ra-3W. LexisLe BonA. F. Lüdervon RümelinC. G. HempelA. Wagner    
 
ADOLPHE QUETELET
Versuch einer
Physik der Gesellschaft


"Diese Gesetze haben nach der Art, wie man sie ausgemittelt hat, nichts Individuelles mehr an sich, und deshalb wird man sie auch nur unter gewissen Einschränkungen auf die Individuen anwenden können. Jede Anwendung, welche man davon auf einen einzelnen Menschen machen wollte, wäre ansich unrichtig; ebenso, wie es ein Irrtum wäre, wenn man die Zeit, wann eine Person sterben wird, nach den Mortalitätstafeln bestimmen wollte."

"Der Mensch, wie ich ihn hier betrachte, ist in der Gesellschaft dasselbe, was der Schwerpunkt in den Körpern ist; er ist das Mittel, um das die Elemente der Gesellschaft oszillieren; er ist, wenn man so will, ein fingiertes Wesen, bei dem alle Vorgänge den in Beziehung auf die Gesellschaft resultierenden mittleren Ergebnissen entsprechen werden. Wenn man die Grundlagen einer Physik der menschlichen Gesellschaft einigermaßen feststellen will, so muß man den Menschen von diesem Gesichtspunkt auffassen, ohne sich mit den besonderen Fällen, noch bei den Regelwidrigkeiten aufzuhalten, und ohne zu untersuchen, ob dieses oder jenes Individuum hinsichtlich einer seiner Fähigkeiten eine mehr oder weniger hohe Entwicklungsstufe erreichen kann."


Vorrede des Herrn Verfassers

Das Werk, welches ich hier dem Publikum übergebe, enthält gewissermaßen eine gedrängte Zusammenstellung aller meiner früheren statistischen Untersuchungen. Es besteht aus zwei wohl unterschiedenen Abteilungen: die ersten drei Bücher geben nur Tatsachen; das vierte enthält meine Ansichten über die Theorie des mittleren Menschen und über den gesellschaftlichen Organismus. Dieser letztere Teil ist ganz unabhängig vom ersteren; ich habe mir Mühe gegeben, mich dabei möglichst kurz zu fassen, vielleicht in einem solchen Maße, daß ich nicht ganz der Besorgnis enthoben bin, in der Darlegung einer Theorie, die gegen manche Ansichten wird anstoßen können, nicht recht verstanden zu werden. Indessen glaube ich voraussetzen zu dürfen, daß man in diesen Untersuchungen einigen Reiz und die natürliche Lösung von manchen wichtigen Fragen, die in neuester Zeit vielfach verhandelt worden sind, finden wird. Welche Meinung man sich übrigens über dieselben bilden mag, so habe ich jedenfalls für meine mehrjährigen mühsamen Arbeiten eine süße Belohnung gefunden in dem freundschaftlichen Verkehr, in den ich durch dieselben mit den meisten Gelehrten, deren Werke die Fortschritte der Statistik vorzüglich gefördert haben, gekommen bin; auch übergebe ich ihnen diese Untersuchungen als einen Beweis meiner Erkenntlichkeit.



Einleitung

I. Von der Entwicklung des Menschen in
körperlicher und geistiger Beziehung

Die Geburt, die Entwicklung und der Tod des Menschen erfolgen nach gewissen Gesetzen, die bis jetzt nie gemeinschaftlich und in ihrer Wechselwirkung aufeinander untersucht worden sind. Die Materialien, die uns die mit dem Menschen sich beschäftigende Wissenschaft liefert, sind fast sämtlich nur mehr oder weniger vollständige Untersuchungen über einzelne von jenen Gesetzen, aus vereinzelten Beobachtungen abgeleitete Folgerungen und Theorien, die sich oft bloß auf oberflächliche Bemerkungen stützen. Indessen waren seit fast zwei Jahrhunderten die Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse für mehrere ausgezeichnete Gelehrte der Gegenstand anhaltender Studien; sorgfältig hat man dem Einfluß der Verschiedenheit des Alters, des Geschlechts, des Berufs, des Klimas und der Jahreszeiten auf die Geburten und auf die Sterbefälle nachgeforscht; bei der Beschäftigung mit der Lebensfähigkeit des Menschen unterließ man jedoch das Studium seiner körperlichen Entwicklung voranzustellen; es fehlt an Untersuchungen, die uns seine Zunahme im Hinblick auf Gewicht oder Wuchs, die Entwicklung seiner Stärke, der Sensibilität seiner Organe und seiner übrigen physischen Fähigkeiten, in Zahlen ausgedrückt, erkennen ließen; man hat weder das Alter, in welchem seine Fähigkeiten ihre höchste Energie erreichen, so wie das, in welchem sie abzunehmen beginnen, ermittelt, noch ihre Werte in Bezug auf die verschiedenen Lebensalter, noch die Art ihrer Einwirkung aufeinander, noch die Einflüsse, die sie modifizieren. Noch weniger hat man daran gedacht, die fortschreitende Entwicklung des Menschen in moralischer und intellektueller Beziehung zum Gegenstand der Untersuchung zu wählen und zu sehen, welchen Einfluß in den verschiedenen Lebensaltern der physische Mensch auf den Geist ausübt, und wie er selbsttätig darauf einwirkt. Dieses schöne Feld für Untersuchungen ist bis zu diesem Zeitpunkt unbebaut geblieben.

Es versteht sich, daß ich hierbei nicht die spekulativen Wissenschaften im Auge habe, die schon seit langer Zeit mit einem bewundernswerten Scharfsinn sich mit den meisten Problemen beschäftigt haben, welche ihnen zugänglich waren, und deren Lösung sie unmittelbar, und ohne sich in Rechnungen einzulassen, versuchen konnten. Die Lücke, welche noch auszufüllen ist, betrifft die Erfahrungswissenschaften; mag Mißtrauen gegen die eigenen Fähigkeiten, oder Abneigung gegen die Ansicht, daß dasjenige, was als bestimmten Gesetzen sich richten kann, der Grund davon gewesen sein, kurz: seit man sich mit den Erscheinungen der geistigen Natur des Menschen zu beschäftigen anfing, glaubte man dabei vom Weg abgehen zu müssen, den man sonst bei der Untersuchung der Naturgesetze einschlug. Übrigens muß man zugeben, daß anthropologische Beobachtungen mit zu großen Schwierigkeiten verknüpft sind und, um Vertrauen zu verdienen, in einem zu großen Maßstab angestellt werden müssen, als daß sich einzelne Gelehrte für sich damit befassen könnten. Auch darf man sich nicht wundern, daß es noch an bestimmten Beobachtungen über das Wachstum des Menschen in Rücksicht auf sein Gewicht und seinen Wuchs, von seiner Geburt an durch die verschiedenen Lebensalter hindurch, fehlt, daß man ebensowenig die Entwicklung seiner Muskelkräfte kennt, und daß man sich in Bezug auf so interessante Gegenstände noch mit allgemeinen Bemerkungen begnügen muß.

Die Untersuchung der geistigen Entwicklung, besonders die Art, wie sie bestimmt werden kann, scheint noch größere Schwierigkeiten zu bieten. Allerdings sind diese Schwierigkeiten vorhanden, aber, wie wir später sehen werden, mehr dem Anschein nach als in der Wirklichkeit.

Hinsichtlich der körperlichen Entwicklung räumt man gerne ein, daß sie von natürlichen Einflüssen abhängt und nach bestimmten Gesetzen vor sich geht, die in einzelnen Fällen nachgewiesen, selbst in Zahlen ausgedrückt werden können. Aber sobald es sich von der geistigen Seite des Menschen handelt, von Fähigkeiten, bei deren Ausübung des der Vermittlung des Willens bedarf, verhält es sich anders; es scheint selbst widersinnig zu sein, überall Gesetze suchen zu wollen, wo ein so launischer und so unregelmäßiger Einfluß mit im Spiel ist. Deshalb sieht man sich bei den Forschungen über den Menschen gleich von vornherein durch eine Schwierigkeit aufgehalten, die nicht zu überwinden scheint. Diese Schwierigkeit hängt vorzüglich mit der Lösung einer Frage, die wir sogleich erörtern wollen, zusammen.


II. Erfolgen die Handlungen des Menschen
nach bestimmten Gesetzen?

Eine solche Frage läßt sich unmöglich a priori beantworten; will man mit Sicherheit zu Werke gehen, so muß ihre Lösung in der Erfahrung gesucht werden.

Vor allem müssen wir vom einzelnen Menschen abstrahieren, wir dürfen ihn nur als einen Bruchteil der ganzen Gattung betrachten. Indem wir ihn seiner Individualität entkleiden, beseitigen wir alles, was zufällig ist; und die individuellen Besonderheiten, die wenig oder gar keinen Einfluß auf die Masse haben, verschwinden von selbst und lassen uns zu allgemeinen Ergebnissen gelangen.

So würde - um unsere Art zu Werke zu gehen an einem Beispiel zu veranschaulichen - derjenige, welcher einen kleinen Abschnitt von einer auf einer Ebene verzeichneten, sehr großen Kreislinie ganz in der Nähe betrachten würde, in diesem Bruchstück nichts als eine gewisse Anzahl mehr oder weniger bizarr, mehr oder weniger willkürlich und (wenn die Linie auch mit der größten Sorgfalt gezeichnet worden ist) gleichsam auf das Geratewohl zusammengestellte Punkte erkennen. Aus größerer Entfernung würde sein Auge eine größere Anzahl von Punkten überblicken, er würde schon sehen, wie sie auch einem Bogen von gewisser Ausdehnung regelmäßig verteilt sind; bei noch weiterer Entfernung würde er bald die  einzelnen  Punkte aus dem Auge verlieren, er würde die bizarre Zusammenstellung, welche sie zufällig darbieten, nicht mehr bemerken, sondern das Gesetz ihrer Vereinigung zu einem Ganzen auffassen und die Natur der gezogenen Kreislinie erkennen. Man könnte sich selbst den Fall denken, daß die verschiedenen Punkte der Kreislinie, anstatt materielle Punkte, kleine beseelte Wesen wären, die in einer sehr beschränkten Sphäre nach einem freien Willen handeln könnten, ohne daß diese freiwilligen Bewegungen noch zu bemerken wären, sobald man sich in eine hinreichende Entfernung stellen würde.

Auf diese Weise werden wir die Gesetze, welche das menschliche Gesetz betreffen, untersuchen; denn sobald man sie in zu großer Nähe betrachtet, wird es unmöglich, sie zu erfassen, und man ist nur mit den unzähligen individuellen Besondernheiten beschäftigt. Selbst in dem Fall, daß die Individuen einander vollkommen gleich wären, könnte es geschehen, daß man bei einer Betrachtung derselben im Einzelnen nie die interessanten Gesetze erkennen würde, denen sie unter gewissen Umständen unterworfen sind, so würde derjenige, welcher den Gang der Lichtstrahlen nur immer in einzelnen Wassertropfen beobachtet hätte, sich mit Mühe zum Verständnis der glänzenden Erscheinung des Regenbogens erheben; vielleicht würde ihm nicht einmal ein Gedanke daran kommen, wenn er sie nicht zufällig einmal unter günstigen Umständen beobachten würde.

Was wüßten wir von den Gesetzen der Sterblichkeit beim menschlichen Geschlecht, wenn man immer bloß Individuen ins Auge gefaßt hätte? Statt der bewundernswerten Gesetze, nach welchen sich dieselbe richtet, würden wir jetzt nur eine Reihe von Tatsachen ohne Zusammenhang besitzen, aus denen wir nicht einmal irgendeine Ordnung im Gang der Natur ahnen lassen würden.

Was wir hier in Bezug auf die Mortalität des Menschen bemerken, gilt auch von seinen körperlichen Fähigkeiten und selbst von seinen geistigen Vermögen. Wollen wir zur Erkenntnis der allgemeinen Gesetze, nach welchen sich diese letzteren richten, gelangen, so müssen wir eine hinreichende Anzahl von Beobachtungen vereinigen, damit alles bloß Zufällige daraus ausgeschieden wird. Könnte man, um diese Untersuchung zu fördern, alle Handlungen der Menschen aufzeichnen, so könnte man wohl darauf gefaßt sein, daß die Zahlen von Jahr zu Jahr in ebenso weiten Grenzen oszillieren würden wie die Launen des Willens. Allein die Beobachtung belehrt uns, daß dem nicht so ist, zumindest nicht in Bezug auf diejenige Klasse von Handlungen, hinsichtlich deren man bis jetzt Zusammenstellungen vornehmen konnte. Ich führe nur ein einziges Beispiel an, das jedoch der Beachtung der Philosophen in hohem Grade wert ist.

Bei den Verbrechen kehren in allen Beziehungen dieselben Zahlen mit einer solchen Beständigkeit wieder, daß man diese unmöglich verkennen könnte, selbst bei solchen Verbrechen, die, wie es scheint, am meisten außerhalb des Bereichs jeder menschlichen Vorausberechnung liegen sollten, wie die Tötungen, da sie in der Regel infolge von Streitigkeiten stattfinden, welche ohne Vorbedacht und unter anscheinend ganz zufälligen Umständen entstehen. Indessen lehrt die Erfahrung, daß nicht allein die Zahl der vorgekommenen Tötungen von Jahr zu Jahr fast ganz dieselbe bleibt, sondern daß auch die Werkzeuge, welche dazu dienen, sie zu vollbringen, fast immer dasselbe Verhältnis zeigen. Was soll ich nun noch von den Verbrechen reden, welche mit Vorbedacht ausgeführt werden.

Diese Bedingheit, mit der dieselben Verbrechen von Jahr zu Jahr in derselben Ordnung wiederkehren und dieselbe Strafe in denselben Verhältnissen nach sich ziehen, ist eine der merkwürdigsten Tatsachen, mit denen uns die Statistiker der Gerichtshöfe bekannt machen; ich habe mich in meinen verschiedenen Schriften besonders bemüht, sie zu beleuchten; unermüdlich bin ich Jahr für Jahr auf die Behauptung zurückgekommen:  Es gibt ein Budget, das mit einer schauerlichen Regelmäßigkeit bezahlt wird, nämlich das der Gefängnisse, der Galeeren und der Schaffote; hier vor allem sollte man auch Ersparnisse Bedacht nehmen;  und Jahr für Jahr haben die Zahlen meine Prophezeiungen gerechtfertig, so sehr, daß es vielleicht noch richtiger gewesen wäre, wenn ich gesagt hätte: Es gibt eine Abgabe, die der Mensch regelmäßiger bezahlt, als diejenige, welche er der Natur oder dem Staatsschatz entrichtet, es ist diejenige, die er dem Verbrechen zollt! Wie niederschlagend ist diese Tatsache für die Menschheit! Wir können im Voraus bestimmen, wie Viele die Hände mit dem Blut ihrer Nebenmennschen besudeln werden, wie Viele sich Fälschungen, wie Viele sich Vergiftungen werden zu Schulden kommen lasse, fast ebenso, wie man im Voraus die Geburten und Todesfälle, welche stattfinden werden, angeben kann.

Die Gesellschaft birgt in sich die Keime aller Verbrechen, die begangen werden sollen, zugleich mit dem zu ihrer Vollführung notwendigen Gelegenheiten.  Sie  ist es gewissermaßen, die diese Verbrechen vorbereitet, und der Schuldige nichts als das Werkzeug, das sie vollführt. Jeder gesellschaftliche Verband bedingt also eine gewisse Zahl und eine gewisse Ordnung von Verbrechen, welche fast wie eine notwendige Folge aus seiner Organisation entspringen. Diese Beobachtung, welche auf den ersten Blick entmutigend erscheinen kann, hat bei näherer Betrachtung etwas Tröstliches, indem sie auf die Möglichkeit hinweist, die Menschen durch eine Verbesserung der gesellschaftlichen Einrichtungen, der Sitten und Gebräuche, durch eine bessere Aufklärung und überhapt durch alles, was auf ihre Art zu leben Einfluß hat, zu bessern. Im Grunde erscheint sie nur als eine Verallgemeinerung eines Gesetzes, mit dem bereits alle Philosophen, welche die Gesellschaft nach ihren physischen Beziehungen zum Gegenstand ihrer Forschungen gemacht haben, gut bekannt waren, daß man nämlich, solange dieselben Ursachen bestehen, auf die Wiederkehr derselben Folgen gefaßt sein müsse. Der Grund, welcher zu der Ansicht veranlassen konnte, dieses Gesetz finde auf die geistigen Beziehungen des Menschen keine Anwendung, lag darin, daß man überhaupt zu allen Zeiten dem Menschen in allem, was seine Handlungen betrifft, zuviel eigenen Einfluß zugestand. Es ist in der Geschichte der Wissenschaften eine bemerkenswerte Tatsache, daß man, je aufgeklärter man wurde, umso mehr die dem Menschen zugeschriebene Macht schwinden sah. Der Erdball, dessen stolzer Besitzer er war, ist in den Augen des Astronomen zu einem unbemerkt im Weltraum schwebenden Stäubchen geworden; ein Erdbeben, ein Sturm, eine Überschwemmung reichen aus, in einem Augenblick ein ganzes Volk zu vertilgen oder das Werk von zwei Jahrtausenden zu vernichten. Wenn andererseits der Mensch bei seinen eigenen Handlungen mehr freie Hand zu haben scheint, so sieht man ihn doch jährlich einen regelmäßigen Tribut an Geborenen und Gestorbenen entrichten. In der Regelmäßigkeit, mit der die Verbrechen wiederkehren, sehen wir jetzt von Neuem die Grenzen des Feldes, auf dem er seine individuelle Tätigkeit entfaltet, sich verengen. Wenn aber jeder Fortschritt der Wissenschaften ihm einen Teil seiner Bedeutung zu entreißen scheint, so dient er zugleich dazu, uns einen höheren Begriff von der geistigen Macht zu geben, mittels deren der Mensch Gesetze ausfindig macht, die ihm für immer verhüllt zu sein scheinen; und in dieser Beziehung haben wir alles Recht, stolz zu sein.

Auf diese Art würden sich die Erscheinungen der geistigen Natur, sobald man sie im Großen betrachtet, gewissermaßen an die physischen Erscheinungen anreihen, und wir würden dahin gelangen, in dergleichen Untersuchungen das als leitenden Grundsatz voranzustellen,  daß die individuellen Besonderheiten in körperlicher und geistiger Beziehung umso viel mehr sich verwischen und die allgemeinen Bedingungen, auf denen der Fortbestand und die Erhaltung der Gesellschaft beruth, vorherrschen lassen, je größer die Zahl der zum Gegenstand der Beobachtung gewählten Individuen ist.  Nur wenigen mit außerordentlichen Geistesgaben ausgestatteten Menschen ist es vergönnt, einen merklichen Einfluß auf die ganze Gesellschaft auszuüben; und dieser Einfluß braucht dazu oft noch lange Zeit, um sich in vollem Maß geltend zu machen.

Wenn der modifizierende Einfluß der Menschen sich unmittelbar auf die ganze Gesellschaft erstrecken würde, so würde jede Vorherbestimmung unmöglich werden, und vergebens würde man in der Vergangenheit Lehren für die Zukunft suchen. Aber es ist dem nicht so; wenn wirksame Ursachen sich haben feststellen können, so üben sie selbst noch lange Zeit, nachdem man sie zu bekämpfen und zu beseitigen suchte, einen merklichen Einfluß aus; man wird deshalb nicht umsichtig genug zu Werk gehen können, wenn man sie nachweisen und die wirksamsten Mittel, sie auf eine nutzbringende Weise zu modifizieren, in Ausführung bringen will. Diese Rückwirkung des Menschen auf sich selbst ist eine seiner edelsten Eigenschaften; hier ist das schönste Feld, auf dem er seine Tätigkeit entfalten kann. Als Mitglied der menschlichen Gesellschaft erfährt er jeden Augenblick den Zwang der Ursachen und zahlt ihm seinen regelmäßigen Tribut; aber als Mensch beherrscht er durch den vollsten Gebrauch seiner geistigen Vermögen jene Einflüsse, modifiziert ihre Wirkungen und kann einem besseren Zustand sich zu nähern suchen.


III. Auf welche Weise sind die den Menschen
betreffenden Gesetze zu erforschen und zu erklären?

Wir haben soeben gesehen, daß der Mensch nicht allein in Beziehung auf seine körperlichen Fähigkeiten, sondern selbst in Bezug auf seine Handlungen unter dem Einfluß von Ursachen steht, die größtenteils etwas Regelmäßiges und Periodisches haben und ebenso regelmäßige und periodische Wirkungen nach sich ziehen. Durch fortgesetzte Forschungen kann man diese Ursachen und die Art, wie sie wirken, oder die Gesetze, deren Grundlage sie bilden, ausfindig machen; aber, wie schon bemerkt, muß man am Ende die Massen studieren, um aus den Beobachtungen alles Zufällige oder Individuelle zu entfernen. Die Wahrhscheinlichkeitsrechnung zeigt, daß unter übrigens gleichen Umständen man sich umso mehr der Wahrheit oder den Gesetzen, die man ergründen will, nähert, eine je größere Anzahl von Individuen den Beobachtungen zur Stütze dienen.

Diese Gesetze haben eben nach der Art, wie man sie ausgemittelt hat, nichts Individuelles mehr an sich, und deshalb wird man sie auch nur unter gewissen Einschränkungen auf die Individuen anwenden können. Jede Anwendung, welche man davon auf einen einzelnen Menschen machen wollte, wäre ansich unrichtig; ebenso, wie es ein Irrtum wäre, wenn man die Zeit, wann eine Person sterben wird, nach den Mortalitätstafeln bestimmen wollte.

Ähnliche Tafeln für besondere Fälle können nur mehr oder weniger approximative Werte geben, und die Wahrscheinlichkeitsrechnung zeigt auch hier, daß die abgeleiteten und die beobachteten Ergebnisse umso mehr in Übereinstimmung sind, je mehr Individuen sie umfassen. So bieten uns die Sterblichkeitslisten sehr sichere Ergebnisse, wenn man eine große Anzahl von Personen ins Auge faßt, obgleich sie uns nichts lehren, was sich unmittelbar auf ein Individuum anwenden ließe; auf solche allgemeine Resultate gründen die Versicherungsgesellschaften die Wohltaten, welche sie jährlich spenden.

Es handelt sich also darum, sich über die Natur und den Wert der Gesetze gut zu verständigen, die wir erforschen wollen; die ganze Gesellschaft ist es, die wir als Gegenstand unserer Untersuchung ins Auge gefaßt haben, und nicht die Besonderheiten, durch welche die sie zusammensetzenden Individuen sich unterscheiden. Diese Untersuchung ist besonders für den Philosophen und für den Gesetzgeber von Wichtigkeit; der Belletrist und der Künstler dagegen werden mehr jene Besonderheiten aufzufassen suchen, die wir aus unseren Folgerungen zu beseitigen uns bemühen und welche der Gesellschaft eine Physiognomie und etwas Pittoreskes [Malerisches - wp] geben.

Übrigens sind die Gesetze, nach welchen sich die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft regulieren, nicht wesentlich unveränderlich; sie können sich zugleich mit der Natur der Ursachen, denen sie ihre Entstehung verdanken, ändern; so haben die Fortschritte der Zivilisation eine Änderung der Gesetze der Sterblichkeit zur notwendigen Folge gehabt, wie sie auch auf die physische und moralische Seite des Menschen von Einfluß sein müssen. Die Tafeln, auf welchen man die Grade des Hanges zum Verbrechen in verschiedenen Lebensaltern verzeichnet hat, können sich allmählich modifizieren, obgleich sie seit mehreren Jahren fast ganz dieselben Ergebnisse geliefert haben; gerade auf diese Modifikationen müssen die Freunde der Menschheit ihr Augenmerk lenken. Das Studium der Gesellschaft, das wir im Auge haben, bezweckt, diesen wichtigen Gegenstand nicht ferner einer Art von Empirie zu überlassen, sondern die Mittel an die Hand zu geben, wodurch man die Ursachen, welche auch die Gesellschaft Einfluß ausüben, direkt erkennen, und selbst das Maß dieses Einflusses bestimmen kann.

Sind jene Ursachen einmal erkannt, so bemerkt man bei ihren Schwankungen keine Sprünge, wie wir schon bemerkt haben, sondern sie modifizieren sich allmählich. Durch die Kenntnis der Vergangenheit wird es möglich, über die nächste Zukunft zu urteilen; unsere Konjekturen [Vermutungen - wp] können sich oft selbst auf einen Zeitraum von mehreren Jahren erstrecken, ohne daß man befürchten müßte, daß die Zeit Ergebnisse liefern wird, welche gewisse Schranken überschreiten, die sich gleichfalls im Voraus bezeichnen lassen. Diese Einschränkungen erweitern sich natürlich umso mehr, je größer die Anzahl von Jahren ist, auf die sich unsere Vorherbestimmungen erstrecken.


IV. Von den Einflüssen, denen
der Mensch unterworfen ist

Die Gesetze, nach welchen sich die Entwicklung des Menschen richtet, und die seine Handlungen modifizieren, sind im Allgemeinen das Resultat seiner Organisation, seiner Bildungsstufe, seines Wohlstandes, seiner Institutionen, der örtlichen Einflüsse und einer Anzahl anderer, immer schwer zu ergründender Einwirkungen, von denen mehrere uns wahrscheinlich für immer verborgen bleiben werden.

Unter all diesen zusammenwirkenden Einflüssen sind die einen rein physisch, die anderen sind unserer Gattung eigen. Zwar besitzt der Mensch geistige Vermögen, welche ihm die Herrschaft über alle Wesen des Universums sichern, aber ihre Schätzung ist ein geheimnisvolles Problem, zu dessen Lösung wir uns, wie es scheint, keine Hoffnung machen dürfen. Vermöge seiner geistigen Kräfte unterscheidet sich der Mensch vom Tier, vermöge ihrer ist es ihm vergönnt, die ihn betreffenden Naturgesetze auf eine unmerkliche Weise zu modifizieren, und vermöge ihrer geht er, vielleicht in einer fortschreitenden Entwicklung einem vollkommeneren Zustand entgegen. (1)

Jene den Menschen auszeichnenden Kräfte sind ihrem Wesen nach  lebendige Kräfte;  aber wirken sie auf eine konstante Weise, und hat sie der Mensch zu allen Zeiten immer in gleichem Maß besessen? Mit  einem  Wort: besteht einige Analogie mit dem Prinzip der Erhaltung der lebendigen Kräfte in der Natur? Was ist ferner ihre Bestimmung? Können sie auf die Entwicklung der ganzen Gesellschaft einen Einfluß üben oder ihr Dasein gefährden? Oder können sie, wie die inneren Kräfte eines Organismus, in keiner Beziehung dessen Entwicklung oder die Bedingungen seines Bestehens modifizieren? Die Analogie könnte uns zu der Annahme führen, daß man bei der menschlichen Gesellschaft darauf gefaßt sein kann, im Allgemeinen all die Prinzipien der Erhaltung wiederzufinden, die man an den Schöpfungen der Natur wahrnimmt.

Die Pflanzen und die Tiere scheinen, wie die Weltkörper, den unmittelbaren Gesetzen der Natur zu gehorchen, und diese Gesetze würden ohne Zweifel bei den einen wie bei den andern dieselbe Regelmäßigkeit zeigen, wenn nicht der Mensch auf sich selbst und auf alle seine Umgebungen einen wahrhaft  perturbierenden [zufälligen - wp]  Einfluß  ausüben würde, dessen Intensität sich im Verhältnis zu seiner Intelligenz zu entwickeln scheint, und der zur Folge hat, daß die Gesellschaft, wenn man sie in zwei verschiedenen Epochen betrachtet, nicht mehr dieselbe ist.

Von Wichtigkeit wäre es, bei allen die menschliche Gattung betreffenden Gesetze zu bestimmen zu suchen, was der Natur angehört und was dem perturbierenden Einfluß des Menschen. So viel scheint zumindest ausgemacht, daß sich die Wirkungen dieses Einflusses nur allmählich entwickeln, man könnte sie  sekuläre Störungen  nennen. Würden sie sich, worin sie auch immer bestehen möchten, sehr schnell entwickeln, so könnte wir bei der geringen Zahl von Elementen, welche wir in Bezug auf die Vergangenheit besitzen, keinen großen Gewinn für die Zukunft daraus ziehen.

Man müßte also, wie es die Astronomen bei der Theorie der willkürlichen Konstanten machen, und wie es die ersten Statistiker, welche sich mit der Berechnung der Gesetze der menschlichen Sterblichkeit beschäftigten, gemacht haben, im Anfang die Wirkungen der störenden Kraft ganz außer Augen setzen und erst später auch auf sie Rücksicht nehmen, wenn einmal eine größere Anzahl von Daten dies gestatten würde.

Um mich deutlicher auszudrücken, wähle ich ein Beispiel. Man berechnete verschiedene Mortalitätslisten und erkannte seitdem, daß die mittlere Lebensdauer des Menschen in verschiedenen Ländern, und selbst in sehr nahe beisammen liegenden Provinzen Verschiedenheiten darbietet. Diese Verschiedenheiten konnten nun aber ebenso gut von der Beschaffenheit des Klimas als vom Menschen selbst herrühren; und es war zu unterscheiden, welchen Einfluß das erstere, und welchen der letztere ausübt. Am Ende konnte man solche Verhältnisse wählen, unter welchen der Einfluß der Natur als unverändert zu betrachten war; und wenn dabei die in verschiedenen Zeiträumen erhaltenen Resultate vollkommen die gleichen blieben, so wäre der Schluß, daß durch den Einfluß des Menschen keine Perturbation stattgefunden habe, natürlich. Dieser Versuch wurde gemacht und zu Genf z. B. fand man, daß die mittlere Lebensdauer nach und nach zugenommen hat. Hieraus kann man nun aber mit Recht zumindest auf die Existenz des perturbierenden Einflusses von Seiten des Menschen schließen und sich vorerst einen Begriff von der Bedeutung seiner Wirkungen an diesem Ort machen, wenn keine Beweise vorliegen, daß Einflüsse, welche dem Menschen fremd sind, eine Veränderung in der Fruchtbarkeit des Bodens, in den Witterungsverhältnissen, in der Temperatur oder überhaupt irgendeine Veränderung des Klimas bewirkt haben. Aber bis jetzt kennt man bloß die aus verschiedenen anderen Kräften zusammengesetzte Kraft, wobei man erstere nicht allein im Einzelnen nicht messen, sondern nicht einmal vollständig aufzählen könnte. So muß man annehmen, die Einflüsse, welche in Genf die mittlere Lebensdauer verlängert haben, bestehen darin, daß die Wohnungen dort gesünder und bequemer geworden sind, daß der Wohlstand zugenommen hat, die Lebensweise und die gesellschaftlichen Institutionen besser geworden sind, daß es gelungen ist, einzelnen Krankheiten vorzubeugen usw.; es ist selbst möglich, daß der Mensch vermöge seiner perturbierenden Kraft eine Veränderung in der Beschaffenheit des Klimas bewirkt hat, sei es nun durch die Austrocknung von Gewässern, oder durch irgendwelche andere Umgestaltungen.


V. Von der Tendenz des
gegenwärtigen Werkes

In diesem Werk sollen die Wirkungen der natürlichen, wie auch der zufälligen (perturbierenden) Einflüsse welche auf die Entwicklung des Menschen einwirken, untersucht und der Versuch gemacht werden, das Maß der Ergebnisse jener Einflüsse und ihrer Wechselwirkung zu bestimmen.

Es kommt mir nicht in den Sinn, eine Theorie vom Menschen aufstellen zu wollen, ich will vielmehr bloß versuchen, die ihn betreffenden Tatsachen und Erscheinungen auszumitteln, und auf dem Weg der Beobachtung die Gesetze, welche diese Erscheinungen miteinander verketten, ausfindig zu machen.

Der Mensch, wie ich ihn hier betrachte, ist in der Gesellschaft dasselbe, was der Schwerpunkt in den Körpern ist; er ist das Mittel, um das die Elemente der Gesellschaft oszillieren; er ist, wenn man so will, ein fingiertes Wesen, bei dem alle Vorgänge den in Beziehung auf die Gesellschaft resultierenden mittleren Ergebnissen entsprechen werden. Wenn man die Grundlagen einer Physik der menschlichen Gesellschaft einigermaßen feststellen will, so muß man den Menschen von diesem Gesichtspunkt auffassen, ohne sich mit den besonderen Fällen, noch bei den Regelwidrigkeiten aufzuhalten, und ohne zu untersuchen, ob dieses oder jenes Individuum hinsichtlich einer seiner Fähigkeiten eine mehr oder weniger hohe Entwicklungsstufe erreichen kann.

Setzen wir z. B. den Fall, es handelt sich darum, den perturbierenden Einfluß des Menschen, insofern er eine Änderung in der körperlichen Stärke bewirkt, zu kennen. Zuvörderst wird man mittels des Dynamometer die Stärke der Hände oder der Lenden bei einer großen Anzahl von Individuen von verschiedenem Alter, von der Kindheit bis zum Alter ausfindig machen können; die auf diese Weise für ein Land ausgemittelten Resultate werden zwei Skalen für die Stärke liefern, die umso mehr Vertrauen verdienen, je zahlreicher die Beobachtungen sind, und je sorgfältiger sie angestellt wurden. Wenn man später die auf demselben Weg und unter denselben Umständen, aber zu verschiedenen Zeiten erhaltenen Skalen vergleicht, so wird man erkennen, ob die Stärke durch den perturbierenden Einfluß des Menschen vermindert oder gesteigert wurde. Diese Veränderung, welche die ganze Gesellschaft erfährt, ist es, in deren Erforschung der wichtige Zweck einer Physik der menschlichen Gesellschaft besteht. Auf dieselbe Weise könnte man auch die Veränderungen bestimmen, welche die verschiedenen Klassen der Gesellschaft erfahren haben, ohne jedoch bis zu den Individuen herabzusteigen. Ein kolossaler oder mit herkulischer Kraft ausgestatteter Mann wird die Aufmerksamkeit eines Naturforschers oder Physiologen fesseln können; aber in einer Physik der Gesellschaft wird seine Bedeutsamkeit vor der eines anderen Mannes verschwinden, der auf dem Weg der Erfahrung die Mittel, mittels welcher für eine vorteilhafte Entwicklung des Wuchses oder der Stärke gesorgt werden kann, erkannt und es dahin gebracht hat, dieselben in Anwendung zu bringen, und der auf diese Weise Resultate zustande bringen wird, die sich bei der ganzen Gesellschaft oder bei einem Teil derselben fühlbar machen werden.

Hat man den Menschen zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern beobachtet, hat man nach und nach die verschiedenen Elemente seiner körperlichen und geistigen Verhältnisse ausgemittelt und zugleich die Veränderungen erkannt, welche in der Menge dessen, was er produziert und konsumiert, in der Zu- oder Abnahme seines Besitzes, in seinen Beziehungen zu anderen Nationen eingetreten sind, so wird man die Gesetze bestimmen können, denen der Mensch bei den verschiedenen Völkern von ihrem Ursprung an unterworfen war, d. h. man wird den Gang der Schwerpunkte jedes Teils der Gesellschaft verfolgen können, so wie wir die auf den Menschen bezüglichen Gesetze bei den einzelnen Völkern aus der Summe der an den Individuen angestellten Beobachtungen ausgemittelt haben. Von diesem Gesichtspunkt aus erscheinen die Völker in demselben Verhältnis zur ganzen menschlichen Gesellschaft, wie die Individuen zu den Völkern; die einen wie die anderen hätten ihre Gesetze des Wachstums und des Verfalls und würden mehr oder weniger an den Perturbationen des ganzen Systems teilnehmen. Aber nur die aus dem Ganzen der auf die verschiedenen Völker bezüglichen Gesetze könnte man weiter schließen auf das Gleichgewicht oder die Bewegung des ganzen Systems; denn wir wissen nicht, welcher von diesen beiden Zuständen in Wirklichkeit stattfindet. Was wir täglich sehen, zeigt uns zu Genüge die Wirkungen der inneren Tätigkeiten und der Kräfte, die aufeinander einwirken; aber hinsichtlich des Ganges des Schwerpunkts des Systems und der Richtung der Bewegung sind wir auf mehr oder weniger wahrscheinliche Konjekturen beschränkt; es ist möglich, daß der Schwerpunkt unwandelbar im Gleichgewicht bleibt, während alle Teile des Systems in einer fort- oder rückschreitenden Bewegung begriffen sind.

Vielleicht wird man die Frage aufwerfen, wie wir den perturbierenden Wert des Menschen, d. h. die mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen des Systems von dem Zustand, in dem es den Kräften der Natur allein überlassen wäre, bestimmen zu können. Ein solches Problem wäre, wenn es gelöst werden könnte, sicherlich interessant, aber es würde doch kaum Nutzen gewähren, da dieser Zustand selbst nicht natürlich wäre, indem der Mensch, wie er auch sein möchte, nie ganz seiner intellektuellen Kräfte entäußert und darauf zurückgewiesen sein könnte, gleich den Tieren zu leben. Vor allem verdient die Frage Aufmerksamkeit, ob sich die Wirkungen der perturbierenden Kraft auf eine mehr oder weniger vorteilhafte Weise verändern.

Nach den voranstehenden Bemerkungen wird die Wissenschaft folgende Fragen zu untersuchen haben:
    1. Nach welchen Gesetzen richtet sich die Zeugung des Menschen, die Entwicklung seines Wuchses, seiner körperlichen Kräfte, seiner geistigen Vermögen, sein mehr oder weniger hervortretender Hang zum Guten oder zum Bösen? nach welchen Gesetzen richtet sich die Entwicklung seiner Leidenschaften und seiner Neigungen? In welcher Verbindung steht seine Produktion und seine Konsumtion? Welche Gesetze obwalten hinsichtlich seiner Sterblichkeit? usw.

    2. In welcher Art übt die Natur einen Einfluß auf den Menschen aus? Wie groß ist dieser Einfluß? Worin bestehen die perturbierenden Kräfte, und wie haben sie zu dieser oder jener Zeit gewirkt? Auf welche Elemente der Gesellschaft haben sie vorzugsweise eingewirkt und schließlich

    3. Können menschliche Kräfte den Fortbestand des gesellschaftlichen Systems gefährden?
Ich möchte nicht entscheiden, ob man jemals alle diese Fragen wird beantworten können, aber ihre Lösung würde, wie mir scheint, die schönsten und interessantesten Ergebnisse bieten, welche sich der Mensch bei seinen Forschungen zum Ziel setzen könnte. Von dieser Wahrheit durchdrungen, habe ich einige Versuche gewagt, für jetzt die erste Reihe von Problemen zu beantworten, und noch mehr, meine Ideen verständlich zu machen und den Gang, der nach meiner Ansicht befolgt werden muß, anzudeuten. Auch habe ich zu zeigen versucht, wie man die influierenden Ursachen erkennen und den Grad ihres betreffenden Einflusses ausmitteln kann. Wie man auch diese Untersuchungen betrachten mag, so glaube ich doch, daß man mir wenigstens dafür dankbar sein wird, daß ich eine Menge von Beobachtungen und Ergebnissen über die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten geliefert habe, deren die Wissenschaft bis jetzt ermangelte.

Übrigens bitte ich wohl zu beachten, daß ich dieses Werk für nichts weiter betrachtet wissen will, als für die Skizze eines großen Gemäldes, dessen Rahmen nur durch eine unsägliche Anstrengung und die umfassendsten Untersuchungen ausgefüllt werden kann. Ich werde deshalb hoffen dürfen, daß man nur über die Idee urteilt, welche mich bei der Ausarbeitung dieses Werkes geleitet hat, und daß man in Bezug auf die Ausführung der Einzelheiten weniger streng sein wird; besonders konnten einzelne Gegenstände wegen mangelnder Materialien nur sehr unvollständig behandelt werden; indessen glaube ich nicht unterlassen zu dürfen, zumindest die ihnen zukommende Stelle anzudeuten.


VI. Über den Wert der den Menschen
betreffenden Untersuchungen

Die Natur der Untersuchungen, mit welchen ich mich in diesem Werk beschäftige, und der Gesichtspunkt, von welchem aus ich die menschliche Gesellschaft betrachte, haben etwas so Positives, daß manche im ersten Augenblick davor zurückschrecken werden; die Einen werden darin eine Hinneigung zum Materialismus finden, die Anderen werden durch eine falsche Auslegung meiner Ideen ein zu weit getriebenes Streben erkennen, die Grenzen der exakten Wissenschaften auszudehnen und den Mathematiker auf ein ihm fremdes Gebiet zu versetzen; sie werden mir den Vorwurf machen, daß ich ihn zu unsinnigen Spekulationen verleiten will, indem ich ihn mit Dingen zu beschäftigen suche, die nicht gemessen werden können.

Was den Vorwurf des Materialismus betrifft, so ist er so oft und so regelmäßig jedesmal vorgebracht worden, so oft die Wissenschaften einen neuen Pfad einzuschlagen versuchten und so oft der forschende Geist aus dem alten Geleis tretend, sich neue Bahnen zu brechen suchte, daß es fast überflüssig wird, auf denselben zu antworten, besonders heutzutage, wo er keine Kerker- oder Todesstrafe mehr nach sich zieht. Wer sollte übrigens behaupten können, daß man die Gottheit beschimpft, wenn man seine edelste Gabe anwendet, indem man sein Nachdenken den erhabensten Gesetzen des Weltalls zuwendet, indem man versucht, die bewundernswerte Ökonomie, die unendliche Weisheit, die bei der Einrichtung desselben obwaltet haben, ins Licht zu setzen? Wer wird die Gelehrten der Lauheit anklagen, welche an die Stelle der engen und armseligen Welt der Alten die Kenntnis unseres herrlichen Sonnensystems gesetzt haben, und welche die Grenzen unseres Sternenhimmels so weit zurückgedrängt haben, daß der Geist an die Entfernungen desselben nicht anders als mit einer religiösen Ehrfurcht denken kann? Gewiß, die Kenntnis der wunderbaren Gesetze, welche das Weltsystem regieren, welche man den Nachforschungen der Weltweisen verdankt, lassen die Macht des göttlichen Wesens viel, viel größer erscheinen, als diejenige Ansicht von unserer Welt, die uns ein blinder Aberglaube aufdrängen wollte. Wenn der materielle Stolz des Menschen sich gedemütigt sah bei der Erkenntnis der geringen Stelle, die er auf dem Sandkorn einnimmt, woraus er seine Welt bildete, wieviel mehr mußte ihn das Bewußtsein erheben, seine Macht so weit ausgedehnt zu haben und so tief in die Geheimnisse der Welt eingedrungen zu sein!

Nachdem wir gesehen haben, welchen Weg die Wissenschaften hinsichtlich des Weltsystems gegangen sind, können wir nicht versuchen, ihn hinsichtlich der Menschen zu betreten? Wäre es nicht unsinnig, wenn man annehmen wollte, während überall so bewundernswerte Gesetze herrschen, sei das menschliche Geschlecht allein blind sich selbst überlassen worden, und es besitze kein Prinzip der Erhaltung? Ohne Scheu dürfen wir behaupten, eine solche Annahme wäre eine Beleidigung der Gottheit, und nicht die Untersuchung, die wir uns zum Ziel gesetzt haben.

Was den zweiten Einwurf betrifft, so werde ich versuchen, darauf zu antworten, wenn von der Schätzung der moralischen und geistigen Fähigkeiten des Menschen die Rede ist.
LITERATUR: Adolphe Quetelet, Über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten oder Versuch einer Physik der Gesellschaft, Stuttgart 1838
    Anmerkungen
    1) BUFFON setzt den Einfluß des Menschen auf die Schöpfungen der Natur sehr gut auseinander: "Alle diese neuen und neuesten Beispiele, fügt er hinzu, beweisen, daß der Mensch erst spät zur Erkenntnis seiner Macht gekommen ist, und daß er sie noch jetzt nicht in ihrer ganzen Ausdehnung kennt; sie hängt ganz von der Übung seiner Vernunft ab; so wird er, je mehr er die Natur beobachtet, je mehr er sie pflegt, in den Besitz von umso mehr Mitteln gelangen, sie sich zu unterwerfen; ... und was würde er nicht über sich selbst, d. h. über seine eigene Gattung vermögen, wenn sein Willen immer unter der Leitung seiner Vernunft stünde! Wer weiß es, bis zu welchem Grad der Mensch seinen Körper und seinen Geist vervollkommnen könnte?" (Epoques de la nature)