ra-2 Freimaurervon SchmalzSchleiermacherB. G. Niebuhrvon Schmalz    
 
THEODOR von SCHMALZ
Über politische Vereine
und ein Wort über Scharnhorst und meine
Verhältnisse zu ihnen im preußischen Staat


"Um jene Zeit hatte ich den Auftrag von Königsberg erhalten, über die neuen Einrichtungen im Staate, namentlich die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Städte-Ordnung, die Gewerbefreiheit, gleiche Aufnahme bürgerlicher Offiziere in die Armee usw., etwas für das Publikum zu schreiben. Ich übernahm diesen Auftrag mit der großen Freude, welche ich selbst über diese Einrichtungen hatte."

"Wie vormals die Jakobiner die Menschheit, so spiegeln sie die Deutschheit vor, um uns die Eide vergessen zu machen, wodurch wir jeder seinem Fürsten verwandt sind. Wenn Jahrtausende aus den Deutschen nicht  ein  Volk machen konnten, wenn von jeher Sachsen und Reich, Welfen und Weiblinger, Union und  Ligue Deutschland  zerrissen waren, so oft eine solche Art von Einheit zwischen Deutschen versucht wurde: so ist doch Geschichte und Pflicht von ihnen gleich gering geachtet."

Es ist höchst unangenehm, von sich selbst öffentlich reden zu müssen; auch würde die Kränkung meiner Ehre in der Chronik des Herrn VENTURINI vom Jahr 1808 mich nicht bewegen, darauf zu antworten, wenn nicht in der Sache selbst ein allgemeines Interesse läge. Herr VENTURINI schrieb, und BREDOW gab heraus, Seite 410f der gedachten Chronik, wie folgt:
    "Stein  stiftete einen geheimen Orden unter dem Namen  Tugendverein,  wußte mehrere bedeutende Männer dafür zu interessieren, und gab zum Zweck des Vereins an: Wiederherstellung und Erhaltung deutscher Redlichkeit, wie auch Ermunterung zum Patriotismus und zur Bürgertugend in den jetzigen Zeiten. - - - Wichtige Erwerbungen für den Orden waren  Schill,  der am 10. Dezember nach Berlin kam - - - ferner  Dörnberg,  Oberster der Königlich westfälischen Garde, und ein Gerücht nannte auch den geheimen Rat  Schmalz,  welcher aus Halle entwichen, jetzt zu Berlin privatisierte und auf bessere Zeiten hoffte."

    "Schills  Feuergeist arbeitete sogleich zur Vorbereitung auf eine Unternehmung, die ihm im folgenden Jahr den Untergang brachte. Er kaufte im Geheimen Waffen an, elektrisierte die Gemüter seiner Untergebenen, während er in den Zirkeln der Residenz, wo alles ihm entgegen jubelte, unbefangen erschien, und unterhhielt die lebhafteste Korrespondenz mit den Unzufriedenen in Westfalen, an deren Spitze  Dörnberg  stand, während  Schmalz  seine Adresse an die Preußen schrieb (1), die dazu bestimmt war, den Geist des Volkes zu wecken, und den Gang eines Planes vorzuzeichnen, der auf den glücklichen Erfolg der Entwicklung der Volkskraft berechnet sein mochte. - - - Inzwischen war auch von den französischen Behörden zu Berlin der Geheimrat  Schmalz  wegen seiner Adresse an die Preußen verhaftet worden, und man wollte unter seinen Papieren verschiedene Briefe gefunden haben, die bewiesen, daß er von bedeutenden Personen in Königsberg, über politische Gegenstände zu schreiben aufgefordert war. Doch befahl Marschall  Davoust, Schmalz  wieder auf freien Fuß zu setzen, weil man in der Tat nichts der Strafe Würdiges in seinen Schriften entdeckt haben mochte. Dem verächtlichen Berliner Telegraphen gab dies jedoch die erwünschte Gelegenheit, dem französichen Regierungssystem große Lobreden zu halten, und die Raserei der preußischen Patrioten darzustellen, die ihr Vaterland auf eine so törichte Weise zu retten dächten." - -
Herr VENTURINI fügt nun noch aus dem  Telegraphen  die Stelle hinzu:
    "Gleich allen Schriften dieser Gattung, wodurch man die Menschen irre führt, indem man ihnen schmeichelt, war auch die Schrift des Herrn  Schmalz  voll von Ungereimtheiten und demagogischen Ideen. Die Wörter:  Volk, Versammlung des Volkes, öffentliche Freiheit, Gleichheit, Abschaffung der Privilegien machten den Grund dieser Rhapsodie. ... usw."
Die Wahrheit ist folgendes:

Als die Nachricht vom Tilsiter Frieden und der Abtretung der Länder über der Elbe nach Halle kam, schlug ich sofort der Deputation des Universitätskonziliums vor, REIL und FRORIEP mit mir nach Memel zum König zu senden, und vorzustellen:
    Die Universität Halle gehöre nicht zum Gebiet Magdeburgs; ihre Privilegien erklären sie zur allgemeinen Landes-Universität des Königlichen Hauses, und hätten ihre Verlegung an einem anderen Ort ausdrücklich vorbehalten. Darum baten wir  Seine Majestät  im Gefühl dankvoller Treue und Anhänglichkeit an  Seine Majestät  höchste Person, die Universität über die Elbe zu nehmen, wo kein Ort dafür schicklicher scheint, als Berlin.
Die Deputation genehmigte dies. Herr FRORIEP und ich reisten ab, und am 10. August 1807 (heute vor acht Jahren) standen wir vor dem Monarchen mit unserer Bitte.

Des Königs Antwort und eigentlichsten Worte waren:
    "Das ist recht, das ist brav. Der Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren hat."
Nun setzten  Seine Majestät  unmittelbar hinzu: Die Universität Halle über die Elbe nehmen, könne unangenehme Verwicklungen mit der westfälischen Regierung herbeiführen; es soll also vielmehr eine ganz neue Universität in Berlin gestiftet werden. Und dafür den vorläufigen Plan zu entwerfen, erhielten, unter der Direktion des Herrn Großkanzler BEYME, Herr Staatsrat HUFELAND, Herr FRORIEP und ich den Auftrag.

Als dieser vor mir redigierte Plan dem König übergeben worden war, wurde ich nicht nur sofort an der neuen Universität angestellt, sondern erhielt auch durch eine Königliche Kabinettsorder den Befehl, mich so bald wie möglich von Halle loszumachen, und nach Berlin zu begeben. Denn da die Universität bald nach der, damals noch nahe geglaubten, Räumung Berlins von den Franzosen gestiftet werden sollte: so sollte ich die Örtlichkeiten hier kennen lernen, um die ersten Einrichtungen, wie drei Jahre nachher geschah, besorgen zu können.

So kam ich Anfangs Oktober 1807 nach Halle zurück, um meine Ämter, vor allen das Ordinariat der juristischen Fakultät, niederzulegen; nahm von meinen Kollegen und Freunden Abschied, und reiste, von einigen der letzten eine Strecke begleitet, Anfang November hierher. - Auch begann ich hhier sofort Vorlesungen, zu denen sich einige meiner Hallischen Zuhörer und andere junge Männer einfanden. Sechs halbe Jahre hatte ich wirklich hier unausgesetzt gelesen, ehe die Universität eröffnet wurde, und im letzten halben Jahr hatten sich bereits 22 Studierende zu mir gesammelt.

Dies nennt die Chronik: aus Halle entweichen und in Berlin privatisierend auf bessere Zeiten hoffen.

Im Herbst des Jahres 1808 kam ein achtenswerter Mann, Herr  B.,  jetzt  J. C. zu F.,  von Königsberg hierher und brachte mir die Nachricht, daß dort unter dem Namen eines sittlich-wissenschaflichen Vereins der Bund geschlossen wurde, welcher nachher unter dem Namen des  Tugendbundes  bekannt geworden ist. Er zeigte mir zugleich an, daß ich zum Direktor des Bundes für die Mark erwählt wurde, und daß ich mit zwei Beisitzern, Herrn Kriegsrat von AHLEFELD und Herrn  H. R. J.  die hiesige (sogenannte) Kammer stiften möchte.

Ich gestehe, daß ich mit lebhafter Teilnahme diese Nachricht empfing. Der spanische Krieg war begonnen; Österreichs Rüstungen schon von einem Gerücht verbreitet; der Brief des Herrn von STEIN an den Fürsten von WITTGENSTEIN schien die Franzosen noch länger hier zurückzuhalten; die Bedingungen ihres Abzugs lasteten furchtbar auf uns; wer hätte nicht mit Freuden daran gearbeitet, wie es der König befehlen würde, entweder stille Rüstungen vorzubereiten, oder auch durch einen plötzlichen Angriff der Unterdrücker dem König die Bahn zu brechen? Die ganze Mark war dazu bereit.

Dies waren meine Erwartungen von der Gesellschaft, die gestiftet worden war. Auch wußte ich, daß eine ähnliche Gesellschaft zu ähnlichen Zwecken, vorzüglich von Offizieren, hier schon bestand. Mehrere derselben waren meine Freunde; ich hatte einige ihrer Unvorsichtigkeiten, zeitig warnend, gut gemacht; hatte ihnen nicht unwichtige Nachrichten mitgeteilt; und hatte nicht ohne Glück Uneinigkeiten unter ihnen beigelegt. So wenig sie mir das Dasein der Gesellschaft oder die Namen der Mitglieder verhehlten; so luden sie mich doch nicht zur förmlichen Teilnahme oder zu ihren Versammlungen ein. So gewiß sie wußten, daß sie in allem auf mich rechnen konnten, was auf Befehl des Königs gegen den auswärtigen Feind geschehen sollte; so gewiß wußten sie auch, daß ich nie dulden würde, was ohne des Königs Willen geschehen möchte. Und nachher, bei SCHILLs Auszug, zeigte sich wohl, daß man auch nicht scheute, selbst gegen des Monarchen Willen zu handeln.

Das Statutenbuch jenes Tugendvereins nun nahm ich mit großen Erwartungen zur Hand. Aber jede Zeile stimmt diese Erwartungen und meine Freude herab. Die Weitschweifigkeit kleinlicher Organisationsgesetze, welche sogar sehr umständlich einen bedeutungslosen Rang in den verschiedenen Sitzungen bestimmten, schien fast ein leeres Spiel. Aber vergebens suchte ich eine bestimmte Andeutung des Zwecks und  seiner Grenzen.  Ich sollte viele Patrioten anwerben, und konnte keinem eigentlich sagen, wozu? Zu meinem Widerwillen gegen alles unbestimmte Gutes-Stiften durch solche Vereine, kam auch die Furcht gefährlichen Mißbrauchs des unbestimmten Guten für bestimmtes Böses. Auch fand ich wirklich manches, was mir keineswegs gut schien; z. B. daß die Mitglieder genau die Staatsbeamten, vorzüglich die im Bund, beobachten und nötigenfalls denunzieren sollten, - eine geheime Feme-Polizei, welche notwendig dem rechtschaffenen Mann die Unbefangenheit rauben muß, in der Verwaltung seines Amtes nur dem Willen seines Monarchen und seinem eigenen Gewissen zu folgen, dagegen ihn an die Rücksicht auf das Gutfinden seiner Verbündeten fesselt.

Darum erkläre ich mündlich den Herren von AHLEFELD und  J.,  daß ich aus jenen Gründen die Teilnahme an einer Gesellschaft ablehnen muß, welche dem Königlichen Ansehen selsbt gefährlich werden könnte. Herr von AHLEFELD fand sich durch meine Gründe bewogen, auch seinen Beitritt zu versagen.

Um jene Zeit hatte ich den Auftrag von Königsberg erhalten, über die neuen Einrichtungen im Staate, namentlich die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Städte-Ordnung, die Gewerbefreiheit, gleiche Aufnahme bürgerlicher Offiziere in die Armee usw., etwas für das Publikum zu schreiben. Ich übernahm diesen Auftrag mit der großen Freude, welche ich selbst über diese Einrichtungen hatte. Für verständige und gebildete Leute schienen sie mir wahrlich keiner Anpreisung erst zu bedürfen. Aber schon walteten Mißverständnisse im Volk, welche z. B. in Schlesien die aufgehobene Leibeigenschaft auch auf aufgehobene Frohndienste und Patrimonialgerichte deuteten; und zum Teil selbst durch Übelwollende unter angesehenen Staatsbeamten genährt wurde. Darum glaubte ich wohl zu tun, eine Schrift recht eigentlich für das Volk zu schreiben, und jenen Mißverständnissen vorzubeugen, auf daß das Volk die Wohltaten des Königs und zugleich das Ungerechte des Ungehorsams gegen die Gesetze und jeder Eigenmacht einsieht. Mehrere Freunde, denen ich die Schrift vorlas, billigten sie so sehr, daß sie mich durch Subskription in den Stand setzen wollten, viele tausend Exemplare allenthalben in die Hände des Volks zu bringen. Daß in dieser Schrift keine demokratischen Ideen, wie der  Telegraph  sagt, und Herr VENTURINI verbreitet, enthalten waren; daß Volksversammlungen, Abschaffung der Privilegien und dergleichen weder in Worten, noch im Sinne der Schrift vorkamen, das darf ich wohl nicht versichern, da alle meine schriftstellerischen Arbeiten beweisen, mit welchem Eifer ich seit dem Beginn der französischen Revolution dem unseligen Unsinn stets entgegen zu arbeiten suchte, welcher sich von Frankreich über Deutschland verbreitete.

Ich schickte die Schrift an den hiesigen Prediger Herrn HOCHECORNE, welcher von den Franzosen zu ihrem Zensor bestellt war. Er dekretierte: sie könne vorderhand nicht gedruckt werden, und  sie wurde dann auch überhaupt nicht gedruckt. 

Gleichwohl hatte Herr HOCHECORNE sie dem französischen Gouvernement denunziert. DAVOUST war Governeur, und ich wurde unter dem Vorwand dieser Schrift verhaftet.

Daß sie bloß der Vorwand war, daß französische Polizeikundschafter meine Ernennung zum Direkter des Tugendbundes in der Mark erfahren hatten, und DAVOUST nun von mir Kenntnis über den Bund erpressen, und durch die Aufopferung meiner selbst andere abschrecken wolte, beweist teils die Untersuchung selbst, teils andere Umstände.

Meine Schrift wurde dem Zensor vorgelegt; sie wurde auf dessen Verbot wirklich nicht gedruckt; sie konnte also kein Grund einer Untersuchung und meiner Verhaftung sein. Außer einem beiläufig hingeworfenen Ausdruck, daß die Franzosen jetzt erst, sechzehn Monate nach dem Frieden, unser Vaterland verlassen, hatte man auch nur  eine  Stelle in der ganzen Schrift bedenklich gefunden, und dies war der erste Punkt der Untersuchung. Ich hatte gesagt:
    "Der König hat seine Treue gegen seine Alliierten während des Krieges teuer bezahlt."
Niemand konnte dies anders deuten, als auf des Königs edle Weigerung, einen Partikularfrieden mit BONAPARTE zu schließen. Es wurde aber den Franzosen übersetzt:
    "Le roi a acheté cher la fidelité des ses alliés pendent la guerre."
    [Der König hat sich während des Krieges die Loyalität seiner Verbündeten erkauft. - wp]
So deutete es der Inqirent, Oberst CHARLOT als Beleidigung des Kaisers von Russland. Das war dann bald beseitigt durch die Darstellung der falschen Übersetzung.

Der zweite Punkt der Untersuchung, höchst lächerlich ansich, war nicht einmal durch die Schrift, sondern durch einen unter meinen Papieren gefundenen Brief veranlaßt. Herr  von S.  hatte mir im Sommer 1808 einen interessanten englischen Aufsatz, scheinbare Lobrede auf BONAPARTE, überschickt. Sein Brief fing an:
    "Hier sende ich Ihnen, lieber Freund, eine Pille in Honig."
Der Übersetzer hatte es übersetzt:
    "Mon cher ami, je vous envois une pillule  cachée en miel." 
    [Hier schicke ich Ihnen eine Pille mit einem  versteckten  Honig. - wp]
Und nun sollte ich anzeigen, was ich mit der Pille, welche man mir aus Königsberg in einem  Honigtopf  versteckt zugesandt habe, hätte machen sollen. Die Nachweisung, daß das Wort  cachée  geradezu eingeschoben wurden,  une pillule en miel  aber  une pillule dorèe  [der Jugend - wp] heißen soll, schlug auch diesen Punkt sofort nieder.

Aber der dritte und letzte Punkt der Untersuchung betraf nun den, wie CHARLOT aussprach,  tu - gens - verin  - da man aber nichts bei mir gefunden hatte, was diesen Verein betraf: so mußte man sich nach langem Quälen und Fragen am Ende mit meiner Erklärung begnügen, daß ich nicht Mitglied eines solchen Bundes bin und deshalb auch keinerlei Nachricht von ihm geben kann.

Daß nun der Bund die eigentliche Ursache meiner Verhaftung gewesen ist, beweist auch der Umstand: Ich wurde verhaftet, acht Tage nach dem Dekret des Herrn HOCHECORNE, daß meine Schrift nicht gedruckt werden kann und vierzehn Tage, nachdem ich sie ihm zugeschickt hatte. Aber ehe es in Königsberg bekannt war, daß ich die Teilnahme am Bund abgelehnt habe, hatte man mir mit Gelegenheit eines Kuriers einen Packen Schriften, den Verein betreffend, zugeschickt. Da ich mich nicht weiter berchtigt glauben konnte, sie zu lesen, hatte ich sie sofort wieder versiegelt an Herrn  J.  geschickt. Etwa 12 Stunden nachher, Morgens um 6 Uhr am 12. November, wurde ich verhaftet, und meine Papiere genommen.

Die Mitglieder des Bundes, welchen ich durch meine, allerdings pflichtmäßige, Verschweigung ihrer Namen wie ihres Bundes selbst vor einer DAVOUSTischen Untersuchung, einen nicht unbedeutenden Dienst geleistet hatte, haben diesen Dienst vergessen, aber meine abschlägig Antwort auf ihre Wahl mir sehr viel übel genommen, und einige durch Verfolgungen und kleine Kabalen mir sie zu vergelten gesucht.

Der Bund selbst wurde nachher gesetzlich aufgehoben. Aber es haben sich andere Verbindungen bald darauf in der Stille gebildet, vielleicht aus den Trümmern jener und der oben erwähnten anderen; löblich, wenn für die Befreiung des Vaterlandes von auswärtigen Unterdrückern; fluchwürdig, wenn dadurch Zwecke im Innern ohne des Königs Willen durchgesetzt werden sollen.

Das Dasein aber solcher Verbindungen verbreitet Furcht unter den Bürgern aller deutschen Länder und erfüllt den rechtlichen Bürger der preußischen Staten mit Unwillen. Von solchen Bünden gehen jene pöbelhaften Schmähreden gegen andere Regierungen aus, und jene tollen Deklamationen über eine Vereinigung des ganzen Deutschlands unter  eine  Regierung (in einem Repräsentativ-System, wie sie das nennen); eine Vereinigung, welcher von jeher der Geist aller deutschen Völker widerstrebte, für welche aber jetzt die Anhänglichkeit an die besonderen Dynastien durch Hohn und Aufwiegelung in jeder deutschen Brust niedergedrückt werden soll. Es charakterisiert sie das leidenschaftliche Predigen eines unbedingten Todeshasses gegen Frankreich, doch verbunden mit den schmählichsten Beschuldigungen aller deutschen Regierungen (auch der preußischen wird nicht geschont, obwohl, wie sie sagen, sie deren Uniform bedürfen (2) und dabei im bürgerlichen Leben ein fester Ausdruck herzlichster Verachtung aller, auch der ausgezeichneten Staatsmänner oder Gelehrten, welche nicht ihrer Meinung sind. Jenen wird alle Einsicht, diesen alle Gelehrsamkeit abgesprochen, beide als Schwachköpfe, oder als Bösewichter verunglimpft; aber gar nicht mit der deklamierenden Heftigkeit, womit sie gegen Regierungen schreiben (vornehmlich wenn die Person im Lande ist), sondern mit einem stummen Achselzucken, mit einem vornehmen Lächeln, mit einzelnen nur halb angedeuteten Insinuationen, welche den zweifachen Vorteil gewähren, daß sie desto tiefer verwunden, und zugleich den Verleumder in Sicherheit bringen.

Mit der Vergiftung der heiligsten Sittlichkeit lehren sie, wirkliche besondere Pflichten ruchlos für erträumte allgemeinere, und darum angeblich hörere, übertreten. Wie vormals die Jakobiner die Menschheit, so spiegeln sie die Deutschheit vor, um uns die Eide vergessen zu machen, wodurch wir jeder seinem Fürsten verwandt sind. Wenn Jahrtausende aus den Deutschen nicht  ein  Volk machen konnten, wenn von jeher Sachsen und Reich, Welfen und Weiblinger, Union und  Ligue Deutschland  zerrissen waren, so oft eine solche Art von Einheit zwischen Deutschen versucht wurde: so ist doch Geschichte und Pflicht von ihnen gleich gering geachtet: - - ob vielleicht auch ihnen das Gouvernement einer Provinz, oder sonst eine Machtstelle zufallen möchte, und vor allem ein reiches Einkommen.

Deutschland wird groß und herrlich aufblühen, wenn die Fürsten es echt deutsch mit dem deutschen Bund meinen, als mit einer heiligen Eidgenossenschaft, wozu gemeinsames Interesse sie wirklich verbindet, und was älteste und jüngste Erfahrung sie so deutlich lehrt. Aber diese Menschen wollen durch einen Krieg der Deutschen gegen Deutsche Eintracht in Deutschland bringen; durch bitteren gegenseitigen Haß eine Einheit der Regierung gründen; und durch Mord, Plünderung und Notzucht (letztere sehr klar gepredigt) altdeutsche Redlichkeit und Zucht vermehren. Eintracht in der Einheit und Dauer in der Gründung ihrer Verfassungen, daran denken sie nicht. Sie wollen die neue Umwälzung, wollen keinen dauernden Zustand, wollen eigentlich überall nichts als sich selbst. Mäuler ohne Hände (oft ohne Kopf), haben immer Schmähungen ausgestoßen, weil sie keine Befehle auszusprechen hatten.

Indessen hat Deutschland nicht Ursache vor ihnen zu zittern. Solche leidenschaftliche, oder gern leidenschaftlich scheinende Menschen können nicht täuschen und die Wahrheit ist nicht auf ihrer Seite. Nie sind die deutschen Gemüter unseres Volkes durch Deklamationen bewogen; und ruhig Gründe auseinanderzusetzen,  die  Gabe scheint jenen Schreibern gänzlich abzugehen; Bitterkeit und Rauhheit aber stoßen jeden Leser von ihren Flugblättern ab, welcher nicht zu ihnen gehört.

Zwar rühmen sie gar keck, was sie, die Verbündeten, ausgerichtet hätten im Jahr 1813, um die preußische Nation zu begeistern - woher denn eine Furcht entstehen möchte, sie würden auch für ihre Zwecke sowohl Preußen als auch andere Deutsche begeistern können.

Allein sie sagen nur sehr keck die Unwahrheit, wenn sie rühmen, daß  sie  die Preußische Nation begeistert hätten. Weder von einer  solchen  Begeisterung, noch von Begeisterung durch  sie,  war 1813 bei uns eine Spur. Es war vielmehr so:

Das Volk empfand eine tiefe Unterdrückung des Vaterlandes. Aber in ruhiger Kraft wartete es auf den Wink des Königs. Als 1812 die Verbindung mit Frankreich geschlossen wurde, welche uns, und durch uns ganz Europa rettete: da schrien und deklamierten diese Leute, drohten und versuchten allerlei. Aber das Volk gehorchte gegen seine Neigung den Befehlen, welche der König gegen die seinigen gab. Im Februar nun und März 1813 war noch kein deklamiertes Blatt erschienen, kein Wort von jenen gesprochen, als der König den Aufruf erließ, und auf diesen Aufruf plötzlich die ganze Nation aufstand, wie  ein  Mann. Keine Begeisterung, überall ruhiges und desto kräftigeres Pflichtgefühl. Alles eilte zu den Waffen, und zu jeder Tätigkeit, wie man aus ganz gewöhnlicher Bürgerpflicht zum Löschen einer Feuersbrunst bei einem Feuerlärm eilt. Das war gerade das Schöne, Edle, Große, so echtdeutschen Sinns, daß niemand tat, als tue er etwas besonderes, wenn er die größten Opfer brachte. Jedem war, als müsse es eben so sein.

Und nun wollen sich jene den Ruhm des Volkes zulügen. Aber gar nichts taten sie, ihr Geschrei wirkte nichts auf das Volk. Manche, welche das Gerücht zu ihnen zählt, benahmen sich vielmehr so ungeschickt, daß es nicht an ihnen lag, wenn der Eifer des Volkes durch ihr linkisch Sein nicht erstickt wurde. Sie sprachen von Freiheit, und fuhren doch den armen gemeinen Mann gar despotisch an, wo sie etwas zu befehlen hatten; sie sprachen von großem Interesse und spielten doch mit den armseligsten Pedanterien in ihren Anordnungen; sie sprachen von Opfern auf dem Altar des Vaterlandes, und behielten doch ihre eigenen Schärflein selbst. Wo sie mit steifem Ernst auftraten, da sah das Volk wohl, daß sie nicht die Not des Vaterlandes, sondern ihre eigene Würde fühlten. Wahrhaftig, wenn nicht andere, unbegeisternde Männer es ruhig geordnet und ausgerichtet hätten; sie hätten es nicht getan.

Mögen aber die Zwecke solcher Bünde auch nicht so arg sein; kommt es auch gar nicht darauf an, die deutschen Regierungen mit Mißtrauen gegeneinander zu erfüllen oder allgemeine oder besondere Konstitutionen gegen den Willen der Fürsten durchzusetzen; käme es etwa bloß darauf an, die besseren Köpfe zu vereinigen (und man gibt sich selbst die Ehre sich dazu zu rechnen), um sich und die ihrigen in die verwaltenden Ämter zu bringen: es bleibt doch unbegreiflich, wie rechtliche und verständige Männer solche Verbindungen eingehen können! Selbst die, welche sich Geist und Kraft genug zutrauen, solche Bündnisse zu leiten, selbst die, welche wirklich Geist und Kraft dafür haben und Edelmut genug, nur wahrhaft Großes und Edles bewirken zu wollen - selbst die sollten doch fühlen, wie gerade so ein Bundeswesen ihre beste Kraft lähmt. Die Größeren, Besseren werden gerade von den Kleineren und Schlechteren geleitet werden. Die großen Pläne jener werden nach den kleinen Plänen dieser, deren ein jeder für sich hat, modifiziert werden. Durch die Verbindung selbst sind die Starken in der Hand der Schwachen. Der Riese der Fabel gibt das heimliche Treiben selbst in die Hand der untergeordneten Mittreiber. Und wo man zugestehen muß, was man sonst wahrlich nicht gut finden würde zuzugestehen, da ist die Heimlichkeit selbst und die Furcht vor Verrat schon ein Beweis der Strafbarkeit.

Noch liegt mir das Andenken eines Verewigten am Herzen, welcher für den König und das Vaterland gefallen ist, welcher allen Freunden des Rechten und Schönen teuer ist, mir als nächster Verwandter und innigster Jugend- und Busenfreund unaussprechlich teuer.

SCHARNHORST, sagen sie, hätte diesen Bünden angehört, sei Stifter und Führer derselben gewesen und viele Leute glauben das wirklich. Nicht einmal dem Tugendverein gehörte er an; vielweniger irgendeinem andern. Wenn er auch ein entschlossener Feind dem Feind des Vaterlandes und der Menschheit war, so billigte er doch nicht einmal die Stiftung jenes ersten Vereins. Der so ruhig besonnene Mann soll sich mit erhitzenden Köpfen verbunden haben? Der so verschlossene Mann soll sich mit Unberufenen beratschlagt haben? Der so feste Mann soll sich haben binden lassen durch die Meinung heimlicher Bündler? Er, welcher nicht bloß an der Majestät des Königs mit unerschütterlicher Treue, sondern auch gerade an der Person des Königs mit so inniger Liebe und Ehrfurcht hin,  er  hätte die Hand bieten sollen, das höchste Ansehen des Königs zu untergraben? Wahrlich, gegen den äußeren Feind hätte er sich ihrer vielleicht bedient (obwohl sie wohl wissen, wie er in Schlesien 1812 ihre Korrespondenz verbot), aber ihren Plänen für das Innere, oder ihren politischen Plänen würde er sich mit aller Kraft widersetzt haben.

Sein Kopf war zu kühl, und sein Herz zu warm, um in Pläne einzugehen, welche mit poetischer Theaterkraft in die wirkliche Welt eingreifen sollten.

Durch solche Treiben ging Frankreich, ging Europa zugrunde, und die ersten Opfer waren gerade die Besten unter denen, welche, es mit Begeisterung ergreifend, geglaubt hatten, es mit ihrer Kraft leiten zu können.

LITERATUR: Theodor von Schmalz, Berichtigung einer Stelle in der Bredow-Venturinischen Chronik für das Jahr 1808, Berlin 1815
    Anmerkungen
    1) Die Chronik ist sehr unchronologisch. Als SCHILL in Berlin war, war DAVOUST nicht mehr hier. Jene Adresse konnte also nicht  während  SCHILLs Erscheinen in den Zirkeln unserer Stadt geschrieben werden.
    2) Ipsissima verba [O-ton - wp].