ra-2 G. AdlerF. StaudingerF. BitzerF. A. LangeH. Schüssler    
 
THEOBALD ZIEGLER
Die soziale Frage
eine sittliche Frage

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"Der Geist befreiender Kritik ist die nach rückwärts gegen das Bestehende gekehrte negative Seite des Sozialismus und zugleich die mächtigste Waffe, das schneidigste Werkzeug aller sozialdemokratischen Agitation. Hier liegen die Wurzeln seiner Stärke, hier die nie versiegende Quelle seiner Expansionskraft, hier die Möglichkeit und Fähigkeit, auch andere als wirklich überzeugte Anhänger seiner Lehre in seine Kreise zu ziehen. Hier handelt es sich vielmehr um ein Anderes: einmal, ist diese Unzufriedenheit sittlich berechtigt und wertvoll? und fürs zweite, ist sie in unseren sozialen Zuständen und Verhältnissen wirklich begründet?"

"Daß eine soziale Not in weitem Umfang und in erschreckender Tiefgründigkeit existiert, wagt längst schon niemand mehr zu leugnen, der harte Winter der letzten Monate mußte auch dem Ungläubigsten Augen und Ohren dafür erschließen und so wird man doch höchstens über Ausdehnung und Maß dieses Notstandes noch verschiedener Meinung sein können. Da muß man es aber schließlich doch in erster Linie den Notleidenden selbst überlassen, wie hoch sie dieses Quantum ihrer Unzufriedenheit schätzen und werten wollen; die Bessersituierten haben schwerlich ein Recht und jedenfalls nicht die Möglichkeit, ihnen ein solches Maß von außen her und von oben herab vorzuschreiben. Daß die Unzufriedenheit eine künstlich hervorgerufene sei, kann auch der nicht behaupten, der sie für eine künstlich gesteigerte und übertriebene erklären wollte. Und mit der Wertschätzung unserer Kultur im ganzen verhält es sich nicht anders. Daß in ihr und an ihr vieles faul und verfault, vieles korrupt und korrumpiert, hohl und nichtig, sittlich wertlos und verwerflich sei, das ist unter uns allen nur noch ein offenes Geheimnis, über die Schadhaftigkeit dieses  Wunderbaus  sind wir alle einig; in Frage steht auch hier nur Quantum und Maß."

Einleitung

Der 20. Februar und der 1. Oktober 1890 sind zwei bedeutsame Tage im Leben unseres deutschen Volkes: dort eine Reichtagswahl, bei der sich die sozialdemokratische Partei als die bei weitem stärkste herausstellte, und hier der Termin, an welchem das Sozialistengesetz vom 21. Oktober 1878 nach zwölfjähriger Geltung ablief. Was Wunder, daß ein Gefühl banger Unsicherheit viele Gemüter erfüllte, die Frage: was nun? die Geister aufs lebhafteste beschäftigte und allerlei Befürchtungen und Sorgen vor tumultuarischen Szenen und revolutionären Ausbrüchen laut wurden! Und so erwartete man denn mit großer Spannung das dritte große Ereignis, das uns im Gang der sozialistischen Bewegung das Jahr 1890 bringen sollte, den Parteitag zu Halle vom 13. - 18. Oktober.

Da könnte es nun freilich scheinen, als ob sich auf demselben mehr die Schwäche als die Stärke der ganzen Bewegung geoffenbart habe. Elende Streitigkeiten persönlicher Art standen im Vordergrund der Debatten, erhitzten die Gemüter, blieben auch teilweise unausgetragen und lassen so an die Möglichkeit um sich greifender Spaltung und Zerklüftungen innerhalb der sozialdemokratischen Partei denken. Allein man täusche sich nicht! Das alles hat doch nur die Oberfläche gekräuselt; und selbst wenn es zur Scheidung zwischen den Alten und den Jungen kommen sollte, der Bestand und die Kraft der Partei gegen außen würde dadurch schwerlich erschüttert oder erheblich geschwächt werden.

Dagegen sind zwei Vorgänge auf dem Kongreß von Halle von bleibender und weittragender Bedeutung. Es ist einmal die Erklärung LIEBKNECHTs, daß das sogenannte eherne Lohngesetz, eben als ehernes, unerwiesen und unerweislich, ja geradezu falsch sei; und fürs zweite das nicht ganz leicht durchzusetzende Festhalten der Versammlung am angefochtenen Satz des Gothaer Programms: die Religion ist Privatsache.

Durch jene Erklärung hat die Sozialdemokratie, wenigstens im Prinzip, wie mir scheint, den Boden der Revolution verlassen und sich in eine Partei der Reform umgewandelt. Der radikalsten Reform natürlich; aber die Möglichkeit ist damit doch gegeben, daß sie günstigenfalls auch ohne absoluten Bruch, ohne Revolution ihre Ziele erreichen könnte. Und so ist sie, wenn man den Ausdruck der Kürze halber gelten lassen will, regierungsmäßig geworden.

Durch das Zweite aber hat sie die Kraft der Propaganda, ihre Expansionsfähigkeit in hohem Grad gestärkt und gesteigert. Sie hat sich den prinzipiellen Kampf mit der Kirche erspart. Wenn es also eine Kirche geben sollte, die mit ihr paktieren will, oder kirchlich und religiöse gesinnte Menschen, die sich in ihren Dienst stellen mögen, so ist das hinfort auch bei uns durchaus möglich, wie es in England bereits wirklich ist. Und umgekehrt hätte eine ausgesprochen atheistisch-irreligiöse Bewegung in den Kreisen unserer vielfach noch religiös und kirchlich gesinnten Landbevölkerung von vornherein keine Aussicht auf Anhang und Erfolg. Jetzt steht der Eroberung dieser Kreise, die wenigstens in manchen Gegenden Deutschlands keineswegs aussichtslos und unmöglich zu sein scheint, ein prinzipielles Hindernis nicht im Wege.

So bedeutet der Tag von Halle, trotz seines scheinbaren Mißerfolgs und seiner nicht eben imponierenden Außenseite, im Innern doch eine gewaltige Stärkung und Kräftigung der Partei und der von ihr getragenen Bewegung; und man wird hinfort noch ganz anders mit ihr zu rechnen haben als bisher.

Diesem Ernst des Augenblicks verschließt sich denn auch niemand mehr, in allen Kreisen unseres Volkes, nicht zum wenigsten oben in den leitenden Stellen ist man sich desselben wohl bewußt; die soziale Frage ist sozusagen das rote Glas geworden, durch welches man die ganze Weltlage und jede einzelne darin auftauchende Frage und Aufgabe betrachtet. Wir stehen inmitten einer Krisis, die allmählich alle anderen Interessen verschlingt oder nach sich modelt, mit drohender Brutalität sich die Aufmerksamkeit auch der Blindesten und Gleichgültigsten erzwingt und jedem Stellung zu nehmen gebietet.

Freilich die Tatsachen, welche der sozialen Frage zugrunde liegen, sind nicht neu, - zwar nicht ganz so alt, als die Welt steht, aber doch so alt, als es eine Kultur, jedenfalls eine entwickelte Kultur und eine Geschichte dieser Kulturwelt gibt. Sie sind dies bis jetzt noch immer die notwendigen und natürlichen, stets wiederkehrenden Begleiterscheinungen einer solchen gewesen. Noch eben erfahren wir aus einer neu aufgefundenen Schrift des ARISTOTELES (1), daß zu Athen vor SOLON die Gründe des langwierigen Kampfes zwischen Volk und Adel soziale gewesen sind. "Der ganze Grundbesitz, so wird uns hier erzählt, befand sich in der Hand einiger wenigen reichen Leite, denen die verarmten Bauern mit Weib und Kind dienstbar waren. Sie hießen Hörige oder Sechstler, weil sie nur ein Sechstel des Ertrages als Lohn für die Feldbestellung erhielten; fünf Sechstel mußten sie abliefern, und wenn sie im Rückstand blieben, verfielen sie mit Leib und Leben dem Grundbesitzer, sie selbst und ihre Söhne ... denn im Grunde hatte das Volk überhaupt keine Rechte." Rom hat in den gracchischen Unruhen und in den Sklavenaufständen, das ausgehende Mittelalter in den Bauernkriegen seine soziale Revolution gehabt.

Allein um wieviel mächtiger und umfassender, um wieviel prinzipieller und radikaler als in jenen früheren Zeiten ist die Bewegung doch heute! Nicht um die Abschüttlung eines momentanen Drucks, sondern um die Umgestaltung unserer ganzen Kulturwelt und des menschlichen Lebens selbst wird in unseren Tagen gestritten. Alles oder Nichts - auf diese Spitze der Entscheidung sehen wir uns gestellt.

Da leigt es nun natürlich nahe, nach den Ursachen einer solch tiefgehenden Bewegung zu fragen und nach dem, was ihr zugrunde liegt. Allein wenn ich im Einzelnen untersuchen und beantworten sollte, wie die heutigen Wirtschaftsverhältnisse mit ihrem Kapitalismus und ihrer Großindustrie, ihrer Maschinenarbeit und Arbeitsteilung entstanden sind und wodurch sie sich soviel drückender als je zuvor gestaltet, so gefährlich zugespitzt haben, so würde ich damit die Grenzen meines Wissens und Könnens erheblich überschreiten und mich von seiten der zünftigen Nationalökonomen einer empfindlichen Zurückweisung aussetzen. Denn ich bin kein Nationalökonom, und meine Kenntnisse in jenen zunächst doch sicher zu dieser Wissenschaft gehörigen Fragen und Dingen gehen nicht hinaus über die Summe dessen, was jeder von uns sich an Wissen anzueignen hat auf einem seinem eigenen Arbeitsfeld anliegenden Grenzgebiet.

Also SAUL und den Propheten! Das wird man mir entgegenhalten; und ein gewissenhafter Kritiker, wenn ich einen solchen finde, mag sich nur des Weiterlesens entschlagen und aufgrund meines eigenen Zugeständnisses konstatieren, daß ich von volkswirtschaftlichen Dingen doch nur eine lückenhafte Kenntnis habe. Ein Moralist unter den Nationalökonomen!

Und doch bin ich weder so töricht noch so tollkühn, um mich so ohne weiteres auf ein mir fremdes Gebiet hinüberzuwagen, und auch nicht leichtfertig genug, um in einer so ernsten Sache, wie es die soziale Frage ist, als ein ganz Unberufener mitzureden und mich einzudrängen. Also muß ich doch wohl meinen, daß der Moralist hier etwas zu sagen habe und etwas zu sagen wisse, was der Nationalökonom vielleicht nicht ebenso - gut will ich nicht sagen, aber doch nicht ebenso zusammenhängend und ebenso sich einfügend in das Ganze einer Gedankenreihe auszuführen vermöchte oder wenigstens auszuführen Anlaß hätte.

Glücklicherweise bedarf es aber zu meiner Rechtfertigung und Legitimation nicht erst eines besonderen Nachweises dafür, daß die Volkswirtschaftslehre eine Nachbarprovinz derjenigen philosophischen Disziplin ist, mit der ich mich mit Vorliebe beschäftige, der Ethik (2): in ein paar geschichtlichen Tatsachen prägt sich dieser Zusammenhang zwischen beiden aus und stellt sich als ein längst schon erkannter, wenn ich nicht zu allen Zeiten gleichmäßig anerkannter dar.

Zum erstenmal finden sich volkswirtschaftliche Fragen eingehend besprochen in der Ethik des ARISTOTELES, bei der Lehre von der Gerechtigkeit. Die mittelalterlichen Anschauungen über Nationalökonomie sind am vollständigsten und systematischsten zusammengefaßt im ethischen Teil der "Summe" des großen Scholastikers THOMAS von AQUINO, dessen Lehrgebäude heute noch oder heute wieder eine geradezu kanonische Geltung hat in der katholischen Kirche und Welt. Und endlich, der Begründer der sogenannten klassischen Nationalökonomie, die zwar vielfach angefochten, aber doch bei weitem noch nicht verdrängt und beseitigt ist, ADAM SMITH, schrieb erst eine "Theorie der sittlichen Gefühle", ehe er dem "Wesen und den Ursachen des Wohlstandes der Völker" seine Aufmerksamkeit zuwandte.

Freilich gibt gerade diese in SMITH sich vollziehende Umwandlung einer ursprünglich  sachlichen  Zusammengehörigkeit beider Wissenschaften in eine bloße  Personalunion  von vornherein zu denken; und es ist bezeichnend für den Stand der Dinge, daß im Jahr 1880 der nationalökonomische Verfasser eines trefflichen Essays über "die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft" (3) sich zunächst entschuldigen zu müssen glaubt über die Wahl dieses Themas, das vielen als "veraltet und wissenschaftlich überwunden", als das Aufwerfen einer "unnützen Frage" erscheinen werde.

Umgekehrt ist es aber nun jedenfalls nicht verwunderlich, wenn die Ethik die sich mehr und mehr emanzipierende Tochter nie ganz aus den Augen verloren hat und sich dieses historischen Zusammenhangs erinnernd, in unserer Zeit des Realismus und der Realität nun auch ihrerseits nach dieser realsten aller Fragen greift und sich für befugt hält, sie auch von ihrem Standpunkt aus sich etwas näher anzusehen: und so zeigt denn auch wirklich ein Blick in die modernen Werke der Moralisten überall das Wort "sozial" im Vordergrund stehend, die Ethik will Sozialethik sein und ein oder mehrere Abschnitte jedes derartigen Werkes sind sicher der sozialen Frage selbst gewidmet, oft verspricht schon das Titelblatt, daß dem System der Ethik ein Abriß der Gesellschaftslehre angefügt solle.

Wenn ich mich auch niemals so hoch versteigen werde, so wird doch aus dem Gesagten hervorgehen, in welchem Sinn ich zu der großen Frage das Wort nehmen möchte. Ich rede nur von ihrer  sittlichen  Seite. Daß sie eine solche hat, ja vielleicht in erster Linie eine ethische Frage ist, das mag sich aus dem, was ich zu sagen habe, von selbst ergeben. Daß es daneben auch andere Seiten an ihr gibt, wissen wir alle; stehen doch eben sie gewöhnlich im Vordergrund. Und trennen, isolieren läßt sich natürlich keine von der andern. Deshalb wird es auch meinerseits ohne allerlei Übergriffe in diese anderen Gebiete nicht abgehen können; der beherrschende Gesichtspunkt aber bleibt für mich durchaus der sittliche.

In der Vielseitigkeit der Frage liegt abr noch Eines, was ausgesprochen sein mag, wiewohl es sich von selbst versteht. Eine nach so vielen Richtungen hin ausgreifende, so weitverzweigte und komplizierte Frage läßt sich nicht in einfacher Weise und mit  einem  Schlag beantworten oder gar "lösen". Und so scheint mir das Verlangen nach einer Lösung oder auch nur das Wort von einer solchen zwar sehr natürlich - denn was könnten wir uns Besseres wünschen? - a ber darum doch nicht minder gewagt, um nicht zu sagen: einseitig und töricht. Lösen, soweit sie überhaupt zu lösen ist, wird die größte aller Kulturfragen nur die Weltgeschichte. Kein Einzelner, und wäre er selbst der Mächtigste, wird sie durch sein Eingreifen aus der Welt schaffen und zu einem befriedigenden Abschluß bringen; womit nicht ausgeschlossen ist, daß jeder in seinem Teil und nach dem Maß seiner Kraft und folglich die Mächtigsten der Erde allen voran zur Mitarbeit an dieser geschichtlichen Lösung berufen sind.

Und so trete denn auch ich nicht mit einem neuen und fertigen Rezept zu einer solchen Lösung, sondern in dieser Beziehung mit völlig neuen Händen auf den Plan. Bei dieser weltbewegenden und weltgeschichtlichen Frage bleibt auch für eine ethische Betrachtung, selbst wenn es bei ihr nicht ganz ohne  "Sollen"  abgehen kann, das  Sein  doch immer das Erste: die Kenntnis des Seienden nach Herkunft und Inhalt ist die Vorstufe des Verständnisses für den Wert oder Unwert dessen, was ist und gilt und in Leben und Sitte festen Fuß gefaßt hat. Weil aber so oft das, was heute ewig scheint, morgen Geltung und Wert verloren hat, weil also auch das sittlich Seiende immer nur ein Werdendes und sich Entwickelndes ist, darum läßt sich kritisch prüfend fragen -, nicht, was werden  soll,  aber doch, was werden  kann.  (4) Also nicht um eine Lösung und um Lösungen, sondern höchstens um "Entwicklungsmöglichkeiten" und um den mutmaßlichen Wert solcher Möglichkeiten kann es sich hierbei handeln.

Und darin besteht vielleicht auch die Berechtigung eines solchen Versuchs, wie ich ihn hier biete: kritisch zu prüfen, was ist, und zuzusehen, was daraus werden kann, ohne daß uns die höchsten Güter verloren gehen; dabei aber immer zu bedenken, daß wichtiger als alle äußeren Formen der Geist ist, der in ihnen lebt.

Zugleich liegt hierin, um endlich auch das noch zu sagen, beim Ernst und der Bedeutsamkeit der Frage wie das Recht, so auch die Pflicht und die Notwendigkeit einer völlig leidenschaftslosen, von allem hohlen Pathos und allen schönen Worten sich durchaus fern haltenden Form. Und nun zur Sache!



Zusatz zur 5. Auflage

Diese Einleitung ist zu unmittelbar aus den Stimmungen und historischen Voraussetzungen des Winters 1890 auf 91 hervorgegangen, als daß ich diese letzteren in der neuen Auflage hätte verändern oder auch nur bis auf die Gegenwart herab hätte ergänzen mögen. Sonst wären natürlich dem sozialistischen Parteitag zu Halle die seither abgehaltenen hinzuzufügen und es wäre hinzuweise gewesen auf den erst durch die Vorlage des Umsturzgesetzes verstummten Streit zwischen VOLLMAR und BEBEL, auf das Auftreten des sozialdemokratischen Predigtamtskandidaten von WÄCHTER, auf "die Hilfe" des christlich-sozialen Pfarrers NAUMANN zu Frankfurt am Main und dgl. mehr. Und dabei hätte ich betonen müssen, daß ich Angesichts der Haltung VOLLMARs und beim raschen Anwachsen sozialistischer Gesinnung auch unter den Gebildeten heute noch entschiedener als vor 4 Jahren der Meinung bin, daß wir auf die Umwandlung der Sozialdemokratie in eine radikale Reformpartei nach wie vor hinarbeiten müssen und hoffen dürfen. Aussprechen will ich aber auch hier, daß ich eben darum die Vorlage des Umsturzgesetzes für einen schweren sozialpolitischen Fehler halte, weil es ganz abgesehen davon, daß diese Gelegenheit durch das Zentrum zur Knebelung aller freidenkenden und freiredenden Menschen benützt werden wollte, jenen inneren Gesundungs- und Umwandlungsprozeß nur hemmen und verhindern könnte. Hoffentlich wird der Versuch, nachdem er so kläglich gescheitert ist, nicht noch einmal wiederholt.



Erstes Kapitel
Individualismus und Kapitalismus

Bekanntlich bemüht man sich in den verschiedenen Parteilagern bald mehr mit beflissener Ängstlichkeit bald mehr mit absichtlicher Bosheit, dem politischen Gegner die Schuld an der Entstehung der sozialdemokratischen Bewegung zuzu wälzen und ihn für dieselbe verantwortlich zu machen; namentlich richtet sich dieser Vorwurf gegen den Liberalismus, er soll in erster Linie der Sünder sein. Und in der Tat, ich glaube, das ist richtig, es verhält sich wirklich so. Nur vermag ich darin keine Sünde und kein Verbrechen, kaum etwas wie Schuld und Verantwortlichkeit zu sehen, sondern lediglich eine geschichtliche Tatsache.

Das Mittelalter bedeutet auf der ganzen Linie des menschlichen Daseins und Lebens Gebundenheit: - Gebundenheit des Einzelnen an die Kirche, des Vasallen an seinen Lehnsherrn, des Leibeigenen an den Grundbesitzer, des Gewerbetreibenden an die Zunft, des Mannes der Wissenschaft an das Dogma, schließlich sogar die Gebundenheit des Dichters an die Tabulatur. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert hat dieser durchgängigen Unfreiheit gegenüber für die Kulturvölker Europas der große Befreiungsprozeß begonnen. Die erste Sturzwelle dieser freiheitlichen Bewegung, der erste große Akt dieses welthistorischen Dramas war die Renaissance und Reformation, der zweite die Philosophie der Aufklärung, der dritte, aber schwerlich der letzte, die französische Revolution.

Nun kann man ja jedem Befreiungsprozeß und dem Begriff der Freiheit überhaupt den Vorwurf machen - und derselbe ist auch schon des öfteren erhoben worden -, daß es sich dabei immer nur um ein Negatives handle: Freiheit bedeute Vernichtung eines Bestehenden und sei darum für sich niemals ein positiv Schöpferisches. Man wird das gelten lassen können und es als Vorwurf dennoch für verfehlt halten müssen. Solange es in der Welt Dinge gibt, die nicht sein sollen, Zustände, die sich nicht rechtfertigen lassen, Einrichtungen, die vom Übel und schädlich sind, Schranken und Fesseln, die beengen und drücken, solange muß es gegen all das auch das Recht des Negierens geben; denn nichts ist heilig und unantastbar, was von der Menschheit im ganzen oder doch von einem großen Bruchteil derselben mit Grund als drückend empfunden wird und beseitigt werden kann.

Mit dem Wesen des Mittelalters und seiner Institutionen hängt es nun aber zusammen, daß dieser von Station zu Station fortschreitende Befreiungsprozeß der Neuzeit eine individualistische Richtung nahm und nehmen mußte. Der Liberalismus ist vermöge seiner geschichtlichen Voraussetzungen und Entstehungsbedingungen von Haus aus Individualismus: das lag nicht in seinem Belieben und war nicht seine Schuld, sondern das ist eine historische Notwendigkeit, ist somit sein gutes Recht, ja mehr als das, ist geradezu sein Ruhmestitel. Weil er auf allen Lebensgebieten eine -, sagen wir drastisch: eine unberechtigte Vergewaltigung des Individuums und seines persönlich freien Seins und Behabens [Entscheidens - wp] vorfand, so galt sein Kampf der Befreiung dieser Individuen.

Das zeigt sich zuerst in der Renaissance, jener ästhetischen Revolution der europäischen Menschheit, wo unter Zurückgreifen auf die Antike das Recht der schönen Persönlichkeit in all ihrer natürlichen, welt- und sinnenfreudigen Unmittelbarkeit für Kunst und Leben, für Geselligkeit, Bildung und Erziehung zurückgefordert wird. Und es zeigt sich ebenso in der Reformation, wo das Gewissen und das Glauben des einzelnen Christenmenschen unabhängig gestellt wird vom Machtspruch und vom Bann der Kirche, und neben den Pflichten und Rechten dieses Christenmenschen zugleich auch die lange verschüttete Quelle aller religiösen und sittlichen Kraft im Subjekt neu entdeckt wurde. Es zeigt sich im Entwicklungsgang der neueren Philosophie, die gleich anfangs das Ich zum selbstmächtigen Mittel- und Ausgangspunkt macht, demselben im weiteren Verlauf eine wahrhaft weltschöperische Souveränität zuspricht und es schließlich zum Ganzen, geradezu zum All erweitert. Und es zeigt sich endlich auch im Verhältnis des Einzelnen zum Staat: auf die freilich nie verwirklichte, aber doch stets festgehaltene Idee einer europäischen Universalmonarchie folgt nun die Zeit selbständiger Nationalstaaten, und in diesen erst der individualistische Despotismus mit seinem  l'état c'est moi!  [Der Staat bin ich! - wp] und dann die Umkehrung dieses Wortes:  les moi sont l'état  [Ich habe den Staat. -wp] -, die Atomistik der den Staat bildenden souveränden Individuen in der Theorie des  Contrat social  [Gesellschaftsvertrag - wp] und danach in der Wirklichkeit der französischen Revolution.

Füge ich noch hinzu, wie durch die fortschreitende religiöse und philosophische Aufklärung und durch die ganze politische Entwicklung der Völker allmählich nicht nur der Mittelstand der Bourgeoisie, sondern auch die tieferstehenden breiten Schichten und Massen des Volkes immer allgemeiner einigen Anteil gewonnen haben an gewissen Bildungsresultaten der Zeit, und wie darum der Geist der Kritik sich längst nicht mehr bannen und hemmen, nicht mehr fernhalten und ausschließen läßt in der Welt, so können wir jetzt der Frage näher treten, wie sich denn nun der Sozialismus zum Liberalismus in Wahrheit verhalte.

Eine Doppelstellung, ein recht eigenartiges Doppelspiel ist zwischen den beiden ganz unverkennbar. Ohne den Liberalismus ist der Sozialismus überhaupt nicht denkbar; aber in Wirklichkeit gibt es keine heftigeren Gegner, keine entschiedeneren Gegensätze als die beiden. Bezeichnen wir es vorläufig ganz kurz und allgemein, so können wir sagen: auch der Sozialismus ist liberal, der Geist befreiender Kritik ist seine Voraussetzung, so wie die Dinge heute liegen, geradezu ein Element seines Lebens; und auch was er erstrebt, ist nichts anderes als Befreiung -, Befreiung des Arbeiters von der Übermacht des Kapitals. Auf der anderen Seite aber bekämpft und befehdet er den Geist des Liberalismus aufs heftigste, weil dieser nicht sozialistisch, sondern individualistisch, also geradezu antisozialistisch ist; der schrankenlosen Selbstmacht der Individuen und des individuellen Eigentums, worin sich die Persönlichkeit sozusagen fortsetzt und über sich selbst hinaus erweitert, stellt er in seiner heute verbreitetsten Gestalt die Forderung entgegen: das Privateigentum muß aufgehoben werden und an seine Stelle das gesellschaftliche Eigentum aller Produktionsmittel, eine weitgehende Verstaatlichung und Vergesellschaftung von Produktion und Konsumtion treten.

Diese sich kreuzenden Tendenzen haben wir zunächst etwas weiter ins Einzelne zu verfolgen. Der Geist befreiender Kritik ist die nach rückwärts gegen das Bestehende gekehrte negative Seite des Sozialismus und zugleich die mächtigste Waffe, das schneidigste Werkzeug aller sozialdemokratischen Agitation. Entrüstungspessimismus hat man ja wohl die Stimmung genannt, aus der heraus der Sozialismus geboren wurde und aus der er immer neu die Kraft seines Wachstums schöpft. Hier liegen die Wurzeln seiner Stärke, hier die nie versiegende Quelle seiner Expansionskraft, hier die Möglichkeit und Fähigkeit, auch andere als wirklich überzeugte Anhänger seiner Lehre in seine Kreise zu ziehen und bei Wahlen z. B. als willkommene Hilfe seinem Siegeswagen vorzuspannen. Ich will ja keine sozialdemokratische Brandschrift schreiben, sonst müßte ich hier die verschiedenen Punkte dieser leidenschaftlichen Agitation, die Klagen dieser verzweifelten oder wildentschlossenen Stimmung zusammenstellen; als Ganzes sind sie ja bekannt genug und im Einzelnen werden sie uns im Folgenden jedesmal an ihrem Ort noch rechtzeitig genug begegnen. Hier handelt es sich vielmehr um ein Anderes: einmal, ist diese Unzufriedenheit sittlich berechtigt und wertvoll? und fürs zweite, ist sie in unseren sozialen Zuständen und Verhältnissen wirklich begründet?

Das Erstere scheint in gewissem Sinne selbstverständlich. Das "Duck' dich und schweig' dabei" kann ja wohl im einzelnen Fall Pflicht sein und werden, das sich der bestehenden Sitte, der gebietenden Autorität Fügen und Unterordnen ist unter Umständen geradezu das Sittliche selbst. (5) Aber im großen Gang der Weltgeschichte beruth doch der Fortschritt nicht auf diesem geduldigen Tragen und diesem sich Einordnen in die Welt, wie sie ist, sondern in der Tat auf jenem Gefühl der Unzufriedenheit, jenem nicht Befriedigtsein, das als Stachel die Geister vorwärts treibt und sich gelegentlich wohl auch in wilder Empörung Luft macht. "Ihr habt gehört, was zu den Alten gesagt ist; ich aber sage euch" - das ist der Ton, in dem der Geist des Fortschritts zur Menschheit redet. Aber nur, wenn eine Zeit erfüllt ist und nur, wenn das Ich, das dem Alten gegenüber tritt, ein besseres Neues zu sagen weiß, wird seine Stimme durchdringen und eine Welt mit sich im Sturm dahinreißen. Ob aber auch jetzt wieder eine Zeit erfüllt, ob das Alte unhaltbar geworden ist und für eine neue Weltordnung die Stunde bereits geschlagen hat, wer vermöchte das zu sagen? Und so läßt sich denn auch auf jene konkrete zweite Frage: ob eine so tiefgehende Unzufriedenheit mit unseren sozialen Verhältnissen, wie sie in der sozialdemokratischen Agitation sich Luft macht und in Erscheinung tritt, wirklich in den Tatsachen begründet sei? nur schwer eine allgemeingültige Antwort finden. Aber machen wir sie uns hier auch noch nicht zu schwer. Daß eine soziale Not in weitem Umfang und in erschreckender Tiefgründigkeit existiert, wagt längst schon niemand mehr zu leugnen, der harte Winter der letzten Monate mußte auch dem Ungläubigsten Augen und Ohren dafür erschließen; das Weberelend im Glatzer Gebirge ist nur ein Fall unter vielen; und so wird man doch höchstens über Ausdehnung und Maß dieses Notstandes noch verschiedener Meinung sein können. Da muß man es aber schließlich doch in erster Linie den Notleidenden selbst überlassen, wie hoch sie dieses Quantum ihrer Unzufriedenheit schätzen und werten wollen; die Bessersituierten haben schwerlich ein Recht und jedenfalls nicht die Möglichkeit, ihnen ein solches Maß von außen her und von oben herab vorzuschreiben und anzudemonstrieren. Daß die Unzufriedenheit eine künstlich hervorgerufene sei, kann auch der nicht behaupten, der sie für eine künstlich gesteigerte und übertriebene erklären wollte. Und mit der Wertschätzung unserer Kultur im ganzen verhält es sich nicht anders. Daß in ihr und an ihr vieles faul und verfault, vieles korrupt und korrumpiert, hohl und nichtig, sittlich wertlos und verwerflich sei, das ist unter uns allen nur noch ein offenes Geheimnis, über die Schadhaftigkeit dieses "Wunderbaus" sind wir alle einig; in Frage steht auch hier nur Quantum und Maß.

Aber nun einen Schritt weiter, nun die Fragen, ob die Anlässe, welche jene Unzufriedenheit hervorgerufen haben, zufällige oder im Wesen der Gesellschaftsordnung selbst liegende seien? ob die soziale Not der Gegenwart unvermeidlich sei oder sich beseitigen lasse? ob und inwieweit sie zusammenhänge mit der heutigen Ordnung unserer sozialen Verhältnisse und des weiteren mit der Gestaltung unserer ganzen gegenwärtigen Kultur? Hier bei der Beantwortung dieser Fragen beginnt langsam und allmählich das Auseinandergehen der liberalistisch-individualistischen und der sozialistischen Richtung und Weltanschauung. Darin sind noch beide einig, daß ein solcher innerer Zusammenhang bestehe; aber ihre Stimmung dieser Tatsache gegenüber ist eine höchst verschiedene, geradezu diametral entgegengesetzte.

Der Liberalismus sieht in der sozialen Notlage, welche auch er anerkennt, ein Unvermeidliches, sie ist ihm sozusagen der Schatten, der dem Licht der Kultur folgt und folgen muß, sie liegt begründet in den unwandelbaren Gesetzen der menschlichen Natur und der menschlichen Gesellschaft, in dem für die Gesellschaft wie für die gesamte organische Welt gleich gesetzmäßigen Kampf ums Dasein, im Gang der Geschichte, in der Entwicklung und im Wesen der Kultur. "Keine Kultur ohne Dienstboten"; "die Klassenherrschaft ergibt sich notwendig aus der Natur der Gesellschaft"; "unabänderlich gilt das Gesetz: nur einer Minderzahl ist beschieden, die idealen Güter der Kultur ganz (?!) zu genießen; die große Mehrheit schafft im Schweiße ihres Angesichts"; "die Masse wird immer Masse bleiben"; "diese Ordnung ist gerecht und sie ist notwendig"; "das Wachstum der Bevölkerung und ihrer Bedürfnisse hält unwandelbar die alte Regel aufrecht, daß die Mehrzahl der Menschen in beschränkten Verhältnissen leben muß, und die durchschnittliche Arbeitszeit sich nicht erheblich verringern kann". So formulierte HEINRICH von TREITSCHKE (6) zu einer Zeit, wo er noch liberal war, in ebenso oberflächlicher als brutaler Deutlichkeit die Gedanken des  laisser aller, laisser faire  [laufen lassen, machen lassen - wp].

Aber was so im Wesen der menschlichen Gesellschaft und Gesellschaftsordnung als ein notwendiges Übel begründet liegt, ist darum doch auch für diese Auffassung der Dinge nach Umfang, nach Höhe und Tiefe kein völlig Unabänderliches: das soziale Elend wird zwar nie aufhören, die Klassengegensätze werden nie verschwinden; aber jenes läßt sich doch verkleinern und erträglicher machen, diese lassen sich von ihrer Schroffheit und Grausamkeit das eine und andere abringen. Und so können wir uns beides denken als beständig abnehmende Größe, nur freilich: eine Größe, ein Faktor im Leben der Gesellschaft bleibt es und wird es, soll es sogar bleiben in alle Ewigkeit.

Nein, sagt dagegn der Sozialismus. Das Elend und die Bedrückung der unteren Klassen ist freilich eine notwendinge Begleiterscheinung, aber nicht der Kultur überhaupt, sondern nur eurer so und so beschaffenen, eurer auf dem Boden Individualismus gewachsenen Kultur. Und darum ist alles das auch nicht notwendig und ewig, sondern es kann -, nur natürlich nicht mit euren Mitteln und Mittelchen verringert und erleichtert, wohl aber kann es völlig beseitigt werden; mit der Ursache fällt hier auch die Wirkung weg, die soziale Not ist in allen ihren Gestalten zu Ende an dem Tag, wo es auch mit der individualistischen Gesellschaftsordnung definitiv zu Ende ist.

So ist also jener sozialistische Pessimismus, wie er sich dem liberalistischen Optimismus gegenüber darstellt, nur ein Anfangsstadium, er gilt nur der - zufällig - bestehenden Ordnung in unserer Welt, nicht der Welt selbst und ihrer ganzen Existenz, und letzten Endes enthültt er sich damit vielmehr selbst wieder als Optimismus, als ein recht hoffnungsreicher Glaube an eine bessere Zukunft, an eine goldene Zeit. Es fehlt also den Sozialisten nicht an einem Glauben, der in Hoffnung selig macht, und nicht an einem Ideal, das begeisternd wirkt. Noch kennen wir freilich Inhalt und Kern desselben nicht; aber  eines  wissen wir aus der Geschichte: Glaube und Idealismus sind noch immer die stärksten Mächte gewesen und haben sich noch immer siegreich durchgesetzt in der Welt.

Zwei Anschauungen - wir dürfen sie geradezu Weltanschauungen nennen - sehen wir so aus einer gemeinsamen Wurzel herauswachsen, sich voneinander trennen und alsbald in der vollen Schärfe ihrer Gegensätzlichkeit aufeinanderstoßen und sich feindlich gegenübertreten. Es gilt, sie nun in ihren Leistungen und Wirkungen, in ihrer Anwendung und ihren Anforderungen an Leben und Gesellschaft näher kennen zu lernen -, erst die individualistische des Liberalismus und dann in den folgenden Kapiteln die sozialistische.

Wir können den liberalistischen Individualismus als eine mechanische Weltanschauung bezeichnen. Nicht als ob jeder Individualismus mechanisch sein müßte; im Gegenteil. Im Kern seines Kerns, in der Seele seiner Seele erhebt ja das Individuelle geradezu Protest gegen den alle Individualität ertötenden Mechanismus und eben hierin liegt seine Stärke, liegt die Quelle seines unveräußerlichen Rechts. Aber daß er das und daß er somit sich selbst nicht verstanden hat, das ist der innere Widerspruch des Liberalismus, an dem er zugrunde gehen muß, das ist die große Unterlassungssünde, die er namentlich in seiner Anwendung auf Staat und Gesellschaft nicht von sich hat abschütteln, niemals wieder hat gut machen können. Denn wie faßt er doch die Menschheit auf? Als eine Summe von Individuen, die vielmehr bloße Atome sind, deren jedes von Haus aus dem andern im wesentlichen gleich, gleiches Recht besitzt wie alle übrigen und selbständig und spröde diesen andern gegenübersteht. Und auch wo sie sich zu Gruppen vereinigen, da geschieht dies immer nur zufällig und vorübergehend, willkürlich und künstlich, aufgrund von freigeschlossenen Verträgen; und darum sind alle diese Vereinigungen nicht nur nicht notwendig und unauflöslich, sondern sie sind auch lediglich im Dienste und Interesse dieser Einzelnen gebildet, sind um ihretwillen da und stehen deshalb nicht über ihnen, sondern in irgendeiner Form, als Mehrheit, als Vielheit bleiben diese Einzelnen souverän.

Auf politischem Gebiet hat diese individualistische Anschauung des  Contrat social  den Absolutismus der Fürstengewalt überwunden, die Möglichkeit einer Auflösung des den Staat begründenden Vertrags und das Recht der Revolution verkündigt und jene Lehre vom Staat und seinen Aufgaben entstehen lassen, der WILHELM von HUMBOLDT in seiner Jugendschrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" den denkbar schärfsten Ausdruck gegeben hat und die in dem Grundsatz gipfelt: "der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger, und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; zu keinem andern Endzweck beschränke er ihre Freiheit." (7)

Auf sittlichem Gebiet aber balanziert dieser Individualismus das menschliche Handeln auf der Nadelspitze der Subjektivität und des Gewissens, und erklärt für tugendhaft den, der diesem individuellen Führer folgt. Nicht auf den Erfolg der Handlung kommt es bei ihrer sittlichen Würdigung irgendwie an, sondern lediglich auf die Motive, auf das innerliche "du sollst"! Im Sittlichen ist der Mensch absolut frei, und das Sittengesetz, das ihn bindet, ist das Gesetz seiner eigenen vernünftigen Natur, ist Autonomie, nicht Heteronomie [Fremdgesetzlichkeit - wp].

Liegt aber im Wesen des Staates äußerlich und in dem des Sittlichen innerlich ansich schon ein antiindividualistisches Element und darum doch von Haus aus ein Korrektiv gegen eine schrankenlose Geltendmachung jenes atomistischen Standpunktes, so ist das anders auf dem Boden des gesellschaftlichen, des wirtschaftlichen Verkehrslebens. Hier steht in der Tat - oder sagen wir vielleicht richtiger: in der Theorie? -, jedenfalls zunächst steht jeder als Einzelner den anderen Einzelnen gegenüber, und zwar nicht als ein sittlich handelnder und darum doch irgendwie sittlich verpflichtet und verbunden, sondern lediglich nur als ein Güter produzierendes, Güter tauschendes, Güter konsumierendes Wesen. Und als solches jeder für sich und aus eigener Kraft, jeder für sich und im eigenen Interesse, im übrigen aber  vogue la galére!  [Komme was wolle! - wp]

Auf daß jedoch das Schiff flott werde, dazu, sagt die individualistische Volkswirtschaftslehre, müssen alle Hindernisse weggeräumt oder doch wenigstens weggedacht werden. Wegzuräumen sind die staatlichen Hindernisse, die noch aus dem Mittelalter und der Zeit fürstlicher Allgewalt stammen: Leibeigenschaft und Hörigkeit, Frondienst und Erbuntertänigkeit, Zunft- und Innungszwang, Verkehrsschranken von Ort zu Ort, von Land zu Land, gesetzliche Beschränkung des Niederlassungs- und Heimatrechts, der Eheschließung und Familiengründung, die staatliche oder kommunale Festsetzung der Preise und Löhne, die gesetzliche Regulierung der Dienst- und Arbeitsverträge. Und wegzudenken wenigstens ist die sittliche Natur jenes gesellschaftlichen Atoms, abzusehen ist vom Bedenken, ob bei einem solchen schrankenlosen sich selbst Durchsetzenwollen desselben nicht etwa die andern zu kurz kommen, ob sie nicht zu leiden haben unter den Ellenbogenstößen, wodruch ich mir Raum zu schaffen suche in dem an und für sich durchaus chaotischen Durcheinanderwogen und Aufeinanderprallen dieser gesellschaftlichen Atome. Nach der individualistischen Ansicht hat das natürlich jeder mit sich und seinem Gewissen auszumachen: die Volkswirtschaftslehre, die Gesellschaftstheorie hat mit diesem Faktor nicht zu rechnen. Wenn aber faktisch derjenige am weitesten kommen und sich am besten stellen sollte, der am rücksichtslosesten vorwärts hastet, skrupellos sein Ich und die Interessen dieses Ich zur Geltung zu bringen sucht, nun so ist es jedenfalls nicht Sache einer individualistischen Wirtschaftslehre, ihn davon zurück- und sich bei solchen Bedenken aufzuhalten; sie gehören in die Ethik, und seit die Nationalökonomie sich von dieser losgelöst und geschieden hat, läßt sie sich auch nicht mehr von ihr dazwischen reden. Und so bleibt schließlich nur Eines: die freie Konkurrenz, und als Triebfeder des ganzen Handels und Wandels volkswirtschaftlich ausgedrückt: der Profit, die Rente, ethisch gedacht: der Egoismus: was aber dabei herauskommt? wir sehen es: im Wettbewerb aller gegen alle ein immer steigender Wohlstand, eine immer sich mehrende Güterproduktion, immer größerer Reichtum an Kapital, Vervollkommnung der Technik, Fortschreiten von Handel und Wandel, von Verkehr und Industrie, allgemeines Prosperieren der Geschäfte, ein selbst die kühnste Phantasie übersteigendes Blühen und Gedeihen der Einzelnen und der Nationen.

Doch gerade hier, wo das Gebäude sich krönt, hat die Theorie ein Loch; wo das Bild im lichtesten Glanz strahlt, verbergen sich die dunkelsten Schatten. Wer sind den "die Einzelnen"? und was heißt "die Nationen"?  Die  Einzelnen sind immer nur Einzelne, und die ganze Nation -, damit ist es ohnedies eitel Flunkerei. Im Wettbewerb der freien Konkurrenz geht es zu wie auf dem Schlachtfeld oder noch schlimmer: die glücklichen Sieger sind einige wenige, der Unterliegenden, der Toten und Verwundeten unendlich viele. Oder ohne Bild gesprochen, die Wirkung der freien Konkurrenz ist eine ihrem Ausgangspunkt schnurstracks entgegengesetzte: dieser war der schöne Gedanke, daß alle Menschen von Natur aus gleichgestellt seien und somit auch gleiches Recht zum Wettbewerb, gleichen Anspruch auf Geltendmachung ihrer Interessen haben; und das Ende ist: Kapital und Eigentum, Mittel und Kraft zu produzieren, die Freiheit und Gelegenheit zu konsumieren, die Teilnahme an der vollbesetzten Tafel des Lebens -, alles das Sache einiger weniger wirtschaftlich Starker, und die überwiegende Mehrzahl der wirtschaftlich Schwachen in vielfacher Not und - was dem Gedanken und Prinzip des Individualismus noch viel mehr zuwiderläuft - in vielfacher schlimmster Abhängigkeit von jenen Wenigen.

Doch warum abhängig? Steht nicht der Arbeiter dem Fabrikanten und Kapitalisten gleichberechtigt gegenüber? hat er nicht das Recht, nach Belieben Verträge zu schließen oder nicht zu schließen, zu arbeiten oder nicht zu arbeiten, zu kündigen oder zu bleiben? Das Recht - ja; aber auch die Wahl? Arbeiten um jeden ihm gebotenen Lohn und unter jeglichen einseitig vom Arbeitgeber festgesetzten Bedingungen oder mit seiner Familie betteln und Hunger leiden, um nicht zu sagen Hungers sterben, das ist in tausend und abertausend Fällen die einzige Wahl, die der freie Arbeiter hat. Hier setzt das sogenannte eherne Lohngesetz, hier die Überbevölkerungsfrage und die Lehre von der Reservearmee der Industrie ein. Darauf werden wir noch kommen. Einstweilen haben wir nur zu konstatieren: der isolierte Arbeiter ist vom kapitalbesitzenden Arbeitgeber durchaus abhängig, unter wenig günstigen Bedingungen verkauft er diesem seine Arbeit und damit in gewissem Sinne sich und seine Persön; und es steht dann auf dem Boden des Individualismus und nach der Lehre desselben dem Fabrikanten völlig frei, wie er seine Superiorität [Vorherrschaft - wp] und Übermacht benützen will. Werden ihm seine Arbeiter zu bloßen "Händen", so ist das seine Sache; die Hände gegen ihn und vor der Ausbeutung durch ihn zu schützen, hat niemand das Recht, auch der Staat nicht, der sich jeder Einmischung in dieses Verhältnis, wie überhaupt jeder "Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger" zu enthalten hat. So will es die Theorie des  laisser aller, laisser faire,  die Theorie des liberalistischen Manchestertums.

Doch daß wir uns nur nicht zu sozialdemokratischen Übertreibungen hinreißen lassen und Dinge behaupten, die in Wirklichkeit bei weitem nicht so schlimm sind!  Sind  oder  nicht sind,  lassen wir das im Einzelnen dahingestellt und unentschieden, aber doch fraglos  sein können,  fraglos in der Konsequenz des Individualismus und der schrankenlos freien Konkurrenz liegen. Wenn es tatsächlich vielfach nicht so schlimm, vielfach besser ist, so sind daran andere Faktoren schuld, vor allem der Umstand, daß der Individualismus namentlich bei uns in Deutschland an Staat und Sitte und Sittlichkeit doch immer noch kräftigen Widerstand und gewisse letzte Schranken gefunden hat und sich darum niemals absolut hat durchsetzen können. Daß es aber doch an vielen Orten und in vielen Beziehungen recht schlimm ist, das wissen wir alle. Und wenn dafür kein Einzelner soll verantwortlich gemacht werden dürfen, was übrigens gerade auf dem Boden einer subjektivistischen Gewissensmoral eine inkonsequente Verlegenheitsausrede von zweifelhaftem Wert ist, nur umso schlimmer dann für die Gesellschaftsordnung im ganzen, die den Einzelnen in diese Bahnen treibt und zwingt und sich eben damit in ihrer sittlichen Verwerflichkeit enthüllt. Jedenfalls aber reicht das Gesagte hin, um zu erweisen, wie auf dem Boden dieser liberalistischen Anschauung von der Gesellschaft die prinzipiell verkündigte Freiheit und Gleichheit aller einzelnen Individuen in ihr Gegenteil umschlägt, in Ungleichheit und Unfreiheit, in Abhängigkeit, um nicht zu sagen: in Sklaverei hineinführt oder doch hineinführen kann. Es ist ähnlich wie mit dem  l'etat c'est moi:  auch dieses Wort bedeutet eine schrankenlose Selbsterweiterung und Freiheit - für den Einen, aber absolute Unfreiheit und Rechtlosigkeit für alle anderen; und ebenso bringt die individualistische Produktionsweise dem Kapital und den Kapitalisten die Freiheit, aber völlige Unfreiheit den Armen und Schwachen, den Arbeitern und ihren Händen. Sie, die Masse der Proletarier stehen rechtlos, schutzlos den wenigen Besitzenden und Reichen gegenüber.

Und dabei ist nicht das Wort "Proletarier" das Revoltierende, sondern die "Hände" sind es und die "Masse" ist es. Diese Ausdrücke weisen auf die ethische oder unethische Basis der ganzen sozialen Frage hin: statt Individuen und freien Persönlichkeiten nur Hände, ein Glied und eine Seite nur statt des ganzen Menschen, und so das Ganze kein Ganzes mehr, sondern verkümmert gerade in seinen höchsten und reichsten Funktionen; und statt einer organisierten Gesellschaft, wo "Alles sich zum Ganzen webt, Eins im Andern wirkt und lebt", eine unorganische, ungegliederte Masse, der vor allem  eines  fehlt, die volle Teilnahme an den Gütern unseres Volkstums, an den Errungenschaften unserer Kultur, an ihren Genüssen und ihren Segnungen, an Schönheit und Glück, an Wahrheit und Bildung, an sittlicher Freiheit und menschwürdigem Dasein.

Ist das ein Zustand, der Erhaltung verdient? ein Zustand, der sich sittlich rechtfertigen läßt? Aber freilich, wenn wir auch diese Frage zu verneinen hätten, so ist damit noch nicht gesagt, daß wir nun sofort der sozialistischen Gesellschaftsordnung unseren Beifall schenken müssen und diese dafür an die Stelle setzen möchten. Erfreulicher wird jenes Zukunftsbild allerdings sein, aber vielleich nicht ebenso der Wirklichkeit entsprechend. Doch noch sind wir nicht so weit.

Das Wort "Masse" hat uns gewissermaßen in  einem  Blick den ganzen Abgrund enthüllt, den der Individualismus auf wirtschaftlichem Gebiet als zerklüftenden Riß durch unsere Gesellschaft hindurch aufgewühlt und weiter ins Ungemessene zu vertiefen fortgesetzt die Tendenz hat. Und wenn daher als Antwort von der Gegenseite im Gothaer Programm erklärt wird, daß "der Arbeiterklasse gegenüber alle andern Klassen nur eine reaktionäre  Masse " seien, so mag das für uns, die wir stolz sind auf unsere Eigenart und unsere herausgearbeitete Persönlichkeit, einer gewissen Komik nicht entbehren. In Wahrheit aber weist es hin auf den wirklich vorhandenen Schaden unserer Kultur, auf unser einander nicht mehr Verstehen herüber und hinüber, auf den Mangel an einer alle Teile zusammenfassenden und vereinigenden Organisation. SCHLEIERMACHER hat das Organisieren für eine, um nicht zu sagen für  die  Aufgabe der Sittlichkeit erklärt; die Bezeichnung breiter Volksschichten durch das Wort "Masse" läßt das Unsittliche oder doch das noch nicht Sittliche unserer auf individualistischem Boden gewachsenen Kultur erkennen.

Und wie steht es mit dem Wort "Arbeit" und "Arbeiter"? Weil die Handarbeit erst unter dem Einfluß des antiken Aristokratismus, dann unter dem des christlichen Spiritualismus und schließlich unter den kapitalistischen Anschauungen der modernen Zeit gering geachtet worden ist, so fangen nun die sich emanzipierenden "Hände" ihrerseits an, die  Ehre  der Arbeit für sich allein in Anspruch zu nehmen und sind in Gefahr, die geistige Arbeit und ihren Wert zu verkennen und zu unterschätzen.

Also überall Trennung und Zerklüftung, überall Mangel an gegenseitigem Verständnis, Mangel an Organisation! Dem tritt nun der Sozialismus entgegen als eine sittliche Lebensanschauung anderer, höherer Art. Ich habe den Individualismus als den Ausfluß einer mechanischen Weltansicht bezeichnet, weil er den Menschen im Guten wie im Bösen isoliert und lediglich auf sich selber stellt, und in aller menschlichen Gemeinschaft und Gesellschaft und nur ein Zufälliges und Willkürliches, ein künstlich Zusammengefügtes und darum ein Vorübergehendes zu sehen vermag. Dem gegenüber kann man den Sozialismus organisch nennen: der Einzelne nicht etwas für sich, sondern etwas nur als Teil und Glied eines Ganzen, im Dienste dieses Ganzen und verpflichtet zu tätiger Mitarbeit am Auf- und Ausbau desselben. Und zwar muß - das ist die Meinung - diese soziale Anschauung speziell auch die von ihr noch am wenigsten berührte und durchdrungene Arbeit im Dienste der materiellen Kultur übertragen werden. Die Gesellschaft soll auch beim Produzieren und Konsumieren nicht länger als ein Haufen von Atomen betrachtet werden, sondern eher als ein sozialer Körper; und die Gütererzeugung und Güterverteilung sozusagen der Stoffwechsel dieses Körpers (8), den zu erhalten auch im Bewußtsein des Einzelnen als die höhere Pflicht neben der Pflicht der individuellen Selbsterhaltung anerkannt werden müßte.

Solche Analogien sind freilich nie ganz ohne Bedenken; aber was die Vergleichung sagen will, ist klar: das, um was es sich handelt, sei im Grunde nichts anderes als - moralische Erziehung des Menschen im Sinne einer Umwandlung des individualistischen Geistes in den sozialen, die Erkenntnis und Überzeugung, daß wie alle, so auch die materielle Kultur ein Teil der sittlichen und ein zu Versittlichendes sei, daß das, was bisher von den Einzelnen lediglich in ihrem eigenen Interesse getan wurde, vielmehr zur Erhaltung des Ganzen bestimmt sei, und daß darum an die Stelle einer einseitigen Berücksichtigung der Privatinteressen die höheren allgemeinen, der Blick auf das Ganze zu treten habe.

Daß dieser Anschauung vom sozialen Geist und seiner Pflege ein richtiger Begriff des Sittlichen zugrunde liegt, ist unbestreitbar. Gewiß ist das Sittliche, wie es in der Sitte wurzelt, ein Soziales, ein Produkt der menschlichen Gesellschaft, ein in ihr Werdendes und Gewordenes. Und auch wo es sich um die Sittlichkeit des einzelnen Menschen handelt, ist es mit dem sich Zurückziehen auf das gute Gewissen allein nicht getan, die guten Motive reichen nicht aus, um eine Handlung zu einer guten zu machen, es muß beim sittlichen Handeln auch etwas Gutes herauskommen; und so ist sein Inhalt schließlich doch immer ein Beitrag zur Organisation der Natur durch die Vernunft, oder konkreter und richtiger gesagt, eine Förderung der allgemeinen Wohlfahrt, in deren Dienst der einzelne sittlich erzogene Mensch fraglos und freudig sich stellen und der er persönliche Neigungen und Interessen und wo es not tut, sogar sich selber muß zum Opfer bringen können. Der Gegensatz gegen dieses so gefaßte Sittliche aber ist nichts anderes als ein sich versteifender, sich schranken- und rücksichtslos durchsetzender Egoismus.

Also in der Tat: Überwindung des egoistischen Individualismus durch den sittlichen Sozialismus, das ist das Ziel. Aber überwinden heißt nicht vernichten. Ein Ego bin ich, ein Ego bleibe ich. Ich will nicht im Einzelnen zeigen, wie dieses Ich doch überall dabei ist, wie es vielleicht sogar im Mitleid und in aller Sympathie für andere seine Rechnung findet, wie nur das bessere Selbst die Selbstsucht überwindet und wie doch schließlich auch die Selbstlosigkeit und jedes Opfer, das sie bringt, ihren Lohn findet und sich rechtfertigen muß vor dem Gefühl des eigenen inneren Wertes und der Harmnie mit mir selbst und mit allen guten Geistern in meiner Brust. (9) Aber das, meine ich, gehört hierher und ist praktisch wichtig: um zum Wohle anderer beitragen zu können, muß ich selbst äußerlich auf den richtigen Platz gestellt sein und mich innerlich befriedigt fühlen; ich muß, um nach außen wirken und Wertvolles leisten zu können, mich ausleben, in dem meinen Fähigkeiten angemessenen Wirkungskreis meine Kraft entfalten dürfen: das ist das Recht meiner Individualität.

Man könnte besorgt sein, ob die Forderung eines solchen gesunden und berechtigten Egoismus, die Herausbildung schöner Individualität und harmonischer Persönlichkeit in einer sozialen Ethik nicht zu kurz komme; namentlich beim Bild von der Menschheit als einem Organismus erscheint die Selbständigkeit des einzelnen Individuums in der Tat gefährdet. Auf die praktischen Schwierigkeiten, welche hierdurch dem Sozialismus erwachsen, komme ich noch zu sprechen; hier nur die Gegenfrage: hat denn der Individualismus jene Forderung erfüllt? hat er in einem weiten Umkreis Individualitäten geschaffen? oder hat nicht gerade er es versäumt, zu gliedern, zu differenzieren, hat er nicht jene Massen zusammengeballt, die uns so unpersönlich und inviduallos und darum so unheimlich - unheimlich wie alles chaotisch-Elementare - gegenüberstehen? Der Individualismus mit seiner die Gesellschaft in Atome zersetzenden Tendenz hat geradezu antiindividualistisch gewirkt; der Sozialismus will organisieren -, nicht als ob es damit getan wäre, aus den vielen Einzelnen eine große Masse zu machen, sondern in dem Sinn wirklicher Gliederung und Differenzierung; und dabei könnte wohl auch das Individuelle und Persönliche seine Rechnung finden und müßte sie finden. Das Sittliche selbst aber dürfte doch selten in Gefahr kommen durch ein Zuwenig, sondern mit seltenen Ausnahmen nur durch ein Zuviel des Egoismus; und darum ist der sittliche Geist als ein sozialer immer bloß ein Werdendes, langsam sich Durchsetzendes; in jedem neu entstandenen Menschenindividuum muß er erst Boden gewinnen, erst den von Haus aus übermächtigen und von Anfang an sich breit machenden Egoismus zurückdrängen. So ist die sittliche Arbeit in der Welt, und zwar im Ganzen ebensowohl wie in jedem Einzelnen, eine nie vollendete Aufgabe, ein nie abgeschlossenes Werk, ein nie verwirklichtes Ideal; denn ihr Widerpart ist der immer neu sich gebärdende Egoismus, stark wie jener Riese, der in der Berührung mit seiner Mutter Erde immer frische Kraft gewann, aber nicht wie dieser dem Tod verfallen, solange der Mensch überhaupt lebt und leben, d. h. sich selbst erhalten will. (10)

Weil aber der Egoismus eine so starke Position hat und in dieser seiner Stärke so leicht die erste und einzige Rolle spielen und damit den Einzelnen unsittlich machen und die Gesellschaft in einen Tummelplatz der Selbstsucht verwandeln, so gilt es in der Tat den Versuch zu wagen, ihm auch  den  Boden streitig zu machen, auf dem er sich bis dahin fast ungestraft hat breit machen dürfen und auf dem er sozusagen privilegiert, geradezu wissenschaftlich legitimiert gewesen ist, den Boden des wirtschaftlichen Verkehrslebens. Es will nicht ausreichen, ihn einem rein sittlichen Erziehungs- und Läuterungsprozeß zu unterwerfen und im übrigen zu waren, ob er nicht sittlich belehrt und gebändigt dem Geist des Sozialismus die erste Stelle einräume, sondern man muß zugleich auch von außen nach innen vordringen und so auf ihn einwirken, muß die ihn umgebende Welt so umzugestalten suchen, daß er kein Königreich und kein Herrschaftsgebiet mehr für sich finden kann. Und das ist der Weg, den unsere Sozialisten ein- oder richtiger einstweilen vorschlagen.

Nun weiß ich natürlich sehr wohl, daß das Verlangen nach einer solchen äußerlichen Umgestaltung der Gesellschaftsordnung von der großen Mehrzahl unserer Sozialdemokraten (ich wähle hier mit Absicht diese Parteibezeichnung) gedankenlos und lediglich in  der  Meinung erhoben wird, daß es damit getan sei. Ihnen ist der Sozialismus in der Tat nur ein Äußeres und Äußerliches; sie wollen die Welt anders machen, damit man es in der Welt besser  habe,  und denken nicht daran, auch die Menschen anders zu machen, damit der Mensch besser  werde.  In diesem Besserhabenwollen, das nicht auf einem Bessersein und Besserwerden ruht, liegt die Berechtigung des oft gehörten Vorwurfs, daß der Sozialismus nur an die schlechten Leidenschaften des Menschen, an seine Genußsucht und seinen Neid, an seine Begehrlichkeit und seine niederen, sinnlichen Triebe appelliere und nicht wisse, was den Menschen wahrhaft glücklich mache und was des Menschen wahrhaft würdig sei. Der Vorwurf ist wie gesagt nicht ohne Grund; nur haben die, die ihn erheben, vielfach selbst kein besseres Recht für sich und selten eine viel höhere Vorstellung von Menschenwürde und vom Glück.

Allein diese prinzipielle Frage kommt uns hier noch zu früh. Vorläufig genügt es zu sagen, daß doch nicht alle Sozialisten so gedankenlos sind; eine Ahnung davon durchzieht doch manche, die Besten unter ihnen sprechen es auch geradezu aus, daß die geforderte äußere Umwandlung der Welt die innere Veränderung und Besserung der Menschen nach sich ziehen müsse, nach sich ziehen werde. Ändert erst, so rufen sie uns zu, die individualistische Gesellschaft in ihrer äußeren Organisation und Gestalt, so wird der Gesinnungswechsel der Menschen mit Notwendigkeit und ganz von selbst nachfolgen. Ja, es will mir eher so vorkommen, als ob dieser Glaube an den Zusammenhang zwischen Äußerem und Innerem, an die Wirkung äußerer Veränderungen auf das Innere bei sozialistischen Schriftstellern und Agitatoren zu groß wäre: nicht nur die soziale Not hört an dem Tag auf, wo es mit unserer individualistischen Gesellschaftsordnung zu Ende geht, sondern es stellt sich an demselben Tag und zu derselben Stunde auch der soziale Geist ein, der uns und soweit er uns heute noch abgeht. Und eben darum finden wir auch bei idealeren Naturen jenen leidenschaftlichen Drang nach einer sozialen Revolution, der den langsamen Weg der Reformen verschmäht. Schafft eine neue Welt, und die neue Menschheit ist da! Das ist das Schöpfungswunder, das uns solche sozialistischen Revolutionäre und Utopisten verheißen. Aber wir glauben an keine Wunder, und darum ziehen wir den langsam sicheren Weg der sozialen Reform vor, vorausgesetzt daß derselben zugleich ein Weg sittlicher Erziehung, der Siegesweg des sozialen Geistes und seiner Verbreitung in der Welt ist und sein kann.

Aber ehe wir uns diesem Weg der Reformen zuwenden, haben wir erst noch Utopia und die Straße dorthin kennen zu lernen!
LITERATUR: Theobald Ziegler, Die soziale Frage eine sittliche Frage, Stuttgart 1895
    Anmerkungen
    0 - Diese kurzen Anmerkungen am Schluß des Kapitels sind nicht zu umfassenden Literaturnachweisen bestimmt: ich liebe solches Prunken mit einer Belesenheit nicht, das doch höchstens für einen  specimen eruditionis  [Beispiel der Gelehrsamkeit - wp] erforderlich wäre. Sondern sie geben vielmehr nur solche Werke an, denen ich ganz direkt Stoff oder Gedanken entnommen habe, oder weisen auf Bücher hin, in denen der Leser das im Text kürzer Berührte näher begründet oder weiter oder andersartig ausgeführt finden kann und auf die ich ihn daher aufmerksam machen möchte.

    1) ARISTOTELES' Schrift vom Staatswesen der Athener, verdeutscht von GEORG KAIBEL und ADOLF KIESSLING, Kap. 2
    2) Vgl. hierüber die kleine Schrift von FRIEDRICH JODL, Volkswirtschaftslehre und Ethik, in Holtzendorffs deutschen Zeit- und Streitfragen, Jahrgang XIV, 1886, Heft 224
    3) GUSTAV SCHMOLLER, Zur Sozial- und Gewerbepolitik der Gegenwart, Reden und Aufsätze, 1890, Seite 204 - 246.
    4) Diese Gedanken habe ich näher ausgeführt in den philosophischen Monatsheften, Jahrgang 1890, Seite 129 - 147, Ethische Fragen und Vorfragen I.
    5) Darüber vgl. man in  meinem  Buch "Sittliches Sein und sittliches Werden", 2. Auflage 1890 die Ausführungen Seite 38f und HARALD HÖFFDING, Die Grundlagen der humanen Ethik, 1880.
    6) Die Zitate sind von TREITSCHKEs vielberufenem Aufsatz "Der Sozialismus und seine Gönner", Preußische Jahrbücher, Bd. 34, 1874, Seite 67 - 100 und Seite 248 - 301, entnommen. HÖFFDING meint in seiner Ethik (1888), Seite 278, diese bei Bürokraten und konservativen Politikern häufig anzutreffende Auffassung sei in jenem Aufsatz von TREITSCHKE "in besonders klassischer Form ausgesprochen". Ob freilich TREITSCHKE selbst heute noch ebenso denkt wie 1874, wird man nach all den Wandlungen, die er inzwischen vollzogen hat, bezweifeln dürfen. Jedenfalls hat SCHMOLLER, gegen welcher jener Essay gerichtet war, recht, ewnn er in seinen Reden und Aufsätzen zur Sozial- und Gewerbepolitik der Gegenwart Seite 38 mit Bezug auf diese Fehde sagt: ich glaube in jener Zeit "besser in die Zukunft gesehen zu haben, als mein verehrter Kollege, der mich damals eben darum vom Standpunkt der angeblich bedrohten höheren geistigen und ästhetischen Kultur aus als törichten Sozialisten abkanzelte." Auch ich darf mich rühmen, schon in jenen Jahren den von SCHMOLLER vertretenen Anschauungen näher gestanden zu haben als dem damals der Sozialreform so wenig zugeneigten Historiker, wenngleich ich nicht mehr in allem Einzelnen den Standpunkt der Schlußabhandlung  meiner  Schrift "Republik oder Monarchie? Schweiz oder Deutschland?" (1877) vertreten möchte.
    7) WILHELM von HUMBOLDT, Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, Reclamsche Sammlung, Seite 53
    8) Dieses Bild stammt von ALBERT SCHÄFFLE, der es in seinem vierbändigen Werk "Bau und Leben des sozialen Körpers", 1875/78 im Einzelnen aus- und durchgeführt hat; aber gerade dieses Buch kann auch zeigen, wie gefährlich eine allzuweit gehende Verwertung solcher Analogien und die unkritische Übertragung naturwissenschaftlicher Kategorien und Gesichtspunkte auf eine Geisteswissenschaft werden kann; vgl. darüber auch GUSTAV SCHMOLLERs Essay über SCHÄFFLE in seinem Buch "Zur Literaturgeschichte der Staats- und Sozialwissenschaften", 1888, Seite 211 - 232.
    9) Darüber in meiner Schrift über "Das Gefühl", Stuttgart 1893 den Abschnitt über die sittlichen Gefühle, Seite 164 - 182
    10) Diese meine Auffassung des Sittlichen steht im entschiedensten Gegensatz zur individualistischen "Herrenmoral" NIETZSCHEs. Dieselbe bedeutet einen neuerlichen Gegenstoß des Individualismus gegen den immer mächtiger andringenden Sozialismus und ist mit diesem völlig unvereinbar; man kann nicht Nietzscheaner und Sozialist zugleich sein.