tb-2 W. ReslH. CohnTh. LippsS. MarckO. WeidenbachB. Varisco    
 
RICHARD WAHLE
Die Auflösung des Subjektivismus (1)

"Wissen ist kein erkenntnistheoretisch haltbarer Begriff und so ist Wissen auch keine Erhabenheit, die eine Rolle im Weltall spielen dürfte. Der Idealismus, der in Humanität, Nächstenliebe und der Ausmerzung egoistischer Fehler bestehen, dieser Idealismus freilich behält seinen anthropologischen Wert. Aber das Wissen ist ohne Identität."

Gestatten Sie, daß ich Ihnen mit einer relativ neuen und schwierigen Idee zur Last falle, ohne Hoffnung, Sie in der zugemessenen kurzen Zeit von deren Richtigkeit überzeugen zu können. Offen gestanden, ich will nur, in erlaubter Weise, zur Lektüre meines noch nicht entsprechend bekannten Buches "Über den Mechanismus des geistigen Lebens" anregen, das, neben neuen Ideen-Assoziationslehren, vielen neuen physiologischen und psychiatrischen Theorien, einer Charakterlehre und allerhand sonstigen Doktrinen, auch meine Erkenntnislehre bringt und will ihnen hier einen kurzen Führer für das Werk mitgeben.

Möge man sich nicht durch vage Ähnlichkeiten anderer literarischer Aufstellungen mit meiner vor Dezennien frei entstandenen und seither festgehaltenen erkenntniskritischen Anschauung zu der Meinung verleiten lassen, diese sei unter jene zu susumieren.

Ich halte die von mir hier vorzutragenden Erkenntnisse für wahr - im guten, ehrlichen Sinnes des Wortes. Sie wollen absolut wahr sein, nicht bloß wahr im Sinne des sogenannten Pragmatismus dieser schöngeistigen Rekapitulation eines alten Relativismus, Skeptizismus, Sophistizismus, der für wahr hält, was sich für den und jenen oder für viel als nützlich bewährt. Sie wollen nicht bloß wahr sein, weil sie irgendwelchen zufälligen Postulaten genügen oder zufällige Konfusionen beseitigen. Sie wollen keine brauchbare Hilfstheorie oder Hypothese einführen, sondern sie sind theoriefrei und verwerfen die eventuell brauchbaren Theorien des Dualismus, Idealismus, der Immanenzlehre und andere. Obwohl für weite Gebiete der Agnostizismus, ewige Unwissenheit, anzuerkennen ist, wird diese unsere Position für wahr zu halten sein, daß wir absolut nicht berechtigt sind, einen Unterschied zwischen Subjekt und Objekt zu machen - so sicher sich dieser Unterschied empirisch und praktisch bewährt. Unsere Kritik ist aber auch von höchster praktischer Bedeutung, indem sie alle Lehren, welche mit der Würde der Geistigkeit rechnen, verwirft.

Die erkenntnistheoretischen Kategorien "Subjekt", "Objekte als Gewußtes", "Objekte als Wissensrelationen" und ähnliche sind also empirische Täuschungen!

Die Auflösung jedes Subjektivismus, die hier vorgetragen werden soll, erfolgt natürlich nicht durch logische Kniffe, sondern sie ist das Resultat einer evidenten Intuition.

Diese erkenntniskritische Lehre muß die wichtigsten Konsequenzen nach sich ziehen, die Sie selbst sich entwickeln können.

Die empirisch gewonnenen Anschauungen, die konventionellen, die unser ganzes Leben beherrschen, bleiben freilich durch jede Erkenntnislehre unerschüttert und sie bleiben auch trotz Verschiedenheiten der Erkenntnislehre immer gleich; immer wird man Objekte und darauf zielende sogenannte Ich-Tätigkeiten unterscheiden und anerkennen müssen. Auch praktisch-physikalisch bleibt sich alles immer, unangefochten von jeder Erkenntnistheorie, gleich, aber große geistige Konsequenzen werden sich eröffnen, die jeden Stolz und Hochmut des metaphysischen Idealismus ein für allemal abwehren müssen.

Die reinen, erkenntnistheoretischen Tatsachen und die damit zusammenhängenden reell notwendigen Denkpostulate sind folgende:

In verschiedenen Vorkommniskreisen stehen Leibessinne (Augen etc.) und leibfremde Flächen, die Umwelt, zusammen - aber diese beiden Arten von Vorkommnissen sind  physisch reell  vorhanden, von unbekannten Kräften schlechthin produziert. Sie gehören irgendwie zusammen. Die reellen Beziehungen zwischen Sinnen und anderen Flächen sind das Fundament für die Bildung einer Ichkategorie. Aber ein Sein das als psychisches Wissen - über jene physischen hinaus - gegeben wäre, ist nicht vorhanden; es ist nichts als eine falsch erschlossene Fiktion.

So wenig wir berechtigt sind, sicher eine auf uns wirkende Außenwelt anzunehmen, so wenig dürfen wir ein wissendes Ich annehmen. Wirkende Faktoren und Kräfte, die die Welt tragen, wenn sie auch verborgen sind (die von sogenannten empirischen, jedoch in sich unklaren, unmöglichen Lehren verworfen werden), müssen notwendig angenommen werden. Alle unzweifelhaft gegebenen Vorkommnisse existieren aber nur als schlechthin, physisch daseiende Vorkommnisse, so die Flächen von Farben, Tönen, Leibesflächen, Leibesempfindungen und Leibesbewegungen; ferner die Vorkommnisse sekundärer Form, wie sie, miniaturenartig, die sogenannten Erinnerungen und Phantasien bilden! Beide Arten, die primären und die sekundären, sind von gleicher  unrelativer  Qualität.

Nicht  stellt sich dar,  nicht  ist irgendwie gegeben ein Wesen, das sich als wissendes oder vorstellendes manifestierte, noch ist eine Wissensfunktion oder Vorstellungsfunktion gegeben. Es gibt kein eigenartig psychisches, präsentes Ich, kein Ich-Gefühl, keine Ich-Funktion. Es gibt auch nicht mehrere psychisch eigenartige, unanalysierbare Grundklassen wie Urteile, Gefühle, Willensakte etc. etc., sondern es gibt nur Reihen jener primären und sekundären schlechthin physisch reellen Vorkommnisse. Es gibt keine intentionalen Objekte, weder Inhalte in verschiedenen Modifikationen, noch Inhalte wechselnder psychischer Funktionen. Alle Relationen sind restlos in Reihen von absoluten Vorkommnissen, in denen Unruhe und Beruhigung eine Hauptrolle spielen, auflösbar. Vorkommnisse des Augen-Öffnens, Augen-Schließens, Körper-Wendens, Kopfstellens, Zugreifens und ähnliches, also Bewegungen einer in gewissen Qualitäten (sogenannten Empfindungen) vorhandenen Ausdehnung, das ist des Leibes, begründen das, was man Ich nennt. Andere Flächen, die nicht von jenen Leibesempfindungsqualitäten besetzt sind, bilden die Objekte, für Hinlangen und Erreichen, Objekte, die eo ipso [ansich -wp] als Flächen-Daten jenseits des empfindungsbegabten Leibes vorhanden sind.

Es sind zwei gewissermaßen wenig verschiedene Arten von Realitäten, gleichnisweise etwa so different wie Pferd und Wagen im Zug.

Durch Reihen von Leibesunruhen, Bedürfnissen, Verfehlen, Erreichen, ein von früher her Bekanntes nicht sehen und dann wieder sehen, durch Danebensehen und Rechtsehen, durch Abwendun und Zuwenden plus Erinnerungen an das alles wird das konstituiert, was man ein höheres, ein sich wissendes Ich nennt.

Seine scheinbare Festigkeit rührt daher, daß die Gattung des Ersehens, Ergreifens etc. und der Leib sich gattungsmäßig gleich bleiben und sich stetig zwischen den anderen Objekten durchbewegen. Die Identität des Ich ist nur die Identität der Gattung des Ersehens, Ergreifens etc. und der Leib gattungsmäßig sich gleich bleiben und sich stetig zwischen den anderen Objekten durchbewegen. Die Identität des Ich ist nur die Identität der Gattung gewisser Vorkommnisse. Diese Reihe von sogenannten Ich-Vorkommnissen begleitet ununterbrochen alle anderen Objekte, auf welche die Sinne und Organe gerichtet sind. Alles Gegebene ist also immer zusammen gegeben mit der sogenannten Ich-Reihe, von ihr begleitet; neben allen Objekten findet sich die Warte, die Festung des Leibes, von der aus Operationen physischer Natur auf physische Objekte hinausgehen.

Eine andere, zweite Form des sogenannten Ich ist dann das Wogen der Bilder und Töne, der Miniaturen, die nicht ergreifbar, nicht bewegbar sind, jene Vorkommnisse, die man als Erinnerung, Überlegung, Entschluß, Entscheidung anspricht, die alle in Reihen flächenhaften Daten und Bewegungen, sowie ihrer  Ansätze  und  Reste  auflösbar sind.

Man lese in jenem Buch nach, wie alle sogenannten Akte und Funktionen, zum Beispiel das Wollen, das Urteil, das Gefühl etc. in Reihen, in denen Gewohnheiten, Gewohnheitsstörungen, körperliche Unruhen, Bemühungen etc. eingestellt sind, auflösbar erscheinen. Was durch Worttäuschung als eine Konzentration erscheint, ist in Wahrheit eine gestreckte Sukzession.

Auch diese zweite Form des Ich ist immer vorhanden. Es ist deshalb ein komischer Mißgriff, das Ich aufzeichnen zu wollen; man hätte ja die anderen physischen Realitäten, die Leibesqualitäten, Operationen und die sekundären Bilder, die wir Erinnerung, Absicht, Versuch etc. nennen, noch mitzeichnen müssen!

Diese von anderen Vorkommnissen unterschiedenen Reihen des sogenannten Ich sind aber - darauf kommt alles an - nur aus absoluten, freistehenden Realitäten zusammengesetzt; sie sind schlechthin physisch daseiende Entia und nirgends weist etwas auf eine Existenzart hin, die wir über die sachliche Realität hinaus als ein Wissen, als eine Wissensfunktion, als ein Vorstellungen haben, als eine Innerlichkeit erklären dürften. Es gibt kein in irgendeinem direkten Sinn zu fassendes Intelligere. Es gibt wohl ein Ich, insofern es eine reelle, objektive Stellung gegenüber anderen Objektivitäten gibt, aber es gibt nicht ein Ich, insofern es ein Inneres, eine innere Aktion, eine Funktion wäre, die sich auf etwas anders Geartetes erstrecken würde; es gibt nicht einen Inhalt für psychische Arbeit, keine intentionale Beziehung, es gibt nur plane absolute Vorkommnisse als solche ansich, nicht für ein Subjekt.

Alle Komplikationen lassen sich auf einfache objektive Bestände zurückführen. "Mehrere Menschen sehen, wissen dasselbe" ist nur ein Ausdruck dafür, daß sich ähnliche subjektlose Realitäten in mehreren Vorkommnissphären finden. -

Eigentümliche Willenskraft, Aktionskraft, Ich-Gefühl, Vorstellens-Funktion, ein Wissen für sich gibt es nicht, alles was im Kreis der Vorkommnisse steht, ist gleichmäßig objektive Realität.

SPINOZA hat es einen Moment gesehen, ohne es - wie es scheint - festzuhalten: es gibt nichts Psychisches neben Physischem, es gibt nur eine Art objektiven Daseins.

Das ist also der Abschluß der erkenntnistheoretischen Bewegung: Es gibt einfach daseiende Reihen von primären Vorkommnissen, Leibesflächen und Nicht-Leibesflächen und Reihen von sekundären Vorkommnissen, die in gegeneinander separierte, d. h. individuelle Vorkommniskreise eingestellt sind. -

Diese absolut reellen, nicht subjektiven Vorkommnisse müssen aber dennoch durch Kräfte in Reihen gestellt sein. Sie selbst, diese Vorkommnisse  so wie sie da sind,  sind bar jeder Kraft.

PLATON hat recht: die Kraftprinzipien und Formprinzipien sind nicht bei den sinnlichen Vorkommnissen. Es ist der vollkommene Unsinn zu sagen: durch Konstatierung der bloßen Sukzession, durch Aufstellung von Sukzessionsformeln sei unser Denken erschöpft. Im Gegenteil, so sicher wie eine Relation mehrere Elemente nötig macht (Eltern-Kinder, Lehrer-Schüler), so sicher sind außer der Sukzessionsformel ursächliche Kräfte über diese Sukzessionsformel hinaus anzunehmen. Der Physiker und Chemiker, der in seine Gleichungen Atomgewicht, Verbindungswärme, Atomwärme etc. einführt, weiß, daß gerade all das die chemischen Umsätze nicht erklärt, sondern nur notdürftig beschreibt und daß in irgendeinem anderen wirksamen Faktor die eigentliche Macht der Tat gelegen ist. Von dieser Notwendigkeit, wirksame unbekannte Faktoren anzunehmen, abgesehen, gibt es nichts als reelle, schlechthin existente, nicht als Wissen stigmatisierte Vorkommnisse.

Kurz: Nicht als Gewußtes existiert diese Welt, nicht in einem Wesen als Wissen eingeschlossen, sondern als sachliches, reelles, freies Produkt, von unbekannten Kräften produziert und herausgestellt in den Vorkommnissphären, in denen große Formen, die primären, die Erde und der Himmel und was sie erfüllt, daneben Sinne und Nervengewebe und die sogenannte Erinnerung, Phantasie, Vorsatz etc. als kleine sekundäre Miniaturformen einfach als Realitäten nebeneinanderstehen.

Alle Reden, die darüber hinausgehen, sind Possenspiele, in denen kleine empirische Konstruktionen, die gut genug für den Hausgebrauch sind, zu Weltpotenzen hinaufgeschraubt werden wollen. -

Diese unsere Erkenntnislehre, die hundert falsche Theorien auf die Seite schiebt, wenn sie auch, wie schon gesagt, die empirischen und konventionellen Auffassungen nicht alterieren kann, hat aber für höheres geistiges Leben so wichtige Konsequenzen, als nur etwas haben kann, was keine Maschine, keine Finanzoperation, kein Krieg ist. Nach der Zerstörung des Subjektivismus, bei der richtigen Betrachtung des Ich als eines Komplexes und einer Reihe primärer rein sachlicher, nicht intelligenter Realitäten und sekundärer Vorkommnisse, verliert jeder metaphysische Idealismus allen Halt. Wissen ist kein erkenntnistheoretisch haltbarer Begriff und so ist Wissen auch keine Erhabenheit, die eine Rolle im Weltall spielen dürfte. Der Idealismus, der in Humanität, Nächstenliebe und der Ausmerzung egoistischer Fehler bestehen, dieser Idealismus freilich behält seinen anthropologischen Wert. Aber das Wissen ist ohne Identität. Bedenken Sie das: Wenn Sie z. B. 6 Pfennige oder Steinchen nebeneinander legen, können Sie verschiedene Figuren, verschiedene Ordnungsgruppen beliebig darin sehen, soviel Sie wollen; die Pfennige und Steinchen liegen aber tatsächlich ansich ohne jede innere objektive Ordnung nebeneinander. So besteht auch in den Miniaturen, die in ihrer Realität unsere sogenannten Erinnerungen, Phantasien, Dichtungen, Entschlüsse usw. bilden, wohl manchmal eine zufällige relative Ordnung, aber keine immanente, wesentliche Ordnung. Diese Miniaturen bilden nämlich manchmal primäre Vorkommnisse ab, geben manchmal primäre Tatsachen wieder. Wir nennen sie dann: richtig, gelungen. Das ist eine menschlich interessante Beziehung. Aber diese Gleichung zwischen Vorkommnissen, diese Wiederkehr primärer Vorkommnisse in der Form sekundärer hat keinen objektiven Wert. Es gibt in unserem Leben Bedürfnisse und Befriedigungen; solche befriedigenden Erledigungen, mit deren Vergleichung sich die Ethik beschäftigt, sind relativ gut. Dazu gehört auch das, was wir Kenntnis, Wissen nennen, d. h. die Abbildung primärer Realitäten in sekundären Realitäten, deren abgekürzte Wiedergabe etc. Was ist aber nun an dieser Wiedergabe  absolut  gut? Nichts! So wenig es an und für sich einen Wert hat, daß ein Stern von einem anderen Stern irgendeine Entfernung hat, so wenig hat die Wiedergabe dieser Entfernung in den menschlich sekundären Abbildungsformen rechnerischer Einheiten irgendeinen Wert, wenngleich diese Abbildung auch von wenigen selten begabten Geistern durch mühsame, für die meisten Menschen zu schwierige Operationen erworben wird. Diese Wiedergabe ist eben einfach eine Verdopplung von Realitäten, eine Rekapitulation von Vorkommnissen, ist aber nichts Wertvolles, nichts Erhabenes. Es ist etwas unsagbar Lächerliches, wenn die Menschen glauben, durch solche, wenn auch schwierige Vervielfältigung primärer Vorkommnisse in sekundären irgendeine höhere Natur zu verraten. Die Schätzung des Menschen, seine Stellung im Weltall, die Schätzung der Würde wissender Weltpotenzen erfährt eine vollkommene Revolution, die sie sich selbst ausmalen mögen, wenn einmal die falsche Kategorie einer Wissensfunktion hinweggeräumt wird, und wenn erkannt wird, daß zwar tiefe produzierende Faktoren unwahrnehmbar bestehen müssen, daß aber überall nichts anderes wahrzunehmen ist als sachliche, freischwebende Realitäten.
LITERATUR - Richard Wahle, Die Auflösung des Subjektivismus, Bericht über den III. Internationalen Kongreß für Philosophie, hg. von Theodor Elsenhans, Heidelberg 1909
    Anmerkungen
    1) Vorgelesen von Professor KÜLPE.