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ERNST KAPP
Grundlinien einer
Philosophie der Technik

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"Der Mensch ist nicht eine Sprosse an der animalen Stufenleiter, er ist vielmehr, wie gesagt, als letzte Sprosse nicht die Sprosse zu einer folgenden und hört demnach, aufhörend Sprosse zu sein, überhaupt auf, Tier zu sein. Er ist der allen Vorstufen immanente, erreichte Zweck, gleichsam das  Idealtier!" 

- Vorwort -
"Die ganze Menschengeschichte, genau
geprüft, löst sich zuletzt in die Geschichte
der Erfindung besserer Werkzeuge auf."

- Edmund Reitlinger


Derjenige Zweig der Technik, welchen der Sprachgebrauch als mechanische Technik bezeichnet, ist der hauptsächliche Gegenstand der vorliegenden Schrift. Daß neuerdings empirische Stoffe mehrfach einer philosophischen Behandlung unterzogen worden sind, ist immerhin ein erfreulicher Beleg für die Tatsache, daß Empirie und Spekulation das Bedürfnis gegenseitiger Ergänzung haben. So dürfte denn auch eine Philosophie der Technik sich rechtfertigen lassen, so weit es der denkenden Betrachtung gelingen wird, die Entstehung und Vervollkommnung der aus der Hand des Menschen stammenden Artefakte als erste Bedingung seiner Entwicklung zum Selbstbewußtsein darzulegen.

Einer annähernd befriedigenden Lösung dieser Aufgabe nach ihrem ganzen Umfang mich nicht gewachsen fühlend, habe ich wenigsten die Grundlegung versucht, die ihren Zweck erfüllt, wenn ihr als brauchbarer Vorarbeit eine zustimmende Aufnahme zuteil werden sollte. Von neuen Gesichtspunkten wird dabei insofern ausgegangen, als ich ein neues Prinzip für dahin einschlagende Untersuchungen gefungen zu haben glaube.

Zunächst wird durch unbestreitbare Tatsachen nachgewiesen, daß der Mensch unbewußt Form, Funktionsbeziehung und Normalverhältnis seiner leiblichen Gliederung auf die Werke seiner Hand überträgt und daß er sich dieser ihrer analogen Beziehungen zu ihm selbst erst hinterher bewußt wird. Dieses Zustandekommen von Mechanismen nach organischem Vorbild, sowie das Verständnis des Organismus mittels mechanischer Vorrichtungen, und überhaupt die Durchführung des als Organprojektion aufgestellten Prinzips für die, nur auf diesem Wege mögliche, Erreichung des Ziels der menschlichen Tätigkeit, ist der eigentliche Inhalt dieser Bogen.

Das hierbei beobachtete Zurückgehen auf die ursprüngliche Wortbedeutung und auf den stehenden Sprachgebrauch, der alles Mechanische ausschließlich auf Machwerke der Hand beschränkt, begegnet einer Begriffsverwirrung, welche, durch Übertreibungen der mechanischen Weltanschauung veranlaßt, die richtige Selbstauffassung des Menschen zum Nachteil der Gesellschaft alteriert. Denn der Mensch, welcher wahrhaft an sich und seiner Persönlichkeit glaubt, wird einerseits niemals sich selbst mit einem technischen Gestell verwechseln, und wird andererseits kein Verlangen tragen, daß er, der Mikrokosmos, durch die Verleugnung des Unterschiedes, welcher zwischen dem Makrokosmos und etwa einem zusammengestückten Planetarium besteht, in degradierende Mitleidenschaft gezogen werde.

Im Übrigen ist der Berechtigung einer mechanistischen Anschauung der Dinge, welche die dem Menschen geläufige Bekanntschaft mit den ihm nahe liegenden, von ihm selbst angefertigten Werkzeugen, wie auch die ihnen anhaftende Terminologie zur Verdeutlichung organischer Verhältnisse vergleichsweise benutzt, nirgends zu nahe getreten.

Auf Einzelheiten Bezug nehmend, bemerke ich, daß der Gang der Untersuchung dem Zusammenhang der leiblichen Gliederung von den Extremitäten zu den inneren Organen folgt und in der auf den Anfang zurückführenden Darstellung des ganzen Organismus eine geschlossene Abrundung erfährt. Hierbei sind die Grenzen des Bereichs, innerhalb dessen sich der geschichtliche Mensch bewegt, nirgends überschritten und Abschweifungen in Gebiete, denen empirische Beweisfähigkeit abgeht, sorgfältig vermieden werden.

Zur Beschaffung des erforderlichen technischen und physiologischen Materials habe ich die mir zur Verfügung stehenden Hilfsmittel möglichst gewissenhaft benutzt und hoffe auf Nachsicht, wenn ich mir die Nichtbeachtung von etwas Wesentlichem habe zuschulden kommen lassen. Unter allen Umständen mußte mir daran gelegen sein, jeden Vorteil wahrzunehmen, welchen die Anführung solcher Erfahrungen und Aussprüche bot, aus denen sich irgendwie eine der Begründung meiner Ansichten günstige Folgerung ziehen ließ. Wieviel ich den speziell für das sechste, zehnte und elfte Kapitel benutzten Werken verdanke, davon wird sich der Leser leicht überzeugen.

In den meisten Fällen habe ich es an Zitaten der betreffenden Seitenzahlen nicht fehlen lassen. Eine Ausnahme macht unter anderem das im zehnten Kapitel vorkommende Buch; sie findet aber ihre erklärung in der Form einer so ausführlichen Besprechung.

Streng mich an meine nächste Aufgabe haltend, bin ich der Polemik über die wissenschaftlichen Tagesfragen geziemend fern geblieben.

Schließlich noch die Bemerkung, daß selbst Schriften von mäßigem Umfang jetzt häufiger außer dem Inhaltsverzeichnis noch ein Namen- und Sachregister enthalten. Ich bin diesem Beispiel bereitwillig gefolgt, um die Orientierung über ein Buch, dessen fester innerer Zusammenhang für den Ausfall der Beurteilung des Einzelnen mitverantwortlich zu machen ist, auch äußerlich tunlichst zu erleichtern.



I.
Der anthropologische Maßstab

Die denkende Betrachtung, wie verschieden ihr Gegenstand nach Ausdehnung in Raum und Zeit sein mag, vereinsamt oder verliert sich niemals ins Endlose, sondern kehrt über kurz oder lang auf derselben Bahn dahin zurück, von wo sie ausgegangen war, zum - Menschen.

Mit ihm bleibt ihr Zusammenhang ununterbrochen, und das was sie nach allem Suchen und Entdecken findet, ist immer nur der Mensch, nach des Wortes eigenster Bedeutung der "Denker".

Hiernach wäre der Inhalt der Wissenschaft ihrem forschenden Verlauf nach überhaupt nichts anderes als der zu sich selbst zurückkehrende Mensch.

Tritt bei diesem Vorgang das Bewußtsein des Menschen von der Welt außer ihm unablässig in eine vergleichende Beziehung zur Welt in ihm, so erhebt er sich dadurch, daß er im Denken sein Dasein als unterschieden von anderem Daseienden verbürgt weiß, zum Selbstbewußtsein.

Was man gegenwärtig unter dem  Selbst  versteht, dessen sich der Mensch bewußt wird, hat nicht mehr ganz den früheren Sinn. Das Selbst hat aufgehört, der Inbegriff eines nur geistigen Verhaltens zu sein. Eine wunderliche Täuschung geht mit der Einsicht zuende, daß der leibliche Organismus der nächste und der eigentliche Bestand des Selbst ist. Vermöchte man von all den Gebilden, welche das lebendige Gliederganze des Menschen ausmachen, abzusehen und den gesamten Stoffmenschen fortzudenken, was anderes vom gerühmten Selbst bliebe dann noch übrigt, als ein gespenstischer Geistesmensch?

Erst mit der Gewißheit der leiblichen Existenz tritt das Selbst wahrhaft ins Bewußtsein. Es ist, weil es denkt, und es denkt, weil es ist. "Selbst", nach der Ableitung des Wortes von  si liba,  heißt "Leib und Leben". Mit dieser seiner Grundbedeutung ist nunmehr vollständig Ernst zu machen. Nicht hier ein halbes und dort ein halbes, sondern das ganze und einige Selbst ist in konkreter Selbsterkenntnis vorhanden.

Diese Weise der Selbstauffassung, unbewußt in den Gemütern und Geistern vorbereitet, vorhanden als allgemeine Stimmung, ist an dem Punkt angekommen, wo unter der rastlosen Arbeit des Gedankens sich der richtige Ausdruck einstellt, welcher das Neue fixiert und zum mehr oder minder bewußten Gemeingut werden läßt. So war es namentlich der neuesten Naturwissenschaft vorbehalten, den Nachweis zu liefern, daß der leibliche Organismus für die Beschaffenheit aller Richtungen der menschlichen Tätigkeit zunächst verantwortlich ist.

Naturforschung und Philosophie haben sich, oft auf scheinbar feindlichen Wegen, oft auch die eine in der Rüstung der anderen, bei jeder Verirrung doch immer wieder vom Menschen aus zurecht gefunden.

Behauptet der Philosoph, er wisse von keiner Welt als in Bezug auf den Menschen, so bekennt der Physiologe in voller Übereinstimmung hiermit, sein Beruf sei, zu lehren was im Menschen ist, und der Wahrheit Geltung zu verschaffen, daß alle Weisheit in der Erkenntnis der Menschennatur liegt.

Auf diesem Weg hatte schon das Altertum sichere Schritte getan. Es ist jedoch etwas anderes, was Dichter und Denker in prophetischer Vorschau verkünden, etwas anderes, was vom Arzt und Naturforscher als Ergebnis einer auf ein deutliches Ziel gerichteten Tätigkeit festgestellt wird. Für alles, was dort überwiegend unbewußtes Schauen einer allgemeinen Wahrheit ist, bringt hier die bewußte, in die Untersuchung vieles Einzelnen eingehende Arbeit Erklärung und Beweis.

Nachdem die Erforschung des Grundstoffes der Welt lange genug die Philosophie beschäftigt hatte, war durch die Ahnung einer Abstimmung der elementaren Erscheinungen mit der Natur des Menschen das berühnte Wort des PROTAGORAS angebahnt, daß der Mensch das Maß der Dinge sei.

Wenn auch beim Mangel an physiologischem Wissen zunächst mehr der reflektierende Mensch, weniger der leibliche, gemeint war, so war doch ein für allemal der  anthropologische Maßstab  formuliert und der eigentliche Kern menschlichen Wissens und Könnens, in wenn auch anfänglich noch so dunkler Verhüllung, kenntlich gemacht.

Ihm verdankt die griechische Kunst ihren ewigen Inhalt, deren Meissel in Götterbildern den Idealmenschen verkörperte, und es ist immerhin bezeichnend, daß für SOKRATES die Bildhauerkunst, der er sich in jüngeren Jahren gewidmet hat, die Vorstufe gewesen ist zu seiner späteren geistigen oder ethischen Plastik, aufgrund der bekannten Tempelinschrift "Erkenne dich selbst"; ja, die ganze Kultur der Menschheit ist von ihrem Anbeginn an nichts anderes als die schrittweise Ausschälung und Enthüllung seines Kerns.

Die ersten Versuche nun in der Aufhellung organischer Vorgänge gehören der philosophischen Naturbetrachtung.

So befaßte sich ARISTOTELES mit der Betrachtung des Leibes, weniger wie er von außen ist, als vielmehr wie er als Offenbarungsmittel des Geistes von innen heraus wird. Der Umstand, daß seine Vorfahren Ärzte waren, kam von Haus aus seinen Untersuchungen wesentlich zustatten, und gab ihm die Anregung zu vergleichend anatomischen und physiologischen Arbeiten. Nach ihm waren es fast ausschließlich Ärzte, welche die physiologischen Experimente und Studien erweiterten, bis in neuester Zeit die übergroße Anhäufung des Materials zur Teilung der Arbeit mit Naturforschern und Philosophen nötigte.

Die Geschichte dieser Arbeit ist die Geschichte der Physiologie. Versteht man unter Kenntnis des leiblichen Organismus die Kenntnis des Selbst und ist diese Selbstkenntnis und Selbsterkenntnis Grund und Quelle alles übrigen Wissens und Könnens: so liegt hierin mehr als eine Andeutung für die Behandlung der Geschichte derjenigen Disziplin, welche die Bestimmung hat, allen anderen fort und fort den unentbehrlichen Reformstoff zu liefern.

Große wissenschaftliche Entdeckungen stehen nicht etwa in nur zufälligem Verband äußerlicher Gleichzeitigkeit mit historisch Epoche machenden Ereignissen, sondern enthüllen sich vielmehr recht eigentlich als deren innere Triebkraft. Es ist dies eine genetische Verwandtschaft, an welcher die Aufdeckungsgeschichte der menschlichen Physis nicht wenig beteiligt ist.

Deutliche Belege für diesen inneren Zusammenhang sind unter anderen nächst dem als organische Gliederung und Entwicklung "tätigen Allgemeinen" des ARISTOTELES, die Nerven- und Gehirnlehre des GALENUS; des PARACELSUS Grundgedanke vom Makrokosmos; HARVEYs "omne vivum ex ovo" und seine Entdeckung des Blutkreislaufs; PRIESTLEYs Entdeckung des Sauerstoffs; die Lehre LAVOISIERs von der Atmung; die Beobachtungen GALVANIs über die Wirkung der Elektrizität auf Nerven und Muskeln; vor allem aber die staunenswerten Erfolge der mikroskopischen und chemischen Untersuchungen über Nerven und Sinne, an welche sich die gefeiertsten Namen der Gegenwart knüpfen, - lauter so hervorragende Tatsachen, daß sie, in Verbindung mit der Erkenntnis der in der Einheit aller seelischen Funktionen sich offenbarenden Einheit der Naturkräfte, als ebenso viele Steigerungen der Selbsterkenntnis zu markieren und deshalb als wesentlich mitwirkend beim weltgeschichtlichen Prozeß in Betracht zu ziehen sind.

Hier hat die Geschichtsphilosophie noch eine große Aufgabe vor sich, bei deren Angriff ihr die Vorarbeiten für "Völkerpsychologie" von nicht geringerem Nutzen sein werden, als die Ansätze zur Würdigung historischer Tatsachen vom physiologischen Standpunkt, wie sie in vereinzelten Schriften über die "Physiologie des Staates" vorhanden sind.

Psychologie und Physiologie haben lange genug fremd gegen einander getan, und wie weit auch jene vordem dieser voraus war, sie ist nunmehr von ihr eingeholt worden. Damit nicht genug, werden sogar Stimmen laut, welche verlangen, sie müsse ihr ganz einverleibt werden. Sicher scheint, daß beide, in einer Verschmelzung begriffen, nicht wie bisher getrennt, sondern zu  einem  Lauf vereinigt, in das weite Strombett der Anthropologie münden werden, um eine höhere Phase des Selbstbewußtseins als "Physiologische Psychologie" einzuleiten. Diese aber, die keine Auslassung in ihrer Darstellung des menschlichen Wesens duldet, mach dem Schwanken des Persönlichkeitsbegriffs dadurch ein Ende, daß sie ihn voll und ganz in das Selbstbewußtsein verlegt. Das Selbst ist Person, das selbstbewußte und das persönliche Wesen sind Eins. Der aus Mißverständnis der Entwicklungstheorie stammende moderne Tierkultus hat freilich an beiden zu mäkeln, ohne zu bedenken, daß schließlich eben doch nur Personen den Persönlichkeitsbegriff diskutieren können.

Daß sich die frühere Auffassung des persönlichen Wesens als einer Zusammenfügung von zwei Bestandstücken in den genannten zwei Disziplinen ihren Ausdruck gegeben hatte, daß Physiologie und Psychologie nebeneinander hergehen mußten, indem jene zur Naturforschung, diese zur Philosophie zählte, ist ganz in der dualistischen Ordnung des Erkenntnisvorgangs. Denn erst dann, wenn durch eine gesonderte Bearbeitung je einer Seite des Gegenstandes das gründliche Verständnis des Einzelnen gesichert ist, wird die Einsicht in den einheitlichen Zusammenhang des Ganzen möglich. Die "Zwei", die im Widerspruch sich ausschließen, schließen im Unterschied als "Beide" sich gegenseitig ein. So beruth auf dem Dualismus von jeher die unveräußerliche Form allen Erkennens.

Heil und Unheil stiftend und erfahrend hilft der Dualismus ächten und kreuzigen, und, selbst auch gekreuzigt und verbrannt, ist er ebensowohl der ewige Jude der Wissenschaft, wie der göttliche Proteus des Gedankens. Als Pol und Pol, als Stoff und Kraft von Ewigkeit das Universum im Großen und im Winzigen konstituierend, ist er "der Geist, der stets verneint, der stets das Böse will und stets das Gute schafft".

Er hetzt die Menschheit in Kampf und Not, spaltet Kirche und Staat und ist, zwiespältig und beideinig zumal, auch der Spender von Versöhnung, Fortschritt und Genuß. Wie der Mensch, Zweifüßler der er ist, nur im Wechselschritt von Rechts und Links vom Fleck kommt, so ist überhaupt aller Forschritt nur möglich im dualistischen Wechsel. Und zwar meint immer jede Seite des Gegensatzes sich allein im Recht. Wahr ist, daß jede im Recht ist, falsch, daß es jede allein ist. Doch je hartnäckiger ihr Anspruch auf alleinige Berechtigung, desto vollständiger das Hervortreten ihres Inhaltes und der Wahrheit, in der sie vor dem jeweiligen Zeitbewußtsein Eins sind.

Zentripetale und zentrifugale Spannung und was dasselbe ist, Deduktion und Induktion, Idealismus und Realismus, Spiritualismus und Materialismus durchwirken dualistisch die ganze Stufenleiter der weltgeschichtlichen Konflikte.

Der Glanzperiode der deutschen Philosophie folgten schließlich die neuesten Triumphe der Naturwissenschaft. Nachdem die Geringschätzung seitens jener von dieser in erbitterter Feindschaft, als ginge es um die "Erdrosselung der Philosophie", erwidert war, erleben wir es heute, daß beide, Naturwissenschaft und Philosophie, sich einmal wieder die Hand reichen, um geeint zu neuer Wandlung, im fortgesetzten Kampf gegen den alten syllabistischen Widerpart des Wissens, die Grundlagen zu befestigen, auf denen sich der Bau einer neuen höheren Weltordnung ankündigt.

Ohne Dualismus kommt eine wissenschaftliche Erörterung nicht zu Ende, wenn überhaupt zum Anfangen, also auch gar nicht zustande. Dem Menschen ist nun einmal mit  einem  Anlauf nicht beizukommen. Er muß diskursiv, in sukzessiver Darstellung, bald von der einen, bald von der anderen Seite gefaßt werden. Das Operieren, jetzt mit geistigen, dann mit körperlichen Eigenschaften, ist die unvermeidliche Abschlagszahlung in sprachlicher Scheidemünze. Damit gibt man der Wissenschaft stillschweigend Kredit, daß sie, auch ohne ausdrücklich immer wiederholte Versicherung, darauf bedacht ist, die polaren Beziehungen der Gegenseiten und ihren dialektischen Fluß vor einseitiger Erstarrung zu bewahren.

Diese Auffassung dürfte auch der vorliegenden Arbeit, die sich viel auf einem Gebiet zu bewegen hat, wo Widersprüche und Mißverständnisse an der Tagesordnung sind, zustatten kommen.

Auch für uns liegt der anthropologische Maßstab ein für allemal im ganzen Menschen. Nur bei der Untersuchung und in der sprachlichen Mitteilung fällt der Schwerpunkt abwechselnd auf eine von den beiden Seiten, in welchen das Wesen des Menschen zur Erscheinung kommt. In dieser Beziehung war in der Zeit vor KANT die Psyche entschieden bevorzugt.

Was die Alten angeht, so ist deren Standpunkt schon durch PROTAGORAS und SOKRATES hinreichend gekennzeichnet. Im Mittelalter hat die mystische Denkweise, in welcher die intellektuelle Anschauung als Organ der Erkenntnis vorwaltet, nicht minder die Wahrheit getroffen. So ist nach ECKHART, dem Vater der deutschen Spekulation, die Person die ewige Grundform allen wahren Seins und braucht der Mensch nur sich selbst zu seinem wahren Wesen, seinem ursprünglichen Adel, zurückzuwenden, um des Höchsten teilhaftig zu werden: "Kennte ich mich selber wie ich sollte, so hätte ich die tiefste Erkenntnis Kreaturen. Niemand kann Gott erkennen, der sich nicht zuerst selbst erkennt." Dazu bemerkt LASSON: "Rühmen sich die Neueren der Voraussetzungslosigkeit ihres reinen Denkens, so haben sie doch die eine Voraussetzung, das Wesen der menschlichen Seele, und diese ist ihnen mit dem alten Meister gemeinsam, der gleichfalls keine andere Voraussetzung gelten läßt."

Ähnlich äußerte später LEIBNIZ, es werde eine Zeit komen, wo der hohe Wert einer heiligeren Philosophie, von dem  zu sich selbst zurückkehrenden  Menschen, wieder erkannt werden wird; wo die Naturforschung von Neuem der Verherrlichung des Urhebers der Natur, der uns in der sichtbaren Welt das Abbild der ideellen zeigt, dienstbar sein wird.

Mit den Fortschritten der auf die sichtbare Welt des leiblichen Organismus gerichteten Forschungen beginnt sich dann auch in der kantischen Philosophie eine physiologische Grundlegung bemerkbar zu machen. Ja, ADOLF FICK glaubt sich berechtigt, den KANTschen Standpunkt in der Philosophie geradezu als physiologischen bezeichnen zu dürfen.

Von da an sucht die Philosophie jedesmal, wenn sie sich in schwindelnde Höhen verstiegen hat, mit Hilfe des physiologischen Rettungsapparates den festen Grund und Boden wiederzugewinnen. Daß aber auch auf diesem einzelne Strecken nicht frei von Gefahr und zwar, des Versinkens sind, beweist die für Philosophie sich ausgebende Lehre von der alleinigen Wahrheit der sinnlichen Handgreiflichkeit.

So war unter anderem auch für LUDWIG FEUERBACH der Mensch derjenige Punkt, von dem alles Erkennen sowohl ausgeht, wie auf den es hinausläuft; aber nicht der Mensch überhaupt, sondern nur der leibliche Mensch. Denn das Prinzip in seiner Philosophie, "welche den Gedanken aus dem Stoff, dem Wesen, den Sinnen, erzeugt, ist der Mensch, ein wirkliches oder vielmehr das allerwirklichste Wesen, das wahre  Ens realissimum",  im Sinne einer radikal materialistischen Schroffheit, der Mensch aus Fleisch und Blut, der Mensch, der nur ist, was er ißt.

War diese Seite der im Menschen gefundenen Maßbestimmung der Dinge bis dahin sehr vernachlässigt gewesen, so überschoßt das hastige Verlangen nach einer positiven Bekräftigung durch die Naturwissenschaft bei weitem die Linie der Ausgleichung. Naturforschung und Philosophie lenkten nun beide ein. Jene kam auf philosophischem Weg über Bedeutung und Zusammenhang ihrer großartigen Resultate zum vollen Bewußtsein, diese schöpfte aus dem Born der Empirie eine Fülle neuer überzeugender Beweiskraft.

Der wiederholten Forderung, daß sich der Mensch vom Menschen aus über die Welt zu orientieren habe, konnte, solange sie sich auf die Geistesseite beschränkte, nur teilweise genügt werden. Die volle Einsicht fand sich erst auf physiologischer Grundlage, deren Vertreter sich täglich mehren.

Unter ihnen bemerkt OSCAR PESCHEL bei der Gelegenheit einer Besprechung des wissenschaftlichen Wertes der Schädelmessungen: "Auch dürfen wir nicht staunen, daß sich die menschliche Erforschung dem Menschen erst so spät zuwendete; denn die letzte und höchste Aufgabe konnte überhaupt erst sehr spät gelöst werden." Dem stimmt im Hinblick auf geologische Fragen QUINET bei: "In gewisser Hinsicht wäre dies der philosophischere Weg, indem wir von uns selbst ausgingen, also von einem Punkt, mit dem wir durch die innigsten Beziehungen vertraut sind."

So äußert auch CONSTANTIN FRANTZ bei einer Erwähnung der Resultate der "Philosophie positive" von AUGUSTE COMTE: "Natürlich erscheint ihm zuletzt der Mensch selbst als vornehmster Gegenstand der Forschung, und da beginnt er mit vergleichender Anatomie und Physiologie; denn Materie ist das Substrat aller Erscheinungen, das Denken gilt ihm als Gehirntätigkeit.  Neben den anatomischen und physiologischen Tatsachen liegen die geschichtlichen Tatsachen." 

Es liegt zu sehr in unserem Interesse, gerade für diesen Punkt noch einige andere Stimmen anzuführen, um zu zeigen, wie sehr dessen Wichtigkeit von den verschiedensten Seiten her betont wird.

KARL ERNST von BAER sagt: "Der Mensch kann nur messen, indem er von sich selbst ausgeht und sich zum Maßstab nimmt. So hat er den Raum, so die Zeit abschätzen gelernt." Im "Ausland" heißt es von der Anwendung physiologischer Apparate, daß sie verstatten, sozusagen, in die Tiefe des lebenden Körperinnern hinabzusteigen, ja das eigene Ich zu schauen. JEAN PAUL nennt das Bewußtsein in unser selbst den Schlüssel zur Welt. LAZARUS GEIGER sagt: "Was den Menschen immer und immer wieder am lebhaftesten fesselt, am wärmsten befriedigt, es ist der Mensch." HEINRICH BÖHMER nennt die Physiologie "die teleologische Wissenschaft  par excellene".  ADOLF FICK erklärt das eigene Bewußtsein für den "einzig richtigen und den einzig möglichen Ausgangspunkt des Philosophierens".

Für diese Selbstschau ergreift auch ADOLF BASTIAN das Wort: "Der vermeintliche Gegensatz zwischen Geist und Körper verschwindet in der harmonischen Einheit beider. Die Wissenschaft des heutigen Tages schwillt in vollsaftigem Leben, da der Geist auf seinem natürlichen Boden des Körperlichen wurzelt. Das am Busen der Natur genährte Wissen entfaltet seine Knospen auf allen Forschungszweigen und schon breitet der Stamm seine schützenden Schatten, der in der Mitte der Menschenbrust der Selbsterkenntnis Frucht zu zeitigen verspricht." Der berühmte Weltreisende und Ethnograph läßt in seiner Berichterstattung nie vergessen, daß er bei idealster Auffassung nationaler Kulturzustände und ihrer Ziele doch stets festen Fußes den realsten Grund und Boden, den Erdboden, beschreitet, und daß für ihr realer Idealismus und wahre Selbsterkenntnis untrennbar eins sind.

Aus so übereinstimmenden Ansichten erhellt sich zur Genüge, wie nachhaltig der Begriff des anthropologischen Maßstabes an Zuverlässigkeit gewonnen hat. Nicht unmittelbar war er vorhanden, sondern auf wiederholt erweiterten Umwegen des Sammelns und Forschens ist er zustande gekommen. Der im Denken von sich selbst ausgehende Mensch ist die Voraussetzung des zu sich selbst zurückkehrenden Menschen. So ist das Denken gleich dem Atemholen ein Prozeß ununterbrochenen Einnehmens und Ausgebens.

Allerdings lassen sich stufenhöhere Wechsel längerer Perioden unterscheiden, in denen bald die eine, bald die andere Richtung überwiegt. Was immer aber die Betrachtung heimbringt, ist in höchster und letzter Instanz der in der ganzen Welt zerstreute Mensch, und was Physiologen und Psychologen ergründen, ist die im Menschen zusammengefaßte Natur. Der Mensch holt aus der ganzen Natur sich selbst zusammen, an ihr philosophiert er sich zum Selbstbewußtsein hinauf und die Welt außer ihm ist die Handhabe zur Erschließung der Welt in ihm. Der Inhalt der einen ist die Probe auf den Inhalt der anderen.

Hand in Hand mit der unseren Tagen vorbehalten gewesenen Entdeckung der  Einheit der Naturkräfte  geht die Enthüllung auch der  Einheit der Menschennatur.  Denn indem der Mensch sich der Einheit seines Wesens als des ihm bisher unbewußten Grundes seiner auf den Zusammenhang der Naturkräfte gerichteten Forschung bewußt wird, indem er in und aus der Natur, nicht über und außer ihr denkt, ist sein Denken die Übereinstimmung der physiologischen Anlage mit den kosmischen Bedingungen.

Für das zentrifugale Hinaus, wie für das zentripetale Zurück des Gedankens liegt ein für allemal das Zentrum im Menschen.

Bei so universal wissenschaftlicher Bedeutung des anthropologischen Maßstabes erscheint der sogenannte  anthropozentrische Standpunkt,  demgemäß sich die Menschheit im Mittelpunkt der Welt sieht, nicht so geradezu unberechtigt und sinnlos.

Zu seinen Gunsten spricht, daß im eigenen Gedankenkreis des Menschen, sowohl des Einzelnen wie des ganzen Geschlechts, ausschließlich nur der Mensch die Mitte einnimmt und absolut nur einnehmen kann. Sein Gedankenkreis ist seine Gedankenwelt, ist und bleibt seine Welt. Es gibt für ihn keine andere als die, welche in seiner Vorstellung von Welt überhaupt vorhanden ist. In dieser kosmisch erweiterten Egoistik hält der Mensch die Einzigkeit seiner Gattung und den Glauben an sich aufrecht. Nur von einem sich im Zentrum vorstellenden und verstehenden Ich ist die Vorstellung der unendlichen Ausdehnung eines Weltalls möglich, wenn überhaupt möglich.

Unbestreitbar hat der Mensch mehr Recht, für sich jenen Vorrang in Anspruch zu nehmen, als für eine andere, ihm fremde Gattung von Geschöpfen, sogenannten höheren und vollkommeneren - weißt der Himmel wo existierenden - Wesen, von denen er weder etwas weiß, noch je etwas anderes wissen könnte, als was er nicht in Bezug auf sich selbst schon wüßte. Denn weder die kühnste Phantasie, noch das fortgeschrittenste Wissen vermögen nach dem Naturgesetz, daß kein Wesen über sich hinaus kann, die Grenzen seines unabänderlich unter einem anthropomorphischen und anthropopathischen Bann stehenden Vorstellungsvermögens zu durchbrechen und - aus der Haut zu fahren. Was außerhalb des Vorstellungsvermögens liegt, ist für den Menschen nicht vorhanden, kommt für ihn nicht in Betracht.

Vorstellen und Denken ist an und für sich ein anthropozentrisches Verhalten. Jedes Ich ist ein weltmittelpunktisches. Die Gegner der anthropozentrischen Ansicht stehen doch sicherlich auf einem Gedankengrund! Bestreiten sie demnach nicht unbewußt ihren eigenen Standpunkt?

Was im Zusammenhang hiermit den astronomisch längst überwundenen  geozentrischen Standpunkt  angeht, so ist in nächster Relation zu dem uns bekannten Sonnensystem selbstredend nicht ein Planet, wie die Erde, sondern die Sonne das Zentrum. Im grenzenlosen Weltraum übrigens, in dem von jedem Punkt aus alle Radien gleich große sind, wo jeder Punkt Mittelpunkt ist, als auch ebensowohl  keiner,  ein astronomisches Zentrum zu entdecken, bescheidet sich auch die verwegenstene Forschung, zufrieden, wenn sie zunächst die Hypothese, welche den Schwerpunkt des Fixsternsystems in die Pleiaden [Teil der Milchstraße - wp] verlegt, aufrecht erhalten kann.

Bleibt aber der Mensch für den Menschen das allein Gewisse, so ist diese Selbstgewißheit der denkbar einzige feste Punkt, auf dem er seinen Gedankenhebel anzusetzen vermag.

Kein Mensch kann sich dessen entäußern, ohne auf sich selbst zu verzichten. Er ist immerdar derselbe, der mit ihm sich hochhaltend den Bau von Kunst und Wissenschaft zustande bringt, ohne ihn sich aber gewürmhaft herabniedrigt und verkommt.

Die anthropozentrische Ansicht nimmt insofern gelegentlich einen geozentrischen Anflug mit in Kauf, als die Erde, nachdem alle Stützen ihres einstigen siderischen [sternhaften - wp] Vorrangs gebrochen sind, trotzdem immer noch stillschweigend an einer idealen, an der sie bewohnenden Menschheit haftenden Zentralität beteiligt scheint. Der sinnliche Schein übt fortwährend seine stille Mach - die Sonne geht auf, die Sonne geht unter -, er ist weder in der täglichen Sprache, noch in der Vorstellung gänzlich überwunden.

Die geozentrische Ansicht hat Jahrhunderte lang die Fortschritte der Kultur beeinflußt. So schuf der Hellene, durchdrungen von der Überzeugung, daß seine Erde sich in der Mitte der Welt, er selbst auf der Mitte der Erde sich befinde, eine diesem Selbstgefühl entsprechende geistige Welt. Nicht minder war das zähe Festhalten an dem sinnlichen Schein und an der Tatsache von Roms Kulturmitte unter Imperatoren und Päpsten von unverkennbarer Einwirkung auf die Verbreitung der Zivilisation und auf die Begründung einer Weltherrschaft. Treffend bemerkt PAUL de LAGARDE über diese Einwirkung: "Die ganze kirchliche Mythologie ist hinfällig, wenn die Erde aus einem im Mittelpunkt des Weltalls stehenden Körper zu einem um eine Nebensonne kreisenden, höchstens mittelgroßen Planeten wird. Um das gesamte orthodoxe System handelte es sich, als die Kirch das  e pur si muove  [... und sie bewegt sich doch. - wp] zu hören bekam."

Indessen ist der Begriff des Zentralen verschieden, je nachdem er einseitig auf den Menschen oder auf die Erde bezogen wird. Ist von dieser die Rede, so war natürlich immer der reale, räumliche Mittelpunkt gemeint. Dagegen auf die Menschheit angewandt hat das Wort eine stark figürliche Bedeutung, in dem Sinne, wie man etwa eine leitende Persönlichkeit die Seele und den Mittelpunkt einer Gesellschaft zu nennen pflegt. Der eigentliche Sinn ist also die Mitte, insofern sie als das Höchste und Hervorragendste, als das alles andere Bestimmende, als anziehender Kern und als geistiger Schwerpunkt angesehen wird.

Daher begreift der anthropozentrische Standpunkt den Menschen als die Spitze der gesamten Entwicklungsreihe der organischen Bildungen auf der Erde, und dann überhaupt als die Krone der Schöpfung. Sobald jedoch der Erdball nicht im nächsten Sinne als Planet, sondern seiner weiteren Bestimmung nach als Träger des menschlichen Geistes betrachtet wird und sobald der Geist in seiner Einheit sowohl als einzelner mit dem Leib, wie als Menschheit mit ihrem planetarischen Wohnhaus erscheint, dann entzieht sich die oben berührte Verschiedenheit in der Auffassung des Begriffs des  Zentrums  jeder schärferen Kontrolle. Deutlich übrigens ist, wie nahe der anthropozentrische Standpunkt demjenigen verwandt ist, welcher den Menschen als Ziel und Zweck der planetarischen Entwicklung betrachtet.

Gegen diese, die sogenannte teleologische Weltanschauung hat sich der beständige Gegner derselben, der von DARWIN mit neuer Rüstung bewehrte Materialismus, in verstärkter Macht erhoben.

Welche Gestalt diese neue Phase des uralten Zwiespaltes auch annehmen mag, darin sind beide Richtungen einverstanden, daß der Mensch einmal die Höhe und Spitze der organischen Bildungen ist.

Abgesehen vom gegensätzlichen Unterschied der Wege, auf welchen beide das Ziel erreicht werden lassen, hier Mechanismus und zufälliges Entstehen in kausaler Folge, dort Geist und planvolle Schöpfung, gehen sie auch darin auseinander, daß jene Richtung den Menschen nicht für alle Zeit als Spitze gelten lassen will, sondern daß sie über ihn hinaus dereinst höhere Stufen in Aussich stellt, während diese dagegen nach ROKITANSKYs bündigem Ausdruck "mit Menschen von unserem Schlag Halt macht" (Almanach der Wiener Akademie der Wissenschaften 1869, Seite 201).

Eine Spitze, über welche als obersten Punkt und als höchste Stufe ein Hinausgehen für nicht möglich gehalten wird, ist die wirkliche Spitze und zugleich derjenige Punkt einer Reihe, welcher alle bis zu ihm durchlafenden Stufen in sich begreift und deren Wahrheit ist.

Denn die Spitze ist eine von den vorhergehenden nicht etwa nur graduell verschiedene Stufe, sondern sie ist qualitativ von ihnen unterschieden, nicht eine Stufe, von der aus eine noch höhere zu ersteigen ist, sondern sie ist das nur einmal vorhandene Höchste, um dessentwillen Stufen überhaupt da sind. Wie die Spitze also keine Stufe im Sinne der Vorstufen ist, wie in ihr der Begriff der Stufe schlechthin aufhört, so ist der Schluß der organischen Entwicklung nicht ein Tier, sondern eben der Mensch.

Der Mensch ist nicht eine Sprosse an der animalen Stufenleiter, er ist vielmehr, wie gesagt, als letzte Sprosse nicht die Sprosse zu einer folgenden und hört demnach, aufhörend Sprosse zu sein, überhaupt auf, Tier zu sein. Er ist der allen Vorstufen immanente, erreichte Zweck, gleichsam das Idealtier! Ist ohne Grundlage keine Spitze denkbar, ohne Spitze kein Unterbau, ohne Tier kein Mensch, ohne Mensch kein Tier, so bleibt nur die Annahme übrig, daß die Idee des Menschen Mutter und Urgrund alles Lebendigen ist.

Der Kampf zwischen den genannten beiden Richtungen der organischen Entwicklungstheorie wird nicht eher einen Ruhepunkt finden, bis er alle Gebiete des menschlichen Tuns und Denkens durchdrungen und befruchtet haben wird. Die LAMARCK'sche, von DARWIN erneuerte Deszendenzlehre [Abstammungslehre - wp] ist die wissenschaftliche Tagesfrage. Sie zählt ihre vornehmsten Vertreter und Gegner bald unter den Naturforschern, bald unter den Philosophen, je nach dem starr festgehaltenen Gegensatz von Natur und Geist, und macht ihre Bedeutung in allen besonderen Gebieten der beiden großen Heerlager geltend. Religion, Kunst, Recht, Ethik scheinen bis in die Grundvesten von ihr erregt, ja sogar aus dem Bereich der Sprachwissenschaft wird von einer namhaften Autorität, LAZARUS GEIGER, dem Verfasser des Werkes "Über Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft", der Anspruch auf die Priorität vor DARWIN erhoben; in dem Buch "Physics and Politics" werden von WALTER BAGEHOT die Prinzipien der natürlichen Auswahl und der Vererbung auf die politische Gesellschaft, und von DUPREL wird der Kampf ums Dasein sogar auf die kosmischen Vorgänge angewandt.

Ohne diesen Kampf selbst näher zu treten, begnügen wir uns mit der Stellung auf dem mehr neutralen Gebiet des zuerst 1812 von JOHANN FRIEDRICH MECKEL in Halle ausgesprochenen  biogenetischen Grundgesetzes,  wonach die von der organischen Entwicklungslehre ermittelten Tatsachen sich den Hauptzügen nach im embryonischen Dasein des Menschen bemerkbar machen.

Das biogenetische Grundgesetz ist nach ERNST HÄCKEL kurz mit dem Satz auszudrücken: "Die  Keimesgeschichte  ist ein Auszug der  Stammesgeschichte;  oder mit anderen Worten: die  Ontogenie  ist eine kurze Rekapitulation der  Phylogenie;  oder etwas ausführlicher: die Formenreihe, welche der individuelle Organismus während seiner Entwicklung von der Eizelle an bis zu seinem ausgebildeten Zustand durchläuft, ist eine kurzgedrängte Wiederholung der langen Formenreihe, welche die tierischen Vorfahren desselben Organismus (oder die Stammformen seiner Art) von den ältesten Zeiten der sogenannten organischen Schöpfung an bis auf die Gegenwart durchlaufen haben."

Die Tiergeschlechter sind demnach die nach Zeit und Räumlichkeit unbestimmbar weit auseinander gerückten Stufen des organischen Gesamtlebens. Andererseits enthält das Dasein des Menschen vor seiner Geburt die freilich nur nach jenen Hauptstationen erkennbaren, in das embryonische Wachstum des einzelnen Menschen vergleichweise bis auf ein Minimum von Zeit- und Raumgröße zusammengedrängten Vorstufen der organischen Entwicklung. "Alle die Formen," sagt GUSTAV JÄGER, "die seiner Zeit als ausgebildete Geschöpfe der Erde bevölkerten, hat die Natur in mehr oder weniger treuer Kopie verlegt in den Entwicklungsgang des Individuums und zeigt uns dieselben heute noch als vorübergehenden Embryonalzustan." (Die Wunder der unsichtbaren Welt, Seite 35)

In dieser Auffassung dürfte die LAMARCK-DARWINsche Lehre ein Verständnis gewinnen, welches frei ist von feindlichem Widerspruch gegen den Geist und seine Ziele. Sie behauptet Zwecke sowohl wie Entwicklung. Ob sie dazu berechtigt ist bei gleichzeitiger Annahme einer fatalistisch zufälligen Gestaltung der Materie, in der es immer nur Ereignisse, niemals Zwecke, nur Geschehen, nicht aber Entwicklung geben kann, soll vorerst nicht weiter in Betracht kommen. Wir akzeptieren Zwecke und Entwicklung und folgern weiter: Hat der Mensch die embryonalen Entwicklungsformen als seiner Gesamtentwicklung integrierend an sich, so hat er, überall und immer  omnia sua secum portans  [Das Ganze ist immer mit dabei. - wp], auch die im Embryo wenn auch nur andeutungsweise sich wiederholenden, nach ungeheuren Raum- und Zeitabständen auseinander gerückten Entwicklungsstufen der vorausgegangenen Tierwelt an sich und in sich. Das Licht dieser Erkenntnis ging umso später auf, als sie im einen Fall durch makroskopische, im andern durch mikroskopische Undeutlichkeit verschleiert war.

Wie in der embryonalen Zelle der erwachsene Mensch als Uranlage vorhanden ist, so ist die Idee des Menschen der Keim oder die Uranlage der ganzen organischen Schöpfung. Wie immer ist das Ziel zugleich der Uranfang, und der Uranfanf zugleich Zweck und Ziel der Entwicklung, diese selbst die Einheit eines Weiterschreitens sowohl nach rückwärts wie nach vorwärts - die alte schon von ARISTOTELES ausgesprochene Wahrheit: "Das der Entstehung nach Spätere ist der Idee und der Substanz nach das Frühere."

Der Mensch steht also ganz in demselben Zusammenhang mit der Tierwelt, wie mit dem embryonalen Stadium seines Daseins, und für die Menschheit im Großen ist das animalische Reich dasselbe Vorleben wir für das Individuum das embryonische. Der erwachsende Mensch hat ebensowenig eine eigenartige Abgeschlossenheit gegen den Embryo, wie dieser gegen jenen. Oder war der Mensch etwa nicht schon auf der Welt, ehe er "auf die Welt kam"? Wie der Embryo die Vorwelt des geborenen Menschen ist, so hat die Menschheit ihre Vorwelt an der Tierschöpfung, durch deren Stufen hindurch und aufwärts der Geist in immer höher gesteigerten Wandlungen der Materie sein Vorschreiten zur Spitze vollführt, auf der er, als Selbstbewußtsein sich erfassend, weiß, daß er Tier ist, und durch dieses Wissen aufhört, Tier zu sein. Wie den Menschen solches Wissen von der Naturnotwendigkeit über dieselbe erhöht, verherrlicht ein Ausspruch PASCALs: "Wenn auch das ganze Weltall sich bewaffnete, um ihn zu vernichten, so wäre der Mensch, dieses schwache Wesen, doch mehr als das, was ihn zerschmettert, weil er weiß, daß er sterben muß."

Es scheint mir nicht unpassend, eine diesen Gegenstand berührende Stelle aus meiner "Philosophischen Erdkunde", Seite 82f, hier zu wiederholen:
    "Der Mensch ist der Generalabschluß einer ganzen großen Stufenfolge von unorganischer und organischer Kreatur, worin die erste unvollkommenste Form ebensowenig fehlen dar, wie die letzte annähernd menschliche. Würde doch der Mensch außer Zusammenhang und Beziehung mit und zu seinen natürlichen Vorstufen eine Art physischem Abstraktum sein! Er ist vielmehr im allseitigen Verband mit der ganzen Natur und verwandtschaftlich von ihr durchwachsen, der konkrete Mikrokosmos.

    Man kann wohl fragen, was dem Menschen zukommt, insofern er überhaupt ein natürlicher Organismus ist, nicht aber, was ihm zukomme, insofern er ein Fisch oder ein Vogel sei. Er ist nicht aus dem Tier, sondern nach dem Tier. Nur die Zeitfolge bringt ihn einer einzelnen Tierspezies näher, sein innerer Zusammenhang mit dem Ganzen ist ein unlösbarer, keine Teilung zulassender. Die Erde heißt die Mutter des Menschen; wir sehen, wie vielmehr die Idee der Menschheit die Mutter alles Irdischen ist.

    So ist dann der Mensch das ordnende Prinzip in der Natur. Die Natur soll nicht über dem Menschen stehen wie im Altertum, aber der Mensch soll sich auch nicht zu hoch erheben, über ihr dünken wie im Mittelalter, sondern soll zum Bewußtsein kommen, daß er ihr Wesen und ihre Wahrheit ist, und daß er seine Aufgabe nicht in Geringschätzung und in Feindschaft gegen sie, sondern nur dadurch lösen kann, daß er in sie einzudringen und sie zu begreifen strebt.

    Insofern der Mensch fähig ist, die Erscheinungen des Naturlebens zu ergründen, wird er sich seines eigenen Wesens immer mehr bewußt, und erkennt, daß die Entwicklung des "In uns" nach denselben Gesetzen vor sich geht, wie diejenige des "Außer uns". Zugunsten der Selbsterkenntnis hat die Sprache durch den Ausdruck  Natur des Geistes  in eins gefügt, was nur zu oft in dualistischer Schärfe als geradezu im Widerspruch mit sich selbst dargestellt wird."
Was der Mensch ist, beantwortet der Mensch; was das Tier ist, beantwortet kein Tier.

Auf diesem Punkt hört die objektive graduelle Verschiedenheit in der organischen Natur auf und beginnt des Menschen subjektive wesentliche Selbstunterscheidung seiner als Abschluß und Spitze der zu ihr führenden Stufenreihe.

Um uns nicht auf den Streit einzulassen, den eine Art Koketterie zugunsten der Tiere angeregt hat, wollen wir es über uns bringen, vorläufig alle ihnen beigelegten nahezu menschlichen Eigenschaften zuzugeben. Gemeines Bewußtsein, Sprache, Rechtsgefühl, Bildung allgemeiner Begriffe, Anlage für Musik und Baukunst, ja Sittlichkeit und soziale Vervollkommnung, und was sonst noch eine moderne Tierpsychologie an Erweiterungen hinzugefügt haben mag - alle diese Vorzüge lassen wir zunächst dahingestellt sein, um ungehindert durch dieses anthropologische Wirrsal, die Prüfung jener Schranke, welche ein für allemal den Menschen vom Getier unterscheidet, die Schranke des  Selbstbewußtseins aufzunehmen.

Wie verschieden auch die Untersuchungen über das Bewußtsein und seine stufenweise Entwicklung in den Resultaten auseinandergehen mögen, so herrscht doch wenigstens darin vollkommene Übereinstimmung, daß das Unbewußte, das Bewußte und das Selbstbewußte der menschlichen Natur, als genetische Folge von Übergängen aus dem Dunklen zum Helleren, sich das Eine an das Andere anschließt, und zwar so, daß das Frühere in einem gleichzeitigen Fortbestand mit dem Höheren enthalten ist und wirksam in ihm bleibt.

Was zunächst das Bewußte angeht, zu welchem sich das Unbewußte und das Selbstbewußte wie Vorbewußtes und Nachbewußtes verhalten, so ist es, als Wissen des Individuums von einer Welt außer ihm durch die sinnliche Wahrnehmung vermittelt, das Verhältnis von wahrnehmendem Subjekt und wahrgenommenem Objekt.

Während in dem Zustand, der dem Erwachen des Bewußtseins vorhergeht, die Unterscheidung von einem innerlich Wahrnehmenden und einem äußerlich Wahrgenommenen überhaupt noch nicht vorhanden ist, liegt dagegen auf der Stufe des Selbstbewußtseins der Gegenstand der Wahrnehmung im Inneren des Subjekts, ist selbst ein Innerliches, das Ich konstituierend, welches, ohne fernere unmittelbare Vermittlung der Sinne, wahrnehmend und wahrgenommen sich selbst Gegenstand ist.

Denn die Außendinge, als Objekte des Bewußtseins, kehren, insoweit sich der Mensch in ihnen selbst erklärt vorfindet, in sein Inneres ein, werden zu einem Innerlichen, erlösen nicht minder aus dem Traum des Unbewußten, als vom dualistischen Bann eines Äußeren und Inneren das Ich, in welchem Wissen und Gewußtes, Subjekt und Objekt, als Selbstbewußtsein Eins sind.

Das  Selbstbewußtsein  erweist sich demnach als Resultat eines Prozesses, in welchem das Wissen von einem Äußeren zu einem Wissen von einem Inneren umschlägt.

Dieses Wissen, wieder auf das Äußere sich kehrend, und dessen Kenntnis erweiternd, gibt nun wiederum neue Aufschlüsse über das Innere und produziert in dem endlosen hin und her der Orientierung über die Welt und der Selbstorientierung überhaupt den Inhalt allen Wissens, die  Wissenschaft

Man hat sich vor allem über den Begriff  "Außenwelt"  vollständig klar zu werden. Das "In uns" und das "Außer uns" ist selbst für die Sinnesauffassung nicht so glatt geschieden, wie gewöhnlich angenommen wird. Hier gibt es ein streitiges Grenzgebiet. Das Ich diktiert, was ihm, je nach gegebenen Relationen, als Außen gilt.

Einmal beansprucht das nur in einem bestimmten leiblichen Organismus oder vielmehr nur als Organismus existierende Ich den gesamten leiblichen Gliederbestand als Innenwelt, ein andermal erklärt es Hand und Fuß zur Außenwelt gehörig, für  "Extremitäten",  welche gleich anderen natürlichen Dingen, Steinen etwa und Pflanzen, ebenfalls sinnlich wahrgenommen werden.

Und doch gehört ohne Frage der ganze Leib auch wieder zur inneren Welt. Wird auch das Gehirn als alleiniger Denksitz angesehen, als das intellektuelle Innere, so dürfen darum z. B. Herz und Rückenmark nicht außer Acht bleiben, denn nimmermehr vermag ein Gehirn für sich allein zu denken, ihm hilft ja der  ganze Organismus  unbewußt mitdenken!

Zunächst ist für uns wichtig eine andere Unterscheidung im Begriff "Außenwelt", sofern für diese übliche Bezeichnung "Natur" keineswegs ausreicht.

Zur Außenwelt des Menschen gehören nämlich eine Menge Dinge, welche, abgesehen davon, daß die Natur allerdings das Material für sie liefert, mehr Menschen- als Naturwerke sind, und welche als Kunstprodukte im Unterschied von Naturprodukten den Inhalt der Kulturwelt ausmachen. Was außerhalb des Menschen ist, besteht demnach aus Natur-  und  Menschenwerk.

Die unmittelbar sinnliche Wahrnehmung der Dinge kommt auch dem Tier zu. Was es aber sieht und hört, wittert und verzehrt, bleibt ihm unbegriffen, ein schlechthin Anderes und Fremdes, ein Gegensatz, in welchem es ewig verharrt.

Der Mensch kommt über den Gegensatz dadurch hinweg, daß er seiner Uranlage gemäß befähigt ist, die ihm gleich den Tieren verliehene Sinnesbegabung durch eine mechanische Unterstützung, seiner Hände Werk, produktiv und rezeptiv bis ins Unendliche zu erweitern. er hat sich mit den Dingen zu befassen, mit ihnen zu hantieren, hat die Materie je nach seinem Nutzen und subjektiven Bedürfnis zu gestalten. Dabei sind Bewußtes und Unbewußtes gleichmäßig tätig; jenes in der bestimmten Absicht, einem Mangel des Augenblicks abzuhelfen, dieses, ohne deutliches Vorstellen und Wollen, die Form der Abhilfe bestimmend.

Von den ersten rohen Werkzeugen, geeignet die Kraft und Geschicklichkeit der Hand im Verbinden und Trennen materieller Stoffe zu steigern, bis zu dem mannigfaltigst ausgebildeten "System der Bedürfnisse", wie es eine Weltausstellung gedrängt vorführt, sieht und erkennt der Mensch in all diesen Außendingen, im Unterschied von den unveränderten Naturobjekten, Gebilde der Menschenhand, Taten des Menschengeistes, den sowohl unbewußt findenden, wie bewußt erfindenden Menschen - sich selbst.

Es geschieht dies in zweifacher Weise. Einesteils ist jedes Werkzeug im weiteren Sinne des Wortes als Mittel der Erhöhung der Sinnestätigkeit die einzige Möglichkeit, um über die unmittelbare oberflächliche Wahrnehmung der Dinge hinauszugelangen, anderenteils steht es als Werk der Tätigkeit von Hirn und Hand so wesentlich in innerster Verwandtschaft mit dem Menschen selbst, daß er in der Schöpfung seiner Hand ein Etwas von seinem eigenen Sein, seine im Stoff verkörperte Vorstellungswelt, ein Spiegel- und Nachbild seines Inneren, kurz einen Teil von sich, vor seine Augen gestellt erblickt.

Da aber das Selbst, wie oben gezeigt wurde, nur in einem Leib "leibt und lebt", so kann diese vom Menschen ausgehende äußere Welt mechanischer Werktätigkeit auch nur als reale Fortsetzung des Organismus und als Hinausverlegung der inneren Vorstellungswelt begriffen werden.

Eine derartige Aufnahme dieses die Gesamtheit der Kulturmittel umfassenden Gebietes der Außenwelt ist ein tatsächliches Selbstbekenntnis der Menschennatur und wird durch den Akt der Zurücknahme des Abbildes aus dem Äußeren in das Innere zur - Selbsterkenntnis

Es geschieht dies dadurch, daß dem Menschen beim Gebrauch und bei vergleichender Betrachtung der Werke seiner Hand durch eine wahrhafte Selbstschau die Vorgänge und Gesetze seines unbewußten Lebens zu Bewußtsein kommen. Denn der unbewußt dem organischen Vorbild nachgeformte Mechanismus dient seinerseits wieder nach rückwärts als Vorbild zur Erklärung und zum Verständnis des Organismus, dem es seinen Ursprung verdankt.

Nur auf diesem Umweg der selbsttätigen Erschaffung ihrer Kulturmittel feiert die Menschheit ihre Selbsterlösung aus dem gemeinen Empfindungsbewußtsein zum höheren Denk- und Selbstbewußtsein.

Nach dem Gesagten unterscheiden wir also am Werkzeug den äußeren Zweck und die innere Konzeption seiner Herstellung. Jener liegt bewußt vor, diese erfolgt unbewußt, dort waltet Absicht, hier instinktives Tun. Beide Seiten aber begegnen sich und sind eins in der Zweckmäßigkeit. An den zur Erreichung des Zwecks in Anspruch zu nehmenden Gliedern des Organismus geschieht das Messen, indem dieser die Maße für die Brauchbarkeit -  die Gliedmaßen  - liefert.

Die Prüfung etwaiger Unzulänglichkeit und das Streben nach weiterer Vervollkommnung des Werkzeugs führt erst zur Vergleichung des Zwecks mit der die Maße und Verhältnisse gebenden Leiblichkeit, dann zur Entdeckung der unbewußt in der Konzeption ausgeführten Anpassung des herzustellenden Werkzeugs an die im leiblichen Organismus waltende Regel der Funktionsbeziehungen, und schließlich zu der Gewißheit, daß alle Kulturmittel, mögen sie grob-materieller oder feinster Konstruktion sein, durchaus nichts anderes sind als Organprojektionen.

Das sogenannte "Zeug" des Handwerkers, die Instrumente der Kunst, die Apparate der Wissenschaft zum Messen und Wägen kleinster Teile und Geschwindigkeiten, selbst die durch menschliche Töne und Rede in Bewegung gesetzten und formierten Luftwellen gehören folgerichtig in die Kategorie der in Materie geformten Projektion, die ich ohne Rücksicht darauf, ob die Physis oder die Psyche oder beide in monistischer Auffassung vorwiegend betont werden, richtig als  Organprojektion  bezeichnet zu haben glaube.

Ein  Rückblick  auf das Bisherige ergibt nunmehr folgendes Resultat:

Ausgehend von dem erst durch eine volle Würdigung der Leiblichkeit zustande kommenden Begriff der Selbsterkenntnis und von der Berechtigung des Menschen, bei seiner Orientierung über die Welt sich als alleinigen Maßstab der Dinge zu verwenden, "auf welche", nach BERGMANNs treffendem Ausdruck, "als Nicht-Ich vom Ich idealiter von vornherein gleichsam Beschlagt gelegt ist" (Philosophische Monatshefte, Bd. 3), verfolgten wir das Verhältnis von Physiologie und Psychologie bis zur psychophysischen Spitze. Wir erwogen sodann den anthropozentrischen Standpunkt in seinem Übergang vom sinnlichen Schein in das ideale Gebiet der teleologischen Weltanschauung, welche am selbstbewußten Menschen Beginn und Ziel der kosmischen Entwicklung mißt. Nachdem hierauf das Selbstbewußtsein, aufgrund seiner Unterscheidung vom Unbewußten und vom Bewußtsein, in seinem Zustandekommen durch die äußere Welt der Objekte, in deren Bereich namentlich die freien mechanischen Gestaltungen gehören, beleuchtet war, erfolgte der Rückschluß auf die Menschenhand, aus der alles Gerät und Werkzeug hervorgeht, und überhaupt auf den leiblichen Organismus, der, wie er sich selbst aufbaut, stets auch nur sich selbst produziert und projiziert, nach dem Ursatz, daß aus Jeglichem immer nur das, was in ihm liegt, heraustreten kann!

Möge es der nun folgenden Ausführung gelingen, einen neuen tatsächlichen Ausgangspunkt für die Erkenntnislehre festzustellen, indem sie der Wahrheit Anerkennung zu verschaffen beabsichtigt, daß die Kulturwelt in ihrer Rückbeziehung auf das projizierende menschliche Selbst allein geeignet ist, weiteres Licht über das geheimnisvolle Dunkel zu verbreiten, in welches die wichtigsten Vorgänge des organischen Lebens immer noch gehüllt sind. In zweiter Instanz an den Dingen sich messend, erkennt der Mensch sich als das Maß der Dinge in erster Instanz!
LITERATUR: Ernst Kapp - Grundlinien einer Philosophie der Technik, Braunschweig 1877