ist jedoch diese Verbindung beider Bedeutungen nicht aus der Etymologie zu begründen, wie das BUTTE, a. a. O., Seite 158 ("der Etymologie nach wäre als Statistik: Staatszustandswissenschaft") tut. Denn man nun  status  usw.  sowohl  Staat  als auch  Zustand, oder  entweder  das erstere  oder  das letztere bedeuten, keinenfalls bedeutet es Zustand des Staates.
    10) GOTTFRIED ACHENWALL, Staatsverfassung etc. (noch von Achenwall selbst besorgte) Ausgabe, Göttingen 1768, Seite 39
    11) ACHENWALL, a. a. O., § 58, Seite 38.
    12) Über diesen ansich wenig bedeutenden Punkt haben die meisten Statistiker in ihren Werken ihre Meinungen ausgesprochen. Vgl. beispielsweise auch SCHUBARTs Rezension der Statistik von MALCHUS in den  Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik,  1829, Seite 1271f.
    13) ACHENWALL, a. a. O., § 59.
    14) Ich habe vergeblich in der Bibliothek und im Archiv der Universität Marburg nach der ACHENWALLschen Ankündigung dieser statistischen Vorlesungen gesucht.
    15) ACHENWALL, a. a. O., aus den Vorreden.
    16) ACHENWALL, a. a. O., § 9.
    17) Der Rezensent  G. v. F.  in der  Jenaer Literaturzeitung,  Nr. 66 von 1806 tadelt es dagegen an MANNERT, daß dieser nicht die gehörige Rücksicht auf die Wappen genommen habe.
    18) Wir bitten von anderweitigen Bestimmungspunkten der nachfolgenden Definitionen, auf welche wir noch zurückkommen werden, hier zunächst abzusehen.
    19) JOHN SINCLAIR, The statistical account of Scotland, 20 Bde, Edinburgh 1791-98, Bd. 20, Seite 13.
    20) SCHLÖZER, Theorie der Statistik, Seite 12
    21) AUGUST RIEMANN, Abriß der Statistik und Staatenkunde, Altona 1807
    22) In CROMEs und JAUPs Zeitschrift  Germanien,  Bd. IV, Seite 153.
    23) Vgl. namentlich Jahrgang 1806, Seite 84 und Seite 833f, sowie 1807, Seite 131 und 1297f.