tb-4 A. SchäffleBouhelierJ. Wolf    
 
FERDINAND DOMELA NIEUWENHUIS
Der staatssozialistische
Charakter der Sozialdemokratie


"Wenn ich heute der deutschen Sozialdemokratie anders gegenüberstehe als früher, so ist daran auch der Brief von  Marx  an  Bracke,  in dem der das Programm von Gotha einer abfälligen Kritik unterzog und der dann längere Jahre von den Führern der Partei unterschlagen worden ist, mit die Ursache. Ich habe dabei gesehen, wie unehrlich die Führer dieser Partei sind, die alle Welt, das Inland wie das Ausland, in dem Wahn gelassen haben, daß  Marx  der  autor intellectualis  des Programms sei, sowie auch, wie merkwürdig bei dieser Gelegenheit das Benehmen von  Marx  und  Engels  selbst war, die, wahrscheinlich um die Parteiführer zu schonen, durch ihr Schweigen den Wahn aufrechterhalten haben. Auf diese Weise schwand mein Vertrauen zu  Marx  und  Engels,  zu denen ich lange ehrfurchtsvoll aufgesehen hatte, und zu den Leitern der Partei, mit denen ich in jahrelanger persönlicher Freundschaft gelebt hatte."

"Die Gefahr für den Sozialismus besteht im Einfluß des Kapitalismus auf die Sozialdemokratie selbst. In demselben Maß, da eine immer größer werdenden Zahl ihrer Anhänger etwas zu verlieren haben, verliert sie ihren Charakter. Die Zeiten, in denen man mit dem kommunistischen Manifest ausrufen konnte:  Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ketten, ihr habt eine Welt zu gewinnen!  sind vorbei. Besitz aber macht immer träge. Daher ist die Sozialdemokratie mit den Jahren immer gemäßigter, verständiger, praktischer, diplomatischer, schlauer geworden. Damit hat sie allerdings gleichzeitig all ihre Kraft und Größe eingebüßt und ist farblos geworden."

"Als Autoritätspartei schlägt die Sozialdemokratie sogar die Katholiken und man kann in dieser Hinsicht sagen, daß der Sozialdemokrat dem Papst in Rom näher steht als dem Anarchisten. Um die Autorität zu verteidigen, benutzt er alle seine Machtmittel, und in der Tat setzt ja auch Autorität das Vorhandensein und die Verwendung von Zwangsmitteln zur Zähmung von Rebellen voraus."

Als ich vor einigen Jahren meine Ideen über Sozialismus und Anarchismus in einem größeren historischen Werk niederlegte, glaubte ich zunächst, alles darüber gesagt zu haben (1). Das Werk ist später auch in dieser Zeitschrift einer ausführlichen Besprechung unterzogen worden und der Besprecher, Professor ROBERT MICHELS in Marburg (jetzt in Turin) hat dann auch mit seinem Lob nicht zurückgehalten (2). Daß sich da auch mancher Tadel hineinmischte, ist nicht verwunderlich. Mancher Tadel berührt mich sogar wie Lob. Wenn MICHELS z. B. sagt, es fehle meinem Werk "an jeder Vertiefung", so erachte ich gerade diese Tatsache als sein größtes Verdienst, denn mein Werk sollte allgemeinverständlich sein und der wissenschaftliche Jargon, der in den Lesern den Glauben an die Tiefgründlichkeit des Verfassers erwecken soll, macht die meisten Bücher ungenießbar.

Andere Aussetzungen MICHELS' an meinem Werk erklären sich aus der Verschiedenheit der Anschauungen in mehreren Fragen. Aber unter den Stellen meines Werkes, an denen MICHELS Aussetzungen zu machen hatte, befinden sich doch einige von besonderem Belang und es dürfte zweckdienlich und nützlich sein, diese Stellen einmal gründlich zu besprechen und mit aller Objektivität die strittigen Tatsachen festzustellen, umsomehr als es mir selber nachträglich scheint, daß ich sie in meiner Geschichte nicht ausführlich genug behandelt habe.

Das gilt namentlich für die Frage, ob und inwiefern 1. MARX, 2. als seine Schülerin, die deutsche Sozialdemokratie und 3. als wiederum deren Schülerin, die gesamte sozialdemokratisch-parlamentarische Internationale in den verschiedenen Ländern, die sich ja bekanntlich überall nach deutschem Modell geformt hat, als Anhänger des  Staatssozialismus  angesehen werden können.

In meinem Buch habe ich KARL MARX zusammen mit LOUIS BLANC, RODBERTUS und LASSALLE derselben - staatssozialistischen - Gruppe zugezählt. Es war mir von vornherien klar, daß diese Rubrizierung Widerspruch erwecken würde. Aber ich möchte doch auch heute noch diese Klassifizierung aufrechterhalten und glaube annehmen zu dürfen, daß sich die künftigen Historiker der sozialistischen Bewegung ausnahmslos meiner Meinung anschließen werden.

Ich selber glaube aussprechen zu können, daß ich mit meinem Buch zur Beseitigung der gegenteiligen falschen Auffassung des Marxismus beigetragen habe, - darin besteht vielleicht sogar mein Hauptverdienst. Meine Geschichte des Sozialismus ist die erste, in der MARX seinen richtigen Platz erhalten hat. Aber gerade hiergegen wendet sich ROBERT MICHELS mit aller Schärfe, wenn auch nicht unter Außerachtlassung der nötigen Vorsicht, indem er sagt:
    "Die - aus seiner Vergangenheit subjektiv berechtigte - Abneigung gegen alles, was mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenhängt, verführt NIEUWENHUIS auch zu einer irrigen Beurteilung des Marxismus. NIEUWENHUIS verweist ihn einfach in die Rubrik Staatssozialismus. Das ist zumindest mißverständlich. Der sozialistische  Staats sozialismus als System ist nur unter der Hypothese einer bereits gewonnenen sozialistischen Gesellschaft, also des Zusammenschrumpfens des  Staates  selber, begreiflich, was freilich nicht ausschließt, daß sozialistische Parteien der Gegenwart vielfach allerdings in ihrer taktischen Politik mutig drauf los absoluten Staatssozialismus treiben. Aber diese Taktik ist eine Abirrung von MARX weg und keine Abirrung des Marxismus als Gedankenwelt - die philologisch genaueren Italiener würden sagen  una aberazione da Marx, e non una aberrazione di Marx  [eine Abweichung von Marx, und nicht eine Abweichung des Marx - wp]."
Ich hätte es gerne gesehen, wenn MICHELS sich hier deutlicher ausgesprochen haben würde. MICHELS leugnet nicht direkt, daß MARX Staatssozialist war, aber diese Behauptung ist ihm doch zumindest mißverständlich. Er geht nich näher auf seine Behauptung ein und bemerkt nur nebenbei, daß der Staatssozialismus der Sozialdemokraten von der Voraussetzung einer "bereits gewonnenen sozialistischen Gesellschaft" ausgeht - was ich leugne - und erkennt dann ausdrücklich an, daß sich die sozialdemokratischen Parteien in ihrer taktischen Politik allerdings unzweifelhaft von staatssozialistischen Ideen leiten lassen. Das nennt er eine "Abirrung von MARX. Mir will es hingegen scheinen, daß der Staatssozialismus, weit davon entfernt, eine Abirrung von MARX weg zu sein, gerade die Durchführung des Marxismus, die Konsequenz des Marxismus ist.

Bevor ich diese These erhärte, will ich noch versuchen, ein Mißverständnis zu beseitigen. Man hat behauptet, daß ich ein Gegner der Sozialdemokratie sei und daß die Gegnerschaft ihren Ursprung in den persönlichen Erfahrungen hat, die ich mit den Führern der deutschen Arbeiterpartei gemacht habe. Ich will gern zugeben, daß diese Erfahrungen nicht angenehmer Natur waren. Aber das hat gar nichts mit meinen sachlichen Urteilen zu tun. Diese sind ganz unabhängig. In Parenthese [Klammern - wp] sei übrigens bemerkt, daß selbst MICHELS davon spricht, meine Voreingenommenheit sei "aus seiner Vergangenheit subjektiv berechtigt". Ich erkläre daraufhin, daß ich der deutschen Sozialdemokratie allerdings ohne weiteres besonders gram bin. Gerade weil ich ihr geistig so viel verdanke, erfüllt es mich mit Trauer, zu sehen, wie diese Bewegegung allmählich immer tiefer und tiefer sinkt. Als das Sozialistengesetz zu Fall kam, bin ich der erste gewesen, mit in den Jubel einzustimmen und habe es LIEBKNECHT nachgesprochen, daß die Sozialdemokratie in Deutschland so stark sei, daß selbst ein BISMARCK sich an ihr die Zähne ausbeißen mußte. Später habe ich dann einsehen müssen, daß das alles nichts als Prahlerei war. In Wirklichkeit bedeutete die Abschaffung des Sozialistengesetzes nichts weniger als einen Sieg der Sozialdemokratie über die Regierung. Im Gegenteil, dieses Gesetz konnte abgeschafft werden, weil die Regierung dank seiner ihren Zweck erreicht und die Sozialdemokratie  par force  auf die legale Bahn gelenkt hatte, sodaß man ruhig hätte sagen können, daß sie zum zweiten Mal mit dieser Partei Theater gespielt und SHAKESPEAREs Stück "Der Widerspenstigen Zähmung" aufgeführt habe. Nur BISMARCK, der das Gesetz gerne noch weiter verlängert gesehen hätte, nicht aber die deutsche Regierung, war geschlagen. Also die bürgerliche Kurzsichtigkeit, nicht die bürgerliche Einsicht, in deren Interesse die Abschaffung gelegen war. Wenn ich heute der deutschen Sozialdemokratie anders gegenüberstehe als früher, so ist daran auch der Brief von MARX an BRACKE, in dem der das Programm von Gotha einer abfälligen Kritik unterzog und der dann längere Jahre von den Führern der Partei unterschlagen worden ist, mit die Ursache. Ich habe dabei gesehen, wie unehrlich die Führer dieser Partei sind, die alle Welt, das Inland wie das Ausland, in dem Wahn gelassen haben, daß MARX der  autor intellectualis  des Programms sei, sowie auch, wie merkwürdig bei dieser Gelegenheit das Benehmen von MARX und ENGELS selbst war, die, wahrscheinlich um die Parteiführer zu schonen, durch ihr Schweigen den Wahn aufrechterhalten haben. Auf diese Weise schwand mein Vertrauen zu MARX und ENGELS, zu denen ich lange ehrfurchtsvoll aufgesehen hatte, und zu den Leitern der Partei, mit denen ich in jahrelanger persönlicher Freundschaft gelebt hatte.

Daß FERDINAND LASSALLE Staatssozialist war, wird wohl von keiner Seite bestritten. Aber auch die Partei. aus welchen Gründen kann uns hier gleichgültig sein, selber ist fünfzehn Jahre lang durch die Aufnahme des Programmpunktes der "Errichtung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes" staatssozialistisch gewesen, und zwar  mit Erlaubnis von Marx und Engels.  Ersterer selbst schrieb in seinem erwähnten Brief an BRACKE am 5. Mai 1875: "Es ist meine Pflicht, ein nach meiner Überzeugung durchaus verwerfliches und die Partei demoralisierendes Programm auch nicht durch diplomatisches Stillschweigen anzuerkennen!" (3) Und doch bewahrte KARL MARX dann selber dieses "diplomatische Stillschweigen" bis zu seinem Tode, und wenn ENGELS schließlich den Brief nicht, und zwar gegen den Willen der Parteiführer, insbesondere BEBELs, der sich sehr lebhaft dagegen aussprach, in der "Neuen Zeit" veröffentlich hätte, dann wüßten wir heute noch nicht, wie MARX zum Gothaer Programm gestanden hat. Wenn LIEBKNECHT mit seinem Ausspruch Recht hat, daß "Sozialdemokratie und Staatssozialismus unversöhnliche Gegensätze" sind (4), dann hat also unter seiner Mitwirkung die deutsche Sozialdemokratie fünfzehn Jahre lang in einem "unversöhnlichen Gegensatz" mit sich selbst gelebt. Es ist also unleugbar "something rotten in the State of Denmark". Daher geht es dann auch dieser Partei heute ähnlich wie weiland TILL EULENSPIEGEL, der auch zum Schluß nirgends mehr Achtung findet und von dem die Leute sagen: "Der hat's aber auch danach getrieben!"

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Ich muß nun dem Leser von vornherein sagen, daß die Beweisführung meiner These breit und vielleicht, durch die vielen Zitate, ermüdend sein wird. Aber vor gewissen Notwendigkeiten darf man nicht aus ästhetischen Gründen zurückschrecken.

Ich will also den Beweis dafür antreten, daß ich Recht hatte, den Marxismus und die Sozialdemokratie der staatssozialistischen Gruppe zuzurechnen.

Vor allen Dingen scheint es mir nötig, eine klare Definition des Begriffs "Staatssozialismus" zu finden. Leider geht es diesem Begriff so wie vielen anderen: es ist schwer, für ihn eine feste wissenschaftliche Grundlage zu erhalten.

In MEYERs "Konversations-Lexikon" fand ich:
    "Staatssozialismus, diejenige soziale Richtung, welche unter Befestigung der Machtstellung der Monarchie von der letzteren eine Hebung der Lage der Arbeiter, insbesondere aber eine Einschränkung der Herrschaft der Bourgeoisie und des beweglichen Kapitals erwartet."
Im BROCKHAUS "Konversations-Lexiokon":
    "Der Kathedersozialismus und Staatssozialismus (ADOLF WAGNER usw.) ist keine Abart des Sozialismus, ebensowenig wie der Anarchismus (STIRNER, BAKUNIN usw.). Der Anarchismus zielt auf die Beseitigung jedes Rechtszwanges und jeder Rechtsordnung ab, während der Sozialismus eine radikale Umänderung, also eine gänzlich neue Rechtsordnung fordert."
Dann werden allerlei Begriffe besprochen, die mit der Sache selbst nichts zu tun haben.

Unter dem Stichwort "Adolf Wagner" fand ich in diesem Lexikon folgendes:
    "In diesem seinem Hauptwerk - gemeint ist die Bearbeitung einer neuen Auflage von RAUs Lehrbuch der politischen Ökonomie - verfolgt WAGNER eine Richtung, die er als  sozialrechtliche  bezeichnet und in der er eine kritische und positive Auseinandersetzung mit dem neuen wissenschaftlichen Sozialismus (besonders RODBERTUS und MARX) erstrebt. Er zeigt sich dabei den staatssozialistischen Plänen günstig, so namentlich der Verstaatlichung der Eisenbahnen und des Versicherungswesens. Am schärfsten hat er seinen Standpunkt im Aufsatz "Finanzwissenschaft und Staatssozialismus" (in der Tübinger Zeitschrift 1887) und in der Broschüre "Mein Konflikt mit dem Freiherrn von Stumm-Halberg" dargelegt."
Im "Handbuch des Sozialismus von Dr. STEGMANN und Dr. HUGO LINDEMANN findet man (5):
    "Der Staatssozialismus ist nach der Darstellung seiner Verteidiger keineswegs eine auf sozialistische Einflüsse zurückführende Neuerung, sondern nichts anderes als die Wiederaufnahme und Weiterführung der bereits im preußischen Landrecht ausgesprochenen Sozialpolitik der preußischen Könige. Die in Betracht kommenden Paragraphen des preußischen Landrechts sind im II. Teil, Titel 19:

    § 1. Dem Staat kommt es zu, für die Ernährung und Verpflegung derjenigen Bürger zu sorgen, die sich ihren Unterhalt nicht selbst verschaffen können.

    § 2. Denjenigen, welchen es nur an Mitteln und Gelegenheit, ihrer und der Ihrigen Unterhalt selbst zu verdienen, mangelt, sollen Arbeit, die ihren Kräften und Fähigkeiten gemäß sind, angewiesen werden.

    § 3. Diejenigen, die nur aus Trägheit, Liebe zum Müßiggang und anderen unordentlichen Neigungen, die Mittel, sich ihren Unterhalt zu verschaffen nicht anwenden wollen, sollen durch Zwang und Strafen zu nützlichen Arbeiten unter gehöriger Aufsicht angehalten werden.

    § 6. Der Staat ist berechtigt und verpflichtet, Anstalten zu treffen, wodurch der Nahrungslosigkeit seiner Bürger vorgebeugt und der übertriebenen Verschwendung vorgebeugt wird.

    § 15. Aller Armen und Unvermögenden, denen ihr Unterhalt auf andere Art nicht verschafft werden kann, muß sich die Polizeiobrigkeit eines jeden Ortes annehmen.
Im "Deutschen Staatswörterbuch" von BLUNTSCHLI und BRATER findet man so gut wie nichts über unsere Materie und in EMANUEL WURMs "Volkswörterbuch" nur eine Kleinigkeit, die einer Rede auf dem Parteitag der deutschen Sozialdemokratie von 1892 entlehnt ist. Wenn wir nun einen Augenblick atemschöpfen in dieser Aufstellung einhalten und uns nach ihrem bisherigen Ergebnis fragen, so wird es sofort klar, daß der Begriff "Staatssozialismus"
    1. noch überaus elastisch und schwankend ist, und

    2. daß er in Deutschland in einem ganz anderen Sinn gebraucht wird als außerhalb des Landes.
Denn wenn wir dem Begriff  Staatssozialismus  den Sinn unterlegen, der ihm in MEYERs "Konversationslexikon" oder im "Handbuch des Sozialismus" gegeben wird, wäre es natürlich blanker Unsinn, MARX und die Seinen als Staatssozialisten bezeichnen zu wollen. Wenn man diese, mir allerdings völlig unzulässig scheinende, reindeutsche Definition bedenkt, begreift man beinahe, daß KAUTSKY die Behauptung aufstellen konnte, "der Staatssozialismus sei ein echt deutsches oder sagen wir besser preußisches Gewächs, nur erklärlich durch die eigentümlichen Verhältnisse seiner Heimat", und fortfährt:
    "Der Staat, der zu verstaatlichen Hat, ist nach dieser Theorie der heutige preußische, dessen Gewalt zwar unabhängig ist von den einzelnen Klassen, der aber doch das Interesse des Grundbesitzes als das höchste betrachtet, also der richtige Junkerstaat."
Kein Wunder, daß er hierauf weiter die Worte folgen läßt:
    "Die Sozialdemokratie in Deutschland hat daher keine Ursache, mit den Verstaatlichungsprojekten des Staatssozialismus zu sympathisieren, möge dieser deren Durchführung vom heutigen Staat oder dem Idealstaat des staatssozialistischen Gedankens ansich fordern." (6)
Aber ein wissenschaftlicher Begriff kann und darf keine nationale Begrenzung dulden. Was sollte z. B. aus den Naturwissenschaften werden, wenn jede Nation ihre Grundbegriffe anders auslegen wollte? Das würde zum  non plus ultra  der Lächerlichkeit führen. Es ist daher höchste Zeit, auch den Begriff des  Staatssozialismus  international zu formulieren, damit ein Mißverständnis mehr aus dem Bereich der Wissenschaft verschwindet.

Der Begriff "Staatssozialismus" liegt im Wort selbst eingeschlossen. Das Wort ist zusammengestellt aus den zwei Worten  Staat  und  Sozialismus.  Was Sozialismus bedeutet, weiß man. Es ist die Sozialisierung bzw. Gemeinschaftlichmachung der Produktionsmittel. Fügt man dem das Wort  Staat  hinzu, so ist es klar, daß diese Beifügung sich auf die Körperschaft bezieht, welcher diese Sozialisierung zur Ausführung überlassen wird. Welchen Zweck man damit verfolgt und welche Konsequenzen diese Verquickung nach sich ziehen muß, das sind weitere Fragen, die zunächst mit der wissenschaftlichen Definition des Wortes nichts zu tun haben.

Jeder weiß, was unter dem Wort "Staat" zu verstehen ist, und wer es nicht wissen sollte, der fühlt es. Da wir auch wissen, was das Wort "Sozialismus" bedeutet, so ist es klar, daß wir auch wissen müssen, was  Staatssozialismus  ist. Wenn man sich für Verstaatlichung erklärt, ist es gar nicht nötig, sich dabei einen bestimmten Staat, der diese Verstaatlichung vornimmt, zu denken. Wenn der eine dabei an den Zukunftsstaat in Form einer Abschaffung des gegenwärtigen Klassenstaats, der andere aber gerade an letzteren denkt, so kann daraus nur Verwirrung entstehen. Jeder Begriff muß scharf umrissen sein, sonst hat er keinen Wert. Der Begriff hat das Vorhandensein eines stabilen Elementes zur Voraussetzung. Wenn ich z. B. von der Verstaatlichung der Eisenbahnen spreche, so meine ich damit, daß der Staat die Eisenbahnen verwalten und ausnutzen soll. Da versteht jeder ohne weiteres, daß hier  Staat  im Sinne von "Gegenwartsstaat" gebraucht ist, und es wäre lächerlich, behaupten zu wollen, die Verstaatlichung dieses Betriebszweiges dürfe erst im Jahre 3000 zugelassen werden.

Unter Staatssozialismus ist also jedes System der Verstaatlichung der Produktionsmittel zu verstehen, ohne sich dabei auf teleologische Fragen einzulassen, z. B. darauf, welchen Zweck der Verstaatlicher bei seiner Handlung verfolgt.

Betrachten wir nun einmal die Definition, die KARL MARX dem Staatssozialismus gegeben hat, um daraus für unsere Streitfrage, ob wir ihn den Staatssozialisten zur Recht oder zu Unrecht zugezählt haben, einen Schluß zu ziehen.

Was lesen wir darüber im bekannten kommunistischen Manifest von KARL MARX und FRIEDRICH ENGELS?

    "Für die fortgeschrittensten Länder werden die folgenden Maßregeln ziemlich allgemein in Anwendung kommen können:

    1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrenten zu  Staats ausgaben.

    2. Starke Progressivsteuer.

    3. Abschaffung des Erbrechts.

    4. Konfiszierung des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.

    5. Zentralisation des Kredits  in den Händen des Staates  durch eine Nationalbank mit  Staats kapital und ausschließlichem Monopol.

    6. Zentralisation des Transportwesens  in den Händen des Staates. 

    7. Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.

    8. Gleicher Arbeitszwang für Alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau.

    9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land.

    10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder, Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form, Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion usw.
Also: Staat, Staat und nochmals Staat! Der Staat ist Alpha und Omega. Man kann nicht einmal behaupten, MARX habe diese Forderungen lediglich an den "Zukunftsstaat" gestellt. Davon hat MARX nichts gesagt. Im Gegenteil, er führt mit aller Deutlichkeit aus, daß diese Maßregeln "ziemlich allgemein in Anwendung kommen können in den fortgeschrittensten Ländern". Hier ist, dünkt uns, jeder Zweifel ausgeschlossen. Hier läuft die "Verstaatlichung" direkt auf den Staatssozialismus hinaus. Die Sozialdemokraten werden zwar behaupten, MARX habe hier nur den "Volksstaat" im Auge gehabt. Abgesehen davon, daß diese Auslegung aus den angedeuteten Gründen nicht zutreffen kann, würden die Ausleger hiermit nur sozusagen vom Regen in die Traufe kommen. Man lese nur noch, was MARX in seinem Brief zum Gothaer Programm über dessen demokratischen Abschnitt schrieb.
     "A. Freiheitliche Grundlage des Staates.  Zunächst erstrebt die deutsche Arbeiterpartei den freien Staat."

    Freier Staat - was ist das?
Es ist keineswegs Zweck der Arbeiter, die den beschränkten Untertanenverstand los geworden sind, den Staat frei zu machen. Im deutschen Reich ist der "Staat" fast so "frei" wie in Rußland. Die Freiheit besteht darin, den Staat aus einem der Gesellschaft übergeordneten in ein ihr durchaus untergeordnetes Organ zu verwandeln, und auch heute sind die Staatsformen freier oder unfreier genau in demselben Maße, worin sie die "Freiheit des Staates" beschränken.

Die deutsche Arbeiterpartei - wenigstens wenn sie das Programm zu dem ihrigen macht (7) - zeigt, wie ihr die sozialdemokratischen Ideen nicht einmal hauttief sitzen, indem sie, statt die bestehende Gesellschaft (und es gilt das von jeder künftigen) als Grundlage des bestehenden Staates (oder künftigen für eine künftige Gesellschaft) zu behandeln, den Staat vielmehr als ein selbstständiges Wesen behandelt, das seine eigenen geistigen, sittlichen, freiheitlichen Grundlagen besitzt. Und nun gar der wüste Mißbrauch, den das Programm mit den Worten "heutiger Staat", "heutige Gesellschaft" treibt, und den noch wüsteren Mißverstand, den es über den Staat anrichtet, an den es seine Forderungen richtet.

Nachdem KARL MARX den heutigen Staat eine "Fiktion" genannt hat, fährt er folgendermaßen fort:
    "Es fragt sich dann: welche Umwandlung wird das Staatswesen in einer kommunistischen Gesellschaft erleiden? Mit anderen Worten, welche gesellschaftlichen Funktionen bleiben dort übrig, die den jetzigen Staatsfunktionen analog sind? Diese Frage ist nur wissenschaftlich zu beantworten, und man kommt dem Problem durch die tausendfache Zusammensetzung des Wortes  Volk  mit dem Wort  Staat  auch nicht um einen Flohsprung näher.

    Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann, als die revolutionäre Diktatur des Proletariats. Das Programm nun hat es weder mit letzterer zu tun, noch mit dem zukünftigen Staatswesen der kommunistischen Gesellschaft.

    Seine politischen Forderungen enthalten nichts außer der alten weltbekannten demokratischen Litanei: allgemeines Wahlrecht, direkte Gesetzgebung, Volksrecht, Volkswehr usw. Sie sind ein bloßes Echo der bürgerlichen Volkspartei, des Friedens- und Freiheitsbundes. Sie sind lauter Forderungen, die, soweit sie nicht in phantastischer Vorstellung übertrieben, bereits realisiert sind. Nur liegt der Staat, dem sie angehören, nicht innerhalb der deutschen Reichsgrenze, sondern in der Schweiz, den Vereinigten Staaten usw. Diese Sorte  Zukunftsstaat  ist heutiger Staat, obgleich außerhalb  des Rahmens  des im deutschen Reich existierenden."
Aber man hat eins vergessen. Da die deutsche Arbeiterpartei ausdrücklich erklärt, sich innerhalb "des heutigen nationalen Staates", also ihres Staates, des preußisch-deutschen Reichs, zu bewegen - ihre Forderungen wären ja sonst auch größtenteils sinnlos, da man nur fordert was man nicht hat - so durfte sie die Hauptsache nicht vergessen, nämlich, daß alle jene schönen Sächelchen auf der Anerkennung der sogenannten Volkssouveränität beruhen, daß sie daher nur in einer demokratischen Republik am Platze sind. Da man nicht in der Lage ist - und das wohlweislich, denn die Verhältnisse gebieten Vorsicht - die demokratische Republik zu verlangen, wie es die französischen Arbeiterprogramme unter LOUIS PHILIPPE und unter LOUIS NAPOLEON taten - so hätte man sich auch nicht zu der Finte flüchten sollen, Dinge, die nur in einer demokratischen Republik Sinn haben, von einem Staat zu verlangen, der nichts anderes, als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter, schon von der Bourgeoisie beeinflußter, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismus ist. ... Selbst die vulgäre Demokratie, die in der demokratischen Republik das tausendjährige Reich sieht und keine Ahnung davon hat, daß gerade in dieser letzten Staatsform der bürgerlichen Gesellschaft der Klassenkampf definitiv auszufechten ist - selbst sie steht noch berghoch über dieser Art Demokratentum innerhalb der Grenzen des polizeilich Erlaubten und logisch Unerlaubten. Daß man in der Tat unter "Staat" die Regierungsmaschine versteht oder den Staat, soweit er einen durch Teilung der Arbeit von der Gesellschaft gesonderten, eigenen Organismus bildet, zeigen schon die Worte: "Die deutsche Arbeiterpartei verlangt als wirtschaftliche Grundlage des Staates: eine einzige "progressive Einkommenssteuer" usw. Die Steuern sind die wirtschaftliche Grundlage der Regierungsmaschinerie und sonst nichts. In dem in der Schweiz existierenden Zukunftsstaat ist diese Forderung ziemlich erfüllt. Eine Einkommenssteuer setzt die verschiedenen Einkommensquellen der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen voraus, also die kapitalistische Gesellschaft. Es ist also nichts Auffälliges, daß die Financial-Reformers von Liverpool-Bourgeois mit GLADSTONEs Bruder an der Spitze - dieselbe Forderung stellen wie das Programm.

Die Sozialdemokraten sollten diese vernichtende Kritik von MARX nur andächtig und unvoreingenommen lesen! Aber sie haben 15 Jahre unter jenem Programm gelebt. Das beweist allerdings, daß die sozialistischen Ideen in dieser Partei in der Tat noch nicht einmal "hauttief" sitzen.

Wie dem auch sei, jedenfalls ersieht man aus dem von uns zitierten Dokument, daß auch MARX der Meinung war, daß die Partei wirklich den "heutigen Staat" vor Augen hat. Dadurch ist der Beweis geliefert, daß die Partei trotz allen Leugnens dem Staatssozialismus huldigt. Wäre dem nicht so, müßten wir uns doch die Fragen vorlegen: Was sollte denn Marx sonst gemeint haben? Wie hat er sich die Entwicklung der Dinge vorgestellt? Einerseits neigte er selber stark zum Staatssozialismus, dringt er doch vor allem auf die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, so sehr, daß er im ursprünglichen Wortlaut der Statuten der Internationalen auf heimtückische Weise hinter die Worte "politische Bewegung" die Worte "als Mittel" (as a mean) - nämlich zur ökonomischen Emanzipation der Arbeiterklasse - hineinschmuggelte, und andererseits bezeichnet er die wirtschaftliche Bewegung der Arbeiter als die wichtigere und die politische als ihren Bedürfnissen unterworfen - was so viel ist als die Politik als unrichtig und nicht zum Ziel führend zu erklären. Auch sah er den Niedergang der Bewegung voraus, indem er sagte:
    "Eine zweite, weniger systematische, nur mehr praktische Form des Sozialismus suchte der Arbeiterklasse jede revolutionäre Bewegung zu verleiden durch den Nachweis, wie nicht diese oder jene politische Veränderung, sondern nur eine Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse, der ökonomischen Verhältnisse, ihr von Nutzen sein könne. Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse, der ökonomischen Verhältnisse, ihr von Nutzen sein könne. Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs die  Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse,  die nur auf revolutionärem Weg möglich ist, sondern  administrative  Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktioinsverhältnisse vor sich gehen, also am Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen."
Wir haben einige Worte in dieser Bemerkung von MARX unterstrichen, weil sie vollständig das treffen, was man in der deutschen Sozialdemokratie unter sozialistischer Aktion versteht. Bei den Verhandlungen über das Unfallversicherungsgesetz im Reichstag sprach WILHELM LIEBKNECHT folgende Worte aus:
    "Der Kulturmensch kann nur im Staat existieren, und darum scheuen wir uns keineswegs vor dem Einwand, der uns von jener Seite (zur Linken) gemacht wird, daß wir, indem wir auf diesem Gebiet für die Staatsversicherung eintreten, dem Staat eine allzugroße Macht einräumen. Diese Gefahr ist nicht vorhanden; wir wissen allerdings, daß der jetzige Staat durchaus nicht den Idealen, welche wir vom Staat haben, entspricht, durchaus nicht die Aufgabe, die wir als Staatsaufgabe betrachten, erfüllt, aber wir wissen auch, daß die Gewalt der Dinge stärker ist als der Wille der Menschen ...

    Das vorliegende Gesetz ist ansich sehr unbedeutend. Sie fürchten es wegen dessen, ws drum und dran hängt.

    Es ist das spitze Ende des Keils, welcher in die heutige Gesellschaft eingetrieben wird; das dicke Ende wird schon nachkommen, ob Fürst BISMARCK will oder nicht!

    Indem der Staat die Versicherung gegen Unfälle in der Industrie in die Hand nimmt, bringt er sich in die Lage, auch die Kontrolle über die Industrie in die Hand nehmen zu müssen. Das ist absolut notwendig. Wollte Fürst BISMARCK nicht diese Konsequenzen, so wäre das Gesetz eine elende Farce, schlimmer als das elendeste Wahlmanöver, und das können wir dem Fürsten BISMARCK doch nicht zutrauen. Dafür, daß es ihm Ernst ist bürgt seine Stellung, sein Interesse, er muß. Nun, meine Herren, daß die Kontrolle der gesamten Arbeiterverhältnisse an diesem Gesetz hängt, ist zugegeben worden. Fürst BISMARCK ist schon weiter gegangen; er hat gesagt: Ja, wenn die Dinge so stehen, daß die Großindustrie nicht mehr konkurrieren kann, daß einzelne Fabriken von Privatindustriellen nicht mehr betrieben werden können, dann muß der Staat eintreten.

    Wohlan, meine Herren! der Fürst BISMARCK mag so weiter gehen in Richtung auf unser Ziel, auf diesem Weg marschieren wir zusammen."
Also, der Staat muß und soll in Aktion treten. Welcher Staat? Doch wohl der heutige, denn einen anderen gibt es vorderhand nicht. Also "unser Ziel" ist der Gegenwartsstaat geworden. Warum? Um nichts geringeres zu tun, als die Großindustrie, die von den Privatindustriellen nicht mehr vorwärtsgetrieben werden kann, zu übernehmen und zu leiten. Und nun frage ich: Ist das Staatssozialismus oder nicht? Ist das keine "administrative Verbesserung auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse?" Und auf dieses Ziel hin marschieren zwei so grausame Todfeinde wie BISMARCK und LIEBKNECHT Arm in Arm. "Mein Liebchen, was willst du noch mehr?"

Aber LIEBKNECHT ging noch weiter. Er ist ein so "enragierter Staatssozialist", daß er den Sozialismus sogar als Werkzeug der Rettung für den Gegenwartsstaat anpreist. Der Sozialismus rettet den Klassenstaat! Für diese seine Auffassung sind folgende Worte ein gültiger Beleg.
    "Für alle Parteien ohne Ausnahme ist es von Nutzen, daß die Arbeitergesetzgebung einmal in ernsthafter Weise aufgenommen wird.

    Die Furcht vor den Konsequenzen halten Sie nicht ab, den ersten Schritt auf diesem Boden zu tun! Jetzt haben Sie noch Boden unter den Füßen. Es ist vorhin der Geist des russischen Nihilismus beschworen worden. Meine Herren, die bloße Repression ohne Organisation, ohne organisches Schaffen, ohne positive Maßregeln muß mit Notwendigkeit die Gesellschaft in die völlige Auflösung und den Staat in nihilistische Zustände hineindrängen. Vor dem Nihilismus rettet Sie bloß der Sozialismus, ohne den Sozialismus sind Sie überhaupt nicht mehr imstande, den heutigen Staat aufrechtzuerhalten."
Es muß zugegeben werden: Staatlicher hätte selsbt ein Minister nicht sprechen können. Hier ist der Sozialismus als Heilmittel zur Aufrechterhaltung des Gegenwartsstaates verwandt. Nachdem LIEBKNECHT jene Worte gesagt hatte, fügte er noch hinzu: "Jetzt ist es noch möglich, auf dem Weg der Reform die Lösung der sozialen Frage anzubahnen." Er meint, daß die Gefahren der Revolution allein verhindert werden können
    "dadurch, daß die Gesetzgebung, nicht die christliche, sondern eine wahrhaft humane, eine kulturelle, vom Geist des Sozialismus getragene Gesetzgebung, die Arbeits- und Arbeiterverhältnisse regelt, ernst und energisch die Lösung der Arbeiterfrage in die Hand nimmt und den Staat seiner wahren Bestimmung zuführt."

    Zum Schluß preist LIEBKNECHT dann das Gesetz an und empfiehlt seine gewöhnlichen Amendements [Zusätze - wp]; darauf heißt es:

    "Der Sozialdemokratie freilich haben Sie damit nicht den Boden entzogen, sondern einen Dienst geleistet, denn dieses Gesetz ist ein Zeugnis für die Wahrheit des sozialistischen Gedankens."
Also ein Gesetz, das keineswegs die "Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse" bedeutet, sondern das im Gegenteil nur "eine administrative Verbesserung ist auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse", wird hier als ein "Zeugnis für die Wahrheit des sozialistischen Gedankens" bezeichnet. Mit anderen Worten: ein staatssozialistisches Flickwerk ist ein Zeugnis für die Wahrheit des sozialistischen Gedankens!

Weitere Beweise für den Staatssozialismus der Sozialdemokratie dürften sich nach dem Gesagten erübrigen.

Es ist übrigens merkwürdig, wie MARX durch LIEBKNECKT, der sich doch sonst so gerne als "Soldat der Revolution" nennen und rühmen hörte, und seine übrigen deutschen Freunde Schlag auf Schlag in der Praxis verleugnet wurde. Es liegt die Vermutung nahe, daß es MARX ähnlich gegangen ist wie seinerzeit KLOPSTOCK: man pries ihn viel, aber man las ihn nicht. Ein kritischer Blick auf MARX' und LIEBKNECHTs Gedankenwelt beweist das zur Genüge.

Hier ist die Gegenüberstellung:
Marx
Der Staat ist unfähig, den Pauperismus [Armut - wp] zu beseitigen. Soweit sich die Staaten mit dem Pauperismus beschäftigen, sind sie bei Verwaltungsmaßregeln und Wohltätigkeit stehengeblieben. Kein Staat kann anders verfahren. Denn um wirklich das Elend aufzuheben, muß er sich selbst aufheben, da der Grund des Übels im Wesen des Staates liegt und nicht etwa, wie so viele Radikale und Revolutionäre glauben, in einer bestimmten Staatsform, an deren Stelle von diesen irgendeine andere Staatsform vorgeschlagen wird.
Liebknecht
Wir glauben, daß es ein Zeichen niederer Kultur ist, wenn der Gegensatz zwischen Arm und Reich groß ist. Wir glauben, daß die fortschreitende Kultur allmählich diesen Gegensatz ausgleichen wird, und wir glauben, daß der Staat, von dessen Zweck und Bestimmung wir die höchsten Vorstellungen haben, die Kulturaufgabe hat, den Gegensatz zwischen Arm und Reich aufzuheben, und weil wir dem Staat diese Mission zuerkennen, darum treten wir im Prinzip für dieses vorliegende Gesetz ein.

Man müßte schon mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu erkennen, daß die beiden hier angeführten Ausführungen Gegensätze sind. Dem einen gilt der Staat als Mittel, um den Pauperismus zu bekämpfen, der andere verwirft ihn für denselben Zweck glattweg.

Dieselbe Diskrepanz offenbart sich auch in der Frage der Gewaltanwendung:

Marx
Die Gewalt ist die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie ist selbst eine ökonomische Potenz.

Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt kann nur gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.

Es gibt nur ein Mittel, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft, abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel - den revolutionären Terrorismus.
Liebknecht
Das Revolutionäre liegt nicht in den Mitteln, sondern im Ziel. Gewalt ist seit Jahrtausenden ein reaktionärer Faktor. Weisen Sie nach, daß unser Ziel falsch ist, dann können Sie sagen, die Partei wird durch die jetzige Leitung von der revolutionären Bahn abgelenkt. Der beste Beweis für die Richtigkeit der Leitung ist der Erfolg, und unsere Taktik hat sich herrlich bewährt.

Auch hier stehen wir wieder vor These und Antithese! Allerdings - aber das macht die Verwirrung nicht besser - kann man einige zwanzig Stellen bei LIEBKNECHT selbst nachweisen, die das Entgegengesetzte seiner von uns zitierten Sätze sagen, vor allem die Stelle:
    "Der Sozialismus ist keine Frage der Theorie mehr, sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf der Straße, auf dem Schlachtfeld zu lösen ist, gleich jeder anderen Machtfrage."
Dasselbe, was MARX als Wünsche der bürgerlichen Volkspartei bezeichnet, gilt LIEBKNECHT als Forderungen der Sozialdemokratie, trotzdem weder ein Radikaler noch ein Demokrat jemals etwas gegen sie einzuwenden haben wird. Natürlich hört aber eine Partei, die derartige Forderungen stellt, auf, eine sozialistische Partei zu sein. Sie wird bürgerlich-demokratisch. Kann erst die bürgerliche Demokratie die Postulate der Sozialdemokratie unterschreiben, so verliert letztere ihre Daseinsberechtigung. Ich erinnere mich immer noch, wie ein Engländer, dem man das Wesen des deutschen Sozialismus auseinandergesetzt hatte, überrascht ausrief: "So etwas nennt man bei uns zuhause Demokratie!" Doch weiter:

Engels
Nach der philosophischen Vorstellung ist der Staat die "Verwirklichung der Idee" oder das ins Philosophische übersetzte Reich Gottes auf Erden, das Gebiet, worauf die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit sich verwirklicht oder verwirklichen soll. Und daraus folgt dann eine abergläubische Verehrung des Staates und all dessen, was mit dem Staat zusammenhängt, und die sich umso leichter einstellt, als man sich von Kindesbeinen daran gewöhnt hat, sich einzubiden, die der ganzen Gesellschaft gemeinsamen Geschäfte und Interessen könnten nicht anders besorgt werden, als wie sie bisher besorgt worden sind, nämlich durch den Staat und seine wohlbestallten Behörden. Und man glaubt schon einen ganz gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man sich frei gemacht hat vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht weniger als in der Monarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat ererbt wird, und dessen schlimmste Seiten es, ebensowenig wie die Kommune, umhin können wird, sofort möglichst zu beschneiden, bis ein in neuen freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzuschütteln.
Hamburger Echo
Wir erklären dem Kanzler offen, daß wir ihm nicht das Recht zugestehen, die Sozialdemokratie zu beschuldigen, eine staatsfeindliche Partei zu sein. Wir bekämpfen nicht den Staat, sondern nur die Einrichtungen des Staates und der Gesellschaft, die mit dem wahren Staatsbegriff und dem wahrhaften Gesellschaftsbegriff nicht übereinstimmen. Wir Sozialdemokraten wollen den Staat und ihn in all seiner Größe und Herrlichkeit errichten. Wir verteidigen diesen Standpunkt unentwegt seit über einem Vierteljahrhundert und das müßte Herr von CAPRIVI wissen. Erst dann, wenn der wahre Staatsbegriff herrscht, wird auch wahre Liebe zum Staat aufkommen können.

Auch diese zwei Auffassungen stehen sich wie Feuer und Wasser gegenüber. Hier vertritt ENGELS eine durchaus  anarchistische  Idee vom Wesen des Staates. Ich wie jeder andere Anarchist sind jederzeit bereit, zu unterschreiben, was er in seinem Buch "Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" (Seite 139 - 140) sowie in seiner Schrift "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" (Seite 267 - 268) über den Staat gesagt hat. Ebenso trifft sich das, was ENGELS über dasselbe Thema in seinem Vorwort zur Broschüre "Internationales aus dem Volksstaat", in der er vom "Verschwinden des Staates und der Demokratie" als dem politischen Ziel der sozialdemokratischen Partei spricht, ausgesprochen hat, mit anarchistischen Ideengängen. Während ENGELS doch die Anarchisten innig gehaßt und eifrig mit seinen Bannstrahlen bedacht hat, unterließ er es doch nicht, in Wirklichkeit Anarchie zu predigen. Man wäre versucht, an eine besondere Kraft der anarchistischen Gedankenwelt, die sich selbst ihren erbittertsten Gegnern aufdrängt, zu glauben.

Doch weiter:

Kautsky
Der wissenschaftliche Sozialismus hat erkannt, daß der Staat nichts ist als ein Organ der Klassenherrschaft. "Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen" (Komm. Manifest). Der Ausdruck "Klassenstaat" zur Kennzeichnung des wirklichen Staates erscheint uns daher unglücklich gewählt. Gibt es denn einen anderen Staat? Man weist mich auf den "Volksstaat" hin. Darunter versteht man wohl den vom Proletariat eroberten Staat. Aber auch der wird ein "Klassenstaat" sein. Das Proletariat wird die anderen Klassen beherrschen. Ein großer Unterschied zu den bisherigen Staaten wird allerdings vorhanden sein: das Klasseninteresse des Proletariats verlangt die Aufhebung aller Klassenunterschiede. Das Proletariat kann seine Herrschaft nur dazu benutzen, die Grundlagen der Klassenscheidung, so rasch es die Verhältnisse erlauben, zu beseitigen, d. h. das Proletariat wird den Staat erobern, nicht um ihn zu einem "wahren" Staat zu machen, sondern um ihn aufzuheben: nicht um den "wahren" Staatszweck zu erfüllen, sondern um den "Staat" zwecklos zu machen. (Neue Zeit, Bd. 2)
Liebknecht
Was ist denn der Staat? Fassen Sie ihn meinetwegen auf, wie Sie wollen, - entweder müssen Sie den Staat ganz beiseite werfen, oder der Staat ist die Verprflichtung der Gesamtheit, für den Einzelnen einzutreten, die Verpflichtung der Gesamtheit, den Schwachen zu schützen gegen den Starken, die Beziehungen zueinander zu regeln, für Wohlbefinden und Bildung zu sorgen. Wenn das die Aufgabe des Staates nicht ist, dann hat der Staat überhaupt keine Existenzberechtigung. Der ganze Staatsbegriff - wie er sich beiläufig mit am schärfsten in Preußen ausgeprägt hat - hat seinem Wesen nach eine sozialistische Grundlage. (Rede im Reichstag)

Auch hier wieder scharf in die Augen springende Unterschiede. Bei LIEBKNECHT findet man den Wesenskern des Staatssozialismus, während KAUTSKY mit recht anarchistischen Argumenten gegen den Staat Front macht. Die von LIEBKNECHT und seinen Freunden zu häufig verwandten Ausdrücke  "wahrer  Sozialismus", "der  richtige  Staat", "der  wahre  Staatsbegriff" erinnern übrigens sehr an das famose  "wahre  Christentum". Es gibt an die zweitausend  wahre  Christentümer, die sich gegenseitig ausschließen und in Acht und Bann tun; ebenso gibt es heute auch einige Tausend  wahre  Sozialismen, die von der Geschichte nichts gelernt und alles vergessen haben, und die in ihrem kleinen alleinseligmachenden Reich sich und wenigen Anhängern eine unfehlbare Doktrin predigen.

Allerdings hat MARX in seinem "Kapital" die Arbeiterschutzgesetzgebung mit der denkbar größten Verherrlichung bedacht. Alle bürgerlichen Reformer können in diesem Buch eine Reihe von Argumenten finden für die These, daß der Schutz der Arbeiter sehr gut durch die Gesetzgebung geregelt zu werden vermag. Gewiß übersehe ich nicht, daß MARX in dieser selben Schrift auch für die Umwandlung der kapitalistischen Produktionsweise in die sozialistische kommunistische eintrat. Aber diese Zwiespältigkeit beweist nichts anderes, als daß auch MARX kein Mann der eisernen Logik war. Auf der einen Seite anerkannt er die Notwendigkeit einer Besserregelung der Gesellschaft durch eine Schutzgesetzgebung auf der Basis des Gegenwartsstaates; auf der anderen Seite plädierte er für die Notwendigkeiten eines gänzlichen Verschwindens der heutigen Gesellschaft. Es ergeht MARX wie GOETHEs  Faust.  Auch er kann sagen:
    "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
    Die eine will sich von der andern trennen;
    Die eine hält in derber Liebeslust
    Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
    Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
    Zu den Gefilden hoher Ahnen."
Die eine, die erste, glaubt sich an die Welt, die Gegenwartswelt, "mit klammernden Organen", d. h. mit Gesetzen, festhalten zu können - das ist die staatssozialistische Seele von MARX. Die andere reißt sich "gewaltsam" los vom Staat, um sich in hohe Sphären zu erheben - das ist MARX' anarchistische Seele.

Wenn wir der Meinung sind, daß Staatssozialismus die Lehre ist, nach welcher alle Angelegenheiten der Menschheit durch das Eingreifen des Staates geleitet und geregelt werden müssen, ohne sich um das Wesen dieses Staates zu kümmern, - was ja auch nicht nötig ist - und ferner, daß der Anarchismus die Lehre ist, nach welcher alle Angelegenheiten der Menschheit entweder durch eine rein individuelle Initiative oder doch auf dem Weg freiwilliger Assoziation, der jedermann jederzeit beitreten und wieder den Rücken kehren kann, und aufgrund derer der Staat abgeschafft werden muß, dann besteht für uns kein Zweifel mehr darüber, daß MARX in die erstere Kategorie hineingehört. Wenn die Marxisten uns vorwerfen, daß wir MARX Unrecht täten und ihm eine Auffassung unterschöben, die er nie besessen, da er dem Wort  Staat  eine ganz andere Bedeutung gegeben hat, ja die Worte "Staat" und "Gesellschaft" einander sogar gleichgesetzt habe und sozusagen den Staat abgeschafft wissen wollte, weil durch die von ihm geforderte Aufhebung der Apparat der organisierten Macht zur Unterdrückung einer Klasse durch die anderen von selbst ausgeschaltet wird - dann müssen wir uns doch an die geistreiche Bemerkung des Amerikaners BENJAMIN TUCKER (8) erinnern, der sagt, gewiß habe MARX  Staat  und  Gesellschaft  gleichgesetzt, aber doch nur in dem Sinne, in dem man etwa das Schaf und den Löwen gleichsetzen kann, nachdem der Löwe das Schaf aufgefressen hat. MARXens Einheit von Gesellschaft und Staat gleicht der Einheit von Mann und Weib vor dem Gesetz: Mann und Weib sind Eins und diese Eins ist der Mann. So sind nach MARX auch Staat und Gesellschaft Eins; aber diese Eins ist der Staat. Hätte MARX umgekehrt in seiner Gleichsetzung den Staat in der Gesellschaft aufgehen lassen, so wäre er Anarchist gewesen, denn für die Anarchisten bedeutet das Wort  Gesellschaft  nur den ganzen Komplex von Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen, die sich spontan und organisch selbst bilden ohne Dazwischentreten einer äußeren, konstitutionellen, autoritären Macht. Daß MARX nicht diesen Staatsbegriff hatte, wird dadurch bewiesen, daß er daran dachte, den Staat zur Einführung und Aufrechterhaltung des Sozialismus zu verwenden durch die Inbeschlagnahme des Kapitals und seine öffentliche Verwaltung durch eine autoritäre Macht. Daß diese Macht von nun an nicht mehr patriarchalen, sondern demokratischen Charakter tragen soll, ist irrelevant. Ohne jenen Unterschied in der Auffassung des Staatsbegriffs wäre aber auch die ganze Kampagne der Anarchisten gegen MARX völlig unbegreiflich gewesen. Weder ROBERT MICHELS noch LUIGI FABBRI ((9) werden doch behaupten wollen, daß der Kampf zwischen BAKUNIN und MARX auf einem Mißverstehen MARXens beruth habe. Wer wagt es, ernsthaft zu behaupten, daß Anarchismus und Sozialdemokratie zwei Linien gleichen, die sich irgendwann einmal in einem Punkt treffen, und wer wagt es, zu leugnen, daß sie vielmehr zwei Linien vergleichbar sind, die, wie weit man sie auch ziehen würde, immer gleich weit voneinander entfernt bleiben?

MARX steht BISMARCK näher als dem Anarchismus. Beide erkennen die Notwendigkeit der Autorität an, wodurch der Wille des Individuums dem der Gesamtheit untertan sein soll und wollen das Prinzip der Mehrheit als Richtschnur aufstellen, während umgekehrt der Anarchismus die Souveränität des Individuums proklamiert. Die Reaktion der Anarchisten gegen MARX ist nur durch seine staatssozialistische Tendenz zu erklären. Es ist unbestreitbar, daß MARX ein ausgesprochener Freund der Zentralisation war. Im Gesellschaftsleben kann aber nur der Staat zentralisieren. Was immer man unter dem Wort  Staat  verstehen will, man wird es immer mit einer Regelung und Verteilung der Produktion durch eine bestimmte Körperschaft zu tun haben, welche Namen auch immer man dieser geben will.

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Wenn wir nun vom Meister auf den Schüler übergehen und uns der deutschen Sozialdemokratie zuwenden, so sehen wir, daß unsere Charakterbeschreibung auf diese in noch ungleich höherem Maße zutrifft. Sie ist ganz staatssozialistisch. Wir erinnern nur an den großen Streit innerhalb dieser Partei, der so lange in Zeitschriften und Broschüren herumspukte und schließlich zur Redeschlacht auf dem Berliner Parteitag 1892 führte.

GEORG von VOLLMAR, einer der unstreitig sympathischsten Figuren und hellsten Köpfe in der deutschen Sozialdemokratie, ein Mann, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er etwas zu sagen hat, hatte in einer französischen Revue über den Staatssozialismus und über die Stellung der Sozialisten zum neuen Kurs WILHELM II. einen Artikel geschrieben (10). Alsbald ging ein Sturm der Entrüstung gegen ihn los. Der  Vorwärts  goß die volle Schales seines Zorns über ihn. Er habe, hieß es, den Klassenkampf verleugnet, mit dem Erfurter Programm gebrochen. Man sprach von einer Spaltung der modernen Arbeiterbewegung, einem weiteren Schritt nach rechts, von unverfälschtem Possibilismus, offenbarer Kompromißpolitik, von einer Verwässerung und Versumpfung der Partei, einer Verrückung des Ziels der revolutionären Sozialdemokratie, Regierungssozialismus.

VOLLMAR faßte den gegen ihn geschleuderten Spieß mit der gewohnten Ruhe auf, äußerte über das vor ihm liegende gedruckte Sündenregister: "Derlei nimmt kein Besonnener ernst!" - wodurch er LIEBKNECHT der Unbesonnenheit bezichtigte - und schrieb eine kleine Broschüre, die wir uns näher ansehen wollen. In ihr bemerkte VOLLMAR:
    "Deshalb bin ich auch der Meinung, daß die Sozialdemokratie keinerlei Grund hat, den Gedanken des Staatssozialismus ansich mit besonderem Eifer zu bekämpfen. Werden doch im Gegenteil eine Reihe von Maßregeln zur stufenweisen Anbahnung einer besseren Gesellschaftsorganisation von uns angestrebt und schließlich mit beschlossen werden, welche man als staatssozialistische bezeichnen kann. Diese Erwägung hat auch dazu beigetragen, daß bei der Ausarbeitung des neuen Programms der Partei zu Erfurt 1891 ein besonderer Satz gegen den Staatssozialismus, welcher im Entwurf enthalten war, weggelassen wurde. Dies konnte auch umso unbedenklicher geschehen, als über die Grundsätze der deutschen Sozialdemokratie nirgendwo ein Zweifel besteht, und die Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland längst jede Gefahr, welche aus einer Benützung des Staatssozialismus zu machtpolitischen Zwecken entstehen konnte, beseitigt hat."
Und ferner:
    "Dieses Sozialideal war aber selbstverständlich nicht dasjenige der Sozialdemokraten, welche zwar allerdings ein Eingreifen des Staates zur Anbahnung besserer sozialer Verhältnisse fordern, aber zugleich von dem Grundsatz ausgehen, daß die Umgestaltung der Gesellschaft nur das Werk des Volkes selbst sein kann."
Die feine Unterscheidung zwischen einem "Staatssozialismus" und dem "Staatssozialismus  ansich"  ist wohl als etwas spezifisch Deutsches zu betrachten, genau wie das "Ding ansich". Derlei Worte sind sowohl ins Holländische wie in andere Sprachen unübersetzbar. Die Zusatzwörtchen "ansich" deuten nur an, daß etwas logisch nicht ganz in Ordnung ist. In seiner Besprechung der VOLLMARschen Broschüre hat KARL KAUTSKY sehr richtig gesagt, daß "wohl nichts klarer zutage getreten ist, als die Notwendigkeit, daß wir uns über den Begriff des Staatssozialismus einigen." (11) Das ist aber nicht geschehen. Insbesondere VOLLMAR ist dadurch, daß auch er für die Resolution der Parteimehrheit in Erfurt gestimmt hat, für das Fortdauern der Begriffsverwirrung in diesem Punkt verantwortlich.

VOLLMAR versteht unter dem Wort  Staatssozialismus  folgendes:
    "Man kann unter Staatssozialismus, ganz allgemein genommen, den Grundsatz verstehen, daß der bestehende Staat nicht bloß eine Organisation zu politischen Zwecken ist, sondern daß sich seine Souveränität auch auf das wirtschaftliche Gebiet in dessen vollem Umfang erstreckt, so daß dem Staat nicht nur die Regelung des ganzen Verhältnisses zwischen Arbeitern und Unternehmern zusteht, sondern daß auch die Überführung beliebiger Teile der Gütererzeugung unter die Oberleitung oder selbst in den unmittelbaren Betrieb des Staates in seiner Befugnis liegt."
Vorsichtig und diplomatisch wie immer sagt hier VOLLMAR nur "man kann", und kommt dann nochmals ausdrücklich darauf zurück, um zum Schluß zu bekennen, daß das nicht seine eigene Definition des Staatssozialismus ist. Leider läßt er uns so in der Verwirrung sitzen.

VOLLMAR hatte darauf hingewiesen, daß KAUTSKY selbst in der  Neuen Zeit  1884 "das Eingreifen des Staates in die wirtschaftlichen Verhältnisse" bezeichnet hatte als "Sozialismus im weitesten Sinne" und meint, daß sich "der oben angeführte Sozialismus im weiteren Sinne vollkommen mit einem Staatssozialismus in dessen weitestgehender Definition decken würde." Darauf gibt KAUTSKY zur Antwort, daß es aus dem Zusammenhang hervorgeht, daß er "an der betreffenden Stelle unter "Sozialismus im weitesten Sinne" Staatssozialismus  und  demokratischen Sozialismus (oder Kommunismus) verstanden wissen wollte, daß demnach in dieser Definition die charakteristischen Merkmale fehlen, die den Staatssozialismus von der Sozialdemokratie scheiden."

Der Programmentwurf des Parteivorstands definierte den Staatssozialismus als "das System der Verstaatlichung zu fiskalischen Zwecken, das den Staat an die Stelle des Privatunternehmers setzt und damit die Macht der ökonomischen Ausbeutungn und der politischen Unterdrückung des Arbeiters in einer Hand vereinigt." KAUTSKY hält diese Definition für zwar nicht wissenschaftlich genügen, aber doch propagandistisch richtig, da sie die Hauptkennzeichen des Staatssozialismus in zufriedenstellener Weise wiedergibt.

Wir wissen nicht recht, warum man den Staatssozialismus durchaus als deutsches oder doch preußisches Gewächs bezeichnet hat. LOUIS BLANC war ein ausgesprochener Staatssozialist. Alle Romane, die den Zukunftsstaat behandeln, sind durch und durch staatssozialistisch. Wenn KAUTSKY sagt: "Der Staat, der zu verstaatlichen hat, ist der heutige preußische, dessen Gewalt womöglich noch verstärkt werden soll; es ist ein Staat, dessen Gewalt zwar unabhängig ist von den Klassen, der aber doch das Interesse des Grundbesitzes als das höchste betrachtet, also der richtige Junkerstaat", so werden wir antworten: Gewiß, der Staatssozialismus wird in Preußen die Verstaatlichung des preußischen Staates bedeuten, aber in Frankreich, England, Holland usw. die Verstaatlichung des französischen, englischen, holländischen Staates. VOLLMAR hat vollkommen recht, wenn er sagt:
    "Ich werde zeigen, daß auch bei dieser Auffassung - das heißt die in größerem Maßstab bewirkte Überführung neuer Gewerbe und Funktionen in den Betrieb des Staates - die deutsche und internationale Sozialdemokratie von jeher eine Reihe von Maßnahmen der stufenweisen Anbahnung einer besseren Gesellschaftsorganisation angestrebt hat, welche man ganz wohl als staatssozialistisch bezeichnen kann."
Hier plädiert VOLLMAR durchaus in meinem Sinn. Natürlich kann die Verstaatlichung den Arbeitern nicht gleichgültig sein und KAUTSKY sagt dann auch im Hinblick auf die Bodenreforrmer:
    "Sollte (jedoch) wirklich eine starke bürgerliche Bewegung zugunsten einer Verstaatlichung des Grund und Bodens aufkommen, so kann sie nicht bloß der Sympathien, sondern auch des tätigen Beistandes des Proletariats sicher sein, das ebenso dafür eintreten wird, wie es heutzutage mit voller Kraft die Kornzölle und den Militarismus bekämpft, wenn es sich auch über den Erfolg etwaiger Reformen auf diesen Gebieten keinen Jllusionen hingibt. Gar manches wird unter diesen bürgerlichen Reformen angestrebt, das den Klasseninteressen des Proletariats entschiede schädlich ist. Die Bodenbesitzreform gehört nicht dazu. Erwarten wir auch von ihr bei weitem nicht die wohltätigen Follgen für das Proletariat, die FLÜRSCHEIM in Aussicht stellt, hielten wir auch eine Konzentrierung der Kräfte der Arbeiterklasse auf die Bodenbesitzreformbewegung für eine schädliche und entschieden zu bekämpfende Kraftverschwendung, so gestehen wir doch gerne zu, daß die Verstaatlichung des Grund und Bodens zu den wenigen Reformen gehört, die innerhalb des Rahmens der modernen Produktionsweise dem Proletariat eine Erleichterung schaffen und kein Hindernis seines Emanzipationskampfes bilden würden".
Wir können also sagen:  habemus reum confitentem  [Wir haben einen geständigen Angeklagten. - wp].

Auch in seiner bekannten Rede über das Tabaksmonopol hat VOLLMAR im Reichstag deutlich durchblicken lassen, daß die Sozialdemokratie "ansich für die Verstaatlichung eine gewisse Neigung hat, insofern dieselbe den Staat, im Prinzip wenigstens, als den allein berechtigten Anordner der Produktion aufstellt." Hier haben wir also das Geständnis, daß der Staat im Prinzip "der allein berechtigte Anordner der Produktion" ist. Welcher Staat? Natürlich der bestehende Staat, als der einzige, mit dem praktisch gerechnet werden kann.

Auch aus den Programmen der sozialdemokratischen Parteien außerhalb Deutschlands geht klar hervor, daß "die Verstaatlichung eine allgemeine ökonomische Erscheinung ist, welche allen Ländern gemeindam ist". Im Programm der schweizerischen Sozialdemokratie heißt es sogar, daß "in wirtschaftlicher Beziehung die den heutigen Verhältnissen am besten anzupassende Form der Verwirklichung  des sozialdemokratischen  Zieles also die Organisation aller wirtschaftlichen Tätigkeit durch das Volk, die Verstaatlichung" ist, um zum Schluß folgende Konklusion zu ziehen: "so wird der Leser nunmehr erkennen, daß die Sozialdemokratie allerorten tatsächlich eine ganze Reihe von Maßregeln angestrebt hat und anstrebt, welche man ganz wohl als staatssozialistisch bezeichnen kann". Ich kann wohl ruhigen Gewissens sagen, daß ich somit meine dahingehende Aufstellung aktenmäßig erwiesen habe.

Wir haben unsere These hier um ein ganzes Ende gefördert. Denn in den von uns gewählten Beispielen tritt das Bekenntnis zum Staatssozialismus mit aller Offenheit ungekränkt zutage, sowohl im Prinzip als auch in den praktischen Maßregeln zur Erreichung des Ziels.

Auf dem Parteitag in Berlin 1892 wurde die Frage des Staatssozialismus von der deutschen Sozialdemokratie offizielle auf die Tagesordnung gesetzt. Die einstimmig angenommene Resolution lautete folgenermaßen:
    "Der Parteitag erklärt:

    Die Sozialdemokratie hat mit dem sogenannten Staatssozialismus nichts gemein.

    Der sogenannte Staatssozialismus, insofern er auf die Verstaatlichung zu fiskalischen Zwecken hinzielt, will den Staat an die Stelle der Privatkapitalisten setzen und ihm die Macht geben, dem arbeitenden Volk das Doppeljoch der ökonomischen Ausbeutung und der politischen Sklaverei aufzuerlegen.

    Der sogenannte Staatssozialismus, insofern er sich mit einer Sozialreform oder der Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen beschäftigt, ist ein System von Halbheiten, das seine Entstehung der Furcht vor der Sozialdemokratie verdankt. Er bezweckt, durch kleine Konzessionen und allerlei Palliativmittel [keine Heilung sondern nur eine Reduzierung der Folgen - wp] die Arbeiterklasse der Sozialdemokratie zu entfremden und diese dadurch zu lähmen.

    Die Sozialdemokratie hat nie verschmäht, solche staatliche Maßregeln zu fordern oder - falls von anderer Seite vorgeschlagen - zu billigen, welche eine Hebung der Lage der Arbeiterklasse unter dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem herbeiführen könnten. Sie betrachtet solche Maßregeln aber nur als kleine Abschlagszahlungen, die ihr Streben nach der sozialistischen Neugestaltung des Staates und der Gesellschaft in keinster Weise beirren.

    Die Sozialdemokratie ist ihrem Wesen nach revolutionär, der Staatssozialismus konservativ. Sozialdemokratie und Staatssozialismus sind unversöhnliche Gegensätze."
Wer die Resulution, der sowohl VOLLMAR als auch WILHELM LIEBKNECHT zustimmten, aufmerksam durchliest, wird die in ihr enthaltenen Widersprüche leicht entdecken. Die in ihr enthaltene praktische Anweisung sieht nur zu sehr jenem Dieb ähnlich, der, um die Aufmerksamkeit von seiner Person abzulenken, "Haltet den Dieb!" schreit. Nach dem kategorischen Ausspruch, daß "Sozialdemokratie und Staatssozialismus unversöhnliche Gegensätze" sind, müßten eigentlich alle Zweifel verstummen. Aber wenn man eingehend weiter liest und erfährt, daß der Staatssozialismus sich die Aufgabe stellt, soweit er sich mit der Erreichung von sozialen Reformen und der Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen befaßt, die Arbeiter durch die Gewährung von kleinen Reformgesetzchen und Palliativmittelchen zu verwirren und der Sozialdemokratie zu entfremden, wird man stutzig. Denn dieses Ziel hat mit der "Sache ansich" - um sich einmal dieser sozialdemokratisch-philosophischen Terminologie zu bedienen - nichts zu tun. Reformen werden soch wohl in allen Fällen zur Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse gegeben. Die Sozialdemokratie verschmäht keineswegs Maßregeln, die die Lage der Arbeiter unter dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem von Staatswegen verbessern. Ob sie diese nur als "kleine Abschlagszahlung" betrachtet oder nicht, ist dabei völlig gleichgültig. Staatssozialismus und Sozialdemokratie sind sich also darin eins, die Lage des Proletariats auf gesetzgeberischem Weg zu verbessern. Beide wollen also dasselbe. Anstelle des vermeintlichen Antagonismus haben wir also zumindest eine vorläufige Übereinstimmung beider vor uns.

Der sogenannte Staatssozialismus, heißt es in der interessanten, noch heute magebenden Resolution weiter, will den Staat anstelle des Privatkapitalisten setzen. Aber das ist ja gerade derselbe Vorwurf, den die wissenschaftlichen Gegner der Sozialdemokratie dieser selbst vorwerfen. In seiner Schrift "Gesellschaftliches und Privateigentum?" spricht EDUARD BERNSTEIN aus, daß "zunächst nur die Verstaatlichung der eigentlichen Großproduktion" nötig sein würde. Er meint, es sei töricht, sich darüber zu streiten, "ob der Staat erst nur die Kontrolle oder sofort die unmittelbare Leitung des Produktionsprozesses zu übernehmen haben wird." Für ihn besteht die Hauptsache in der "einheitlichen Regelung der Produktion". Diese Worte beziehen sich nicht auf die Zukunft, sondern auf den Gegenwartsstaat, denn: "auch hierfür lassen sich  unter der heutigen  Gesellschaft bereits eine Reihe entsprechender Beispiele anführen." Also sofort und jetzt schon! (12) KAUTSKY seinerseits sagt in der Erläuterung zum Erfurter Programm: "Der Übergang zur sozialistischen Gesellschaft bedingt keineswegs die Expropriatrion der Kleinhandwerker und Kleinbauern" (13), deren Ankündigung, setzen wir hinzu, allerdings dem Wahlsozialismus von heute gefährlich werden könnte. Der sozialdemokratische Bauer auf dem Lande muß doch vor allen Dingen beruhigt werden! VANDERVELDE geht sogar so weit, vorzuschlagen, man solle sich mit der Vergesellschaft der Bergwerke, Steingruben und der großen Verkehrs- und Produktionsmittel zufrieden geben (14), da der Kleinhandel und die Kleinindustrie gerade den besten Boden für die freie Assoziation abgeben würden.

LIEBKNECHT hingegen verteidigt die von ihm eingebrachte Resolution auf dem Berliner Parteitag mit folgenden Worten:
    "Was ist Staatssozialismus? Staat und Sozialismus sind, wenn wir einerseits den Staat im heutigen Sinne, andererseits den richtigen Begriff des Sozialismus ins Auge fassen, vollkommen unvereinbare Gegensätze."
Das ist aber nur das Resultat einer Gedankenarbeit, in der die Worte so lange geknetet werden, bis jeder seinen eigenen Teig daraus machen kann. In Wirklichkeit sind "Staat und Sozialismus" absolut keine Gegensätze, wie der Jesuitenstaat in Paraguay beweist. LIEBKNECHT selbst muß das an anderer Stelle zugeben. Er sagte:
    "Der Staat von heute ist die organisierte kapitalistische Gesellschaft, ein Klassenstaat, der auf der heutigen Produktionsform beruth, in welcher die Arbeitsinstrumente im Besitz einer Klasse sind, welche die andere Klasse ausbeutet."
Aber in wissenschaftlichen Begriffen sind Zusätze wie die Worte "von heute" stets als Kontrabande [widerrechtlich - wp] zu betrachten. Der Staat wird doch aufgefaßt als eine Einrichtung zur Vertretung der Gesamtheit und zur Befriedigung allgemeiner Bedürfnisse.
    "Der Sozialismus dagegen will gerade dieses Klassenmonoppol der Arbeitsinstrumente aufheben und das ganze System der kapitalistischen Ausbeutung beseitigen."
Aber das Staatsmonopol soll nicht nur nicht abgeschafft, sondern sogar verallgemeinert werden. Das geht schon daraus hervor, daß man sich für die "einheitliche Regelung der Produktion" durch den Staat als "den allein berechtigten Anordner der Produktion" erklärt.
    "Käme es aber dahin, daß der Staat seine Haut auszieht, daß er aufhört, ein Klassenstaat zu sein und daß er den Klassengegensatz durch eine Beseitigung der Klassen aufhebt, nun, dann ist er ja der sozialistische Staat, und in diesem Sinne könnten wir, wenn wir der Gesellschaft, welche wir gründen, den Namen  Staat  noch verleihen wollen, wohl sagen: was wir erstreben, ist Staatssozialismus. Aber auch nur in diesem Sinne."
LIEBKNECHT ist stets ein großer Jongleur mit Worten gewesen und es ist deshalb nötig, seinen Auseinandersetzungen immer genau auf die Finger zu schauen. So enthalten auch die Worte "wenn wir der Gesellschaft, die wir gründen, den Namen "Staat" noch verleihen wollen", einen Hinterhalt. Denn  Staat  und  Gesellschaft  ist doch nicht dasselbe. BENJAMIN TUCKER sagte, der große Unterschied zwischen Anarchie und Sozialdemokratie besteht darin, daß die ersten die Gesellschaft den Staat verschlucken lassen wollten, während die letzteren die Gesellschaft vom Staat verschlucken lassen wollten. LIEBKNECHT erkennt in seinen Worten also implizit den staatssozialistischen Charakter seiner Partei - und somit die Richtigkeit unserer Theorie - an.

Aber nach Ansicht der Sozialdemokratie unterschieben die Bürgerlichen wie auch die Anarchisten dem Wort "Staat" stets die Bedeutung  Gegenwartsstaat.  Die bürgerlichen Staatssozialisten "wollen die Quadratur des Zirkels, einen Sozialismus, der kein Sozialismus ist, in einem Staat, der das Gegenteil des Sozialismus ist.

Aber LIEBKNECHT selbst hat von einem "Hineinwachsen in die sozialistische Gesellschaft" gesprochen, eine Auffassung, die eine langsame Reformarbeit involviert. Auch BEBEL hat häufig der gleichen Ansicht Ausdruck verliehen. Die gewöhnliche Vorstellung von der Eroberung der öffentlichen Macht ist bei der Sozialdemokratie stets an den Parlamentarismus gebunden und hängt von der Eroberung der Mehrheit in den gesetzgebenden Körperschaften ab. Hier sind die Jungen allerdings mit dem Meister im Widerspruch. Diesem war die Ökonomie die Basis des ganzen "Überbaus", jene aber glauben, die Ökonomie mit Hilfe der Politik verändern zu können.

LIEBKNECHT sagt: "Der freie Staat kann nimmermehr der heutige Staat sein, ein freier Staat ist nie und nimmer möglich auf der Grundlage der kapitalistischen Produktion" sowie ferner:
    "Der Staatssozialismus im heutigen Sinne ist die Verstaatlichung auf die äußerste Spitze getrieben, die Verstaatlichung der verschiedensten Industriezweige, wie sie bei den Eisenbahnen schon größtenteils durchgeführt ist und in der Tabakindustrie bereits versucht wurde. Man will allmählich einen Betrieb nach dem anderen verstaatlichen, das heißt den Staat an die Stelle des Privatbesitzers setzen, den kapitalistischen Betrieb fortsetzen, nur mit einer Veränderung des Ausbeuters: statt des Privatkapitalisten der Staat."
Wenn LIEBKNECHT dem hinzufügt, daß, "wenn der heutige Staat verstaatlicht, so bleibt der Staat, was er jetzt ist", so verurteilt er damit die ganze Taktik der deutschen Sozialdemokratie unerbittlich.

Die Taktik der Sozialdemokratie geht auf den Staat aus, und zwar mit staatlichen Mitteln. Sie trägt alle Merkmale des Staates. Genau wie der Staat, hat auch sie ihre Rebellen, und genau wie er die seinen, behandelt sie die ihrigen. Solange ich nun der Freund der deutschen Sozialdemokratie war, nannte man mich "unseren bedeutenden und tapferen Mitkämpfer". Seitdem ich an der Richtigkeit der Lehren zweifle, bin ich "der alte redselige Pfarrer" geworden und meine Schriften sind vom Parteiverleger vom Verkauf zurückgezogen oder direkt verboten worden.

Zwar wird der Staatssozialismus der Partei bisweilen in ihren eigenen Reihen bekämpft. Kurz nach dem Fall des Sozialistengesetzes aber traten die sogenannten Jungen gegen die Parteileitung auf und Dr. HANS MÜLLER schrieb: "Es begann ein Klassenkampf in der Partei zwischen dem revolutionär-proletarischen und dem possibilistisch-kleinbürgerlichen Element" (15). Aber jeder neue Parteitag vollzog einen neuen Schritt vom Sozialismus weg, wenn auch in der Form einer Springprozession in Echternah, einen Schritt vorwärts und zwei zurück, wie in Jena und Mannheim, wo mit einem ungeheuren Aufwand von Kunst bewiesen wurde, daß die dem Generalstreik feindliche Resolution der Gewerkschaften von Köln und die dem Generalstreik "gegebenenfalls" freundliche Resolution der "radikalen" Sozialdemokraten vom Parteitag in Jena sich eigentlich gar nicht widersprechen.

Allzueifrige Versuche, die Sozialdemokratie  restlos  im Staatssozialismus aufgehen zu lassen, stoßen zwar zunächst auf Widerstand, aber zuletzt behalten immer  diese  Rebellen recht und der Friede, den sie mit den Orthodoxen schließen, fällt nicht zu ihren Ungunsten aus.

Auf dem Parteitag in Erfurt bestand die Absicht, gegen VOLLMAR mit den schärfsten Mitteln vorzugehen. BEBEL, LIEBKNECHT und andere beschuldigten ihn, eine neue Taktik in die Partei einführen zu wollen, so daß man ruhig den Namen der sozialistischen Partei in den einer "Deutschen Arbeiterpartei" verwandeln kann. Aber als VOLLMAR seine Zähne zeigte und drohte, wenn man eine scharfe Resolution gegen ihn annähme und seine Ideen als nachteilig bezeichnet, er zum letzten Mal zur Partei gesprochen haben würde, wurde alle Schärfe aus den vorliegenden Resolutionen entfernt und zum Schluß eine Resolution angenommen, für die VOLLMAR selbst stimmen konnte. Das geschah nicht etwa, weil VOLLMAR einigermaßen nach links, sondern umgekehrt, weil die gesamte Partei nach rechts abgeschwenkt war.

Auf dem Parteitag zu Berlin platzten die Meinungen von VOLLMAR mit denen der Parteileitung wieder aufeinander. Aber der Schlußakt des Streites bestand in einer gegenseitigen Apotheose. Später trat dann EDUARD BERNSTEIN auf und gab Ideen kund, die von LIEBKNECHT als die Negation des gesamten Programms bezeichnet wurden; aber auch dieser Streit endete mit einer "embrassade générale" [allgemeinen Umarmung - wp]. Bei all diesen neuen Streitigkeiten hat die Parteileitung eine ungewöhnliche Virtuosität an den Tag gelegt. Die staatssozialistische Diplomatie siegte glänzend.

Die Sozialdemokraten leugnen ihre Verwandtschaft mit dem Staatssozialismus zu Unrecht ab. Sie haben den LOUIS BLANCschen Gedanken von der Regierung als höchsten Regler der Produktion übernommen, und sie treiben damit bonapartistische Sozialpolitik. (16)

Diesen Staatssozialismus hat die deutsche Sozialdemokratie nach Kräften exportiert. Er ist zwar "made in Germany", hat aber heute überall Wurzel geschlagen, wo ein günstiger Boden vorhanden war.

Theoretisch betrachtet sind die Sozialdemokraten allerorts dem Staatssozialismus gegenüber in einem hohen Grad unsicher und schwankend geblieben, sie haben ihn in einem Atem als "eminent staatsbildend" und als "staatsstürzende Kraft" apostrophiert, wie sie dann überhaupt in allen ihren Begriffen und Ansichten überaus schwankend sind und einmal den Sozialismus als nahe bevorstehend - wir erinnern an BEBELs Wort auf einem Parteitag, daß nur weinge der Anwesenden die Erreichung des Endziels nicht mehr erleben würden - ein andermal wieder als in weiter Ferne liegend verkünden. So auch dem Staat gegenüber, von dem es einmal heißt, er fiele sofort nach der Eroberung der Macht durch das organisierte Proletariat "in sich selbst zusammen", dann wieder, er werde unmittelbar nach der Besitzergreifung durch die Sozialdemokratie "weiter ausgebaut".

Der Zukunftsstaat wird nach den offiziellen Mitteilungen KAUTSKYs (17) aus einem sozialistischen Gemeinwesen bestehen, in dem "alle Produktionsmittel in einer Hand vereinigt" sind und es "nur einen einzigen Arbeitgeber gibt, den zu wechseln unmöglich ist". Das wird also ein ungemein kräftiges Staatswesen, das dem der absoluten Monarchie ähnlich sieht, denn ob die Macht in der Hand einer Person oder einiger weniger Personen liegt, hat bei gleicher Gradstärke der Zentralisation genau dieselbe Wirkung. Es ist auch nicht verlockend, wenn KAUTSKY selbst zugibt, daß wenn "der Arbeiter unter der kapitalistischen Großindustrie noch eine gewisse Freiheit hat", dies in der sozialistischen Gesellschaft nicht mehr der Fall sein kann, daß in ihr der Arbeiter also selbst das Stückchen kapitalistischer Freiheit noch einbüßt. Anstelle der Abhängigkeit des Arbeiters von einem Kapitalisten, dessen Interessen wenigstens den seiner Konkurrenten feindlich gegenüberstehen, setzt die Sozialdemokratie die "Abhängigkeit von einer Gesellschaft, deren Mitglied er selbst ist, einer Gesellschaft gleichberechtigter Genossen, die gleiche Interessen haben." Aber die Unfreiheit bleibt dieselbe, ob der Anlaß zu ihr von einem Fabrikanten oder von einem Hundert gleichberechtigter Genossen ausgeht. Wenn KAUTSKY gleich darauf auch noch sagt: "Die Gewerkschaften sind bereits ein Bild jener "Tyrannei des sozialistischen Zwangsstaates", von der unsere Gegner faseln. Da werden bereits die Arbeitsbedingungen des Einzelnen auf das genaueste und strengste gehandhabt, es ist aber bisher noch keinem Mitglied einer dieser Gewerkschaften eingefallen, darin eine unerträgliche Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit zu erblicken", so müssen wir gestehen, daß es uns sehr gewagt erscheint, solche Dinge niederzuschreiben. Heute haben schon genug Mitglieder der Gewerkschaften selbst eingesehen, wie schwer die Tyrannei ihrer Organisationen auf ihnen lastet, die bei Strafe des Hungertodes von den Kollegen unbedingten Gehorsam fordern.

KAUTSKY hat gut reden: "aber die Unfreiheit der Arbeit verliert in einem sozialistischen Gemeinwesen nicht nur ihren drückenden Charakter, sie wird auch die Grundlage werden der höchsten Freiheit, die im Menschengeschlecht bisher möglich gewesen ist." Die Arbeit verliert ihren "drückenden Charakter" nie, und nun soll sie gar noch zur "Grundlage der höchsten Freiheit" werden. O sancta simplicitas! Das heißt ja beweisen wollen, daß Freiheit Unfreiheit ist und noch dazu desto freier wird, je unfreier sie ist.
    "Nicht die Freiheit der Arbeit, sondern die Befreiung von der Arbeit, wie sie das Maschinenwesen in einer sozialistischen Gesellschaft in weitgehendem Maß ermöglicht, wird der Menschheit die Freiheit des Lebens bringen, die Freiheit künstlerischer und wissenschaftlicher Betätigung, die Freiheit des edelsten Genusses."
In diesen Worten KAUTSKYs liegt wirklich eine merkwürdige Auffassung vom Begriff der Arbeit. Niemand will Befreiung von der Arbeit. Was wir erstreben, ist lediglich eine Befreiung von der Zwangsarbeit, das heißt die Freiheit, wann, wo und wie es beliebt arbeiten zu können und sich darin keine Vorschriften machen zu lassen. Wenn die Leitung einer Produktivgenossenschaft auch wenn sie mit durch meine Wahl zustande gekommen ist, das Recht hat oder beansprucht, über meine Arbeitskraft nach Belieben zu verfügen, dann wird meine "Freiheit" kommandiert. Gewiß ist eine Arbeitsregel unerläßlich, aber der Befehl, sich einer bestimmten Regel und keiner anderen zu unterwerfen, ist Unfreiheit. Es muß die Möglichkeit vorhanden sein, sich einer bestimmten Regelung, die uns nicht behagt, zu entziehen und sich nach einer anderen umzusehen oder eine andere Regelung mit anderen zu vereinbaren, die unserem Sein besser entspricht. Die sozialdemokratische Freiheit ist hingegen nur eine Karikatur auf die Freiheit. Der kleine Blick, den KAUTSKY uns gestattet hat, auf sie zu werfen, ruft nicht den Wunsch hervor, sie näher persönlich kennen zu lernen.

QUACK hat ganz Recht, wenn er sagt, der marxistische Staat wird aus einem Heer von Beamten bestehen und nur Kontrolleure und Kontrollierte kennen, denn er schließt jede freie Vereinigung freier Menschen von vornherein aus. Zwar wird in ihm jeder Mensch sein Brot haben, aber die Liebe zum Lebensunterhalt wird dabei das Motiv des Lebens selber, nämlich die Würde des freien Menschen, preisgeben. (18)

Der logische Schluß ist unabwendbar: Die Bahn des Parlamentarismus führt zum Staatssozialismus. Seit die Sozialdemokratie resolut diese Bahn betreten hat, ist nicht mehr davon die Rede gewesen, daß sie vor allen Dingen auf die Vernichtung des alten Staates hinzuwirken habe (nach dem jungen LIEBKNECHT), wenn sie sich auch "für die soziale Praxis erst den staatlichen Boden erkämpfen" muß. Es ist der Partei so gegangen, wie es, nach des alten LIEBKNECHTs Worten, der alten Fortschrittspartei ergangen war, die "sich im eigentlichsten Sinn des Wortes totgeredet hat", denn das "Volk hörte stets dieselben Reden und sah stets dieselbe Resultatlosigkeit": sie befindet sich auf dem Weg, der dahin führt, daß das Volk sich von ihr abwendet, "erst mit Gleichgültigkeit, dann mit Ekel". LIEBKNECHT hat sich genugsam lustig gemacht über die, die das "allgemeine Stimmrecht für die wundertätige Springwurzel halten, welchen den  Enterbten  die Pforte der Staatsgewalt öffnet" und sagt, daß diejenigen, welche lehren, daß "in dem Wahn, sich auch im Polizei- und Militärstaat am allgemeinen Stimmrecht, wie weiland MÜNCHHAUSEN an seinem Zopf, aus dem Sumpf des sozialen Elends herausheben zu können" verdienen, daß "MÜNCHHAUSENs Zopf ihr Hinterhaupt schmücken sollte".

Ich verweise auf mein 1895 in Paris erschienenes Buch "Le Socialisme en Danger", in welchem ich den Entwicklungsprozeß der Sozialdemokratie Schritt für Schritt verfolgt habe. Diese Partei dient nur dazu, einem fünften Stand das Leben zu geben. Die Gefahr für den Sozialismus besteht im Einfluß des Kapitalismus auf die Sozialdemokratie selbst. In demselben Maß, da eine immer größer werdenden Zahl ihrer Anhänger etwas zu verlieren haben, verliert sie ihren Charakter. Die Zeiten, in denen man mit dem kommunistischen Manifest ausrufen konnte: "Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ketten, ihr habt eine Welt zu gewinnen!" sind vorbei. Besitz aber macht immer träge. Daher ist die Sozialdemokratie mit den Jahren immer gemäßigter, verständiger, praktischer, diplomatischer, schlauer geworden. Damit hat sie allerdings gleichzeitig all ihre Kraft und Größe eingebüßt und ist farblos geworden. Wir sind überzeugt, daß sie immer noch mehr Stimmen auf ihre Kandidaten vereinigen, immer noch mehr Würdenträger gewinnen wird, daß ihr Buchhandel immer schwunghafter werden, ihre Bierhäuser und Zigarrenverkaufsstellen immer mehr anwachsen, daß ihre Konsumvereine immer mehr Bäckereien gründen, mit anderen Worten, daß die Zahl derer, die an einer friedlichen und ruhigen Entwicklung ökonomisch interessiert sind, stets zunehmen wird. Aber wir sind ebenso sicher, daß mit all dem der der Partei selbst gefährliche "revolutionäre Geist" verschwinden wird. Kapitalistische Leitmotive leiten bereits heute häufig die Parteipolitik. Als vor etlichen Jahren die Arbeitslosen in Berlin einen Umzug gemacht hatten, wurden sie von der Parteileitung als "Ballonmützen" beschimpft, weil sie sich erlaubt hatten, die Läden einiger sozialdemokratischer Einzelhändler zu plündern. Die Beschädigung "sozialdemokratischen Eigentums" wird zum größten Verbrechen, das Arbeiter begehen können.

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Wenn man das Grundgesetz des staatssozialistisch-sozialdemokratischen Zukunftsstaates auf die einfachste Formel bringen will, kann man sagen: das Recht der Mehrheit ist absolut. Die Hälfte + 1 hat das Recht auf Unterdrückung der Hälfte - 1. Die Hälfte + 1 darf nach eigenem Willen alles schaffen nach ihrem Gutdünken. Aber Regierung ist immer Unterdrückung, unter welcher Form und in welcher Zahl sie sich auch immer konstituieren mag. Das ist von FRÉDÈRIC BASTIAT in seinen "Petits Pamphlets" sowie von P. J. PROUDHON und HERBERT SPENCER, in deren Werken man nachlesen möge, auf unnachahmliche Weise auseinandergesetzt worden.

Es bliebe nur noch übrig, die Idee der Autorität zu analysieren, die im letzten Grund das wertvollste Kriterium zur Einteilung und Unterscheidung von Ideengängen und Theorien bildet. Aber eine derartige Untersuchung würde uns zu weit führen und außerdem können wir uns hier in allem den Ausführungen PROUDHONs in seiner "Idée Générale de la Revolution au XIX. Siecle" anschließen.

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Resumieren wir zum Schluß in Kürze unsere Ansichten.

Wer die Formel der Eroberung der politischen Macht annimmt, zunächst als das vornehmste Ziel und dann als  das  Ziel schlechthin, der muß beim Staatssozialismus landen. Der Staatssozialismus als solcher ist unabhängig von der Existenz oder Nichtexistenz einer absolut monarchischen Oberleitung. Im Begriff Staat liegt nicht der Begriff der Monarchie, wohl aber der der straffen Zentralleitung eingeschlossen. Er sagt uns nichts darüber, ob diese Zentralleitung ein oder viele Häupter haben soll.

Da die Sozialdemokratie, den Fußspuren von MARX folgend, also nach der Verstaatlichung strebt, wie sie es ja selbst zugibt, so ist sie als staatssozialistisch zu bezeichnen. Die Entschuldigung, daß sie es nur für die Zukunft und nicht für die Gegenwart ist, ist vollkommen hinfällig; denn ihre tägliche Praxis liefert uns die Beweise, daß sie nicht an den Staat der Zukunft, sondern an den Staat der Gegenwart, den monarchistischen und militaristischen Staat, denkt. Wer innerhalb des bestehenden Staates für die Erweiterung der Machtssphäre des Staates tätig ist, der muß auch in theoretischer Hinsicht ein Staatssozialist sein.

Freilich sind selbst unter den Anarchisten die Meinungen hierüber geteilt. LUIGI FABBRI, der mir sonst politisch sehr nahe steht, hat in einem der letzten Hefte dieser Zeitschrift gerade die entgegengesetzte These aufgestellt, indem er behauptete, das MARXsche Ideal der gesellschaftlichen Rekonstruktion sei in hohem Grad libertär und anti-staatlich gewesen und BAKUNIN habe sich von MARX lediglich in Fragen der inneren Organisation der Internationalen und im Temperament unterschieden. Der Rest der Meinungsverschiedenheiten beider Männer aber seien pure Zänkereien gewesen (19).

Ich gebe sofort und ohne weiteres zu, daß "die heutige Theorie des autoritären und zentralistischen Kollektivismus wie auch die des anarchistischen Kommunismus sowie schließlich die der individualistischen Propaganda der Tat in der Zeit der Internationalen nur im Keim und noch dazu in ungeheuer verschiedenen Schattierungen vorhanden war". Aber wo es "Keime" gibt, muß es nach naturwissenschaftlichen Gesetzen eine Entwicklung geben. Daß die Entwicklung die Gegensätze zwischen Anarchisten und Sozialisten verschärft hat, ist also nur natürlich.

Sobald aber einmal anerkannt wird, daß schon in der Internationalen die "Keime" des Anarchismus schlummerten, fällt auch die These von den Temperamentsunterschieden, die, nach FABBRI, die Hauptursache des Zerwürfnisses zwischen MARX und BAKUNIN gewesen sind, in sich zusammen.

Das persönliche Element ist überall unleugbar, aber der scharfe Gegensatz zwischen der sozialdemokratischen und der anarchistischen Gedankenwelt setzt doch auch einen  ideellen  Antagonismus voraus. Wäre die Gegnerschaft zwischen den beiden Fraktionen heute noch möglich, wenn sie nur auf den Zwist zwischen MARX und BAKUNIN von anno dazumal zurückzuführen wäre? Wäre dem so, so würden sich die Nachfolger beider Männer wohl von  dieser  Vergangenheit losgesagt haben. Sie würden sich gesagt haben, daß beide Männer nun längst tot sind und nur noch ihre Ideen lebendig.

Darum kommt es mir unrichtig vor, wenn FABBRI den Unterschied zwischen den beiden Richtungen in der Internationalen als für mehr praktischer als theoretischer Natur erklärt, daß er mehr die innere Organisation der Partei als die theoretischen Grenzlinien, mehr die Verschiedenheit der Charaktere als die der wissenschaftlichen Überzeugung betroffen habe, und ich weise nochmals darauf hin, daß der Keim der Verschiedenheit auch im zufolge immer vorhanden war.

Auch im Sperma kann der Forscher zunächst keine Unterschiede erkennen, und doch scheiden sich nachher die Geschlechter und aus anscheinend demselben Sperma entstehen Mann und Weib. Gerade daraus, daß beide Männer, MARX und BAKUNIN, ganz andere Temperamente waren, muß der Schluß gezogen werden, daß auch ihre Geistesrichtungen voneinander sehr verschieden gewesen sein müssen. Auch kann die Abstammung der beiden nicht ohne einen tiefgehenden Einfluß auf ihre Weltanschauung geblieben sein. KARL MARX war Jude - sein  Kapital  ist voll talmudistischen Geistes - und hat geistig nie ganz den inneren Zusammenhang mit dem Kreis der Rabbiner, dem er physisch entstammte, verloren. BAKUNIN seinerseits war ein Christ und es ist ihm deshalb nie gelngen, sich vom Glauben an das Absolute völlig zu befreien, wenn er sich auch bei ihm auf besondere Art und Weise offenbarte. Der eine war ein Deutscher, der an die Superiorität seines Volkes glaubte und im Russen den Erbfeind sah, gegen den es hieß, stets auf der Hut zu sein, der andere ein Slawe, dessen Rasse bestimmt ist, in die alten Adern der Germanen und Romanen junges und frisches Blut zu gießen. Ich möchte auch hier wieder auf die Stelle hinweisen, in der QUACK die Persönlichkeiten der beiden Männer gegenüberstellt und charakterisiert: MARX, der ganz Strategie, Konzentration, Ausdauer, BAKUNIN, der ganz Feuer und Begeisterungsfähigkeit ist. Der eine ganz Meister über sich selbst, der andere ganz das Kind durchglühter edler Leidenschaft. Diese Schilderung QUACKs, die einem Juwel, oder besser noch einem jener feinen und peinlich minutiösen Bildchen verglichen werden kann, mit welchen die Kleinkunst der holländischen Malerei im 17. Jahrhundert exzellierte, muß jeder gelesen haben, der sich für den Kampf zwischen den beiden Männern psychologisch interessiert (20) MARX hat meines Erachtens entschieden Ähnlichkeit mit CALVIN, dessen mächtiger und logischer Geist auch so viel Einfluß auf andere ausgeübt hat. Beide waren Dogmatiker, der eine auf religiösem, der andere auf nationalökonomischem Gebiet. Beide haben das Dogma, das sie geschaffen haben, mit großer Konsequenz durchgeführt und verteidigt. Wer einmal ihre Prämissen zugegeben hat, ist ihnen verfallen. Denn der Rest schließt wie eine Kette wunderbar schön zusammen. So hat auch SYBEL über MARX gesprochen (21). Der dogmatische Geist jener beiden Männer hatte kein Verständnis für irgendeine von ihnen abweichende Meinung. Hätte MARX statt im 19. Jahrhundert im 16. Jahrhundert gelebt, er würde zweifellos mit BAKUNIN genauso verfahren sein wie der fanatische Genfer Reformator mit MICHAEL SERVETUS und anderen sogenannten Häretikern. Was ALEXANDER HERZEN über BAKUNIN schreibt, ist völlig richtig. Er hatte das Zeug zum Agitator wie zum Apostel, zum Parteichef wie zum Sektierer, zum Priester wie zum Soldaten. Man kann ihn sich ebenso als Anabaptisten wie als Jakobiner denken, ANACHARSIS CLOOTZ oder in der Umgebung von BABEUF, aber stets auf der äußersten Linken - immer und überall würde er die Massen mitgerissen und auf das Geschick der Völker Einfluß ausgeübt haben!

Solche entgegengesetzt veranlagten Charaktere mußten bei der leisesten Berührung aufeinanderplatzen.

Die kleinliche und armselige Weise, mit der MARX und ENGELS über ihre Widersacher herfielen, ist auch zum Charakteristikum ihrer Nachfolger in der Sozialdemokratie geworden. Heute noch erklingen dieselben Vorwürfe gegen die Ketzer, denen ihre "totale Unwissenheit" vorgehalten wird und die als "kleinbürgerliche Ideologen" verächtlich gemacht werden. Ja, wer sich ihrer Zucht nicht blindlings unterwirft, wird sogar geradezu als "Feind der Arbeitersache" verdächtigt.

Natürlich wird durch all das der Unterschied zwischen MARX und BAKUNIN, zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus, noch nicht erklärt. Es scheint bei einigen Sozialisten eine Tendenz zu bestehen, die dahin geht, die scharfen Kanten zwischen beiden Richtungen nach Möglichkeit abzuschleifen, um auf diese Weise die beiden Richtungen zu sicherer Einheit zu bringen. Zum Schluß wird man nach dem Vorbild der katholischen Kirche mit ihrem Festtag Sankt PETER und PAUL, eine "Marx-Bakunin-Gedächtnisfeier" abhalten wollen. Auch die christliche Kirche hat ja die beiden feindlichen Brüder nach ihrem Tod allmählich in den gleichen Heiligen-Kalender gebracht und verehrt sie heute als brüderliche Zwei-Einheit. Dieselbe Gefahr droht heute auch MARX und BAKUNIN. MARX war nicht so "staatsfreundlich" und BAKUNIN nicht so "anti-staatlich", wird gesagt, wie man es sich gemeinhin vorstelle. Im letzten Grund stimmen aber beide überein (22).

Viel eher als von MARX kann aber von ENGELS gesagt werden, daß er starke anarchistische Neigungen besessen habe. Zeugnisse dafür sind leicht in seinen Schriften "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" sowie "Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staates" zu finden. Aber ENGELS war, wie wir in unserer Geschichte des Sozialismus schrieben, ein JANUS mit zwei Köpfen und ist an seiner Zwieschlächtigkeit wissenschaftlich zugrunde gegangen (23).

Es ist in hohem Grad nötig, die Dinge auseinanderzuhalten. Wenn nach FABBRI Sozialdemokratie und Anarchie zwei divergierende Linien darstellen, die zum Schluß zusammenlaufen, und nach anderen die Sozialdemokratie überhaupt nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Anarchie bildet, so glaube ich demgegenüber behaupten zu dürfen, daß beide Richtungen einander parallel laufen und sie zwei Linien zu vergleichen sind, die sich auch in der Ewigkeit nicht schneiden. Beider Methode und beider Ideenwelt ist absolut gegensätzlich. Die einen wollen alles durch die Gesetzgebung erreichen, die anderen verwerfen jede Gesetzgebung. Die einen halten krampfhaft am Gedanken der Notwendigkeit von Autorität fest, die ihnen zufolge allein eine gesellschaftliche Ordnung verbürgt. Die Anarchisten hingegen verwerfen jede Autorität, als den Ausgangspunkt zur Unfreiheit, zur Sklaverei. Zwischen beiden ist also keine Versöhnung möglich. QUACK, auf dessen ausgezeichnete Ausführungen wir nochmals zurückgreifen müssen, hat MARX als einen Gesetzgeber dargestellt und ihm zwölf Tafeln in die Hand gegeben. Auf der sechsten Gesetztafel steht: "Eine Klasse steht der anderen gegenüber. Deshalb muß Klassenmacht gegenüber Klassenmacht gestellt werden. Daraus ergibt sich die absolute Notwendigkeit für die Arbeiter, sich zu organisieren. Dabei muß natürlich der Wille des einzelnen dem Willen der Gesamtheit geopfert werden. Aus demselben Grund muß auch das Prinzip der Autorität aufrechterhalten werden. Die Eroberung des Staates und der kapitalistischen Feste muß der Beginn unserer Arbeit sein." (24) Bei einer derartigen Auffassung muß natürlich das Wahlrecht den Eckstein bilden; das allgemeine Wahlrecht dient zur "Eroberung der politischen Macht". Durch politische Macht meistert man dann den Staat, die Feste des Kapitalismus. Als Übergangsmaßregel zu diesem Ziel ist die Diktatur des Proletariats notwendig. Diese Diktatur des Proletariats wird in der Praxis natürlich auf eine Diktatur der sozialdemokratischen Führer, der Parteileiter in den verschiedenen Ländern, herauslaufen. Das wäre dann die Auferstehung des "Generalrats" der alten Internationalen, deren Seele MARX war. Das Papsttum wird nicht abgeschafft, sondern nur erweitert. Staat des kirchlichen Papstes erhält man den sozialen Papst - die Diktatur der "Marxisten", mit einem Kreis von Unterführern als Kollegium der Kardinäle. Diese Regierung nimmt dann die Regelung der Produktin in die Hand.

Anders läßt sich die "Diktatur" nicht vorstellen.

Wenn es eine Autoritätspartei gibt, d. h. eine Partei, in der die Autorität Alpha und Omega ist, dann ist es schon heute die Sozialdemokratie. Jedes zweite Wort eines rechtschaffenen Sozialdemokraten ist "Parteidisziplin". Als Autoritätspartei schlägt die Sozialdemokratie sogar die Katholiken und man kann in dieser Hinsicht sagen, daß der Sozialdemokrat dem Papst in Rom näher steht als dem Anarchisten. Um die Autorität zu verteidigen, benutzt er alle seine Machtmittel, und in der Tat setzt ja auch Autorität das Vorhandensein und die Verwendung von Zwangsmitteln zur Zähmung von Rebellen voraus. Autorität ist aber nur ein anderer Ausdruck für Gefängnis und Polizei. In der belgischen Kammer hat sich EMILE VANDERVELDE sogar geweigert, gegen ein Budget zu stimmen, in dem die Kosten für die Gendarmerie enthalten waren, weil, wie er erklärte, ja auch eine sozialistische Regierung wohl verpflichtet sein würde, ein Korps von Gendarmen zu unterhalten, um die Menschen, die gegen das allgemeine Recht verstoßen, arretieren zu können.

Es war wohl GEORG ADLER, der vom anarchistischen Endziel der MARXschen Theorie sprach (25). Aber KARL KAUTSKY bestritt ihm dies auf das Äußerste und wies darauf hin, daß MARX sich schon im Jahre 1850 gegen alle Forderungen einer föderativen Republik verwahrt und den Arbeitern angeraten habe, "auf die entschiedenste Zentralisation der Gewalt in die Hände der Staatsgewalt zu wirken" (26).

Ich habe also vollauf Recht, wenn ich MARX und seine Theorie für den Staatssozialismus in Anspruch nehme. Die Sozialdemokratie, wie sie heute ist, ist nur der logische Ausbau der marxistischen Basis.

Gewiß, der Sozialismus ist "ein- und unteilbar", aber wer wagt es, zu behaupten, daß die Sozialdemokratie die Trägerin des Sozialismus ist? Trotz aller ihrer Phrasen und Paraphrasen bei feierlichen Gelegenheiten und in wissenschaftlichen Artikeln ist der Sozialismus schon lange aus dem praktischen Programm dieser Partei verschwunden. Nur der Name ist geblieben. Keine einzige Forderung des praktischen Programms der Sozialdemokratie kann als spezifisch sozialistisch bezeichnet werden.

Auch ich trete für Toleranz ein, aber diese erstreckt sich für mich nicht auf die Prinzipien. Die Logik und die Natur sind auch nicht "tolerant". Darum seien wir nur tolerant den Genossen gegenüber, aber bleiben wir intolerant, unversöhnlich gegenüber den Prinzipien.
LITERATUR: Ferdinand Domela Nieuwenhuis, Der staatssozialistische Charakter der Sozialdemokratie, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 28, Tübingen 1909
    Anmerkungen
    1) Siehe mein Buch "Geschiedenis van het Socialisme", Amsterdam 1901 bis 1902, 3 Bände
    2) ROBERT MICHELS: "Zur Geschichte des Sozialismus", Literatur im  Archiv für Sozialwissenschaft,  Bd. 23, Seite 806 - 812
    3) KARL MARX, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, Neue Zeit, Jhg. IX, Bd. 1, 1875, Seite 568f.
    4) Protokoll des Parteitags von Berlin 1892, Seite 211
    5) Handbuch des Sozialismus, Zürich 1897, Seite 781
    6) KARL KAUTSKY in der  Neuen Zeit,  Jhg. X, Bd. 2, Seite 710.
    7) Sie hat es tatsächlich zu dem ihrigen gemacht auf dem Parteitag zu Erfurt. MARX kann von der Qualität der Delegierten, die ein solches Programm, wie es ihnen vorgesetzt wurde, mit Haut und Haar herunterschluckten, allerdings keine große Achtung haben.
    8) BENJAMIN TUCKER, Instead of a book
    9) LUIGI FABBRI: "Die historischen und sachlichen Zusammenhänge zwischen Marxismus und Anarchismus", Archiv für Sozialwissenschaft, Bd. 26, Seite 559f und ROBERT MICHELS: "Historisch-kritische Einführung in die Geschichte des Sozialismus in Italien", im Archiv für Sozialwissenschaft, Bd. 24, Seite 197f, sowie ausführlicher in seiner Schrift: "Storia del Marxismo in Italia", Roma 1908 und MONGINI, haben eine Synthese von MARX und BAKUNIN zu geben versucht und zwar aufgrund eines eingehenden historischen Vergleichs.
    10) GEORG von VOLLMAR, Über Staatssozialismus, Nürnberg 1892
    11) GEORG von VOLLMAR, Neue Zeit, Jhg. X, Bd. 2
    12) EDUARD BERNSTEIN, Gesellschaftliches Privateigentum, Berlin 1891.
    13) KARL KAUTSKY und BRUNO SCHÖNLANK, Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie, Berlin 1904.
    14) EMILE VANDERVELDE, Le Collectivisme.
    15) HANS MÜLLER, Der Klassenkampf in der deutschen Sozialdemokratie, Zürich 1892.
    16) LOUIS NAPOLEON BONAPARTE hat in seiner Broschüre: "Extinction du Pauperism" drei Dinge verlangt 1) ein Gesetz, 2) eine Anzahlung, 3) Organisation
    17) KARL KAUTSKY, Erläuterungen zum Erfurter Programm
    18) H. P. G. QUACK, De Socialisten
    19) LUIGI FABBRI, Die historischen und sachlichen Zusammenhänge zwischen Marxismus und Anarchismus
    20) H. P. G. QUACK, De Sozialisten
    21) HEINRICH von SYBEL, Die Lehren des heutigen Sozialismus und Kommunismus, in "Vorträge und Aufsätze", Berlin 1874.
    22) Einen weiteren Schritt auf diesem Gebiet bedeutet neben den erwähnten Schriften von LUIGI FABBRI und ROBERT MICHELS auch die Schrift von HUBERT LAGARDELLE: "Bakounine" - Conférence prononcée le 24 janvier 1908 dans la Salle des Sociétes Savantes, Paris 1908.
    23) NIEUWENHUIS, Geschiedenis van het Socialisme, Bd. 2, Seite 228
    24) H. P. G. QUACK, De Socialisten.
    25) GEORG ADLER, Geschichte des Sozialismus und Kommunismus, 1899
    26) KARL KAUTSKY in der "Neuen Zeit", Bd. 13, Heft 1.