ra-2ra-2 Die wirtschaftliche LügeVon den Fliegen des Marktes    
 
WERNER SOMBART
Händler und Helden
[ 1 / 2 ]

"Haben die Vertreter der Wirtschaft erst die Oberhand in einem Land, so werden sie dann leicht die Anschauungen ihres Berufslebens auf alle Lebenskreise übertragen und die händlerische Sicht der Welt wird eine beträchtliche Stärkung und Festigung erfahren, bis sich händlerische Weltanschauung und praktischer Kommerzialismus schließlich zu einer gar nicht mehr zu trennenden Einheit zusammenfügen, wie es im heutigen England der Fall ist."

"Platt und hausbacken fürwahr ist alle echt englische Ethik, platt und hausbacken alles, was Engländer über den Staat geschrieben haben. Und jeder Gedanke aus händlerischem Geist. Wie alles Denken des Händlers, so geht auch alle wissenschaftliche Ethik Englands von dem kleinen, bißchen Leben aus, das der Herr  X  und  Y  zufällig führen."

"Der infamste Spruch, den je eine Händlerseele hat aussprechen können: handle  gut: damit es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden,  ist der Leitspruch aller Lehren der englischen Ethik geworden. Das  Glück  ist oberstes Ziel des menschlichen Strebens.  Das größte Glück der größten Anzahl,  so hat Jeremy Bentham dieses hundsgemeine  Ideal  für ewige Zeiten in Worte geprägt."

"Daß mit dem geschickten Vertragschließen auch alle Mittel des Betruges, des Vertragsbruchs, der Gaunerei, Dieberei, Räuberei Hand in Hand gingen, ist jedem Kenner der englischen Geschichte bekannt. Die  moral insanity  dieses Volkes ist das Geheimnis seiner Macht zum nicht geringen Teil. Aber was uns hier interessiert, sind nicht die Machenschaften des gaunerischen Händlers, die England zu allen Zeiten beliebt hat, sondern die des Händlers als solchem. Denn was wir erkennen möchten, ist ja die Geburt des gesamten Englands aus händlerischem Geist."

"Besonders lehrreich ist es nun aber zu beobachten, wie der Händler  Krieg  führt: wir werden sehen: völlig nach dem Programm der Händlertheoretiker, von denen wir einige kennengelernt haben. Da er keine anderen Interessen als die materiellen kennt, so kann der Krieg für ihn auch immer nur die Bedeutung haben, daß er materielle Interessen schützt oder verteidigt."

EINLEITUNG

Erstes Kapitel: Der Glaubenskrieg

Alle großen Kriege sind Glaubenskriege, waren es in der Vergangenheit, sind es in der Gegenwart und werden es in der Zukunft sein. Früher waren sie es auch im Bewußtsein der Kämpfenden: ob Kaiser KARL gegen die Sachsen stritt, ob die "Franken" zur Befreiung des heiligen Grabes auszogen, ob dann die vordringenden Türken zurückgeschlagen wurden, ob die deutschen Kaiser ihr Reich gegen die italienischen Städte verteidigten, ob Protestanten und Katholiken im Reformationszeitalter um die Vorherrschaft kämpften: immer waren sich die Kriegführenden bewußt, daß sie für ihren Glauben fochten, und wir, die wir rückschauen die welthistorische Bedeutung dieser Kriege zu erkennen trachten, verstehen, daß jene Gefühle und Gedanken der Kämpfenden aus tiefem Grund kamen.

Noch die Napoleonischen Kriege sind von den Besten der Zeit nicht anders gedeutet worden denn als Glaubenskämpfe. So beurteilt der jüngste Biograph des Freiherrn von STEIN dessen Auffassung vom Wiener Kongreß gewiß richtig, wenn er sagt: dem Freiherrn vom STEIN sei das Ganze nicht als ein Ringen um die Macht, sondern als ein Kampf zwischen dem Bösen und dem Guten erschienen.

Im Zeitalter der Nationalstaaten und des Kapitalismus liegen die tieferen Gegensätze, die in den großen, in den Weltkriegen, zum Austrag kommen, nicht so an der Oberfläche. Da erscheinen vielmehr reines Machtstreben oder ökonomische Interessen als die einzigen Gründe der Kämpfe. Und die treibenden Kräfte mögen sie auch sein. Aber es hieße an der Oberfläche haften bleiben, wollte man hinter diesen, auch dem einfachsten Verstand sichtbaren Veranlassungen der Kriege unserer Zeit, und vor allem des heiligen Krieges, den Deutschland jetzt gegen eine Welt von Feinden ausficht, nicht die tieferen Gegensätze erkennen, die im Kampf liegen, und die wiederum keine anderen als Glaubensgegensätze oder, wie wir jetzt zu sagen pflegen: Gegensätze der Weltanschauung sind.

Es ist ersichtlich, daß im gegenwärtigen Weltkrieg eine Menge der verschiedensten Einzelkonflikte zum Austrag gebracht werden. Es sind Nebenkriege, die etwa Rußland mit der Türkei um den Besitz der Dardanellen, oder Frankreich mit Deutschland um Elsaß-Lothringen, oder Österreich-Ungarn mit Rußland um die Vorherrschaft auf dem Balkan führen. Der Hauptkrieg ist ein anderer. Das haben am deutlichsten unsere Gegner erkannt, als sie der Welt verkündeten: was im Kampf miteinander liege, seien: die "westeuropäische Zivilisation", "die Ideen von 1789" und der deutsche "Militarismus", das deutsche "Barbarentum". In der Tat ist hier instinktiv der tiefste Gegensatz richtig ausgesprochen. Ich möchte ihn nur ein wenig anders fassen, wenn ich sage: was im Kampf steht, sind der  Händler  und der  Held,  sind händlerische und heldische Weltanschauung und dementsprechenden Kultur. Weshalb ich mit diesen Ausdrücken einen ganz tiefen, allumfassenden Gegensatz der Weltbetrachtung und des Welterlebens herauszuheben versuche, soll die folgende Darstellung erweisen.

Hier möchte ich nur vor dem Irrtum warnen, als ob ich die Bezeichnungen Händler und Held im beruflichen Sinne faßte. Das ist natürlich nicht der Fall und kann es nicht sein, wenn ich diese Ausdrücke anwende, um Gegensätze der Weltanschauung zu bezeichnen. Denn diese ist nicht mit Naturnotwendigkeit an bestimmte Berufe gebunden. Es handelt sich also um eine händlerische oder heldische  Gesinnung,  und es ist wohl möglich, daß jemand, den das Schicksal dazu bestimmt hat, mit Pfeffer und Rosinen zu handeln, ein Held (der Gesinnung nach) sei, während wir es täglich erleben, daß ein Kriegsminister ein "Händler" ist, weil er die Seele eines Krämers und nicht eines Kriegers hat.

Eine Weltanschauung hat zunächst der einzelne Mensch, und so leben denn auch Händlerseelen und Heldenseelen nebeneinander in demselben Volk, in derselben Stadt. Ich behaupte aber einen Völkerkrieg um Weltanschauungen und behaupte also auch, daß Händler und Helden im Kampf stehen. Demnach müssen wir auch ganze Völker im einen oder anderen Sinne charakterisieren können. Das geschieht, indem wir die Seele eines Volkes, seinen Geist, sein Wesen zu erfassen trachten. Diese "Volksseele", dieser "Volksgeist" - mögen wir ihn metaphysisch oder rein empirisch fassen - ist jedenfalls ein Etwas, dessen Bestand nicht geleugnet werden kann, das ein selbständiges Dasein hat neben und über allen einzelnen Angehörigen eines Volkes, das bleiben würde, obschon alle Menschen stürben, das bis zu einem gewissen Grad sich gegen die lebendigen Einzelpersonen selbständig behaupten kann. Diese Volksseele spricht aus tausend Eigenheiten eines Volkes (und wird bei jedem Volk anders erkannt werden müssen): aus Philosophie und Kunst, aus Staat und Politik, aus Sitten und Gewohnheiten.

In diesem Sinne lassen sich Völker auch als Händlervölker und Heldenvölker unterscheiden, und solcherweise stehen händlerische und heldische Weltanschauung in disem großen Krieg im Kampf um die Vorherrschaft. Ihre Träger aber, die beiden Völker, die repräsentativ die Gegensätze vertreten, sind die Engländer und die Deutschen. Und nur als englisch-deutscher Krieg bekommt der Weltkrieg von 1914 seine tiefere welthistorische Bedeutung. Nicht aber wer die Meere beherrschen soll, ist die wichtige Menschheitsfrage, die jetzt zur Entscheidung steht; viel wichtiger und alles Menschenschicksal in sich fassend ist die Frage: welcher Geist sich als der stärkere erweist: der händlerische oder der heldische.

Deshalb müssen wir uns diesen Gegensatz, der alle Tiefen und alle Weiten der Welt umspannt, zu völlig klarem Bewußtsein bringen. Und dabei mitzuhelfen, ist die Aufgabe dieser Schrift, in der ich erst den englischen, dann den deutschen Geist schlicht beschreiben will, um sie dann gegeneinander abzuwägen und die unvergleichliche Überlegenheit des deutschen Geistes dem  deutschen  Leser - für einen anderen schreibe ich nicht - vor die Seele zu stellen, auf daß er seiner Deutschheit wieder froh werde.



Erster Abschnitt
Englisches Händlertum

Zweites Kapitel: Die Elemente des englischen Geistes

Es ist hier nicht der Ort, die Entstehung des englischen Geistes eingehend zu schildern, so reizvoll die Aufgabe erscheint. ich will nur in aller Kürze die Bestandteile aufzeigen, aus denen sich der englische Händlergeist zusammensetzt, und andeuten, was vor allem seine Entwicklung befördert hat.

Die Grundlage alles Engländertums ist ja wohl die unermeßliche geistige Beschränktheit dieses Volks, ist seine Unfähigkeit, sich auch nur um eine Handbreit über die greifbare und alltägliche "Wirklichkeit" zu erheben. Beweis dessen: was man in England "Philosophie" nennt. Von FRANCIS BACON angefangen, der nach dem treffenden Ausdruck NIETZSCHEs einen Angriff auf den philosophischen Geist überhaupt bedeutet, bis zu jenem Mann, den man in England ein Menschenalter hindurch "den Philosophen" schlechthin genannt hat: HERBERT SPENCER.

Sie sind von einer seltsam übereinstimmenden Grundfarbe, alle diese englischen Philosophen: von BACON bis zu SPENCER. Und wenn etwas sie in ihrem innersten Wesen kennzeichnet, so ist es der merkwürdige Umstand, der in jeder Geschichte der Philosophie vor allem hervorgehoben werden sollte: daß sie nämlich alle recht gute, zum Teil vorzügliche - Nationalökonomen gewesen sind: BACON schrieb mit gutem Erfolg über Kolonialwirtschaft; HOBBES spricht immer mit einem für seine Zeit hervorragenden Verständnis von ökonomischen Problemen; LOCKEs Traktat über das Geldwesen ist ebenso bekannt wie HUMEs Essays über den Handel, über das Geld, über den Zins, über die Handelsbilanz, über Steuern, über den öffentlichen Kredit und ähnliche Themata. Auch ADAM SMITH, JEREMY BENTHAM, die beiden MILLs werden in England als Philosophen hoch geschätzt, während sie uns fast nur als Nationalökonomen vertraut sind. Und HERBERT SPENCER ist zwar nicht eigentlich Nationalökonom, aber doch in erster Linie Soziologe, darf aber gleichwohl als der einflußreichste englische "Philosoph" unserer Zeit gelten.

Daß diese Hinneigung zu ökonomischen Problemen und dieses Verständnis für ökonomische Zusammenhänge, die wir bei fast allen englischen "Philosophen" von Ruf finden, kein Zufall war, zeigt die ihnen allen in den Grundzügen gemeinsame Orientierung ihres Denkens.

Bezeichnend für die Auffassung der englischen Denker ist mir immer die Auseinandersetzung gewesen, die HERBERT SPENCER eimal mit seinem tiefer blickenden, aber darum längst nicht so berühmten Landsmann MATTHEW ARNOLD gehabt hat, der behauptet hatte: England sei ein ideenarmes Land. Worauf SPENCER allen Ernstes erwiderte: dem sei nicht so, da ja doch "englischer Geist" in den letzten Jahren: 1. Amsterdam mit Wasser versorgt; 2. die Kanalisierung Neapels durchgeführt habe; und da 3. die "Continental Gas & Co" alle Länder mit Gas versehe. Ja, so fährt SPENCER wörtlich fort, es ist eine unbestreitbare Tatsache, "daß das Hauptquartier des Geistes, Berlin selbst, auf Licht warten muß, bis diese Gesellschaft es liefert." "Muß man da nicht sagen, daß mehr Glaube an Ideen von Engländern als von Deutschen bewiesen ist?" Und der so spricht, ist nicht etwa ein Ingenieur der "Continental Gas Co.", sondern ein englischer "Philosoph":  der  Philosoph der letzten Menschenalter!

In dieser Auffassung des "Philosophen" SPENCER vom Sinn und Wert der Ideen tritt übrigens eine andere Eigenart des englischen Geistes zutage, die für seine Entwicklung zum Händlergeist von großer Bedeutung geworden ist: die Ausrichtung allen englischen Denkens auf praktische Zwecke. Auch diese Eigenart finden wir schon stark ausgeprägt beim "Philosophen" aus SHAKESPEAREs Zeitalter: FRANCIS BACON, der die griechische Philosophie eine "kindische Wissenschaft", "eine Professorenweisheit" nannte, weil sie fruchbar in Worten, unfruchtbar in Werken gewesen sei. Er meinte: Die Früchte und Entdeckungen seien gleichsam die Bürgen, welche für die Wahrheit der Philosophie einstehen. "Das wahre und rechte Ziel der Wissenschaft ist ..., das menschliche Leben mit neuen Erfindungen und Mitteln zu bereichern ..." "Die Einführung bedeutender Erfindungen (scheint) bei weitem die erste Stelle unter den menschlichen Handlungen einzunehmen." So sprach BACON, der Begründer der englischen "Philosophie". An dieser Auffassung hat sich bis heute nichts geändert.

Dieser nüchternen Denkweise entspricht dann - scheinbar natürlich - eine ausgeprägte Neigung für körperliches Behagen, für materielles Wohlsein, für "Komfort". Denn auch diesen Zug des englischen Wesens können wir weit zurück in die früheren Jahrhunderte verfolgen. Er fiel schon im 16. Jahrhundert den Reisenden als eine Eigenart der Engländer auf. Ein Venetianer, der im 16. Jahrhundert England besuchte und eine bekannte Reisebeschreibung hinterlassen hat, erzählt uns von den Engländern: "wenn der Krieg am heftigsten tobt, trachten sie danach, gut zu essen und jede andere Bequemlichkeit zu haben (vogliono cercare di ben mangiare et ogni altra loro commodita [Ich will essen und auch sonst jeden erdenklichen Komfort. - wp]); dasselbe Urteil fällt LEW. LEMNIUS in seiner Reisebeschreibung aus dem Jahr 1560; dasselbe PETER von BLOIS. Ja - ein Holländer (der Geschichtsschreiber EM. van METEREN, der von 1558 bis 1612 lebte) geht in seinem Urteil so weit, daß er die Engländer für faul, für bequem hält: sie lebten behaglich "een ledich leven leydende" [ein leeres Leben führende - wp], wie die Spanier (!): die schwierigen, mühsamen Arbeiten ließen sie von Fremden besorgen.

Dagegen glauben alle Beobachter schon damals einen ausgesprochen starken Erwerbstrieb bei den Engländern feststellen zu sollen. Besonders interessant ist es, daß diese Eigenschaft sogar dem Venetianer auffiel:  tutti divengono cupidissimi del guadagno.  Alle sind toll nach Geld. Man kann dem englischen Volk kein Unrecht zufügen, das sich nicht durch Geld wieder gutmachen ließe (non é possibile fare tanta ingiuria alli Inglesi plebei, la quale non si acconci con il denaro). Sie sind so eifrig in ihren Handelsgeschäften, daß sie auch vor Wuchergeschäften nicht zurückschrecken (sono tanto diligenti nella mercatura che non temano di fare contratti usurari). Wohlgemerkt: das schreibt ein Italiener im Jahre 1500, also als England noch ein gut katholisches Land war.

Ebenfalls von alters her den Engländern eigentümlich ist ihr Dünkel. Es war im 16. Jahrhundert nicht anders wie heute. Wenn sie einen Fremden sehen, der hübsch ausschaut, so sprechen sie: schade, daß es kein Engländer ist:  dolore dicunt quod non sit homo Anglicus, vulgo Englishman,  erzählt uns PAUL HENTZLER in seinem Reisebericht aus dem Jahre 1598. "Die Engländer sind sehr eingebildet auf sich und ihre Werke; sie glauben gar nicht, daß es auch andere Menschen als sie, oder noch etwas anderes auf Welt als England gebe", schreibt wiederum unser venetianischer Gewährsmann am Ende des 15. Jahrhunderts.

Es brauchte sich nur eine glänzende Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftslebens, vor allem eine rasche Blüte des Handels einzustellen, wie es in England seit dem Ende des 16. Jahrhunderts der Fall war (1591 fahren die ersten englischen Schiffe nach Indien, 1600 wird schon die Ostindische Handelsgesellschaft gegründet), um aus diesen Elementen die massive Händlerweltanschauung aufzubauen, die seit ein paar Jahrhunderten schon das englische Wesen im Ganzen charakterisiert.

Ich verstehe unter Händlergeist diejenige Weltauffassung, die an das Leben mit der Frage herantritt: was kannst du Leben mir geben; die also das ganze Dasein des einzelnen auf Erden als eine Summe von Handelsgeschäften ansieht, die jeder möglichst vorteilhaft für sich mit dem Schicksal oder dem lieben Gott (die Religionen werden vom Händlergeist ebenfalls in seinem Sinn geprägt) oder seinen Mitmenschen im einzelnen oder im Ganzen (das heißt mit dem Staat) abschließt. Der Gewinn, der für das Leben jedes einzelnen dabei herauskommen soll, ist möglichst viel Behagen, zum dem ein entsprechender Vorrat von Sachgütern gehört, geeignet, das Dasein zu verschönern. Im Bereich dieser Lebensbetrachtung wird also den materiellen Werten ein breiter Raum eingeräumt werden, und damit wird auch diejenige Tätigkeit, die für die Herbeischaffung der Mittel zum Behagen - der Sachgüter - sorgt: die wirtschaftliche und vor allem die Handelstätigkeit zur Ehre und Ansehen gelangen. Die wirtschaftlichen Interessen werden also ein Übergewicht bekommen und sich die übrigen Lebenskreise allmählich unterordnen. Haben die Vertreter der Wirtschaft erst die Oberhand in einem Land, so werden sie dann leicht die Anschauungen ihres Berufslebens auf alle Lebenskreise übertragen und die händlerische Sicht der Welt wird eine beträchtliche Stärkung und Festigung erfahren, bis sich händlerische Weltanschauung und praktischer Kommerzialismus schließlich zu einer gar nicht mehr zu trennenden Einheit zusammenfügen, wie es im heutigen England der Fall ist.

Daß sich der Kommerzialisierungsprozeß der gesamten englischen Kultur so vollständig und durchdringend vollzogen hat, hängt wiederum mit einer Reihe zufälliger Ereignisse der Geschichte Großbritanniens zusammen, von denen ich hier nur das bedeutsamste hervorheben will: ich meine die frühzeitige Durchdringung  aller  Bevölkerungsschichten mit theoretischem und praktischem Kommerzialismus, vor allem auch die völlige Kommerzialisierung des englischen Adels. Kaum eines der heute lebenden Adelsgeschlechter Englands ist feudalen Ursprungs. So gut wie alle sind aus dem Kontor hervorgegangen. Und dann haben die adligen Familien seit Jahrhunderten gestanden, so daß es einen vom Geschäftsleben distanzierten Stand in England überhaupt nicht gibt, da ja der niedere Adel - die Gentry - automatisch gebildet wird und in dem Maße kapitalistischen Charakter bekommen hat als die kapitalistischen Interessen an Bedeutung gewannen. Daß die übrige Bevölkerung so völlig kommerzialisiert worden ist, hat seinen Grund erstens in der Tatsache, daß durch die Einrichtung eines Söldnerheeres alle kriegerischen Instinkte aus der großen Masse ausgemerzt wurden, und daß, wie wir noch sehen werden, alle der Kommerzialisierung länger widerstehenden Elemente der Bevölkerung (die Bauern) so gut wie völlig verschwunden sind, so daß es auch beruflich fast nur noch Menschen in England gibt, die näher oder entfernter mit dem Kommerzium in Beziehung stehen.

Folgerichtig sind dann auch alle leitenden Kreise Englands, ist die englische Beamtenschaft von merkantilem Geist erfüllt. Die Überlegenheit Englands im jetzt geführten Handelskrieg wird von einem Hamburger Kaufmann, dem Verfasser der Schrift "Der englische Seeräuber", wohl mit Recht auf den Umstand zurückgeführt: "daß England einen Stamm von Beamten besitzt, die entweder direkt aus Handelskreisen selbst oder doch zumindest aus einem Handelsmilieu hervorgegangen sind und ständig mit der überwiegend handeltreibenden Bevölkerung in Berührung kommen."

Diese Verallgemeinerung der kommerziellen Interessen zusammen mit der natürlichen Plattheit des englischen Geistes - dem  Common sense  - haben dann die bekannte Wirkung gehabt, daß der englische Geist heute ein einheitlicher im ganzen Volk geworden ist. Jedem fremden Beobachter fällt heute die Massivität der englischen Volksseele, ihre Undifferenziertheit auf. Die "Führer" des englischen Volkes sind stolz darauf, daß sie mit dem  Man-in-the-street  mitfülen, daß also kein Unterschied mehr in den Instinkten und Gedanken des Niedrigsten und des Höchsten besteht. Dieser Zustand ist natürlich nicht erreicht worden, weil die unteren Schichten so sehr gehoben wären: ich bin sicher, sie stehen geistig tief unter den entsprechenden sozialen Kreisen in Deutschland: der englische Arbeiter, der englische Kommis, der englische Unternehmer. Sondern umgekehrt, weil die Höhen so lange abgetragen sind, bis sie mit den Niederungen auf gleiches Niveau gebracht waren. Man vergleiche die Geistigkeit eines GREY mit der eines BETHMANN HOLLWEG.


Drittes Kapitel: Englische Wissenschaft

Es wäre wiederum eine reizvolle Aufgabe, den Nachweis zu führen, wie alles wissenschaftliche Denken in England, wenn nicht aus kommerziellem Geist geboren ist, so doch von ihm getragen und durchdrungen wird. Das gilt sogar für die Naturwissenschaften, wenigstens diejenigen, die es mit den Lebensvorgängen in der Natur zu tun haben. Es ist unlängst wieder von berufener Seite mit Recht darauf hingewiesen worden, wie die so berühmt gewordene englische Biologie und Entwicklungslehre im Grunde nichts anderes ist als die Übertragung der liberal-bürgerlichen Anschauungen auf die Lebensprozesse der Natur. Um wieviel mehr müssen die Geisteswissenschaften, deren Erkenntnisquelle das eigene, innere Erlebnis ist, von diesem allgemeinen, englischen Volksgeist durchdrungen sein! Von der Philosophie, die ich schon vermerkt habe, ganz zu schweigen!

Aber ich begnüge mich damit, der in dieser Schrift gestellten Aufgabe entsprechend, zu zeigen, wie sich der händlerische Geist in denjenigen Wissenschaften ausprägt, die sich mit Staat und Gesellschaft beschäftigen, denen man in England die Ethik, weil durchgängig utilitaristisch orientiert, also notwendig soziologisch fundiert, zurechnen kann.

Daß es aber eine ausgesprochen englische Ethik und Soziallehre gibt, die von HOBBES und LOCKE bis JOHN STUART MILL und HERBERT SPENCER trotz starker Abweichungen der Ansichten im einzelnen in der Grundauffassung übereinstimmt, wird man nicht leugnen wollen. Und wird man auch nicht widerlegen können mit dem Hinweis auf einzelne Ausnahmeerscheinungen. Schon daß viele als solche sich deutlich von der traditionell-englischen Lehre abheben, beweist, daß es eine Regel gibt. Zudem lassen sie sich leicht durch ganz besondere Umstände erklären. Man wird CARLYLE überhaupt nicht als einen englischen Geist ansprechen dürfen, da er von früh auf nur deutsche geistige Nahrung zu sich genommen hat (an der er, wie manche meinen, sich seinen englischen Magen verdorben hat). EDMUND BURKE aber, um den vielleicht bedeutendsten Sozialphilosophen zu nennen, der freilich in englischer Sprache schrieb, und der, wie man weiß, auf viele deutsche Denker zu seiner Zeit, namentlich unter den Romantikern, einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt hat, war - Ire, also, kann man sagen: Anti-Engländer. (Wie sich dann erfreulicherweise fast immer, wo uns ein englisch schreibender Schriftsteller von Geist und Tiefe begegnet, sich feststellen läßt, daß er Ire von Geblüt ist. Das gilt insbesondere auch von den Dichtern. Ich denke an Erscheinungen wie den YORICK STERNE, von dem GOETHE sagte, daß er "der schönste Geist" gewesen sei, der je gewirkt habe, RUSKIN, an OSCAR WILDE, an BERNARD SHAW, die, wie man auch sonst über sie urteilen möge, nicht platt und hausbacken waren, wie es dem englischen Typus entspricht.

Platt und hausbacken fürwahr ist alle echt englische Ethik, platt und hausbacken alles, was Engländer über den Staat geschrieben haben. Und jeder Gedanke aus händlerischem Geist.

Wie alles Denken des Händlers, so geht auch alle wissenschaftliche Ethik Englands von dem kleinen, bißchen Leben aus, das der Herr  X  und  Y  zufällig führen. Oder, um einen FICHTEschen Ausdruck zu gebrauchen: das Objekt ihres normativen Denkens ist ebenso wie das ihres kausalen Denkens nicht das Leben schlechthin, das überindividuelle Leben als solches, sondern "dieses oder jenes Leben". Also im Grunde: das Tote. Denn unser individuelles Leben ist ebensosehr Sterben und Tod wie Leben. Weshalb dann FICHTE auch "die Philosophie des Auslandes" mit vollem Recht als "totgläubige" bezeichnen durfte. Dieses Einzelwesen Menschlein schließt dann, so will es die utilitarisch-eudämonistische Ethik, mit dem Leben einen Pakt, wonach es eine Reihe von Leistungen verspricht, aber nur im Hinlick auf eine vorteilhafte Wiedervergeltung (hier oder drüben, das bleibt sich gleich). Der infamste Spruch, den je eine Händlerseele hat aussprechen können: handle "gut": "damit es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden", ist der Leitspruch aller Lehren der englischen Ethik geworden. Das "Glück" ist oberstes Ziel des menschlichen Strebens. "Das größte Glück der größten Anzahl", so hat JEREMY BENTHAM dieses hundsgemeine "Ideal" für ewige Zeiten in Worte geprägt. Worin dieses "Glück" des einzelnen bestehe, zu dessen Beschaffung der ungeheure, komplizierte Apparat der ganzen Welt in Bewegung gesetzt werden mußte, haben natürlich die einzelnen Ethiker je nach ihrer persönlichen Veranlagung verschieden bestimmt. Aber auch hier läßt sich doch eine Art von Durchschnittsmeinung feststellen: "Glück" ist Behagen in Ehrbarkeit; Komfort mit Respectability: Apple-pie und Sonntagsheiligung, Friedfertigkeit und Football, Geldverdienen und Muße für irgendein Hobby. Die Tugenden, die man pflegen muß, sind diejenigen, die in friedliches Nebeneinanderleben von Händlern gewährleisten. Ich nenne sie die negativen Tugenden, weil sie alle darauf hinauslaufen, etwas  nicht  zu tun, was wir triebmäßig vielleicht gern tun möchten: Mäßigkeit, Genügsamkeit, Fleiß, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit in allerhand Dingen, Demut, Geduld und dgl. Man sehe, was HERBERT SPENCER (Soziologie § 574), als die "wahrhaft menschlichen Gefühle" preist: Achtung vor dem Eigentumsrecht anderer, pünktliche Rechtschaffenheit, eheliche Vertragstreue, Achtung vor der Individualität des andern, Unabhängigkeitssinn.

In diesen Niederungen der sozialen Gegenseitigkeitsethik werden auch die Vorstellungen des Händlers von "Gerechtigkeit" und "Freiheit" geboren. Die Formel der Gerechtigkeit lautet bei SPENCER (den wir immer in Zweifelsfällen als denjenigen Autor ansprechen können, der den Tiefstand des englischen Denkens repräsentativ am besten zum Ausdruck bringt): "Es steht jedermann frei, zu tun, was er will, soweit er nicht die gleiche Freiheit jedes andern beeinträchtigt" (Ethik II, § 27). Freiheit wird also gleichgesetzt mit Willkür (positiv), mit Unabhängigkeit (negativ), und zwar im wesentlichen bei Abschluß der täglichen Handelsgeschäfte, mit denen "der höhere Mensch" nach Ansicht dieser Engländer immer ausschließlicher sein Leben ausfüllt. Im ewigen Handeln und Feilschen haben sich diese sittliche Postulate der Freiheit = Willkür + Unabhängigkeit überhaupt erst entwickelt, weshalb sie nur in "fortgeschrittenen" Ländern wie England aufgestellt und vertreten werden. Bände spricht der folgende Satz des Klassikers der reinen Krämerphilosophie:
    "Der tägliche Austausch von Leistungen nach gegenseitiger Übereinkunft bedingt zu gleicher Zeit die Aufrechterhaltung der eigenen wie die gebührende Berücksichtigung fremder Rechte und begünstigt dadurch ein normales Selbstbewußtsein und einen hieraus entspringenden Widerstand gegen unbefugte Gewalt. Schon der Umstand, daß das Wort  Unabhängigkeit  in seiner modernen Bedeutung bei uns erst seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in Gebrauch ist, und daß diese Eigenschaft auf dem Kontinent viel weniger ausgebildet erscheint, läßt den Zusammenhang zwischen derselben und der Entwicklung des Industrialismus vermuten."
Was weiß der Engländer von Freiheit!

HERBERT SPENCER, den ich nicht nur als den jüngsten und autoritärsten englischen "Moralphilosophen" zitiere, ist deshalb besonders interessant als Typus, weil er die spezifisch-englische, also flache Ethik mit der spezifisch-englischen, also flachen Entwicklungstheorie zu einer Einheit verschmolzen hat. Er hat das Kunststück fertig gebracht zu beweisen: daß die Kommerzialisierung oder wie er es nennt: die Industrialisierung der Menschheit im Plan der Welt gelegen sei. Was das englische Händlertum, was englische  Respectability  an Vertölpelung und Verpöbelung der Kultur und des Menschengeistes geleistet haben: das ist die Folge einer "natürlichen" Entwicklung (gegen welche Behauptung mit gewissen Vorbehalten sogar nichts einzuwenden wäre). Aber nun komt erst die Schamlosigkeit: diese Verflachung und Verödung ist das sittliche Höhere,  weil  es das "Natürliche" ist (auf die grotesken  Salti mortali  der Logik, mit deren Hilfe das "Natürliche" in das "Sittliche" umgedeutet wird, ist hier nicht näher einzugehen). Der Überlebende ist der Stärkere (im Sinne der Anpassungstheorie, das heißt der "fittest"); der Stärkere, "Angepaßte" ist der sittlich Höhere: die besten Individuen,  "das heißt  solche Individuen, die am besten dem Leben im industriellen Staat angepaßt sind" (Soziologie, § 567); der "industrielle Gesellschaftstyp" ist der sittlich höhere Zustand" (Nachschrit zu Kapitel XVIII der Soziologie).

*        *
*

Auch den  Staat  kann sich der Händler nicht anders vorstellen als unter dem Bild eines riesigen Handelsgeschäfts, das alle mit allen schließen. Die "Vertragstheorie" der Staatslehre ist grundsätzlich aus echtem Händlergeist geboren, der schon lebendig geworden war zur Zeit der Spätantike, als dieser Gedanke gefaßt wurde, und der Europa zu beherrschen anfing, als die "Vertragstheorie" ihre Wiederauferstehung feierte. Sie ist begierig in allen Händlerstaaten von den "Staatsphilosophen" aufgegriffen: HUGO GROTIUS! und ist in England zur Alleinherrschaft in der Staatslehre seit HOBBES gelangt. HERBERT SPENCER geht insofern über sie hinaus, als er den Staat "organisch" (im biologischen Sinne) wenigstens entstehen läßt (wenn auch die Vorstellungen von dieser Entstehung durchaus die des Londoner  City-man  sind: so wenn er den Anfang des staatlichen Lebens auf die Differenzierung der Angehörigen einer Gemeinschaft in drei Gruppen zurückführt: die nichts anderes als Vorstand - Aufsichtsrat - Generalversammlung einer Aktiengesellschaft sind: er selbst weist in § 470 seiner Soziologie auf diese Analogie hin, oder: wenn er das englische Budgetrecht zu einer Ureinrichtung der Menschheit macht, §§ 500f etc.); und sofern er eine frühere Epoche der Staatengeschichte ohne Vertragsverhältnis annmmt, in der ein naturgewachsener "Status" geherrscht habe, um dann aber nur umso kräftiger die Vertragstheorie zur Geltung zu bringen. Auf jene Zeiten unvollkommener Gesellschaftsbildung folgt nämlich noch SPENCER, kraft einer "natürlichen Entwicklung", eine Periode, die er im Gegensatz zu jener ersten "kriegerischen" als die "industrielle" bezeichnet, und diese beginnt sich "mit der Einsetzung des Vertrages als des universellen Verhältnisses, unter dessen Einfluß die Leistungen der einzelnen zum gegenseitigen Vorteil zusammenzutun."

Die Stellung des einzelnen zum Staat ist nun bewußt die Stellung des seinen Vorteil berechnenden Händlers.
    "Jeder Bürger wünscht zu leben, und zwar so vollkommen zu leben, als die ihn umgebenden Verhältnisse es gestatten. ..."

    Der Staat "hat dafür zu sorgen, daß die Bedingungen erhalten bleiben, unter denen jeder des vollkommensten Lebens, das mit dem ebenso vollkommenen Leben seiner Mitbürger überhaupt vereinbar ist, teilhaftig werde." (Ethik § 116)
Der Einzelne hat gegenüber dem Staat nur "Rechte", im wesentlichen die Rechte, frei Handel zu treiben. SPENCER zählt in seiner "Ethik" folgende "Menschenrechte" (= Bürgerrechte) auf:
    1. Recht auf körperliche Unverletzlichkeit. "Das Recht auf Leben hat die maßgebende Stelle im Denken erlangt" - das Leben immer in dem oben gekennzeichneten trivialen Sinn gefaßt;

    2. Recht auf freie Bewegung und Ortsveränderung;

    3. Recht auf den Genuß der natürlichen Medien (Licht, Luft, Erdoberfläche);

    4. Recht auf Eigentum;

    5. Recht auf geistiges Eigentum;

    6. Recht auf Schenkung und Vermächtnis;

    7. Recht auf freien Handel und freien Vertrag;

    8. Recht auf freien Erwerb;

    9. Recht auf Freiheit des Glaubens und des Kultus;

    10. Recht auf Freiheit der Rede und der Presse.
Es ist bekannt, wie diese flache Händlerauffassung vom Staat schließlich zu dem führt, was man die Angst vor dem Staat nennen kann. Je weniger Staat, desto besser - das ist die Melodie, die alle englischen Staatstheoretiker seit LOCKE singen. Das Ideal, zu dem hin sich die "industrielle Gesellschaft" bewegt, ist die völlige Staatslosigkeit. Um nochmals den "Philosophen" zu Wort kommen zu lassen (HERBERT SPENCER, Soziologie, §§ 563, 564, 569):
    "Der einzige Zweck, der noch durch öffentliche Tätigkeit zu erreichen bleibt, ist der, die private Tätigkeit innerhalb der gebührenden Schranken zu halten ..."

    "Innerer Schutz wird zur Hauptfunktion des Staates."

    "Fast alle öffentlichen Organisationen verschwinden notwendigerweise, mit einer einzigen Ausnahme der die Rechtspflege besorgenden, da sie eben alle von der Art sind, daß sie den Bürger beeinträchtigten (!), entweder indem sie ihm bestimmte Handlungen befehlen, oder indem sie ihm von seinem Eigentum mehr entziehen, als zu seiner Beschützung notwendig wäre."
Diese englische Auffassung vom Staat hat sich in unseren Seelen unauslöschlich in ihrer Eigenart eingeprägt durch das Wort FERDINAND LASSALLEs, der sie eine "Nachtwächteridee" nannte: "eine Nachtwächteridee deshalb, weil sie den Staat selbst nur unter dem Bild eines Nachtwächters denken kann, dessen ganze Funktion darin besteht, Raub und Einbruch zu verhüten." Er nannte die Manchester-Männer ein anderes Mal "moderne Barbaren, welche den Staat hassen, nicht diesen oder jenen bestimmten Staat überhaupt, und welche, wie sie das hin und wieder deutlich eingestanden haben, am liebsten allen Staat abschaffen, Justiz und Polizei an den Mindestfordernden verganten [verramschen - wp] und den Krieg durch Aktiengesellschaften betreiben lassen möchten. ..." LASSALLE folgte hier seinem großen Lehrer FICHTE, der sich schon ähnlich über diese Händlertheorie vom Staat geäußert hatte: "Diese Ansicht des Staates ist sogar in den Schulen der Weisheit ziemlich allgemein" - klagt FICHTE. "Sie zeigt sich im Eifer für die Freiheit; das ist: die Gesetzlosigkeit des Erwerbs, - in der Behauptung, daß der Staat gänzlich wegfallen würde, wenn es keine Räuber mehr gäbe, indem alles übrige außer seinem Umkreis liegt ..." Nach dieser Auffassung halten "die Eigentümer den Staat, wie ein Herr sich einen Bedienten hält". "Der Staat, meinen sie, sei ein notwendiges Übel, weil er Geld kostet; man muß aber jedes Übel so klein machen als möglich."

Man hat gemeint: das soziale Manchestertum sei eine der Bourgeoisie eigene Weltanschauung; es sei also durch die Eigenart einer Klasse, das heißt sozial bedingt. Kein Geringerer wiederum als FERDINAND LASSALLE hat diesen Gedanken allen seinen Schriften und Reden unterlegt.
    "Daher (um den Arbeiter besser ausbeuten zu können, meint er) der Haß unserer liberalen Bourgeoisie gegen den Staat, nicht gegen einen bestimmten Staat, sondern gegen den Begriff des Staates überhaupt, den sie am liebsten ganz aufheben und in den der bürgerlichen Gesellschaft untergehen lassen, das heißt in allen seinen Punkten mit der freien Konkurrenz durchdringen möchte. ... Daher vor allem der gipfelnde Haß der Bourgeoisie gegen jeden  starken  Staat, wie immer organisiert und beschaffen er auch sei. ..."
Das war ein Irrtum LASSALLEs. Es mag zugegeben werden, daß die Klasseninteressen der Bourgeois der staatsfeindlichen Philosophie am ehesten entgegenkommen; aber die beiden decken sich keineswegs. Es gibt auch Bourgeoisien mit einem stark ausgeprägten Staatsgefühl. Es gibt Staatstheorien, die völlig unabhängig von irgendeinem Klasseninteresse entworfen sind. Andererseits gibt es auch antikapitalistische Bestrebungen in Hülle und Fülle, die aus eudämonistisch - individualistisch - manchesterlichem Geist geboren sind. Ja - es gibt keine einzige  englische  Richtung des Sozialismus oder der Arbeiterbewegung, die nicht individualistisch-eudämonistisch orientiert wäre, das heißt also von den Rechten des Individuums an die Gemeinschaft ausginge und das größte Glück der größten Anzahl zum Zielpunkt hätte.

THOMAS MORUS, der seinen Geist doch immerhin an PLATOs Ideen genährt hatte, und von dem man am ehesten eine andere Auffassung erwarten sollte, läßt seine Utopier doch in plattestem, englischem Mittelstandsglück ihre Befriedigung finden.
    "Die Seele ist ... durch Gottes unendliche Güte zur Glückseligkeit geschaffen... "

    "Die Utopier schlagen sich auf die Seite derjenigen Partei, welche das menschliche Glück entweder überhaupt oder doch einen wesentlichen Teil desselben im Vergnügen sieht."
Nicht in jedem Vergnügen, fügt der weise Staatskanzler hinzu, sondern nur im "ehrbaren". (So verlangt es die englische  Respectability.) 

Und dabei ist es geblieben. Man mag von den großen englischen "Sozialisten" ansehen, wen man will: ob GODWIN, THOMSON oder OWEN: so verschieden sie sonst voneinander sein mögen, in ihren theoretischen Grundlagen wie in ihren praktischen Idealen bleiben sie sich gleich: die Gesellschaft ist ein Aggregat von Individuen, ihr Zweck ist: das größte Glück der größten Zahl zu fördern. Und keiner der englischen Arbeiterführer, ob revolutionär oder reformistisch, hat je einen anderen Gedanken gefaßt als diesen. (CARLYLE ist immer eine durchaus unenglische Sondererscheinung.) Nein - nicht sozial, sondern national bedingt sind die Grundanschauungen von Staat und Gesellschaft. Und die individualistisch-eudämonistische Sozialphilosophie ist ursprünglich und im tiefsten Sinne ein Ausfluß des englischen Geistes (wie weit  auch  und in welcher - erheblichen ! - Eigenformung des französischen Geistes, ist hier nicht zu erörtern).

Die theoretische Stellung des Händlers  zum Krieg  ergibt sich ohne weiteres aus seinen Grundansichten: sein Ideal muß der allgemeine "ewige" Frieden sein. Er mag ausgehen von den engeren Interessen des Wirtschaftslebens, denen er ja einen so breiten Raum in seinem System der Werte einräumt, oder er mag die allgemeine händlerische Weltanschauung zur Richtlinie für sein Urteil wählen.

Daß die internationale Kapitalanlage, daß der Handel, zumal der große Überseehandel (in seinen heutigen zivilisierten Formen wohlgemerkt!), den Frieden zu ihrem Gedeihen nötig hatten, sieht jedes Kind ein. Wenn es wirklich zu einer Wichtigkeit geworden ist, daß Speck und Baumwollwaren ungefährdet von einer Stelle der Erde zur anderen befördert werden: wie sollte man nicht jede kriegerische Störung als unverträglich mit den Fortschritten der Zivilisation ansehen. Da ja die fortschreitende Verkommerzialisierung der Menschheit in Richtung einer Entwicklung zu höheren Daseinsformen gelegen ist, so ist die sittliche Forderung des ewigen Friedens ja eine selbstverständliche Folgerung.

Aber auch ohne die unmittelbare Rücksicht auf den unbehinderten Ablauf des wirtschaftlichen Prozesses muß die allgemein-händlerische Weltanschauung zur Ablehnung des Krieges führen.

Da die Vertreter dieser Ansicht nie etwas weiteres vom Leben gehofft haben, als "die Fortsetzung der Gewohnheit, da zu sein unter leidlichen Bedingungen", so liegt ja kein ersichtlicher Grundvor, weshalb man nicht friedlich-schiedlich auf Erden leben soll, wenn es irgendwie möglich ist. Das Behagen wird durch einen Krieg in keiner Weise erhöht. Und vor allem: wenn das größte Glück der größten Zahl das Ziel und der Zweck des Lebens und in Sonderheit des Staatslebens ist: wie soll sich die Opferung  einzelner  Menschen im Krieg rechtfertigen lassen? Warum, so wird jeder einzelne mit Recht fragen, von dem man verlangen wollte, daß er sich den feindlichen Kugeln aussetze, soll ich in den Tod gehen, damit andere des Glückes teilhaftig werden, auf das ich keine geringeren Anspruch habe als sie?

Die Logik des Händlertums führt also mit Notwendigkeit in erster Linie zur Ablehnung jedes Krieges, in zweiter Linie: soweit sich ein Krieg, der natürlich nur ein "Verteidigungskrieg" sein darf, nicht vermeiden läßt, zur Forderung des Söldnerheeres, das ja auch dem Grundsatz beruth, daß das Kriegshandwerk, wie jedes andere Gewerbe, betrieben wird zum Zweck des Gewinnes. Wahrt man die "Freiwilligkeit" des Beitritts, so hat man die Grundsätze der Händlermoral gewissenhaft befolgt.

Das ist dann auch der Standpunkt aller Staatstheoretiker in England geweisen: der Krieg ist ein notwendiges Übel; muß er durchaus geführt werden, dann tunlichst "durch andere" und - wie hinzugefügt werden mag - mit allen Schikanen der kommerzialistischen Technik. So haben sie gelehrt von THOMAS MORUS an bis wiederum herab zu unserem HERBERT SPENCER.

THOMAS MORUS verdient besondere Beachtung. Er schrieb seine  Utopia  (1516 erschienen) zu einer Zeit, als das englische Volk keineswegs schon durchgehend verkrämert war; zu einer Zeit, in der die Ausländer, die nach England kamen, die kriegerischen Fähigkeiten der Engländer sogar rühmend hervorhoben. "Sono molto reputati nell'arme" [Ihr Ansehen kommt vom Militär. - wp] schreibt unser Gewährsmann, der venetianische Verfasser der  Relatione  im Jahr 1500. Kein Wunder. Lebte ja doch das Geschlecht noch, das den Kampf zwischen York und Lancaster gekämpft hatte, und dessen Älteste noch die Kriege mit Frankreich erlebt hatten. Freilich scheint damals schon eine starke Wendung zum Händlerischen eingetreten zu sein. Hat sich der kriegerische Geist des englischen Volkes in den Schlachten des Bürgerkrieges verblutet? Und aus der Sehnsuch nach Frieden heraus ist die Schrift des Staatskanzlers MORE geschrieben, die ein Schrei des englischen Händlergemüts nach Erlösung von dem Übel ist, und aus der sich (trotz ihrer antikapitalistischen Tendenz oder gerade deswegen) die gesamte händlerisch orientierte Staatsphilosophie der späteren Engländer herauslesen läßt.

Was MORE über die Stellung der Utopier zum Krieg sagt, ist deshalb so interessant, weil sein Programm fast in jedem Punkt (wie ich noch zeigen werde) von den Engländern in den späteren Jahrhunderten verwirklicht ist: Beweis genug, wie ursprünglich diese Anschauungen, die MORE vertritt, dem händlerischen Denken und Empfinden sind.

Hier sind ein paar Stellen aus der Utopia, die das Gesagte erweisen:
    "Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas geradezu Bestialisches, womit sich gleichwohl keine Gattung wilder Tiere so häufig zu schaffen macht wie der Mensch; und entgegen den Sitten fast aller anderen Völker halten sie nichts für so unrühmlich als den im Krieg erstrebten Ruhm ..." nichtsdestotrotz jedoch üben sie sich sehr eifrig in soldatischer Zucht ... usw. (Keim des Sportismus!)

    "Sie beginnen einen Krieg aber nicht blindlings, sondern entweder um ihre Grenzen zu schützen oder um die das Gebiet ihrer Freunde überschwemmenden Feinde zurückzuschlagen (!) oder um irgendein von Tyrannei bedrücktes Volk, dessen sie sich erbarmen (!), vom Joch der Tyrannei und von der Sklaverei zu befreien, was sie aus purer Menschlichkeit unternehmen" (!). (Keim des englischen  cant  [Gaunersprache - wp]!)

    "Ein blutiger Sieg widert sie nicht bloß an, sie schämen sich desselben sogar, indem sie es für eine große Torheit halten, eine Ware, und sei sie auch noch so kostbar, zu teuer gekauft zu haben. Den Gegner aber durch Kriegskunst und List zu besiegen und unter ihre Botmäßigkeit zu bringen, dessen rühmen sie sich mit Frohlocken ..."

    "Sofort, nachdem der Krieg erklärt ist, sorgen sie dafür, daß heimlich und zu gleicher Zeit eine große Anzahl mit ihrem Staatssiegel versehener Proklamationen an den bekanntesten Orten des feindlichen Landes angeheftet werden, worin ungeheure Summen als Belohnung für denjenigen ausgesetzt werden, der den Fürsten des feindlichen Landes aus dem Leben schafft, dann geringere, obwohl immer noch sehr bedeutende, für die einzelnen hervorragenden Häupter beim Feind" usw.; "in der Höhe solcher Spenden gibt es für die Utopier keine Grenze ..." "Dieser Gebrauch, den Feind als ein Versteigerungs- und Verkaufsobjekt zu behandeln, gilt bei anderen Völkern als verwerflich ... sie aber dünken sich deswegen ob ihrer hohen Klugheit lobenswert ...". "Kommen sie auf dem angegebenen Weg nicht zum Ziel, so streuen sie den Samen der Zwietracht unter den Feinden aus ..." "Verspricht auch dieses Verfahren innerer Parteizerklüftung keinen Erfolg, so stacheln sie die dem Feind benachbarten Nationen auf und setzen sie gegen ihn in Bewegung, unter dem Vorwand eines alten ausgegrabenen Rechtstitels, um welchen ja Könige nie verlegen sind, geben die Zusage ihrer eigenen Streitkräfte im Krieg und gewähren im reichsten Maß Hilfsgelder. Unter jenen senden sie von eigenen Bürgern nur sehr wenige ab ... Gold und Silber aber ... geben sie leichten Herzens ab ..." "Außer ihren einheimischen Reichtümern aber besitzen die Utopier auch noch unermeßliche Schätze im Ausland, weil die meisten Völker ... ihnen verschuldet sind ..."

    Die Utopier bedienen sich mit Vorliebe zum Kriegführen der "Zapoleten", eines 500 000 Schritt von Utopia wohnenden, "häßlichen, barbarischen, wilden" Volks, "das seinen heimischen Gebirgen und Wäldern, in denen es geboren ist, den Vorzug vor jedem anderen Aufenthalt gibt." (Damit können die Deutschen oder die Schweizer gemeint sein.) "Dieses Volk leistet den Utopiern Kriegsdienste gegen alle Völker, gegen die sie Krieg führen, weil seine Hilfe von diesen um einen so hohen Preis gemietet wird, wie das niemand sonst tut ..." "Darum kümmerns sie sich wenig, wie viele sie von solchen Bundesgenossen verlieren ..." "Nach diesen verwenden sie auch die Truppen derjenigen, zu deren Schutz sie zu den Waffen greifen, sodann auch die Hilfstruppen ihrer sonstigen Freundnachbarn. Endlich (!) bilden sie ein Korps ihrer eigenen Mitbürger ..." "In jeder Stadt wird eine Aushebung aus der Schar derjenigen vorgenommen, die sich freiwillig stellen, denn zum Krieg nach auswärts wird keiner wider seinen Willen zum Militär genommen ..." "Wie sie auf alle Weise trachten, nicht selbst in den Kampf eingreifen zu müssen, und den Krieg nur durch die stellvertretende Hand der Mietstruppen geführt wissen wollen, so gehen sie, wenn ihre persönliche Beteiligung an der Schlacht einmal unvermeidlich geworden war, ebenso unerschrocken ins Zeug, wie sie, solange es ihnen freistand, den Kampf klüglich vermieden haben ..."
Man weiß bei MORUS nie, wo sein Ernst aufhört und sein Spott anfängt. Deshalb kann dieses Ideal von der Kriegführung ebensowohl eine Verhöhnung der Krämer bedeuten, die der große Kanzler damals unter seinen Landsleuten emporkommen und an Einfluß gewinnen sah. Mit welchen Gefühlen würde er den Krieg von 1914 erleben, in dem er seine "Utopier" das vierhundert Jahre früher entworfene Programm ausführen sähe! Aber über die händlerische  Praxis  will ich später im Zusammenhang sprechen. Hier mag nur mit  einem  Wort neben der Ansicht des zeitlich ersten die Auffassung vom Sinn und Wesen des Krieges des zeitlich letzten englischen Sozialphilosophen gekennzeichnet werden.

Der Krieg, meint HERBERT SPENCER, hat früher einmal Segen gestiftet. Heute brauchen wir ihn nicht mehr; heute ist er überflüssig; heute leisten Handel und Industrie alles weit besser. Heute hat der Krieg nur Übelstände im Gefolge. "Mit der Zurückdrängung kriegerischer Tätigkeiten und dem Zerfall kriegerischer Organisationen wird eine Besserung der staatlichen Verhältnisse von selbst eintreten. Ohne jene Änderungen kann es auf keinem Gebiet dauernd besser werden." (Sociology § 582)

Gerechtfertig ist nach der Ansicht SPENCERs nur ein "Verteidigungskrieg", weil (man höre!) durch die Aufopferung einer kleineren oder größeren Anzahl Individuen die Gesamtheit erhalten wird. Aber auch ein "Verteidigungskrieg" hat nur Sinn, wenn eine wirksame Verteidigung Aussicht auf Erfolg hat. "Denn es dürfte ohne weiteres ebenfalls klar sein, daß, wo der eindringende Feind übermächtig ist, eine solche Aufopferung einzelner keinen vernünftigen Sinn mehr hat." (!!) (Ethik II, § 43) Abzug der englischen Truppen aus dem belagerten Antwerpen! Ich komme noch darauf zu sprechen "Der Soldat - der natürlich nur als Söldner denkbar ist - setzt sein Leben aufs Spiel, das übrige Volk läßt sich Abzüge vom Erwerb gefallen, umd das Heer zu unterhalten ..." das sind berechtigte Opfer des Bürgers: "als Mittel zur Erreichung des obersten Endzwecks, ihm die Sicherheit zu verbürgen, daß er seine Tätigkeit ungestört ausüben und sich des Lohnes derselben erfreuen könne." (!!)

Ein  liebes  Volk sind doch unsere "Vettern" !


4. Kapitel: Englischer Staat und englische Kultur

Der englische  Staat  hat seinesgleichen nicht in der Geschichte. Vielleicht daß im Kleinen die Händlerstaaten des Altertums: die Staaten der Phönizier und Karthager erwas Ähnliches dargestellt haben. Aber ein "Weltreich" aus rein merkantilem Geist geboren, hat es noch nicht gegeben. Das Eigentümliche des englischen Staates beruth ja darin, daß er nicht son alledem enthält, was man bisher sinnvollerweise vom Staat gedacht hatte: daß er nämlich eine organisch gegliederte, zur kulturellen und zivilisatorischen Einheit zusammengefügte Gemeinschaft von Menschen sei, der meinetwegen als Außenwerke "Kolonien" in entsprechend großem Umfang zugehören. Alles, was wir bisher an großen Staaten kennengelernt haben, ist organisch gewachsen aus einem inneren Lebenstrieb heraus. Das englische Weltreich ist jedoch wie eine Kapitalsumme mechanisch Stück für Stück aneinander gereiht: die einzelnen Bestandteile sind "akkumuliert" und hängen ganz lose untereinander und mit dem Mutterland zusammen. Was heißt das: Indien, ein 300 Millionen-Land "gehört" zu Großbritannien?! Dieses Zugehören hat nur einen Sinn, wenn man das gesamte britische Weltreich aus kommerzialistischem Geist zu verstehen trachtet: das heißt, es zu begreifen versucht nicht als einen Staat, sondern als ein großes Geschäftshaus, bei dem das Mutterland das Stammhaus darstellt, wo die Zentralkasse und die Zentralbuchführung sich befinden, während die Kolonien die Filialen sind.

Wie völlig unorganisch England als Land für sich gebildet ist, lehrt ein Blick in die Statistik. Offenbar ist ein Staat, dessen Bewohner nicht zum großen, ich möchte fast sagen: zum größeren Teil der Landwirtschaft angehören, eine Mißbildung. Nun ist aber in England der Anteil der in der Landwirtschaft (und - der sehr beträchtlichen! - Fischerei) beschäftigten Personen auf 8 (!) Prozent gesunken. Diesem Zwölftel steht ein volles Viertel Berufshändler gegenüber (fast 25% der Einwohner Englands sind im Handel und Verkehr beschäftigt), und fast die Hälfte der Einwohner Englands (45%) sind in der Industrie tätig. Ein solchermaßen beruflich gegliederter Staat ist eine Karikatur, ist gar keine lebendige Einheit mehr, sondern nur ein Kontor. Die "Kolonien" sind Pumpstationen, die ausschließlich den Zweck haben, entweder direkt oder (meist) indirekt dem Mutterland Überschüsse abzuwerfen, wie nur diese merkantile Ausbeutung eines Landstrichs zu dessen Einbeziehung in den Kolonialbesitz führt oder wie die Kapitalanlage auf einem Gebiet dieses "reif" zur Annektierung erscheinen läßt. Ich denke an Ägypten, Angola, Mesopotamien.

Nach den jüngsten Schätzungen der  Manchester Social-Society  hat England im Ausland 74,7 Milliarden Mark angelegt; davon 35,9 Milliarden in den Kolonien. Rechnet man aber von diesen Anlagen die festverzinslichen Anleihen ab, die naturgemäß vornehmlich an fremde, selbständige Staaten gegeben werden, so wird von der eigentlichen Kapitalanlage sicher der größte Teil in den Kolonien gemacht sein. Das Mutterland dient im wesentlichen dazu, dieses Riesenunternehmen "englisches Weltreich" zu leiten und die Ein- und Ausgänge zu verrechnen. Das ist das ungefüge Wesen, der  Leviathan den HOBBES im Geist vorausgesehen hat, als er sein Idealbild des Staates entwart, von dem er meinte: daß seine Kraft im Reichtum der einzelnen Bürger bestehe (!):  divitiae singularium hominum sunt pro robore  [Reichtümer sind die Stärke einzelner Menschen. - wp].

Wenn wir nach dem Vorgang von HOBBES im Bild eines Organismus uns den englischen Staat vorstellen wollen, so erscheint Großbritannien wie einer jener Riesenpolypen, die nur noch aus Fangarmen und einem enormen Verdauungsapparat bestehen, während alle anderen Organe: Kopf, Herz, und was sonst noch in differenzierten Organismen von Bedeutung ist, abgestorben sind.

*        *
*

Wie das englische Staatsgebildet aus kommerziellem Geist geboren ist, so sind selbstverständlich auch alle Mittel der staatlichen  Politik  dem Umkreis der merkantilen Gedanken und Ideen entnommen. Es ist ungemein lehrreich, zu beobachten, wie durch die englische Politik dasjenige Machtmittel zur Geltung kommt und zum eigentlichen Werkzeugt des politisch Handelnden gemacht wird, das unmittelbar aus einem Händlergeist erzeugt ist: der Vertrag.

Überblickt man die äußere Geschichte Englands, vor allem auch seine Wirtschafts- und inbesondere Handelsgeschichte, so läßt leicht nachweisen, wie die hervorragende Geschicklichkeit im Vertragschließen hauptsächlich Englands Größe herbeigeführt hat. Wenn man sich den ungeheuren Aufschwung erklären will, den das englische Wirtschaftsleben im 18. Jahrhundert erlebt, so wird man vor allem zu bedenken haben, daß am Anfang des Jahrhunderts zwei Verträge abgeschlossen wurden, kraft deren es England gelang, vor allen anderen Völkern den Strom der Edelmetalle aus den spanischen und portugiesischen Kolonien an sich zu ziehen, dessen Zufluß ihm erst allen übrigen großen Handel mit Europa und dem Osten möglich machte. Die beiden Verträge, die ich im Sinn habe, sind der Methuen-Vertrag (1703) und der Assiento-Vertrag (1713).

Daß mit dem geschickten Vertragschließen auch alle Mittel des Betruges, des Vertragsbruchs, der Gaunerei, Dieberei, Räuberei Hand in Hand gingen, ist jedem Kenner der englischen Geschichte bekannt. Die  moral insanity  dieses Volkes ist das Geheimnis seiner Macht zum nicht geringen Teil. Aber was uns hier interessiert, sind nicht die Machenschaften des gaunerischen Händlers, die England zu allen Zeiten beliebt hat, sondern die des Händlers als solchem. Denn was wir erkennen möchten, ist ja die Geburt des gesamten Englands aus händlerischem Geist.

Da müssen wir uns nun erinnern, daß auch in der "höheren" Politik die geschickte Verwendung des Vertrags dem Volk zu seinen Erfolgen verholfen hat. Was ist es denn im Grund, wodurch Indien "erobert" wurde und beim Reich gehalten wird? Die händlerisch geschickte Ausnutzung der tausend Gegensätze, die Indien erfüllen: zwischen Mohammedanern und Hindus, zwischen den einzelnen Nabobs [Provinzgouverneure - wp] und Subahs [Provinzen - wp], die sich vom Großmogul losrissen und sich unabhängig zu machen strebten. Wir wollen uns immer gegenwärtig halten, daß in der berühmten Schlacht von Plessey (23. Juni 1757), durch die Indien für England erobert wurde, 3000 Mann auf englischer Seite fochten, von denen 900 (!) Engländer waren!

Vorteilhafte Verträge zu schließen (schon die Regierung der "Utopie" bei MORUS, der die englische Volksseele so tiefinnerlich begriffen hatte, erkannte in diesem ihre Hauptaufgabe) und - was unmittelbar damit verwandt ist - gegnerische Kräfte dadurch unschädlich zu machen, daß man sie gegeneinander wirken läßt und damit die eigene Gefährdung hintanhält: darauf allein ist das Augenmerk Englands seit jeher gerichtet gewesen.

Man weiß, daß der leitende Grundsatz der englischen Politik seit geraumer Zeit der ist: das "Gleichgewicht" unter den europäischen Staaten zu erhalten (gleichwie auf diesem Grundsatz die englische Politik in Indien aufgebaut ist). Diese "Gleichgewichtsidee" ist nun offenbar wiederum aus händlerischem Geist geboren: es ist das Bild der Waage, die der Krämer in der Hand hält, um Rosinen und Pfeffer abzuwiegen. Sie hat das Licht der Welt in den italienischen Händlerstaaten des Mittelalters erblick und ist begreiflicherweise zur Zentralidee des englischen Händlerstaates geworden. Auch hier tritt uns wieder das lebenzerstörende Wesen allen händlerischen Geistes in die Augen: es ist eine rein mechanische Auffassung von allem Staatlichen, das "Kräfte" im "Gleichgewicht" erhalten will. "Abwägen" kann man nur tote Stoffe; aber nicht Lebewesen, was Staaten in Wirklichkeit sind. Schon ADAM MÜLLER hat seinen Spott über "das armselige Bild der schwankenden Waage" ausgegossen. "Als ob das Völkerrecht nichts anderes wäre als das Fazit einer politischen Rechenkunst."

*        *
*

Besonders lehrreich ist es nun aber zu beobachten, wie der Händler  Krieg  führt: wir werden sehen: völlig nach dem Programm der Händlertheoretiker, von denen wir oben einige kennengelernt haben. Da er keine anderen Interessen als die materiellen kennt, so kann der Krieg für ihn auch immer nur die Bedeutung haben, daß er materielle Interessen schützt oder verteidigt, in England also fast ausschließlich Handelsinteressen oder die Interessen der Kapitalbesitzer im Ausland. Im Jahre 1909 erschien in einer bekannten englischen Monatsschrift "The United Service Institution" die preisgekrönte Arbeit eines britischen Seeoffiziers. Darin fanden sich folgende Sätze (die ich nach der Wiedergabe in der Schrift des Grafen ERNST zu REVENTLOW, "England - der Feind" hier anführe): "Wir (Großbritannien) ziehen nicht aus sentimentalen Gründen in den Krieg. Ich zweifle, daß wir das jemals taten. Krieg ist das Ergebnis von Handelsstreitigkeiten; sein Ziel ist, unseren Gegnern mit dem Schwert diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen aufzuzwingen, welche wir für notwendig erachten, um uns kommerzielle Vorteile zu verschaffen. Wir bedienen uns aller denkbaren Vorwände und Anlässe für den Krieg, aber zugrunde liegt allen der Handel (we give all sorts of reasosn for war, but at the bottom of them all is commerce."

Jeder, der auch nur oberflächlich die englische Kriegsgeschichte kennt, weiß, wie wahr hier der englische Seeoffizier die Gründe aller englischen Kriege gekennzeichnet hat. Vor allem wurde das Geschäftshaus England immer dann zur Anwendung kriegerischer Gewaltmittel gezwungen, wenn es zu bemerken glaubte, daß eine Konkurrenzfirma ihm den Rang auf dem Weltmarkt abzulaufen im Begriff steht. Daher die Kriege gegen Spanien im 16., gegen Holland im 17., gegen Frankreich im 18. Jahrhundert und nun gegen uns jetzt. Aber auch in jedem einzelnen Fall läßt sich die kommerzialistische Veranlassung der Kriege, die England geführt hat oder für sich führen ließ, nachweisen. Ich denke an den Krieg, den England 1739 an Spanien erklärte, weil eine Entschädigungssumme der Südseegesellschaft von Spanien nicht bezahlt wurde und Waren der Südseegesellschaft einbehalten worden waren. Ich denke an die "Eroberung" Indiens (im Jahre 1757), die Lord CLIVE im Auftrag der Ostindischen Handelskompanie unternahm, um die vom Nabob in Bengalen angegriffenen Kommis der Gesellschaft zu rächen, bzw. zu verteidigen. Ich denke an die Teilnahme Englands an unserem Siebenjährigen Krieg, die besonders lehrreich ist: England unterstützte Preußen, weil es - im allgemeinen - ihm darauf ankommen mußte, daß die damals noch erste See- und Handelsmacht Frankreich geschwächt wurde; weil es im besonderen ein Interesse hatte, daß Frankreichs Herrschaft in Indien gebrochen wurde. Dies geschah aber durch die Eroberung und Schleifung [dem Erdboden gleich machen - wp]Pondicherys (16. Januar 1761), während die Eroberung Kanadas im Jahre 1760 die Stellung Frankreichs im Westen erschüttert hatte. Mit dem 16. Januar 1761 war also Englands Interesse am Krieg FRIEDRICHs II. erschöpft. Folglich stelle es auch seine Teilnahme alsbald ein! Im Dezember 1760 war der Allianzvertrag Englands mit FRIEDRICH II. noch einmal unter großer Einmütigkeit des Parlaments erneuert worden; im folgenden Jahr wurde er  nicht  erneuert trotz weh- und demütiger Briefe des großen Königs an PITT.

Ich denke aber auch an die Kriege des 19. Jahrhunderts, die unmittelbar als Handels- oder Kapitalkriege geführt sind: an den Opiumkrieg (1840/42) gegen China, an den Gold- und Diamantenkrieg gegen die Buren, an den Krieg von 1914.

Wie aber die Motivierung des Krieges bei diesem Händlervolk eine rein kommerzielle ist: dieselbe, die von Rechts wegen jeder kapitalistischen Unternehmung zugrunde liegt, nämlich möglichst hohen Profit zu erzielen, wird dann der Krieg selber auch als gar nichts anderes denn als eine kapitalistische Unternehmung angesehen und als solche organisiert. Da ist dann nun der vornehmste Gedanke: man führt nicht selbst Krieg, sondern man läßt Krieg führen. Wie man für den Betrieb einer Baumwollspinnerei Produktionsmittel und Arbeitskräfte auf dem Markt ankauft, so nach dem Grundsatz des Söldnerheers Kanonen und Soldaten. Es ist der alte Standpunkt des kriegführenden Krämers, wie ihn im Altertum Karthago, im Mittelalter die Bankierstaaten Italiens eingenommen haben. Noch besser und merkantilistisch richtiger gedacht ist es, den Krieg gar nicht auf eigene Rechnung und Gefahr zu führen, sondern sich bloß mit einer Kapitaleinlage an diesem Unternehmen zu beteiligen: das war das Verfahren der Engländer im 18. Jahrhundert, als sie die europäischen Staaten mit ihren Subsidien [Unterstützung - wp] überschwemmten. Leider läßt sich das Geschäft nun aber heutzutage nicht mehr ganz so bequem abwickeln. Die Geschäfte sind überhaupt heute schwerer zu machen: das ist ja ein allgemeines Kennzeichen unserer Zeit, und auch hier haben die  damned Germans  den armen Briten das Leben sauer gemacht, gerade wie beim Absatz auf dem Warenmarkt.

Heute muß schon ein etwas kunstvolleres Verfahren angewandt werden, um fremde Völker die Kriege für Englands Handelsinteressen ausfechten zu lassen: wenn man ihnen nicht wie Filialen und Agenturen des Stammgeschäftes einfach die Order erteilen kann, so und soviel Mann "zu liefern" (so verfährt man mit den Kolonialvölkern, die natürlich für den Engländer in England auch Fremde sind, mit Vasallenstaaten wie Ägypten, Portugal); so mu man entweder ein Kompagnonverhältnis eingehen, was bei gleichgesinnten Nationen das richtige ist, oder - wo man noch mit Anstand und Ritterlichkeit rechnen muß, wie bei den Franzosen, da muß man geschickt ihre Schwächen auszunutzen verstehen, um auch sie an diesem Unternehmen zu beteiligen.

Ist nun das Unternehmen in Gang gebracht, so hat das Auge des sorgfältigen Kaufmanns darüber zu wachen, daß es mit möglichst hohem Nutzen und mit möglichste geringen Verlusten durchgeführt werde. Fremde Truppen kosten England nichts: also können sie nach Belieben geopfert werden; auch fremde Städte können bombardiert werden (Antwerpen! Ostende mit englischen Geschützen!). Eigene Truppen aber müssen bar bezahlt werden: folglich müssen sie soviel als möglich geschont werden. Vor allem die eigenen Schiffe sind empfindlich teuer! Was nach diesem merkantilistischen Grundsatz während dieses Krieges zum Beispiel in Antwerpen geschehen ist, schreit zum Himmel. Ohne auch nur einen Gedanken an Pflicht und Treue und Anstand zog die englische Truppe aus der belagerten Festung, die sie verteidigen sollte, rechtzeitig ab, um heil die Schiffe in Ostende zu erreichen, die die Flüchtigen in Sicherheit brachten. Ich bin überzeugt, daß den Abteilungsleitern, die als Minister dem Warenhaus England G. m. b. H. vorstehen, auch nicht einen Augenblick der Gedanke gekommen ist, daß das eine unsagbar schmutzige Sache war. Sie würden, wenn man sie ihnen vorhielte, antworten: aber es war praktischer, so zu handeln. Und sie haben von ihrem Standpunkt aus durchaus recht. Wir sahen ja, wie ihr Theoretiker, HERBERT SPENCER, in seiner Warenhausethik ganz unverblümt diese Nützlichkeitsmoral predigt.

Nun ist aber der Waffenkampf für England nur der nebensächliche Teil des Krieges, den es selbst gegen uns führt: seine Beteiligung mit Truppen an diesem Unternehmen spielt ja im Grunde keine Rolle, und seine Flotte schickt es nicht in den Kampf, weil sie zu teuer ist. Sein Hauptkrieg ist im engeren Sinne ein Handels- und Geldkrieg, wie ihn sonst wirkliche Händler - und zwar skrupellose -, etwa die Besitzer zweier großer Warenhäuser niederen Ranges, untereinander führen. Sind doch die wichtigsten Kampfmittel, die England selbst anwendet, unmittelbare kommerzielle Bedrückungen und Schikanen, die alle vor allem - an was anderes scheint die englische Geschäftsleitung kaum zu denken - unsere materiellen Interessen zu schädigen bestimmt sind: Boykottierung, Patentdiebstahl, Kaperei, Kundenabwerbung, Bestechung.

Daß es heute noch Kaperei gibt, an der sich nun notgedrungen auch die England feindlichen Nationen beteiligen müssen, ist bekanntlich allein England zu verdanken. Es enthüllt die innerste Wesenheit seiner Kriegführung, daß es diese schofle Form des Kampfes als im Grunde deren wichtigsten Bestandteil erachtet, auf den es, wie es auf jeder internationalen Konferenz von neuem erklärte, "nicht verzichten kann".

Daß die englische Regierung auf alle Märkte des Auslandes während des Krieges Sendboten schickt, um die Kunden von der deutschen Konkurrenz abspenstig zu machen, ist bekannt. Wie sehr man vom Krieg vor allem diese Wirkung erhofft, daß die deutschen Firmen im Ausland ruiniert werden, erweist folgender Brief eines Korrespondenten der "Times" in Pahang (Malakka), den das Blatt in seiner Nummer vom 14. Dezember 1914 veröffentlichte:
    "Dieser Krieg ist daran, eine Menge eingeborener Händler zu bereichern. Vom Standpunkt eines britischen Industriellen gilt:  je länger der Krieg dauert, desto besser für die britische Industrie.  Wir mögen jetzt den Druck spüren, in einigen Jahren werden wir den Vorteil haben. Jede deutsche Firma in den britischen Kolonien, die sich in die tiefsten Eingeweide des britischen Handels und Geschäfts eingefressen hat, wird dann ruiniert sein. Ich zweifle nicht daran, daß die großzügige, weitsichtige, nie fehlgehende  britische Regierung sich dieses Sachverhalts voll bewußt  ist. Hätten wir eine große Heeresmacht besessen, um ins Feld zu stürzen und Deutschland im ersten Anlauf zu überwinden, so wären die Wirkungen  nicht so weittragend  gewesen. Langsamer, beständiger Druck, wie der jetzige, ist alles in allem die richtige Politik." (!)
Das gemeinste, aus niedrigstem Händlerinstinkt entsprungene Mittel der Kriegführung, dessen sich, wie man weiß, England in so meisterhafter Weise während dieses Krieges bedient hat, ist das, was man die "journalistische Einkreisung" Deutschlands genannt hat. Mit seinem Geld hat es alle Kabel der Welt gelegt oder gekauft, die es nun zur Verbreitung seiner Lügennachrichten rücksichtslos ausnützt; mit seinem Geld hat es die Depeschenbüros, die Zeitungen und Zeitschriften, die Jllustratoren und Presse-Agenten im neutralen Ausland und in den verbündeten Staaten bestochen, um im englischen Interesse zu wirken. Immer der Händler vom Scheitel bis zur Sohle, diesmal sogar der schmierige Händler. Noch nie ist ein Krieg so rein im händlerischen Geist geführt worden, auch von England nicht, denn es vervollkommnet sich natürlich von Mal zu Mal in seiner Händlertechnik, wie dieser Krieg. Häufig denkt man wirklich: ein Warenhaus kämpft gegen uns. So ist es zuweilen, als ob ein Geschäftsmann einen neuen Trumpf im Kampf mit der Konkurrenz ausspielt, wenn man die amtlichen englischen Kriegsbereichte liest: so zum Beispiel, wenn die Zukunft der indischen Truppen in Frankreich angekündigt wird: "Ein prima, prima Artikel, der alles bisher Dagewesene schlägt, ist heute bei mir eingetroffen und liegt im Schaufenster aus." Reklame, Warenanpreisung, Entwertung des Gegners: alles stimmt zum Bild. Auch die rein quantitative Betrachtung des Krieges stammt aus demselben Seelengrund. Wie oft haben wir nun schon von den Millionenheeren des edlen Lord KITCHENER zu hören bekommen, und daß so und soviel Truppen aus Kanada, aus Indien, aus Portugal eintreffen - werden. Immer Zahlen und nur Zahlen. Ganz konsequent wieder vom Standpunkt des kapitalistischen Unternehmers aus gedacht, der in hohen Umsätzen das sicherste Wahrzeichen für das Florieren seines Geschäfts erblickt. In schamloser Offenheit hat ja auch CHURCHILL (oder war es LLOYD GEORGE?) erklärt: England werde siegen,  weil  es die letzte Million zu verausgaben habe. Hier wird also der rein kapitalistischen Auffassung der Dinge gar kein Mäntelchen mehr umgehängt; es wird unumwunden ausgesprochen: für uns ist der Krieg ein Geschäft wie jedes andere, und da wir im Zeitalter des Kapitalismus leben, so wird das Geschäft mit dem größten Kapital den Sieg davontragen.

Das Ekelhafte aber, was dieser Krieg zutage gefördert hat, ist dies: daß er von den Engländern als eine Art von Sport angesehen wird. Als die "Emden" endlich unter Aufgebot einer gewaltigen Übermacht zur Strecke gebracht worden war, jubelte begreiflicherweise die englische Presse. War ja doch der englische Handel von einem unerbittliche Schädiger befreit worden. Aber es geschah das Unglaubliche: der heldenhafte Kapital von MÜLLER wurde in alle Himmel gehoben. Wenn er nach London käme, so hieß es, würde er der gefeiertste Mann sein. Warum? Weil er Heldentaten vollführt hatte in treuer Pflichterfüllung gegen Kaiser und Reich? Ach nein! Sondern weil er so hervorragende - sportliche Leistungen vollbracht hatte! Und als die gefangenen Engländer aus der Festung Lüttich abzogen, streckten sie unseren Feldgrauen die Hände entgegen: wie der Fußballspieler nach vollendetem Match! Und waren sehr erstaunt, als man ihnen die gebührende Antwort gab: nämlich Fußtritte in einen gewissen Körperteil.

Nirgends vielleicht tritt die völlige Kommerzialisierung auch des Krieges so deutlich in Erscheinung als in dieser unbewußten Verwechslung von Krieg und Sport. Denn aus der innersten Seele des Händlers, der den Krieg nimmermehr begreifen kann, ist der Sport geboren. Ich sogleich sagen, weshalb. Wir brauchen uns nur die Kulturwerte und Lebensgewohnheiten des Händlers vor Augen zu halten, um die Antwort zu finden.

*        *
*

Was ist denn, wenn wir von der Mißgeburt des Staates und einer Hypertrophie des wirtschaftlichen Apparates absehen, in diesem Warenhaus England an "Kulturwerten" seit SHAKESPEARE hervorgebracht worden?

Es liegt mir fern, von dem zu sprechen, was man in England "Religion" nennt; es entspricht ja im wesentlichen dem, was man dort "Philosopie" zu benamsen die Unverfrorenheit hat. Jedenfalls ist auf diesem Gebiet, wenn wir nicht etwa die Heilsarmee anführen wollen, von den Engländern keine irgendwelche schöpferische Tat vollbracht worden. Daß schon die Ideen der Reformation eingeführte Fremdgüter waren,  made in Germany,  haben sie uns heute noch nicht vergessen. Aber was sie wiederum meisterlich verstanden haben, war die Anpassung ihres  soi-disant  [sogenannten - wp] metaphysischen Bedürfnisses an ihre Händlerinteressen. Der liebe Gott ist in den allgemeinen Geschäftsbetrieb ganz vortrefflich geschickt eingeordnet. Die Engländer sind sogar "tolerant" in religiösen Fragen geworden: das verträgt sich weit besser mit dem Profitmachen und dem Behaglichleben als eine halsstarrige Orthodoxie. Wir wollen uns gelegentlich daran erinnern, daß schon CROMWELL die Juden nach England wieder hereinließ, weil er sie für seine Finanzen und den englischen Handel glaubte brauchen zu können. Wollen auch nicht vergessen, daß in der berühmten Indulgenzerklärung JAKOBs II. aus dem Jahre 1687, die als die  Magna charta  der religiösen Toleranz bewundert wird, es wörtlich heißt: "persecution was unfavourable to population and to trade": religiöse Verfolgungen vertragen sich nicht mit den Interessen der Industrie und des Handels. Also auch in der kirchlichen Politik dieses Volkes müssen wir den Primat und der kommerziellen Interessen feststellen.

Dichtung? Außer ein paar Iren: der aus dem Land gehetzte Lord BYRON, der sein Volk in Grund und Boden verflucht hat; der gleichfalls verbannte SHELLEY, der sich in "Laon and Cynthna" feierlich von seinem Heimatland lossagte.

Bildende Kunst? Die Süßigkeiten der GAINSBOUROUGH und REYNOLDS und die Hysterien der Präraffaeliten.

Musik?

Kein geistiger Kulturwert  kann  aus dem Händlertum erwachsen. Nicht jetzt und nicht in alle Ewigkeit. Aber sie  wollen  auch keine geistige Kultur. Alle geistigen Werte bedrücken sie. Und deshalb haben sie aus ihrem innersten Wesen zwei Lebensformen geboren, die als Ersatz geistiger Werte dienen können, die aber durch ihre Verallgemeinerung auch dazu verhelfen, den letzten Rest geistigen Lebens aus dem Volk auszumerzen: ich meine den Komfort und den Sport.

Da ich über diese beiden Menschheitsplagen noch in einem anderen Zusammenhang - eindringlich! - weiter unten reden will, so mag es hier genug sein, sie erwähnt zu haben.

Die Gerechtigkeit gebietet aber festzusellen, daß auf diesen Gebieten der materiellen Kultur die Engländer wirkliche Förderer und Mehrer gewesen sind. Wie sie dann auch, was nicht erst hervorgehoben zu werden braucht, unseren Vorrat an technischem und ökonomischem Können wenigstens in früherer Zeit wesentlich bereichert haben. Wir werden noch zu prüfen haben, ob diese einzigen Gaben dieses Volkes ein Segen für die Menschheit gewesen sind.
LITERATUR: Werner Sombart, Händler und Helden - Patriotische Besinnungen, München/Leipzig 1915